Schattenfrucht - Maren Nordberg - E-Book

Schattenfrucht E-Book

Maren Nordberg

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Beschreibung

Tania Redleffs, Mitte Zwanzig, gerade dabei, ihr angepasstes, anspruchsloses Dasein in neue Bahnen zu lenken, entdeckt unter mysteriösen Umständen die Leiche einer alten Frau. Von da an gerät sie in einen Strudel von Ereignissen: Sie lernt einen sehr interessanten Mann kennen, unmittelbar darauf steckt sie in einer ausweglosen Situation. Mit unglaublicher Energie kämpft sie um ihr Leben. Kriminalkommissar Burkhardt, ganz am Anfang seiner Laufbahn, gleicht fehlende Intuition und Feinfühligkeit durch unerschütterliche Beharrlichkeit aus. Allen Widrigkeiten zum Trotz sucht er die verschwundene Tania. Kurz darauf wird die Leiche einer anderen jungen Frau gefunden, die Burkhardt zuvor sogar bei den Ermittlungen unterstützt hatte. Der Kommissar durchpflügt das gesamte Umfeld. Welche Rolle spielt Tanias Freund, der sein Leben der Wissenschaft gewidmet hat? Ist in Forschungsunterlagen ein Ansatzpunkt zu finden? Hat der Mord an einem Apotheker etwas mit dem Fall zu tun? Wer ist der geheimnisvolle Unbekannte, der Tania nachweislich begleitete? Burkhardt ermittelt Einzelheiten, die einen Blick auf das Geschehen um den Tod der alten Dame freigeben. Doch die bedrohliche Allianz, die sich dahinter verbirgt, ist noch nicht enttarnt und greift weiterhin massiv ins Leben ein. Eigentlich wollten sie nur die Welt retten….. Ein Blick in die Schatten des Machbaren.

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Seitenzahl: 534

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Maren Nordberg

Schattenfrucht

Welches Geheimnis verbirgt sich hinter dem Tod der alten Dame

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Was hinter uns

und was vor uns liegt,

ist relativ unbedeutend verglichen mit dem,

was in uns liegt.

Pearl S. Buck

Prolog: Vor fünf Jahren

Der Kaffee duftete und sie trat beschwingt in die sonnendurchflutete Küche. Sie konnte sich glücklich schätzen, so einen tollen Mann geheiratet zu haben. Er trug sie immer noch auf Händen, und das nach zehn Ehejahren. Maria strahlte. Wie es aussah, sollte sich jetzt auch, allen Prophezeiungen und Untersuchungen zum Trotz, ihr Lebenstraum erfüllen. Sie blies sich die kastanienbraunen Locken aus dem Gesicht und schmiegte sich kurz an seine Schulter. Wie so oft hatte er schon den Frühstückstisch gedeckt und Kaffee gekocht. An diesem Tag standen vier Gedecke auf dem Tisch.

»Camilla bringt gleich frische Brötchen mit, den Toaster brauchen wir nicht«, meinte sie.

Bevor sie den Toaster vom Tisch räumen konnte, wendete sie sich abrupt ab und schaffte es gerade noch bis zur Spüle. Die morgendliche Übelkeit überkam sie seit Tagen regelmäßig.

Ihr Mann legte ihr zärtlich die Hand auf den Bauch und reichte ihr ein Tuch.

»Na, da macht sich der kleine Racker ja schon ganz schön bemerkbar.«

Sie lächelte und tupfte sich den Mund.

»Mal sehen, ob es ein Racker wird, vielleicht bekommen wir ja ein Mädchen. Dann übernehmen wir Frauen hier die Herrschaft.« Sie war so glücklich, endlich schwanger zu sein. Angeblich war ihr Mann unfruchtbar, jedenfalls wenn man den Ausführungen seiner Urologen glaubte. So unfruchtbar, dass man nicht mal über eine künstliche Befruchtung nachzudenken brauchte.

Sie trat ans Fenster und sah, wie ihre Freundin Luisa vor dem Haus parkte. Ohne sie wäre sie jetzt sicher nicht schwanger, aber davon durfte ihr Mann niemals etwas erfahren. Er machte sich immer so viele Gedanken und war in manchen Dingen einfach zu vorsichtig. Jetzt half ihre Freundin der dreijährigen Tochter aus dem Kindersitz.

Bei ihr hatte diese Tablette auch gewirkt, mit gutem Erfolg. Die beiden liefen beschwingt auf den Eingang zu. Das kleine Mädchen mit den weißblonden Haaren machte sich einen Spaß daraus, über die langen schmalen Schatten der Rosenstämmchen zu springen. Es war eben für Frauen heute nicht immer einfach mit dem Kinderwunsch. Wenn man mit Ausbildung, Studium und Berufserfahrung so weit war, dass man über Kinder nachdachte, war die fruchtbarste Zeit bereits abgelaufen. Glücklicherweise kannte ihre Freundin diese Pille und konnte sie sogar besorgen. Angeblich war sie in Europa nicht zugelassen, sie sollte wohl aus der Tiermedizin kommen, so genau wollte man es lieber nicht wissen.

Sie öffnete die Tür und umarmte ihre Freundin. Dann hob sie das Mädchen hoch in die Luft, das vor Freude quietschte, wie immer bei diesem Begrüßungsritual. Obwohl ihre Freundin Camilla regelmäßig Fernsehsendungen moderierte und nebenher noch modelte, nahm sie sich genug Zeit für ihre Familie und Freunde.

»Die Natur ist ein Wunderwerk. Es ist erstaunlich, dass deine Tochter so hellblonde Haare hat, obwohl dein Mann doch eher ein dunkler Typ ist.« Sie setzte die Kleine vorsichtig wieder ab, die sofort in Richtung Küche voranlief.

»Das sagt meine Mutter auch immer. Sie meint, so habe ich früher auch ausgesehen. Sogar meine hellblauen Augen und mein Muttermal am Kinn habe ich ihr vererbt.«

Tania schob das ordentlich aufgerollte Baumwolltuch als Schutz gegen Bienenstiche in den Kragen, ihre glatten dunkelblonden Haare fielen locker darüber. Zu zweit wäre es viel einfacher gewesen, den Imkeranzug anzulegen. So musste Tania selbst darauf achten, dass kein Schlupfloch für die Bienen frei blieb. Nachdem sie den Hut mit dem Visier aus dünnem Drahtgeflecht aufgesetzt hatte, kamen die Handschuhe an die Reihe. Während sie den getrockneten Rainfarn im Rauchgerät, dem sogenannte Smoker, mit einem Feuerzeug entzündete, verscheuchte sie alle Gedanken an Ebola. In der letzten Zeit musste sie jedes Mal daran denken, sobald sie ihren Imkeranzug anzog. Wenn sie schon mit diesem Anzug Mühe hatte, wie fürchterlich musste es sein, sich in einen dieser gelben Ebola-Plastikschutzanzüge zu quälen. Und wenn sie selbst einen Fehler machte, gab es vielleicht ein paar Bienenstiche, ein Fehler beim Ebolaschutz bedeutete den Tod. Aber die Leute, die sich in diese gelben Anzüge quälten, die taten wenigstens etwas Sinnvolles, sie überbrückten mit dem Einsatz ihres Lebens die Zeit, bis endlich ein Impfstoff gegen Ebola zur Verfügung stand. Und was tat sie? Sie hütete die Bienen, während der eigentliche Imker mit der Polarstern auf wochenlanger Forschungsreise war.

Sie hängte sich den Jutebeutel mit den Listen über die Schulter, nahm einen Stockmeißel und den kleinen schmalen Handfeger aus dem Kofferraum des Fiat Punto und ging bewaffnet mit dem Smoker in Richtung der grünen Bienenkästen. Wenn sie in diesem Anzug steckte, sah man zwar, dass sie sehr groß war, aber wie schlank, und leider auch kantig und eckig ihr Körper gebaut war, war nicht mehr zu ahnen. Das trockene Laub raschelte unter ihren festen Lederschuhen und die kleinen Äste knackten laut in der Stille. Ihr fiel jetzt erst auf, dass kein Lüftchen wehte, ein für Bremen sehr ungewöhnlicher Zustand.

Die Bienenkästen waren auf zwei Standorte in und um Bremen herum verteilt. Hier am Ende des Parks mit den großen alten Bäumen standen nur fünf dieser quadratischen Styropor-Beuten. Es handelte sich um Bienenvölker, deren Honigertrag, Krankheitsresistenz und Friedfertigkeit begutachtet werden sollte. Die Natur wurde in diesem Fall akribisch vermessen, wie es seit dem Beginn der Wissenschaften geschah, um sie anschließend in ein Korsett zu pressen, dass den Menschen dienlich war. Naja, oder das der Wirtschaftlichkeit und damit dem Geldbeutel von Konzernen nützlich war. Sie musste an die seltsamen Markenrechte für bestimmte Kartoffelsorten denken. Fast wäre ihre Lieblingssorte Linda vom Markt verschwunden, weil der Rechteinhaber keine Setzkartoffeln mehr anbieten wollte.

Bei den Bienenkästen angekommen, hielt sie einen Moment inne und ließ ihren Blick über die angrenzenden Weiden und Felder schweifen. Hier war die Welt noch in Ordnung, man sah keinen Fabrikschornstein und hörte auch keine Autobahn. Sie konnte gut verstehen, dass die Leute mit genug Geld gern hier im Bremer Stadtteil Oberneuland eine der alten Villen kauften und herrichten ließen.

Keine zehn Meter von ihr entfernt grenzte eines dieser alten parkähnlichen Gartengrundstücke an die Weide vor ihr, neugierig sah sie zu dem verwunschenen, mit Efeu berankten Pavillon hinüber. Dort hatte jemand den alten bemoosten Steintisch mit einer schneeweißen Tischdecke aufgepeppt. Bei ihrer letzten Kontrolle der Bienenstöcke lag sie ganz bestimmt noch nicht da. Dieses kleine Gebäude aus Stein erinnerte an einen antiken Tempel, aber im Mini-Format, so wie es sie in den englischen Landschaftsparks gab. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, wie die reichen Leute dort am lauen Vorabend gesessen hatten, Rotwein aus geschliffenen Kelchgläsern genossen und im Schutz der alten Buchen die Rehe auf den Wiesen beobachteten. Jetzt war natürlich keiner da, solche Herrschaften waren viel beschäftigt. Ihr fiel wieder auf, wie ungewöhnlich still es hier war, nichts regte sich. Sie war hier vollkommen allein und ungestört.

Ein Blick auf die Bienenkästen zeigte ihr, dass wenigstens dort ein emsiges Treiben herrschte, Arbeiterinnen mit gelben Pollenhöschen an den hinteren Beinen kehrten zum Bienenstock zurück und ein leises Summen lag in der Luft. Sie stieß einige Hübe Rauch aus dem Smoker und begann vorsichtig, den Deckel des ersten Bienenkastens ein wenig anzuheben.

Für Mitte September war es noch überraschend warm und angenehm windstill. Nachdem sie mit dem ersten Bienenstaat fertig war, setzte sie sich ein wenig abseits auf den Rest der niedrigen Gartenmauer des angrenzenden Grundstücks, nahm den sperrigen Hut ab und zog auch die Handschuhe aus. Sie musste das Beobachtungsprotokoll akribisch weiterführen, sonst war die monatelange Arbeit umsonst gewesen. Jakob, der Imker und gleichzeitig ihr Freund, hatte sich bestimmt nicht nur aus Interesse bereiterklärt, die Testphase mit den neu gezüchteten Königinnen durchzuführen. Er wollte natürlich auch die Aufwandsentschädigung haben, denn als fast dreißigjähriger Wissenschaftler mit befristeten Teilzeitstellen am Institut für Meeresforschung und an der Universität konnte er zusätzliche Einnahmequellen gut gebrauchen.

Wenn sie an Jakob dachte, beschlichen sie zwiespältige Gefühle. Eigentlich waren sie beide zusammen, schon seit vier Jahren. Er brannte für die Naturwissenschaften. Jakob hatte, im Gegensatz zu ihr selbst, alles genau unter Kontrolle. Dafür bewunderte sie ihn, einerseits. Andererseits merkte sie immer wieder, dass eigentlich kein richtiger Raum für sie in seinem Leben blieb, obwohl er das niemals so sehen würde. Ihm war es außerordentlich wichtig, dass er immer genau wusste, wo sie war und was sie tat. Genauso selbstverständlich schrieb er ihr über Fortschritte bei seinen Meeresforschungen, was sie nur leidlich interessierte. Und es war selbstverständlich für ihn, dass sie seine Aufgaben bei den Bienen weiterführte, wenn er selbst keine Zeit hatte, also fast immer. Jetzt war er seit Wochen mit dem Forschungsschiff in arktischen Gewässern unterwegs, im Dezember wollte er zurückkommen. Ging es nicht um seine Forschungen, dann waren die Bienen das Thema und natürlich erkundigte er sich akribisch, was Tania so tat, mit wem sie sich traf und was sie vorhatte. Selten fragte er, wie es ihr ging. Wie auf Bestellung meldete ihr Smartphone eine eingehende Textnachricht.

»Hab wie geplant meine zweite Versuchsreihe abgeschlossen, bist du gerade bei den Bienen?« Entnervt verdrehte sie ihre Augen. Bevor sie das Handy ohne zu antworten einsteckte, änderte sie die Einstellungen. Jakob konnte nun nicht mehr erkennen, ob sie seine Nachrichten gelesen hatte. Sie beschloss, die nächsten vierundzwanzig Stunden auf keine seiner Nachrichten zu reagieren.

Sie seufzte, zog eine Pappmappe und den Bleistift aus dem Jutebeutel hervor und begann mit den Eintragungen. Zwischendurch atmete sie tief durch und blätterte ungeduldig eine Seite weiter. So etwas lag ihr einfach nicht, sie brauchte einen Beruf, der nicht so kleinkariert war. Gab es überhaupt einen Beruf, der ihr lag? Sie wollte sich jetzt nicht mit solchen Gedanken den schönen Tag verderben. Eigentlich ging es ihr doch gut, sie hatte ihr Auskommen mit verschiedenen Aushilfsjobs, eine eigene kleine Wohnung und eine Beziehung, die ihr zumindest physisch Freiheiten ließ. Was wollte sie eigentlich mehr? Gedankenverloren ließ sie den Blick über die Kuhweide schweifen. Die schwarzgefleckten Kühe standen in einem Pulk zusammen und schienen sich zu unterhalten. Von ihrem Platz auf der Steinmauer aus konnte sie gut in den Pavillon auf dem Nachbargrundstück hineinblicken. Sie stutzte und sah genauer hin, dort saß ja doch jemand drin.

Es dauerte noch fast zwei Stunden, bis sie alle Arbeiten und Eintragungen vorgenommen hatte. Am Ende war sie ziemlich genervt von allem, der Rainfarn war restlos im Smoker verbrannt, sie hatte keinen Rauch mehr für den letzten Bienenstock und die blöden Bienen von diesem Volk waren sowieso viel aggressiver als alle anderen. Dafür sammelten sie aber auch mehr Honig als die anderen vier Völker zusammen, die Waben waren so voll mit Honig, dass es ihr schwer fiel, die Kästen zu heben. Als sie den Deckel oben aufsetzen wollte, krabbelten immer wieder Arbeitsbienen in den Fugen herum, so dass ihr nichts anderes übrig blieb, als den Deckel beherzt zuzudrücken. Das Knacken der platzenden Bienenkörper verursachte ihr eine Gänsehaut. Es war schon eine eigenartige Natur, die Arbeiterinnen eines solchen Volkes trugen alle das gleiche Erbgut in sich, es ließ sich durch Züchtung vorherbestimmen, wie ruhig ein Volk blieb und ob es viel Honig sammelte. Und jede Biene hatte ihre Aufgabe, Individualität gab es in einem funktionierenden Insektenstaat nicht. Irgendwie war es Jakob auch genug, wenn sie richtig funktionierte, so wie es sich für eine gute Freundin gehörte.

Jetzt hatte sie aber wirklich genug von den Bienen, eilig pellte sie sich aus dem Schutzanzug. Ihr Blick wanderte zum Pavillon hinüber, die Person saß immer noch genauso dort wie vorhin. Weit hinten im Pavillon, auf einer Steinbank, den Oberkörper in der Ecke angelehnt. Unter einem schwarzen Hut mit breiter Krempe ringelten sich einige graue Haare hervor. Die Beine der Person waren von einem langen Rock verdeckt, die Hände lagen im Schoß. Irgendwie mutete die Szenerie gespenstisch an, hier unter diesen alten Laubbäumen. Tania schüttelt den Schauer ab, der ihr unwillkürlich über den Rücken gekrochen war und lachte laut auf. Das Lachen klang in ihren eigenen Ohren hohl und leer in dieser Stille. Sie war auf eine dieser skurrilen Puppen hereingefallen. Dort saß eine dieser Figuren, wie sie auch am Wümmedeich vor einem der Häuser auf der Bank saßen. Etwas unheimlich und gruselig sahen diese lebensgroßen Figuren schon aus, ihr Geschmack war es auf alle Fälle nicht.

2

Als sie wieder im Auto saß, war sie irgendwie erleichtert. Diese Einsamkeit und die komische Puppe mit dem breitrandigen schwarzen Hut waren ihr doch mehr aufs Gemüt geschlagen, als sie sich eingestehen wollte.

Sie blickte abwägend auf die Uhr, gleich halb zwei. Ihre Schicht in der Baguetterie begann in einer halben Stunde, viel Zeit blieb nicht mehr, aber noch genug für einen kurzen Zwischenstopp beim Gemüseladen. Sie brauchte jetzt etwas für ihren nervösen Magen.

Tania ließ den Wagen an und fuhr vorsichtig den kleinen Wirtschaftsweg mit den tiefen Schlaglöchern entlang, ihr kleiner Fiat sollte nirgends aufsetzen. Nach kurzer Zeit mündete der Weg in die Landstraße. Im sonnendurchfluteten dörflichen Zentrum Oberneulands hielt sie vor Dani´s Gemüseladen, Inhaberin Daniela Meininger. Sie freute sich immer noch, dass dieses Geschäft trotz eines gut sortierten Supermarkts um die Ecke vor ein paar Jahren eröffnet worden war. Meistens verlief der Verdrängungswettbewerb heute umgekehrt. Das Gebäude selbst stammte mindestens aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, es war viel zu klein für heutige Ansprüche, aber für diesen rustikalen Ein-Personen-Laden schien es genau das Richtige zu sein.

»Mahlzeit, wie gut, dass Sie in der Mittagszeit nicht schließen.« Tania nickte der kräftigen Dani mit den angegrauten, krausen Haaren zu.

»Das ist doch selbstverständlich, mittags kommen viele Kunden, entweder in der Mittagspause oder auf dem Heimweg von Kindergruppe oder Kita mit den Kids.«

Tania verschaffte sich einen Überblick über die Holzkisten und Weidenkörbe mit kleinen, aber knackig und frisch aussehenden Äpfeln und Birnen.

»Das sind alles alte Sorten, die haben noch richtig Geschmack. Und sie kommen alle aus der Region, wie es heute so schön heißt. In diesem Fall kommen sie wirklich von den Bauern aus dem Umland, ich kenne die Obstbäume sozusagen persönlich.«

Tania überlegte, ob sie sich eine Tüte mit Äpfeln zusammenstellen sollte, entschied sich aber letztendlich doch für die verlockenden Karotten. Sie nahm ein Bund aus der Kiste vor ihr und reichte sie der Frau an, die die Ärmel ihres handgestrickten Wollpullovers inzwischen hochgeschoben hatte. Wie hielt sie es überhaupt bei diesem Wetter in einem solchen Pullover aus?

»Sind die auch von einem Acker hier in der Nähe?«

»Natürlich, die werden von einer Familie angebaut, die hinten an der Wümme nach Feierabend noch den alten familieneigenen Gemüsegarten pflegt. Wir Ökos sind eben Idealisten, man hat ein wenig Einkommen, aber reich werden kann man damit nicht, wir leben für andere Ziele.«

Tania zahlte und nahm die offene Papiertüte mit den Möhren an, das Grün ragte weit heraus.

»Mmmh, die duften ja noch richtig nach Karotten.«

»Ach, ich habe ganz vergessen zu fragen, soll ich das Grün entfernen?«

»Nein, danke, das kann ich gut gebrauchen, ich hüte gerade das uralte Meerschweinchen von meinem Freund.« Tania zögerte kurz. »Aber wären Sie so nett und würden mir zwei Karotten abspülen, ich würde sie gerne unterwegs essen.«

Daniela Meininger verschwand mit einem freundlichen »Selbstverständlich gern!« im hinteren Raum. Man hörte Wasser rauschen und leise Schabgeräusche, dann kam sie mit zwei abgespülten Karotten zurück.

»Ich musste sie an einigen Stellen mit dem Messer etwas schrabben, die gute Erde saß zu fest daran.«

»Vielen Dank, diese Nervennahrung kann ich jetzt gut gebrauchen, denn ich hatte gerade ein gruseliges Erlebnis.«

Die Frau guckte leicht irritiert und Tania biss gierig ein großes Stück ab.

»Karotten knacken so schön beim Kauen und rütteln das Gehirn leicht durcheinander, das hilft mir immer, wenn ich etwas verarbeiten muss. «

Der Blick wurde noch fragender.

Die Tania wusste selbst nicht warum, aber irgendwie hatte sie plötzlich das Bedürfnis, von der komischen Figur und ihren Gefühlen zu erzählen. Dani hörte aufmerksam, ja fast gespannt, zu.

»Sie meinen diesen verwunschenen alten Pavillon mit Blick auf die Weide?«

»Genau den.«

»Und dort sitzt jetzt auch so eine lebensgroße Puppe?«

Tania nickte und erzählte weiter, es gab manche Menschen, die luden dazu ein, ihnen ihr Herz auszuschütten. Dani gehörte eindeutig dazu. Tania fragte sich, was sie sich hier in ihrem Laden wohl schon alles anhören musste. Sie schien aber ernsthaft interessiert zu sein.

»Die Puppe wirkt total skurril, mit dem schwarzen Hut. Ich hätte beinahe meine ganzen Imker-Utensilien fallen gelassen.«

»Ich dachte, der nette junge Mann betreut die Bienen dort, er hält auch manchmal bei mir an und kauft sich was Frisches.« Damit war es also erwiesen, auch Jakob war mit ihr ins Gespräch gekommen.

»Das stimmt, ich vertrete ihn nur, wem gehört eigentlich das Grundstück mit dem Pavillon?«

Danis Gesicht hatte einen unbestimmbaren Ausdruck angenommen, als sie vage antwortete:

»Das sollen sich irgendwelche Leute mit genug Geld zurecht gemacht haben, erzählt man sich.«

»Und kennen Sie die Leute?«

»Kann sein, dass die auch schon mal bei mir eingekauft haben, so genau weiß ich ja auch nicht, wo meine Kunden wohnen. Wie sieht es eigentlich mit dem Honig aus, den könnte ich doch in mein Sortiment aufnehmen.«

Tania blickte sich im Laden um, es stimmte, Honig gab es tatsächlich noch nicht. Da Dani sich augenscheinlich nicht für Ökosiegel interessierte, bot Tania an, in den nächsten Tagen ein paar Probegläser vorbei zu bringen.

Als sie den Laden verließ, kaute sie noch auf den Resten der Karotte herum, nun musste sie sich doch beeilen, ganz pünktlich schaffte sie es nicht mehr zur Arbeit.

3

»Der Cappuccino ist ja total versalzen!«

Tania zuckte zusammen und riss den Blick von ihrem Smartphone los. Jakob schrieb ihr mittlerweile im Viertelstundentakt. Und sie antwortete nicht. Es war wie von selbst passiert, aber sie hatte auf die Bienen-Frage nicht geantwortet. Und auch auf keine weitere Nachricht.

Der einzige Kunde stellte ihr die volle Tasse auf den Tresen, braune Brühe schwappte auf die Untertasse.

»Ich gebe kein Salz in den Kaffee«, erklärte Tania bestimmt.

»Das habe ich selbst besorgt.« Der große sportliche Mann mit den kräftigen, sehnigen Händen hatte wohl doch Humor, denn er stellte den Zuckerstreuer neben den verunglückten Kaffee. Claudia, ihre Chefin, kam interessiert aus der Küche nach vorne.

»Was gibt es denn?«

Tania ließ einige weiße Kristalle aus dem Streuer auf einen Löffel rieseln und probierte ein wenig.

»Salz, mit Zucker, aber eindeutig auch Salz. Entschuldigen Sie bitte vielmals, manchmal haben wir hier Schüler als Gäste, vielleicht hat sich da einer einen Scherz erlaubt.«

Mit dem neuen Cappuccino brachte sie dem Kunden drei Zuckertütchen aus Papier an den Tisch. Dann zog sie eilig alle Zuckerstreuer aus dem Verkehr, die sie heute Mittag als erstes, nachdem sie zu spät zur Arbeit erschienen war, aufgefüllt hatte.

Claudia warf ihr missbilligende Blicke zu, als sie die Zucker-Salz-Mischungen in den Mülleimer

kippte. Dafür war der Kunde so freundlich, die leere Tasse auf die Ablage zu stellen.

»Vielen Dank.«

»Nichts zu danken, wann öffnen Sie eigentlich morgens? Ich werde jetzt ab und zu hier in der Gegend zu tun haben.« Tania reichte ihm den Flyer mit den Öffnungszeiten und dem Speiseangebot, dabei meinte sie zu merken, dass sein Blick eher auf ihr selbst ruhte, als dass er den Prospekt beachtete.

Als er gegangen war, fragte sie sich, ob ihre Sinne an diesem Tag gestört waren, erst die Sache mit der Figur im Pavillon, dann das nette Gespräch mit der ihr fremden Gemüsefrau, jetzt dieser Kunde mit seinen Blicken und zwischendurch noch der verwechselte Zucker. Wahrscheinlich lag das alles daran, dass es sie viel zu viel Energie kostete, Jakobs Nachrichten nicht zu beantworten. Und trotzdem war es richtig, das fühlte sie, sie musste sich Abstand verschaffen, damit sie ihre eigenen Gefühle und Wünsche endlich sortiert bekam. Jakob, wie aus heiterem Himmel durchzuckte sie die Erkenntnis, dass sie seine wichtige Mappe mit den Beobachtungen bei den Bienen vergessen hatte. Und nachts sollte es kräftig regnen. Das war ein toller Tag, wo sollte das noch hinführen?

Die folgenden Stunden war sie damit beschäftigt, den Kundenansturm zu bewältigen, alle Welt wollte diesen lauen Septembertag auf der Terrasse der Baguetterie ausklingen lassen. Da sie zum Dienstantritt zu spät erschienen war, konnte sie schlecht darum bitten, früher zu gehen. So beobachtete sie mit gemischten Gefühlen die dunklen Wolken, die sich langsam zu einer tiefen, unheimlichen Masse zusammenschoben. Von Ferne grollte immer mal wieder ein leiser Donner und im Radio wiederholte sich die Warnung vor örtlichen Gewittern mit schweren Sturmböen und Starkregen.

Als Tania endlich, nach heißem Käse und süßen Crêpes stinkend, wieder im Wagen saß, lauerte sie skeptisch auf die ersten dicken Regentropfen auf der Windschutzscheibe. Die blieben aber aus, während sie auf schnellstem Weg zu den Bienen fuhr. Sie war so angespannt, dass ihr Nacken wieder zu schmerzen begann. Der kleine, buckelige Wirtschaftsweg war auch mit Hilfe der Scheinwerfer kaum noch zu sehen, sie tastete sich die letzten Meter mit dem Wagen vorsichtig voran, die dunklen Bäume hoben sich gerade noch vom düsteren Himmel ab.

Wie gut, dass sie auf ihrem Handy eine Taschenlampen-App hatte, so konnte sie den Rest des Weges zu den Bienen zu Fuß zurücklegen, ohne sich die Beine zu brechen. Ab und zu fuhr eine Windböe kräftig in die dicken Äste der Baumkronen, dann war es wieder ganz still, wie die Ruhe vor dem Sturm. Knackte da jemand hinter ihr? Erschrocken blieb sie stehen und deckte das Licht ab. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie meinte, es zu hören. Leise bewegte sie sich weiter voran und blieb immer wieder zwischendurch stehen um zu lauschen. Sie war schon eine alberne Gans, nur weil es dunkel war, machte sie sich in die Hosen. Jetzt klatschten die ersten dicken Tropfen laut auf das Blätterdach der Bäume. Augenblicklich verstummte das leise Fiepen einer Maus. Am Rand zur Wiese, wo die Bienenkästen standen, war es glücklicherweise etwas heller - und man konnte die Wassermassen sehen, die vom Himmel fielen. Jetzt aber schnell, dachte Tania, denn die Bäume schützten vor einem solchen Wolkenbruch nur kurz. Der Wind frischte wieder auf. Und richtig, dort auf der verwitterten Mauer, wo sie am Mittag in Ruhe ihre Eintragungen vorgenommen hatte, lag unschuldig der Jutebeutel mit der Pappmappe. Sie griff ihn, gleichzeitig schüttelte eine Sturmböe das ganze Wasser aus der Baumkrone über ihr. Es gelang ihr gerade noch, die kostbare Mappe vor den Bauch zu halten und sich schützend darüber zu beugen. Vor ihr krachte ein dicker Ast zu Boden. Instinktiv rettete sie sich unter das nächste zur Verfügung stehende Dach: Als sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, stand sie schon im alten Pavillon, direkt neben der skurrilen Figur. Grübelnd betrachtete sie die Wasserlache, die sich unter ihr bildete. Draußen war es wieder etwas heller geworden, aber es stürmte und regnete noch stärker. Das Wasser verteilte sich auf dem Boden und kroch am Rocksaum von dieser komischen Frauenfigur hoch.

Tania schüttelte sich, da hatte sie ja gerade nochmal Glück gehabt. Wenn der dicke Ast ihren Kopf getroffen hätte, darüber mochte sie nicht nachdenken. Ihr wurde erst so langsam klar, in welche Gefahr sie sich begeben hatte, nur um diese blöden Aufzeichnungen zu holen. Sie hängte den Beutel, der kaum einen Spritzer abbekommen hatte, an einen rostigen Nagel an der hinteren Wand. Sie selbst merkte, wie ihr die kalte Nässe vom Rücken aus überall hin kroch. Prima Kur für ihren verspannten Nacken.

Notgedrungen setzte sie sich an die äußerste Kante der Steinbank und starrte in das Unwetter. Angst vor irgendwelchen Mitmenschen, die jetzt im Wald herumstreunten, brauchte sie bei diesem Wetter jedenfalls nicht mehr zu haben. Es war sowieso Quatsch, warum war sie bloß so ängstlich? Es war doch alles eine Frage der Sichtweise. Hier in diesem Pavillon, abgeschirmt durch das Unwetter, fühlte sie sich plötzlich geborgen. Was war sie bloß für eine dumme Kuh, sie hütete Jakobs Meerschwein, seine Bienen und versuchte sonst auch, ihm alles recht zu machen. Und wenn sie mal einen Fehler machte, rannte sie los und versuchte, es wieder gut zu machen. Und feige war sie außerdem. Anstatt auf sein Nachrichten-Bombardement mit Worten zu reagieren, ihm Paroli zu bieten, schwieg sie still vor sich hin. Es reichte jetzt! Wütend schlug sie die flache Hand gegen die Steinmauer. Dabei verrutschte der schwarze Hut ihrer Banknachbarin. Ganz wie es ihre Gewohnheit war, wollte sie ihn wieder zurecht rücken. Mitten in der Bewegung erstarrte sie. Wie blöd war sie eigentlich? Der Hut war sowas von hässlich und unheimlich, der passte nicht an so einen schönen Ort. In hohem Bogen segelte der Hut in den Regen und wurde augenblicklich zu Boden gepeitscht.

Ohne Kopfbedeckung sah die Figur auch nicht besser aus, Tania betrachtete mit Widerwillen im Halbdunkeln den altmodischen Rock und die geblümte Bluse mit dem weißen Kragen, den man jetzt, da der Hut fehlte, genauer sehen konnte. Die anheimelnde Stimmung war verdorben, ihr kroch wieder ein kalter Schauer über den Rücken. Die Figur sah aber auch so widerlich echt aus. Sie musste die dunklen Gedanken aus ihrem Kopf endlich vertreiben, da half nur eins: Sie startete wieder ihre Taschenlampen-App, richtete den Lichtschein auf das Gesicht der Figur - und erstarrte. Das linke Augenlid hing in angefressenen Fetzen herab und gab den Blick auf ein glasiges, totes Auge frei. Der Unterkiefer hing schief herunter und eine bläuliche, aufgequollene Zunge drängte eine strahlend weiße Prothese aus dem Mund.

Das Smartphone schlug in die Pfütze auf dem Betonboden, das Licht erlosch.

Dann rannte Tania los. Quer durch Sträucher und Büsche, riss sich von Brombeerranken los, stieß sich den Kopf an tief hängenden Ästen, musste kurz anhalten, weil sich der Würgreiz nicht mehr unterdrücken ließ und hetzte weiter. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte sie ein Auto, kurze Zeit später sah sie auch die dazu gehörenden Scheinwerfer. Ohne nachzudenken sprang sie aus dem Gebüsch auf die Straße.

4

Der junge Kriminalkommissar Patrick Burkhardt knallte die Bürotür lauter hinter sich zu, als es ihm mit seiner gerade sechs Wochen andauernden Amtszeit auf Probe zustand. Seit dem ersten August war er im Amt. Und schon wieder war er mit seinem Vorgesetzten zusammengestoßen, der ihn von Anfang an auf das Abstellgleis geschoben hatte. Dafür gab es keinen Grund, aber Arbeit genug. Warum sollte er gerade heute wieder Innendienst schieben, während es große Unruhe in der Stadt durch die Fehde zweier Großfamilien gab. Alle anderen diensthabenden Kollegen waren mit dieser Sache beschäftigt, oder sie ermittelten in zwei anderen Fällen von Mord oder Totschlag. Er war doch nicht zur Mordkommission gekommen, um sich mit seinen neunundzwanzig Jahren ins Büro verbannen zu lassen.

Lustlos blätterte er durch den Papierstapel, mit dem er sich heute Abend vergnügen durfte. Es handelte sich um längst abgearbeitete Angaben von Zeugen in alten Fällen, die noch in die Datenbank eingepflegt werden mussten. Die Fälle lagen auf Eis, die Polizei war mit ihrem Latein am Ende. Burkhardt war davon überzeugt, dass jede Schreibkraft seine Tätigkeit übernehmen könnte, damit er Zeit für einen einzigen dieser Altfälle hatte. Seufzend loggte er sich ins System ein und ging in die Teeküche, für diese stupide Arbeit brauchte er mehr als nur eine Tasse Kaffee. Da er sich kaum überwinden konnte anzufangen, blieb er noch eine Weile mit der Dose Energy-Drink aus dem Kühlschrank am Fenster stehen. Der Parkplatz wurde von einigen rechteckigen Leuchten an dünnen, langen Metallpfählen, erleuchtet. Schnell war das Weißblech der Dose in seiner Hand vom ersten feinen Kondenswasser überzogen. Während seine Hand angenehm gekühlt wurde, betrachtete er die großen Pfützen, die das Unwetter auf dem Betonpflaster hinterlassen hatte. Es war mit unerwarteten Regenmengen über Bremen hereingebrochen und urplötzlich wieder verstummt.

In seiner Bürotür prallte er fast mit seinem Vorgesetzten, Holger Arndt, zusammen. Was wollte der denn schon wieder von ihm.

»Warum sind Sie nicht an Ihrem Platz, wenn sie im System eingeloggt sind? Das ist gegen die Vorschriften!« Arndts rötlicher Vollbart, der an einen stolzen Wikinger erinnerte, erzitterte.

Wurde das jetzt Schikane oder bloße Kontrolle?

Burkhardt sagte vorsichtshalber nichts sondern rieb sich abwartend über das glattrasierte Kinn. Wenn er Spätdienst hatte, rasierte er sich vor Dienstantritt, damit er sich nicht am Ende seiner Schicht in den frühen Morgenstunden wie ein unrasierter Penner fühlte.

Wie zwei Stiere standen sie sich gegenüber, bis Arndt kurz hervorstieß: »Los, loggen Sie sich wieder aus, Sie müssen nach Oberneuland, dort gibt es wohl eine Leiche.«

Damit wandte er sich um und verschwand wieder in seinem eigenen Büro.

»Das war kein Wort zu viel«, ärgerte sich Burkhardt. Er konnte es sich aber gut vorstellen, die Streifenwagen waren wegen überschwemmter Straßen und umgestürzter Bäume im Einsatz, alle Kommissare der Mordkommission mit wichtigen Aufgaben betraut, da schickten sie ihn zu seinem ersten Einsatz alleine los.

Wie beschrieben stand der VW Golf eines Objektschutz-Unternehmens mit Warnblinklicht auf dem Bürgersteig an der Oberneulander Landstraße vor dem Haus mit der Nummer 51. Die Hausnummer war auch in der Dunkelheit sehr gut zu erkennen, weil die alte Villa mit Strahlern wie ein Baudenkmal beleuchtet war. Auch im parkähnlichen Vorgarten hatten Lichtkünstler ihre Akzente gesetzt, Skulpturen schimmerten dezent violett und die Fontänen im recht üppigen Gartenteich schillerten in Regenbogenfarben. Ein Rettungswagen war noch nicht eingetroffen.

Burkhardt stieg aus dem Zivilfahrzeug, zog die dunkelbraune hüftlange Lederjacke glatt und ging auf einen kleinen, noch sehr jung wirkenden Mann zu, der jetzt aus dem Golf stieg. Er sah nur zur Hälfte seriös aus, denn zur typischen Cargohose mit Emblem eines Objektschutzunternehmens trug er lediglich ein enges, weißes Muscle-Shirt.

»Moin, mein Name ist Burkhardt, Kriminalpolizei Bremen«, er hielt seinen Polizeiausweis hoch, »haben Sie die Polizei informiert?«

Der junge Mann, augenscheinlich südländischer Abstammung, nickte.

»Ja, mein Name ist Hassan Domoglu, sie kam direkt dort zwischen den Sträuchern hervor.«

Er deutete den entsetzten, suchenden Blick des Polizeibeamten richtig.

»Nein, nein, ich konnte rechtzeitig bremsen, sie heißt übrigens Tania Redleffs, sie ist zwar nass und friert, aber ihr ist nichts passiert. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz, ich habe ihr meine Uniformjacke und das Hemd gegeben.« Er hob die Schultern. »Sie hat wohl in dem Wäldchen eine Leiche gefunden.«

Burkhardt trat an die Beifahrertür und eine junge Frau mit halblangen, in nassen Strähnen ins Gesicht hängenden Haaren öffnete das Fenster.

»Endlich, sind Sie von der Polizei?« Sie konnte vor Zittern kaum sprechen.

»Entschuldigen Sie, wenn ich nicht aussteige, aber ich habe fast nichts mehr an«, ihre Zähne schlugen unrhythmisch aufeinander, »die Leiche ist dort ganz am Ende des Grundstück, das zu dieser beleuchteten Villa gehört. Dort gibt es einen kleinen Pavillon, da sitzt sie drin, man muss nur diesem kleinen Weg dort folgen.«

Burkhardt musste etwas seltsam geguckt haben, jedenfalls ergänzte sie: »Ja, sie sitzt dort auf einer Bank, an die Wand gelehnt wie eine Puppe.«

Der Kriminalbeamte schien immer noch nicht so recht überzeugt zu sein, also ergänzte sie ihre Angaben.

»Ich habe diesen schwarzen Hut zufällig heruntergestoßen, als ich im Pavillon Schutz vor dem Unwetter gesucht habe. Da habe ich das angefressene Gesicht gesehen.«

Sie öffnete ruckartig die Wagentür und übergab sie sich.

Burkhardt konnte gerade noch einen Schritt zurücktreten, er glaubte, dass seine Schuhe keine Spritzer abbekommen hatten. Er überlegte die Spurensicherung zu rufen, entschied sich aber vorher zu einem ersten Inspektionsgang. Das wäre für seine Kollegen ein gefundenes Fressen, wenn es gar keine Leiche gab. Aber die Reaktion der Frau ließ auf ein wirklich erschreckendes Erlebnis schließen. Er erkundigte sich in der Zentrale nach dem Verbleib des Rettungswagens und nahm dann den starken Strahler aus dem Kofferraum.

»Warten Sie, ich begleite Sie«, Hassan Domoglu folgte ihm mit langen Schritten und hielt seinerseits ebenfalls eine starke Taschenlampe in der Hand.

5

Tania erlebte die folgende halbe Stunde wir im Zeitraffer, der Kriminalbeamte verschwand mit einem langgezogenen hellen Lichtkegel vor den Füßen zwischen den dunklen Bäumen, der nette junge Türke, in dessen Dienstwagen sie saß, rannte mit einer eigenen Taschenlampe hinter ihm her. Dann geschah lange Zeit nichts, bis es plötzlich von Streifenwagen wimmelte. Sie parkten mit eingeschaltetem Blaulicht kreuz und quer die Straße zu. Schließlich tauchten auch die Leute von der Spurensicherung in VW-Bussen auf, die wie im Film in ihre weißen Anzüge schlüpften und mit Alukoffern und großen Strahlern im Wald verschwanden. Dann sah sie den Kommissar von vorhin wieder, der an der herrschaftlichen Eingangstür des Hauses Nummer 51 klingelte. Niemand öffnete ihm. Was für ein Wunder, dachte Tania, falls dort jemand zu Hause war, hätte er oder sie wohl inzwischen was von dem Riesenzirkus im Garten mitbekommen.

Langsam wurde ihr wieder wärmer, dank der Sitzheizung, die Hassan Domoglu für sie auf die höchste Stufe gedreht hatte.

Als zu guter Letzt der bestellte Krankenwagen doch noch auftauchte, ging es ihr schon wieder einigermaßen gut. Dankend nahm sie die beiden angebotenen Decken an, lehnte aber jede weitere Hilfe ab.

Hassan pfiff leise durch die Zähne, als er aus dem Dunkel zurückkehrte und sah, wie sie sich, oben ohne, eine Decke um die schmalen Hüften wickelte.

»Hey, das ist ja ein ganz anderes Bild, so gefällst du mir schon viel besser.«

Okay, das konnte man als sexistisch auslegen, aber es tat ihr unendlich gut, dass er so etwas wie Normalität mitbrachte. Schnell zog sie sich die zweite Decke um die Schultern und hielt sie vorne zusammen, so dass sie sich wieder fast wie angekleidet fühlte.

»Vielen Dank für die Uniformjacke, und für das Hemd.«

Zweifelnd betrachtete er beides im Licht seiner Taschenlampe. »Ist gar nicht so nass, für den Rest der Nacht wird es schon gehen.«

»Du willst jetzt noch weiterarbeiten?«

»Klar, ich will doch meinen Job nicht verlieren. Wenn ich mich beeile, schaffe ich meine Runde noch.« Bewundernd betrachtete sie seinen entschiedenen, ernsten Blick, der sehr gut zu seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen passte. Er wirkte noch sehr jung, sie schätzte ihn auf höchstens zwanzig. Sie kam sich mit ihren fünfundzwanzig Jahren viel älter und reifer vor.

»Hast du die Leiche richtig gesehen?«

»Klar, die sah ja echt fies aus, aber ich war wenigstens vorgewarnt.«

Tania stand unschlüssig mit den Decken neben dem Wagen. Es war was dran, geteiltes Leid ist halbes Leid. Die Erinnerung hatte augenblicklich etwas von ihrem Schrecken verloren, seitdem sie wusste, dass Hassan das Gleiche wie sie gesehen hatte. Das war wieder mal nur psychisch, eigentlich mit nichts zu begründen.

»Komm, steig ein, ich nehme dich noch ein Stück mit, an dein Auto kommst du die nächsten Stunden nicht ran, das ist aussichtslos.«

Dankbar nahm sie mit ihren Decken auf den Beifahrersitz Platz.

»Ach, hier ist auch dein Handy. Ist nur etwas Kunststoff vom Rand abgeplatzt.«

Erstaunt nahm sie das Gerät in Empfang. Das Wasser war anscheinend nicht eingedrungen, jedenfalls startete das Display sofort und gab den Blick frei auf viele neue Nachrichten von Jakob, und leider auch auf eine wunderschöne Spiderman-App.

»Tja, da ist wohl ein neues Display fällig.« Missbilligend strich sie über die feinen Risse, die sich von der oberen rechten Ecke ausgebreitet hatten. Wenigstens schien der Touchscreen trotzdem noch zu reagieren.

Hassan startete den Wagen und fuhr langsam los.

»Woher wusstest du, dass es mein Handy ist?«

»Na, ich musste doch mit meinem eigenen Handy die Polizei rufen, weil du deins in den Pavillon geschmissen hattest«.

Stimmt, das hatte sie ihm bibbernd und klappernd erzählt, nachdem sie ihm vors Auto gesprungen war. »Aber durftest du das einfach so vom Tatort mitnehmen?« Sie musste an den Jutebeutel mit den Aufzeichnungen von Jakob denken, der am rostigen Nagel hing und nicht in der Asservatenkammer der Polizei enden sollte, frei nach dem Motto Mord unter Bienenforschern.

»Ich habe gedacht, wenn die alle so lahm sind wie dieser Polizist, dauert es Monate, bis du das Gerät wieder hast, und das ist überflüssig und nervig. Wer fragt ist selber schuld. Ich konnte es aufheben, ohne den Pavillon zu betreten, es lag ziemlich weit vorn. Ich wollte dort ja keine Spuren hinterlassen.«

»Und der hat nichts gesagt?«

»Der hat es nicht mal gemerkt, der war noch damit beschäftigt, sein Kinn zu massieren und die Autonummer von deinem Wagen zu notieren, als ich schon längst am Pavillon war.«

»Der Wagen ist auf den ehemaligen Lebensgefährten meiner Mutter zugelassen, war billiger.«

Sie konnte sich ein Grinsen darüber nicht verkneifen, so schnell konnte eine Spur in die Irre führen. Sie überlegte, was Hassan wohl dazu getrieben hatte, sich die Leiche anzusehen, verschob die Frage aber, weil ein Taxistand in Sichtweite war.

»Vielen Dank fürs Mitnehmen, hier kann ich in ein Taxi umsteigen.«

»Lass mal, wohin musst du denn?«

Sie nannte ihm ihre Adresse in Osterholz Tenever.

»Das ist nicht mehr weit, da bringe ich dich noch hin.«

Den Rest des Weges plauderten sie über den Pavillon und die Leiche, fast so, als ob sie sich über einen interessanten Film unterhielten. Es dauerte nicht lange, bis sie vor ihrem rot verklinkerten Mehrfamilienhaus hielten. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft hatte diese vierstöckigen Wohnblocks aus den Siebzigern nach und nach saniert und die reparaturanfälligen Flachdächer durch richtige Dächer ersetzt. Jetzt sah es in diesen Straßenzügen ganz hübsch aus, wenn auch der Blick auf die benachbarten hohen Wohntürme des gescheiterten Demonstrativbauvorhabens der Siebziger Jahre blieb. Aber die Miete war bezahlbar und Tania fühlte sich hier in dieser Mischung aus Bodenständigkeit und wirrem Multi-Kulti wohl.

Sie angelte ihre klitschnassen Kleidungsstücke aus dem Kofferraum, während Hassan seine Dienstkleidung vom Rücksitz zog und zweifelnd im Licht der Straßenlaterne betrachtete. Hier schien es weniger geregnet zu haben, denn die Pfützen waren nur noch große feuchte Flecken auf dem Asphalt.

»Sag mal, hast du einen kräftigen Föhn oder ein Bügeleisen?«

Tania warf einen Blick auf die Uniformjacke, sie war hell beige und die dunklen Spuren von ihrem nassen Slip zeichneten sich wie die Silhouette einer Möwe auf dem Rücken ab. Richtig chic, auch das Hemd wies riesige dunkle Flecken auf.

Ihre alte Nachbarin wünschte ihnen leicht spöttisch »guten Abend«, als sie in diesem Aufzug durch das Treppenhaus marschierten.

6

Kommissar Burkhardt rieb sich grübelnd das Kinn, als er um fünf Uhr morgens seinen vorläufigen Bericht auf dem Schreibtisch liegen hatte. Die kurzen Bartstoppeln zeigten an, dass seine Schicht nicht mehr lange dauerte. Wenn er die Geschehnisse Revue passieren ließ, konnte er zufrieden mit sich sein. Er hatte überlegt und systematisch gearbeitet, nachdem der Leichenfund verifiziert war. Die Spurensicherung war von ihm instruiert worden und jetzt mussten nach und nach die einzelnen Spuren abgearbeitet werden. Zum Beispiel gab es dort diese Kunststoffsplitter zu Füßen der Leiche und auf den Inhalt des Stoffbeutels war er auch schon gespannt. Derzeit befand sich alles in Obhut der Spurensicherung. Die Leiche musste etwa einen Tag dort gesessen haben, so wenigstens die vorläufige Einschätzung des Rechtsmediziners. Und es war von einem unnatürlichen Todesfall durch Vergiftung auszugehen. Die besondere Verfärbung der Nagelbetten hatte den Mediziner stutzig gemacht. Jetzt hatte Burkhardt endlich seinen ersten richtigen Fall, den konnte ihm niemand mehr nehmen.

Bevor er ging, klopfte er bei seinem Vorgesetzten an, um ihm persönlich die wichtigsten Informationen mitzuteilen.

»Ja, was gibt es?«

»Haben Sie meinen Bericht schon in Ihrem Postfach gesehen?«

Holger Arndt, der eine gehörige Leibesfülle vom Stress, vom Schichtdienst und vom großzügigen Verzehr süßer belgischer Schokoladenpralinen besaß, sah mit seinem Vollbart wie ein Wilder aus.

Jetzt schüttelte er bedächtig den Kopf und ließ seufzend Luft durch seine gewaltige Nase entweichen.

»Den sehe ich mir nachher noch an, bevor ich gehe. Wichtig ist, dass Sie schnell den Täter ermitteln, falls es nicht doch ein inszenierter Selbstmord war«, Arndt legte die Stirn in Falten und klickte während er sprach mit seiner Maus herum, »ist ja jetzt groß in Mode, dass man selbst das Leben beendet, wenn man nicht mehr will. So von wegen Tod auf Verlangen oder Sterbehilfe für alle.« Arndt hatte anscheinend doch seinen Bericht geöffnet, jedenfalls ruhte der Dialog einige Sekunden, bevor er meinte: »Am besten, Sie behalten die Foren im Internet und Youtube ein wenig im Auge.«

Das war typisch sein Vorgesetzter, er gönnte ihm keinen Mord.

»Und passen Sie auf, dass keine Hysterie ausbricht, das erschwert die Ermittlungen ungemein.«

Arndt wendete sich ab, ergänzte aber noch: »Geben Sie keinerlei Fotos der Leiche an die Presse, nach der Schilderung in Ihrem Bericht würde das den ganzen Stadtteil zum Beben bringen. Die Identität der Toten werden Sie schon so herausbekommen.«

Von Burkhardt wurde kein Wort mehr erwartet, das war deutlich, also schloss er leise grußlos die Tür und machte Feierabend beziehungsweise Feiermorgen.

7

Burkhardts nächste Schicht begann erst am Abend, aber ihn hatte das Jagdfieber gepackt. Mühsam hatte er sich vier unruhige Stunden Schlaf abgerungen, einen starken Kaffee getrunken und war jetzt schon wieder fast beim Polizeipräsidium.

Die stummen Passanten mit ihren auf den Boden gerichteten Blicken in der feuchten, kühlen Luft berührten ihn nicht. Burkhardt sprühte vor Energie. Auf dem Weg deckte er sich in der nahen Bäckereifiliale mit überbackenen Käsebrötchen und einer Plastikschale Salat ein. Um dreizehn Uhr saß er kauend und voller Tatendrang an seinem Rechner.

Jetzt galt es, einen Plan zu erstellen, damit er sich nicht in einseitigen Ermittlungen verstrickte. In diesem Fall entschied er, am Ausgangspunkt zu beginnen, danach konnte er spiralförmig die weiteren Anhaltspunkte abarbeiten. Der zentrale Punkt blieb die Identifizierung der Toten. Dafür waren die wichtigen Schritte weitestgehend automatisiert. Die Eingabe der Merkmale war von der Gerichtsmedizin noch in den frühen Morgenstunden vorgenommen worden, wie er zufrieden bemerkte, als er den Fall aufrief. Als verantwortlicher Kommissar war er dafür zuständig, dem Fall einen prägnanten Namen zu geben, so dass sich die Kollegen keine unpersönlichen Aktenzeichen einprägen mussten. Spontan tippte er Pavillon in die Eingabemaske. Das passte, die Tote im Pavillon war sein erster richtiger Fall. Er klickte durch die vorläufigen Untersuchungsergebnisse, der Abgleich mit aktuellen Vermisstenmeldungen hatte bisher keine Übereinstimmungen geliefert. Es wurde in Bremen und Umgebung keine etwa siebzigjährige, korpulente Frau mit auffallend langen grauen Haaren vermisst. Aber das bedeutete nicht viel, außer dass es sich nicht um eine aus einem Altenheim entkommene verwirrte alte Dame handelte. Die Meldung vom Leichenfund verbreitete sich derzeit über Radio und Regionalfernsehen, die Chancen standen sehr gut, dass jemandem auffiel, seine alleinstehende Nachbarin schon einige Tage nicht mehr gesehen zu haben. Außerdem blieben die Operationsnarbe im Bauchbereich sowie der Zahnstatus, beziehungsweise die Prothese, um die Identifizierung abzuschließen.

Zum Ausgangspunkt der Ermittlungen zählte auch der Fundort, in diesem Fall der Gartenpavillon des Immobilienunternehmers Johannes Marwede und seiner Frau Ruth. Zeugenaussagen zu Folge befanden sich die beiden auf einer mehrwöchigen Karibik-Kreuzfahrt, wurden aber morgen zurück erwartet.

Immobilien Marwede, dort konnte er sich später umsehen, wenn er mit der jungen Zeugin von gestern Abend gesprochen hatte. Sie hatte was vom schwarzen Hut erzählt, wahrscheinlich meinte sie dieses schwarze, aufgeweichte Etwas, dass zertrampelt vor dem Pavillon gefunden wurde. Auch musste er für alle Fälle ihre DNA bestimmen lassen, um sie von den wichtigen Spuren trennen zu können. Burkhardt strich sich über sein Kinn und suchte nach den Daten der Zeugin, fand aber nichts.

Als er in der Nacht zu seinem Wagen zurückgekehrt war, stand zwar noch der Rettungswagen dort, die Zeugin und auch dieser Objektschützer waren aber nicht mehr da gewesen. Wieso war sie überhaupt im Dunkeln dort im privaten Pavillon gewesen? Und wie war sie dort hingekommen? Der einzige Wagen, der dort auf dem Waldweg stand, gehörte einem Maximilian Röder aus Oyten bei Bremen. Zu dem musste er später auch noch Kontakt aufnehmen. Die Regentropfen auf der Motorhaube waren ungleichmäßig getrocknet gewesen, als er die Autonummer zum Abgleich weitergegeben hatte. Ein sicheres Zeichen, dass der Motor noch warm, also der Wagen erst kurz vorher dort abgestellt worden war.

8

Tania taperte im Schlafanzug in die Küche und kochte sich einen starken Kaffee, sie hatte ausgesprochen schlecht geschlafen. Sie fühlte sich völlig schlapp und trotzdem unruhig und aufgekratzt. Eigentlich musste sie heute planmäßig die Bienenstöcke in Lilienthal kontrollieren, aber es war ihr ganz recht, dass sie das nicht schaffen konnte. Dazu brauchte sie ihr Auto, und das stand leider noch in Oberneuland, sie schüttelte sich schon bei dem Gedanken, allein zu Fuß in diesen dunklen Park zu gehen, um den Wagen zu holen. Sie drückte das Sieb ihres Kaffeebereiters nach unten und goss das tiefschwarze Gebräu in einen großen Becher. Sie gab ausnahmsweise üppig Milch und Zucker dazu und stellte sich wie sie war mit ihrem knappen Höschen und dem kurzärmeligen Sleep-Shirt auf den Balkon. Der Himmel wies das typische Bremer Einheitsgrau auf. Es war empfindlich kalt geworden im Vergleich zum Vortag. Als sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte, war sie ein Eiskloß, aber wenigstens fühlte sich ihr Kopf jetzt klarer an. Sie wischte den Gedanken beiseite, sich heute in der Baguetterie krank zu melden. Was sollte sie auch allein den ganzen Tag zu Hause vor sich hin grübeln. Sie kannte die Tote ja nicht mal, eigentlich ging es sie nichts an und sie durfte sich auf keinen Fall von diesem Erlebnis aus der Bahn werfen lassen.

Sie befasste sich mit dem Fahrplan und stellte fest, dass sie mit dem Bus eine Ewigkeit bis zu ihrem Wagen brauchen würde, sie entschied sich also für ihr Fahrrad. Genauer gesagt für das Klapprad, welches ihr Jakob geschenkt hatte. Diese neue Generation der Falträder war echt chic und das Rad ließ sich mit wenigen Handgriffen auf Sporttaschengröße zusammenfalten. Klein genug, um mit der Bahn ohne Zusatzkosten als Gepäck mitgenommen zu werden. Tania rollte mit den Augen, das war wieder so ein Versuch von Jakob, sie gegen ihren Willen zu einem bestimmten, aus ökologischer Sicht sinnvollen Handeln zu animieren. Tania hasste das Bus- und Zugfahren, sie gab ihr Auto ganz sicher nicht auf. Aber in diesem Fall war das Rad echt praktisch, denn es passte für die Rückfahrt bequem in den Kofferraum.

Eine halbe Stunde später fühlte sie sich nach einer Dusche viel frischer. Sie zog zu den ausgewaschenen engen Jeans und dem dünnen Sweatshirt ihre Windjacke mit den breiten Streifen an. Dann trug sie das zusammengeklappte Rad die Kellertreppe hinauf. Das musste sie ihrem Freund ja lassen, er hatte ein wirklich hochwertiges Modell ausgewählt. Sie widerstand dem Impuls, ein Selfie mit dem fertig aufgebauten Rad aufzunehmen und es Jakob zu senden. Sie hatte sich vorgenommen, dass sie vierundzwanzig Stunden »ohne« schaffen wollte, einen Tag ohne Kommunikation mit Jakob. Da hatte er mal Zeit zum Nachdenken, wenn er ohne Nachrichten von ihr auskommen musste. Als sie diesen Entschluss gefasst hatte, konnte sie ja nicht ahnen, dass sie neben seinen Bienen auf eine Leiche stoßen würde. Aber er konnte sowieso nicht kommen um ihr zu helfen, sie musste so oder so allein ihren Wagen holen, alle Gespräche mit ihm konnten sie allenfalls psychisch unterstützen. Und wie das mit dem subjektiven Geborgenheitsgefühl war, hatte sie gestern im Pavillon sehr gut vor Augen geführt bekommen. Sie schüttelte in Gedanken an die gespenstische Szenerie ihren Kopf, als sie sich am späten Vormittag auf ihren rot- und chromglänzenden Drahtesel setzte. Der Weg führte sie am menschenleeren Hodenbergerdeich entlang in Richtung Oberneuland. Feuchter Dunst hing über den Wiesen. Nur einmal wurde sie von einem großen Traktor überholt. Als sie an dem Haus vorbeikam, vor dem die lebensgroßen Figuren auf einer Bank saßen, wendete sie ihren Blick schnell ab. Auch im Nachhinein fühlte sie sich bestätigt, dass die tote Frau im Pavillon so wie eine dieser Puppen ausgesehen hatte.

Sie nutzte einen kleinen Fußweg, der den Park, in dem ihr Auto stand, mit dem Deich verband. Auf diese Weise näherte sie sich von der anderen Seite ihrem Fiat, sie hoffte, ihre Erinnerungen im Zaum halten zu können. Der Weg war sehr schmal und matschig, so dass sie schon nach kurzer Zeit absteigen und schieben musste. Sie näherte sich langsam den hohen Bäumen, der graue Himmel schien sich langsam dunkler zu färben und der Park wirkte düster, da gab es nichts zu beschönigen.

Sie hörte das Knacken der kleinen Äste unter ihren Turnschuhen, obwohl sie vom Regen durchgeweicht waren. Das Rascheln der Blätter war eher ein Schmatzen. Sie blieb unwillkürlich stehen und horchte in den Park hinein. Wenigstens sorgte der leichte Wind für ein Hintergrundrauschen der Blätter. Sie schob ihr Rad energisch weiter, es konnte nicht mehr weit sein. Dort hinten kamen schon die Bienenkästen in Sichtweite. Sie blieb wieder stehen und lauschte. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf, immer diese Psychospielchen. Energisch schob sie weiter bis zu den Bienen, wo sie sich vergewisserte, dass das Unwetter keinen Schaden angerichtet hatte. Es sah aber alles gut aus, so setzte sie ihren Weg zögernd fort. Den leeren, mit Flatterband abgesperrten Pavillon streifte sie nur aus versehen mit einem Seitenblick, dann konzentrierte sie sich auf die wenigen Meter Waldpfad bis zu ihrem Wagen. Erleichtert stellte sie fest, dass der weiße Punto keinen Ast aufs Dach bekommen hatte.

Als erstes öffnete sie den Kofferraum. Auf einmal fühlte sie sich beobachtet, vorsichtig und langsam sah sie sich um, konnte aber nichts und niemanden entdecken. Ihr war unwohl, als sie sich zum Fahrrad hinunter beugen musste, um die Arretierung zu lösen. Kurzentschlossen dreht sie das Rad so, dass sie ihren Wagen hinter sich hatte, es musste sich um einen Urinstinkt handeln, dass man einem Gegner niemals den ungeschützten Rücken darbieten wollte. Sie lauschte angestrengt, bevor sie sich wieder mit dem Rad beschäftigte. Sie klappte das Rad zusammen und legte es dreckig wie es war in den Kofferraum. Alle Vorsätze, es abzuwischen waren von der Angst vertrieben. Tania setzte sich so schnell es ging hinter das Steuer und drückte die Zentralverriegelung, so fühlte sie sich schon einigermaßen sicher. Nun durfte sie sich auf dem Weg zur Landstraße bloß nicht in einer der Matschpfützen festfahren oder an einem umgestürzten Baum scheitern.

Als sie wenige Minuten später glücklich die Landstraße erreicht hatte, merkte sie, dass ihr Rücken und die Achseln eine kalte nasse Fläche bildeten. Der Angstschweiß war ihr aus allen Poren gebrochen. Sie wischte sich ihre feuchten Handflächen an der Jeans ab, bevor sie den abgewürgten Motor wieder anließ.

Ohne nachzudenken steuerte sie wieder Dani´s Laden an und parkte direkt vor der Tür. Offensichtlich hatte sie keine Berater bei der Namensfindung gehabt, die hätten ihr das Deppen-Apostroph mit Sicherheit ausgeredet.

»Mahlzeit, Dani, ich brauch mal wieder was für meine Nerven.« Tania zog den Reißverschluss ihrer gestreiften Windjacke zu, es fröstelte sie in der feuchtgeschwitzten Kleidung.

»Moin, du siehst heute wirklich etwas mitgenommen aus, was ist denn los?«

Danis Anteilnahme tat ihr sehr gut und Tania fühlte einen wärmenden Schauer in sich aufsteigen. Wie immer, die Psyche erledigte einiges. Hatte Daniela Meininger noch nichts von der Toten im Pavillon gehört? Das konnte doch nicht angehen, die Radiosender berichteten alle davon.

»Hast du etwa noch nichts davon gehört?«

»Du meinst, von der Toten im Pavillon?«

Tania nickte und ließ den Blick über die gut gefüllten Obst und Gemüsekisten schweifen, das lenkte ab und hielt die Bilder vom angefressenen Auge auf Abstand. Dani blickte sie auf einmal überlegend an.

»Ich weiß, du hast mir gestern von der Figur im Park erzählt, aber sag jetzt nicht, dass du die Leiche gestern Nacht gefunden hast?«

Tania nickte fast unmerklich und presste die Lippen aufeinander.

»Was wolltest du denn um diese Zeit bei den Bienen?«

Dani kam hinter dem rustikalen Tresen hervor und umarmte sie tröstend, das tat überraschenderweise sehr gut. Tania entspannte sich augenblicklich, als sie den dicken Wollpullover leicht an ihrer Wange spürte.

»Das musst du mir jetzt aber mal genau erzählen, nur wenn du magst natürlich, aber ich bin heute schon von so vielen gefragt worden.«

Tania setzte sich an das kleine alte Tischchen neben dem Tresen, Dani spülte ihr wieder zwei Karotten ab und goss dann ungefragt Kräutertee aus einer großen Thermoskanne in zwei braungelbe Steingutbecher-Becher.

»Nimmst du Zucker?«

»Gerne, den kann ich heute gut gebrauchen.« Tania fühlte sich sofort wieder an ihre Salz-Zucker-Panne vom Vortag erinnert, als Dani einen großen Zuckerstreuer mit Rohrzucker auf den Tisch stellte. Das war aber auch ein verkorkster Tag gewesen, sie glaubte, damit das Unheil der nächsten Jahre abgegolten zu haben. Sie ahnte nicht, dass dies erst ein kleiner Vorgeschmack gewesen war.

9

Dani erwies sich als aufmerksame Zuhörerin und sie wurden nicht einmal von anderen Kunden unterbrochen. Bei diesem Wetter schienen alle gemütlich zu Hause zu bleiben, nachdem sie in den vergangenen Tagen das Spätsommer-Gefühl genossen hatten. Tania nahm vorsichtig einen ersten Schluck, sie schmeckte Ingwer und einen leichten Hauch Zitronengras.

Tania berichtete von dem Gefühl, dass sie jemand beobachtete, als sie das Fahrrad vorhin ins Auto geladen hatte.

Aber Dani sah es genau wie sie selbst: »Das sind die Nerven, die spielen dir nach solch einem Erlebnis einen Streich. Wann kommt denn dein Freund endlich wieder? Du brauchst jemanden, der dich auf andere Gedanken bringt.«

»Dem habe ich bisher nichts erzählt, er wird erst in einigen Wochen wiederkommen.« Tania fielen die Aufzeichnungen im Jutebeutel ein, die sollte sie sich in den nächsten Tagen von der Polizei abholen. Sie konnte sich beim besten Willen nicht an den Namen des jungen, altbacken und bieder wirkenden Beamten erinnern, aber vielleicht wusste Hassan ihn noch. Dessen Telefonnummer hatte sie am Abend in ihre Handy-Kontakte aufgenommen, eine gute Tat, wie sie jetzt feststellte.

»Das Klapprad, das mir vorhin so gute Dienste geleistet hat, hat mir übrigens mein Freund und Imker geschenkt.« Erzählte sie das jetzt, damit Dani besser über Jakob dachte, wo er schon im richtigen Moment nicht persönlich anwesend war?

»Solche Klappräder kenne ich, ich hatte auch mal eins, als ich noch in Düsseldorf gewohnt habe. Irgendwann habe ich es nachts vor dem Haus gelassen und am nächsten Morgen war es weg.«

»Du kommst nicht von hier?«

»Nein, und bald gehe ich nach Berlin, meine Tochter wohnt dort. Mein erstes Enkelkind kommt in wenigen Wochen.« Danis Gesicht nahm harte, strenge Züge an, die nicht so recht zu diesem schönen Thema passen wollten. Dann erhob sich die Öko-Verkäuferin abrupt, lächelte und meinte: »Als mein Fahrrad weg war, habe ich mich nach einem neuen umgesehen und habe was viel besseres gefunden. Komm doch mit nach hinten durch, hinter dem Haus steht mein fahrbarer, umweltfreundlicher Untersatz. Damit erledige ich die meisten Fahrten fürs Geschäft.«

Interessiert folgte Tania ihr durch den hinteren Raum, der im Grunde nichts anderes als eine kleine Wohnküche war. Alles eher provisorisch und rustikal, mit losen Regalbrettern auf Metallhalterungen. Er schien auch als Büro genutzt zu werden, es stand ein aufgeklappter Laptop auf dem Küchentisch, Rechnungen hingen ordentlich nebeneinander an einer Pinnwand und ein großer Wandkalender mit ein paar Eintragungen hing neben der Hintertür, die in den alten, verwahrlosten Garten führte.

»Hier, das ist mein ganzer Stolz - zumindest so lange, bis mein Enkelkind kommt- es wird übrigens ein Mädchen.« Bei diesen Worten strahlte Dani jetzt doch. »Was lange währt, wird endlich gut.«

Sie führte Tania über einige gebrochene, uneben gewordene Steinplatten hinweg hinter das Haus und wies zu einem neuen Carport, der seitlich an das Haus angebaut war. Unter dem Dach standen ein neu aussehender Motorroller und ein passender Anhänger.

»Das ist ein Elektroroller. Der verpestet nicht die Luft, und der Strom kommt von den Solarzellen auf dem Dach.« Sie wies stolz auf einige grauschwarze Platten auf dem Dach des kleinen Geschäftshauses. »Wenn genug Sonne scheint, brauche ich nicht mal Strom aus der Steckdose.« Sie blickte ein wenig wehmütig in das Grün, das im alten Garten ineinander wucherte, Brombeersträucher waren mit Efeu verschlungen und überwucherten kräftige Johannis- und Stachelbeersträucher.

»Es wird nicht mehr lange dauern, dann hat der Besitzer einen Käufer gefunden, der hier einen Koloss von Mehrfamilienhaus hinsetzt. Das kennt man ja schon von anderen Grundstücken in dieser Straße.

»Aber dieser Motorroller wäre was für Jakob, das kann ich ihm nachher erzählen, wenn ich ihn anrufe.« In Gedanken rechnete Tania nach und stellte fest, dass die vierundzwanzig Stunden Nachrichtensperre fast geschafft waren.

»Und denk an den Honig, den will ich gerne ins Sortiment aufnehmen.«

»Gerne, ich bringe in den nächsten Tagen ein paar Probegläser vorbei.«

Tania blickte zur Uhr und erschrak, wenn sie sich jetzt nicht beeilte, kam sie wieder zu spät zur Arbeit.

»Du kannst hier an der Seite neben dem Motorroller entlanggehen, ich schließe die Tür zur Straße auf.«

Als Tania wieder im Wagen saß, fühlte sie sich erleichtert, ganz so, als ob sie eine große Last bei Dani abgeladen hatte. Die Erkenntnis, dass sie sich bei ihr gut aufgehoben fühlte, obwohl sie sie erst am Vortag etwas näher kennen gelernt hatte, verursachte trotzdem ein komisches Gefühl in der Magengegend. Aber so war es wohl einfach, wenn die Chemie auf Anhieb stimmte. Diese Frau hatte etwas mütterlich Beschützendes. Mit Hassan verhielt es sich auf einer anderen Ebene ähnlich, sie hatten beide locker geplaudert, während sie mit Föhn und Bügeleisen seine Dienstkleidung wieder einigermaßen in Form gebracht hatten. Sie musste ihn nachher unbedingt anrufen und auf einen Kaffee in die Baguetterie einladen, das hatte er sich verdient. Ihr fiel in diesem Zusammenhang der Mann ein, der sich ungewollt seinen Kaffee versalzen hatte. In dessen Blick zum Abschied schwang etwas besonderes mit, das bildete sie sich nicht ein. Sie kaute grübelnd auf ihrer Unterlippe herum.

Nein, wahrscheinlich kam ihr das alles nur so vor, weil sie sich gerade ein wenig von Jakob löste und unbewusst neue Kontakte suchte. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und fuhr endlich los.

10

Kriminalkommissar Burkhardt saß seufzend an seinem Schreibtisch und atmete tief aus. Viel Schlaf hatte er nicht bekommen, bevor er sich wieder auf den Weg ins Präsidium gemacht hatte. Aber er wollte vorankommen an diesem trüben Tag.

Nachdem er sich eingehend über die aktuelle Lage in seinem Fall informiert hatte, hielt er sich an seine festgelegte Vorgehensweise, spiralförmig von innen nach außen. Es lockte ihn zwar, zuerst Kontakt zum Autobesitzer aufzunehmen, aber die erste Zeugin des gestrigen Abends ging vor. Niemand brauchte zu ahnen, dass er weder Namen noch Telefonnummer dieser jungen Frau notiert hatte, Hauptsache man wusste sich zu helfen. An das einprägsame Logo auf dem Firmenwagen des jungen Mannes auf dem Bürgersteig konnte er sich genau erinnern. Ebenso an den Vornamen Hassan, so viele Hassans, die gestern Abend in Oberneuland zum Dienst eingeteilt waren, gab es sicher nicht.

»Objektschutz BVK, mein Name ist Janine Schulz, was kann ich für Sie tun?«

Burkhardt wippte ungeduldig in seinem gepolsterten Bürostuhl, ließ das einstudierte Gesäusel über sich ergehen und kam dann zu Sache.

»Burkhardt, Kriminalpolizei Bremen, ich muss mit Ihrem Mitarbeiter Hassan sprechen.«

»Moment, ich verbinde mit unserem Geschäftsführer.«

Das hatte Burkhardt nicht beabsichtigt, ging aber so schnell, dass es sich nicht aufhalten ließ.

»Ja, bitte?« klang ihm entgegen.

»Es geht um eine Zeugenaussage.«

Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Moment zu lange still.

»Könnten Sie mir bitte seine Handynummer, die Anschrift und den Nachnamen nennen?«

»Um diese Einzelheiten kümmert sich gleich meine Sekretärin.«

Burkhardt blieb keine Zeit mehr, sich zu verabschieden, denn es klackte und er wurde mit der Sekretärin verbunden. Wenigstens bei ihr konnte er sich bedanken, nachdem er die gewünschten Daten erhalten hatte.

Als er sein Büro hinter sich abschloss, merkte Burkhardt doch, dass ihm viele Stunden Schlaf fehlten, deshalb machte er einen Abstecher in die Teeküche, um sich noch eine Dose Energy-Drink aus dem Kühlschrank zu holen.

»Ach, hallo Herr Arndt.« Sein Vorgesetzter stand fluchend an der Spüle und hantierte an einem widerspenstigen Plastikdeckel. Es fiel ihm kein belangloser netter Satz ein. Das kannte er von sich, wenn er eine Antipathie gegen jemanden hegte, schien ein Teil seines Gehirns einzufrieren, dass kein auflockernder Smalltalk zustande kommen konnte.

Seinem Vorgesetzten fiel aber genug ein. »Ja, so ist das, wenn man Verantwortung trägt, dann schläft man zu wenig und man macht Überstunden ohne richtig zur Ruhe zu kommen.« Burkhardt entging nicht der missbilligende Blick in sein müdes Gesicht und danach auf die Dose in seiner Hand. »Übertreiben Sie es nicht, der Fall löst sich bald von selbst, das spüre ich. Und passen Sie besser auf, eine Zeitung hat Fotos von der Leiche im Pavillon angekündigt. Wenn es jetzt zu Panikausbrüchen und ständigem Fehlalarm kommt, mache ich Sie dafür verantwortlich.«

Wie konnte sein Vorgesetzter bloß so ruhig und nebensächlich dermaßen ätzende Worte aussprechen. Wieso sollte er die Verantwortung übernehmen, wenn irgendeiner der Beamten die Leiche fotografiert hatte, um mit den Bildern Geld zu machen? Grußlos verließ Burkhardt die Teeküche und machte sich auf den Weg zu Hassan Domoglu.

11