Mausetot - Hermann Schunder - E-Book

Mausetot E-Book

Hermann Schunder

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Beschreibung

Winter an der Mittelmosel. Wenig los im kleinen Weindorf. Niemand auf den Straßen, nur in der einzigen Gastwirtschaft herrscht rege Betriebsamkeit. Augen und Ohren offenhalten, mehr nicht. Seltsamer Auftrag der Staatsanwältin an Kommissar Joseph Wolf. Ihm ist das egal. Hauptsache er kommt wieder in den Polizeidienst. Jeder Job ist ihm recht, selbst wenn der den Sinn des verdeckten Einsatzes nicht versteht. Mit dit der Beschaulichkeit ist es aber schnell vorbei. Ein anonymer Anrufer meldet den Fund eines Toten. Die Umstände sind schauerlich, ein seltsamer Ort um zu sterben. Selbstmord ist auszuschließen. Mindestens eine weitere Person muss vor Ort gewesen sein. Mehr hat Kommissar Wolf nicht. Es scheint nahezu ausgeschlossen diesen mysteriösen Fall aufzuklären. Nicht einmal der Name des Opfers ist bekannt. Die Ermittlungen kommen nur schleppend voran. Doch Kommissar Wolf will es wissen. Er lässt nicht locker. Kriminalroman aus der beschaulichen Moselregion

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Hermann Schunder

Mausetot

Kriminalroman von der Mittelmosel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapital 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Impressum neobooks

Kapitel 1

Joseph Wolf führte ein unauffälliges Leben. Sein Alter sah ihm keiner auf den ersten Blick an. Zugegeben, so durchtrainiert wie früher, fühlte sich der schlanke Mittfünfzigers nicht mehr. Aber bei einer Körpergröße von 1 Meter 78 fiel das leichte Übergewicht nicht sonderlich auf. In seinem Bekanntenkreis galt er als geselliger Typ, einer zum Pferde stehlen.

Die braunen nach hinten gekämmten Haare lichteten sich allmählich. Dieses Manko glich Joseph durch sein geschickt eingesetztes schüchternes Lächeln spielend aus. Er galt als eingefleischter Junggeselle, weniger aus Überzeugung, mehr aus Mangel an Gelegenheit. Als eifriger Kneipengänger bestand sein Freundeskreis in erster Linie aus Männern. Fußballbegeisterte Biertrinker blieben meist unter sich.

Die Frauen, ja, das war ein besonderes Kapitel in seinem. Die er wollte, mit Blicken förmlich auszog, das waren die um die Vierzig, die suchten nicht unbedingt einen Alten. Und die sich auf der Pirsch der Liebe tummelten, die 60 Plus-Generation, für die fühlte er sich noch zu jung. Ab und zu verirrte sich sogar die eine oder andere holde Weiblichkeit in seine Stammkneipe. Füllig und willig genügte ihm aber nicht. So blieb es meist bei verstohlenen Blicken und unerfüllten Träumen.

In beruflicher Hinsicht galt Joseph Wolf bei seinen Vorgesetzten nicht gerade als Überflieger. Zuverlässig und korrekt. Aber sonst? Kein Superbulle, der die kniffligsten Fälle im Alleingang aufklärte und sich auf seine übersinnlichen Fähigkeiten stets verlassen konnte. Weit gefehlt. Wolf agierte im Hintergrund, lieferte Erkenntnisse aus dem Umfeld von Verdächtigen. Kein Karrieretyp, wie sich aus seinen Dienstjahren und dem erreichten Rang eines Kommissars leicht ableiten ließ. Sein Glück oder vielleicht doch sein Pech bestand darin, dass er bei einer Routinekontrolle zur falschen Zeit und am falschen Ort aufkreuzte und mit knapper Not mit seinem Leben davon kam. Bleibende Erinnerung dieses Vorfalls waren ein Hagel an Geschossen von denen er einige mit seinem Bein abgefangen hatte. Das machte ihm zu schaffen, nicht zu Reden vom sprichwörtlichen Wetterumschwung. Nein, das wäre zu platt als Ausrede für seine pessimistische Gefühlslage. Seit Monaten hockte er in einem Einzimmerappartement in Wittlich und hoffte darauf wieder seinen Dienst aufnehmen zu können. Ungern würde er in sein angestammtes Kommissariat in Ludwigshafen zurückkehren. Aber egal, alles besser als die Frühpensionierung.

Er musste sich in Geduld üben, etwas anderes konnte er nicht mit seiner freien Zeit bewerkstelligen. Wie ein eingesperrtes Tier fühlte sich Joseph Wolf in seinem Appartement. Hoffnung keimte auf, wenn er kurz nach zehn Uhr nachsehen ging, ob der Postbote etwas für ihn in den Briefkasten geworfen hatte. Nach seinem schweren Dienstunfall in jener verhängnisvollen Nacht in Ludwigshafen kurierte er sich in Wittlich, abseits seiner gewohnten Pfade aus. Ob er jemals wieder als Polizist arbeiten konnte, dass schien nach dem Fitnesscheck beim Amtsarzt vom vergangenen Mittwoch fraglich. Sein weiteres Schicksal hing davon ab.

Dieser morgendliche Weg zum Briefkasten glich einem feststehendem Ritual. Mit geringen Erwartungen trat er seinen Gang an und mit noch weniger Hoffnung schlurfte er die Treppenstufen zurück zu seiner Wohnung. Vielleicht morgen oder spätestens übermorgen, so sprach er sich selbst Mut zu. In seinem Innersten wurde mit jedem Tag, der auf diese Weise verstrich, das erwartete Ereignis immer unwahrscheinlicher.

Der heutige Montag unterschied sich von den anderen Tagen. Normalerweise gab es zu Wochenbeginn selten Post, allerhöchstens einen Brief, der vom Samstag übrig geblieben war. Aus alter Gewohnheit, kurz nach zehn Uhr, machte sich Joseph auf den Weg. Auf der Treppe von der zweiten runter zur ersten Etage begegnete ihm seine Nachbarin. Susanne logierte drei Türen weiter Richtung Fenster des Mittelganges des Appartementhauses. Er mochte das junge flippige Ding. Susanne war die einzige Bekanntschaft in diesem Mietblock für ihn.

„Hey, Josephus, was macht die Kunst? Alles klar oder bestens?“ Die junge Frau hielt einen aufgerissenen Briefumschlag in der Hand und wedelte mit einem Blatt Papier wild herum. So aufgekratzt ließ sie sich in ihrem Wortschwall kaum bremsen.

„Ich hab meine Prüfung für das Vordiplom bestanden! Juhu. Hier steht es schwarz auf weiß.

Darauf müssen wir unbedingt mit einer Flasche Sekt anstoßen. Das hab ich mir verdient, sonst gönne ich mir ja kaum Alkohol, na ja selten. Susanne lachte herzerfrischend über ihren Scherz.“

Joseph versprach am frühen Abend kurz vorbei zu schauen.

Er setzte seinen Weg zur Haustür mit den vielen Briefkästen bedächtig fort.

Aus seinem Mäppchen fummelte er den Schlüssel für den Briefkasten heraus. Wie jeden Morgen schienen sich die Schlüssel gegen ihn verschworen zu haben. Wie war es nur möglich, dass sich die drei Teile so ineinander verhaken konnten? Ein weißes Kuvert flatterte auf den Boden.

Endlich der erwartete Brief? Joseph, beileibe nicht abergläubig, dachte, als er sich nach dem Briefumschlag bückte, ein gutes Omen scheint es ja nicht zu sein, wenn er sich vor seinem Schicksal tief verbeugen musste.

Die Würfel über seine weitere Zukunft waren gefallen. Das amtliche Schreiben der Polizeibehörde wollte er nicht gleich öffnen. Etwas hielt ihn zurück. Trotz einer sich bei jeder Treppenstufe stärker zusammenballenden Neugierde zwang er sich zur Ruhe. In seinem gewohnten Trott stapfte er unbeirrt in die Treppe hoch.

Erst beim zweiten Durchlesen des Schreibens von der Polizeidirektion Trier traute er sich tief Luft zu holen. Damit hatte er schon nicht mehr gerechnet. Wort für Wort laut lesend wurde ihm der Inhalt des Briefes allmählich bewusst. Nein, kein Irrtum. Da stand in reinstem Behördendeutsch:

Sehr geehrter Herr Wolf,

freuen wir uns Ihnen mitteilen zu können, dass auf Grund der erfolgten Untersuchungen beim für Sie zuständigen Amtsarzt in Trier eine dreimonatige Rehabilitationsmaßnahme zur Wiedererlangung der Diensttauglichkeit genehmigt werden kann.

Wir bitten Sie, sich am

Mittwoch, den 12, Februar 2014

bei der Polizeiinspektion

Schlossstraße 28, Wittlich

zu melden. Die näheren Einzelheiten der Rehabilitationsmaßnahme stimmen Sie bitte direkt mit der aufnehmenden Dienststelle ab.

Es folgte Datum und Unterschrift.

Wow, welche Überraschung. Von einem Moment auf den anderen veränderte sich sein Umfeld. Voller Tatendrang stürmte Joseph Wolf die wenigen Schritte zur Küche. Mit neuem Elan griff Joseph im Kühlfach nach einer Flasche Prosecco. Er liebte dieses Getränk. Zwei Gläser und die Flasche in der Hand, zog er die Eingangstür seines Appartements hinter sich zu. Susanne hatte ihn schließlich eingeladen.

Das Klingeln musste forsch geklungen haben, denn schon wenige Augenblicke danach sah Joseph Wolf in das verdutzte Gesicht seiner Mitbewohnerin. Ein Badehandtuch verhüllte den nassen Körper von Susanne. Als sie die Sektflasche in der Hand ihres Nachbarn entdeckte, brauchte sie nicht nach dem Grund des unerwarteten Besuchs zu fragen.

„Du hast es aber ganz schön eilig mit dem Feiern.“

Nach diesem ersten Satz trat sie einen Schritt zur Seite und gab den Eingang frei. „Komm rein, setze dich schon mal, ich zieh mir nur schnell was an.“ Joseph antwortete keck „wegen mir brauchst zu dich nicht extra schick zu machen, so wie du bist genügt vollkommen.“ Verblüfft schaute Susanne zu Joseph hin, dessen aufgekratztes Benehmen sie zunächst nicht zu deuten vermochte. So hatte sie ihren Nachbarn noch nicht erlebt. Irgendetwas schien anders als sonst zu sein.

Joseph setzte sich in den roten massigen Ohrensessel und ließ den Blick schweifen. Kurz darauf erhascht Joseph aus den Augenwinkeln einen Schatten. Nur den Bruchteil einer Sekunde dauert diese Bewegung, aber als geübter Beobachter ist dem Kommissar keineswegs entgangen, das seine Nachbarin, ganz ohne, von einem Zimmer ins andere huschte. Auf ihrem Kopf ein Handtuch zu einem Turban gewickelt. Ein eher am Rande interessantes Detail.

Joseph Wolf schmunzelte und griff nach der vor ihm auf dem niedrigen Tisch stehenden Flasche. Ungeschickt versuchte er die grüne Banderole der Proseccoflasche auf zu fummeln. Ein schwieriges Unterfangen. Darauf bedacht den Korken ja nicht knallen zu lassen bemüht er sich den Verschluss sachte aus dem Flaschenhals zu winden.

Kapitel 2

Seit einer Woche wieder im Dienst. Zugegeben seine Tätigkeit, zeitlich auf sechs Stunden pro Tag begrenzt, ist nicht besonders anspruchsvoll. Aber immerhin, mehr konnte er nach seiner langen Krankheit nicht erwarten. Ihm ist das erst einmal egal. Hauptsache nicht ausgemustert und vorzeitig in den Ruhestand abgeschoben. Eine neue Chance, ein neues Glück. Okay, etwas schal ist dieser Spruch schon, zu oft im falschen Ton als Trost in allen Lebenslagen gebraucht.

Die Polizeiinspektion Wittlich gehört nicht zu den Hotspots des internationalen Verbrechens. Hier in der Provinz geht es ruhiger zu, was die großen Dinger angeht. Genug gibt es für die Kollegen aber trotzdem zu tun. Das ganze Spektrum eines Polizeireviers halt. Die Kollegen vom Streifendienst konnten einiges erzählen aber damit hat Joseph Wolf nichts zu tun. Er ist ja ein Kriminaler, einer der nicht in Uniform auftritt.

Nach der lockeren Vorstellungsrunde auf dem Revier verfrachtete ihn der stellvertretende Dienststellenleiter in ein kleines Kämmerchen im hintersten Winkel der Einsatzzentrale. Hier soll er nun die nächsten Wochen verbringen.

Hauptkommissar Franz Bartel, ein drahtiger Typ, schätzungsweise Anfang vierzig, ist der Mann, der den Laden am laufen hält. Als stellvertretender Leiter des Reviers fängt er gleich an Joseph Wolf zu instruieren:

„Wie der Hase so läuft, hast Du schnell raus. Übrigens noch etwas, bei uns auf der Dienststelle beträgt der Frauenanteil mehr als fünfzig Prozent. Auf unsere Mädels lassen wir nichts kommen. Wenn einer meint, er könnte unsere Girls dumm anlabern, gibt’s was auf die Mütze?“

Bartel lachte nach dieser kurzen Amtseinführung, Seine erste Aufgabe hörte sich ziemlich langweilig an.. Er wurde dafür ausersehen, liegengebliebenen Papierkram aufzuarbeiten. Jobs, die keiner gerne machte. Aber jetzt gab es ja einen Knecht, dem sie dies alles aufhalsen konnten.

Die Faktenlage stellte sich so dar. Kurz vor Weihnachten ereignete sich ein schwerer Verkehrsunfall zwischen Osann-Monzel und Platten. Überhöhte Geschwindigkeit bei Dunkelheit und stellenweisem Nebel. Joseph sollte eine lupenreine Dokumentation des Ablaufs erstellen.

Mit den Worten „Sieh zu, dass du uns die Sache vom Hals schaffst. Wenn du Hilfe brauchst, kannst du jederzeit bei mir vorbeikommen. Alles klar?“ ließ Bartel seinen neuen Mitarbeiter stehen.

„Jawohl, Herr Hauptkommissar“

Die schneidige Antwort sollte ein kleiner Scherz sein, doch Joseph Wolf hatte das Gefühl, seinem Vorgesetzten gefiel die Demutshaltung seines Untergebenen.

„Noch eine Frage. Gibt es Unterlagen und Akten zum Vorgang?“

Wie verfiel er nur auf so eine ungeschickte Frage? Logisch das es Berichte und Aktenvermerke geben müsse, sonst könnte er diese ja nicht ordnen und aufarbeiten. Einen Rüffel erwartend blickte Joseph Wolf seinen Vorgesetzten demütig in die Augen.

Wie aus der Pistole geschossen die knappe Antwort von Franz Bartel. „Asservatenkammer, Keller, zweite Tür links, Schlüssel im Sekretariat bei Maria, äh Frau Meister.“

Eine Asservatenkammer ist üblicherweise ein besonderer Ort. Dort werden Beweisstücke zu abgeschlossenen Fällen verwahrt. Normalerweise halt. Hier an seiner neuen Wirkungsstätte eigentlich auch, dachte sich Joseph Wolf, als er sich den Schlüssel von Frau Meister besorgte.

Hinabgestiegen in das Reich der nicht mehr benötigten Dinge. Die zweite Tür links von der Treppe, das dürfte nicht schwer zu finden sein. Aber nachdem er die schwere Eisentür aufgesperrt hatte, ein einziges Durcheinander. Regale vollgestopft mit alten Akten füllten eine ganze Wand, längsseits von der Eingangstür. An der Querseite des Raumes die besagten Beweisstücke abgeschlossener Ermittlungsverfahren. Den Großteil des Raumes füllten unzählige alte Möbelstücke aus. Eine Art Sperrmüllzwischenlager. Hier stapelten sich defekte Stühle, zu abenteuerlichen wackligen Gebilden aufgetürmt. Uralte Bildschirme, aus den Anfangszeiten der elektronischen Datenverarbeitung, komplettierten die Unordnung.. Alles wild durcheinander, ohne erkennbares System.

Es gab noch einen Nebenraum. Die wuchtigen vom Boden bis zur Decke reichenden Metallschränke, die mittels einem ausgeklügelten mechanischen Drehmodus zu öffnenden Fächer, bildeten einen eigenartigen Gegensatz zu der Rumpelkammer. Hier wurden die brisanten Akten und Beweismittel aufbewahrt. Nicht frei zugänglich für Jedermann.

„Na kommen sie zurecht Herr Wolf?“ Das war die hell klingende Stimme von Frau Meister. Joseph freute sich, dass die Sekretärin nach ihm sah. Allein hier in diesen Katakomben etwas zu finden, dass schien unmöglich. Also gab es nur den Weg Frau Meister für sich und sein Anliegen zu erobern. Mit einem gewinnenden Lächeln strahlte er die leicht mollige Blondine an und signalisierte damit Hilfe könnte er gut gebrauchen. Joseph Wolf kannte sich da aus. Frauen mochten das, wenn er ihnen gegenüber den ahnungslosen Trottel spielte. Zudem war er ja der Neue.

„Was suchen sie denn, um welchen Vorgang handelt es sich?“ gab sich Maria Meister von ihrer besten Seite.

„Hauptkommissar Bartel meinte, es betrifft diesen Totalcrash kurz vor Weihnachten.“

„Da kann es sich nur um den Vorgang Steinmann handeln! Das haben wir gleich. Die Unfallprotokolle sind nebenan bei den unerledigten Fällen.“

Maria Meister strahlte über ihre Sachkenntnis. Joseph Wolf konnte nur anerkennend nicken, als er nach kurzem Suchen einen schmalen Schnellhefter in die Hand gedrückt bekam. Auf dem hellbraunen Aktenordner stand der Name Sebastian Steinmann mit dickem schwarzem Filzstift in Druckbuchstaben, fein säuberlich geschrieben.

„Vielen Dank Frau Meister, allein hätte ich diese Akte wohl nie gefunden!“

„Seien sie doch nicht so förmlich. Hier duzen wir uns alle unter den Kollegen. Bis auf die Goldsternchen.“

Joseph machte ein fragendes Gesicht. Offensichtlich schien er ziemlich bescheuert aus der Wäsche zu gucken. Die Sekretärin musste laut lachen.

„Die Goldsternchen, das sind unsere Vorgesetzten. Hier auf dem Revier gibt es zwei davon. Eine gewisse Distanz scheint gewünscht um die Truppe nach den neusten Methoden der Personalführung in Schach zu halten.“ Wieder lachte Frau Meister. Joseph gefiel diese offene erfrischende Art.

„Maria“

„Äh, Joseph“

Nach einem kurzen Händeschütteln und einem leichten Klaps auf die Schulter rauschte Maria Meister davon. Sie befand sich schon auf der Treppe, als Joseph ihr nachrief.

„Wie wäre es später mit einem Kaffee als kleines Dankeschön für ihre, Verzeihung, deine Hilfe?“

Auf halber Treppe drehte sich Maria um, „gerne, aber nur wenn du nicht mehr Sie sagst. Um halb Drei bei mir im Sekretariat.“

Zurück an seinem Schreibtisch begann Joseph mit seiner Recherche. Lange würde er nicht brauchen, um die Unterlagen zu ordnen. Ein fein sortiertes Dossier als ersten Arbeitsnachweis wollte er seinem Vorgesetzten präsentieren.

Klare Sache. Überhöhte Geschwindigkeit bei nasser Fahrbahn. Totalschaden und ein schwerverletzter Fahrer. Keine Anzeichen auf Fremdverschulden. Alles paletti. Dem Hinweis auf Gegenstände, die im Fahrzeug sichergestellt wurden, wollte er noch nachgehen. Viel erwartete sich Wolf von seinem erneuten Gang in den Keller nicht. Auf einem gelben post-it Zettel vermerkte er den in der Akte angegebenen Lagerort der Fundobjekte.

Das er an dieser Aufgabe scheitern würde, war schon im Ansatz vorprogrammiert. Hilflos stocherte er sprichwörtlich im Nebel, irrte von einem Regal zum nächsten, konnte das Gesuchte aber nicht finden. Kleinlaut stand er nach einigen Minuten vor Maria Meister und bat die Sekretärin um Hilfe. Ein leichtes Hochziehen einer Augenbraue von Maria verbesserte seine Erfolgschancen nicht wesentlich.

„Hier, ist doch ganz einfach! Regal 4 obere Reihe links!“ Ein schmales Kuvert kam zum Vorschein. Joseph konnte seine Verlegenheit nicht recht verbergen. Hatte er doch genau vor dem vermerkten Lagerort des gesuchten Objekts wie der Ochs vorm Berg gestanden. Blamabel, als die Sekretärin noch einen drauf setzte:

„Zählen kannst du aber schon. Ist doch nicht so schwer, da reicht eine Hand!“

Joseph wusste nicht, ob die leichte Verärgerung in Maria`s Gesicht ein Zeichen echter Missbilligung andeutete oder ob sie das alles nur spielte. Er entschied sich für Letzteres.

Wie erwartet der dünne Aktenordner gab nicht viel her. Der Vermerk Komapatient weckte sein Interesse. Also fragte er bei einem seiner Kollegen nach. Er wollte sich im in Krankenhaus nach Sebastian Steinmann erkundigen. Mit der Antwort konnte er zuerst nichts anfangen.

„Hauptfriedhof, Stadtmitte, genaue Adresse hab ich vergessen.“

Ein Lachen unterdrückte er im letzten Moment, als er den verdutzten Gesichtsausdruck des „Neuen auf dem Revier“ wahrnahm. Der eingehende Notruf rettete den Kollegen aus der misslichen Lage.

Dann wurde er stutzig. Aufmerksam betrachtete er die sichergestellten Gegenstände aus dem Unfallauto. Ein Handy und ein Bündel Zehn-Euro-Scheine mit Banderole.

Nichts Ungewöhnliches bis auf die Geldscheine. Warum hatte Steinmann die bei sich? Könnte sich um ein Geschenk handeln, Weihnachten stand schließlich vor der Tür. Von solchen Liebesgaben unter dem Christbaum hatte er schon gehört.

Der Schnellhefter füllte sich mit den recherchierten Ergebnissen zum Vorgang Steinmann. Joseph Wolf arbeitete planmäßig. Tatorte von Gewaltverbrechen entbehrten einer gewissen Romantik. Aber der ausgedruckte Presseartikel über den Unfall im Wald mit dem demolierten BMW, das war schon ein makabrer Anblick. Ein schwarz-weiß Foto zeigte das ganze Ausmaß des Totalschadens.

Dem Betrachter suggerierte die Aufnahme die ungeheure Wucht des Aufpralls des Mittelklassewagens auf den Anhänger eines abgestellten Holzlasters. Unwirklich, diese Lichtreflexe, es schien, als sei die Szenerie fachmännisch ausgeleuchtet worden. Der Fotograf verstand sein Handwerk, hatte offensichtlich einen Sinn für das Wesentliche.

Moment, Joseph Wolf blätterte zurück zum Unfallbericht. Der Notruf erreichte die Zentrale am Samstag exakt um 6 Uhr 10. Von einem Bäcker auf Verkaufstour stammte die Meldung. Soweit alles klar. Nur warum wurde über den Unfall bereits in der Samstagausgabe der Lokalzeitung berichtet? Irgendetwas stimmte da nicht, passte nicht zusammen.

Nach einem Telefonat mit der Rheinpfalz Druckerei in Ludwigshafen stand für ihn fest, dass der Unfallzeitpunkt früher als 6 Uhr 10 gewesen sein musste. Wenn das stimmte, dann wäre ein unbekannter Zeuge oder gar Beteiligter vorher am Unfallort gewesen. Da käme unterlassene Hilfeleistung in Betracht.Irre, wenn das zusammen passt. Wahnsinn.

Kapitel 3

Ausgerechnet heute wollte ihn sein Vorgesetzter sprechen. Ungünstiger konnte der Zeitpunkt nicht sein. Aber egal. Joseph hatte keine Wahl. Gestern war es spät geworden. Ein Schnaps zum Abschluss, und dann noch einer.

Die Treppe hoch, gut für seinem angeschlagenen Kreislauf. Mit tiefen Atemzügen pumpte er frische Luft in seine Lungen. Einen kurzen Moment hielt er den Odem an und ließ die Atemluft langsam wieder ausströmen.

Ohne sich umzusehen schlingerte Joseph Wolf nach der Treppe links den Gang entlang. Ein flüchtiger Blick auf das Türschild. Die Bürotür stand offen. Er wurde bereits erwartet. Zu seiner Überraschung erhob sich eine elegant gekleidete Frau von ihrem Stuhl am Besprechungstisch. Sie kam einen Schritt in seine Richtung und reichte ihm die Hand zur Begrüßung.

„Herr Wolf?“

Er bejahte knapp und fügte hinzu

„Sie wollten mich sprechen?“

Joseph setzte sich in einen der ihm mit einer leichten Handbewegung angewiesenen Stühle und lächelte verlegen. Komisch, seine Chefin war eine Frau. Damit hatte er nicht gerechnet. Allerdings schalt er sich einen Trottel, hätte er auf dem Namensschild an der Bürotür leicht erkennen können, wenn er nur einen Augenblick aufmerksam hingeschaut hätte. Nicht Hildebrand stand dort angeschrieben, sondern Hilde Brand.

Auf dem Tisch lag ein Aktenordner, offensichtlich seine Personalunterlagen. Das Gespräch begann mit der Aufforderung, er möge kurz berichten, womit er sich auf der Dienststelle gerade beschäftige. Kein Problem. Joseph erzählte von seiner Aufgabe eine Dokumentation über den schweren Verkehrsunfall kurz vor Weihnachten zusammenzustellen.

Vielleicht unterlief ihm ein Fehler? In seinem Eifer fügte er gegen Ende seines knappen Berichts noch an, er sei da auf einige Ungereimtheiten gestoßen. Noch sei er sich nicht ganz sicher, aber er glaube, einem Verbrechen auf die Spur gekommen zu sein. Die übers Eck sitzende Frau wurde hellhörig bei den Worten, die sie da hörte. Entspannt setzte sie sich bequem in ihrem Stuhl zurecht und schlug die Beine übereinander.

Exakt in diesem Moment kam sich Joseph Wolf vor wie ein Boxer, der einem harten Körpertreffen einfängt. In der Tür sah er eine zweite Person stehen. Irritiert starrte er in Richtung der dort wartenden Frau. Seine Rede stockte. Der begonnene Satz blieb auf halbem Wege in seinem geöffneten Mund stecken. Eine Fata Morgana?

Spielte ihm sein Gehirn einen Streich. Das konnte es doch nicht geben. Sein Blick schwirrte von der bei ihm am Tisch sitzenden Frau zu der in der Tür am Eingang des Büros verharrenden zweiten Person. Immer hin und her.

Die unerklärliche Gedankenspiegelung in seinem Kopf brachte ihn völlig aus dem Tritt. Die Ursache seiner Verwirrung dürfte im gestrigen Abend begründet sein. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel und schwor nie wieder ein Glas Alkohol anzurühren. Ein Meineid wie sich schon kurze Zeit später herausstellte. Eine oder zwei Frauen? Konnte er seinen Augen noch trauen?

Aber diese frappierende Ähnlichkeit in der Erscheinung, das konnte doch nicht sein. Blonde lange Haare, schlank, die Gesichtszüge identisch. Ein Trugbild. Bei genauerem Hinsehen glaubte er doch einen feinen Unterschied erkennen zu können. Zwischen beiden Frauen, meinte er, dürfte ein Altersunterschied von vier maximal fünf Jahren liegen. Zwei Personen, gleiche Erscheinung auf den ersten Blick identisch wie ein Klon. Er traute seinen Augen nicht, zumindest nach den gestrigen Eskapaden hielt er alles für möglich.

Die jüngere der beiden Frauen trat näher. Joseph Wolf stand verlegen auf, versuchte ein neutrales Gesicht auf sein verdutztes Antlitz zu zaubern. Dies gelang ihm offensichtlich nicht so wie beabsichtigt.

„Bleiben Sie doch sitzen, Herr Wolf, ich sehe, sie haben sich schon bekannt gemacht.“

Diese Worte verwirrten ihn vollends. Die Software in seinem Gehirn blockierte die logischen Gedanken. Das Denkvermögen schien unwiderruflich dahin.

„Oh, verzeihen Sie Herr Wolf, darf ich vorstellen, das ist meine Schwester Judith. Sie ist Staatsanwältin in Trier. Ich bin Hilde Brand. Wir werden immer verwechselt, ihnen ist es ja genau so ergangen.

Das Gespräch setzte sich entspannt fort. Jetzt fragte die Staatsanwältin gezielt nach. Joseph Wolf geriet mit seinem angeblichen Verbrechen in Erklärungsnotstand. Mehr als Vermutungen hatte er nicht vorzuweisen. Das Eis erwies sich als zu dünn um tragen zu können.

Die Leiterin der Polizeiinspektion Wittlich ergriff das Wort. Es gäbe noch etwas anderes worüber wir mit Ihnen sprechen wollten. Joseph war froh, das er über seinen Fall nichts mehr zu sagen brauchte. Die Blamage eh schon groß genug. Mehr verkraftete er an diesem Vormittag nicht.

Das war ja ein tolles Ding. Joseph Wolf staunte, ordnete die Worte, die aus dem Mund der Staatsanwältin sprudelten und versuchte ein erstes Bild von der Lage zu skizzieren. Auf die Frage warum sich ein verurteilter Verbrecher nach dreizehn Jahren Haft sechs Monate vor seiner Entlassung aufhängt, wusste auch er keine schlüssige Antwort. Um Aufschluss über mögliche Beweggründe in diesem Fall zu erlangen, wäre die Mithilfe von ihm nötig. Natürlich nur, wenn er das wolle und er es sich zutraue undercover zu ermitteln.

Obwohl sich Joseph Wolf seinen Auftrag noch nicht so recht vorzustellen vermag, stand doch gleich fest, dass er eine solche verdeckte Ermittlung auf jeden Fall übernehmen würde. Von wegen ob er sich dies zutraue. Die beiden Frauen nickten sich unmerklich zu. Ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf ihren Gesichtern. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Joseph Wolf an seiner Ehre gepackt, ging ihnen sofort und ohne zu überlegen sprichwörtlich auf den Leim. Noch ahnte er nicht, was bei diesem speziellen Einsatz auf ihn zukommen sollte.

„Noch eine Frage Herr Wolf. Sind sie mit ihrem Namen im Bereich der sozialen Medien gelistet?“ seine Chefin Hilde Brand wollte dies wissen. Mit der Akte seines neuen Falles vor der Brust war er abrupt stehen geblieben. Er stutzte und überlegte einen Augenblick. Mit dem Begriff soziale Medien konnte Joseph im Zusammenhang mit seiner Person nichts verbinden. Was mit der Frage gemeint sein könnte entzog sich seinem Horizont. So wie er verloren schaute, präzisierte Frau Brand, die Jüngere, ihre Worte.

„Finde ich, wenn ich bei Facebook, Whatsapp oder Google ihren Namen eintippe, irgendwelche Suchergebnisse zu einem Kommissar Joseph Wolf aus Ludwigshafen?“

Die Antwort knapp und präzise, da brauchte er nicht nachzudenken.

„Nein, als Person im Netz nicht bekannt.“

Kapitel 4

Morgen, Freitag am späten Nachmittag, sollte sein Undercover-Einsatz starten. Alles bereits vorbereitet. Sein Zimmer in der Pension vom Amt gebucht, darum brauchte er sich nicht zu kümmern.

Die Informationen an Presse, Funk und Fernsehen, zeitgleich getaktet, stellten sicher, dass die Nachricht vom Suizid des verurteilten Straftäters Karl Kronenberg erst gegen 18 Uhr publik wurde. Mit dem Fall hatte sich Joseph Wolf beim Durchblättern der Handakte vertraut gemacht. Üble Sache damals, ging wochenlang durch die Medien.

Entführung der Gattin eines Sparkassendirektors, hohe Lösegeldforderung, trotzdem tragischer Ausgang. Obwohl es zur Geldübergabe kam, blieb das Opfer verschwunden. Und dann das Unfassbare. Es gelang der Entführten sich zu befreien und aus ihrem Versteck im Wald zu flüchten. Völlig dehydriert endete die Flucht vor ihren Peinigern an einer Bahnstrecke mitten auf den Gleisen. In ihrem Zustand, betäubt vor Angst, Durst und Hunger, achtete die verwirrte Frau nicht auf einen heranbrausenden ICE.

Die Staatsanwaltschaft klärte den Fall schnell auf, aber dem Haupttäter, besagtem Kronenberg konnte eine direkte Mitschuld am Tod der Frau nicht nachgewiesen werden. So reichte es nicht ihn wegen Mordes zu verurteilen. Schwere räuberische Erpressung genügte aber auch um Kronenberg für mehrere Jahre hinter Gitter zu bringen. Von der Beute fehlte jede Spur.

Ein klar umrissener Auftrag. Die Staatsanwältin wies ihn mehrmals darauf hin, er solle Augen und Ohren offen halten. Mehr nicht! Geredet werde viel, besonders am Tresen in einer Dorfkneipe. Da der Verurteilte in Kesten an der Mosel, seinem letzten Wohnsitz, gemeldet war, saß er in der JVA Wittlich die letzten Jahre ein. Heimatnah hieß das im Amtsdeutsch. Die Staatsanwältin hatte sich zum Motiv für den Selbstmord äußerst vage geäußert. Um das nie aufgetauchte Geld aus der Erpressung, ging es aus ihrer Sicht nicht unbedingt. Sie vermutete eher als Motiv Rache für den sinnlosen Tod der Bankiersgattin.

Nun denn. Joseph Wolf reiste mit kleinem Gepäck. Spätestens am Sonntag nach dem Frühstück wollte er wieder zurück sein. Langsam fuhr er am Wittlicher Busbahnhof, die erste Abzweigung nach rechts nehmend, aus der Stadt hinaus. Mehrere Verkehrskreisel nahm er mit Schwung. Er achtete auf die Wegweiser und orientierte sich Richtung Mülheim und Bernkastel-Kues. Gleich nach dem Abzweig Richtung Klausen musste er scharf links abbiegen. Wieder rechts und dann durch die Ortschaft Monzel. An der Kirche den Berg hinunter und sein Ziel, lag in Sichtweite. Die Mosel schimmerte im leichten Nachmittagsdunst nur schwach.

Er passierte das Ortsschild Kesten. Die Geschwindigkeit seines Autos drosselte er stark ab. Das Straßenschild Am Herrenberg registrierte er zu spät und fuhr trotz mäßigem Tempo schnurstracks daran vorbei. Links vor der querenden Kreisstraße mit dem Stoppschild, zweigte eine kleine Gasse ab. Ein großer freier Platz, da konnte er seinen PKW wenden und in die gesuchte Straße einbiegen.

Sofort, ohne den Blinker zu setzen, zog er mit dem Auto auf den offenen Dorfplatz. Das energische Hupkonzert eines aufgebrachten Autofahrers, der hinter Joseph fuhr, störte ihn nicht. Den demonstrativ in die Luft gestreckten Stinkefinger ignorierte er großzügig und murmelte nur ein „selber Arschloch“ in seinen imaginären, also nicht vorhandenen Bart.

Die Ferienpension Moselblick hingegen fand er schnell. Ein verwittertes Hinweisschild gab Auskunft und offerierte „freundliche Fremdenzimmer mit allem Komfort.“

Freitagabend, kurz vor sechs Uhr, das wusste Joseph aus eigener Erfahrung, drängten die ersten Durstigen in die Kneipen. Er hatte noch genügend Zeit für einem ersten Rundgang. Bei knapp vierhundert Einwohnern konnte es an Infrastruktur nicht all zu viel geben. Ohne große Erwartungen trat er aus der Tür seiner Pension.

Nur die katholische Kirche mit ihrem markanten rechteckigen Turm konnte er in der abendlichen Dunkelheit ausmachen. Mit der Besichtigung des Bauwerks hatte es keine Eile. Also ging Joseph Wolf in die andere Richtung. Die Gastwirtschaft Zum Gutsausschank Kloster Himmerod befand sich offensichtlich in der Mitte des Dorfes. Dort kreuzten sich die aus Monzel vom Berg herab führende Hauptstraße mit der sinnigerweise nach der Mosel benannten Moselstraße und dem Herrenberg.

Nur wenige Schritte weiter überquerte er die Kreisstraße, die links nach Lieser und rechts nach Minheim führte. Ein Hochwasserdamm schottete das Dorf vor den Unbilden der Mosel ab. Der unberechenbare Fluss hatte in der Vergangenheit immer wieder das Bedürfnis verspürt den Bewohnern von Kesten einen Besuch abzustatten. Die an einigen Häusern angebrachten Markierungen mit historischen Wasserständen blieben für Joseph ohne Aussagekraft. Zwar las er die Jahreszahlen der auf den kleinen Schildchen vermerkten Höchststände, doch blieben diese nicht in seinem Kopf. Gesehen und gleich wieder vergessen.

Er passierte einen hohen Torbogen, sah rechts ein kleines Toilettenhäuschen und öffnete die Tür zur Gaststätte. Zwei Schritte ins Innere. Der sich über Jahre hinweg festgesetzte Tabakqualm schlug ihm bitter entgegen. Hinter der langen Theke die übliche Ausstattung einer von der Brauerei finanzierten Einrichtung. Bis auf eine Besonderheit, die Joseph sofort ins Auge stach.

Ungewöhnlich für einen solchen Ort, wo die Einheimischen ihren Feierabenddurst löschten. Jetzt im Winter kamen keine Touristen vorbei. Demzufolge kaum Betrieb. Direkt am Eingang auf den ersten beiden Barhockern hatten es sich zwei Männer gemütlich eingerichtet. Bierflaschen standen vor ihnen. In kurzen Abständen ein leichtes Klirren und Klicken, wenn die gedrungenen Stubbiflaschen aneinander schlugen. Ein Prost und dann das obligatorische Oah, tut das gut, das brauch ich nach so einem trüben Tag.

Sein Blick wanderte durch die noch leere Kneipe. Überrascht fixierten seine Augen die hinter der Theke postierte Kellnerin. Joseph schätzte die brünette schlanke Frau auf höchstens Fünfunddreißig.

„N`Abend“ mehr sagte die auf Kundschaft wartende Wirtin zunächst nicht. Abgelenkt durch einen ihrer Gäste, der nach einem neuen Bier verlangte, beachtete sie den Neuankömmling nicht weiter.

Neben der Eingangstür in gut ein Meter achtzig Höhe ein kleiner Flachbildschirm, der bei runter gedrehtem Ton unermüdlich flimmerte. Der obligatorische Geldspielautomat beschäftigte sich mit sich selbst. Unauffällig schaute Joseph Wolf auf seine Armbanduhr. Möglichst weit weg vom zugigen Windfang wuchtete er sich auf einen der hölzernen Barhocker. Die recht ungemütliche Sitzgelegenheit ermöglichte es immerhin beide Ellenbogen auf die Theke aufzustützen. Zu fortgeschrittener Stunde könnte das hilfreich sein.

„Was darf es sein?“

Die Wirtin stand abwartend vor ihm an seinem Platz in der Ecke und taxierte Joseph mit einem dieser Blicke, die alles und nichts bedeuten. Seinerseits schaute Joseph der jungen Frau nach einem kurzen Blick in die Augen ungeniert ins Dekolletee.

„Ein Bier und einen Schnaps. Brr ist das ungemütlich draußen.“

„Kommt sofort“

Nach gefühlten sieben Minuten stand das bestellte Getränk vor ihm. Die Bedienung markierte einen Bierdeckel und blieb einen Moment bei ihm stehen.

„Zum Wohl.“

Joseph kippte den Klaren in einem Zug hinunter und schob das Schnapsglas dann weit von sich. In seiner Kehle brannte das hochprozentige Gemisch wie Feuer.

„Noch einen Schnaps?“

„Uii, der hat Kraft. Einer langt, mir wird schon richtig warm“ entgegnete Joseph und schüttete einen kräftigen Schluck Bier in seinen Schlund um die Wirkung des Aufwärmers abzumildern.

Neue Gäste betraten den Schankraum. Männer in abgetragenen Schaffklamotten und einer verbeulten Ausführung fleckiger Filzhüte auf dem Kopf. Gleich steuerten sie ihre offenbar gewohnten Sitzplätze an. Nach einem kurzen Nicken in Richtung der Frau hinter dem Tresen brummte einer von ihnen

„Wie immer, aber nicht zu kalt, vertrage ich nicht so.“

Der Fernseher flimmerte. Es wurde Zeit für die Nachrichten. Jetzt begann die heiße Phase seiner Mission. Ein Regionalsender verbreitete die neuesten Meldungen aus dem Land. Joseph widmete sich seinem Bier und gab sich desinteressiert. Gespannt beobachtete er die Anwesenden.

„Lilli, mach`ma lauter. Horch zu, das ist doch der Dings, na du weißt schon.“ Die Nachrichtensprecherin war im ganzen Raum deutlich zu hören, als sie ihre Meldung über den Bildschirm schickte. Im Hintergrund eingeblendet das Konterfei von Karl Kronenberg. Eine Aufnahme aus früheren Jahren.

….hat sich der kurz vor seiner Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Wittlich stehende Karl Kronenberg in der vergangen Nacht das Leben genommen. Nähere Hintergründe sind noch nicht bekannt.

In der Gastwirtschaft herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Ungläubiges Staunen spiegelte sich in den Gesichtern der Anwesenden. Joseph Wolf wunderte sich über diese Reaktion. Offenbar handelte es sich bei dem toten Kronenburg um eine ortsbekannte Berühmtheit. Das hatte er nicht erwartet. Immerhin war der Besagte schon einige Jahre weggesperrt und somit nicht mehr im Ortsgeschehen präsent.

Die Gespräche wurden nach kurzer Pause wieder aufgenommen. Das Thema hatte sich aber geändert. Joseph verstand von seinem Platz aus nicht alles. Der moselfränkische Dialekt erschwerte ihm zudem den Unterhaltungen an der Theke zu folgen.

Kapitel 5

Die Ausbeute seiner ersten Erkundung im Milieu des kleinen Winzerdorfes Kesten fiel bescheiden aus, genauer gesagt, es gab nichts was über den üblichen Kneipendudel hinausging. Joseph Wolf machte sich da keinerlei Hoffnungen. Sein Auftrag lautete Augen und Ohren offenhalten. Nicht mehr aber auch nicht weniger. In seiner für die Jahreszeit zu dünnen Jacke stand Joseph im Windfang der Kneipentür. Er zog den Reißverschluss hoch bis unters Kinn. Seine Mütze lag im Auto, hätte er besser mitgenommen. Wäre bei den frostigen Temperaturen nicht schlecht. Darüber Nachsinnen brachte aber nichts.