Thank you, murder! - Dominik Müller - E-Book

Thank you, murder! E-Book

Dominik Müller

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Beschreibung

Was haben ein angehender Burnout-Coach, ein Arbeitsloser und ein Pizzabäcker gemeinsam? Nicht viel – bis die drei beschließen, dem großen Mafioso der Stadt die Stirn zu bieten. Natürlich bleibt das nicht ohne Folgen. Sie erregen die Aufmerksamkeit von Frankie Corleone und geraten ins Visier von Kommissar Jago. Am Ende weiß keiner mehr so genau, wer hier eigentlich wen jagt ... Dominik Müllers Debütroman mischt das klassische Krimi-Genre mit Einflüssen aus seiner Tätigkeit als Burnout-Coach. Dazu kommt eine gute Portion Humor und fertig ist der Salat – oder besser die Pizza! Das richtige Buch für alle, die sich bei einer spannenden Geschichte »entspannen« wollen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Epilog
Der Autor
Danksagung

 

 

WELTENBAUM VERLAG

Vollständige Taschenbuchausgabe

11/2024 1. Auflage

 

Thank you, murder!

Pizza, Mord und Achtsamkeit

 

© by Dominik Müller

© by Weltenbaum Verlag

Egerten Straße 42

79400 Kandern

 

Umschlaggestaltung: © 2023 by Magicalcover

Lektorat: Sabrina Bomke / Lektorat Gedankengut

Korrektorat: Petra Schütze

Buchsatz: Giusy Amé

Autorenfoto: Privat Autor

 

 

ISBN 978-3-949640-85-8

 

www.weltenbaumverlag.com

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

Dominik Müller

 

 

 

THANK YOU, MURDER!

 

Pizza, Mord & Achtsamkeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Frau, den schönsten Stern am Himmel.

Und den wunderbarsten Sohn, den man sich nur wünschen kann.

 

1

 

Kalle Müller hatte einen großen Plan. Aber irgendwie fiel es ihm schwer, den genauen Verlauf seines Planes in die Tat umzusetzen. So war zumindest seine Sicht darauf. Wahrscheinlicher war es, rein objektiv betrachtet, dass er keinen Plan hatte. Eine planlose, aufeinander folgende Reihe an Jobs untermauerte dies.

»Das ist doch ganz einfach!«, meinte Anton bei ihrem wöchentlichen Treffen im Café um die Ecke. »Du bist mit deinem Kopf bestimmt in der Vergangenheit gefangen oder du schweifst zu oft in die Zukunft. Sorgen über die Zukunft sind einer der größten Garanten für ein Burnout!«

»Was denn für ein Burnout?« Da er aktuell keinen festen Job hatte und auch noch nichts Neues in Sicht war, schien er in diesem Punkt doch sehr weit entfernt von einem Burnout zu sein.

»Na ja ...«, fuhr Anton fort, »... steht halt so in dem Skript, das ich gerade bearbeite. Kann doch trotzdem sein, dass du davon betroffen bist. Wenn nicht jetzt, dann bestimmt in Zukunft.«

»Aber hast du nicht gerade gesagt, dass ich nicht an die Zukunft denken soll?«, konterte Kalle. Es bereitete ihm immer große Freude, die schulischen Fakten seines Kumpels gegen ihn zu verwenden.

»Alter, ist ja gut. Ich bin ja schon still.«

Anton Kurth befand sich in seiner Ausbildung zum Achtsamkeitstrainer, welche ihm neben der Garantie, selbst nie gestresst in einen Burnout zu rutschen, auch eine wachsende Zahl an Patienten versprach. So zumindest das Versprechen der Kursbeschreibung.

»Wie läuft denn die Jobsuche so? Schon was in Sicht?«, lenkte Anton das Gespräch in Kalles Richtung.

»Nö, da tut sich noch nichts. Aber immerhin habe ich mal wieder eine Bewerbung weggeschickt. Das sollte man mir doch hoch anrechnen, nicht wahr?« Er musste seinem Freund ja nicht unbedingt erzählen, dass es eine weitere Auflage seiner Arbeitsvermittlerin bei der Arbeitsagentur war. Was tut man nicht alles, um den Geldfluss am Laufen zu halten.

»Wann hat dir denn das Arbeitsamt mit der Beendigung der Zahlungen gedroht, wenn du nichts mehr wegschickst?« Was soll man sagen, Anton war halt nicht auf den Kopf gefallen ...

»Na ja ... ist doch auch egal! Ich muss auch wieder los. Ich habe noch einen wichtigen Termin. Bleibt es bei heute Abend? 18:30 Uhr bei di Lorenzos?«

»Na sicher. Immerhin bist du heute mit bezahlen dran!« Anton grinste bei dem Gedanken, seinem abgebrannten Kumpel mal wieder einen ausgeben dürfen zu müssen. Gespannt wartete er auf dessen Reaktion.

»Ja, also ähm, was das angeht, müsstest du mir diesmal nochmal einen ausgeben. Ich bin ja bald wieder auf dem Arbeitsmarkt, dann rollt der Rubel wieder!«

»Ich denke, ein letztes Mal kann ich deine Rechnung übernehmen, mein Freund. Immerhin hilfst du mir mal wieder bei einem Experiment. Damit wären wir diesmal quitt.«

»Was denn für ein Experiment? Soll ich mir irgendwelche zweifelhafte Pillen einwerfen, die mich dann blau färben und anschwellen lassen wie einen Hefekloß? Bitte nicht!«

Ein paar Experimente waren in früheren Zeiten bereits etwas aus dem Ruder gelaufen. Allerdings wollte Anton damals auch noch Medizin studieren und dachte, es würde doch einen prima Eindruck machen, wenn er bereits vor der ersten Vorlesung seine eigenen Studien zu bestimmten, neuen Medikamenten und deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper vorlegen könnte. Na ja, und dieser menschliche Körper war damals wie auch heute Kalle. Auch damals eher widerwillig und eher aus finanziellen Gründen.

»Alles ganz entspannt. Achtsamkeit hat doch vielmehr mit einem gelassenen Lebensstil zu tun und weniger mit dem Einnehmen von neuen chemischen Mitteln. Aber du musst zugeben, es war schon spannend damals.« Anton konnte sein breites Grinsen nun beim besten Willen nicht mehr zurückhalten.

 

2

 

Ungefähr zu selben Zeit saß Georgio in seinem luxuriös ausgestatteten Büro im obersten Stock des Morello-Towers und blickte zufrieden auf den Bildschirm seines Computers, der die neueste Auswertung der Kennzahlen des letzten Quartals ausspuckte.

Alles lief zu seiner Zufriedenheit. Und das war auch gut so. Vor allem für sein direktes Umfeld, also sein untergebenes Personal. Bei Nichtgefallen konnte es durchaus auch mal den Verlust eines Mitarbeiters zur Folge haben. Und Verlust war nicht immer mit Kündigung gleichzusetzen. Bei einem Unternehmer wie Georgio Morello konnte auch ein dubioses Verschwinden von Personal zur Neubesetzung der freigewordenen Stelle führen.

Doch solche Gedanken kamen dem Oberhaupt des Morello-Imperiums heute nicht in den Sinn. Die Geschäfte liefen gut. Alle Geldflüsse, ob legal oder nicht so ganz legal, aber durchaus nötig, um bestimmte Beträge ,reinzuwaschen‘, waren absolut in bester Ordnung. Gut, das würde ihm so mancher Staatsbeamte vielleicht anders auslegen. Aber um diesen Personenkreis auf Abstand zu halten, hatte Georgio seine Leute. Einer von ihnen betrat gerade sein Büro.

»Ciao Presidente!«

Ein zwei Meter großer, italienischer Schrank baute sich vor Morellos Schreibtisch auf. Hätte er statt seiner weißen Adidas-Superstars und dem lässigen mintgrünen Hemd eher ein Paar Anzugschuhe mit passendem Anzug getragen, würde man ihm seine Position eher zutrauen. Aber einem solchen Hünen in Bekleidungsfragen zu widersprechen konnte ungut ausgehen.

»Frankie! Was soll der Aufzug? Was sollen unsere geschätzten Mitmenschen denken, wenn sich die oberste Riege eines über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Imperiums wie Studenten beim Wettsaufen kleidet?«

Offenbar war auch Georgio kein Fan von Freizeitkleidung am Arbeitsplatz.

»Mi scusi Capocuoco. War gerade noch bei der Baustelle im Neubaugebiet. Musste noch Mitarbeiter überprüfen und das geht in Zivil einfach unauffälliger.«

Georgio schien nicht allzu viel Interesse an den täglichen Geschäften seiner rechten Hand zu haben. Es könnte reines Desinteresse sein, aber auch in einer möglichen Befragung als realistisches Nichtwissen nutzen, wenn man in nicht allzu vielen Details in Kenntnis gesetzt wurde. Einer seiner vielen Informanten berichtete ihm erst kürzlich, dass die ausführende Staatsgewalt vermehrt den Einsatz von Lügendetektoren förderte. Da will man sich als ,Head of it all‘ nicht die Blöße geben und wegen einer lächerlichen, bedeutungslosen Nebensächlichkeit in Verdacht geraten, etwas Unrechtes zu tun.

»Das mir das aber nicht zur Gewohnheit wird! Ach übrigens, hast du schon Pizza bestellt?«

Eine Frage, die keinesfalls das bedeutete, was man meinen könnte. Selbst in den eigenen Räumlichkeiten konnte man nicht vorsichtig genug sein.

So bedeutete ,eine Pizza bestellen‘ lediglich das Aufsuchen von Roberto di Lorenzos Pizzeria. Diese war ein wichtiges Zahnrad im Geldwäsche-Uhrwerk von Morello. Hier konnte er die Gelder in sein Imperium aufnehmen, die aus sogenannten ,sonstigen Einkünften‘ einflossen.

Frankie war mit den versteckten Botschaften natürlich vertraut: »Habe angerufen, aber die haben heute geschlossen. Arbeiten anscheinend an einer neuen Variante. Mit flüssigerem Käse.«

»So so ...«, meinte Morello sichtlich zufrieden. »Dann sollten wir diese Sorte bald mal ausprobieren.«

 

3

 

Kalle saß im Flur vor dem Büro von Frau Schmitt. Hier saß er in regelmäßigen Abständen, die eigentlich nur dadurch unterbrochen wurden, dass Kalle eine neue Anstellung annahm und diese eine kurze Weile behielt. Im Behalten einer Anstellung war Kalle allerdings alles andere als geschickt.

»Guten Tag, Herr Müller. Haben wir also wieder mal die Ehre, uns auf die unendliche Suche nach ihrer Berufung zu machen?« Eine eher rhetorisch gemeinte Frage von Frau Schmitt. In ihren Augen war Kalle ein ziemlich hoffnungsloser Fall mit nicht sichtbarem, weil ihrer Meinung nach nicht vorhandenem Talent.

»Hallo Frau Schmitt, ich weiß, es scheint manchmal aussichtslos. Aber heute habe ich bereits eine Bewerbung abgeschickt. Es wird wieder aufwärts gehen und dann sehen Sie mich für eine lange Zeit nicht wieder. Wie klingt das für Sie?«

»Sie scheinen mir ziemlich positiv gestimmt, dass Ihre Bewerbung eine neue Anstellung quasi schon in Aussicht stellt.«

In der Tat hatte Kalle keine Ahnung, ob er die Stelle als Aushilfsarbeiter auf der Baustelle wirklich bekommen würde. Eigentlich hatte er auch kein Interesse an einem Job auf dem Bau. Aber seine letzte Aufgabe, die er von Anton aufgetragen bekommen hatte, war, eine positive Sichtweise auf sämtliche Dinge in seinem Leben zu richten – und, na ja, so zu tun, als ob er die zuversichtlichste Person auf diesem Planeten wäre.

»Bei meiner Erfahrung im Schreiben von Bewerbungen kann doch nun auch wirklich nicht viel schiefgehen«, bemerkte er und zwinkerte Frau Schmitt zu, die sich anscheinend nicht besonders von Kalles Positivität anstecken ließ.

»Herr Müller, es ist doch so ...«, fuhr sie fort. »Sie haben seit zwei Wochen keine neuen Bewerbungen geschrieben, keine Vorstellungsgespräche gehabt oder sonst wie Interesse an unseren Angeboten gezeigt. Ich würde Ihnen nahelegen, sich mit unseren Weiterbildungsprogrammen und Berufswiedereinstiegsmöglichkeiten vertraut zu machen. Nur für den Fall, dass es mit Ihrem todsicheren Jobangebot, dass auf Ihrer einzigen offenen Bewerbung beruht, nicht so positiv verläuft, wie Sie es sich vorstellen. Sollte es nämlich in den nächsten zwei Wochen zu keiner Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit Ihrerseits kommen oder dem erfolgreichen Belegen einer unserer Kurse, so müsste ich Ihnen die finanzielle Beihilfe unserer Einrichtung sperren.«

So, da war es wieder. Der Bürokratie ist mit reinem positivem Denken nicht beizukommen. Aber Kalle blieb bei seiner Taktik. »Das klingt doch super! Ich denke, es ist endlich an der Zeit für Kalle Müller, einen dieser wunderbaren, erfolgversprechenden Kurse zu besuchen.« Kalle konnte seine Worte zwar selbst nicht glauben, war aber gespannt, wie sich das Gespräch weiter entwickeln würde.

»Na also, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.«

Ich auch nicht, dachte Kalle. Das war eigentlich das Letzte, was er wollte. In irgendeinen dämlichen Kurs gehen, bei dem er mit anderen gescheiterten Existenzen die Zeit totschlägt, die er viel lieber auf dem Sofa verbringen würde.

»Veränderung ist Fortschritt, wissen Sie.«

Okay, jetzt werde ich endgültig bekloppt, dachte Kalle so bei sich. Denke krankhaft positiv, werfe mit irgendwelchen Phrasen um dich und du kommst schon irgendwie durch. Ob so etwas in solchen Kursen gelehrt wird?

»Hätten Sie eine Übersicht der Kurse für mich? Dann könnte ich mir zu Hause gründlich Gedanken darüber machen, welcher Kurs am besten zu mir passt und meiner beruflichen Laufbahn nochmal so richtig Aufwind gibt!«

Frau Schmitt war offenbar immer noch nicht auf die positive Seite dieses Gesprächs gewechselt: »Gut, Herr Müller, Sie haben zwei Tage Zeit, mir mitzuteilen, ob und welchen Kurs Sie belegen wollen, oder ob Sie wegen Antritt einer neuen beruflichen Tätigkeit keine weitere finanzielle Unterstützung benötigen.«

Sie händigte Kalle die Kursübersicht aus und wünschte noch einen schönen Tag.

 

4

 

Kalle war sich nicht ganz sicher, wie er dieses Beratungsgespräch in seiner Bewertungsskala einordnen sollte. Diese ging von eins (»Ich streiche Ihnen das Geld und will Sie hier nie wieder sehen!«) bis zehn (»Oh, das tut uns aber leid, Herr Müller. Selbstverständlich verlängern wir die Maßnahmen um ein weiteres Jahr, ohne dass Sie uns in dieser Zeit aufsuchen müssen. Machen Sie sich mal keine Sorgen«).

Am ehesten war es wohl eine sieben (»Kriegen Sie endlich Ihren Arsch hoch und kommen Sie mit Ihrem Leben klar. Wir haben keinen Bock darauf, Sie alle paar Wochen hier antanzen zu lassen und mit Ihnen über Ihre Unterstützung zu feilschen. Machen Sie endlich was aus sich!«)

Ja, das traf es ganz gut. Man könnte davon ausgehen, dass jemand, der alle paar Wochen beim Arbeitsamt auftauchen musste, keiner Tätigkeit nachging und eher so in den Tag lebte, mit der Zeit eine leicht depressive Haltung zu vielen Dingen einnahm. Das war bei Kalle nicht der Fall. Es hatte schon so seine Vorteile, wenn der beste Kumpel angehender Achtsamkeitstrainer war.

Anfangs hatte Kalle Anton für seinen neuen Berufsweg belächelt oder genauer gesagt ausgelacht.

»Klingt aber schwer nach Abzocke, wenn du mich fragst. Willst du den gestressten Menschen in dieser Welt auch noch das Geld aus der Tasche ziehen? Das haben die doch nun nicht auch noch verdient.«

Anton, der Kalle und seine Art, mit Veränderung umzugehen, bereits bestens kannte, wusste schon im Voraus, dass Kalle dieser Sache skeptisch gegenüberstehen würde.

»Es ist das genaue Gegenteil von Abzocke, mein Lieber. Es geht darum, das Leben durch Veränderung seiner Perspektive in neue Bahnen zu lenken und mehr Gelassenheit und Frieden zu erfahren.«

»Klingt für mich, als hätten die Hippies ein neues Geschäftsmodell erfunden ... Gelassenheit und Frieden ... klingt nicht so seriös, findest du nicht?« Kalle konnte mit einem solchen Konzept in der Tat nicht viel anfangen.

»Durch Worte wird es auch nur schwer gelingen, einem dermaßen veränderungsresistenten Menschen wie du einer bist, dieses Konzept näherzubringen.«

Doch Anton hatte bereits vor dieser Unterhaltung einen Plan, wie er Kalle für seine Sache, wenn nicht schon überzeugen, dann wenigstens gewinnen konnte.

»Ich mache dir einen Vorschlag. Ich brauche eine Person, die sich von mir bezüglich Achtsamkeit beraten lässt und bereit ist, Verschiedenes auszuprobieren. Du könntest diese Person sein. Ich meine, wenn es eine Person gibt, die so voreingenommen wie nur irgendwas ist, wenn es um Veränderungen und das Ausprobieren von Neuem geht, dann doch wohl du.«

»Was soll das für ein Vorschlag sein? Ich soll wieder dein Versuchskaninchen spielen und diesmal zum erleuchteten Buddha werden? Und dann ganz achtsam aus der Arbeitslosigkeit schweben?«

»Mach dich ruhig lustig. Aber ja, so ungefähr. Bevor du jetzt was sagst, pass auf. Es wird nicht mehr so gefährlich wie damals. Na ja, das war ja auch ein wenig fahrlässig, dich so mit den ganzen Pillen zu füttern, um zu sehen, was passiert. Dafür entschuldige ich mich hiermit vielmals.«

Kalle wartete gespannt auf den Teil des Vorschlages, der eine Gegenleistung für seine Dienste beinhalten sollte.

»Mea culpa ...«, fuhr Anton fort, »... so wird es aber diesmal nicht laufen. Das kann ich dir versprechen. Bei der Achtsamkeit geht es nur um dich und deine Ressourcen, die in deinem Inneren bereits vorhanden sind.«

»Ich hoffe nicht, dass noch viel von dem Zeug, das ich damals nehmen musste, noch in meinem Inneren ist.«

»Ach Kalle, da ist schon längst alles raus. Also, so ist das ja auch nicht gemeint. Deine innere Stärke wird dir dadurch bewusster und du kannst viel motivierter in allen Lebensbereichen agieren.«

»Klingt ja zu gut, um wahr zu sein. Und meine Belohnung ist das Erfahren meiner Stärken und mein neues Lebensbewusstsein? Oder kommt da noch mehr?« Bis jetzt klang alles nach einem billigen Verkaufsgespräch.

»Okay, ich dachte mir schon, dass dir die große Erleuchtung nicht ausreichen würde. Sagen wir ein Essen die Woche bei di Lorenzo?«

Das klang schon eher nach Bezahlung.

»Hm, ich weiß nicht. Ich muss immerhin mein Innerstes nach außen kehren im Namen der Wissenschaft. Da sollte auch ein wöchentlicher Besuch im Café drin sein. Was meinst du? Einmal die Woche auf eine Pizza plus Getränk und einen Besuch im Café, Deal?«

»Du bist hart im Verhandeln. Okay, machen wir so.« So begann sein Weg in die Achtsamkeit.

 

Kalle musste sich eigentlich ein bisschen beeilen, um pünktlich zur ausgemachten Zeit bei di Lorenzo anzukommen und Anton nicht warten zu lassen. Nach allem, was er bereits über die Achtsamkeit von Anton wusste und das Wechseln der Perspektive in vielen Situationen, war ihm gerade nicht nach Hetzen zumute. Er betrachtete die Umgebung. Es wurde langsam dunkel. Typisch für die Jahreszeit. Die Bäume verloren langsam ihre Blätter und das Laub bedeckte die Bürgersteige der Stadt. Für Kalle, der eigentlich den Sommer bereits Wochen vor dem kalendarischen Herbstbeginn vermisste, war es früher undenkbar gewesen, solchen Herbsttagen irgendetwas abzugewinnen.

Anton hatte für solche Momente eine Übung für ihn gehabt:

»Versuche nicht schnellstmöglich aus dem Moment zu entkommen. Mache dir den Moment vielmehr bewusster. Du bleibst einfach mal stehen und blickst dich um: Was siehst du? Findest du Dinge, die dir gut gefallen? Versuche dich daran zu erinnern, wie eine solche Situation für dich als kleines Kind war? Hättest du früher anders auf diese Situation reagiert? Versuche tief ein- und auszuatmen. Stelle dir vor, du betrachtest dich selbst aus der Vogelperspektive, wie ist das? Oft kann eine andere Sichtweise auf dich selbst oder die Situation allgemein bereits zu anderen Gefühlen führen.«

Kalle versuchte es nun umzusetzen.

Er blickte sich um. Es begann bereits zu dämmern. Die Laternen der Straßen waren schon angegangen und tauchten die Bürgersteige in sanftes Orange. Früher hatten die Lichter eher in grellem Gelb gestrahlt. Allein dieser Unterschied machte die Szenerie gemütlicher. Das braune, orange und rote Laub auf den Straßen, das einem heute als Fußgänger eher lästig vorkam, war früher als Kind wunderbar geeignet, um es hochzuwerfen und den Blätterregen zu genießen.

Kalle atmete tief ein und aus. Er spürte die kühle Herbstluft in seinen Lungen und wie die warme Luft beim Ausatmen aus seiner Nase entwich.

Er fühlte sich sehr entspannt. In Gedanken sah er sich von oben, wie er ganz entspannt an diesem wunderschönen Herbstabend in Richtung Pizzeria lief.

 

5

 

Roberto di Lorenzo war ein kleiner, etwas dicklicher Italiener. Als stolzer Inhaber der besten Pizzeria der Stadt trug er selbstverständlich einen großen Schnurrbart. Auch wenn ihm dieser mit den Jahren allmählich lästig wurde und er ihn gerne unzählige Male abrasiert hätte, gehörte er doch zu ihm. Er fühlte sich ein bisschen wie Super Mario, nur halt als Pizzabäcker und nicht als Klempner.

Die Pizzeria di Lorenzo hatte rein verkaufstechnisch eine hervorragende Lage. In der Nähe der entstehenden Einkaufspassage wäre es ein Leichtes, jeden Tag unzählige hungrige Kunden bewirten zu können. Leider zog sich der Ausbau der Passage in die Länge, wodurch die Kunden ausblieben.

Und auch Corona ging selbst an der besten Pizza der Stadt nicht spurlos vorbei. Da war guter Rat teuer. Oder besser gesagt: legaler Rat. Denn ein geschäftstüchtiger Mann findet immer einen Weg. So zumindest die Einstellung von Roberto. Es traf sich gut, dass eines schönen Abends ein Riese von einem Italiener in sein Restaurant kam.

Robertos geschulter Blick ließ ihn gleich wissen, dass dieser Gast etwas weniger mitbrachte als die meisten seiner Gäste. An der linken Hand vermisste der Mann seinen kleinen Finger.

Da Frankie ›Nine Finger‹ Corleone sein Ruf bereits vorauseilte, musste Roberto nicht lange überlegen, wer hier vor ihm stand.

»Ich komme im Auftrag von Signore Georgio Morello. Er macht sich Sorgen um die Geschäfte seiner Landsmänner und -frauen. Corona trifft uns alle hart. Da will er es sich nicht nehmen lassen, gerade auch unsere Gastronomen zu unterstützen. Er hat ein interessantes Angebot für dich.«

Roberto wusste nur zu gut, dass es schwerwiegende Folgen haben könnte, ein Angebot von Morello auszuschlagen.

»Ich wäre ja auf den Kopf gefallen, mir eine solche Gelegenheit durch die Lappen gehen zu lassen«, log er deshalb, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hoffte nur, bei der Sache mit einem blauen Auge davonzukommen und nicht allzu weit in die illegalen Machenschaften des großen Maestros gezogen zu werden.

»Das ist die Antwort eines ebenso klugen wie auch umsichtigen Geschäftsmanns!«

Frankie hatte nur die Anweisung, vorerst einmal vorzutasten, inwieweit die, neuen Untergebenen‘ von Morello bereit waren mitzuspielen. Details sollte er noch keine verraten.

»Ich werde Signore Morello von deiner Bereitschaft zur Zusammenarbeit berichten. Du hörst von mir!« Und schon war er wieder weg. Er hätte wenigstens ein Bierchen trinken, zumindest ein bisschen Umsatz in die Kasse spülen können. Andererseits will man es sich auch mit solchen Gästen nicht verscherzen, dachte Roberto.

 

In den folgenden Wochen baute sich allmählich die ,Zusammenarbeit‘ zwischen Roberto und Georgio Morello auf. Zu Robertos Erleichterung schien es ausschließlich darum zu gehen, seine Buchführung ein wenig umzustellen und somit bestimmte Geldflüsse aus ,sonstigen Einkünften‘ Morellos mit den finanziellen Unterstützungen zu verrechnen, die er fortan von Morello bekam.

Und das nicht zu spät. Dadurch konnte er seinen Laden auf Vordermann bringen und sich ein Auto zum Ausliefern der Pizza anschaffen. Und noch dazu in einer Zeit, die von Lockdown und Kurzarbeit geprägt war, wettbewerbsfähig bleiben. Und er konnte den Laden endlich mal saisonal dekorieren.

 

Der Herbst war gekommen. Halloween stand vor der Tür. Roberto hatte dieses uramerikanische Fest zwar nie selbst gefeiert, er verstand auch nicht, wie es dieses Fest bis in seine Stadt geschafft hatte, aber wenn es half, die Leute in das Restaurant zu treiben, dann gab es eben ,Kürbispizza‘ und entsprechende Deko.

Er war gerade dabei, den ersten Hokkaido-Kürbis auszuhöhlen, als der erste zahlende Gast des Abends die Pizzeria betrat.

 

6

 

»Moinsen Roberto, machste mir schonmal ein Bierchen fertig?«

Anton hatte bereits damit gerechnet, dass Kalle nicht vor ihm erscheinen würde. Das wäre offen gesagt auch ein Wunder gewesen. Achtsamkeit hin oder her – Pünktlichkeit hatte Kalle noch nie erfunden.

»Buona serata, Signor Anton! Kommt sofort.«

Mit Anton konnte Roberto immer rechnen. Jeden Donnerstagabend pünktlich zur selben Uhrzeit, wie ein Schweizer Uhrwerk. Er setzte sich dann immer an den gleichen Tisch, bestellte sich ein Bier und wenn er es fast ausgetrunken hatte, erschien sein Freund. Heute würde es nicht anders laufen.

»Wie laufen die Geschäfte?«, fragte Anton, mehr aus Höflichkeit. Denn der Laden war immer spärlich besucht. Aber vielleicht war einfach nur der Donnerstag ein ruhigerer Tag bei di Lorenzo.

»Prächtig, prächtig, wie immer. Na ja, oder sagen wir mal so: So prächtig es Corona eben zulässt. Aber das geht ja allen Gastronomen so. Wie geht es Ihnen?«

»Ja, wir sind ja alle irgendwie betroffen von der Situation. Bei mir sind es eher meine Vorlesungen, die nur online gemacht werden. Aber das ist nichts, worüber ich klagen würde. Eine Vorlesung im Bademantel auf dem Sofa anzuschauen ist auch nicht so tragisch. War Kalle heute schon da?«

»Nein, habe ihn noch nicht gesehen. Er kommt aber bestimmt demnächst.«

Anton war gespannt, was Kalle so zu erzählen hatte. Jeden Donnerstag trafen sie sich bei Roberto und er erzählte ihm, wie seine Achtsamkeits- und Entspannungstechniken wirkten. Oder eben nicht. So war es zumindest am Anfang. Kalle konnte mit dem ganzen Konzept nichts anfangen, war aber froh, auf Antons Kosten an Pizza und Bier zu kommen. Sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, fiel ihm eigentlich nur leicht, wenn sein Fernseher lief. Na ja, selbst dann surfte er nebenbei mit dem Handy im Internet, checkte Mails und diverse Social Media Accounts, die er so hatte. Also ihm war nicht so recht bewusst, wie das mit dem Hier und Jetzt genau gemeint war. Heute war das anders.

Im Hier und Jetzt betrat Kalle endlich die Pizzeria.

»Tag zusammen!«

»Guten Abend, Herr! Hast du den Weg auch noch gefunden!« Anton, der schon das zweite Bierchen geleert hatte, war nun doch etwas mürrisch.

»Sorry, der Termin beim Amt hat länger gedauert. Meine Beraterin hatte so viele, tolle, neue Ideen für mich ... Da musste ich einfach länger bleiben. Bekomme ich auch ein Bier, Roberto?«

»Kommt sofort.« Roberto machte sich an den Zapfhahn.

»Jetzt guck doch nicht so angefressen. Du wolltest doch, dass ich mich achtsam an mein neues Leben heranarbeite. Und ich bin dir dafür überaus dankbar.«

Antons Miene erhellte sich ein wenig. »So? Also hast du eine neue achtsame Erfahrung gemacht, die du mir mitteilen möchtest und mir bei meiner Ausbildung hilfreich sein kann?«

»Ja, auch. Aber ich meine eigentlich, dass ich dir dankbar für meine kostenfreie Donnerstags-Pizza bin. Ohne dich müsste ich mir eine ,Grande-Tiefkühl-Pizza‘ reinziehen, die nur mit einer ganzen Packung geriebenen Gouda und viel Oregano getunt ertragbar ist.«

Und schon verdunkelte sich die Miene wieder.

Und eine Stimme aus dem Hintergrund meldete sich: »Ich möchte die Herrschaften doch freundlich darum bitten, keine weiteren Aussagen über Tiefkühlpizzen zu treffen. In der heiligen Stätte der besten italienischen Pizza-Zubereitung der ganzen Stadt, wenn nicht sogar der ganzen Welt! Das hat hier wirklich nichts verloren!«

»Tut mir leid, Roberto. Aber du weißt doch, wie sehr ich deine Pizza zu schätzen weiß. Apropos, könnte ich eine Kalle-Speziale haben?«

»Was soll das denn sein?«, fragte Anton empört. »Warum solltest du deine eigene Pizzasorte bekommen? Was hast du denn für einen großen Dienst an der Menschheit getan, dass dir diese Ehre zuteilwird?«

»Aus kleinen Taten folgen oft große Gesten«, meinte Kalle, der nun wieder mit der Phrasen-Taktik arbeiten wollte.

»Schluss mit deinem Phrasen-Geschwätz! Sag schon, was war es?«

»Na ja, ich habe letzte Woche eine Maus aus dem Toilettenfenster vertrieben.«

Anton blickte ihn erstaunt an. »Dafür bekommt man seine eigene Pizza? Ich versuche hier Gelassenheit und Frieden in die Welt zu tragen. Und du? Einfach eine Maus verscheucht!«

Roberto schaltete sich wieder ein. »Gelassenheit und Frieden? Klingt nach einer neuen Hippie-Bewegung.«

Kalle bekam augenblicklich einen Lachanfall. »Habe ich auch gesagt, als ich es das erste Mal gehört habe.«

Antons Laune ging nun langsam, aber sicher endgültig in den Keller.

»Keine Panik, Anton«, meinte Kalle. »Eine Kalle Speziale ist eine Salami-Pizza mit zwei Schnaps. Einen für mich und einen für dich.

 

Nach dem Schnaps stieg die Stimmung wieder.

»Aber eines muss ich wirklich sagen«, sagte Kalle. »Die Übungen, die du mir gezeigt hast, sind wirklich gut. Ich habe dieses Hier-und-Jetzt-Ding ausprobiert und war direkt gelassener.«

»Fragt sich nur, ob es in deinem Fall sinnvoll ist, noch gelassener zu werden, anstatt eher an dem Thema Pünktlichkeit zu arbeiten«, meinte Anton schon wieder etwas amüsierter.

»Also nach dem Besuch bei der Alten vom Amt war es auf jeden Fall genau das Richtige. Hat mir einfach so aus heiterem Himmel ein Ultimatum gesetzt: entweder ein neuer Job in Aussicht oder ich belege so einen dämlichen Kurs von denen.«

»Klingt für mich so, als ob du demnächst einen neuen Kurs belegst.« Der Schnaps zeigte bei Anton endlich wieder die gewohnte Dosis Humor.

»Ich habe zumindest vom großen Bauherrn der Stadt noch keine Rückmeldung bekommen. Nicht mal eine Eingangsbestätigung. Das habe ich beim Amt natürlich ein wenig positiver dargestellt. Jedenfalls habe ich zwei Tage Zeit, mich zu melden.«

»Welche Kurse werden denn angeboten?«, wollte Anton wissen.

»Habe ich mir noch nicht angesehen. War zu sehr damit beschäftigt, achtsam hierher zu schlendern.«

Anton kannte die motivierte Art seines Freundes nur zu gut. Wenn sie beide heute Abend keine Entscheidung treffen würden, bekäme Kalle in drei Tagen auf jeden Fall die Gelder gestrichen. Denn eine Anstellung beim Bau sahen beide als äußerst unrealistisch an.

»Dann zeig mal her! Wir finden schon was für dich. Die meisten Kurse sind auf ein paar Tage in der Woche begrenzt. Vielleicht finden wir was, dass du online belegen kannst. Dann müsstest du nicht mal vor die Haustür. Das würde dir doch bestimmt gut passen, nicht wahr?«

»Mein Trainer kennt mich einfach!«, erwiderte Kalle lachend.

Anton warf einen Blick in das Kursangebot. »Oh Mann! Das sieht alles nach der reinsten Depressions-Falle aus.«

Es gab Kurse im Bereich IT-Weiterbildung (wäre online machbar), Vorbereitung auf eine Tätigkeit in der Gastronomie (nur in Präsenzkursen) und handwerklich geprägte Kurse. Auch diese sollten nach Empfehlung des Amtes vor Ort durchgeführt werden.

»Alles nicht so dein Fachgebiet«, musste Anton feststellen.

»Was ist denn Ihr Fachgebiet, wenn man fragen darf?«, mischte sich Roberto ein.

»Ja, also, ähm ... Das ist nicht so leicht zu beantworten.«, stammelte Kalle, der keine Ahnung hatte, was sein Fachgebiet sein sollte. Jedenfalls solange die private Analyse von TV Shows und Serien oder der längst mögliche Belastungstest eines Möbelstücks durch den liegenden menschlichen Körper keine anerkannten Fachgebiete waren.

»Kein Problem. Gehen wir die Sache achtsam an. Wir suchen dir erstmal einen Kurs aus. Den teilst du direkt morgen der Tante vom Amt mit«, meinte Anton spontan.

»Wieso denn schon morgen? Ich habe doch Zeit ...« Kalle ließ sich gerne Zeit für Entscheidungen. Oder er vergaß dann einfach mir der Zeit, dass er irgendwas entscheiden musste und ließ es einfach.

»Erstens, weil es einen guten Eindruck macht. Die Tante merkt dann, dass du es ernst meinst und ihr heute bei der Beratung nicht den letzten Stuss erzählt hast, weil du einfach was Positives sagen wolltest!«

»Hey, ich dachte, das wäre der neue Weg für mich!«, beschwerte sich Kalle, mehr um nicht allzu dumm dazustehen, als sich wirklich verteidigen zu wollen.

»Zweitens ...«, fuhr Anton fort, ohne den Einwand auch nur zur Kenntnis zu nehmen, »... verschafft es dir Zeit, um die Job-Sache anzugehen, ohne auf das Geld vom Amt verzichten zu müssen. Wir suchen dir einen Job und du beginnst ab morgen mit deinem Dankbarkeitstagebuch.«

»Was soll das denn sein? Hey, was, wir suchen mir einen Job? Ich dachte ich soll für dich achtsam weiter nach meinem Weg suchen?«

Für Kalle klang das alles nach viel zu viel Veränderung. Fast schon nach einem kompletten Lebenswandel über Nacht!

»Kalle, es ist ganz einfach. Es ist mein nächstes Thema im Skript. Man führt ein Tagebuch, in dem man jeden Tag reinschreibt, wofür man an diesem Tag dankbar ist. Es können allgemeine Dinge sein oder auch kleine Momente oder Begebenheiten im Alltag. Es geht auch nicht darum, wie groß die Dinge sind, für die du dankbar bist, sondern vielmehr darum, überhaupt zu lernen, Dankbarkeit zu spüren.«

»Klingt auch wieder nach einem Hippie-Vortrag. Sind Sie sicher, dass Sie eine Ausbildung zu einem Trainer machen?« Roberto hatte ein Talent dafür, sich im richtigen Moment in die Gespräche seiner Gäste einzuklinken.

»Es ist nicht alles so übernatürlicher Blödsinn! Klar könnte man das denken. Am ehesten merkt man den Unterschied, wenn man sich mit den Dingen auseinandersetzt und es einfach probiert.« Anton kannte das bereits zur Genüge. Alles, was er erzählte, traf zunächst auf unerfahrene Ohren, die seine Themen für Hokuspokus hielten.

Aber Kalle hatte ja bereits die ersten Schritte in die Welt der Achtsamkeit gemacht. Er wusste, dass man sich mit manchen Übungen und Techniken wesentlich entspannter und gelassener durch den Alltag bewegen konnte.

»Da ist schon was dran.«, fiel Kalle nun, für Anton überraschend, mit ein. »Seit ich mit den Übungen begonnen habe, bin ich wirklich entspannter in Situationen, in denen ich früher wesentlich gestresster war. Gerade heute beim Beratungsgespräch zum Beispiel. Ich hätte mich früher in Grund und Boden geschämt, wenn ich versucht hätte, meiner Beraterin vorzugaukeln, ich hätte den Job so gut wie in der Tasche. Aber wenn man es gedanklich gar nicht vorgaukelt, sondern durch Fokussierung und positivem Denken wirklich glaubt, dass man es schaffen kann, sieht die Sache doch ganz anders aus.«

»Klingt interessant, was Ihr da sagt. Könnte ich so was auch lernen? Nun ja, es ist ja nicht gerade so, als wären die Aussichten in meinem Beruf aktuell so rosig. Da könnte ich ein bisschen Gelassenheit auch gut gebrauchen. Was meint ihr?«

Mit dieser Frage von Roberto hätten die beiden Freunde nun wirklich nicht gerechnet. Vor allem, weil Anton den Vortrag von Kalle zwar schön formuliert fand, ihm aber auch nur höchstens die Hälfte davon glaubte.

»Das könnte schon gehen«, meinte Kalle direkt, »ich könnte dir von meinen Erfahrungen berichten, und da ich das ja sowieso donnerstags hier tue, könnten wir dich einfach mit ins Boot holen.«

Kalle hatte schon einiges getrunken und man konnte nicht genau sagen, ob das alles auch so gemeint oder vielmehr dem Alkohol geschuldet war. Aber Kalle hatte seiner Meinung nach einen Moment voller guter Ideen, die unbedingt an die Außenwelt mussten.

»Sag mal Roberto, suchst du eigentlich noch Personal, also weil du dir doch neulich erst einen Lieferwagen besorgt hast? Brauchst du jemanden, der dich unterstützt? Ich glaube, ich bin kurz davor, einen Kurs beim Amt zu machen in Richtung Gastronomie ... da wäre ich doch hier ganz gut aufgehoben, oder?«

»Na ja, da habe ich auch schon öfter drüber nachgedacht. Wir machen es so: Machen Sie erstmal den Kurs beim Amt und sehen, ob das ein Tätigkeitsfeld für Sie wäre. Ich mache mir inzwischen Gedanken, ob es nicht sinnvoll ist, meine Personalstruktur ein wenig anzupassen.

---ENDE DER LESEPROBE---