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Ein Abiturklassentreffen führt drei Freunde nach Jahren wieder zusammen. Aus einer Bierlaune heraus entsteht die Idee das ganz große Geld zu machen. Einen Coup zu landen und eine Weile das süsse Leben in vollen Zügen auskosten. Warum nicht? Aber wie? Als der Kunstrestaurator Paul davon erzählt, dass er in der Lage sei die Mona Lisa so zu malen, dass selbst dem alten Leonardo da Vinci die Augen herausfallen, da fällt der Groschen. Aber ein mittelalterliches Altarbild zu malen ist das eine, viel schwieriger wird es hingegen die Echtheit des Gemäldes testiert zu bekommen. Die kritischen Augen der Kunstsachverständigen zu täuschen, das ist eine echte Herausforderung. Ob dies gelingen kann? Eher unwahrscheinlich, aber einen Versuch ist es allemal wert. Es braucht Helfer, wenn es darum geht einen solchen Coup zu landen. Aber je mehr Mitwisser beteiligt sind, desto größer ist die Gefahr einer undichten Stelle. Roger Schneider kennt sich im Marketing aus, er ist für einen großen Automobilkonzern tätig und versteht es Kontakte zu knüpfen. Er ist der Kopf des Unternehmens, das sich intern "The painting men" nennt, denn es braucht einen klingenden Firmennamen und mehr als nur guten Willen, wenn es darum geht, eine glaubhafte Story zur Existenz eines vermeintlich verschollen geglaubten mittelalterlichen Tryptichon der Kunstwelt auf die Nase zu binden. Einen Anteil am finanziellen Segen will auch der zwielichtige Autoschieber Peter Bauermann abgreifen. Er gehört ebenfalls zum Bund der alten Schulfreunde und wittert seine Chance, als er als Kurier eingesetzt wird. Schnell reimt er eins und eins zusammen. Peter Bauermann ist ständig in Geldnot und schreckt vor nichts zurück, Hauptsache der Rubel rollt. Dies beschert ihm nicht nur Freunde. Alles wäre halb so schlimm, wenn sich die Ganoven gegenseitig an die Wäsche wollen, wenn da nicht der Gynasiast Sebastian Breitwieser zur tragischen Figur des Schelmenstückes werden würde.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Hermann Schunder
Teures Lehrgeld
The painting men
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
Schluss und Ende
Impressum neobooks
„Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt,
jede Liebe mit dem ersten Blick.“
Am Anfang das Ende
„Die Treppe hoch und den Gang links.“ Die Anordnung des Justizbeamten ist knapp und deutlich. „Grundsätzlich geht der Strafgefangene immer einen halben Schritt voraus, merken sie sich das!“ Das Gehen fällt ihm schwer, mit der Bettwäsche in den Armen ist es nicht so leicht auf die Tritte der Treppe zu achten. Alles ist neu, ist ungewohnt. Oben angekommen, geht er wie befohlen in den linken Gang des Gebäudes. „Stehenbleiben, wir sind da.“ Rasselnd wird die Zelle mit dem schweren Schlüssel aufgeschlossen. Ein erster Blick als sich die Eisentür für ihn öffnet. Das ist nun sein neues Zuhause. Was wird ihn hier erwarten?
Fünf Augenpaare glotzen ihn gelangweilt an. Ihn, den Neuen, gerade angekommen, der hier in die Mittagsruhe einbricht, für einen kurzen Moment die Blicke auf sich zieht. „Nur keine Scheu, treten sie ein in die gute Stube.“ Wachtmeister Tschilke zeigt mit dem Generalschlüssel auf ein leeres Bett und gibt unmissverständlich zu verstehen, dass er nicht in der Zellentür stehen bleiben soll. „So meine Herren, da bringe ich den neuen Mitbewohner, Michalski, kümmern sie sich um ihn, erklären sie wie hier der Laden so läuft, damit mir keine Klagen zu Ohren kommen.“ Tschilke lacht und wartet auf die Antwort des von ihm angesprochenen Häftlings. „Wird gemacht, Chef!“ brüllt ein untersetzter kahlgeschorener junger Mann aus dem hinteren Teil der Zelle. Unschwer als Schläger zu erkennen. Krachend schlägt die Tür zu. Wird abgesperrt und er steht allein vor den anderen. Immer noch den Stapel Bettwäsche mit dem Kopfkissen auf beiden Händen vor der Brust balancierend.
Michalski hat die Beine von seinem Bett zur Seite geschwungen, erhebt sich ganz langsam. Wie in Zeitlupe umrundet er den Neuen, beäugt ihn misstrauisch, weiß um seine Wirkung, sich der Aufmerksamkeit der restlichen Gefangenen ist er sich gewiss. „Na da sind wir ja komplett, das freie Bett links von der Tür ist deins. Also die erste Regel hier lautet, wir sind so eine Art Familie, wir halten zusammen und wer den Bullen was steckt, der kriegt eins auf die Fresse, gilt auch für dich Kleiner, brauchst dir nichts darauf einzubilden, das du ein verurteilter Mörder bist!“ Was soll er darauf antworten? Noch ehe er etwas sagen kann bellt Michalski in seinem Kasernenton weiter. Sein schlechtes Deutsch ist von polnischen Wörtern durchsetzt, aber die entscheidenden Dinge, die sind gut zu verstehen.
„Ich bin kein Mörder“ mehr kommt nicht aus seinem Mund als Entgegnung.
Als der bullige Michalski zwischen zwei Sätzen Luft holt, stutzt er für einen Moment, besinnt sich auf seine angefangene Rede und schleudert seine Worte nun zischend dem immer noch nahe der Tür stehenden Jungen ins Gesicht.
„Da bist du ja ein unschuldig Verurteilter, ein Justizirrtum. Wie mir scheint, bist du im ganzen Knast der Einzige, der nichts auf dem Kerbholz hat.“ Michalski bricht in ein dröhnendes Lachen aus, die übrigen Knackis fallen glucksend ein.
„Egal, wenn einer einen totgemacht hat, dann ist er ein Mörder, verstehste!“
Darauf gibt er keine Antwort, geht schweigend zu dem freien Bett und wirft seine Sachen auf das Fußende, setzt sich und blickt forschend in die Runde. Taxiert die anderen, die von nun an seine Mitbewohner sind. Ausweichen kann er ihnen hier nicht. Nach dieser Begrüßung ist er sich sicher, leicht wird es nicht, hier wird es kein Zuckerschlecken sein, er muss sich arrangieren um nicht unterzugehen. Hier herrscht ein anderer Ton.
„Michi, lass ihn in Ruhe, soll erst mal zu sich kommen“ eine andere Stimme hat sich eingemischt, kommt aus dem hinteren Teil der Zelle. Ein muskulöser Farbiger sitzt dort am Tisch, versucht sich beim Damespiel und hat der Unterhaltung zwischen ihm und Michalski bisher unbeteiligt zugehört. Etwas hat sich im Raum verändert, vielleicht nur ein Gefühl, der Hauch eines Gefühls, aber Michalski gibt keine Anweisungen mehr, zieht sich zurück. Das Wort „Mörder“ hängt wie ein zarter Nebelschleier im Raum, hat sich verflüchtigt, ist aber in seiner Dinglichkeit immer noch da. Ist es nur sein Eindruck oder ist es ein gewisser Respekt, der von diesem Wort hier in der Zelle ausgeht. Ja, verurteilter Mörder, das waren seine Worte, offenbar ist den anderen bekannt, was er verbrochen hat, wofür er hier einsitzen muss. Er kann es nicht ändern, Erklärungen, Rechtfertigungen nützen nichts. Hier ist nicht der Platz, um dies zu versuchen. Täuscht er sich, hat dieses böse Wort einen Nimbus, der ihn von nun an umgibt, ihn den Anderen gegenüber abgrenzt? Wenn er dadurch seine Ruhe hat, wird er es klaglos hinnehmen.
Der dunkelhäutige Muskelmann scheint der Boss zu sein, auf sein Wort hören die anderen im Raum. Der kleine Michalski ist sein Faktotum, sein Diener, der geflissentlich Befehle ausführt. Er muss sich in die Gruppe einfügen, seinen Platz erst noch finden, darf nicht von Anfang an klein beigeben, sonst hat er verloren und endet hier als Fußabtreter für die anderen. Aufmerksam achtet er auf alles im Raum, in der trägen Zeit nach dem Mittagessen herrscht allgemeiner Müßiggang. Da lassen sie ihn in Ruhe, er bezieht sein Bett, bleibt dort, weil er sich nicht traut, sich zu den Zellengenossen zu setzen. Was soll er mit ihnen reden, da fällt ihm nichts ein. Das hat Zeit, erst einmal beobachten, was so abgeht, wie der Tagesablauf hier im Gefängnis ist. Da findet sich alles.
Ein schrilles lautes Klingelzeichen, es erinnert ihn an die Schule, beendet die Mittagspause. Die Zellentüren werden aufgeschlossen und die Gefangenen sammeln sich auf dem Flur, um zur Arbeit geführt zu werden. Er bleibt allein zurück. Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran. Der Sozialarbeiter der Haftanstalt wartet auf ihn. Jetzt beginnt sein neues Leben.
Der Anfang vom Ende
Cesare Monti ist durch und durch Italiener. Mit seinen zweiundsechzig Lebensjahren verkörpert der kleine, etwas zur Dickleibigkeit neigende Signore den Typ des gepflegten biederen Geschäftsmannes, so wie er vielfach in den Metropolen Norditaliens anzutreffen ist. Das vom Vater aufgebaute Modegeschäft mit der Spezialisierung auf maßgeschneiderte Herrenanzüge besteht bereits seit 1919 und wird von Monti mit Stolz und Sachverstand in zweiter Generation geführt.
Hier im Laden ist er stets der korrekte und auf Grund seiner Ausbildung und langjährigen Berufserfahrung geschätzte Modeschneider, der sein Handwerk zunächst beim Vater und später in der Werkstatt des damaligen Familienpatriarchen Luigi Calveranto, einem Onkel mütterlicherseits, von der Pike auf gelernt hat. Es ist für ihn rückblickend betrachtet nicht immer leicht gewesen, den hohen handwerklichen Ansprüchen der Kundschaft gerecht zu werden. Er selbst neigt zur Perfektion und ist gewillt, stets eine ordentliche und makellose Arbeit abzuliefern. Doch dies genügte nicht immer. Da er nicht das einzige Modeatelier in Mailand ist, muss er um seine Kunden so, wie jeder andere seiner Konkurrenten, kämpfen und durch Leistung und Zuverlässigkeit überzeugen.
Schon sein Vater pflegte immer den Spruch, wonach Lehrjahre beileibe keine Herrenjahre seien, bei jeder passenden Gelegenheit von sich zu geben. Diskussionen über die Ausführung von Aufträgen und seien es noch so kleine Änderungen oder Ausbesserungen an getragenen Kleidungsstücken gab es in der kleinen Schneiderei seiner Jugendjahre niemals. Es herrschte ein streng hierarchisch gegliedertes Regiment des Patrons vom Altgesellen bis runter zum kleinsten Lehrjungen. Da gab es keine Ausnahmen, für ihn als Mitglied der Familie schon gar nicht. Der Kunde bestellt, hat Recht und bezahlt, so einfach war das System. Dies hatte Bestand und damit basta - Ende der Debatte. Die markanten väterlichen Aussprüche, hatten sich durch immerwährende Wiederholungen in das Gehirn von Cesare eingebrannt. Wenn auch nicht ständig auf seinen Lippen, waren sie doch zumindest auch in seinem Geiste.
Seit seiner Ausbildung im elterlichen Betrieb hat sich viel verändert. Damals war es für ihn als Sohn des Ladenbesitzers in der Anfangszeit nicht einfach, sich gegen die alten Schneidergesellen und deren Vorurteilen gegen das Jüngelchen vom Chef durchzusetzen. Da genügte es nicht, sich mit Pfiffigkeit und einem schnellen Mundwerk zu behaupten. Nur das Handwerk und dessen tadellose meisterliche Ausführung gaben am Ende den Ausschlag über Erfolg und Anerkennung im Leben, davon ist Cesare Monti immer überzeugt gewesen und nach dieser Maxime hat er sein ganzes Handeln und Streben bis heute ausgerichtet. Er ist erfolgreich und bei seinen Konkurrenten, die größtenteils auch gute Bekannte, wenn nicht gar Freunde sind, im Laufe der vielen Jahre seiner Berufstätigkeit inzwischen anerkannt und geachtet.
Im Grunde hat Cesare zwei Handwerke erlernt. Neben seinem Geschäft im Zentrum von Mailand ist er in Fachkreisen ein gesuchter Ansprechpartner für spezielle Aufträge, deren Ausführung er in ebensolcher Perfektion wie seine Hauptbeschäftigung erledigte. Gewiss, es hat einfach seinen Preis, bei ihm einen Anzug ebenso wie seine besondere Dienstleistung zu bestellen.
Das Ladenlokal in einer der kleinen Nebenstraßen nahe dem Hauptplatz und dem imposanten Mailänder Dom zeigte gediegene aus dem vergangenen Jahrhundert gerettete Einrichtungsgegenstände, die dem flüchtigen Blick eines vorüber hastenden Passanten eher unscheinbar vorkamen. Ein Kenner jedoch sieht sofort, um welche qualitätsvollen Waren es sich in der Auslage der beiden Schaufenster handelte. Nicht erst der Blick auf die kleinen Preisauszeichnungen, die sofern sie überhaupt zu sehen waren, macht deutlich, dass hier Männer von Welt ihre Anzüge anfertigen lassen. Oft diente der hohe Preis der Waren aber auch allein dem Zweck, die Laufkundschaft aus dem Laden fern zu halten.
Das Modeatelier Monti & Monti bediente eine über Jahrzehnte gewachsene Stammkundschaft, die sowohl die Qualität als auch das Ambiente des Geschäftes zu schätzen weiß. Gut betuchte Kunden werden aber nicht davon abgehalten, sich hier neu einzukleiden, - natürlich sofern sie über die nötigen finanziellen Mittel verfügen. Für Cesare Monti ist es kein Bruch mit der Tradition und seiner Geschäftsauffassung, wenn ein Kunde von außerhalb in seinen Laden kommt und mit dem Kauf eines teuren Anzuges für Umsatz sorgte. Das Geschäft hat immer Vorrang, das war ein Prinzip seines Handelns.
Sofern es sich um besagte Stammkunden handelte, ist Cesare Monti, persönlich bei den Verkaufsgesprächen anwesend. In seinem Laden ist es nicht üblich, schnell einen Anzug oder ein schickes Jackett sozusagen direkt von der Stange anzuprobieren und am besten das neuerworbene Kleidungsstück gleich anzubehalten. Nein, hier ist das Gespräch über Wunsch und Anlass hinsichtlich des zu erteilenden Auftrages ein wichtiger Bestandteil des Geschäftsbesuches. Als besondere Ehre gilt es hingegen, in den Genuss einer durchgängigen Beratung durch den Firmenpatron Cesare Monti zu gelangen. Dieses Privileg ist nur besonderen Stammkunden vorbehalten.
Ausnahmen von dieser Regel macht er bei Freunden aus der näheren Umgebung des Wohnviertels, die Cesare schon seit Übernahme des Geschäftes kennt und die ihm von Anfang an die Treue gehalten haben. Denn seine Wurzeln und seine Herkunft hat Cesare in all den Jahren niemals verleugnet. In der schweren Zeit nach dem Krieg ist er um jeden Kunden froh gewesen. Damals war sein Geschäft noch nicht so bekannt und er hielt sich oft mit kleinen Aufträgen über Wasser. Nur so konnte er seine Familie damals ernähren. Cesare war sich für keine Arbeit zu schade, wenn sie nur ein paar Lire einbrachte.
Bei einer dieser Gelegenheiten hat er auch andere Geschäftspartner kennengelernt, die ihm eine zweite im Verborgenen ausgeübte Tätigkeit anboten. Aber auch hier hat er sich zunächst bescheiden müssen und klein angefangen, um das Vertrauen seiner Auftraggeber zu gewinnen, bevor er zu dem aufgestiegen ist, was er heute in diesem Metier darstellt.
Für die Betreuung der Kundschaft sind die angestellten Mitarbeiter des Hauses verantwortlich. Und das Herzstück des Unternehmens ist seit je her der Bereich der Fabrikation. Der Anspruch des Hauses ist eben sehr hoch und alle Mitglieder der Firma sehen es als besondere Ehre an, hier arbeiten zu dürfen. Stolz, nicht Überheblichkeit, drückte sich im Zusammenwirken aller Mitarbeiter zu einem Ganzen aus, wobei die strenge Aufteilung der Machtbefugnisse mit einer klaren Aufgabenzuordnung einhergeht. Jeder Mitarbeiter kennt seine Aufgabe und ist sich seiner Grenzen jederzeit bewusst. Infrage gestellt wurde dieses Prinzip der Herrenausstatter Monti & Monti, gegründet im Jahre 1919 mit Firmensitz in Mailand, niemals. Über allem steht das Wort des Patrons Cesare Monti. Dieser erwartete vollen Einsatz seiner Arbeiter und sieht sich im Gegenzug für deren Wohlergehen in besonderem Maße verantwortlich.
Nach einer arbeitsreichen Woche ist für Cesare der Sonntag ein ganz besonderer Tag. In der gepflegten und großzügig möblierten Etagenwohnung, direkt über seinem Ladenlokal, scheint sich trotz der weit geöffneten Fenster kein Luftzug zu bewegen. Es gibt nicht die erhoffte Abkühlung in den frühen Morgenstunden. Schon beim Kirchgang, der unbedingt zu einem Sonntag gehörte, machte ihm die warme, ja schon fast heiße Temperatur zu schaffen. Dabei ist es erst 10 Uhr und noch einiges an diesem Tag zu erwarten.
Nach dem Ende des Gottesdienstes halten sich die Freunde und Bekannte nicht so wie sonst üblich nach der Messe auf dem großen Vorplatz ein wenig zum Plaudern und Schwadronieren auf. Schnell suchen alle das Weite und der Kirchplatz ist im Nu verwaist und leer. Cesare suchte mit seiner Frau die noch im Schatten liegende Straßenseite auf und machte sich auf den Heimweg, um zu seinem vermeintlich kühlen Haus zu gelangen. Wohl dem, der eine Wohnung sein Eigen nennen kann, bei der die dicken Wände für Kühlung sorgten. Doch nun Mitte August ist auch dieser Schutz schon längst aufgebraucht.
Genau so ist es an diesem heutigen Sonntag. Als das Ehepaar, Serafina und Cesare Monti, die Wohnungstür öffnet, strömte ihnen nach ihrem kurzen Fußweg ein Schwall warmer Luft entgegen. Cesare ist die körperliche Anstrengung nicht gewohnt, normalerweise pflegte er im dunklen Zweireiher mit Weste in die Kirche Santa Maddalena mit seiner Frau zur Messe zu gehen. Doch heute ist der helle leichte Sommeranzug schon fast zu viel. Zu seinem Standesbewusstsein gehörte es freilich, ordentlich gekleidet in die Kirche zu gehen. Von diesem Prinzip weicht er niemals ab. Hitze hin, Hitze her, da gibt es keine Ausnahme.
Als sie nach dem anstrengenden Hochamt aus der Kirche Santa Maddalena zurück in ihre Wohnung kommen und sich Cesare durch die Lockerung seiner Krawatte Luft verschaffte, hörte er auf dem Flur schon die Streitereien seiner beiden Kinder. Gerade dafür hat er heute keinen Nerv und als dann Serafina die Tochter auch noch zur Mithilfe in der Küche verdonnerte, da hängt der Haussegen schon bedenklich schief. Die aus der Küche bruchstückhaft zu hörenden Halbsätze beziehen sich, wie kann es denn auch anders sein, auf das bevorstehende Mittagessen.
Cesare will es sich gerade in seinem angestammten Lieblingssessel gemütlich machen, als die Tür zu seinem kleinen Herrensalon mit einem energischen Herunterdrücken der Türklinke geöffnet wird. "Cesare, ich werde in diesem Haushalt noch verrückt", eröffnete seine Frau das einseitige Gespräch. "Unsere Köchin ist nun wirklich zu alt und hört nicht auf das, was ich ihr auftrage. Du musst ihr unbedingt ins Gewissen reden." Cesare versteht die ganze Aufregung nicht und ist sich nicht einmal sicher, um was es sich bei dem ganzen Gezerre eigentlich handelte. In Gedanken ist er mit anderen Dingen beschäftigt. Abwesend gibt er seiner Frau Recht.
Nachdem er wieder allein in seinem Zimmer ist, grübelte er weiter. Als Herr des Hauses, auch wenn ihn seine Kinder sicher nicht als unumstößliche Autorität ansehen, machte er sich ernsthafte Gedanken über die Zukunft im Allgemeinen und auch im Besonderen. Gesundheitlich ist er nicht ganz auf der Höhe. Viel lieber, als einen Arzt aufzusuchen, horcht er in sich hinein und stellte wenig plausible Diagnosen für sich selbst. Sicher ist sein Unwohlsein nur vorübergehend und vor allem auf die Wetterkapriolen zurückzuführen. Wenn die Hitzewelle in ein paar Tagen vorbei ist, ginge es ihm ja wieder besser. Also kein Grund zur Besorgnis.
Cesares Gedanken kreisen immer wieder um ein Kernthema. Sicher wirtschaftlich geht es ihnen allen gut; finanzielle Sorgen haben sie nicht. Und die allgemeine politische Lage, die Staatsmisere ist bedrückend, aber das ist ja nichts Neues. Cesare gefiel sich, wenn er so vor sich hin politischen Unsinn verzapfte. Echte Sorgen machte er sich aber doch um die Firma. Hier treibt ihn die Frage der Nachfolgeregelung um. Aus seinen beiden Kindern ist er noch nicht so recht schlau geworden. Sein Sohn Alessandro studierte seit Jahren und ist doch von einem Abschluss in Betriebswirtschaft weiter entfernt denn je. Carmen hingegen, seine Tochter, ist da schon aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Sie steht kurz vor ihrem Examen auf der Dolmetscherschule und spricht heute vier Sprachen fließend. Sie weiß, vorauf es im Leben ankommt. Aber seine Tochter als mögliche Nachfolgerin findet Cesare dann doch etwas zu gewagt. Er schmunzelte verschmitzt, als er sich vorstellte, dass einer seiner Stammkunden in Unterhosen auf spindeldürren Beinen beim Anmessen eines neuen Anzuges vor seiner Tochter steht. Bei seinen beiden Kindern hatte er diese heikle Frage noch nicht zur Sprache gebracht. Im Grunde hat er auch noch etwas Zeit. Abtreten will er ja noch lange nicht.
So ist Cesare intensiv mit sich selbst beschäftigt, als sich leise nach einem kaum hörbaren Anklopfen die Tür einen Spalt öffnete und Carmen Einlass begehrte. „Papa, in fünf Minuten gibt es Mittagessen.“ "Entschuldige Carmen, ich bin total in Gedanken vertieft, was hast du gesagt?“ Carmen nutzte die Gelegenheit, um den Vater auf ein für sie wichtiges Thema anzusprechen. „Papa, du weißt doch in der nächsten Woche steht die letzte mündliche Prüfung bei mir an. Das Examen habe ich schon so gut wie sicher in der Tasche. Aber zur Diplomfeier habe ich nichts Hübsches anzuziehen. Nichts passt mir mehr, aus allem bin ich herausgewachsen, ich sehe so schrecklich aus! Am besten gehe ich gar nicht zur Abschlussfeier, da blamiere ich mich nur. Ich bleibe einfach daheim.“ Das dabei zur Schau getragene kindliche Schmollgesicht verfehlte keineswegs seine Wirkung beim Herrn Papa.
Als Cesare sie nun ansieht, wird Carmen rot im Gesicht. Schlagartig wird ihr bewusst, dass sie gerade einen taktischen Fehler begangen hatte. Einem Schneidermeister mit dem Argument zu kommen, kein Kleid passe mehr, das war wirklich unklug. Cesare ist zwar Herrenausstatter, aber den Blick auf weibliche Formen hat er nicht verlernt. Vater und Tochter sehen sich in die Augen und müssen, ob der komischen Situation, lachen.
"Carmen, du weißt ich bin stolz auf dich und freue mich für dich, dass du den Studienabschluss in Kürze hast. Eine Belohnung steht da natürlich für mich außer Frage. Gleich morgen telefoniere ich mit Bertone, du weißt schon, der vom großen Kaufhaus an der Plazza de Medici, bei dem habe ich noch etwas gut."
Dies ist nicht unbedingt im Sinne von Carmen, aber da sie nicht auf den Mund gefallen ist, sagte sie forsch zu ihrem Vater: "Ich habe schon etwas Passendes in einer kleinen Boutique ganz in der Nähe gefunden. Ich lass dir einfach die Rechnung zuschicken. Das wäre doch am einfachsten.“ Schnell ist Carmen an der Tür und im Hinausgehen erinnert sie sich noch an den eigentlichen Grund ihres Kurzbesuches. "Papa, das Mittagessen steht auf dem Tisch, kommst du?"
Die beiden Termine am nächsten Tag machen ihm keine großen Sorgen, doch gehen sie ihm auch nicht aus dem Kopf. Das Mittagessen mit seinem Bruder ist sicherlich wieder so langweilig wie immer. Der zweite Termin ist telefonisch vom Privatsekretär seines alten Freundes und Geschäftspartners Emilio Sargese avisiert worden. Hier ist Cesare über den möglichen Grund des Treffens irritiert und verunsichert. Bisher war er immer zu Emilio in dessen Kanzlei gebeten worden. Warum es dieses Mal anders sein sollte, kann sich Cesare zunächst nicht erklären. Er ist beunruhigt und versuchte sich, einen Reim darauf zu machen.
Lange betrachtet er den Briefumschlag. Unschlüssig hält er ihn in der Hand. Warum hat er ihn eigentlich nicht gleich weggeworfen? Auf den ersten Blick sieht das beige Kuvert aus, als sei es ein Liebesbrief. Als Absender steht da lediglich der Name: „Gabi“ und sonst nichts. Jan-Gustav drehte die Briefhülle wieder um und starrte auf das Schriftbild der Adresse. Langsam wird ihm bewusst, was ihm an diesem Brief gefällt. Es ist das Gesamtbild. Die Handschrift von Gabi ist geschwungen und schnörkelhaft. Der Poststempel mit einer Werbebotschaft für das bevorstehende Oktoberfest in München prägte das Bild. Es handelte sich um eine Einladung zum ersten Klassentreffen, nachdem das Abitur nunmehr zehn Jahre zurückliegt. In Gedanken rechnete Jan-Gustav nach. Es stimmte, lange her. Dunkel erinnerte er sich daran, wer die Briefschreiberin sein könnte. Aber so genau kann er Gabi nicht mehr zuordnen. Er hat kein Bild vor Augen, zu lange her.
Die Einladung ist im eigentlichen Sinne kein richtiger Brief, vielmehr handelte es sich um eine fotokopierte Einladung zum Treffen in einer Gastwirtschaft mit Hinterzimmer irgendwo in einem Stadtteil von München. Ob er hingehen soll? Bis zum Termin hat es ja noch etwas Zeit. Vielleicht wird es lustig, die alten Kumpels mal wieder zu sehen. Vielleicht ist es aber auch nur eine versponnene Idee um an die guten alten Zeiten zu denken. Jan-Gustav legte das Einladungsschreiben zur Seite und widmete sich seinen beruflichen Aufgaben. Nach seinem Studium als Kunsthistoriker ist Jan-Gustav in das elterliche Auktionshaus als Juniorpartner eingetreten. Er ist zwar nicht der Erstgeborene, hat aber seinen eigenen Arbeitsbereich und kann sich seiner Vorliebe, der Kunst des Mittelalters, ungehindert widmen. Er lebt für die Kunst. Es ist ihm aber auch klar, dass er immer in der Rolle des stillen Teilhabers bleiben wird, auch wenn seine Eltern einmal die Geschäftsleitung abgeben. Sein Bruder Johannes-Gabriel ist unbestritten der bessere Mann für das Geschäft. Letzteres ist hierbei sogar wörtlich zu verstehen.
Im Gegensatz zu ihm ist sein älterer Bruder nicht nur, was den möglichen Profit ausmachte, ein ausgebuffter Kaufmann, er verfügte auch über ein spezielles Gespür in der Beurteilung von Bildern und anderen Kunstgegenständen. Johannes-Gabriel sieht schon im Moment des Erstgespräches die Chancen für die spätere Verwertung eines Kunstobjektes. Die Eltern sind stolz auf ihren erstgeborenen Sohn. In ihm aber sehen sie eher einen nützlichen Idioten, der für vieles zu gebrauchen war. Die wirklich großen Auktionserfolge laufen aber in Regie seiner Mutter und eben unter Mithilfe von Johannes-Gabriel über die Bühne.
Meinem Vater geht es vergleichbar ähnlich wie mir, denkt Jan-Gustav für sich. Sein größter Erfolg im Leben war sicher die Eroberung der Mutter und vor allem, dass es die geborene Freifrau von Waldershof es so lange bei ihm ausgehalten hat. Mein Vater ist heute einer der ersten Männer in München, und das erzählte er mit dem Stolz desjenigen, der den Namen seiner Ehefrau bei der Hochzeit angenommen hat. Schwer ist ihm dies nicht gefallen, da ja ein gut florierendes Kunsthaus hinter all dem steht.
Wie immer, wenn Jan-Gustav heim kommt, besuchte er zunächst seine Mutter. Er benutzt den Haupteingang der Villa und trifft seine Mutter in der Küche bei den Vorbereitungen für das Abendessen an. Nach einer kurzen Begrüßung mit einem fröhlichen „Hallo“ kommt auch schon die Frage: „Jan-Gustav, der Brief neulich; gibt es da etwa eine neue Freundin?“ Genervt die Antwort: „Musst du mich immer Jan-Gustav nennen, du weißt doch, dass ich es lieber habe, wenn du nur Jan zu mir sagst. Zu deiner Frage, nein, es gibt keine neue Frau in meinem Leben, der Brief war die Einladung zu einem Klassentreffen in der nächsten Woche.“ Darauf erwiderte seine Mutter mit einem wissenden Lächeln: “Aber du gehst doch hin, Jan-Gustav?“
Der Einwand hinsichtlich des ungeliebten Doppelnamens wird wie immer überhört und nicht zur Kenntnis genommen. Es ist so üblich, die Enkel mit dem Vornamen des Gr0ßvaters zu bedenken. Das war bei seinem Bruder so und auch bei ihm nicht anders, eigentlich kann er sich Kommentare hierzu schenken. Die Frage, ob er zum Essen bleibt, hörte er schon auf halbem Wege zu seinem Domizil im Untergeschoss der elterlichen Villa. „Danke, aber ich geh heute noch mal raus. Bis morgen.“ Und schon ist er weg.
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Mit einem schnellen Blick in sein Notebook vergewisserte sich Roger Schneider, ob die Termine des heutigen Tages noch aktuell sind. Noch hatte er einige Minuten Zeit bis zum Beginn des nächsten Meetings. Roger ist nicht sonderlich an diesem Termin interessiert, da die endgültige Festlegung hinsichtlich des Markennamens nicht in seine Entscheidungskompetenz innerhalb des Teams fällt. Er ist erst dann gefordert, wenn es um Formulierungen von eingängigen Werbebotschaften geht. Der neue Sportwagen aus Ingolstadt soll ein echter Renner, ein Hingucker, werden. Bilder vom ersten Prototyp hat er bei einer Produktinformation schon zu sehen bekommen. Heute werden auch die Projektteams benannt. Ende der Woche findet dann die Auftaktveranstaltung statt. Das persönliche Kennenlernen soll eines der wichtigsten Ziele des ersten gemeinsamen Seminars sein.
In seiner Umhängetasche, die er immer mit sich herumschleppt, suchte Roger Schneider nach der Einladung zum Klassentreffen seiner ehemaligen Schule. Irgendwo muss der Brief doch stecken. Zwischen verschiedenen anderen Papieren findet er die Einladung und sucht nach dem Datum der bevorstehenden Veranstaltung. Seine Erinnerung hat ihn nicht getäuscht, am Freitagabend ist das Klassentreffen angesetzt. Beruflich harmonierte das ausgezeichnet mit seiner Dienstreise nach München. Wenn er einfach einen Tag länger bleibt, kann er die alten Kumpels wiedersehen. Zur Zeit ist er eh solo, kann also eh machen was er will.
Nun wird es aber langsam Zeit, sich auf den Weg ins Sitzungszimmer zu begeben. Im Hinausgehen kommt er an Marie-Luise, der Abteilungssekretärin, vorbei. Seit er einmal mit ihr zum Mittagessen in der Kantine im Gebäude der Hauptverwaltung war, hat er bei ihr einen Stein im Brett. „Hallo MaLu, könntest du mir einen kleinen Gefallen tun? Donnerstag und Freitag sind wir doch alle in München beim Projekt-Kick-Off. Könntest Du für mich einmal im Tagungshotel nachfragen, ob ich füreine Nacht länger buchen kann? Rechnung geht auf mich privat.“ Marie-Luise lächelte verschmitzt und verspricht, sich umgehend um die Sache zu kümmern. Marie-Luise ist schon sein Typ und als Frau nicht zu verachten.
Wie zu erwarten läuft das Meeting mit Verzögerung an. Der Chef der Marketingabteilung kommt mit zehnminütiger Verspätung in den großen Besprechungsraum. Die gesamte Mannschaft war versammelt und wartete. Ohne auf den Grund für die Verzögerung einzugehen, erteilte der Abteilungsleiter seinem Assistenten sofort das Wort. Dieser startete mit seiner Präsentation und erläuterte in epischer Breite allseits bekannte Fakten. Als die Zusammensetzung der einzelnen Kompetenzteams und deren spezielle Aufgabenstellung an die Reihe kommt, ergreift der Abteilungsleiter wieder selbst das Wort. Roger Schneider wird für die Arbeitsgruppe „Internationale Kommunikation und Zusammenarbeit“ eingeteilt. Er soll als Projektleiter die Interessen der deutschen Seite im international besetzten Gremium entsprechend durchboxen.
Zum Ende des Meetings erfolgt noch der wichtigste Teil der Veranstaltung. Mit Stolz verkündete der Abteilungsleiter, dass der Vorstand, - auf seinen Vorschlag hin - als Arbeitstitel für das neue Vorzeigeprodukt des Unternehmens dem Markennamen „Future One“ zugestimmt habe. Die Mitarbeiter zeigen mit einem demonstrativen Klopfen auf den Tisch, dass sie mit dieser Wortschöpfung mehr als einverstanden sind. Roger denkt für sich bei diesem allgemeinen Schulterklopfen, was für ein arrogantes Arschloch doch sein Chef sei, diese einsame Entscheidung als den größten persönlichen Erfolg seiner beruflichen Karriere anzupreisen. Einfach ätzend, dieser Angeber. Dies gehörte offenbar zum „big-business“. Auf den Punkt gebracht - sagte sich Roger Schneider - Sympathie zählt für ihn nur dann, wenn er die Sekretärin ins Bett kriegen will. Um Karriere zu machen musste er aber schon die eine oder andere Kröte schlucken, auch wenn sie Müller hieß und der Abteilungsleiter war.
„Na, schon fleißig beim neuen Projekt? So lob ich mir das, Prioritäten setzen, das Wichtige vom Alltagsgeschäft trennen! Herr Schneider, es war nicht einfach, Sie beim Vorstand als Projektleiter für Internationale Kommunikation und Zusammenarbeit durchzubringen. Glauben Sie mir, ich hab dem alten Frantzen versichert, dass Sie für diese Aufgabe der richtige Mann sind. Genau wie der neue Name für unsere Luxuslimousine Future One. Mit Ihrer Auslandserfahrung wissen Sie sicher am besten von uns allen hier, wie die Amis ticken.“ Dröhnend lachte Müller P. über sein vermeintlich gelungenes Wortspiel. Na dann, mein lieber Schneider, bis Mittwochabend. Roger ist leicht verdattert. Hat er etwas durcheinander gebracht?
Auf seine zögerliche Nachfrage sagte sein Chef noch: „Hätte ich ja fast vergessen, dafür bin ich doch deswegen extra bei Ihnen ja vorbeigekommen; die Amis wollen schon am Mittwochabend einfliegen, drei bis vier Mann maximal. Es soll ein erstes Kennenlernen vorab stattfinden, Arbeitsthemen abstecken, Tagesordnung festlegen usw. na Sie wissen ja, das Übliche halt. Sie als unser neuer Projektleiter gehören natürlich ab jetzt sozusagen zum engsten Führungskreis. Schon halb auf dem Flur, dann noch eine abschließende Bemerkung von Müller P.: „Als wir Sie nach Detroit in die Lehre geschickt haben, waren Sie da nicht bei Richard Forster als Praktikant?“ Roger kommt nicht mehr zu einem „Ja“, schon ist der Abteilungsleiter davon gedüst und nicht mehr zu sehen.
Nur kurz denkt Roger darüber nach, warum sein Chef auf seine Zeit in der amerikanischen Niederlassung anspielt. Er beginnt in seiner Projektunterlage nach der Zusammensetzung der Teams zu suchen. Die amerikanische Seite ist personell nur schwach vertreten. Vier Namen, von denen er nur den von Forster kennt. An den erinnerte er sich aber mit besonderem Vergnügen.
Pünktlich um 9 Uhr 30 am Montagmorgen ist Geschäftsbeginn. Einer von Cesare Montis Angestellten dreht den Schlüssel im Schloss der hölzernen Eingangstür zweimal um. Über Nacht war etwas Regen gefallen. Der Mitarbeiter öffnete zudem alle Fenster und sorgte für frische Luft, bevor die ersten Kunden in den Laden kommen. Auch Cesare ist schon zu Geschäftsbeginn anwesend und sucht seine Nervosität zu kaschieren. Mit kritischem Blick lässt er seine Augen über die ausgestellten Modeartikel schweifen. Zupfte mal da mal dort, kann sich aber nicht richtig konzentrieren. Die Zeit scheint stillzustehen. Nur langsam bewegte sich der Minutenzeiger auf der Uhr über der Tür, die zu den hinteren Räumen des Geschäftes führte.
Kurz vor dem vereinbarten Termin ist Cesare bis aufs Äußerste angespannt. Nach außen hin wirkte er jetzt allerdings vollkommen ruhig. Er hält sich im Hintergrund damit er den Geschäftsablauf nicht stört. Es soll so aussehen, als ob er gerade in dem Moment aus einer der hinteren Werkstatträume heraustritt, in dem sein angekündigter Besucher die Eingangstür öffnet. Mit geschultem Blick beobachtete Cesare von seinem Standort das Geschehen im Laden. Ein Grundprinzip seiner Tätigkeit ist es, das er immer Herr der Lage sein will. Überraschungen liebte er nicht, er versuchte sie soweit wie möglich zu vermeiden.
Kurz vor 10 Uhr bleibt ein junger Mann vor dem Schaufenster der Buchhandlung gegenüber stehen. Scheinbar gelangweilt blickt dieser auf die ausgestellten Publikationen. An der Art, wie sich der Mann umsieht, erkennt Cesare sofort, dass dies einer der Bodyguards von Sargese sein muss. Zwei, höchstens drei Minuten später geht die Tür auf. Es ist Punkt 10 Uhr als Rechtsanwalt Sargese eintritt. Er scheint guter Laune zu sein, da er mit dem Chefverkäufer, der sogleich auf den neuen Kunden zueilt, einige Worte wechselte und über dessen Scherz dezent lachte. Cesare Monti betritt wie zufällig die Bühne. Herzlich heißt er seinen Besucher willkommen.
Nach den üblichen Begrüßungsritualen, der Frage nach dem Wohlergehen der Familie und einem ersten Schluck Kaffee kommt Rechtsanwalt Sargese schnell und direkt zum Grund seines Besuches. Er greift nach seiner am Stuhl abgestellten Ledertasche, öffnet den Metallverschluss und entnimmt dieser nach einem kurzen Suchen eine dünne blaue Mappe.
Bevor der Rechtsanwalt den nun vor ihm auf dem Tisch liegenden Aktenordner öffnete, beginnt er mit seinen Ausführungen. So dürfte es immer auch bei Gericht ablaufen, wenn Emilio Sargese in dienstlichen Angelegenheiten dort zu tun hat. „Cesare, wir kennen uns schon lange und sind immer gut miteinander ausgekommen. Daher wollte ich in dieser etwas heiklen Angelegenheit direkt mit dir reden.“ Der ihm gegenüber sitzende Monti ist angespannt, was als nächstes kommen wird. Der Rechtsanwalt holt aus seiner Mappe ein Stück Papier und legte das Schriftstück so vor Cesare hin, dass dieser es lesen kann. Cesare ist verwirrt, sein flüchtiger erster Blick auf den handschriftlich verfassten Zettel, mehr ist es eigentlich nicht, verharrte bei dem Wort Schuldschein. Irritiert überfliegt der das Papier, seine Augen überfliegen den Text und bleiben an der Unterschrift am Ende hängen.
Ohne den Ton seiner Stimme zu verändern, ergreift Emilio Sargese wieder das Wort. „Dieser Wisch ist auf meinem Schreibtisch gelandet, und wie du siehst, trägt er die Unterschrift deines Sohnes. Mein Mandant berichtete mir von einer Pokerrunde in einem dubiosen Spielclub in der Altstadt, und vor allem was mich hier aufhorchen lässt, ist die Reaktion deines Sohnes, als es dann um die Auslösung der Schuld und die Begleichung der 3.000 Euro ging. Der Betreiber des Spielclubs wurde mit den Worten abgespeist: er könne ja das Geld bei Gericht einklagen, wenn er sich das traue bei seinen illegalen Machenschaften. Du verstehst: „Spielschulden sind Ehrenschulden und wenn es sich dabei um Händel innerhalb unserer famiglia handelt, sind diese besonders problematisch.“ Cesare nimmt den Schuldschein, um etwas Zeit zu gewinnen, damit er diesen unerwarteten Schlag in die Magengrube verdauen kann. Es hilft nichts, er findet keine Entgegnung, um die Sache ungeschehen zu machen.
Er kann nur die Flucht nach vorn antreten und Rechtsanwalt Sargese in allem beipflichten und versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten. „Glaub mir, ich bin erschüttert und weiß nicht, was ich sagen soll; selbstverständlich sorge ich sofort für den Zahlungsausgleich.“ Ohne ersichtliche Regung erwiderte Rechtsanwalt Sargese lapidar: “Das ist schon geschehen. Ich habe mir erlaubt, diese unrühmliche Sache aus der Welt zu schaffen.“
Daraufhin nimmt er den Schuldschein wieder an sich, legte ihn in seine blaue Mappe zurück und verstaut diese in der Ledertasche, die er unter dem Tisch hervorgeholt hat. „Cesare, du solltest mit deinem Sohn ernstlich reden. Junge Leute von heute brauchen Anleitung bei ihrer Berufsausbildung. Was hältst du davon, ihn für einige Monate ins Ausland zu schicken? Cesare, nimm meinen freundschaftlichen Rat an und sorge dafür, dass Alessandro von der Bildfläche verschwindet. Dieses Mal hat ihn dein guter Name in der famiglia noch geschützt. Ein weiteres Mal geht es wahrscheinlich anders ab.“ Nach dieser scharfen Warnung wechselte Emilio Sargese wieder in einen umgänglichen Tonfall und leitet das Gespräch gekonnte zu unverfänglichen Themen über.
Beim Abschied kommt Sargese noch einmal auf den Schuldschein zu sprechen. „Mach dir keine Gedanken um das Geld, das verrechnen wir bei nächster Gelegenheit.“ Gutgelaunt verlässt der Rechtsanwalt daraufhin das Modeatelier und lässt einen tief betroffenen und verunsicherten Geschäftsinhaber zurück. Cesare Monti sieht sich nun noch mehr in der Schuld seiner Auftraggeber.
Für Cesare ist der Tag eigentlich gelaufen. An ein konzentriertes Arbeiten ist nicht mehr zu denken. Niemals hätte er gedacht, dass der Besuch des Rechtsanwaltes der famiglia seiner eigenen Familie gelten würde. Er wird heute Abend mit Alessandro ein ernstes Wort, sozusagen von Mann zu Mann, reden müssen. Was hatte sich der Junge nur dabei gedacht? Weiß er nicht, was Ehrenschulden sind? Für Cesare ist die Enthüllung über das Verhalten seines Sohnes eine Demütigung, die schwer auf seine Schultern lasten. So kann er seinem alten Weggefährten Emilio noch dankbar sein, dass er sich dieser Sache angenommen hat. Nicht nur vom Hörensagen kennt er die übliche Vorgehensweise beim Eintreiben von Schulden. Ist sein Sohn so naiv zu glauben, er komme ungeschoren aus der Sache heraus.
Gegen sechs Uhr, noch vor dem Abendessen, passt Cesare seinen Sohn, als er Nachhause kommt an der Wohnungstür ab und bittet ihn kurz in sein Arbeitszimmer. Er beginnt mit leiser Stimme. „Hast du irgendwelche Schwierigkeiten, über die wir vielleicht einmal reden sollten?“ Alessandro überlegte, worauf sein Vater anspielen könnte und entscheidet, sich abwartend zu verhalten. „Alles bestens, null Probleme, halt das Übliche, na du weißt schon.“ Nach dieser flapsigen Reaktion seines Sohnes platzt Cesare nun aber der Kragen. Er kann nicht mehr an sich halten und poltert, einen heftigen Wutausbruch nur mit Mühe vermeidend, los. „Ich hatte heute im Laden Besuch von einem alten Freund. Du wirst es nicht glauben, er kam ausschließlich wegen einer Angelegenheit, die mit dir zu tun hat. Ich war förmlich vor den Kopf gestoßen, als er mir offenbarte, dass mein ehrenwerter Herr Sohn Spielschulden hat und sich strikt weigert einen Schuldschein einzulösen. Na, gehört dies in die Kategorie „das Übliche halt“, wie du dich auszudrücken beliebst? Cesare wartete ab. Er lauerte auf die nun kommende Ausrede seines Sprösslings. Am liebsten hätte er ihn in der Luft zerrissen.
„Wir haben uns einen Jux gemacht. Ein paar Bekannte und ich sind durch die Kneipen der Altstadt gezogen und da sind wir auch in einer dieser Spelunken gelandet. Wir haben etwas zu viel getrunken und haben uns dann auch zu einer Partie Poker verleiten lassen. Am Anfang lief es ja auch ganz gut. Ich habe kleinere Beträge gewonnen und hatte Glück. Die Einsätze wurden immer höher und dann habe ich vielleicht etwas den Überblick verloren. Aber am Schluss hatte ich zwei Könige auf der Hand. Ein Bombenblatt gleich zu Beginn. Ich wollte alles auf eine Karte setzen und meine Verluste wieder auf einen Schlag ausgleichen. Ich war mir absolut sicher zu gewinnen“. Cesare hörte seinem Sohn zu. Erst als dieser nicht weitersprach, fragte er nach „und dann, wie ging es weiter?“ „Das Glück schien auf meiner Seite, ich verlangte zwei neue Karten und bekam noch einen König. Nun konnte nichts mehr schief gehen und ich erhöhte den Einsatz. Ich war mir absolut sicher, ich hatte alle am Tisch im Sack. Als die Karten der Mitspieler dann aufgedeckt wurden, konnte ich es zunächst nicht glauben. Ich hatte das Spiel verloren. Was sind drei Könige gegen drei Asse? Wie es dann weiterging, kannst du dir ja denken. Ich musste einen Schuldschein unterschreiben, ja, und das war´s dann auch schon.“
Cesare ist erschüttert von diesem Geständnis seines Sohnes. Mehr als die Tatsache beim Kartenspiel verloren zu haben, irritierte ihn das Verhalten von Alessandro, der mit einer gewissen Lässigkeit erzählte. Auch auf die Frage, warum er denn die Zahlungsfrist nicht eingehalten habe, kommt eigentlich nur ein Schulterzucken und die lapidare Aussage, er brauche nicht zahlen, Spielschulden könnten nicht vor Gericht eingeklagt werden. Das ist nun aber zu viel für Cesare. Diese Naivität muss er erst einmal wegstecken. „Alessandro, jetzt hör mir mal ganz genau zu.
„Spielschulden sind Ehrenschulden und wiegen schwerer als normale Zahlungsrückstände. Natürlich hast du mit deiner juristischen Einschätzung vollkommen Recht. Darum geht es aber gar nicht. Hast du dir schon einmal überlegt, dass beim Glücksspiel die Karten manipuliert sind und so naive Zeitgenossen, wie du einer offensichtlich bist, zunächst mit kleineren Gewinnen angefüttert und dann am Schluss abgezockt werden? Die Mafia betreibt diese Spelunken und es ist nicht unbedingt ratsam, sich mit solchen Leuten anzulegen. Die haben ihre Methoden, an ihr Geld zu kommen. Gibt es dir gar nicht zu denken, dass ich heute in dieser Sache Besuch bekommen habe? Dein und somit mein Name sind in der Stadt bekannt, und es ist ein Leichtes, dir oder mir zu schaden. Juristisch läuft da nichts, keine Sorge, aber wenn sie dir die Finger an beiden Händen brechen oder bei mir die Scheiben des Ladens einwerfen, dann werden wir schon irgendwann weichgekocht sein und zahlen. Wohlgemerkt mit Zinsen und Zinseszinsen. Von den Auslagen der ehrenwerten Herren ganz zu schweigen.“
Alessandro ist blass im Gesicht geworden, seine jugendliche Bräune ist der Farbe eines ausgewaschenen Leintuchs gewichen. In seinem Stuhl immer er, bei den in kurzen Sätzen ihm von seinem Vater an den Kopf geschleuderten Worten, immer kleiner geworden. So hat er die Angelegenheit noch nicht gesehen. Nur, was sollte er jetzt noch machen? Da hilft nur die Flucht nach vorn und kleinlaut seinem Vater beipflichten und um seine Hilfe bitten. Vielleicht ist ja noch nicht alles verloren.
„Wenn du mir das Geld vorstreckst, damit ich den Schuldschein auslöse, dann ist doch alles wieder in Ordnung!“ Alessandro sieht fragend zu seinem Vater und erhoffte dessen positive Rückantwort, damit er diesen Schlamassel unbeschadet überstehen könne. Cesare überlegt, bevor er antwortet. „Ganz so einfach ist die Angelegenheit nicht, wie du meinst. Die Schuld ist bereits von anderer Seite beglichen, ich kann nicht so einfach das Geld von der Bank holen und den Schuldschein damit zurück kaufen. Dafür ist es schon zu spät.“
Alessandro ist wie vor den Kopf gestoßen. Er hörte die Worte laut und deutlich, aber der Sinn des Gesagten will ihm nicht verständlich werden. Cesare redet weiter: „Die Summe ist beglichen, bezahlt ist sie aber noch nicht. Zu gegebener Zeit wird mein Besucher darauf zurückkommen und dann wird erst abgerechnet. Das wirst du nicht ganz verstehen, ist aber die Realität“. Alessandro begriff nicht, was sein Vater anzudeuten versuchte. Die Tragweite der Worte rauscht an ihm vorbei. Benommen sitzt er da, unfähig sich zu rühren, aufzustehen oder auch nur sich für seine Dummheit bei seinem Vater zu entschuldigen.
Die erste gemeinsame deutsch-amerikanische Projektsitzung ist zu Ende. Es ist Freitagnachmittag kurz nach 16 Uhr und Roger ist froh, dass er sein Hotelzimmer noch einen Tag länger zur Verfügung hat. Nach der Verabschiedung der amerikanischen Gäste, die am Abend noch den Rückflug in die Staaten vom Münchner Flughafen aus antreten, hat sich die Zusammenkunft schnell aufgelöst. Auch die verbliebenen Teilnehmer haben nach dem anstrengenden Meeting keine große Lust mehr zu vertiefenden Gesprächen. Das hat Zeit bis zum Montag. Jetzt ist Wochenende angesagt und jeder schaute zu, dass er schnellstmöglich zu seinem Auto kommt. Ein letztes Tschüss über den Parkplatz zu einem Kollegen und ab geht´s nach Hause zur Familie oder zu sonst Jemanden, der auf einen wartet.
Roger sieht zu, dass auch er von der Bildfläche verschwindet. Eiligen Schrittes durchschreitet er die Lobby des Hotels. Mit dem Lift in den 5. Stock und ohne weiteren Zwischenstopp die Zimmertür von innen zumachen, das ist sein vorrangiges Ziel. Nach dem anstrengenden gestrigen Abend und einigen „Absackern“ in der Hotelbar ist er froh, sich für einige Stunden ausruhen zu können. Noch ein kurzer Anruf bei der Rezeption, damit er um 18.30 Uhr geweckt wird.
Das Lokal „Zur grünen Aue“ liegt in einem Vorort von München. Der Stadtteil Feldmoching ist ihm bis dato total unbekannt. Nie dagewesen. Ohne Navigationsgerät hätte er nicht gewusst, wie er diesen Ort überhaupt erreichen kann. Roger entledigt sich seiner Kleidung, stellt sich unter die Dusche und lässt eiskaltes Wasser über seinen vom vielen Sitzen schlaffen Körper hinunterlaufen. Der erste Schock löst sich beim abtrocknen und weicht einer erfrischenden Wärme, einem angenehmen Wohlbehagen. Noch nicht richtig zugedeckt, da ist er auch schon eingeschlafen.
Das schrille Klingeln des Telefons beendete abrupt die Traumphase. Roger braucht erst einige Momente, um sich zurechtzufinden und vor allem das lästige Telefon in dem fremden Hotelzimmer zu finden. Er nimmt den Anruf der Rezeption entgegen und bedankt sich bei der freundlichen Stimme für den Weckrufservice. Um richtig wach zu werden, hilft nur eine erneute kalte Dusche. Als er den Mischhebel voll in den blauen Bereich dreht, schießt schlagartig ein Schwall eiskalten Wassers auf seinen Körper nieder. Diese Radikalkur ist nicht immer sein bestes Rezept um wach zu werden, heute aber wirkt es wahre Wunder. Nach dem Trockenreiben fühlt sich Roger wieder topfit. Unterwegs will er vielleicht noch eine Kleinigkeit essen, um dann das Klassentreffen zu besuchen. Große Erwartungen hat er nicht. Mal sehen, was sich da ergibt. Falls die ganze Sache sich als Flop erweist, will er sich schnellstmöglich verdrücken und den Abend anderswo ausklingen lassen. Nun ja, ein Versuch ist es immerhin wert.
In der Tiefgarage angelangt, tippt er die Adresse des Treffpunktes in das Navigationsgerät ein und fährt vorsichtig rückwärts aus der engen Parkbucht. Auf dem Mittleren Ring geht es zunächst einige Kilometer entlang. Dann lotst ihn das Navi auf eine kleinere Straße und führte ihn ohne Schwierigkeiten zu seinem angegebenen Ziel. Roger hatte sich keine Gedanken über die Entfernung zur Gaststätte gemacht und ist überrascht, dass er recht zügig durch den Innenstadtbereich von München kommt. Rund eine halbe Stunde vor Beginn des Klassentreffens erreicht er den Parkplatz in Feldmoching. Bei seiner Ankunft ist noch nicht viel los. Soll er schon reingehen oder besser noch abwarten? Lieber bleibt er noch etwas in seinem Audi A 6 sitzen und beobachtet die Umgebung. Er staunt nicht schlecht. In Autobahnnähe ist hier ein Freizeitzentrum auf der grünen Wiese hochgezogen worden. Es scheint an nichts zu fehlen. Und nach den Werbetafeln und Hinweisschildern zu schließen, gibt es neben einem original bayerischen Speiselokal, Biergarten inklusive, auch zwei Discos.
Nun wird es aber Zeit, aus dem Radio kommt die monotone Ansage, wonach es zwanzig Uhr mit dem letzten Ton des Signals sei und die Nachrichten gesendet werden.
Als sich Roger im Lokal umschaut, findet er zunächst keinen Hinweis auf ein Nebenzimmer für die Teilnehmer des Klassentreffens. Seine Suche wird abgekürzt, als eine der unzähligen Kellnerinnen auf ihn zu rauscht und schon mit einem Abstand von drei bis vier Schritten laut durch den Raum fragt: „Zum Abitreffen?“ Die Antwort auf ihre selbst gestellte Frage schickt sie ohne Luft zu holen gleich hinterher. „Treppe runter und gerade aus!“
Roger folgt dem angezeigten Weg und sieht unter dem Hinweisschild zur Toilette auf dem Treppenabsatz einen roten Pfeil auf den mit schwarzem Filzstift dick das Wort Abiturtreffen angeschrieben ist. Sinnigerweise darunter mit kleineren Druckbuchstaben vermerkt „Geschlossene Gesellschaft“. Dies ist wohl zur Abschreckung gedacht und soll die nostalgische Zusammenkunft vor neugierigen Blicken der WC-Benutzer schützen. Nach einem kurzen Zögern öffnet Roger beherzt die abgetönte gelblich schimmernde Glastür, holt tief Luft und fühlt sich mit einem Schlag in die Zeit des Endes der ehemals so verhassten Schule zurück katapultiert.
Schnell ist Roger ernüchtert von dem, was er da sieht. Alles fremde, erwartungsfrohe Gesichter, die sich der Eingangstür zugewandt haben. Er rafft sich zu einem „Hallo Leute“ auf. Mit fester Stimme hat er seine Begrüßung den etwas knapp über zwanzig Anwesenden zugerufen und schon ist er umringt von seinen Ex-Mitschülern. Gabi und Wolf, die sich als Organisatoren outen, sind vom überwältigend zahlreichen Kommen begeistert. Roger wird genötigt sich auf einer überdimensionalen Teilnehmerliste zu verewiglichen und wird von Gabi in den Arm genommen. „Schön, dass du kommen konntest!“ Die Klassensprecherin ihrer Abiturklasse hat sich nicht verändert. Schon damals war ihr Redefluss kaum zu bremsen. Beschwingt wendet sie sich einem neuen Ankömmling zu, als die Tür zum Nebenzimmer wieder geöffnet wird. Sie lässt Roger einfach in der Mitte des kleinen Saales stehen. Es ist diesmal aber nur die Bedienung, die mit der Frage, was sie denn zum Trinken bringen dürfe, die etwas steife Runde auflockert.
Roger nun wieder allein, wendet sich der ihm am nächsten informell herumstehenden kleinen Gruppe zu. „Bist du nicht der, warte lass mich überlegen.“ Solche und ähnliche Ratespiele finden nun vermehrt im Raum statt. Auch Roger beteiligt sich eifrig daran. Den einen oder anderen Freund früherer Jahre macht er in der Menge aus. Er muss sich aber eingestehen, mit den meisten Gesichtern kann er auf den ersten Blick nicht so recht viel anfangen. Bei den männlichen Teilnehmern kommt er noch einigermaßen zurecht. Aber die Mädels haben sich in den letzten zehn Jahren mächtig verändert. Mit einem lockeren Spruch wie „Kennst du mich noch oder und wer bist du?“ gelingt es Roger schnell, sein Gedächtnis wieder aufzufrischen. Die Mitschüler, mit denen er zur damaligen Zeit nichts am Hut hatte, sind heute auch noch für ihn Unbekannte. Beim unverfänglichen Small Talk werden aktuelle Informationen mit den abgespeicherten Erinnerungen abgeglichen und auf den neuesten Stand gebracht.
Unter den beiden Neuankömmlingen entdeckt Roger ein ihm bestens bekanntes Gesicht. In voller Pracht steht Peter Bauermann vor dem angetretenen Begrüßungskomitee und schüttelt Hände, vervollständigt schwungvoll mit seinem Autogramm die Anwesenheitsliste und beginnt ungezwungen seine Runde durch den Saal. Peter scheint die meisten der Ehemaligen gut zu kennen. Als er auf seiner Tour bei Roger ankommt, ist das Hallo groß. Die beiden Klassenkameraden fallen sich um den Hals und Roger weiß nichts Blöderes zu sagen als: „Mensch Peter, bist du groß geworden!“ Die in der Nähe stehende Gruppe junger Frauen hat für diese Albernheit nur ein abfälliges Grinsen übrig und widmet sich wieder ihren familiären Themen, sozusagen wissend von Frau zu Frau.
„Paul, unser Kunstgenie, kommt auch; hast du ihn schon gesehen?“ Diese Frage hat nicht ihm gegolten, sondern ist an die vorbei wallende Gabi gerichtet. Diese hebt nur die Schultern und ist auch schon wieder in einem anderen Gespräch aktiv. Peter spricht nun an Roger gewandt weiter: „Ich gehöre sozusagen mit zum Kreis der Organisatoren dieser denkwürdigen Veranstaltung. Mit Gabi bin ich, seit die Planung für dieses Megaevent angelaufen ist, sozusagen liiert.“ Peter winkt seiner neuen Flamme Gabi zu und geht zum Ende des kleinen Nebenraumes um im Namen der Organisatoren die offizielle Begrüßung vom Stapel zu lassen. Roger findet es lustig, dass nun ausgerechnet die beiden ehemaligen Klassensprecher friedlich vereint den Abend eröffnen. Früher waren die wie Hund und Katz, die Zeit scheint doch viele Wunden zu heilen, denkt Roger amüsiert.
Nach einer kurzen launischen Ansprache wird das Licht im Saal gelöscht und als besondere Überraschung präsentiert Paul, der Künstler unter ihnen, eine kleine von ihm zusammengestellte Diashow. Damit jeder sich ein Bild der unvermeidlich im Laufe der Jahre eingetretenen persönlichen Veränderungen machen kann, werden die Konterfeis von damaligen Klassenfotos und die unauffällig von jedem bei der Ankunft geknipsten Schnappschüsse nacheinander auf der Leinwand dem staunenden und herzlich lachenden Publikum präsentiert. Nach dem Kurzvortrag ist die Anspannung unter den anwesenden ehemaligen Pennälern einer erwartungsfrohen Stimmung gewichen. Das anfänglich spürbare Eis scheint gebrochen. Lachen und heitere Zwischenrufe überwiegen in der Runde.
Auch für Jan-Gustav wird der Abend ein voller Erfolg. Die anfänglichen Zweifel, ob er denn zum Klassentreffen überhaupt teilnehmen soll, sind schnell verflogen. Er fühlt sich als „Hahn im Korb“ und ist eifrig und nicht ohne einen gewissen Charme unterwegs. Als er sich in aller Bescheidenheit als Förderer der schönen Künste tituliert und in einer überwiegend aus weiblichen Zuhörerinnen bestehenden Gruppe davon erzählt, er sei in das Geschäft seiner Eltern eingestiegen und werde in absehbarer Zeit auch vereidigter Auktionator werden, da steht er im Mittelpunkt der ehemaligen Mitschülerinnen. Als Jan-Gustav dann noch ein Wortspiel zum Besten gibt, wonach er schon auf Grund seines Gewerbes, also sozusagen von Amts wegen, sich mit der Schönheit in all ihren Formen auskenne, da fliegen ihm einige Herzen der anwesenden Damen zu, darunter die eine oder andere, die Jan früher angehimmelt hatte, die aber damals unerreichbar für ihn war. Es macht ihm sichtlich Spaß, mit kleinen Begebenheiten aus seinem schnöden Handwerk in einem stadtbekannten Kunsthaus zu brillieren. Er versteht es, den Schwerenöter zu geben und gekonnt seine Person in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen.
„Dieser blöde Gockel mit seinem affigen Gehabe kotzt mich an. Wie früher, als der immer bei den Mädels wegen seiner Kohle von zu Hause gut reden hatte“, kommentiert Paul das aufgedrehte Getue seines ewigen Nebenbuhlers früherer Jahre. Die mit einem Bierglas in der Hand beisammen stehenden Peter Bauermann und Roger Schneider können dem nur beipflichten. Paul, einmal in Fahrt, setzt noch einen drauf, in dem er in die Männerrunde wirft: „Wenn ich mir einige der anwesenden Dämlichkeiten genau betrachte, bin direkt froh, dass ich mich damals nicht getraut habe, sie allesamt anzubaggern.“ Schallendes Gelächter und Zustimmung beherrscht die neu formierte Gruppe. „Prost auf die alten Zeiten“ brabbelt Roger und sein Freund Peter kann sich über die gelungene Zote schier kaum vor Lachen beherrschen. „Noch so ein Joke, und ich mach mir in die Hose“, ist von ihm zu hören, bevor er sein Bierglas mit einem kräftigen Zug austrinkt.
Etwa gegen 23 Uhr machen sich die ersten schon auf den Heimweg. Eifrig werden Handynummern ausgetauscht und mit der Versicherung, sich in Kürze zu melden, beginnt sich die Runde langsam aufzulösen. Nach einem gemeinsam erforderlichen Besuch auf der Toilette macht Peter Bauermann seinen beiden Kumpanen den Vorschlag an der Theke ein letztes Bier zu trinken. Allein wie er betont. Nur wir drei. Mit Nachdruck besteht er auf diesem neuerlichen Freundschaftsbeweis. Etwas abseits finden sie eine stille Ecke und nach der Bestellung legt Peter, der informelle Sprecher aus Kindertagen, den beiden anderen die Arme um die Schulter und beschwört die tolle Zeit von damals.
Aber dann - nach einem ersten herzhaften Schluck aus dem randvollen Bierseidel - kommt Peter schnell zum eigentlichen Thema. „Jetzt aber mal die Hosen runter, was ist aus euch Nichtsnutze denn nun wirklich geworden?“ Seine beiden Begleiter sind zunächst verblüfft, doch beginnt sich auf ihren Gesichtern schnell ein Schmunzeln einzustellen.
„Habt ihr das erreicht, was ihr euch vorgenommen habt?“
Bevor sich die Situation klärt und wieder nur belanglose Floskeln ausgetauscht werden, beginnt Peter Bauermann mit seiner Lebensgeschichte in Kurzform. Die letzten zehn Jahre stehen dabei im Fokus. Die Zeit davor haben sie ja gemeinsam durchlebt. Es stellt sich heraus, dass ihr Freund mit seinen beruflichen Aktivitäten schon des Öfteren nahe am finanziellen Abgrund mit seinem Im- und Export-Automobilhandel gestanden hat.
Jetzt aber sei er gut im Geschäft mit gebrauchten Edelkutschen für den osteuropäischen Markt. „Die Käufer stehen bei mir Schlange, um sich nobel einzudecken“, so tönt großspurig Peter Bauermann zu seinen Kumpanen. Die meisten Deals wickle er ja sowieso im Internet ab. Da brauche er nicht mehr so wie früher ein großes Firmengelände, auf dem er seine jungen Gebrauchten feilbiete. Alles laufe jetzt sowieso anders, viel professioneller und vor allem schneller. Bei seinen Angeboten brauche es keine Vorbesichtigung vor Ort, Probefahrt so wie früher? Nein, heute verbürge er sich mit seinem guten Namen. Aus die Maus. Bei Nichtgefallen gibt’s umgehend das Geld zurück, so laufe das eben heute. Den richtigen Riecher hat er halt schon mitbringen müssen, sonst wäre gar nichts gelaufen. „Wo allerdings die Ware immer herkommt, da nehme ich es nicht so genau“, gibt er mit einem Augenzwinkern zu verstehen. An seine Freunde gerichtet schließt Peter Bauermann sein Kurzstatement mit der Frage: „Wenn ihr mal was Anständiges braucht, kommt vorbei, da findet sich schon etwas.“ Nach einem dröhnenden Lachen greift er an seinem zwischenzeitlich wieder gefüllten Bierkrug und löscht gierig seinen Durst.
Als nächstes ist Paul, der Künstler, mit seinem Bericht zur allgemeinen Lage an der Reihe. Sein bisheriges Leben sei eher unspektakulär verlaufen. Er habe das Glück gehabt seine Leidenschaft für die Kunst im Allgemeinen und für Gemälde im Besonderen zu seinem Beruf zu machen. Nach dem Studium sei er Restaurator für alte Kunstwerke geworden und habe eine auskömmliche Anstellung bei den Sammlungen des Bayerischen Staates ergattert, gerade hier in München. Er beschäftige sich mit dem, was er schon immer gern getan habe, heute wissenschaftlich und ohne Stress. Reich würde er als Staatsdiener mit Pensionsanspruch natürlich nicht. Dafür brauche er sich aber auch nicht abzuplagen, immer nach seiner Devise, gut Ding braucht Weile, da habe er es sich gut und bequem eingerichtet.
Paul Jordebrecht kommt förmlich ins Schwärmen. Mit leuchtenden Augen beendet er seine Rede mit dem Satz: „Ich mal euch die Mona Lisa, dass selbst Leonardo eine Brille braucht.“ Dann fügt er noch vieldeutig an: “Klar malen muss man schon können und dann kommt noch die Technik der damaligen Zeit zum Tragen. Elementar wichtig sind die Farben und deren Zusammensetzung. Ich zaubere euch in Nullkommanix einen echten Miro für den Hausgebrauch auf die Leinwand sozusagen als Rücklage für schlechte Zeiten, könnt ihr mir ruhig glauben. “Paul Jordebrecht hinterlässt nach diesen Worten bei den anderen am Tresen sprachlose Gesichter und freut sich insgeheim über seine Schlagfertigkeit. Zufrieden lächelt er die anderen an, er kennt sich im Metier aus, hat den Dreh raus.
Als schließlich Roger Schneider von seinem Lebensweg als Mitarbeiter in der Marketingabteilung eines großen Autokonzerns berichtet, findet er die ungeteilte Aufmerksamkeit eigentlich nur von Peter Bauermann, der mit der Zwischenbemerkung „Wir sind ja in der gleichen Branche gelandet“ seinen Schulfreund fast aus dem Konzept gebracht hätte. Roger Schneider findet wieder den Faden und erläutert leicht übertrieben seine Bedeutung im neuen Projekt, dessen verantwortlicher Leiter er sei, beendet seine Ausführungen aber mit einer lakonischen Bemerkung über sich in dritter Person: „Wenn er aber bis zur Rente schöne Worte erfinden muss, dann gebe er sich lieber gleich die Kugel. Auf die Dauer gesehen, sei er damit nicht ausgelastet, da schwebe ihm doch noch etwas anderes vor.“
