Thabo. Detektiv und Gentleman 2 - Kirsten Boie - E-Book

Thabo. Detektiv und Gentleman 2 E-Book

Kirsten Boie

4,8
9,99 €

Beschreibung

Der zweite spannende Fall für Kirsten Boies liebenswerten Detektiv und Gentleman Thabo: Die kleine Delighty ist spurlos verschwunden.Ist sie etwa den Krokodilen zum Opfer gefallen? Thabo und seine Freunde stehen vor einem großen Rätsel. Bald stellt sich heraus, dass noch drei weitere Kinder vermisst werden, und Thabo entdeckt, dass die Organisation "Water Wizzard" nicht etwa Brunnen baut, sondern Kinder als billige Arbeitskräfte verkauft! Thabos erster Fall ist Preisträger des Leipziger Lesekompass.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 336




 

 

 

 

Eine Namensliste der Personen und eine Liste aller schwierigen Wörter findet ihr ganz am Schluss des Buches.

1

Was für ein Gebrüll!

Das musste Pilot sein, ohne Frage. Wenn einer so brüllt, als ob eine ganze Nilpferdfamilie hinter ihm her wäre, kann das nur Sibusiso Pilot sein. (Oder Lungile Lemonade.) Aber bis auf Miss Agathas Rasen kommen unsere Nilpferde zum Glück selten, und auf Miss Agathas Rasen haben wir gerade Tee getrunken, also keine Sorge.

»Thabo! Du sollst sofort kommen, Thabo! Buya lana! Sifiso hat gesagt …«

Entschuldigen Sie bitte, meine Damen und Herren! Ich weiß, so kann man nicht beginnen, es ist unhöflich. Miss Agatha hat mir erklärt, dass der wahre Gentleman sich immer zuerst vorstellt.

Ich heiße Thabo, Thabo Sonnyboy Shongwe, und ich bin im allerbesten Alter für einen Jungen. (Darüber, welches Alter das ist, muss ich hier leider den Mantel des Schweigens breiten. Miss Agatha sagt, der wahre Gentleman redet nie übers Alter, und ich habe vor, später ein wahrer Gentleman zu werden.)

Ich habe also bei Miss Agatha auf dem Rasen gesessen und mit ihr Tee getrunken, als Pilot angerannt kam. Emma saß ausnahmsweise auch mit am Tisch, sie hatten in ihrem englischen Internat gerade Weihnachtsferien. Weihnachtsferien haben Sie in England, wenn ich es recht verstehe, zur selben Zeit wie wir in Afrika: im Ngongoni, dem Monat des kleinen Gnus; auch wenn es bei Ihnen im Ngongoni merkwürdigerweise Winter ist. Deshalb freut Emma sich immer besonders, wenn sie zu uns nach Hause kommt, sagt sie. Weil es bei uns im Königreich dann natürlich Sommer ist und warm (sehr warm, manchmal) und sie sich für ihr kaltes englisches Internat vier Wochen lang aufwärmen kann. Das kann man verstehen.

Emma ist meine allerbeste Freundin und die Tochter von Ms Wendy Chapman, der Lion Lodge gehört. Von Lion Lodge haben Sie vielleicht noch nicht gehört, aber vielleicht von Lion Park. Viele Touristen kommen, um sich bei uns in Lion Park Löwen und Giraffen und Elefanten und so weiter anzusehen. Lion Park ist berühmt auf der ganzen Welt, es könnte also sein, dass Sie Lion Park kennen.

Und Miss Agatha ist Emmas Großtante und die Tante von Ms Wendy Chapman. Miss Agatha ist so alt, dass der Respekt mir verbietet zu sagen, sie wäre meine allerbeste Freundin. Ich erkläre es so: Wäre Miss Agatha viele, viele Jahre jünger, wäre vielleicht sie meine allerbeste Freundin, vielleicht eine bessere Freundin als Emma. Weil Miss Agatha und ich auf den Seiden-Chintz-Sesseln in ihrem Wohnzimmer immer gemeinsam Filme auf DVD gucken, in denen eine alte Dame (sie heißt Miss Marple) mit ihrem Freund Mr Stringer Kriminalfälle aufklärt. Natürlich tut sie das in England. In England gibt es sehr viel mehr Kriminalfälle als bei uns in Hlatikulu, scheint mir.

Auch Pilots Gebrüll klang leider nicht wirklich nach einem Kriminalfall. (Ich habe gelernt, nicht zu früh zu hoffen. Obwohl ich beschlossen habe, später nicht nur ein Gentleman, sondern auch Privatdetektiv zu werden, und ein bisschen Übung gut gebrauchen könnte. Meinen ersten Fall habe ich, ohne mich brüsten zu wollen, schon gemeinsam mit Emma und Sifiso für die Polizei aufgeklärt.) Pilots Gebrüll klang eher so, als wäre bei Sifiso wieder mal irgendetwas schiefgegangen und er brauchte meine Unterstützung.

Sifiso braucht oft meine Unterstützung. Er ist mein allerbester Freund, und bei ihm geht leider öfter etwas schief, weil er sich allein um seine drei jüngeren Geschwister kümmern muss. (Seit seine Eltern gestorben sind.) Und seine jüngste Schwester Lungile Lemonade hat den Geist eines Schwarms wilder Bienen in sich, sagt Sifiso. Ich habe also gedacht, dass es wahrscheinlich wieder ein Problem mit Lungile Lemonade gibt. Probleme mit Lungile Lemonade gibt es oft.

Pilot ist neben dem gedeckten Tisch auf dem Rasen stehen geblieben, hat geschnauft und auf den Tisch gestarrt und auf den Teller mit den Scones und auf die Sahne und auf das Jam-Glas. (Sie kennen natürlich Scones, meine Damen und Herren. Es sind diese englischen Kuchenbrötchen, die schmecken wie süßer, getrockneter Lehm.)

»Sibusiso Pilot!«, habe ich streng gesagt. »Nicht!«

Sifiso möchte nicht, dass seine kleinen Geschwister betteln, Hunger hin oder her. Nicht mal bettelig gucken dürfen sie. Sifiso hat sehr viel Ehre im Leib, und niemand soll denken, er würde sich nicht gut um seine kleinen Geschwister kümmern. Das würde auch nicht der Wahrheit entsprechen, ich kann es beschwören.

Aber Miss Agatha hatte Pilots Blick schon gesehen. »Sawubona, Pilot!«, hat sie gesagt. »Setz dich doch zu uns! Und nimm dir auch einen Scone mit Jam!«

Jetzt hat Pilot zu mir hingeguckt. Ich habe genickt. Wenn Miss Agatha es von sich aus angeboten hatte, ging es in Ordnung.

Und außerdem konnte ich dann meinen Scone auch noch zu Ende essen und Emma dabei helfen, Miss Agatha zu überzeugen, dass sie uns in zwei Tagen ins Zonkizizwe-Stadion fuhr – zum Finalspiel um den Wohltätigkeitspokal der königlichen Brauerei, Manzini Leopards gegen Mbabane Mambas.

»Die Manzini Leopards gegen die Mbabane Mambas!«, hat Emma gesagt. »Der Fußballhöhepunkt des Jahres!«

»Das wollen Sie doch nicht verpassen, Miss Agatha!«, habe ich beschwörend gesagt.

Die Wahrheit war, Emma und ich hatten keine Ahnung, wie wir sonst ins Zonkizizwe-Stadion kommen sollten. An einem Samstag hat Ms Wendy Chapman immer genug zu tun, da kommen die Wochenendgäste aus Südafrika nach Lion Lodge. Am Samstag konnte sie uns darum nicht fahren, und mit dem Minibus-Taxi kommt man von uns aus ganz schlecht zum Zonkizizwe. Und einen Führerschein haben weder Emma noch ich. (Obwohl ich öfter mit Onkel Vusis Safari-Jeep fahre, wenn es für Onkel Vusi nötig ist. Aber zum Finale war es für Onkel Vusi nicht nötig. Wer Onkel Vusi ist, kann ich später noch berichten.)

Miss Agatha hat ihren Blick von Pilot abgewandt und stattdessen missbilligend zu mir hingeguckt.

»Ich habe mich nie für Fußball interessiert, Thabo, immer nur für Kricket, das weißt du!«, hat sie gesagt. »Fußball! Einen Ball mit dem Fuß treten, wie grob! Ja, wenn ihr von Kricket reden würdet …«

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es tatsächlich irgendwo auf der Welt einen Engländer gibt, dem Fußball gleichgültig ist. Und was Miss Agatha an Kricket finden kann, weiß ich wirklich nicht. Auf dem Feld sind bei Kricket nur lauter Männer in weißer Kleidung, die ab und zu kurz rennen oder mit ihrem Schläger schlagen. Und am Rand sitzen elegante Damen mit Hüten auf dem Kopf und Teetassen in der Hand. »Hinterher wirst du es bereuen, Auntie!«, hat Emma gesagt. »Alle werden über das Finale sprechen! Nur du kannst dann nicht mitreden!«

Es würden wohl eher wir sein, die nicht mitreden konnten.

»Ich glaube, euer kleiner Freund hier hat es eilig!«, hat Miss Agatha gesagt und auf Pilot gezeigt. Damit hat sie signalisiert, dass das Thema Fußball für sie beendet war.

2

Konnte es wirklich sein, dass wir das wichtigste Fußballspiel des Jahres verpassen würden, nur weil Miss Agatha sich für altmodische Sportarten wie Kricket interessierte? Eish! Was für eine Enttäuschung!

Aber Pilot ist tatsächlich die ganze Zeit von einem Fuß auf den anderen getreten, als ob er dringend etwas erledigen müsste, was ich hier nicht aussprechen will. (Er hat nicht mal Miss Agathas Gruß erwidert, wie es sich gehört.) »Thabo, du musst ganz schnell …!«, hat er wieder gesagt. Auf den Tisch gestarrt hat er noch immer, aber hingesetzt hat er sich nicht.

»Was kann denn so eilig sein, dass du nicht mal einen Scone möchtest, Pilot?«, hat Miss Agatha gefragt. »Für deine Geschwister kannst du auch gern ein paar mitnehmen!« Sie hat ihm den Teller hingehalten.

Da hat Pilot zugelangt. Hingesetzt hat er sich nicht.

»Es ist wegen Delighty!«, hat er mit vollem Mund gesagt. (Der wahre Gentleman spricht nicht mit vollem Mund. Daran sehen Sie, dass Pilot ganz sicher keiner ist.) »Delighty ist weg!« Dann hat er sich noch einen Scone genommen.

»Was?«, habe ich gefragt.

Hlahla Delighty ist das älteste Mädchen in Sifisos Familie, das können Sie nicht wissen. Aber vielleicht sollte ich Ihnen sowieso zuerst die Reihenfolge in Sifisos Familie erklären? Die Reihenfolge ist so: Nach Sifiso Lovejoy Madlopha kommt zuerst Hlahla Delighty, dann kommt Sibusiso Pilot und dann die anstrengende Lungile Lemonade. Mit den beiden Kleinen hat Sifiso viel Ärger, aber Delighty hilft ihm wirklich sehr. Sie kocht jeden Tag den Maisbrei (natürlich nur, wenn Maismehl da ist) und kümmert sich darum, dass Pilot und Lemonade sich die Ohren waschen. (Natürlich nur, wenn Wasser da ist.)

Delighty ist so tüchtig, dass ich sogar schon überlegt habe, ob ich sie nicht später heiraten will. Als Erstes nehme ich natürlich Emma, das habe ich ihr schon versprochen, als wir noch ganz klein waren; aber Delighty könnte dann vielleicht meine zweite Frau werden, mal sehen. Mindestens zwei Frauen hätte ich später sowieso gerne, aber man soll sich nicht zu früh festlegen.

Und jetzt war Delighty verschwunden. Ausgerechnet die zuverlässige Delighty! Vielleicht hatte ich mich auch verhört. Schließlich hat Pilot sich den Mund immer nur voller gestopft, da hatte ich ihn vielleicht nicht richtig verstanden.

»Wie, Delighty ist weg? Seit wann?«

»Sie ist gestern nicht zurückgekommen!«, hat Pilot gesagt. (Jedenfalls glaube ich, dass er das gesagt hat.) »Sie war in Mantongomane bei unserer Tante Bongwe …«

Aber jetzt hat es Emma gereicht.

»Nun hör gefälligst mal auf, mit vollem Mund zu reden, Sibusiso Pilot!«, hat sie streng gesagt und den Teller mit den Scones auf dem Tisch energisch zur Seite geschoben. »Rede mal deutlich! Hast du keine Manieren?«

Das habe ich ein bisschen lustig gefunden, weil Emma natürlich ohne Frage ganz wunderbar ist (sonst würde ich sie bestimmt nicht heiraten wollen), aber Manieren hat sie leider auch nicht immer. Ich habe mich sogar schon manchmal gefragt, wie es werden soll, wenn ich sie später heirate und ein wahrer Gentleman bin. Ein wahrer Gentleman hat ja immer eine Frau, die eine wahre Lady ist, und eine wahre Lady hat makellose Manieren. Da müsste ich Emma vielleicht noch einiges beibringen, und das ist doch merkwürdig, weil sie schließlich eine Engländerin ist, und die Engländer wissen, wie man sich benimmt, sagt Miss Agatha.

»Delighty ist nach Mantongomane gegangen, zu unserer Tante Bongwe!«, hat Pilot mit einem sehnsüchtigen Blick in Richtung Scones wieder gesagt. Jetzt war er schon viel besser zu verstehen. »Und am Nachmittag wollte sie zurückkommen! Aber sie ist nicht zurückgekommen! Delighty ist nicht mal am Abend zurückgekommen!«

»Die ganze Nacht nicht?«, habe ich gefragt, obwohl das ja eigentlich schon klar war. Nachts ist bei uns kein Kind unterwegs, das ist ein Fakt. Nachts ist es viel zu gefährlich.

»Sie ist nicht da!«, hat Pilot gesagt, und jetzt, wo er höchstens noch ein paar Krümel im Mund hatte, konnte man hören, dass er fast geweint hat. »Du sollst kommen, Thabo! Du sollst Sifiso suchen helfen!«

»Vielleicht ist sie einfach nur über Nacht bei eurer Tante geblieben?«, hat Miss Agatha ganz vernünftig gesagt. »Das halte ich für hochgradig wahrscheinlich!«

Aber ich wusste, dass Sifiso etwas ganz anderes für hochgradig wahrscheinlich hielt, und dasselbe habe ich leider auch für hochgradig wahrscheinlich gehalten. Delighty ist zuverlässig. Sie bleibt nicht einfach über Nacht bei ihrer Tante Bongwe in Mantongomane, wenn sie es nicht vorher angekündigt hat. Delighty ist so zuverlässig wie die Sonne am Tag und der Mond in der Nacht – und der Weg nach Mantongomane führt über eine ziemlich weite Strecke am großen Fluss Usutfu entlang. Es ist mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen, Sie werden gleich verstehen, warum.

»Ich komme, Pilot!«, habe ich gesagt und bin aufgesprungen.

»Ich auch!«, hat Emma gesagt und sich die letzten beiden Scones in die Taschen ihrer Shorts gestopft.

»Unser schöner Tee!«, hat Miss Agatha geseufzt. Aber gerade hat sie mir kein bisschen leidgetan, selbst wenn das vielleicht klingt, als ob ich respektlos gegenüber dem Alter wäre. Wegen Miss Agatha würden wir am Samstag das Spiel Manzini Leopards gegen Mbabane Mambas verpassen. Und außerdem ging es jetzt um Wichtigeres.

Dann sind Emma und ich mit Pilot losgerannt.

3

Jetzt muss ich Ihnen vielleicht etwas erklären, meine Damen und Herren. Aus den Filmen, die Miss Agatha und ich in Miss Agathas Wohnzimmer gucken, um unsere kriminalistischen Fähigkeiten zu schulen, weiß ich, dass vieles bei Ihnen in England anders ist als bei uns im Königreich. Zum Beispiel die Gefahren bei Nacht. Nun glauben Sie bitte nicht, ich dächte, es gäbe bei Ihnen keine Gefahren bei Nacht, keineswegs! Es scheint, dass bei Ihnen in England nachts die Mörder hinter den Ecken lauern und sündige Verbrecherbanden unschuldige Menschen überfallen. All das geschieht bei Ihnen im Schutze der Dunkelheit, und all das ist nicht schön.

Bei uns allerdings geschehen im Schutze der Dunkelheit andere Dinge, die genauso schlimm sind, und darum sind Emma und ich jetzt so eilig gerannt. Mörder und sündige Verbrecherbanden haben wir nicht so viele bei uns in Hlatikulu; aber Krokodile haben wir im Fluss und Nilpferde und, wenn Sie wollen, natürlich auch Leoparden und Pythons und Schwarze Mambas. Und nachts kann da viel passieren. Niemand, der recht bei Sinnen ist, macht sich bei uns in Hlatikulu nachts zu Fuß auf den Weg, schon gar nicht in der Nähe von Wasser. Es könnte ihm sonst passieren, dass er einem übellaunigen Nilpferd begegnet oder einem hungrigen Krokodil. Und beides, glauben Sie mir, ist noch viel weniger wünschenswert als eine Begegnung mit Ihren Mördern und Verbrecherbanden im Londoner Nebel. Und Delighty, wie ich gesagt habe, ist zuverlässig. Delighty würde niemals über Nacht bei ihrer Tante Bongwe in Mantongomane bleiben, wenn sie Sifiso und Pilot und Lemonade versprochen hat, noch am selben Tag zurückzukommen! Dass Delighty sich vielleicht in Mantongomane einen schönen Abend gemacht hatte, konnte niemand glauben, der sie kannte. (Nicht mal Emma, und Emma denkt gerne Schlechtes von Delighty. Sie können sich denken, warum.)

War Delighty mit ihrem Pflichtbewusstsein also von ihrer Tante Bongwe aufgebrochen, als es eigentlich längst zu spät war für einen sicheren Heimweg? Hatte ihre Tante Bongwe sie vielleicht aufgehalten im Gespräch, oder hatte sie ihr Salz geschenkt oder Seife, sodass Delighty es unhöflich gefunden hatte, sie so schnell wieder zu verlassen? Das war gut möglich, und es war kein schöner Gedanke. Hatte Delighty darum vielleicht erst viel zu spät bemerkt, dass der Himmel begonnen hatte, sich im Westen rötlich zu färben? Und hatte sie sich dann trotzdem noch auf den gefährlichen Weg durch Dämmerung und Dunkelheit gemacht, gegen alles bessere Wissen, einfach, weil sie so zuverlässig ist und ihren Geschwistern versprochen hatte, am selben Tag zurückzukommen?

Meine Damen und Herren, meine Damen und Herren! Der Gedanke war schrecklich. Der Gedanke, was Delighty auf dem Weg am Ufer des großen Flusses Usutfu entlang mit Nilpferden und Krokodilen passiert sein konnte, wenn sie heute Nachmittag noch immer nicht zurück war, war so schrecklich, dass keiner von uns wagte, ihn auszusprechen.

»Sifiso!«, habe ich gerufen, als wir fast bei seiner Hütte angekommen waren. »Sifiso, ist sie inzwischen zurück?«

Sifiso hat vor der Hütte auf dem Boden gesessen und sich mit dem Rücken gegen die Lehmwand gelehnt. Natürlich war die Lehmwand eigentlich keine Lehmwand mehr. Der Lehm war an vielen Stellen längst vom Regen abgewaschen, und das bloße Flechtwerk war zu sehen, und über die Löcher, die der Sommerregen ins Grasdach gerissen hatte, hatte Sifiso einfach Kleidungsstücke gebreitet, anstatt sie mit Elefantengras zu flicken: einen zerlumpten Rock von Lungile Lemonade, ein Hemd ohne Ärmel von Pilot. Sifiso hat so viel Mühe mit seinen jüngeren Geschwistern, dass er nicht auch noch dazu kommt, nach dem Regen regelmäßig die Hütte zu reparieren. Ich sollte ihm helfen.

Aber jetzt half ich ihm erst mal bei etwas anderem.

»Sawubona, Thabo!«, hat Sifiso müde gesagt, als er uns gesehen hat. »Oh, hallo, Emma!«

Daran, dass Sifiso sogar fast freundlich »Hallo!« zu Emma gesagt hat, konnte man sehen, wie schlecht es ihm ging. Sonst ist Sifiso nie besonders freundlich zu Emma, und Emma ist nicht besonders freundlich zu Sifiso. Ich glaube, beide sind eifersüchtig, weil jeder mein bester Freund (oder natürlich meine beste Freundin) sein will. Und jetzt, wo wir angefangen hatten, echte Kriminalfälle aufzuklären, waren sie beide sogar noch eifersüchtiger. Sifiso wollte nicht, dass ich mit Emma die schwierige Arbeit eines Privatdetektivs erledigte, und Emma wollte nicht, dass ich das mit Sifiso tat. Trotzdem hatten wir bei unserem letzten Kriminalfall alle drei zusammengearbeitet. (Und mit Miss Agatha natürlich auch noch.) Manchmal gestattet die Aufklärungsarbeit dem Detektiv nichts anderes.

»Was ist mit Delighty?«, habe ich gefragt. Obwohl ich es natürlich eigentlich wusste.

Lemonade ist von irgendwoher angerannt gekommen, wer weiß, was sie schon wieder getrieben hatte.

»Hast du mir was mitgebracht?«, hat sie gefragt und Emma bettelig angeguckt. Daran, dass Sifiso nicht mit ihr geschimpft hat, konnte man sehen, wie schlecht es ihm ging.

Emma hat Lungile Lemonade einen Scone gegeben (in ihrer Hosentasche war er ein bisschen bröselig geworden) und Sifiso auch einen. »Da!«, hat sie gesagt. »Was ist jetzt mit Delighty, Sifiso?«

Was sollte Sifiso uns da Neues erzählen? Er hat uns noch mal haargenau das Gleiche erklärt wie Pilot vorhin. »Und dabei ist Delighty so zuverlässig!«, hat er gesagt. »Das weißt du doch, Thabo! Delighty würde niemals über Nacht in Mantongomane bleiben, ohne uns Bescheid zu geben. Und jetzt ist es schon Nachmittag!«

Es war ein Elend, dass Delighty kein Handy hatte wie ich. Aber natürlich kann Miss Agatha nicht allen Kindern ein Handy bezahlen. Mir bezahlt sie es nur, damit sie mich immer schnell anrufen kann, wenn sie mich für irgendwas braucht. (Wenn sie ins Internet gehen will, zum Beispiel. Miss Agatha hat einen Laptop.) Aber Delighty braucht sie ja nicht, für nichts.

Und ob seine Tante Bongwe ein Handy hatte, konnte Sifiso nicht sagen, und wen man sonst anrufen konnte in Mantongomane, wusste er auch nicht.

»Dann laufen wir eben hin!«, hat Emma gesagt. »Was soll das ganze Gerede!« Emma denkt immer sehr praktisch, das ist gut, aber leider ist Emma auch sehr bestimmerisch.

»Und ihr bleibt hier, Pilot und Lemonade!«, hat Sifiso zu den beiden Kleinen gesagt. »Ist das klar?«

Pilot hat genickt, und Lemonade hat wie immer so getan, als ob sie ihn nicht gehört hätte. Ihren Scone hatte sie natürlich längst gegessen.

4

Wenn man nach Mantongomane will, muss man von Sifisos Hütte zuerst zehn Minuten durchs Grasland laufen, bevor man auf den Pfad nach Mantongomane trifft. Von da an konnten wir schneller rennen, weil wir besser erkennen konnten, ob vor unseren Füßen vielleicht eine Schlange lauert, eine Python zum Beispiel oder eine Mamba. (Im hohen Gras sieht man das nicht immer so gut.)

Wir freuen uns nicht über die Schlangen im Königreich. Nur die Touristen freuen sich über die Schlangen und machen Fotos mit ihren Handys und Digitalkameras, aber auch nur, wenn sie im Safari-Jeep durch Lion Park fahren. In ihren Cabins in Lion Lodge treffen sie auch nicht so gerne auf eine Schwarze Mamba, das kann man verstehen.

Wir sind zum Glück nicht auf eine Schwarze Mamba getroffen.

Eine ziemlich weite Strecke verläuft der Pfad nach Mantongomane am großen Fluss Usutfu entlang – und ich hatte Ihnen schon von meiner Sorge berichtet. Denn im großen Fluss Usutfu leben Krokodile wie in fast allen Flüssen in unserem Land.

Ich habe gehört, dass Sie diese Plage in Ihren Flüssen in England nicht haben, und glauben Sie mir, dafür sollten Sie Gott dem Herrn danken. So können Sie Ihr Wasser holen, ohne immerzu in Angst zu sein. Oder Ihre Wäsche waschen. Für uns im Königreich bedeutet der Besuch eines Flussufers immer eine Gefahr. Vor allem für die Kinder. Die Kinder sind es ja fast immer, die das Wasser holen.

Aber warum machst du dir denn dann Sorgen um Delighty?, könnten Sie jetzt einwenden. Natürlich ist das alles nicht schön, aber Delighty wollte doch überhaupt kein Wasser holen auf dem Weg von ihrer Tante Bongwe aus Mantongomane nach Hause, und Wäsche waschen wollte sie auch nicht!

Wenn Sie so denken, zeigt das nur, dass Sie unsere Krokodile nicht kennen. (Das soll kein Vorwurf sein. Woher sollten Sie sie auch kennen, wenn sie Ihnen in Ihren Flüssen nicht begegnen. Ich weiß ja auch nichts von den gefährlichen Tieren in Ihren Flüssen.) Krokodile sind heimtückische Geschöpfe. Sie haben nur ein sehr kleines Gehirn, man kann sagen: fast gar keins. Darum denken sie auch nicht lange nach, bevor sie angreifen, das ist genau wie bei Menschen mit einem kleinen Gehirn. Wenn man an einem Gewässer vorbeigeht und in dem Gewässer lungert gerade ein Krokodil; und wenn dieses Krokodil sich in derselben Minute überlegt (mit seinem kleinen Gehirn überlegt es nicht lange), dass es vielleicht mal wieder einen Happen essen sollte, dann seien Sie sicher: Sie werden dieser Happen sein. Also halten Sie immer genügend Abstand zu einem Gewässer, wenn Sie daran entlanggehen, das ist mein Rat für Sie.

All das wusste Delighty natürlich auch; und jetzt konnten wir nur hoffen, dass sie mit ihrer Zuverlässigkeit sich auch daran gehalten hatte. Denn wenn sie vielleicht erst in der Dämmerung aus Mantongomane aufgebrochen war – darüber wollten wir gar nicht weiter nachdenken. In der Dämmerung ist es mit den Krokodilen am großen Fluss Usutfu noch weniger schön als am Tag.

Wenigstens haben wir auf unserem Weg nichts gesehen, was darauf hingedeutet hat, dass Delighty etwas passiert sein könnte. Aber das hat uns nicht sehr beruhigt. Krokodile hinterlassen keine Spuren. Krokodile verschlingen sogar Kleider. Auch nachdem er die breite Sandpiste überquert hat, führt der Pfad nach Mantongomane noch weiter am Fluss Usutfu entlang. Es gibt darum viele Möglichkeiten, auf ein Krokodil zu treffen. Sie verstehen. Erst wenn er in die Hügel führt, wird der Pfad sicherer.

In Mantongomane stehen viele Häuser nahe beieinander. Sonst, das wissen Sie vielleicht nicht, sind die Häuser bei uns in Hlatikulu weit über die Hügel verstreut. Überall im Dorf haben Kinder gespielt, aber keins von ihnen war Delighty. (Das hatten wir auch nicht erwartet.)

Lange mussten wir nicht nach dem Haus von Sifisos Tante Bongwe suchen. Sifiso kannte sich aus, er hatte sie ja auch schon oft besucht. Sifisos Tante Bongwe hat ein richtiges Steinhaus, sogar mit einem Dach aus Wellblech, das ist praktisch. Da muss sie nach dem Regen den Lehm nicht erneuern und keine Löcher im Grasdach reparieren.

»Sifiso!«, hat Make Bongwe freudig gerufen und ist auf uns zugelaufen. »Was für eine Überraschung! Sawubona, Sifiso!«

»Yebo«, hat Sifiso höflich gesagt. Aber nicht freudig. Bestimmt hat seine Tante da schon an seinem Ton gemerkt, dass irgendwas nicht ganz in Ordnung war.

»Na, zurzeit kommt ja wohl eure ganze Familie zu mir zu Besuch, was?«, hat sie gesagt. »Gestern Delighty und heute du! Bringst du den Rock zurück, den ich für Lemonade mitgegeben habe? Ist er ihr doch zu klein?«

Sifiso hat den Kopf geschüttelt. Dass er darauf so schnell nicht antworten konnte, war ja klar. Wenn seine Tante eine solche Frage stellte, bedeutete das, dass Delighty gestern tatsächlich aus Mantongomane aufgebrochen war. Und wenn sie aufgebrochen war und war nicht zu Hause angekommen, dann – ja, meine Damen und Herren. Ja.

Nur Emma ist vernünftig und praktisch geblieben. Ich habe gehört, dass die Engländer immer vernünftig und praktisch bleiben, auch in schwierigsten Situationen, das kann nützlich sein.

»Sawubona, Make!«, hat Emma gesagt. »Wir sind gekommen, um nach Delighty zu fragen! Delighty ist nicht nach Hause gekommen. Hat sie vielleicht hier übernachtet?«

»Delighty ist nicht nach Hause gekommen?«, hat die Tante gerufen. »Eish! Wohin kann sie denn sonst gegangen sein?«

Vielleicht hat sie so schnell gar nicht begriffen, dass unsere Sorge ja gerade war, dass Delighty nicht irgendwo anders hingegangen war.

»War es schon dunkel, als sie von hier losgegangen ist?«, hat Emma gefragt. »Dämmerig?«

Tante Bongwe hat empört den Kopf geschüttelt. »Natürlich nicht!«, hat sie gesagt. »Was glaubt ihr denn! Kurz nach Mittag war es, natürlich wollte sie noch im Hellen zurück sein! Später hätte ich sie auch gar nicht mehr gehen lassen!« Sie hat beinahe böse ausgesehen.

In meinem Detektivkopf hat es gerattert. Ein Privatdetektiv betrachtet die Dinge immer von allen Seiten, das verlangt sein Beruf. War das jetzt also gut oder schlecht? Dass Delighty so früh aufgebrochen war? Die größte Gefahr, das konnte man doch sicher sagen, war damit tatsächlich gebannt. Natürlich sind die Krokodile auch am Tag nicht wirklich Freunde des Menschen, aber wenigstens kann man sie sehen, wenn man in ihrer Nähe vorbeigeht, sogar, wenn nur ihre Nasenlöcher aus dem Wasser gucken. Und konnte es nicht außerdem sein, dass Delighty vielleicht zuerst noch irgendwo anders hingegangen war, gar nicht gleich nach Hause, wenn sie schon so früh aufgebrochen war? Weil sie dachte, es wäre noch Zeit für einen kleinen Besuch zwischendurch?

»Wollte sie noch irgendwo anders hin, bevor sie nach Hause gegangen ist, Make?«, habe ich also gefragt. »Hat sie gesagt, dass sie noch schnell irgendwen besuchen wollte?«

Tante Bongwe hat ihre Stirn in Falten gelegt. »Davon hat sie nichts gesagt. Ich hätte es ihr dann auch verboten! Nein, sie wollte schnell nach Hause gehen, damit sie noch im Hellen ankommt. Das hat sie gesagt.«

Ich habe Emma angeguckt, wir haben beide das Gleiche gedacht. (Das weiß ich. Ich kenne Emma seit vielen Jahren.) Es konnte vielleicht sein, dass Delighty ihre Tante Bongwe angeschwindelt hatte. (Allerdings kann man sich bei Delighty eigentlich nicht vorstellen, dass sie schwindelt. Aber manchmal tut sie es vielleicht doch.) Einfach, weil sie wusste, dass ihre Tante es ihr sonst streng verboten hätte.

Und genau in diesem Augenblick habe ich den Wasserwagen gesehen.

5

Ich hatte Ihnen ja erklärt, dass der Pfad nach Mantongomane ein schwieriger Pfad ist. Ein schmaler Pfad und ein holperiger Pfad. Mit Allradantrieb kann man natürlich wagen, ihn zu befahren, das ist möglich. Wenn man vorsichtig ist und vielleicht ab und zu aussteigt, um einen Stein unter ein Rad zu legen, damit der Wagen nicht kippt. Aber wir sind ja geübt bei uns im Königreich. (»Wir« darf ich sagen, weil ich Onkel Vusis Safari-Jeep schließlich auch manchmal fahre.)

Darum hatte es auch der Wasserwagen nicht leicht. Aber sein Fahrer tut seine Arbeit ja schon seit vielen Jahren. Er ist heil bis zum Gemeinschaftshaus gekommen.

»Der Wasserwagen!«, hat Tante Bongwe gerufen. »Dem Herrn sei gedankt!«

Ich habe Emma angeguckt, und Emma hat mich angeguckt. Sifiso haben wir lieber nicht angeguckt. Es war ja schon klar, dass seine Angst bei diesem Anblick noch größer werden würde.

»Warum kommt denn der Wasserwagen, Make?«, habe ich vorsichtig gefragt. »Habt ihr keine Zisterne in Mantongomane? Für das Regenwasser?«

Eine Zisterne haben inzwischen manche Häuser, sie fangen das Regenwasser in großen grünen Tonnen auf. Die Gemeinschaftshäuser haben fast alle eine Zisterne, auch hier habe ich eine gesehen.

»Natürlich!«, hat Tante Bongwe ärgerlich gesagt. »Was glaubst du denn, Junge? Aber in der letzten Zeit hat der Regen einfach nicht ausgereicht! Wir haben im Dorf zusammengelegt, um Wasser aus dem Fluss zu kaufen!«

Ich weiß, dass das viele Dörfer tun müssen, es ist nicht billig. Wasser kostet 50 Emalangeni für 1000 Liter, und das Geld könnte man sparen, wenn es zur rechten Zeit genügend regnen würde.

»Aber der Fluss?«, hat Emma jetzt gefragt. »So weit ist der doch nicht weg!«

Tanta Bongwe hat geseufzt. »Mit dem Fluss sind wir vorsichtig geworden!«, hat sie gesagt. »Habt ihr nicht von dem Mädchen gehört, dass letzte Woche fast von einem Krokodil verschlungen worden wäre? Eish! Wenn ihre Schwester sie nicht im letzten Augenblick …«

Sifiso hat die Hände vor die Augen geschlagen und einen merkwürdigen Laut ausgestoßen.

»Sifiso!«, habe ich gerufen.

Aber Emma war wie immer praktisch.

»Nun nimm dich gefälligst mal zusammen, Sifiso!«, hat sie streng gesagt. »Das Mädchen wollte Wasser holen! Da war sie ganz dicht am Ufer. Und Delighty wollte kein Wasser holen. Die hat bestimmt aufgepasst, dass sie nicht so dicht ans Ufer geht. Mit Delighty hat das alles gar nichts zu tun! Und im Hellen ist sie auch gegangen! Der ist nichts passiert! Jetzt sei gefälligst mal nicht albern!«

Sifiso hat seine Hände von den Augen genommen und genickt. »Yebo«, hat er gemurmelt. »Okay.« Aber er sah nicht so aus, als ob er sich innen drin auch zusammengenommen hätte. Nur außen, damit Emma nichts mehr zu meckern hatte.

»Vielen Dank, Make, wir suchen Delighty dann mal weiter!«, hat Emma gesagt. »Aber wenn sie hier vielleicht wiederauftauchen sollte … Oder wenn irgendwer was gehört oder gesehen hat …«

Tante Bongwe hat genickt. So ganz schrecklich sorgenvoll hat sie nicht ausgesehen, das fand ich wieder beruhigend. Schließlich war Delighty ihre Nichte.

»Ich lasse meine Nummer hier!«, habe ich gesagt. »Irgendwer hat doch bestimmt ein Handy! Und wenn Delighty wiederauftaucht, dann kann der mir Bescheid geben!«

»Wenn er noch ein Guthaben auf seiner Karte hat!«, hat Tante Bongwe nachdenklich gesagt. »Doch, doch, irgendwer wird schon noch ein Guthaben auf seiner Karte haben. Wenn wir etwas hören, geben wir euch Bescheid.«

Dann hat sie sich umgedreht, uns über die Schulter zugewinkt und ist im Haus verschwunden. Bestimmt wollte sie einen Wassereimer holen und zum Wasserwagen gehen.

»Und jetzt?«, hat Sifiso gesagt. Er hat plötzlich viel kleiner ausgesehen. Sie kennen diese Spinnen, die sich zusammenrollen zu einem winzigen Punkt, wenn Gefahr droht. So ähnlich war es jetzt bei Sifiso.

»Wir gehen zurück«, habe ich gesagt. »Weißt du was, Sifiso? Vielleicht ist Delighty nämlich längst wieder bei euch zu Hause. Und wir machen uns hier ganz unnötig Sorgen.«

Ich hab es nicht wirklich geglaubt, aber was sollte ich sagen? Und wo hätten wir denn noch suchen sollen? Mir ist nichts eingefallen.

»Aber zuerst fragen wir mal bei uns in Lion Lodge!«, hat Emma vorgeschlagen. »Die Gäste kurven doch die ganze Zeit mit ihren Mietwagen durch die Gegend, vielleicht hat da einer Delighty unterwegs irgendwo gesehen!«

So richtig wahrscheinlich war das natürlich nicht. Aber es war zumindest eine Möglichkeit.

»Dann los!«, habe ich gesagt.

An diesem Tag sind wir wirklich ziemlich viel gelaufen.

6

Auf der Terrasse von Lion Lodge hatte Ms Wendy Chapman schon die Kerzen für das Abendessen in den Windlichtern angezündet, das ist ihre Aufgabe. Ms Wendy Chapman steht bei jeder Mahlzeit unauffällig in der Speisesaaltür (das Wort ist: diskret) und passt auf, dass alles gut läuft. Dass die Bedienung den Gästen keinen Wein über die Hosen schüttet und dass sie sich entschuldigt, falls es doch passiert, zum Beispiel. Und dass sie das Essen von rechts anreicht und von links abdeckt, auch wenn das unbequem ist. In einem vornehmen Haus gehört sich das so, das weiß ich von Miss Agatha. Bei mir zu Hause werden wir es später auch so machen, wenn ich ein wahrer Gentleman bin.

Ms Wendy Chapman sieht es nicht so gerne, wenn wir Kinder zwischen den Gästen auf der Terrasse herumlaufen. Die Gäste sind zu uns ins Königreich gekommen, um Löwen zu sehen, sagt Ms Wendy Chapman, nicht, um Kinder zu sehen. Aber heute Abend ließ es sich nicht vermeiden. Wir mussten nur ein bisschen hinter den Wolligen Kapernsträuchern und den Zuckerbüschen warten, die um die Terrasse herum wachsen, bis Ms Wendy Chapman zwischendurch in der Küche verschwand. Dann war unsere Stunde gekommen.

Sie fragen sich vielleicht, wer die Gäste sind, die bei uns in Lion Lodge absteigen. Das kann ich Ihnen erklären.

Unsere Gäste kommen aus der ganzen Welt, und alle sind reich. Wer sonst könnte sich wohl in ein Flugzeug setzen und um die ganze Welt nach Johannesburg fliegen und von Johannesburg dann auch noch bis zu uns? Eish! Ein langer Flug ist nicht billig, das weiß ich von Emma. Ein langer Flug kostet so viel, wie bei uns ein kleines Steinhaus mit einem Dach aus Wellblech kostet, das man nach dem Regen nicht reparieren muss, zum Beispiel. Wer kann so einen langen Flug bezahlen, nur um sich Busch und Natur und Tiere anzusehen? Natürlich sind die Gäste in Lion Lodge alle reich.

Und natürlich sind die meisten reichen Gäste alt, sie haben das viele Geld in ihrem langen Leben gesammelt. Die alten Frauen sind wundervoll und würdig geschminkt, und ihre alten Ehemänner haben Kameras und teure Telefone und Tablets. Manchmal, wenn nirgendwo ein Tier zu sehen ist, fotografieren sie auch eins von uns Kindern (nicht Emma). Vielleicht sollte Ms Wendy Chapman uns deshalb an jedem Abend einmal kurz auf die Terrasse lassen, dann hätten wir uns an diesem Abend auch nicht so verstecken müssen.

»Jetzt!«, hat Emma gezischt. Ihre Mutter war gerade im Speisesaal verschwunden. Die Terrasse hat sich allmählich mit Gästen gefüllt, und bestimmt wollte Ms Wendy Chapman noch einmal schnell in der Küche nach dem Rechten sehen. Das konnte dauern. »Zuerst die beiden da vorne!«

Das Ehepaar ganz vorne an der Terrassenbrüstung (ich glaube, dass es ein Ehepaar war) war fast so alt wie Miss Agatha. Die Frau hatte blausilberne Haare mit vielen Locken und ein feierlich geblümtes Kleid, da wusste ich schon gleich, dass sie bestimmt aus Amerika kamen.

Amerikaner sind praktisch, weil sie Englisch sprechen können, auch wenn es ein sehr merkwürdiges Englisch ist, dafür können sie nichts.

»Hallo, guten Abend!«, hat Emma höflich gesagt. Es war klar, dass von uns dreien Emma mit ihnen reden musste. Sie ist weiß, da denken die Gäste nicht gleich, dass sie betteln will. Sifiso und ich haben uns nur ein bisschen verbeugt, der wahre Gentleman macht das so. »Dürfen wir Sie einmal kurz stören?«

(Ich weiß, ich habe vorhin gesagt, dass Emma manchmal keine Manieren hat. Manchmal aber doch. Das beruhigt mich dann.)

Die beiden alten Leute haben müde und frisch geduscht ausgesehen, bestimmt hatten sie heute eine Safari gemacht. Eine Drei-Stunden-Safari oder eine Ganztags-Safari. Vielleicht sogar mit Onkel Vusi. Eine Dämmerungs-Safari hatten sie jedenfalls nicht gemacht, dann wären sie noch unterwegs gewesen.

»Ja, bitte, mein Kind?«, hat die alte Dame freundlich gefragt. Der Mann hat seinen Kopf weit vorgereckt und eine Hand hinter sein Ohr gehalten, also konnte er bestimmt nicht gut hören.

»Wir haben nur eine Frage!«, hat Emma gesagt. Leider hat man dabei gemerkt, dass sie es eilig hatte. Wir mussten ja viele Tische schaffen, bevor Ms Wendy Chapman wieder nach draußen kam. »Wir suchen unsere Freundin Delighty! Sie ist seit gestern verschwunden. Haben Sie sie vielleicht gesehen? Sie ist ungefähr so alt wie ich und einen Kopf kleiner!«

Der Mann hat seinen Kopf noch ein Stück weiter vorgereckt. »Was wollen die Kinder, Betsy?«, hat er gefragt. Aber er hat dabei gelächelt, das war wichtig. Er war nicht ärgerlich, dass wir sie beim Essen gestört haben.

»Ihre Freundin ist verschwunden!«, hat die alte Frau, die Betsy hieß, gerufen. Bei den nächsten Tischen mussten wir das jetzt gar nicht mehr erklären, so laut hat sie gebrüllt. »Die Batterie in seinem Hörgerät ist leer!«, hat sie dann leiser zu Emma gesagt. »Das ist schon schade! Er kriegt ja gar nichts mit von den Erklärungen auf den Safaris!« Sie hat geseufzt. »Habt ihr ein Foto?«

Ich habe einen Augenblick gebraucht, bis ich verstanden habe, dass sie ein Foto von Delighty gemeint hat.

»Leider nicht!«, hat Emma gesagt. Wer sollte denn auch wohl ein Foto von Delighty machen?

Ja, wer wohl? Wer wohl, meine Damen und Herren?

»Doch, warten Sie!«, habe ich gerufen.

Ich habe nicht viele Fotos auf meinem Handy, dafür hat Miss Agatha es mir nicht geschenkt. Aber bei unserem letzten Kriminalfall war es sehr nützlich gewesen. Und ganz am Schluss, als wir alle bei Miss Agatha auf dem Rasen gefrühstückt hatten (sogar Inspector Gwebu vom Polizeiposten Debedebe hatte mitgefrühstückt), hatte ich ein Foto gemacht. Jetzt habe ich es größer gezogen.

Auf dem Display hat Delighty an der Ecke des Tisches in Miss Agathas Garten gesessen und gelächelt. Ich sage Ihnen, Delighty ist wirklich wunderschön.

»Die Kleine da?«, hat Frau Betsy gefragt und mir ein Zeichen gegeben, dass ich ihrem Mann das Handy auch hinhalten sollte. Die Kleine ist es, Andrew!«, hat sie dann gebrüllt. Da mussten wir das den anderen Gästen nachher auch nicht mehr erklären. »Haben wir sie gesehen?«

Ich gebe zu, das kann eine schwierige Frage sein, wenn überall Kinder an den Straßen herumlaufen. Wie soll man das eine vom anderen unterscheiden, wenn man einfach nur vorbeifährt?

»Sie hatte ihr Schulkleid an«, hat Sifiso gesagt und ist einen Schritt vorgetreten. »Kariert. Rot-weiß kariert.«

Das konnte doch vielleicht ein Anhaltspunkt sein. Schließlich waren Ferien, und wir schonen unsere Schuluniformen alle für die Schule, darum waren zurzeit vielleicht nicht so viele Kinder in Schuluniformen unterwegs. Aber Delighty hatte nichts anderes anzuziehen, da musste sie ihre rot-weiß karierte Schuluniform auch in den Ferien tragen. (Leider ging es anderen Kindern natürlich genauso. Deshalb war die Schuluniform vielleicht doch kein besonders gutes Erkennungsmerkmal.)

Die Frau hat nachdenklich die Stirn gerunzelt. »Sie hatte ihr Schulkleid an!«, hat sie wieder gebrüllt. »Haben wir sie gesehen, Andrew?«

Der alte Mann hat den Kopf geschüttelt. »Ich hab auf die Straße geachtet, nicht auf irgendwelche Kinder!«, hat er gebrummelt. »Du hättest mir sonst ja auch ganz schön was erzählt!«

Frau Betsy hat gelacht. »So ist er!«, hat sie gesagt. »Nein, Kinder, ich kann mich auch nicht erinnern! Leider!« Sie hat den Kopf geschüttelt.

»Trotzdem vielen Dank!«, haben wir höflich gesagt und sind zum nächsten Tisch gesprintet. An diesem Tisch saßen zwei alte Frauen.

Aber sie konnten uns auch nicht helfen. Ihr Englisch war sowieso nicht so gut. (Wahrscheinlich waren sie Deutsche. Oder Holländer, die kommen auch oft nach Lion Lodge. Aber die Holländer können besser Englisch als die Deutschen.)

»Nein, leider!«, hat die eine alte Frau gesagt und die andere angeguckt. Dann haben sie miteinander geredet, auf Deutsch oder auf Holländisch. »Nein, leider! Haben wir nicht gesehen!«

Ich hab ihnen mein Handy gezeigt. Und wieder haben sie den Kopf geschüttelt.

7

Ich will Sie nicht mit all den Tischen langweilen, so sehr interessieren Sie sich sicher nicht für die Gäste von Lion Lodge. Ohnehin hat nur eine französische Familie mit drei Kindern ein bisschen länger überlegt, weil die Frau gesagt hat, dass sie mit ihren französischen Kindern während der Fahrt über die vielen Kinder am Straßenrand gesprochen hatte, da hätte ihnen ja etwas aufgefallen sein können. Aber beim Blick auf mein Handy-Foto haben alle französischen Kinder den Kopf geschüttelt.

Als Ms Wendy Chapman wieder nach draußen gekommen ist, waren wir gerade am Tisch von Water WiZZard angekommen. Water WiZZard ist eine Hilfsorganisation, Sie wissen wahrscheinlich, was das ist, Sie werden in Ihren Ländern auch einige davon haben. Eine Hilfsorganisation sieht sich ein Problem in einem Land an und versucht zu helfen. Das Problem, bei dem die Leute von Water WiZZard helfen wollen, ist natürlich das Wasser. Man hört es am Namen.

Wir haben Wasser in unseren Flüssen und Bächen, meine Damen und Herren, das habe ich schon gesagt, und wir haben auch Stauseen. Aber was wir nicht so viel haben, das sind Wasserleitungen. Natürlich gibt es sie in den Städten, das ist klar, und in den Hotels; aber warum sollte wohl irgendwer eine Wasserleitung zu Sifisos Hütte legen? Oder zu anderen Hütten? Eish! Was für ein Gedanke!

Nun sagen Sie vielleicht, dann könnten wir doch Brunnen bohren. Sie bohren Brunnen in Ihren Ländern. Wenn ich Miss Agatha richtig verstanden habe, hat jedes Haus bei Ihnen einen eigenen Brunnen (oder sogar eine Wasserleitung). Aber was machen Sie, wenn Sie in den Hügeln wohnen und das Wasser ist viele Hundert Meter tief unter der Erde? Wie wollen Sie da wohl einen Brunnen bohren? Da würden Sie auch lieber einfach zum Fluss gehen, ich bin sicher. Oder Sie würden Ihre Kinder schicken.

Aber natürlich gibt es in unseren Gewässern die Krokodile. Oder die Wege sind weit, wenn nicht viel Regen gefallen und der nächste Bach ausgetrocknet ist. Und außerdem (das hatten die Leute von Water WiZZard uns erklärt, als wir einmal am Pool mit ihnen geredet haben) ist es nicht gesund, das Wasser aus den Flüssen zu trinken. Weil auch die Kühe daraus trinken, und dabei erledigen sie manchmal etwas, das auch Kühe nach dem Fressen regelmäßig erledigen müssen, Sie wissen schon, was. Und das platscht dann ins Wasser. Und weil wir außerdem unsere Wäsche in den Flüssen waschen und weil wir manchmal Seife dafür haben, ist natürlich auch die Seife in den Flüssen. Und sehr kleine unsichtbare Tiere gibt es auch, die heißen Bakterien und sind sowieso schuld an vielen Dingen, zum Beispiel an Krankheiten. Darum ist das Wasser aus den Flüssen nicht so gut.

Deshalb waren die Leute von Water WiZZard ins Land gekommen.

»Sanibonani, Kinder!«, hat der große Mann gerufen, als wir bei ihnen stehen geblieben sind. Er war wahrscheinlich ein Südafrikaner. Erstens war er schwarz, und zweitens hat er Zulu mit uns gesprochen. Zulu verstehen wir gut.

Die Frau war weiß, aber sie konnte auch ziemlich gut Zulu sprechen. (Also war sie wahrscheinlich auch aus Südafrika.) Der kleine Mann war weiß wie sie, aber er hat nie geredet, deshalb kann ich nicht sagen, was er war.

»Yebo!«, haben Emma, Sifiso und ich gesagt. Mein Handy hat schon aufgeleuchtet mit dem Bild, wir hatten es ja eilig. »Wir suchen unsere Freundin Delighty!«