Teufelsweg - Maren Nordberg - E-Book

Teufelsweg E-Book

Maren Nordberg

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Beschreibung

Böser, aktueller Kriminalroman vor der Kulisse der alten Hansestadt Bremen. Realistisch, emotionsgeladen, kritisch und doch voller Wärme und Liebe: Nach einem einschneidenden Erlebnis ist die Zeit reif für Veränderungen, deshalb engagiert sich Rainer Gartelmann unbeirrbar für mehr Sicherheit auf deutschen Straßen. Seine erst auf den zweiten Blick handfeste Ehefrau sorgt derweil unbemerkt mit ganz besonderen Methoden für ein menschenfreundliches Miteinander aller Verkehrsteilnehmer. Wer ist der Nächste, der ihre Belehrung nicht überlebt? Die Situation spitzt sich zu, als auch noch Eifersucht ins Spiel kommt. Was verbindet ihren Mann wirklich mit der jungen, aufgeschlossenen Arbeitskollegin, die unermüdlich seine Bürgerinitiative unterstützt?

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Seitenzahl: 562

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Maren Nordberg

Teufelsweg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

1

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4

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7

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9

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Impressum neobooks

I

Wir brauchen nicht so fortzuleben,

wie wir gestern gelebt haben. Machen

1

Sie ertastete mit der Hand das überraschend kühle Metallrohr hinter ihrem Kopf. Weit kam Inga Gartelmann nicht, der Schmerz schon, er strahlte augenblicklich bis in die Zehenspitzen.

So zuckte sie zurück und ließ den Arm ergeben auf die dünne Decke sinken. Vielleicht geht es mit dem anderen besser, überlegte sie und hob ihn vorsichtig an. Sie mochte ihn aber nicht nach hinten ausstrecken, stattdessen näherte sie sich mit den Fingerspitzen unwillkürlich ihrem Hals. Dabei berührte der transparente Kunststoffschlauch leicht ihre Wange.

Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war diese eigenartige, schmierige Flüssigkeit. Dieses schleimige, rötlich-braune Zeug, das unaufhörlich auf ihren Hals getropft war. Ihr stieg wieder der unerträgliche Geruch in die Nase und sie musste sofort würgen. Erst als sie sicher war, dass sie die Spukschale aus rauer Recycling-Pappe doch nicht benötigte, betastete sie vorsichtig die Stelle am Hals. Unterhalb des Ohrs fühlte sich alles weich, aber trocken an. Sie führte ihre Finger vorsichtig in Richtung Nase und schloss die Augen. Es war der Geruch nach Desinfektionsmitteln, der nicht stimmte. Alles roch falsch und fremd. Dabei war es vor wenigen Stunden noch so schön gewesen. Inga presste die Augenlider ganz fest zusammen. Je mehr sie zudrückte, desto klarer wurde die Erinnerung, dort fühlte sie sich wohl und geborgen.

Das sanfte, gleichmäßige Fahrgeräusch wirkte wieder angenehm entspannend, sie lehnte sich zufrieden im Beifahrersitz zurück. Leise summte Inga mit einem zarten, fast entrückten Lächeln money money money, ihre Flipflops mit den großen rot-weißen Plastikblüten über den Zehen wippten im Takt. Die Sonne schien durch das Seitenfenster und brannte auf den rechten Arm. Ihr gefiel die Wärme, auch wenn es richtig heiß war.

»Frau Gartelmann.«

Die sattgrünen, unwirklich leuchtenden Bergwiesen zogen rechts und links der Autobahn vorüber.

»Frau Gartelmann!«, gleichzeitig zog und schüttelte jemand ungeduldig an ihrer linken Schulter. Bei jedem Stoß durchzuckte sie ein Schmerz, als ob sie sich an einem elektrischen Weidezaun festklammerte. Augenblicklich riss Inga die Augen auf, aber nur, um sie geblendet sofort wieder zuzukneifen. Das war wirklich die Höhe, sie nachts andauernd aufzuschrecken.

»Frau Gartelmann, Ihre Pupillenreflexe sind unauffällig, sonst auch alles in Ordnung?« Inga sagte nichts und atmete auf, als die Tür wieder zufiel.

Erst dann biss sie sich vor Wut auf die Zunge und schmeckte sofort Blut, klar, die Bisswunden gingen wieder auf. Sie roch immer noch diesen ekeligen Schweiß, den sie schon kannte. Gab es hier in diesem verfluchten heißen Krankenhaus denn kein vernünftiges Personal? Sie würde einen Teufel tun und dieser Person von ihren Schmerzen berichten, nicht, dass sie sich noch über sie beugte, um eine Injektion zu verabreichen. Inga hatte doch Glück gehabt, hatten sie alle immer wieder betont, ihr fehlte eigentlich nichts. Schließlich war sie genau untersucht worden und abgesehen von einigen Prellungen hatten die Ärzte nichts gefunden! Dass ihre Wirbelsäule nach solch einem Aufprall protestierte und Schmerzsignale versandte, konnte man ihr nicht verdenken.

Nein, ihr war nichts passiert! Dieser zynische Satz klang ihr noch in den Ohren. Nichts! Dabei war er so schön gewesen, der, so wie es aussah, letzte gemeinsame Familienurlaub. Sie hörte ihr eigenes unterdrücktes Schluchzen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Dabei hatte sie sich so gefreut, dass Marc kurz vor den Sommerferien doch noch zu dem Entschluss gekommen war, sie in den Campingurlaub nach Italien zu begleiten. Mit fünfzehn Jahren war das keine Selbstverständlichkeit, viele seiner Freunde fuhren nur noch mit Jugendgruppen, aber keinesfalls mehr mit den eigenen Eltern in den Urlaub. Marc war ihr einziges Kind geblieben, was die Sache auch nicht leichter machte. Sie hatten sich mindestens noch ein zweites Kind gewünscht, aber an die schwierige Zeit mit den ganzen Fehlgeburten wollte sie jetzt auch nicht denken. Ihr Mund fühlte sich an wie mit Mehl bestäubtes Schmirgelpapier und das Wasserglas war schon seit Stunden leer. Kein Wunder, dass sich bei dieser sommerlichen Hitze auch die Krankenzimmer dieses süddeutschen Kleinstadtkrankenhauses in Brutöfen verwandelten, die sogar nachts nicht mehr auskühlten. Aber sie mochte ja die Wärme, eigentlich. Die Aussicht, mit dem Klingelknopf wieder die sehr persönlichen Duft verbreitende Grobmotorikerin ins Zimmer zu holen, gefiel ihr nicht. Doch der Tropf fesselte Inga an das Bett, denn der Beutel mit der klaren, farblosen Lösung hing hoch über ihr. Zum Wasserhahn an der Seitenwand des Krankenzimmers kam sie so nicht. Zaghaft zog sie ein wenig am farblosen Plastik, das von ihrem Arm zum Infusionshalter hinaufführte, im Liegen hatte sie keine Chance. Es wurde Zeit, dass die Flüssigkeit endlich in ihre Vene geflossen war. Aber wenn sie aber dabei zusah, mit welcher quälenden Langsamkeit die Tropfen den Durchflussregler passierten, dauerte es sicher noch bis zum nächsten Morgen. Was bekam sie eigentlich verabreicht, wenn ihr nichts fehlte? Erstaunlicherweise besiegte eine untypische Trägheit ihre im Gehirn unaufhörlich kreisende Unzufriedenheit und Unruhe. Sie blieb einfach liegen, ohne etwas gegen ihren Durst zu unternehmen.

Es musste so gehen, sie presste die Augen wieder fest zu und lenkte ihre Gedanken zurück an den Lago Maggiore, auf den Campingplatz. Im Liegen, solange sie sich nicht bewegte, regten sich wenigstens keine Nerven im Rücken.

Selbstverständlich war die Wahl auf einen der italienischen Orte gefallen, ein Urlaub am Schweizer Ufer dieses langen, großen Alpensees war beim derzeitigen Wechselkurs des Euro unerschwinglich. In Ascona konnte man umgerechnet für eine Pizza locker achtzehn Euro zahlen, an der Promenade in Cannobio war man dagegen schon ab fünf Euro dabei. Und die Pizzas waren exzellent gewesen, sie spürte einen Moment dem Geschmack von gut gewürzter Tomatensoße, Basilikum und dem typischen Steinofenaroma des Hefeteigs nach. Rainer, ihr Ehemann, und Marc hatten den Wohnwagen gemeinsam in Cannobio auf einen Stellplatz mit Blick auf den glitzernden See manövriert. Inga erinnerte sich genau, wie sie spürte, dass der Urlaub in dem Moment begann, als der Wohnwagen mit Unterlegkeilen in seiner Position arretiert wurde. Augenblicklich war die Anspannung von ihr abgefallen und sie hatten sich alle drei in Ruhe auf die Sonnenliegen gelegt, noch bevor Marc sein Zelt aufgebaut hatte. Das war ein friedvoller Moment gewesen. Inga atmete tief durch und dachte an Rainers weißen Wohlstandsbauch, den er dort der Sonne entgegengestreckt hatte. Mit Mitte fünfzig war ein Waschbrettbauch eben nur noch durch hartes Training zu erhalten. Bei diesem Gedanken musste sie in ihrem Krankenhausbett lächeln, denn Rainer war schon immer leicht vollschlank gewesen und mit den Jahren traten die speziellen Eigenschaften stärker hervor.

Und jetzt lag sie hier, wo sie nicht sein wollte. Ihre Zungenspitze rieb trocken über die Oberlippe, bald ging es nicht mehr, ohne etwas zu trinken. Sie hielt die Luft an und versuchte, weitere angenehme Erinnerungen zu erhaschen. Wie im Zeitraffer tauchten Erinnerungsfetzen an die Wanderungen im wilden, schroffen Verzascatal auf, ihre Vertrautheit miteinander. Abends war Marc an der riesigen, authentischen Promenade von Cannobio losgezogen und hatte sich mit Gleichaltrigen vergnügt. Eigenartigerweise schmerzte Inga diese Erinnerung jetzt, das musste am Durst liegen.

Der Beutel der Infusion hing einfach zu hoch, sie erreichte ihn vom Bett aus nicht, sonst hätte sie ihn einfach mit zum Wasserhahn genommen. Sie zählte im nächtlichen Dämmerlicht die in die Tropfkammer fallenden Tröpfchen. So wenig, wie davon in den Körper floss, konnte nichts helfen, außerdem fehlte ihr nichts, also brauchte sie auch keine Medikamente. Es tat zwar weh, als sie sich ungeübt die Nadel aus dem Unterarm zog, aber es war auszuhalten. Jetzt fühlte sie sich gleich ein wenig besser, nicht mehr ganz so angebunden. Die Nadel stach sie in die Matratze, dort steckte sie besser als in ihrem Arm. Sie knirschte mit den Zähnen, diese verfluchte Nacht im Krankenhaus hatten sie nur Rainer mit seiner Kritiklosigkeit zu verdanken. Ihr selbst hatte am Abend die Kraft gefehlt, sich gegen das Ansinnen aufzulehnen, eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus zu bleiben. Aber Rainer, der war schon wieder ganz munter herumgelaufen. In welchem Zimmer war er eigentlich in dieser Nacht untergebracht? Jetzt, wo sie ihn gebraucht hätte, war er nicht da.

*

Nun kam eine der schwierigen Aufgaben dieser Nacht, sie musste aus dem Bett herauskommen, ohne ihre Nacken- und Rückenwirbel zu beanspruchen. Ganz langsam schälte sie sich aus dem Bett, dabei bemühte sie sich krampfhaft, den Rücken wirklich gerade zu halten. Der Nacken fühlte sich trotzdem an, als ob ihr hier und dort mit Genuss und Ausdauer kleine Stacheln hineingestochen würden. Sobald sie auf ihren eigenen Füßen stand, war es viel besser. Hoffentlich kam jetzt niemand ihre Reflexe prüfen, dachte sie missmutig. Sie nahm ihr ausgetrocknetes Glas und ging vorsichtig Stück für Stück über das von der Sommerhitze lauwarme Linoleum in Richtung Waschbecken. Dort angekommen, zog sie mit dem Fuß einen der beiden kleinen Hocker heran und ließ sich so gerade darauf nieder, als hätte sie einen Stock verschluckt. Wenn Rainer sich um sie kümmern würde, hätte sie sich das alles sparen können, grummelte es in ihr, dabei drehte sie das Wasser voll auf. Es dauerte eine Weile, bis es richtig kalt war, Inga trank und trank. Wie gut, dass sie im Gegensatz zu ihrem Mann so eine schlanke Figur behalten hatte, das hielt wenigstens die Gelenke jung, dachte sie dabei. Sie ließ das Wasser noch eine Weile über ihre Hände laufen, wusch sich das Gesicht ab und fühlte sich sofort viel besser. Nachdenklich strich sie sich wieder über diese Stelle am Hals, unterhalb vom Ohrläppchen. Bevor sie zu Ende gedacht hatte, war schon die Krankenhausseife großzügig auf ihrer Handfläche verteilt. Richtig, sie musste das Blut und was auch immer da noch auf sie getropft war, gründlich abwaschen. Sie seifte die Stelle ein, tränkte ein Handtuch mit viel frischem Wasser und wischte damit den Schaum wieder ab. Dass ihr Leih-Nachthemd dabei ebenfalls nass wurde, störte sie nicht. Und sie konnte in diesem Moment nicht ahnen, dass sie in absehbarer Zeit wieder etwas mit viel Seife von sich entfernen musste, um die allerletzte Spur eines Menschen zu beseitigen.

Als sie wieder vom Kunstleder-Hocker aufstand, fühlte sie sich gestärkt und die verdammten Schmerzen beim Beanspruchen der Wirbelsäule hatten sich auf einem Niveau eingependelt, das sie ignorierte. Ihr fehlte ja auch nichts. Morgen früh, gleich wenn sie aus diesem Krankenhaus raus waren, musste Rainer für sie ein gutes Schmerzmittel besorgen.

Sie lief acht Schritte in Richtung Fenster und wieder acht Schritte zurück. So viel zum Thema unter Beobachtung im Krankenhaus. Falls sie hier allein im Zimmer zusammenklappte, merkten die das frühestens eine Stunde zu spät, wenn sie kamen, um sie mit der Taschenlampe zu blenden.

Inga lief und mit jedem Schritt leuchtete ein neuer Erinnerungsfetzen hell auf. Marc mit seinen braunen, halblangen Locken und seiner drahtigen, durchtrainierten Figur hoch oben auf dem imposanten Staudamm im Verzascatal. James Bond, alias Pierce Brosnan, hatte sich in der berühmten Anfangsszene von GoldenEye an einem Bungeeseil von dort in die Tiefe gestürzt. Jeder, der sich traute, konnte die ganze Sommersaison über diesen Sprung an der Bungeesprunganlage selbst austesten. Zum Glück war Marc der Preis von mehr als zweihundert Schweizer Franken zu hoch gewesen, sonst hätte er sich todsicher von der Mauer hinabgestürzt. Es war schon schwachsinnig, wovor sie Angst gehabt hatte, der Bungeesprung wäre nicht halb so gefährlich gewesen wie die Rückfahrt mit dem Auto nach Norddeutschland.

Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf, Inga wollte nicht an das Schreckliche denken, sie brauchte den Urlaub und die Erinnerung daran. Die auf dem Fuße folgende Schmerzwelle versuchte sie wieder zu ignorieren, musste aber einen Moment innehalten. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden hatte sie sich noch in der trügerischen Sicherheit gewähnt, dass alles gutgegangen war. Niemand war während des Urlaubs von einer der Giftschlangen oder einem der Skorpione gebissen worden, die es rund um den Lago Maggiore geben sollte. Bei all ihren Spaziergängen durch die malerischen Orte mit den unzähligen alten Steintreppchen und bei den Wanderungen durch fast unberührte Täler, hatten sie lediglich ungefährliche Ringelnattern entdeckt. Inga selbst war am Ende des Urlaubs richtig tiefenentspannt gewesen. Am liebsten hätte sie gesagt »Das Gleiche noch einmal bitte!«, im Bewusstsein, dass ohne Angst alles noch viel schöner war.

Ohne Angst, das war ein gutes Stichwort, ihr lief ein fröstelnder Schauer über den Rücken. Sie war sich unsicher, ob das am gut gewässerten Nachthemd oder an der Erinnerung lag. Wenigstens tropfte das Nachthemd von der Waschaktion jetzt nicht mehr. Sie wusste noch, wie sie auf der Rückfahrt aus dem Urlaub ihren Pullover über die Beine gelegt hatte, weil der kühle Luftstrom der Klimaanlage den Fußraum in einen Kühlschrank verwandelte. Wie angeweht war der Vorbote der Katastrophe aufgetaucht.

»Typisch, kaum auf der deutschen Autobahn, schon geht es los!«, war Rainers Kommentar dazu gewesen. Ein drängelnder PKW hatte Rainer aufgeschreckt. Sie erinnerte sich noch, dass er, ganz entgegen seinem sonst sehr ausgeglichenen Wesen, aufbrausend geworden war. In der Nachbetrachtung war es richtiggehend eine Prophezeiung gewesen. Er ärgerte sich lautstark über das fehlende Tempolimit, das diese Spezies von Autofahrern förmlich heranzuziehen schien. »Im Urlaub in der Schweiz, Österreich, Frankreich oder Italien gibt es auch mal einen A-Raser, aber dort sind sie wenigstens die Ausnahme, bei den Strafen, die auf Geschwindigkeitsüberschreitung stehen«, hatte er gepoltert, »außerdem ist Rasen dort kein von der Masse toleriertes und gepflegtes Allgemeingut! Irgendwann knallt es hier ganz gewaltig!« Inga sah noch ganz genau sein in Falten geworfenes Gesicht, das den ganzen aufgestauten Ärger darüber ausdrückte. Sie wusste auch noch, wie sehr sie bedauert hatte, dass ihm in diesem Moment das Urlaubsflair vollständig entglitten war. Wie oft hatte er Inga sein Wortspiel schon erklärt. Der Begriff A-Raser stand für Alpha-Raser und gleichzeitig für das im Englischen ganz ähnlich ausgesprochene Wort eraser, Radiergummi. Diese speziellen Autofahrer radierten eben alles aus, was ihnen im Weg war.

Wie recht er hatte, war kurz darauf wieder einmal sonnenklar erwiesen worden, aber das half nichts und interessierte auch keinen.

Inga stockte beim dritten Schritt in Richtung Fenster. Wie viele Runden sie schon gelaufen war, wusste sie nicht, aber sie spürte ganz klar, dass es für ihren geschundenen Körper jetzt zu viel wurde. Ein Krampf breitete sich in ihrer linken Wade aus. Das war ja lächerlich, bei den Wanderungen war das nie geschehen. Wenigstens ein anständiges Mineralwasser brauchte sie jetzt, aber schon der Gedanke an den Schweißgeruch ließ sie wieder würgen. Ihr Blick fiel auf die Infusionslösung, was wollten die ihr eigentlich in den Körper leiten? Freundlich gestimmt, weil sie den Tropf los war, griff sie nach dem Beutel mit der Flüssigkeit.

Im Stehen erreichte sie ihn ohne Schwierigkeiten, interessiert las sie die Inhaltsstoffe. Isotonische Kochsalzlösung, irgendwelche Mineralstoffe, sonst nichts. Ein anständiges Essen, eine Fruchtsaftschorle und der Tropf wäre überflüssig gewesen. Unentschlossen schüttelte sie den noch fast vollen Beutel und wartete, dass sich der ausgedehnte Wadenkrampf endlich ganz löste. Nun fing auch der Muskel im anderen Bein an zu mucken. Es reichte jetzt, fand sie und drehte den Kunststoffschlauch vom Infusionsbeutel ab. Wenn sie ihr nichts anderes anboten, musste sie eben nehmen, was da war. Sie ließ sich etwas Lösung in den Mund laufen und spürte dem komischen Geschmack nach.

Langsam führte sie ihren Gang fort, acht Schritte zum Fenster, acht Schritte zurück, dabei trank sie Schluck für Schluck den Infusionsbeutel aus und schob ihn anschließend unter das Bett. Der Beutel war leer und sie selbst fühlte sich mit einem Mal auch völlig erschöpft.

Mühsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und zwang sich wieder zurück in die Erinnerungen.

Sie hatte ganz deutlich eine Szene von der Rückfahrt vor Augen. Marc wären beinahe einige von Rainers Weinflaschen mit Tessiner Merlot aus dem Kofferraum auf den Parkplatz einer Raststätte gerutscht. »Wenn die zu Bruch gehen, kannst du sofort per Anhalter zurückfahren und neue kaufen«, war der Originalsatz von Rainer gewesen.

»Gerne, etwas Besseres als unser Bremer Schmuddelwetter und die Schule finde ich dort bestimmt«, hatte Marc gut gelaunt als Anspielung auf die Bremer Stadtmusikanten zurückgegeben und eine der dunkelgrünen Flaschen mit einem schlichten Etikett zum Spaß in die Höhe gehalten.

»Etwas Besseres als den Tod findest du überall, also so lass uns ruhig nach Bremen fahren«, variierte sie selbst die Märchenstunde. Obwohl das Wetter in Bremen natürlich wirklich zu wünschen übrig ließ, fühlte sie sich dort wohl und heimisch. Der Urlaub hatte ihnen anscheinend allen gut getan, so entspannt und freundlich, wie sie dort auf dem Rastplatz miteinander umgegangen waren. Und sie war sich ganz sicher, dass auch Marc nach Bremen zurück wollte. Dort musste er langsam wieder ins Leichtathletik-Training einsteigen, denn die nächsten überregionalen Wettkämpfe standen bald an.

Wenn Marc nicht im Raststätten-Shop auf die verrückte Idee gekommen wäre, eine DVD zu kaufen, wäre alles anders ausgegangen.

*

Inga blieb stehen und rieb sich müde die Augen.

Gern hätte sie sich hingelegt und geschlafen, aber sie mochte sich nicht wieder in dieses Krankenhausbett legen. Vor Anstrengung und Wärme lief ihr der Schweiß mittlerweile über das ganze Gesicht, aber das war ihr egal, sie musste weitergehen.

Sie konnte ihre Erinnerungen jetzt wie einen Film ablaufen lassen. Marc kam zum Wagen zurück und schwenkte lachend eine DVD in der Sommerhitze.

»Schaut mal, welche DVD im Raststätten-Shop im Angebot war«, dabei hielt er Bastian Pastewkas erste Comedie-Staffel hoch. »Komm Mum, wenn ich in meinem hohen Alter mit den beiden Alten noch in den Urlaub fahre, lass es uns doch richtig gemütlich machen«, dazu knisterte er mit einer rotgelben Tüte Chips und schwenkte eine Colaflasche.

»Während Rainer uns fährt, schauen wir im Fond die DVD an.« Danach hatte er das Notebook im Kofferraum gesucht, die Merlotflaschen fast zerdeppert und anschließend die Filmvorführung auf der Rückbank vorbereitet. Inga wusste noch genau, wie sie sich in dem Moment gefragt hatte, seit wann er den Ausdruck Fond benutzte. Ihr Sohn wurde wirklich langsam erwachsen.

Sie hielt mitten im Krankenzimmer inne und erstarrte förmlich, was jetzt kam, gehörte nicht mehr zum Urlaub.

Sie hatte sich tatsächlich zu Marc auf die Rückbank gesetzt und die Kopfhörer übergestülpt. Und sie hatten gemeinsam Tränen gelacht, Pastewkas Gesichtsausdrücke waren zu komisch, aber sie würde ihn nie wieder ansehen können. Dann war da das Auto, das sie überholte. Ingas Hand zuckte unwillkürlich, während sie starr mitten im Raum stand und mit ihren Erinnerungen kämpfte. Hinten saß das kleine Mädchen mit den blonden geflochtenen Zöpfen. Sie hatte diesem Mädchen, das beim Lachen eine große Zahnlücke entblößte, zugelacht und sie wollte auch winken. Dazu war sie aber nicht mehr gekommen.

Inga schüttelte sich und eine eiskalte Welle ergriff ihren Körper. Es war so, als ob der Knall immer noch nachhallte und ihre Ohren wieder taub werden ließ.

Es hatte sich so angefühlt, als ob alle Luft aus ihrem Körper gepresst wurde, während die ganze Welt ein Strudel war, dann musste sie ohnmächtig geworden sein, auf alle Fälle war da nichts mehr, keine noch so kleine Erinnerung. Als Nächstes hing sie irgendwie auf der Seite und überall waren diese, zunächst noch weißen, Beutel. Sie spürte wieder die unendliche Angst der ersten Sekunden, als sie nichts von Rainer und auch nichts von Marc hörte.

Inga merkte, wie ihr Körper jetzt mitten in der Hitze einfror, diese Erinnerungen zerstörten sie regelrecht, aber sie konnte nicht anders, die Bilder drängten aus dem Gedächtnis ins Bewusstsein. Rainers erstes Stöhnen und ihre Furcht, dass Marc tot war. Es war entsetzlich gewesen und diese Angst hatte nicht nachgelassen, sie hatte sich nicht getraut, zu ihm hinzusehen. Stattdessen war ihr Blick an den Resten des Beifahrersitzes klebengeblieben. Dort, wo sie eigentlich hätte sitzen sollen, waren irgendwelche Metallteile sichtbar gewesen, die sich von vorne in die Rückenlehne gebohrt hatten. Und dann hatte sie den ersten Tropfen abbekommen, es tropfte und tropfte warm und bräunlich-rot auf sie herab. Und es stank nach Exkrementen und Erbrochenem. Sie sah wieder den rot-bräunlich verfärbten Airbag über sich, aber sie schaffte es, die aufkommende Ohnmacht abzuwehren. Ganz sicher war sie im Unfall-Wrack wieder ohnmächtig geworden, denn bis sich die Rettungskräfte bis zu ihnen vorgearbeitet hatten, musste es noch eine Weile gedauert haben. An eine Wartezeit fehlte Inga aber jegliche Erinnerung, vielleicht hatte ihr Gehirn aus Selbstschutz diese Zeit aber auch ausgeblendet, denn der nächste gespeicherte Eindruck war dann Marcs Stimme. Marc, ihr ein und alles, er hatte mit den Sanitätern gesprochen, es ging ihm anscheinend gut. Danach war es relativ schnell gegangen, die Gurte wurden durchtrennt, das Metall der Karosserie an einer Stelle mit schwerem Gerät geöffnet und sie alle nacheinander aus dem Wrack herausgeholt.

Erst jetzt setzte Inga ihren Gang im Zimmer wie in Zeitlupe fort. Als sie an den verwrungenen Blechhaufen auf der Autobahn dachte, rammte sie sich ihre Daumennägel in die Kuppen der Zeigefinger. Es tat alles so weh, aber sie selbst hatten ja Glück gehabt.

»So, jetzt rasiere ich vorsichtig die Haare an der Wunde etwas ab, damit wir sie gut und sauber kleben können.« Etwas knisterte, dann war es wieder still. Warum sie jetzt plötzlich überlaut jedes vergangene Detail hörte, war ihr unklar. Das war die Stimme des Arztes gewesen, der Marcs Platzwunde am Kopf geklebt hatte. »Jetzt bitte nicht bewegen.« Inga sah wieder ganz genau, wie er sich mit angespanntem Gesicht über Marcs Haaransatz beugte und die Wundränder zusammenpresste, damit sich nur eine ganz kleine Narbe bildete.

Sie lauschte in ihre Erinnerungen an die nüchterne Stille hinein, die nur ab und zu durch Rascheln, Rollen oder wenige menschliche Laute unterbrochen wurde. Außer ihnen schien an diesem schönen Sommertag niemand im Krankenhaus zu sein.

Rainer hatte am wenigsten abbekommen, lediglich die Bisswunden im Mund, die üblicherweise bei einem starken Aufprall von den Zähnen gerissen wurden, teilte er mit Inga und Marc.

Inga schleppte sich jetzt mit letzter Kraft ins Bett, ob sie wollte oder nicht, sie musste sich hinlegen, und zwar sofort. Sie schloss die Augen und sah die nicht mehr zu differenzierenden Schrottwagen. Wie bestellt öffnete sich plötzlich die Tür des Krankenzimmers und Inga ließ das Rütteln sowie das Blenden mit dem hellen Taschenlampenlicht über sich ergehen.

Es hatte sowieso alles keinen Sinn mehr, jede noch so schöne Erinnerung bekam automatisch einen Makel, sobald sie gedacht war. Sie merkte wieder die Wut in sich aufsteigen, Rainer hatte eine Prophezeiung abgeliefert, als er die Raser in Eraser umtaufte, eine Prophezeiung, die sich jetzt bewahrheitet hatte. In Wirklichkeit handelte es sich aber nicht um eine unerklärliche Vorahnung, sondern einzig und allein darum, dass sie gerade in schönster Konsequenz die natürlichen Folgen der deutschen Straßenverkehrsordnung ausbadeten. Und sie wusste nicht mal, wie viele Menschenleben diesem Eraser zum Opfer gefallen waren, am besten, sie dachte nichts mehr. Entschlossen kniff sie ihre Augen wieder zu und versuchte krampfhaft, an nichts zu denken.

Es knallte. Inga schrak zusammen, sie hatte diesen eigenartigen Knall ganz deutlich gehört. Wieder durchzog sie ein stechender Schmerz. Sie blinzelte unwillig, sie musste kurz eingenickt sein und dabei hatte sich ihre Erinnerung sofort selbständig gemacht. Unwillig tastete sie vorsichtig über die Decke. Der Stoff fühlte sich ganz glatt und weich an.

Ihre Gefühle, die musste sie noch viel besser unter Kontrolle bekommen und wirklich nichts mehr denken. Damit begann sie am besten jetzt sofort.

2

Jemand klopfte energisch an die Tür, Inga schreckte hoch. Es war noch heißer im Zimmer als in der Nacht, von draußen leuchtete es hell und warm, die Sonne schien bestimmt schon eine Weile. Es klopfte wieder. Bevor sie auch nur einen Laut von sich gegeben hatte, wurde die Tür schon geöffnet. Zwei Uniformierte kamen auf sie zu. Inga fühlte sich überrumpelt, sie hatte wohl mit Rainer oder Marc gerechnet, aber nicht mit irgendwelchen Polizeibeamten. Sie sah in zwei ernste, junge Gesichter, ein weibliches und ein männliches. Inga musste den Blick abwenden und betrachtete die vier gerahmten Fotos an der ockerfarbenen Wand gegenüber. Immer der gleiche Baum, im Sommer, Herbst, Winter und Frühjahr, wie originell. Die Kranken im Bett konnten auf die symbolischen Fotos starren und sich überlegen, in welcher Lebensphase sie sich selbst gerade befanden. Es gab allerdings einen Haken, beim Baum wiederholten sich die Lebenszyklen viele Jahrzehnte lang, beim Menschen nicht, spätestens am Ende des Winters stand der Tod.

»Entschuldigung, Frau Gartelmann, wir möchten nicht stören.«

Das taten sie aber.

Die Aufnahme der Personalien und ihrer Aussage zum Unfall zogen sich in die Länge, obwohl Inga mit Ausnahme des Mädchens im anderen Wagen nichts gesehen hatte.

»Sie brauchen wirklich nicht weiter zu fragen, abgesehen von einem undefinierbaren Geräusch und dem Knall habe ich nichts mitbekommen.« Inga merkte, wie sie mit den Zähnen knirschte, denn sie fand es reichlich dreist, ihr jetzt mit einem genormten Fragebogen für Verkehrsunfälle zu kommen.

»Es tut uns leid, aber es ist Standard, dass alle Unfallbeteiligten detailliert befragt werden.« Dabei sah der Polizist nicht wirklich so aus, als ob ihn die Befragung überhaupt berührte, so kühl machte er sich Notizen für das Protokoll. Seine Kollegin strahlte mehr Mitgefühl aus.

»Frau Gartelmann, für uns ist das auch nicht so einfach, aber denken Sie doch bitte auch an die anderen Unfallopfer, denen können Sie vielleicht mit ihrer Aussage helfen, ohne dass Sie es ahnen.«

Wenn man den anderen Unfallopfern noch helfen konnte, war es zumindest möglich, dass das Mädchen überlebt hatte, vielleicht hatte sie alles viel schlimmer in Erinnerung, als es wirklich gewesen war. Inga überwand sich endlich.

»Wie geht es eigentlich dem Mädchen mit den blonden Zöpfen?«

Keine Antwort war auch eine Antwort, aber Inga wollte es jetzt genau wissen. »Ihr Wagen war genau neben unserem. Ich wollte ihr gerade zuwinken, dazu war es dann aber zu spät. Ich würde sie gern besuchen, liegt sie auch hier im Krankenhaus?«

Die Frage war offensichtlich falsch. Schließlich rang sich der unberührte Beamte doch einige überraschende Worte ab.

»Wir dürfen leider nur Angehörigen Auskunft erteilen. Ich denke, Ihre Aussage reicht jetzt auch so, falls doch weitere Fragen wichtig werden, wenden wir uns schriftlich an Sie. Vielen Dank für Ihre Geduld und gute Besserung.«

Damit stand er auf, nickte der Kollegin auffordernd zu und beide verließen ziemlich schnell das nach Desinfektionsmitteln riechende Zimmer.

Was war denn das jetzt, fragte sich Inga irritiert, aber jede Gefühlsanwandlung änderte sowieso nichts. Am besten, wenn sie sich jetzt wieder darauf konzentrierte, nichts zu denken. Und es war Zeit, endlich mit Marc und Rainer das Krankenhaus zu verlassen und nach Hause zu fahren. Obwohl ihr das alles eigentlich auch egal sein konnte, wenn sie nichts mehr dachte und fühlte.

Gegen elf Uhr wurden sie endlich aus dem kleinen bayerischen Kreiskrankenhaus in einen sonnigen touristischen Sonntag entlassen.

Inga ärgerte sich. Sie hatte immer wieder die süße Kleine im Nachbarauto vor Augen. Hoffentlich war ihr nichts Ernstes geschehen. Marc und Rainer hatten ebenfalls nichts über sie erfahren, und Inga war sich sicher, dass sie sich auch nicht nach ihr erkundigt hatten. Männer lebten eben in ihrer eigenen Welt.

Als Erstes mussten sie nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus die Servicenummer der Versicherung anrufen. Wieder typisch Mann, anstatt vom Krankenhaus aus alles zu organisieren, konnten sie jetzt hier in der Hitze nach einer Telefonzelle suchen, weil ihre Handys noch irgendwo im Autowrack klemmten. Und Rainer war zufrieden mit sich, dass er bereits am Vortag den Unfall gemeldet hatte und glaubte, dass jetzt alles für die Heimfahrt geregelt war.

Inga stiegen komischerweise Tränen in die Augen, wenn sie an die ganzen Sachen im Wohnwagen und im Kofferraum dachte. Ihre Hosen, T-Shirts, ihre Bücher, die Taschen und natürlich ihren Rucksack mit der Kamera vermisste sie schmerzlich. Dabei konnte sie doch froh sein, dass ihnen fast kein Haar gekrümmt worden war. Wenn Rainer ihr gleich die Schmerztabletten besorgte, konnte sie den Unfall doch einfach aus ihrer Erinnerung streichen und sich freuen, dass sie ihre Kleidung und das technische Equipment sozusagen rundum erneuert bekam.

»Wann können wir wohl unsere Reste aus dem Auto holen?«, fragte sie mühsam, der Kloß im Hals störte und sie ärgerte sich, sie wollte doch nichts mehr denken und fühlen.

»Falls davon überhaupt noch etwas zu gebrauchen ist, werden wir die Sachen sicher irgendwie bekommen.«

Das half ihr nicht.

Rainer hatte andere Dinge im Kopf. »Mich interessiert vielmehr, wie wir heute noch nach Hause kommen. Die Lust auf eine Nacht im Hotel will sich bei mir einfach nicht einstellen.«

»Oh nein«, pflichtete ihm Marc bei, »heute Abend ist die Geburtstagsfeier von Daniel, ich habe fest zugesagt.«

Inga wunderte sich ein wenig, wie Marc jetzt an eine Feier denken konnte, sagte aber nichts. Irgendwie war Ablenkung vielleicht gar nicht so verkehrt. Aber sie übte sich lieber langsam und unbemerkt im nichts denken und fühlen.

Rainer entdeckte die Telefonzelle direkt neben einem kleinen Supermarkt als Erster.

Während er die Versicherung anrief, ging Inga ging mit Marc Getränke kaufen. Die Hitze hatte Europa weiterhin fest im Griff.

Nach dem Bezahlen ließ Inga einen Blick über die Zeitungen schweifen. Da lachte sie von vielen Titelseiten das Mädchen mit den blonden Zöpfen an. Ein erster freudiger Impuls durchzuckte sie. Die Schlagzeile dazu lautete Marie (6) tot, Raser unverletzt. Inga fühlte jetzt wirklich nichts mehr, die Ohnmacht kehrte zurück. Sie griff nach Marcs Arm, der sie so gut es ging, auffing.

Inga fand sich auf einer Holzbank wieder, die auf dem Marktplatz vor einem flachen Brunnen stand. Rainer sah aus der Froschperspektive irgendwie unwirklich aus, wie er sich über sie beugte und ihr Luft zufächelte. Seine Stirnfalten wölbten sich viel mehr als sonst und die Unterlippe hing leicht nach unten. Sie zuckte unwillkürlich zusammen, als Marc sich auch über sie beugte.

»Mensch, wir wollten gerade einen Krankenwagen rufen.« Rainer zog sie liebevoll in seine Arme und drückte sie an sich. »War es Dir nach den Strapazen in der Sonne zu heiß oder hast Du doch eine leichte Gehirnerschütterung?«

Inga biss die Zähne aufeinander und schwieg. Nun war es wirklich so weit, sie dachte und fühlte nichts mehr.

»Nein«, erklärte Marc, »wir haben gerade aus den Zeitungen erfahren, dass das kleine Mädchen bei dem Unfall gestorben ist. Und laut Schlagzeile ist auch noch ein Mann daran schuld, der schon ein dickes Punktekonto in Flensburg hat und trotzdem mit seinem schicken Sportwagen meinte, dass er mit hohem Tempo und Lichthupe die störenden Fahrzeuge aus dem Weg bekommt.«

Inga nickte nicht, sondern sie sah wie entrückt den im Brunnen planschenden Kindern zu und spürte wieder, wie die warme eigenartige Flüssigkeit auf ihren Hals tropfte.

*

Inga saß immer noch vor dem Brunnen und hörte sich ausdruckslos Rainers Erfolgsmeldung an: »Ich soll mich in einer Stunde noch mal bei der Versicherung melden. Bis dahin wollen sie alles für unsere Zugfahrt organisiert haben. Ein Ersatzfahrzeug habe ich abgelehnt, ich könnte mich heute noch nicht wieder hinter das Steuer setzen.«

Wieder typisch, Rainer war einfach zu gutmütig, nach diesem Unfall stand ihnen ganz sicher eine Taxifahrt bis nach Bremen zu. Inga schüttelte kaum merklich den Kopf. Ihr Mann gab sich mit einer Zugfahrkarte zufrieden und freute sich, dass die Versicherung nicht auf der Weiterfahrt mit einem Mietwagen insistierte. Unwillkürlich wischte sie die warme, stinkende Flüssigkeit vom Hals und wollte sich über die Versicherung auslassen, als sie von einem neuerlichen Anflug von Ohnmacht wieder auf die Bank gedrückt wurde. Hoffentlich überstand sie die Zugfahrt, aber eigentlich war ihr das im Moment auch egal.

Die Versicherung organisierte tatsächlich ihre Fahrkarten. Inga, Rainer und Marc Gartelmann bestiegen gegen vierzehn Uhr einen Regionalzug, der sie zum nächsten Bahnhof mit ICE-Anschluss brachte. Erst in Hannover mussten sie wieder umsteigen. Es war ein weiterer heißer Tag im Juli 2010. Die Temperaturen erreichten wie in den Tagen zuvor rekordverdächtige 36 Grad. Die Klimaanlage in ihrem ICE versagte, wie es anscheinend üblich war bei dieser Hitze, Fenster ließen sich in Hochgeschwindigkeitszügen grundsätzlich nicht öffnen, im Großraumwagen herrschten etwa fünfzig Grad, Celsius, Getränke gab während der Fahrt nicht mehr zu kaufen. Einige ihrer Mitreisenden erlitten einen Kreislaufkollaps und wurden an irgendwelchen Bahnhöfen in Krankenwagen umgeladen. Noch Wochen später sollten diese Zustände die Medien beschäftigen.

Inga Gartelmann spürte von den Temperaturen nichts, sie hatte es geschafft mit dem Gefühlsvakuum. Marc und Rainer ließen die Fahrt in ihren nass geschwitzten T-Shirts über sich ergehen und blickten manches Mal besorgt zu ihr hinüber. Inga schien erstaunlicherweise nicht zu transpirieren, ihr von vielen grauen Strähnen durchzogenes Haar war jedenfalls vollkommen trocken, und sie redete kein Wort.

Inga spürte genau, dass sich etwas in ihrem Leben nachhaltig geändert hatte. Sie konnte bloß nicht greifen, was es war. Und sie ahnte noch nicht im Entferntesten, wie es sich auswirken würde. Wenn sie kurz eindöste, dann lediglich, um vom dumpfen Knall wieder aufzuschrecken. Manchmal wischte sie sich über ihren Hals.

Nun lag nur noch die kürzeste und wahrscheinlich einfachste Etappe der unangenehmen Heimfahrt vor ihnen. Vom Bremer Hauptbahnhof zu ihrem Reihenhaus in der Neustadt gab es auch am Sonntagabend um zwanzig Uhr eine gute und schnelle Straßenbahnverbindung, doch die Drei stiegen wie verabredet am Bahnhofsvorplatz in eines der wartenden Taxis. Das heißt, Inga hatte niemand um ihre Meinung gebeten, aber sie hatte die leise Tuschelei ihrer beiden Männer auf dem Bahnsteig mitbekommen. Rainer sorgte sich um sie. Er befürchtete, dass seine Frau noch kurz vor dem Ziel zusammenbrechen könnte.

Rainer gab dem Taxifahrer das Ziel an: »Ahornstraße sechs bitte.«

Marc blickte erstaunt auf. Bevor er etwas sagen konnte, flüsterte Rainer kumpelhaft: »Dann gehen wir durch den kleinen Fußweg zwischen den Gärten in die Havelstraße, sonst sehen uns alle Nachbarn ohne Gepäck aus dem Taxi steigen und fragen uns schon heute Abend Löcher in den Bauch.«

Nach der zehnminütigen Fahrt liefen sie durch den schmalen Verbindungsweg ihrem Zuhause entgegen. Selbst in Bremen herrschte Hochsommer und überall aus den schmalen, zugewachsenen Gärten klangen Gesprächsfetzen und fröhliches Kinderlachen. Außerdem lag ein Grillgeruch über der ganzen Siedlung, dass das Atmen schwerfiel. Inga musste ein Würgen unterdrücken, diese Ausdünstungen des toten, heißen Fleisches ekelten sie plötzlich an. Herr Grümpel aus der Nachbarschaft, der seinen Hund Gassi führte, grüßte sie kurz und verschwand dann in seinem Garten.

Zu Hause nahm Inga den direkten Weg ins Bett, was die anderen beiden mit diesem Abend noch anfingen, interessierte sie nicht.

3

Am nächsten Morgen erwachte sie vom lauten Klang ihrer Haustürglocke aus einem überraschend traumlosen Schlaf. Diese Klingel stammte noch aus der Zeit, als sie ihre schwerhörige Mutter im Haus aufgenommen hatten, um sie vor einem Lebensabend im Seniorenheim zu bewahren. Das waren für sie harte zwanzig Monate gewesen, bis ihre Mutter endlich für immer eingeschlafen war. Es war schon eigenartig, jetzt hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie den Tod der Mutter insgeheim herbeigesehnt hatte, damit sich die häusliche Situation wieder entspannte. Aber die eigene Mutter ins Heim abzuschieben hätte ihr auch Gewissensqualen bereitet. Da war sie anders als ihre ältere Schwester, die in Großbritannien lebte und sie immer gedrängt hatte, lieber einen Heimplatz zu suchen. Rainer wäre fast verzweifelt, weil ihre Mutter zu jeder Tages- und Nachtzeit im ganzen Haus herumlief und sich mit ihrer Altersdemenz überall einmischte. Inga wusste, dass ihr Mann nur deshalb alles ertragen hatte, weil er zu feige gewesen war, einen Ehekrach zu riskieren. Nach ihrem Tod hatte er sich vom Erbe zur Belohnung einen schönen neuen Wohnwagen angeschafft, der seit Sonnabend nur noch ein Schrotthaufen war. Inga überlegte, ob die Versicherung überhaupt zahlen würde, ohne dass sie sich einen anderen Campingwagen anschafften. Einen neuen Wohnwagen brauchten sie ganz sicher nicht, denn mit dieser Art von Urlaub hatte sie für immer abgeschlossen. Ihre Gedanken schweiften immer weiter ab. Es durchfuhr sie ein Schauer der Erleichterung, dass Rainers und ihre Eltern nicht mehr lebten und folglich nicht über den Unfall informiert worden waren. Das wäre eine schwierige Sache geworden, ihnen alles immer wieder zu erklären und ihr eigener Vater hätte am Ende sicher noch Rainer beschuldigt, nicht defensiv genug gefahren zu sein. Sie blickte auf den Wecker auf ihrem Nachtisch. Es war schon neun Uhr. Da hatten ihr die drei Schlaftabletten ja tatsächlich zu vielen Stunden Ruhe verholfen.

Es klingelte wieder. Rainer lag nicht mehr neben ihr, warum öffnete er nicht? Auch das leise Sirren ihres privaten Festplatten-Servers im Flur nahm sie wahr, was bedeutete, dass Marc schon den PC im Wohnzimmer gestartet haben musste, sein eigenes Laptop hatte er ja nicht mehr. Für Rainer wäre es äußerst untypisch, wenn er sich gleich vor den Computer gesetzt hätte.

Es klingelte zum dritten Mal. Inga kam die ganze Situation plötzlich surreal vor. Sie hoffte zu träumen. Vorgestern wäre sie fast auf dem Beifahrersitz aufgespießt worden, aber heute lag sie in ihrem eigenen gemütlichen Bett – und Maries Eltern hatten keine Tochter mehr. Nun hörte sie ein lautes Hämmern an der Tür. Inga quälte sich aus dem Bett, kämpfte erfolgreich gegen einen Schwindelanfall, warf sich eine dünne Jacke über ihr Sommernachthemd und zog ihre Jogginghose über. Wie gut, dass sie nicht alle bequemen Hosen mit in den Urlaub genommen hatte, dachte sie, während sie noch etwas steif die steile Reihenhaustreppe hinunterging.

Inga öffnete die Tür. Trudi Gehringsdorf, eine korpulente ältere Nachbarin, die während ihrer Abwesenheit den Briefkasten geleert und die Blumen gegossen hatte, stand aufgeregt mit dem Weser-Report in der Hand vor ihr. Dieses kostenlose Anzeigenblatt steckte immer mittwochs und sonntags im Kasten. Sie wedelte Inga mit der Zeitung vor dem Gesicht herum: »Mein Gott, wie gut, dass ihr wieder zurück seid. Wir hatten gestern schon alle befürchtet, dass ihr den Unfall hattet, von dem berichtet wurde.«

Inga fragte sich, wen sie wohl mit wir alle meinte, wo Trudi doch alleine lebte. Als sie sich die Zeitung genauer ansah, stockte ihr der Atem. Bremer Familie nur knapp dem Tod entkommen, ein Todesopfer durch Raserei auf der Autobahn stand dort als großer Aufmacher auf der Titelseite.

»Wir wussten doch, dass ihr Sonnabend unterwegs sein musstet und die Beschreibung einschließlich Marcs Alter passte genau. Als ich Rainer und Marc vor zehn Minuten mit ihren Rädern an meinem Küchenfenster vorbeikommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen und ich wusste, dass ich schon bei euch klingeln kann.« Ihr Redefluss sprudelte munter weiter, nur unterbrochen von kurzen, häufigen Atemzügen. »Gestern Abend hatte mich noch der nette Herr mit dem kleinen Dackel, der Herr Grümpel, beim Blumengießen im Garten angesprochen und erzählt, dass er euch gerade bei einem gemütlichen Spaziergang durch unser Wohnviertel gesehen hat. Obwohl ich noch nicht bemerkt hatte, dass Ihr schon zurück seid. Wir waren ja so erleichtert, dass ihr das nicht mit dem Unfall wart.«

In Ingas Kopf herrschte Chaos, ob die neugierige Trudi wirklich so dreist war und auf diese Art herausfinden wollte, ob sie den Unfall hatten.

Inga überlegte kurz, ob sie den Unfall einfach verschweigen sollte, sie hatte weniger als keine Lust, darüber jetzt mit ihrer klatschsüchtigen Nachbarin zu sprechen. Auf der anderen Seite würde die sowieso bald merken, dass sie praktisch mit nichts zurückgekehrt waren. Während sie noch sinnierend in der Haustür stand, bog Rainer mit dem Rad um die Ecke, am Lenker baumelte eine Tüte vom Supermarkt. Er rief: »Wir sind hier schon berühmt, ganz viele haben mich unterwegs auf unseren Unfall angesprochen.«

Da war nichts mehr zu überlegen und Trudi Gehringsdorf fiel die Kinnlade herunter. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und meinte: »Oh nein, und ich klingel auch noch so früh bei dir, Inga, wo Du Dich doch bestimmt noch erholen musst, seid ihr wirklich nicht verletzt?« Inga schüttelte nur leicht mit dem Kopf, denn diese Bewegung tat noch immer höllisch weh. »Da will ich Euch jetzt aber in Ruhe lassen, ich komme heute Nachmittag noch mal wieder.« Mit dieser Drohung machte sie auf dem Absatz kehrt.

»Die telefoniert gleich als Erstes ihren ganzen Telefonnummernspeicher durch und spielt rasende Berichterstatterin, glaube mir«, sagte Rainer. »Lass uns mal sofort frühstücken, damit wir gestärkt sind, wenn weitere Neugierige kommen. Marc ist gleich vom Supermarkt zu Stefan gefahren, der hatte ihm schon eine Email geschrieben, dass er sich bei ihm melden soll, sobald er wieder in Bremen ist. Ich denke, Marc will so dem Rummel aus dem Weg gehen, der hier bald losgehen könnte.«

Inga lächelte unsicher: »Ich verzichte auch freiwillig auf jeden neugierigen Mitleidsbesuch! Glaubst du wirklich, dass unsere Freunde und Bekannten so dreist und neugierig sind und sich gleich bei uns melden?«

Rainer nickte bestätigend, legte beschützend seinen Arm um ihre schmalen Schultern und lenkte sie in die Küche. Dort schob er sie in Richtung Stuhl, worauf sie sich dankbar niederließ. Rainer kochte zuerst einen starken Kaffee, deckte den Tisch und zog die Brötchen und die frische Auflage aus der Tüte. Dann ließ er es sich schmecken, während Inga an ihrer trockenen Brötchenhälfte herumknabberte und bei jedem Geräusch zuckte, weil sie dachte, es kämen schon die ersten Besucher. Sie fühlte sich zerschlagen und verklebt. Sie beschloss, gleich zu duschen, danach ging es einem ja oft schon besser.

*

Die Nachricht breitete sich schnell über die Nachbarschaft hinaus aus, zumal auch die Bremer Nachrichten und der Weser-Kurier vom Unfall berichtet hatten. Als ein Redakteur des Regionalteils erfuhr, dass die Bremer Familie bei dem Unfall nur glücklich mit dem Leben davongekommen war, weil sie ein modernes Fahrzeug mit Airbags, Seitenaufprallschutz und Gurtstraffern auf allen Plätzen besaß und die Mutter obendrein durch einen Zufall hinten und nicht auf dem zerstörten Beifahrersitz saß, rückte er mit einem Fotografen zum Interview an.

Inga ließ alles über sich ergehen, sie hatte schon zu viel bekommen, als am Montagnachmittag nicht nur ihre Nachbarin wieder aufgetaucht war, sondern auch viele andere Bekannte und Freunde zufällig in der Gegend waren und mal kurz vorbeischauen kamen.

Im Gegensatz dazu redete Rainer viel und gerne. Er kam mit seiner ruhigen Art gut an bei der Presse, sodass er einige Tage später sogar eine Einladung der regionalen Nachrichtensendung buten & binnen erhielt. Er sollte in der Live-Sendung im Studio interviewt werden.

Marc hielt sich aus allem heraus, indem er sich von früh morgens bis spät in der Nacht mit seinen Freunden traf und die übrige Zeit am Computer saß. Inga hatte das Gefühl, dass er in diesen Tagen noch weniger schlief als sie selber.

Für Rainer hatte das Interesse seiner Mitmenschen und der Medien offensichtlich eine ganz andere Bedeutung als für Inga. Er erkannte in der Einladung von buten & binnen eine einmalige Chance, für seine Überzeugung, für Tempo 130 auf deutschen Autobahnen zu werben, also nahm er die Einladung ohne zu zaudern an. Inga wunderte sich nicht, das war typisch Rainer, reden und andere auf freundliche Art überzeugen, das lag ihm.

Seine Vorgehensweise arbeitete er anscheinend strategisch aus, denn er zog sich stundenlang an den Computer zurück. Und für dieses Interview hatte er auch Inga eingeplant, aber sie scheute das Rampenlicht, in dem sich Rainer mit Genuss sonnte. Bisher hatte er sie noch nicht direkt um ihre Hilfe gebeten, aber sie kannte ihren Mann genau, er schlich nur um sie herum, um einen günstigen Zeitpunkt abzupassen, sie zu fragen.

Der Unfall war inzwischen eine knappe Woche her und Inga wischte gerade trotz des weiterhin herrlichen Sommerwetters den Staub von den Büchern im Wohnzimmer, als sie Rainer eintreten hörte. Er sah ungewöhnlich ernst aus, Inga ahnte nichts Gutes.

»Inga, heute Abend ist das Interview.«

»Ach ja?« Für Inga verliefen derzeit alle Tage in einem einheitlichen, grauen Nebel, sie sah die Tage kommen und gehen, alles war egal.

»Nicht ach ja, du musst jetzt endlich wieder aufwachen!«

So hatte ihr Mann sie noch nie angesehen.

Sie ließ den Staublappen auf das Regalbrett sinken und folgte ihrem Fluchtinstinkt. Allerdings hatte sie nicht mit Rainer gerechnet. Er stellte sich vor die Zimmertür und packte sie an den Schultern. Erstarrt blickte sie ihn an und versuchte, den Sinn seiner ernsten, langsam gesprochenen Worte zu erfassen. »Wir sind es Marie schuldig, dass wir gegen die Raser auf deutschen Autobahnen kämpfen. Inga, du musst mitkommen, Marie braucht dich!«

Inga schüttelte seine Hände ab. Aber er hatte den Nerv getroffen. Sie hatte sich mit solchen Gedanken schon selbst das Hirn zermartert, aber staunte doch über die Worte, die ihren Mund verließen. »Ich weiß, ich werde tun, was zu tun ist.«

Rainer atmete erleichtert auf, seine Inga, er wusste, auf sie war Verlass, wenn es drauf ankam. Zum Glück ahnte er nicht, welche Bedeutung ihr Satz noch erlangen sollte.

Am Nachmittag fuhren Inga und Rainer im Leihwagen zum Sender. Rainer redete während der Fahrt ohne Unterlass, Inga ließ ihn und übte sich im Denken an nichts.

Später saßen sie im hellen Licht der Strahler, Inga wurde richtig heiß. Rainer berichtete von der getöteten Marie, die nur sechs Jahre alt werden durfte, weil ein Raser auf der linken Fahrspur alle anderen Fahrzeuge zum unkontrollierbaren Ausweichen genötigt hatte.

Dann war Inga dran. Doch sie schwieg und hatte das Gefühl, dass sie niemals etwas sagen konnte. Alle warteten und niemand anders sagte etwas, so begann sie zu ihrer eigenen Überraschung stockend und leise.

»Ich wollte Marie gerade zuwinken, sie hat so vergnügt gelacht, mit ihrer Zahnlücke und den süßen Zöpfen.« Inga rang mit den Tränen, zwang sich aber zum nächsten Satz. »Und dann, dann ist sie im nächsten Moment zu Tode gequetscht worden und ihr Innerstes ist mir auf den Hals getropft.« Sie hielt mit der Hand die Stelle am Hals bedeckt und verstummte, von einem Weinkrampf geschüttelt.

Rainer ergänzte: »Wir haben inzwischen erfahren, dass Maries Körper so zerquetscht worden ist, dass Lungen, Herz und Darm über uns ausgepresst wurden.«

Inga hatte sich wieder etwas gefangen und beschrieb den Zuschauern stockend, aber sehr genau den eigenartigen Geruch, den die tropfenden Körperflüssigkeiten verströmt hatten. Rainer lieferte weitere Informationen: »Marie hatte das Pech, in einem älteren Kleinwagen ohne Airbags und ohne Seitenaufprallschutz zu sitzen.«

Nun endlich war der richtige Zeitpunkt, Rainer konnte seine vorbereitete Argumentationskette anbringen, an der er so lange gefeilt hatte: »Es ist leider heute so, dass Fahrzeuge mit den unterschiedlichsten Sicherheitseinrichtungen gemeinsam die Straßen nutzen. Angefangen beim Seitenaufprallschutz, der erstmals von Volvo im Jahr 1991 angeboten wurde über diverse Airbagsysteme bis hin zu ESP. Auch in der Größe und im Gewicht unterscheiden sich die Fahrzeuge, man denke an die kleinen Smarts, die beliebten SUVs und die viele Tonnen schweren Lkw. Alle sollen gemeinsam die gleichen Straßen nutzen, auch die Autobahnen, da wird gleiche Sicherheit für alle nie zu erreichen sein. Aber«, und hier machte Rainer eine wohlüberlegte Pause, »wenn keiner mehr über 130 Kilometer pro Stunde fahren würde, hätten wir einen immensen Zuwachs an Sicherheit. Es wären viel weniger Fahrspurwechsel nötig, da die Zahl der Überholvorgänge deutlich reduziert würde. Außerdem wären die physischen Kräfte, die bei einem Unfall entstehen auf einem viel niedrigeren Niveau gedeckelt. Man stelle sich mal den Unterschied vor, ob ein Fahrzeug mit 130 oder mit 190 Kilometern pro Stunde auf einen anderen Wagen prallt. Das sind glatte 60 Kilometer pro Stunde weniger. Und wie viel 60 Kilometer pro Stunde ausmachen, kann man sich leicht bei Crashtests im Internet ansehen, bei denen Fahrzeuge mit dieser Geschwindigkeit gegen eine Wand fahren.« Um diesen Umstand zu unterstreichen, erinnerte er an den Fahrer eines Erlkönigs, der erst im April 2010 nachts mit 190 Kilometern pro Stunde in eine Unfallstelle auf der rechten Fahrspur einer deutschen Autobahn gefahren war und dadurch einen Menschen getötet hatte. Rainer hatte sich vorgestern bei der der Zeitungslektüre sehr darüber gewundert, dass vor Gericht verhandelt wurde, ob dem Fahrer deswegen wohl der Führerschein entzogen werden solle.

Rainer war mit sich zufrieden, jetzt brauchte er nur noch einmal kurz auszuholen, um sein Vorhaben mit Eleganz abzuschließen. Im Publikum blieb es still, entweder er hatte die Menschen wirklich erreicht oder er hatte sie einfach mit seinem Gerede schläfrig gemacht. Der Moderator machte jedenfalls keine Anstalten, ihn zu unterbrechen. Das lag vielleicht auch daran, dass er ihn aus dem Konzept gebracht hatte, eine Wendung des Gesprächs in diese Richtung hatte Rainer vorher absichtlich nicht angekündigt. Rainer folgerte: »Da wir unsere Autobahnen weiterhin für die verschiedensten Fahrzeuge offen halten müssen, sind wir gleichermaßen verpflichtet, eine größtmögliche Sicherheit herzustellen. Und die effektivste und einfachste Lösung, die bereits seit vielen Jahren in den USA praktiziert wird und auch in allen anderen Ländern der Europäischen Union Anwendung findet, ist das Tempolimit. Mit jedem Tag, den es in Deutschland nicht eingeführt wird, sterben überflüssigerweise Menschen auf deutschen Autobahnen, die mitten aus dem Leben gerissen werden, wie die kleine Marie.«

Nach diesen Worten herrschte absolute Ruhe. Der Moderator schwieg anscheinend minutenlang, bevor er sich bei Inga und Rainer für das Gespräch bedankte.

4

Der Alltag kehrte zurück, der durch die Routine vieles wieder ins Lot bringen sollte. Rainers Urlaub war vorbei und die Schule hatte wieder begonnen. Aber Inga fühlte sich weiterhin zerrissen und das Interview war die Hölle gewesen. Sie hätte niemals mitgehen dürfen, sie ärgerte sich über sich selbst. Es hatte alle Erinnerungen an den Unfall aufgefrischt und schien sie exakt für alle Ewigkeit zu konservieren. Sie hatte ständig Maries lachendes Gesicht vor Augen und litt weiter unter Schlaflosigkeit, weil sie alle paar Minuten von dem dumpfen Knall aufwachte. Sie wusste, dass sie ihr Training, an nichts zu denken, unbedingt intensivieren musste. Abschnittsweise gelang es ihr schon ganz gut, aber noch nicht gut genug.

Rainer ging anders mit dem Geschehenen um. Er redete sich die Last gerne von der Seele. Inga hätte über diese Rollenverteilung unter normalen Bedingungen geschmunzelt, eigentlich fraßen doch Männer die Probleme in sich hinein und Frauen redeten so lange darüber, bis sich die Schwierigkeiten aufgelöst hatten. Aber normale Bedingungen hatten sie beide nicht mehr.

Rainer entging Ingas Zustand nicht, er machte sich zunehmend Sorgen um seine Frau. Er musste unbedingt etwas unternehmen, das wurde ihm in den folgenden tristen Tagen klar. Sie musste dem Sog des Unfalls entrissen werden und ins Leben zurückkehren. Es reifte langsam aber sicher eine Idee in ihm.

Er arbeitete als kaufmännischer Angestellter bei einem großen Genussmittelhersteller in Bremen und fühlte sich schon lange nicht mehr von den stupiden Aufgaben am Computer ausgefüllt. So sah er eine Chance darin, seine durch den Unfall erlangte Bekanntheit zu nutzen und sich die Durchsetzung von Tempo 130 auf deutschen Autobahnen zur persönlichen Aufgabe zu machen. Dadurch könnte der noch vor ihm liegende Teil seines Lebens die gewisse Würze erhalten. Vielleicht wurde er ja noch mal ins Fernsehen eingeladen und konnte interessante Gespräche mit bekannten Persönlichkeiten führen. Wie viel Spaß ihm das machte, hatte er in der letzten Zeit erfahren, so traurig der Anlass für die Gespräche auch war. Hoffentlich half Inga tatkräftig mit. Das könnte die Lösung für alle Probleme sein. Er hatte bloß noch keine Ahnung, wie er Inga zur Mitarbeit bewegen konnte.

Am Montagmorgen schob Rainer die restlichen Sonntagsbrötchen in den Backofen und drehte den Startknopf der Kaffeemühle auf zehn Tassen. Er trank den Kaffee gerne stark, deshalb würde das Kaffeemehl genau für fünf kräftige Tassen Kaffee reichen. Marc ging seit dem Ende der Sommerferien vor drei Wochen regelmäßig um sieben Uhr ohne Frühstück aus dem Haus. Rainer öffnete die Tür zum Flur und horchte, ob Inga schon aufgestanden war. Er fürchtete den Tag, an dem sie morgens nicht mehr herunterkommen wollte. Besonders montags war es immer kritisch, denn jedes Wochenende bedeutete eine Pause und konnte den letzten Hauch Normalität, das gemeinsame Alltagsfrühstück, ersterben lassen. Er hörte das charakteristische Klack, mit dem die Schlafzimmertür ins Schloss gezogen wurde und atmete erleichtert auf. Inga war auf dem Weg zur Küche, vielleicht mit einem Umweg ins Bad.

Er nahm zwei Frühstücksteller aus der Spülmaschine und stellte sie auf den Tisch. Die Messer und die Löffel für die Marmelade legte er auch hin. Er dachte an die Reste der Buchweizen-Himbeertorte, die Inga gestern für ihn und Marc gebacken hatte, und legte auch noch Kuchengabeln dazu. Als Inga auftauchte, hatte er sein erstes Brötchen gegessen und überlegte, ob er schon zur Torte übergehen sollte, die er neben den Kühlschrank gestellt hatte.

Inga nahm einen Schluck Kaffee und brach sich ein Stück vom Brötchen ab. Während sie an dem trockenen Teil herumknabberte, unternahm Rainer einen Versuch: »Könntest du mir heute einen Gefallen tun?«

Inga hob misstrauisch die Augenbrauen: »Soll ich Peter heute vielleicht zufällig deinen guten Bohrhammer oder den elektrischen Fliesenschneider bringen? Ich warne dich, diese Mühe kannst du dir sparen, da falle ich nicht drauf rein!«

Rainer schüttelte entschieden den Kopf: »Nein, ich weiß, dass du keinen Kontakt mehr zu deiner besten Freundin Doris und ihrem Mann willst. Ich wollte dich lediglich bitten, im Internet Informationen zur Gründung eines Vereins zu suchen.«

»Aha, jetzt kommt er doch, dein Tempo 130 Verein, ich hätte es mir ja denken können, nein danke!« gab Inga patzig zurück.

Rainer versuchte, mit einer Erklärung wenigstens das Gespräch in Gang zu bringen. Damit Inga ihm auch zuhörte, spickte er sie mit unangenehmen Denkanstößen: »Dazu fühle ich mich geradezu verpflichtet, jetzt, wo ich es durch die Medien zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht habe. Außerdem kann man es schon als Wink des Schicksals deuten, denn überzeugt von einem Tempolimit war ich schon immer. Ich glaube auch, dass du hierbei eingeplant wurdest, sonst hättest du doch im entscheidenden Augenblick auf dem Beifahrersitz gesessen und würdest nicht mehr leben.«

Inga versetzte jede einzelne Äußerung einen Stich. Sie zitterte und wischte sich die aufsteigenden Tränen mit dem Handrücken ab. Ihr Leben, so wie es jetzt war, konnte sie vergessen.

Nach Marcs Geburt hatte sie nie wieder angefangen zu arbeiten. Jetzt, genauer seit dem Unfall, fehlte ihrem Leben urplötzlich jeglicher Sinn. Vor dem Unfall hatte sie immer gesagt, zu Hause fühle sie sich am wohlsten und eine Frau, die das Haus in Ordnung halte und den Garten pflege, könne ja nicht schaden. Das war auch in Ordnung gewesen, aber seit dem Unfall hatte sie jeglichen Kontakt zu Nachbarn und Freundinnen abgebrochen, mit denen sie sich bisher regelmäßig zum Walking oder Klönen getroffen hatte. Entweder putzte sie nun ununterbrochen, kochte so komplizierte Gerichte, dass sie den ganzen Tag in der Küche verbrachte oder sie legte sich gleich nach dem gemeinsamen Frühstück auf die große Couch im Wohnzimmer und schluckte Beruhigungs- oder Schlafmittel, die sie noch in großen Mengen von ihrer Mutter im Haus hatten. Dort lag sie dann abends immer noch, müde und mit fettigen Haaren, wenn Rainer heimkam. Sie wurde immer dünner, weil sie nur noch in homöopathischen Dosen Nahrung zu sich nahm. Den Garten hielt Rainer gerade noch notdürftig in Ordnung, Inga selbst ging nicht mehr raus zum Arbeiten, denn es könnte ja ein Nachbar etwas zum Unfall fragen. Telefon- und Haustürglocke stellte sie tagsüber ab, da sie keinen Bedarf an Gesprächen oder Einladungen hatte. Zum Einkaufen war sie noch nie mit ihrem neuen, von der Versicherung bezahlten dunkelblauen Kombi mit Perleffekt-Lackierung gefahren. Sie kaufte zu Fuß ein, am liebsten ließ sie aber Rainer oder Marc die Einkäufe erledigen.

Genauso verbissen, wie sie sich neuerdings einigelte, weigerte sie sich, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Rainer wollte eigentlich wenigstens die Medikamente zu vernichten, hatte es bisher allerdings noch nicht gewagt. Er wartete sehnlichst darauf, dass sie wieder Lebensmut fand. Der Verein konnte wirklich eine Lösung für ihre Probleme sein. Er konnte Ingas Hilfe gut gebrauchen und ihrem Leben gleichzeitig einen neuen Sinn geben. Im Bekanntenkreis könnten sich viele zukünftige Mitglieder finden, und als ehemalige Assistentin der Geschäftsführung eines kleinen, aber feinen Yachtherstellers im Hemelinger Hafen in Bremen hatte sie immer gutes Organisationstalent bewiesen, was sie zu einer wertvollen Mitstreiterin in dem Verein machen würde.

»Du könntest mir so viel helfen, ich habe keine Ahnung, wie man einen Verein gründet und der Bürokram liegt mir auch nicht«, versuchte er sie jetzt beim traurigen Montag-Morgen-Frühstück zu locken.

Inga blieb abweisend: »Ich werde keinen Finger für so einen Verein rühren. Der bringt nämlich gar nichts.«

»Wenn man nichts versucht, ändert sich auch nichts. In der DDR konnte doch auch niemand ernsthaft an den Fall der Mauer glauben, als sie mit den Montagsdemos begannen. Auch das Rauchverbot ist so ein Beispiel. Oder was hättest du vor zehn Jahren gesagt, wenn jemand für ein generelles Rauchverbot in allen Gaststätten und Restaurants eingetreten wäre?«

Inga spürte, wie Rainer sich mit seiner Ruhe und seinem Spaß an Argumentation und Rede warmlief. Sie wollte aber keine Diskussionen führen. Eigentlich wollte sie nur ihre Ruhe. »Rainer, du wirst mich nicht überzeugen, außerdem war das mit dem Rauchverbot eine ganz andere Sache. Der Nichtraucherschutz begann in Spanien oder so. Da ging es auch um die Beschäftigten im Gaststättengewerbe, die geschützt werden sollten. Hätte Deutschland nicht gleich mitgezogen, hätte bestimmt ein Kellner vor dem Europäischen Gerichtshof sein Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz eingeklagt und Deutschland so hinten herum zu einem Rauchverbot gezwungen. Die Schmach wollten sich Merkel und die anderen Politiker sicher sparen. Beim Tempolimit steht so was nicht zu befürchten und die Lobby der Automobilindustrie gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung ist stark. Die haben garantiert überall ihre Informanten sitzen, und sobald sich eine Pro-Tempolimit-Bewegung formiert, arbeiten sie subtil und geschickt dagegen, denke doch nur an diesen populären Automobilclub.«

Rainer freute sich insgeheim, dass er Inga so weit aus der Reserve gelockt hatte, dass sie auf seine Argumente reagierte und ihm kontra bot. Vielleicht war das ein erster Schritt zurück ins Leben. Er versteckte also seine Erleichterung und grollte: »Woher willst Du das denn so genau wissen?«

Sie antwortete nicht, sondern zerhackte die Brötchenkrümel auf ihrem Teller zu feinem Mehl.

Um das kostbare Gespräch nicht versiegen zu lassen, schob er hinterher: »Ich glaube eher, das Problem wird auf einer ganz anderen Seite liegen, nämlich bei vielen Autofahrern, die glauben, sie verlieren kostbare Zeit durch das Tempolimit. Da könnte man ansetzen und das Bewusstsein dafür schärfen, dass durch ein Tempolimit auch viele Staus vermieden werden, die die eigentlichen Zeitkiller sind, ganz zu schweigen vom hohen Spritverbrauch beim Rasen. Der sorgt dann für zusätzliche Tankstopps, die die Zeitersparnis locker wieder wettmachen.«

Ingas Gesicht versteinerte plötzlich und sie würgte das Gespräch mit wenigen entschlossenen Sätzen ab: »Entweder du wirst Bundeskanzler oder du kaufst die Medien à la Berlusconi und verdonnerst sie dann zu einer Kampagne für Tempo 130. Ansonsten kannst du einpacken. Außerdem wirst du keine gute Unterstützung finden, weil die meisten, die gut reden können und in einflussreichen Positionen sind, doch selber gerne von Termin zu Termin rasen. Wenn auch nur irgendeine Partei ernsthaftes Interesse an einem Tempolimit hätte, wären sie schon längst auf dich zugekommen und hätten dir eine Mitgliedschaft angetragen, denn einen besseren Werbe- und Sympathieträger als dich gibt es für dieses Thema derzeit nicht. Und deine Medientauglichkeit hast du ja auch schon ausreichend unter Beweis gestellt. Keiner will sich mit der Automobilindustrie oder mit diesem Automobilclub anlegen. Du hast keine Chance und ich mache keinen Finger dafür krumm!« Damit verließ sie den Frühstückstisch, verschwand mit einer Flasche Wasser und ihren Tabletten im Wohnzimmer und Rainer hörte, wie sie die Couchkissen auf den Sessel warf und sich auf das Sofa fallen ließ.

Rainer war der Appetit vergangen. Er wollte nur noch raus hier. Nachdem er die Kaffeemaschine abgestellt hatte, verließ er fluchtartig die Küche. Sollte die Torte doch neben dem Kühlschrank vergammeln. Er putzte sich noch schnell die Zähne, band seine Krawatte um und verließ mit der Arbeitstasche das Haus, um mit dem Fahrrad den kurzen Weg zur Arbeit zu fahren.

*

Rainer trat kräftig in die Pedalen und knirschte mit den Zähnen. Verwundert stellte er fest, dass sein Mitleid in Ärger umgeschlagen war. Es war ein so herrlicher milder Septembermorgen, die Sonne schien und er war so voller Tatendrang. Aber er musste sich gleich für acht Stunden ins klimatisierte Büro setzen. Verdammt zum Sitzen ohne Ende. Und Inga hatte den ganzen Tag Zeit und die volle Freiheit zu Fahrradtouren, zum Schwimmen oder um für ihre Überzeugungen einzutreten. Was tat sie: nichts! Sie bemitleidete sich selber und machte auch ihm das Leben zur Hölle. Marc kam deshalb nur noch zum Schlafen nach Hause. Sie war dabei, ihre Familie zu zerstören. Genau das wollte er ihr heute Abend an den Kopf werfen. Vielleicht half das eher als alle vorsichtigen Gespräche.

Er war so aufgewühlt, dass er beschloss, vor der Arbeit noch ein Stück an der Weser entlang zu fahren. Er kam am Café Sand vorbei, einem großen Ausflugslokal direkt an der Weser, mit kleinem Badestrand. Am Wochenende war hier immer viel los. Jetzt war es noch geschlossen, sonst hätte er sein Frühstück gerne hier fortgesetzt.

Langsam fuhr er zurück in Richtung Kleine Weser und schloss sein Rad in der Neustadt vor der Unternehmenszentrale an. Die Sonne war inzwischen von Wolken verdeckt, da fiel ihm der Gang ins Büro wenigstens etwas leichter. Im Bremer Weser-Kurier lautete der Wetterbericht für heute sehr differenziert: Sonne, Wolken und auch mal etwas Regen