The Colony - ein neuer Anfang - Patrick S. Tomlinson - E-Book

The Colony - ein neuer Anfang E-Book

Patrick S. Tomlinson

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9,99 €

Beschreibung

Zwei Welten, zwei Völker, ein drohender Krieg: Die Zukunft der Menschheit hängt in Patrick Tomlinsons neuem Science Fiction-Thriller an zwei ungleichen Ermittlern mit einem gemeinsamen Ziel Mit den letzten 30.000 Überlebenden der Menschheit erreicht das Generationenraumschiff »The Ark« endlich Tau Ceti. Doch der Planet ist keineswegs unbewohnt, und beim ersten Zusammentreffen mit den einheimischen G'tel kommt es bereits zu einer tödlichen Katastrophe. Detective Bryan Benson soll herausfinden, ob jemand das Massaker absichtlich inszeniert hat, wie es gerüchteweise heißt. Doch dazu muss er mit einem »Wahrheitssucher« der G'tel zusammenarbeiten. Gelingt es Benson und Kexx nicht, ihre Verständigungsschwierigkeiten und kulturellen Unterschiede schnell zu überwinden, droht der Untergang beider Völker. »Tomlinson gelingt in seinem Buch eine extrem spannende Mischung aus Kriminalroman, Science Fiction und Gesellschaftsroman.« phantastiknews.de Von Patrick Tomlinson außerdem erhältlich: The Ark - Die letzte Reise der Menschheit

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 654




Patrick S. Tomlinson

The ColonyEin neuer Anfang

Roman

Aus dem Amerikanischen von Oliver Hoffmann

Knaur e-books

Über dieses Buch

Detective Bryan Benson soll herausfinden, ob jemand das Massaker absichtlich inszeniert hat, wie es gerüchteweise heißt. Doch dazu muss er mit einem »Wahrheitssucher« der G’tel zusammenarbeiten. Gelingt es Benson und Kexx nicht, ihre Verständigungsschwierigkeiten und kulturellen Unterschiede schnell zu überwinden, droht der Untergang beider Völker.

Inhaltsübersicht

WidmungKarteKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39EpilogDanksagungenZugabeLeseprobe »The Ark – Die letzte Reise der Menschheit«
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Dieser Roman ist meiner wunderbaren, liebevollen, hilfreichen, schönen Freundin Niki gewidmet, da ihre Mutter sehr beunruhigt darüber war, dass ich ihr das letzte Buch nicht gewidmet habe.

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Kapitel 1

Die Sterne leuchteten hell. Vor allem die neuen.

Ihnen galt Kexx’ Aufmerksamkeit, ihretwegen hatte sier so spät in der Nacht noch den Schutz der Halobäume rund um G’tel verlassen. Hier draußen mischte sich nicht das Licht der Lagerfeuer mit dem des Nachthimmels. Kexx musterte die beiden neuen, stecknadelkopfgroßen Lichter und fragte sich, was sie wohl bedeuten mochten, während die Wärme der Dorffeuer langsam aus sienem Körper wich.

Ein junges, unerfahrenes Ulik wagte sich auf die Lichtung und verriet damit die Anwesenheit seines Rudels. Kexx ließ kurz Licht über siene Haut schimmern, um die Uliks wissen zu lassen, dass sier sie beobachtete, und um ihnen den Kurzspeer zu zeigen, der neben siem im Boden steckte.

Das Ulik war offenbar jung genug, um sich erwischen zu lassen, aber erfahren genug, um zu wissen, was ein erwachsener Bewohner G’tels mit einer Speerspitze anrichten konnte. Zur Antwort ließ es eine Welle sanften, blauen Lichts über seine Vorderbeine laufen, und das Rudel begab sich zum Strand, um in den Gezeitentümpeln nach weit weniger gefährlicher Beute zu suchen.

Kexx sah ihnen nach. Es waren insgesamt acht. Für ein Ulikrudel eine beachtliche Größe, doch die meisten von ihnen wirkten dürr. Vielleicht hatten sich die Ausgestoßenen gesünderer Rudel zusammengetan, um sich gegenseitig Sicherheit zu bieten. Hätte das Rudel sich entschlossen, Kexx anzugreifen, hätte sier sie wahrscheinlich nicht alle töten können, ehe sie sien überwältigt hätten, aber sier hätte mehr Uliks erledigt, als zu verlieren das Rudel sich leisten konnte, wenn es auch morgen noch Beute machen wollte. Also war es weitergezogen. Die einfache Mathematik des Lebens auf der Oberfläche. Kexx wünschte dem Rudel Glück auf seinen Wanderungen und wandte sienen Blick wieder den neuen Sternen zu.

Drei Jahre war es her, dass der weniger helle erschienen war, und nach drei Umläufen Varrs war dann der hellere aufgetaucht. Sie hatten noch keine Namen, in erster Linie, weil die Ältesten überzeugt waren, es handle sich um Samen von Cuut, die nur darauf warteten, Feuer auf sie herabregnen zu lassen, wie in den alten Legenden. Mehr als eine Familie war in jener ersten Nacht aus dem Dorf geflohen, um in den Schutz von Xis’ Schoß unter der Erde zurückzukehren, und hatte feststellen müssen, dass die Schwarze Brücke versperrt war und von den Bewohnern bewacht wurde, die Flüchtlinge nicht gerade mit offenen Armen empfingen. Das hätte eigentlich niemanden überraschen dürfen. Die Bewohner duldeten ja kaum Händler, geschweige denn weitere Mäuler, die sie stopfen mussten.

Kexx konnte ihnen ihre Angst nicht verdenken, doch sier war nicht überzeugt von der Gefahr. Zwar hatten die neuen Sterne schon nach wenigen Tagen ein Bewegungsmuster gezeigt, und jetzt standen sie Seite an Seite reglos am Nachthimmel – aber das war nicht das Seltsamste, was geschehen war.

Zuerst war der Gesandte in der harten Schale gekommen, um sie durch seine Kristallaugen zu beobachten. Für welches Mitglied ihres Göttertriumvirats er als Beobachter fungierte, war Gegenstand anhaltender erhitzter Diskussionen. Nichtsdestoweniger hatten die Ältesten angeordnet, ihn in den Tempel des Cuut zu schaffen, damit man ihm Speise- und Trankopfer darbringen und dafür sorgen konnte, dass er nur zu sehen bekam, was er sehen sollte.

Dann, fast ein Jahr später, hatte der kleinere Stern einen Lichtstrahl ausgesandt, lang und gerade wie die Kante eines Kristalls, der den größeren Stern berührt und sich langsam auf den Ozean weit im Osten herabgesenkt hatte.

Sosehr sich die Ältesten auch bemüht hatten, sie hatten keinerlei Erwähnung eines solchen Ereignisses in den Liedern und Schriftrollen gefunden. Auf ihrer verzweifelten Suche nach Antworten hatten sie sogar einen Abgesandten zu den Bewohnern geschickt, die mit Xis in der Tiefe kommunizierten, doch selbst deren Weisen waren uneins über die Bedeutung des Omens gewesen. Manche glaubten, es handle sich um Cuut, dier gekommen war, um sienen langen Kampf mit Xis ein für alle Mal zu Ende zu bringen. Andere vertraten die Auffassung, die neuen Sterne seien Boten Varrs und der Lichtstrahl sei eine Einladung, Xis’ Schoß endgültig zu verlassen. Natürlich hatten Kexx’ Dorf und die drei Handvoll anderen das schon vor Generationen getan, als sie sich aus den Höhlen der Bewohner herausgewagt hatten und nie zurückgekehrt waren. Eine Versammlung der Dorfältesten hatte darauf beharrt, das Omen sei nur für sie allein bestimmt und ginge die Bewohner einen Dreck an.

Kexx war kein Ältester des Glaubens und empfand sich nicht als qualifiziert, deren Aussagen infrage zu stellen, aber sier wurde das Gefühl nicht los, dass nicht genügend Informationen zur Verfügung standen, um mit der unerschütterlichen Gewissheit, wie sie die Ältesten so oft an den Tag legten, solche genauen, widersprüchlichen Schlüsse zu ziehen.

Ein kühler Wind vom Meer her ließ Kexx frösteln. Die Haut auf den Armen und in den Falten sienes flachen Schädelkamms war noch feucht vom abendlichen Reinigungsritual. Eine neue Sturmfront bewegte sich auf das Dorf zu, das spürte Kexx in den Luftblasen. Sier hob die Hände in den Wind und spreizte die Finger, um sie von der salzigen Meeresbrise liebkosen zu lassen.

Etwas im Wind erregte siene Aufmerksamkeit. Ein unbekannter Duft mischte sich mit dem Geruch des Meeres. Kexx spreizte die Arme weit und versuchte auszumachen, woher der seltsame Geruch kam, doch der Wind verwirbelte ihn zu sehr, um das festzustellen. Egal. Einen Augenblick später zerriss ein warnendes Heulen die Stille der Nacht. Ein Ulik hatte etwas bemerkt, was ihm überhaupt nicht gefiel.

Kexx sprang auf und packte den Schaft sienes Kurzspeers. Das Rudel befand sich gleich unterhalb von siem am Strand. Zuckende Lichtwellen huschten über die Haut der Uliks, ein typisches Zeichen für eine Bedrohung. Wovon auch immer der Geruch stammte, es hatte ein ganzes Ulikrudel erschreckt. Vorsichtig ging Kexx in die Hocke und huschte geduckt Richtung Strand, während das hellblaue Licht auf siener Haut auf Stecknadelkopfgröße zusammenschrumpfte. Das Rudel hatte sich parallel zum Strand aufgereiht, mit Blickrichtung aufs Meer, und versuchte, so groß und bedrohlich wie möglich zu wirken.

Kexx ließ den Blick über die Wellen schweifen, versuchte zu erkennen, was dem Rudel solche Angst einjagte. Augenblicke später sah sier das Loch im Wasser. Eine schwarze Leere, dunkel wie eine bewölkte Nacht, trieb auf der Oberfläche. Sie war mindestens so groß wie ein Bulo-Kadaver. Aus dem Rücken der Kreatur erhob sich ein riesiger, durchscheinender, dreieckiger Kamm, der sich im Wind bauschte.

Das Hautleuchten des Rudelführers verändert sich abrupt, als die Kreatur mit unverminderter Geschwindigkeit näher kam. Ein Ulik verlor die Nerven, wirbelte herum und suchte panisch Schutz in den Getreidefeldern, dicht gefolgt vom Rest des Rudels. Kexx’ Instinkte drängten sien, ihrem Beispiel zu folgen, doch die Neugier schien sienin Füße auf dem Sandstrand festgenagelt zu haben. Solange sier nicht ins Wasser ging, stellte die riesige Kreatur keine Bedrohung dar.

Das zumindest sagte sich Kexx beständig, während die Kreatur so heftig am Strand anlandete, dass sie eine Furche in den Sand grub. Derart gestrandet, lehnte sich das geheimnisvolle Geschöpf mit einem ächzenden Keuchlaut, der an knarrendes Holz erinnerte, zur Seite. Die Muskeln in Kexx’ Beinen waren angespannt, um schnell fliehen zu können, doch sier beobachtete die Kreatur genau und betete im Stillen zu Xis oder gar Cuut, sie möge nicht plötzlich Beine ausfahren und sien niedertrampeln. Aber der riesige Albtraum blieb reglos.

Tierlaute schallten durch die Nacht. Zuerst leise und verwirrt, als wachten die Tiere gerade auf, dann lauter und zahlreicher. Sie waren schrill, klangen beinahe wie das Geplärr von Kindern. Noch absonderlicher war, dass sie aus der gestrandeten Kreatur zu kommen schienen.

Kexx unterdrückte ein Keuchen und umklammerte den Schaft des Kurzspeers, als die erste Gestalt aus der Kreatur trat. Sier sah nur ihre Silhouette gegen den Nachthimmel, doch sie schien zu klein für einen Erwachsenen zu sein. Sie hatte die Größe und Stimme eines Jugendlichen, doch ihre Proportionen und Bewegungen wirkten … unnatürlich.

Der Gestalt schlossen sich rasch zwei weitere an, dann noch vier. Bald standen mehr als zwei Handvoll von ihnen auf dem Rücken der Kreatur. War das überhaupt eine Kreatur? Ehe Kexx länger darüber nachdenken konnte, flammte in der Hand einer der Gestalten ein gleißendes Licht auf, so hell, dass Kexx den Blick senken musste, um nicht geblendet zu werden. Drei weitere ließen ebenso weißes Licht wie Miniatursonnen aus ihren Händen leuchten, heller und reiner als das Leuchten jedes Lagerfeuers. Sie ließen die Lichtstrahlen über den Strand schweifen, als suchten sie etwas. Strahlen, erkannte Kexx, die dem Lichtfaden sehr ähnelten, der von den neuen Sternen im Westen herabstrahlte.

Kexx warf sich flach auf den Boden und machte sich so klein wie möglich. Kein Tier hatte ein so helles Hautlicht. Was auch immer die Fremden sein mochten, sie waren keine G’tel und auch nicht aus einem anderen Dorf des Straßennetzwerks, ja nicht einmal Bewohner. Mit dieser Erkenntnis durchzuckte Kexx eine Welle markerschütternder Angst. Zu erschrocken, um sich zu bewegen, aber doch zu neugierig, um den Blick abzuwenden, musterte sier die kleinen Wesen, die in den Sand hinuntersprangen und am Strand entlanggingen.

Dann und wann leuchteten sie einander an, wenn sie sich unterhielten, wodurch Kexx sie besser sehen konnte. Ihre Haut war glatt und leichenfahl, ohne die sich verändernden Muster und Farben der Haut Lebender. Es fehlte auch jegliches Hautleuchten, wenn man von den Lichtern absah, die ihren Händen entsprangen. Sie hatten je zwei Arme und Beine, die steif und knorrig wirkten. Ihre Hände und Füße waren breit und flach. Lange, schwarze Strähnen bedeckten statt Zierkämmen ihre Schädel.

Die Gruppe näherte sich Kexx’ Versteck. Hatten sie sien entdeckt? Kexx hob vorsichtig die Hand, um die Luft zu testen. Der fremdartige Geruch, der sien an den Strand heruntergelockt hatte, lag deutlich in der Luft; er ging von den Wesen aus wie bei einem Dux’ah in der Brunft. Sie bewegten sich seltsam steifbeinig, ruckartig und kein bisschen flüssig. Alles an ihnen schrie: »fremd«.

Plötzlich blieb eines der Wesen stehen und richtete seinen Lichtstrahl direkt in Kexx’ Gesicht. Siem war, als starre sier in die Mittagssonne; sier zuckte zurück und hielt reflexartig eine Hand vor die Augen. Die Wesen warfen einander Warnrufe zu. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, dass sie sien entdeckt hatten. Mit angsterfüllt zitternden Muskeln richtete sich Kexx rasch zu voller Größe auf und schüttelte drohend sienen Kurzspeer, in der Hoffnung, sie auch nur halb so sehr zu erschrecken wie sie sien.

Das Wesen, das sien entdeckt hatte, trat vor und brachte den Rest zum Schweigen, dann bedeutete es den anderen, sich im Halbkreis um Kexx aufzustellen. Dieses koordinierte Vorgehen ließ Kexx’ Muskeln und Gelenke erzittern. Das waren nicht nur kluge Tiere wie die Uliks, die in die Nacht geflohen waren, die Kämme eng an die Köpfe angelegt. Die Geräusche, die sie von sich gaben, waren auch keine einfachen Tierlaute. Die Fremden sprachen miteinander, genau wie G’tel, aber in einer völlig unbekannten Sprache. Sie waren intelligent und deswegen unendlich gefährlicher.

Die Waagschalen in Kexx’ Geist neigten sich entschieden von Neugier in Richtung Rückzug. Sier wirbelte herum, um in dem Yulkafeld Zuflucht zu suchen, doch kaum dass sier den ersten Schritt gemacht hatte, blieb sier mit den Zehen an einer aus dem Sand ragenden Wurzel hängen und schlug auf der Düne lang hin. Kexx streckte die Hände aus, um sich abzufangen, doch der Boden raste siem entgegen und presste siem beim Aufschlag die Luft aus den Luftsäcken. Bestürzt sah Kexx, wie sien Kurzspeer die Düne hinunterrollte und außerhalb siener Reichweite liegen blieb.

Ringsum ertönten Schritte. Kexx warf sich auf den Rücken und setzte sich rechtzeitig auf, um zu sehen, wie die Fremden von allen Seiten gleichzeitig die Düne herunterkamen. Selbst im wegrutschenden Sand und trotz ihres ruckartigen Ganges bewegten sie sich beängstigend schnell. Kexx sprang die Düne hinunter und hechtete nach sienem Speer, doch ein Wesen hatte sien augenscheinlich seitlich überholt und schnappte sich die Waffe, ehe Kexx sie erreichen konnte. Dann war sier umzingelt. Kexx hob die Hände, und über siene Haut lief von der Brust bis zu den Fingern ein Muster langsam aufleuchtender Lichtwellen: das universelle Zeichen für Kapitulation.

Zumindest hoffte Kexx, dass es universell war.

Das Wesen mit Kexx’ Speer stand kampfbereit da, richtete ihn aber nicht auf sien. Immerhin. Die Gestalt, die sien entdeckt hatte, kam langsam auf sien zu. Sie war kleiner und irgendwie weicher als die anderen, bewegte sich anmutiger und geschmeidiger, trotz der seltsamen Beine mit den knubbeligen Ausstülpungen. Sie blieb unmittelbar vor Kexx stehen und streckte die offene Hand aus. In der anderen Hand sah Kexx einen gelben Zylinder und begriff, dass nicht ihre Hände die Quelle der Lichtstrahlen waren, sondern diese Dinger. Es handelte sich um … Werkzeuge?

Ehrfurcht erfüllte Kexx’ Brust, wie sier sie seit der ersten Reinigungszeremonie ein knappes Jahr nach Beendigung siener Larvenphase nicht mehr empfunden hatte. Diese Fremden mussten Gesandte Varrs sein. Wer sonst hatte die Macht, ein Stück der Sonne einzufangen? Kexx presste die Hände flach auf den Sandboden, legte die Stirn in den Sand und stimmte einen Gebetsruf an, was die Fremden vor allem zu verwirren und aufzuregen schien.

Das kleine Wesen, das vor Kexx stand, schüttelte den Kopf in einer Geste, die sier nicht zuordnen konnte, und streckte wieder die offene Hand aus.

»Watashin onamae ha Mei Nakama desu. Onamae wa?«

Kexx starrte verständnislos empor. Sier war nicht einmal sicher, ob sien Mund diese Laute formen konnte. Das Gesicht des Wesens verzog sich zu einem Ausdruck, den sier nicht zu deuten wusste. Dann deutete es mit einem Finger auf die eigene Brust.

»Mei«, sagte es schlicht.

»Mmm.« Kexx bemühte sich, das unnatürliche Geräusch nachzuahmen. »Mmuaeee?«

Die Mundwinkel des Gegenübers zuckten. »Hai! Mei.« Es deutete zur Betonung mit den Fingern auf seine Brust, dann wieder auf Kexx und machte eine erwartungsvolle Pause.

Ein Name. Das Wesen hieß »Mei«, und jetzt fragte es nach sienem Namen.

»Kexx«, sagte sier ruhig.

»Kex«, wiederholte Mei und sprach das Wort zu kurz aus, sodass es nun einen rötlichen, nicht essbaren Pilz bezeichnete, aber es war wahrscheinlich besser als Kexx’ erster Versuch, »Mei« richtig auszusprechen.

»Kexx«, korrigierte sier.

Wieder verzogen sich die Mundwinkel des Wesens, diesmal stärker. So stark, dass sich auf den Wangen Fältchen bildeten. Dann sprang dieses bleiche kleine Fremde ohne Vorwarnung auf Kexx zu und schlang die Arme um sienin Schultern. Eine Umarmung. Es umarmte sien.

Kexx erwiderte die Umarmung des seltsamen, kleinen Wesens namens Mei und lachte erleichtert. Mei lachte mit. Gemeinsam lachten sie lange.

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Kapitel 2

Tau Ceti G (menschliche Bezeichnung: Gaia),Lokales Standardjahr 3 NL (nach der Landung)

Bryan Benson pfiff und betrat das Spielfeld. »Passbehinderung. Abwehr. Nummer einundzwanzig.«

»Was?«, brüllte Korolev. »Ich habe ihn nur aus dem Weg gestoßen.«

»Ja, genau«, rief Benson. »Das nennt man Passbehinderung. Man darf einen möglichen Passempfänger nicht behindern, wenn er eine Chance hat, außerhalb der ersten fünf Meter einen Fair Catch zu machen.«

»Aber ich soll doch verhindern, dass er den Ball fängt. Genau das ist meine Aufgabe!«

»Ja, aber … doch nicht so.«

»Das ergibt keinen Sinn, Chief.«

Benson warf die Arme in die Luft. »He, ich zitiere nur aus dem Regelwerk, klar? Ich habe es nicht geschrieben. Spielen wir jetzt Football oder nicht?«

Die zweiundzwanzig Männer, die auf dem improvisierten Feld auf und ab gingen, murmelten zustimmend, dass sie tatsächlich Football spielen wollten, und nahmen für den nächsten Versuch Aufstellung.

»Also gut, der Ball kommt auf die 27-Meter-Linie, dahin, wo das Foul stattgefunden hat«, sagte Benson.

»Die 27-Meter-Linie?«, erregte sich Korolev. »Das entspricht ja einer 30-Meter-Strafe!«

»So lauten die Regeln.«

»Ich kriege also für einen Late Hit gegen einen Quarterback oder wenn ich jemanden aus dem Spielfeld ramme, nur fünfzehn Meter, wenn ich ihn aber auf dem freien Feld berühre, ehe er den Ball berührt hat, können es sogar neunzig Meter werden?«

»Schätze schon, wenn dein Quarterback einen Laserarm hat«, räumte Benson ein.

»Das ist Blödsinn.«

»So ist das Spiel. Komm jetzt, wir haben nur noch dreimal Training, dann geht es gegen die Derwische.«

»Mir fehlt Zero«, murmelte Lindqvist, ihr Middle Linebacker. Er war ein nordisches Gebirge von einem Mann, dem das Universum einen größeren Gefallen getan hätte, wenn er in einem Zeitalter geboren worden wäre, in dem die Fertigkeit, Holzschilde mit einem einzigen Axthieb zu spalten, hoch im Kurs gestanden hatte.

»So geht’s uns allen«, blaffte Benson. »Aber das Zero-Stadion ist derzeit ziemlich ausgelastet damit, Nahrungsmittel und Vorräte zu transportieren, um uns alle fett und glücklich zu halten, kapiert? Entweder das hier oder Fußball, Jungs.«

Gequältes Stöhnen im Chor ließ Benson wissen, wie der Konsens in dieser Frage aussah.

»Dachte ich’s mir doch. Kommt schon, Aufstellung an der 27-Meter-Linie!«

Trainer Benson klemmte sich das Tablet, von dem er abgelesen hatte, unter den Arm und beobachtete, wie sie seiner Aufforderung nachkamen. In nur fünf Tagen würde das Eröffnungsspiel der ersten organisierten Sportliga Tau Ceti Gs … Gaias stattfinden, und American Football würde sein glorreiches Erwachen aus einem zweieinhalb Jahrhunderte dauernden Winterschlaf feiern. Klar, die alten Spielerstatistiken und -daten aus den Tagen der NFL und der IAFL brachten nichts auf einem Planeten, der nur fünfundneunzig Prozent der Schwerkraft der Erde besaß, aber sie hatten beschlossen, bei den Abmessungen des Feldes zugunsten des etwas längeren Meters auf das anachronistische angelsächsische Yard zu verzichten, was die etwas geringere Schwerkraft hoffentlich zu einem gewissen Maße ausglich.

Nach zwei Wochen Training war eines völlig klar: Trotz der geringeren Schwerkraft hatten sie noch einen weiten Weg vor sich, ehe die alten Rekorde in Gefahr gerieten. Benson konnte nur hoffen, dass die Trainer der Derwische, der Yaoguai und der Spartaner ähnliche Probleme hatten.

Nicht, dass die Schwierigkeiten ihn überrascht hätten. Alle vier Mannschaften durften pro Tag nur je eine Stunde auf dem einzigen Spielfeld trainieren. Platz war in der schnell wachsenden Menschenkolonie Shambhala Mangelware, und Benson hatte mehr als einen Gefallen einlösen müssen, bis das Feld überhaupt Wirklichkeit geworden war. Auf der Erde hatten Profis hauptberuflich trainiert und geübt. Bensons Spieler waren frühere Footballer von Zero, Landarbeiter, Bauarbeiter und ein dürrer Programmierer, der aus irgendeinem unerfindlichen Grund mit einem Fuß gesegnet war, mit dem er auf fast sechzig Meter Entfernung einen Football zwischen den Pfosten hindurchkicken konnte, solange er keinen Gegenwind hatte – was allerdings fast nie der Fall war.

Die Uhr lief wieder an, und der Quarterback begann seinen Snap Count. »Blau zweiundvierzig. Los, los. Marsch!«

Er hatte sie kaum wieder in die Tasche gesteckt, da erklang Bensons Pfeife erneut. »Unerlaubtes Festhalten. Angriff. Nummer dreißig: Zehn-Meter-Strafe.«

»Das ist totaler Quatsch«, sagte Hoffmann, der Spieler mit der Nummer dreißig. »Warum kriegt der Angriff zehn Meter für unerlaubtes Festhalten, aber die Defensive nur fünf?«

Benson wedelte wütend mit dem Tablet. »Verdammt noch mal, ich weiß es nicht, okay? Das hier ist Football, das muss keinen Sinn ergeben! Los jetzt, zurück mit dem Ball, wir verschwenden Zeit.«

Fünfundvierzig schweißtreibende Minuten voller Flüche später war das Training der Mustangs vorbei, gerade rechtzeitig, um den Spartanern das Spielfeld zu überlassen. Benson schlug auf Schultern und gratulierte seiner Mannschaft, dann machte er sich auf den Heimweg. Die untergehende Sonne stand niedrig über dem Horizont und leuchtete für sein linkes Auge ein klein wenig heller.

Das von Doktor Russell künstlich gezüchtete Auge war ein klein wenig empfindlicher als sein rechtes. Zusammen mit den großflächigen Verbrennungen an den Händen und im Gesicht und einer Lunge voller Plutoniumstaub war es sein persönliches Andenken an den Kampf gegen einen komplett Wahnsinnigen namens David Kimura und seine Komplizin aus den Reihen der Mannschaft, Avelina da Silva. Der Wahnsinnige hatte eine der kleinen, implosionsgezündeten Atombomben, die der Arche als Antrieb dienten, gezündet. Nur weil ein Querschläger aus Bensons Waffe die Umhüllung der Bombe getroffen und eine Delle in der Ummantelung der Sprengstoffe um den Plutoniumkern hinterlassen hatte, war es nicht zu einer nuklearen Detonation gekommen. Es waren lediglich ein großer Feuerball aus konventionellen Sprengstoffen und eine Wolke verdampften Plutoniums entstanden.

Doch Benson betrachtete seine Verletzungen als angemessenen Preis dafür, dass er die Menschheit gerettet hatte. Doktor Russell hatte seine Verbrennungen und seine Lunge ebenso fachmännisch geheilt wie sein Auge. Nur gelegentlich juckte es unter der Haut seiner linken Wange, wo die Nerven seiner geklonten Hauttransplantate sich nicht vollständig mit den umgebenden verbunden hatten. Eine Erinnerung an den Schaden, den er im Kampf genommen hatte.

Aber in manchen Nächten reichte es ihm. Manche Wunden waren nicht körperlicher Natur.

Er schüttelte den Gedanken ab, als er die Hauptstraße der Stadt betrat. Nicht zum ersten Mal staunte Benson darüber, wie schnell Shambhala gewachsen war. Bald würde man nicht mehr einfach so zu Fuß vom einen Ende der Stadt zum anderen gehen können. Dann würden öffentliche Verkehrsmittel erforderlich werden. Die Politiker stritten bereits über das Was und Wo.

Benson schaute in die Landebucht, in der die Ankerstation des Weltraumaufzugs schwebte. Das dünne Kohlenstoff-Nanoröhrenband erstreckte sich Zehntausende Kilometer hinauf bis zur Arche, die in der Schwerelosigkeit der geosynchronen Umlaufbahn hing, und schimmerte in den tieforangen Farbtönen des Sonnenuntergangs. Bensons geliebtes Zero-Stadion diente wieder seinem ursprünglichen Zweck: als Lande- und Wartungsbucht für Aufzugskabinen sowie als Lager- und Sammelpunkt für all die Menschen, Materialien und Vorräte, die auch weiterhin fast täglich zwischen der Arche und dem Planeten hin- und hertransportiert wurden. Noch zigtausend Kilometer höher befand sich die Pathfinder-Sonde, die jetzt als Gegengewicht für das Aufzugssystem diente.

Die Arche, die der Menschheit in den letzten zweieindrittel Jahrhunderten als Heimat gedient hatte, hatte seit ihrer Ankunft in der Umlaufbahn Gaias tief greifende Veränderungen durchgemacht. Den drei Kilometer langen, gerippten, konischen Meteoritenschild hatte sie unmittelbar vor der Bremsung beim Eintritt ins Tau-Ceti-System abgestoßen. Nur eine Handvoll Helium-3-Tanks prangte noch an der Außenseite des Reaktormoduls, ausreichend, um die Fusionsreaktoren des Schiffs weitere fünfzehn Jahre lang anzutreiben. Nur fünftausend Personen waren zurückgeblieben, um ihre Systeme zu erhalten und sich um die Farmen zu kümmern. Der Vorrat an Atombomben war praktisch erschöpft, und das Schiff würde sich nie wieder bewegen, von den gelegentlichen Zündungen der Stoßraketen zum Erhalt der Station einmal abgesehen. Die Arche hatte eine Wiedergeburt als Raumstation erlebt.

Diese neue Rolle war genauso wichtig wie ihre ursprüngliche. Der Großteil der Menschheit hatte sich zwar in den vergangenen drei Jahren auf die Oberfläche Gaias hinunterbegeben, doch Shambhalas Energieversorgung war noch von den Fusionsreaktoren des gewaltigen Schiffs abhängig, seine Navigationslaser wurden gebraucht, um die Asteroiden des Tau-Ceti-Systems abzuwehren, und auf seinen verbleibenden Anbauflächen wurde Nahrung produziert.

Als postumes Geschenk an die Menschheit hatte Avelina da Silva – die geniale Genetikerin und Leiterin des Teams, die das Getreide passend zur hiesigen Biosphäre hatte züchten sollen und der es beinahe gelungen wäre, die gesamte Menschheit auszurotten – die ersten Chargen Getreide sabotiert, indem sie in der DNS Zeitbomben verbarg, die die Pflanzen weniger als einen Monat nach der Keimung in schwarzen Matsch verwandelt hatten. Ihre besten Wissenschaftler waren immer noch damit beschäftigt, diese Sauerei aufzuräumen – verflucht sollte da Silva sein.

Benson ließ sich einen Augenblick Zeit, um die Zähigkeit der Menschheit zu bewundern. Trotz des möglicherweise besten Beispiels für Murphys Gesetz seit Erfindung dieses Begriffs hatte sich ihr Stützpunkt auf Gaia innerhalb von drei Jahren von einer Handvoll Zelten und Latrinen rings um die ersten Landungsshuttles zu einer voll funktionalen, wachsenden Stadt mit fünfundzwanzigtausend Einwohnern, Strom, fließendem Wasser, Kanalisation, Datennetzen und einer Entsalzungsanlage verwandelt – und all das, obwohl sie nur einen Monat vor ihrer Ankunft vierzig Prozent ihrer Arbeitskräfte verloren hatten.

Nicht, dass Menschen sämtliche oder auch nur den Großteil der Bauarbeiten erledigt hätten. Den überwiegenden Teil der Arbeit hatte ein Heer von Maschinen bewältigt, das die letzten zweieinhalb Jahrhunderte in den Frachträumen der Arche weggeschlossen gewesen war. Die hohe Geschäftigkeit unterstrich in Bensons Augen jedoch, wie sehr die Menschheit auf dem langen Weg nach Gaia dagesessen und Däumchen gedreht hatte. Jetzt wurde er praktisch Zeuge, wie eine Naturgewalt arbeitete.

Als er die breite Straße entlangging, blieb fast jeder stehen, um ihn mit so etwas wie Verehrung zu grüßen. Benson war an Bord der Arche als Zero-Champion eine Art Promi gewesen, aber das war nichts im Vergleich zu dem Nimbus, Retter der gesamten Menschheit zu sein. Wahrscheinlich würde bald jemand beantragen, irgendeine kitschige Bronzestatue von ihm im Stadtzentrum aufzustellen.

Sein Blick fiel auf ein weggeworfenes Stück Müll. Ein zerknülltes Papier, achtlos am Straßenrand liegen gelassen. Als Benson es aufhob, verspürte er einen alten Schmerz.

Müll. Ein Wort, das die Menschheit seit Jahrhunderten nicht mehr gebraucht hatte. Auf der Arche war nichts weggeworfen worden. Dort hätte er das Überwachungsnetz genutzt, um den Schuldigen aufzuspüren und ihm zehn Stunden gemeinnützige Arbeit aufzubrummen, weil er Konservierungskodex sieben gebrochen hatte.

Aber hier in Shambhala machten sich bereits schlechte Gewohnheiten breit, obwohl das Experiment erst drei Jahre andauerte. Benson warf das Stück Papier kopfschüttelnd in den nächsten Abfalleimer.

Eine Abzweigung weiter stand Benson vor dem Haus, das er gemeinsam mit Theresa bewohnte. Seit beinahe drei Jahren waren sie verheiratet, und sie war die erste Polizeipräsidentin der Stadt. Es war ein altmodisches, aber gemütliches Gebäude, das direkt aus einem Katalog für Wohnungsbau hätte stammen können, hergestellt innerhalb von nur einem Tag mithilfe von Extrusionsmatrizen. Die abgerundeten, roten Dachziegel verliehen ihm ein mediterranes Flair, das aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass es sich um eine Standardeinheit handelte. Benson war das ziemlich egal. Theresa wohnte darin, und das machte es zu seinem Zuhause.

Die Tür erkannte sein Plantat und öffnete sich automatisch.

»Esa, ich bin daheim!«

»Küche«, kam ihre Antwort.

Benson hängte seine Jacke und seine Trillerpfeife neben der Eingangstür auf, legte sein Tablet auf die kleine Flurkommode und holte tief Luft, um den Stress und die Enttäuschungen des Tages beim Ausatmen loszuwerden.

»Du riechst wie ein Suspensorium«, rief Theresa aus dem Esszimmer.

»Ich liebe dich auch.«

»Ich dachte, du trainierst die Mannschaft nur und wälzt dich nicht mit den Jungs im Dreck.«

»Ich muss viel rumbrüllen und an der Seitenlinie auf und ab rennen.« Benson starrte einige Sekunden lang an die Decke.

»Was ist?«, fragte Theresa.

»Hmm?«

»Du zählst schon wieder die Deckenplatten. Das ist ziemlich seltsam.«

Benson zog sich einen Stuhl heran und setzte sich erschöpft. »Ich zähle gar nichts, ich … freue mich nur, dass wir eine Decke haben.«

»Wie meinst du das?«

»Weiß nicht. Es fühlt sich einfach sicherer an. Ich schätze, ich komme mit dem Himmel immer noch nicht richtig klar. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich eine Wolke oder so was beobachte und das Gefühl habe, dass mich nichts daran hindert, einfach von diesem Planeten zu fallen.«

»Außer der Schwerkraft«, neckte Theresa. »Du weißt schon, eine der vier Grundkräfte der Physik.«

»Jaja.«

»Mmm«, schnurrte Theresa. »Ich liebe den Himmel hier, besonders nachts. Die Sterne geben mir immer das Gefühl, ich könnte die Arme ewig weit ausbreiten.«

»Selbst wenn du das könntest, würdest du nichts finden, woran du dich festhalten kannst, und das ist das Problem. Ich habe vor ein paar Jahren mehr als genug Zeit draußen bei den Sternen verbracht, vielen Dank. Ohne meine Sicherheitsleine würde ich immer noch zwischen ihnen herumschweben.«

Theresa umarmte ihn flüchtig von hinten. »Keine Sorge, so leicht lasse ich dich nicht von mir wegschweben.« Sie gab ihm einen Schmatz auf den Kopf und tat dann, als müsse sie ausspucken. »Mein Gott, du bist auch so verschwitzt wie ein Suspensorium. Du gehst jetzt erst mal duschen.«

»Nach dem Abendessen. Ich bin am Verhungern. Apropos Abendessen, was hat Jack denn heute über die Bohnenranke heruntergeschickt?«

Theresa hob einen Finger und verschwand in der kleinen Küche. Zurück kam sie mit einer dampfenden Platte voller …

»Algen- und Pilzauflauf.«

»Schon wieder?«

»He, ich habe den ganzen Tag in der Küche geschuftet …«

»Um den Auflauf in der Mikrowelle warm zu machen. Die Tür hat mir verraten, dass du auch erst seit zehn Minuten zu Hause bist.«

Theresa hob die Hände. »Na schön, schuldig, aber ich habe ja auch keine große Wahl, was den Speiseplan angeht. Es würde dich im Übrigen nicht umbringen, auch ab und zu das Essen zu machen.«

»Du weißt, dass ich die Jungs trainieren musste.«

Theresa setzte sich und nahm sich vom Auflauf. »Oh ja, das Werk unseres Direktors für Erholung und Leibesertüchtigung ist niemals ganz getan. Wer könnte ihm da einen Vorwurf aus der Vernachlässigung seiner häuslichen Pflichten machen?«

»Hast du gesehen, was da für Leute aus dem Aufzug steigen? Viele von ihnen können kaum etwas heben, das schwerer ist als das, was sie auf der Gabel oder zwischen den Essstäbchen haben. Von körperlicher Arbeit wie zum Beispiel dem Aufbau einer Kolonie braucht man bei denen gar nicht anzufangen. Man hätte mir diese Aufgabe schon vor Jahren übertragen sollen.«

Theresa zuckte die Achseln und legte ihm Auflauf auf den Teller. »Nun, angesichts der Tatsache, dass ich dann schon vor Jahren Polizeichefin geworden wäre, werde ich dir da kaum widersprechen. Können wir jetzt essen?«

Benson nahm die Gabel. »Da werde ich dir kaum widersprechen.«

Er hatte gerade den ersten Bissen im Mund, als er einen Plantatanruf bekam.

<Mr Benson. Mein Name ist …>

»Ich weiß, wer Sie sind, Merick. Ich bekomme Ihren Namen am Rand meines Sichtfeldes angezeigt, erinnern Sie sich?«, sagte Benson sowohl laut als auch in sein Plantatinterface. »Ich weiß allerdings nicht, warum hier unten niemand erst mal anklingelt. Ich habe mich gerade zum Abendessen hingesetzt.«

<Tut mir leid, Sir, aber ich …>

Benson erhob sich. »Schalten Sie sich wenigstens auf den Bildschirm im Wohnzimmer.«

<Dies ist ein vertrauliches Gespräch.>

»Hier ist niemand außer mir und der Polizeichefin. Gehen Sie jetzt bitte raus aus meinem Kopf.«

Die Verbindung wurde getrennt, dann folgte ein leises Klingeln, und an der gegenüberliegenden Wand leuchtete das Icon für einen eingehenden Anruf auf. Benson nahm ihn an.

»Ah, stellvertretender Verwaltungsleiter Merick. Wie läuft’s im Wabenbau?«, fragte er. Seine Stimme troff vor falscher Freundlichkeit.

»Wir haben, vorsichtig gesagt, alle Hände voll zu tun. Tut mir leid, dass ich störe, Mr Benson, aber Verwaltungsleiter Valmassoi hat eine außerordentliche Ratssitzung einberufen.«

»Ah, dann reden Sie mit dem falschen Benson. Esa, Telefon für dich.«

»Nein, man hat mich gebeten, Sie persönlich zu kontaktieren. Sie sollen an dem Treffen teilnehmen.«

Theresa kam mit zwei Bier ins Wohnzimmer. »Was ist los, Bryan?«

»Offenbar Geheimagentenkram.«

»Cool. Ich hole meinen Trenchcoat.«

»Tut mir leid.« Merick versuchte vergeblich, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. »Aber die Anwesenheit der Polizeichefin ist in diesem Fall nicht erforderlich.«

»Moment mal.« Benson nahm das Bier, das Theresa ihm hinhielt, und nippte daran. Es war kühl und nicht so ranzig wie die Lieferung aus dem Vormonat. Der Brauer schien endlich zu wissen, was er tat. »Ah, das schmeckt gut. Also, für was für eine ›außerordentliche Ratssitzung‹ braucht man den Sportdirektor, aber nicht die Polizeichefin?«

Theresa legte Benson die Hand auf die Schulter. »Hast du vergessen, das Pfand für unsere Ausrüstungsausleihe zu bezahlen?«

»Ich hätte schwören können …«

»Mr und Mrs Benson, wenn Sie dann fertig sind – dies ist eine ernste Angelegenheit, die Mr Bensons sofortige Anwesenheit erfordert. Die Besprechung beginnt in zehn Minuten, sobald Captain Mahama von der Arche so weit ist.«

Das erregte Bensons Aufmerksamkeit. »Mahama kommt extra hier runter?«

»Nein, aber sie nimmt per Holoverbindung an der Besprechung teil. Verwaltungsleiter Valmassoi wäre Ihnen überaus dankbar, wenn Sie sich in der Verwaltungszentrale mit ihm und dem Rest des Rates treffen könnten.«

»Können wir noch zu Ende essen?«

»Wenn Sie unterwegs essen können? Merick Ende.« Er unterbrach die Verbindung.

»Ich hoffe, die haben einen guten Grund, so einen Aufstand zu machen.« Benson trank den Rest des Biers im Stehen aus. »Ich bin immer noch am Verhungern.«

Theresa nahm ihre Jacke vom Haken in der Diele. »Das kann man warm machen.«

»Ja, weil man Algen so toll aufwärmen kann.«

[home]

Kapitel 3

Theresa verschränkte die Arme eng vor der Brust, denn die klare Nachtluft war kalt. Durch die geringe Wolkendecke fiel die Temperatur nach Sonnenuntergang schnell.

Die Verwaltungszentrale lag in der Innenstadt, nur einen kurzen Fußmarsch von ihrem Doppelhaus in Shambhalas Vorstadt entfernt. Knapp einen Häuserblock von ihrem Haus entfernt kamen sie am neuen Museum vorbei. Die Kuratorin, Devorah Feynman, war zwar inzwischen offiziell im Rentenalter, machte aber keinerlei Anstalten, einen Gang zurückzuschalten, und ließ nicht die geringste Bereitschaft erkennen, den Transport ihrer Exponate aus der Arche an die Oberfläche jemand anderem anzuvertrauen. Nicht einmal die Mannschaft wagte es, ihr gegenüber die Möglichkeit des Ruhestandes anzusprechen. Das Risiko war zu hoch.

Theresa lächelte beim Gedanken an die winzige Tyrannin, die nicht nur ihre Untergebenen, sondern auch ihre Vorgesetzten rücksichtslos zur Schnecke machte. Nur wenige Personen in der Geschichte der Menschheit hatten die Rolle, die das Leben ihnen zugedacht hatte, so perfekt ausgefüllt.

»Hast du eine Ahnung, was Valmassoi über die Leber gelaufen sein könnte?«, fragte Theresa leise, als sie sich den Stufen der Verwaltungszentrale näherten.

»Allgemein oder im Hinblick auf dieses spezielle Treffen?«

»Ich meine die außerordentliche Sitzung mitten in der Nacht, zu der der Footballtrainer geladen wird. Ist es nicht ein bisschen früh für einen Dopingskandal? Ihr habt noch nicht einmal das erste Spiel hinter euch.«

»Ehrlich gesagt finde ich, meinen Linemen täte ein bisschen Doping ganz gut.«

Theresa antwortete mit einem Rippenstoß. »Mal im Ernst.«

»Ich weiß es nicht, Esa.« Er blieb stehen und nickte den beiden Wachleuten zu, die sie beide ohne die sonst übliche Durchsuchung durchwinkten. »Aber wir werden es gleich herausfinden.«

Die innere Rotunde der Verwaltungszentrale krönte eine sechsseitige Kuppel. Die Bodenfliesen bestanden aus einheimischem Marmor, abgebaut in einem Steinbruch etwa fünf Kilometer den Neuen Amazonas hoch, der sich in die Landungsbucht ergoss. Die Fliesen waren sechseckig, genau wie viele der Räume rings um die Rotunde. Offiziell hieß die Verwaltungszentrale Westminster-Gebäude, im Volksmund aber hatte sich rasch die Bezeichnung Wabenbau etabliert.

Theresa und Benson erreichten den Kabinettsaal, in dem der stellvertretende Verwaltungsleiter Merick sie erwartete.

»Ich dachte, wir seien uns einig, dass die Polizeichefin an diesem Treffen nicht teilnehmen muss«, sagte er nervös, als sie sich der Tür näherten.

»Sie waren dieser Auffassung, ja.« Theresa hielt nicht viel vom Schoßhündchen des Vorsitzenden und hatte entsprechend wenig Geduld mit ihm.

»Tut mir leid, aber ich muss darauf bestehen, dass …«

Ihr Gatte, der ewige Friedensstifter, legte dem kleineren Mann einen Arm um die Schultern. »Kommen Sie schon, Merick. Sie ist die Polizeichefin und meine Frau.« Er deutete auf die Tür. »Alles, was ich da drin höre, ist in ein paar Stunden ohnehin Bettgeflüster. So muss sie es wenigstens nicht aus zweiter Hand erfahren.«

Theresa zuckte die Achseln. »Da hat er recht.«

Merick gab sich geschlagen, öffnete mit einem theatralischen Seufzen die Tür und kündigte ihr Eintreffen den im Ratssaal Versammelten an. Verwaltungsleiter Valmassoi saß am Kopfende des sechseckigen Tischs mit den zwölf Stühlen, flankiert von den anderen Ratsmitgliedern, die zugleich die Ministerien für Finanzen, Gesundheit, Landwirtschaft, Arbeit und Bauwesen innehatten. Wenn Theresa das richtig sah, waren der Kultus- und der Innenminister entweder noch nicht eingetroffen oder nicht eingeladen.

Theresa stellte sich neben den Tisch und sah Chao Feng in die Augen, dem früheren Ersten Offizier Chao Feng. Gewisse Unregelmäßigkeiten hatten dazu geführt, dass er kurz nach dem Eintreffen der Arche auf Gaia diesen Titel verloren hatte. Hauptgrund war sein hemdsärmeliger Versuch gewesen, sich vom Verdacht in einer Morduntersuchung reinzuwaschen, indem er seine Liebesbeziehung zum Opfer verschleiert hatte, woraufhin Theresas Mann eine sinnlose Mördersuche startete, während der Plan des wahren Täters, die gesamte menschliche Rasse auszurotten, beinahe aufgegangen wäre. Am Ende war es ihm nur gelungen, vierzig Prozent davon auszulöschen.

Trotz seines kurzsichtigen, selbstsüchtigen Verhaltens war Feng viel zu fähig und zu gut vernetzt, um ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Er hatte die Rolle des Koordinators und Verbindungsoffiziers übernommen, zwischen der Zivilregierung der Kolonie und der Mannschaft, die noch immer hoch über ihnen auf der Arche diente.

Feng nickte ihr zu. Theresa nickte zurück. Ihrem Mann hingegen sah er nicht in die Augen. Es lastete noch immer eine Menge Ballast auf dieser Beziehung. Genug, um ein Shuttle zu überlasten.

»Ah, Detective Benson«, sagte Verwaltungsleiter Valmassoi, »und unsere Polizeichefin …«

»Haben Sie damit ein Problem, Verwaltungsleiter?«, fragte Theresa honigsüß.

»Nein, natürlich nicht. Ich hatte Sie nur nicht bei diesem Treffen erwartet.«

»Ich auch nicht«, sagte Merick von der Tür her.

Theresa wollte ihn gerade anschnauzen, da gebot ihm Valmassoi mit einer knappen Geste zu schweigen. »Schon gut, Preston. Es wird uns eine Ehre sein, die Ansichten unserer obersten Verbrechensbekämpferin in unsere Überlegungen mit einzubeziehen. Das wäre alles.«

Merick verneigte sich. »Ich bin direkt vor der Tür, wenn Sie etwas brauchen.« Klickend schloss sich die Tür hinter ihm.

»Na dann.« Valmassoi wies auf zwei freie Stühle. »Detective, Polizeichefin, bitte nehmen Sie Platz.«

»Danke«, sagte Benson und setzte sich. »Aber eigentlich lautet die Anrede Trainer oder, wenn Sie es ganz formell wollen, Direktor für Leibesertüchtigung und Erholung. Meine Frau ist jetzt die Ermittlerin.« Benson nahm Theresas Hand und drückte sie.

»Natürlich haben Sie recht, Trainer. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus.«

»Worum geht es hier?«, fragte Theresa.

Valmassoi hob eine Hand. »Wir fangen gleich an. Wir warten noch auf einen Gast.« Kaum dass er das gesagt hatte, erschien ein flackerndes, durchscheinendes Bild Captain Mahamas im Sitz neben dem Verwaltungsleiter. Ihr dunkler Teint bildete einen starken Kontrast zum matten Grau und Braun ihrer Offiziersuniform. Selbst über Tausende Kilometer hinweg und obwohl sie aussah wie ein Geist, wirkte die Frau mühelos Achtung gebietend.

»Kriegen wir das schärfer hin?«, fragte Valmassoi und beugte sich nach hinten zu einem in den Schatten verborgenen Holotechniker.

»Tut mir leid, Sir, wir haben eine Partikel-Interferenz mit dem Komm-Laser in großer Höhe. Wahrscheinlich von dem Flächenbrand auf der anderen Seite des Kontinents.«

Valmassoi nickte knapp. »Hören Sie mich, Captain?«

Nach einer fast unmerklichen Pause wandte sich Mahamas geisterhaftes Abbild grob in die Richtung, wo der Verwaltungsleiter saß. »Sehr gut. Wie sehe ich aus?«

»Wie frisch aus der Geisterbahn«, sagte Valmassoi.

Mahama grinste. »Ich fürchte, ich habe meine Ketten zum Rasseln vergessen. Ist die Verbindung auf Ihrer Seite sicher?«

»Ja.«

»Gut, sind alle da?«

Valmassoi nickte in Theresas Richtung. »Wir haben sogar unerwartete Gäste.«

Mahamas Hologramm schaute in die angegebene Richtung und lächelte. »Ah, tut mir leid, dass wir vergessen haben, Sie auf die Liste zu setzen, Polizeichefin Benson. Ich versichere Ihnen, das war ein Versehen.«

»Danke, Captain.« Theresa wusste die höflichen Worte zu schätzen, auch wenn sie deren Wahrheitsgehalt bezweifelte.

»Also gut.« Mahama faltete die Hände und ließ theatralisch die Knöchel knacken. »Es ist absolut wichtig, dass alle Anwesenden begreifen, dass die folgende Besprechung äußerster Diskretion bedarf. Alles, was hier gesprochen wird, bleibt bis auf Weiteres in diesem Raum.«

Benson rutschte auf dem Stuhl herum. »Ich dachte, das mit der Geheimniskrämerei hätten wir hinter uns. Sir.«

Mahama sah ihn direkt an. »Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Detective.«

»Warum nennen mich alle ständig so?«

»Entschuldigung, Mr Benson. Alte Gewohnheit. Ich verlange nicht von jedem einen Geheimhaltungseid. Aber ich bitte um ein gewisses Maß an … Diskretion, bis wir entschieden haben, wie wir am besten auf die Ereignisse des heutigen Tages reagieren.«

»Was sind das für Ereignisse, Captain?« Die Frage stellte ein weiteres vertrautes Gesicht: Doktor Russell, die seit dem vergangenen Jahr Gesundheitsministerin war. Sie hatte Bryans schwere Verbrennungen behandelt, ebenso die anderen Verletzungen, die er sich bei der Konfrontation mit Kimura drei Jahre zuvor zugezogen hatte. Vor allem ihre plastischen OPs waren hervorragende Arbeit. Nur wenige Menschen kannten Bryans Gesicht gut genug, um die kleinen Narben von der Hauttransplantation zu bemerken. Theresa fielen sie natürlich auf, doch das ließ sie ihn nie merken. Wenn überhaupt, ließ die neue Haut sein Gesicht ein paar Jahre jünger erscheinen. Das fand sie nicht schlimm.

»Dazu wollte ich gerade kommen. Verwaltungsleiter, das Video, bitte.«

Valmassoi bedeutete dem Holotechniker, das Video abzuspielen, indem er den Zeigefinger kreisen ließ. Einen Augenblick später verdunkelte sich der Raum, während an einer Wand ein Anblick sichtbar wurde, den alle Anwesenden, ja alle Einwohner der Stadt in den zurückliegenden drei Jahren schon stundenlang beobachtet hatten.

Es war eine Videoaufzeichnung vom Kontinent Atlantis, aus dem Tempel, den die Eingeborenen rund um den ersten von ihnen entdeckten Rover der Pathfinder errichtet hatten. Der Antrieb des Rovers bestand aus einem thermoelektrischen Radioisotopengenerator mit einer in Jahrzehnten bemessenen Halbwertszeit, weshalb er auch drei Jahre nach seiner Kaperung noch Energie hatte.

Abgesehen von ein paar wissenschaftlichen Instrumenten, die ausgefallen oder der Neugier der Eingeborenen zum Opfer gefallen waren, war er noch immer voll funktionsfähig und hatte während der ganzen Zeit Informationen über ihre neuen Nachbarn gesammelt. Man wusste aufgrund dieses glücklichen Zufalls schon viel über ihre Physiologie, Kultur und Sprache.

Es sah aus, als würden sie Zeuge einer der vielen Opferzeremonien der Atlanter, bei denen die Dorfältesten versuchten, mithilfe von Wurzelknollen-, Pilz-, Saatgut- und gelegentlichen Tieropfern die Gunst des Rovers zu erlangen. Der Rover zeigte seine Dankbarkeit, indem er Messungen vornahm, Proben sammelte und analysierte und einige Arten gar sezierte, gesteuert durch einen quirligen Exobiologen in einem Labor an Bord der Arche. Sie konnten nur ahnen, was die Eingeborenen von seinem seltsamen Betragen hielten.

Theresa schaute aufmerksam zu, wie der Binokularkameramast des Rovers über die Ansammlung von Aliens schwenkte, deren Haut im Einklang mit den gespenstisch schönen Melodien ihrer Gebetslieder in rhythmischen Mustern leuchtete. Die Szene war vollkommen fremdartig, aber faszinierend schön. Ihr fiel die schiere Anzahl der versammelten Personen auf. Dreihundert von ihnen mussten sich in den runden Raum gedrängt haben, weit mehr als sonst. Die Teilnahme an diesen Zeremonien hatte im Laufe der Jahre nachgelassen, es hatte sich ein Muster mit Höhepunkten entwickelt, wie Weihnachten und Ostern bei den Katholiken, während das restliche Jahr über ziemliche Flaute herrschte. Aber der heutige Tag war kein typischer Feiertag der Atlanter.

Etwas musste geschehen sein, dass so viele Gläubige den Weg zur Religion gefunden hatten. Erst dann sah Theresa den Zeit- und Datumsstempel in der rechten unteren Bildecke.

»Das ist keine Liveübertragung?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete Mahama. »Das haben wir heute Morgen aufgezeichnet, unmittelbar nach Mitternacht Ortszeit.«

»Zweifellos eine große Besuchermenge. Aber was genau sehen wir uns gerade an?«, fragte Benson.

»Die Antwort kriegen Sie ungefähr … jetzt.«

Die Menge am Tempeleingang verfiel plötzlich in hektische Aktivität. Die Eingeborenen wichen nach links und rechts aus und ließen zwei Gestalten in die Mitte des Raums treten. Die Kameras des Rovers brauchten einen Augenblick, um auf die beiden dunklen Gesichter scharf zu stellen, aber sobald die Auflösung stimmte …

»Mei Nakama«, hauchte Theresa, während der Rest des Raums in Geschrei ausbrach.

»Ruhe«, sagte Valmassoi streng. »Bitte beruhigen Sie sich.«

»Es hieß doch, sie sei tot!« Das kam von Gregory Alexander, dem Erben einer sehr langen Linie von Bonzen, die bis zum Bau der Arche zurückreichte. Sein Familienname zierte noch immer das höchste Wohngebäude im Avalon-Modul, und ihm gehörte die einzige private Baufirma in der Stadt. Seit der Landung waren sein Wohlstand und sein Dünkel ungefähr gleich schnell gewachsen.

Jeder hatte ein Anrecht auf eine Wohnung. Aber wenn man Geld hatte und mehr wollte als herkömmliche Standardarchitektur, wendete man sich an Alexander-Bau. Obgleich er beträchtliche Macht und nicht wenig Einfluss besaß, war er kein Ratsmitglied, selbst wenn das Gerücht ging, mehrere Räte stünden aufgrund überaus großzügiger Upgrades, die er beim Bau ihrer Häuser kostenlos und mit einem augenzwinkernden Nicken vorgenommen hatte, tief in seiner Schuld. Theresa fand seine Teilnahme an einem »geheimen« Treffen beunruhigend, ließ sich aber nichts anmerken.

»Da haben wir uns offenbar geirrt, Mr Alexander«, sagte Valmassoi. »Ich darf Sie daran erinnern, dass wir Sie als Höflichkeitsgeste zu diesem Treffen eingeladen haben, also beherrschen Sie sich bitte.«

Alexander funkelte ihn an, verstummte aber für den Moment. Theresa lehnte sich grinsend zurück.

Die Prozesse gegen David Kimuras Mitverschwörer hatten die Reihen der Ungebundenen deutlich ausgedünnt. Sie waren auf eigene Faust aufgebrochen und hatten ein kleines Fischerdorf zwanzig Kilometer nördlich von Shambhala gegründet. Nahe genug, um, wenn nötig, Handel mit dem Rest der Menschheit zu treiben, aber weit genug weg, um ihre Privatsphäre und eine Unabhängigkeit zu erhalten, die schon Markenzeichen ihrer einsiedlerischen Gemeinschaft gewesen waren, während sie eine kümmerliche Existenz in der Verborgenheit der Kellergeschosse der Arche geführt hatten.

Ein plötzlicher, heftiger Wirbelsturm hatte ein Jahr zuvor ihr Dorf dem Erdboden gleichgemacht und die Leichen ins Meer gespült. Zumindest hatte man das alle glauben gemacht.

»Nun.« Benson verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Das erklärt, warum wir ihre Leichen nie gefunden haben. Es gab keine.«

»Wie zum Teufel sind sie übers Meer gekommen?«, bellte Alexander.

»Ist das nicht offensichtlich?«, fragte Theresa. »Sie haben zwei Jahre lang als Fischer gelebt.«

»Wollen Sie damit sagen, sie sind mitten in der Wirbelsturmsaison in Fischerkanus mehrere Tausend Kilometer übers offene Meer gefahren? Das ist lächerlich!«

»Entweder das oder Brustschwimmen«, entgegnete Theresa.

»Tatsächlich ist beides nicht zutreffend.« Benson umkringelte etwas auf seinem Tablet. »Können Sie mein Pad bitte auf den Schirm übertragen?«

Der Techniker in der Ecke sah zu Valmassoi hinüber, der zustimmend nickte. Der Mann betätigte zwei Tasten, und ein Satellitenbild erschien: Es zeigte das Dorf der Ungebundenen am Tag vor dem Wirbelsturm. Eines der Gebäude am Strand umgab ein großer, roter Kreis.

»Sehen Sie alle diese ›Scheune‹ direkt am Strand? Sieht die für noch jemanden außer mir verdächtig wie ein umgekehrt daliegendes Schiff aus?« Er vergrößerte das Bild, sodass man zwei große, dreieckige Zelte genauer sah. »Wenn mich nicht alles täuscht, sind das Segel.«

»Was wollen Sie damit andeuten, Detecti… Mr Benson?«, fragte Mahamas Abbild.

»Ganz einfach. Die Ungebundenen haben das alles von langer Hand geplant. Sie haben direkt vor unserer Nase ein seetaugliches Schiff gebaut und sind dann im Schutz des Wirbelsturms ausgerückt.«

»Undenkbar.« Valmassoi schüttelte protestierend den Kopf. »Das hätten wir bemerkt. Um Himmels willen, unsere Satelliten im Orbit haben eine zentimetergenaue Auflösung!«

»Nicht unbedingt«, widersprach Theresa. »Wir haben nicht einmal annähernd eine Echtzeitbeobachtung der Oberfläche. Wir hatten von Anfang an nur die achtzehn Plattformen, die Pathfinder bei der Ankunft im Orbit ausgesetzt hat, minus der vier, die wir inzwischen aufgrund von Funktionsstörungen verloren haben. Wir müssen die Überwachungsziele priorisieren, und das offene Meer steht nicht gerade weit oben auf unserer Liste. Klar, einer unserer Vögel kann erkennen, ob Sie ein Tablet in der Hand haben. Aber wir müssen wissen, wo wir ihn hinschauen lassen sollen.«

Alexander höhnte: »Wollen Sie damit sagen, dass ein Haufen technisch schlecht ausgerüsteter Fischer der Arche und ihrer illustren Mannschaft durch die Lappen gegangen sind?«

Bei diesen Worten konnte Theresas Mann ein Lachen nicht unterdrücken.

»Amüsiert Sie irgendetwas, Direktor Benson?«, fragte Mahama höflich.

»Ja, Sie. Sie alle. Die Ungebundenen haben sich ihr ganzes Leben lang in einer sechzehn Kilometer langen Röhre mit einer Million Kameras darin versteckt. Verdammt, sie haben dreißig Jahre lang eine beschissene Farm betrieben, ohne dass es einer von uns gemerkt hat. Sie kennen unsere Systeme, unsere Protokolle. Sie sind der Mannschaft jahrzehntelang aus dem Weg gegangen. Glauben Sie wirklich, wir könnten sie hier unten im Auge behalten, wo sie sich auf einem ganzen Planeten verstecken können?« Er schnaubte. »Träumen Sie weiter.«

»Aber wie haben sie über Tausende von Kilometern übers offene Meer genau den Standort des Rovers angesteuert?«, fragte Mahama. »Das ist eine echte Leistung.«

»Das lässt sich am leichtesten erklären«, sagte Benson. »Wenn man die Koordinaten des Rovers kennt, nimmt man ein Tablet und verändert die GPS-Software so, dass sie nur empfängt. Dann ist man passiv, und wir haben nichts mehr in der Hand.«

»Sie denken wie ein Krimineller, Mr Benson«, sagte Mahama.

»Danke.«

»Wie viel Vorsprung haben sie?«, erkundigte sich Theresa.

»Wie meinen Sie das?«, fragte Mahama.

»Wann sind sie gelandet? Wann hat der Erstkontakt stattgefunden, und wie lange sind sie schon vor Ort und reden mit den Atlantern?«

Mahama zuckte die Achseln. »Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass sie gestern das erste Mal den Tempel betreten haben.«

»Wieso wissen wir das nicht?«, fragte Alexander verärgert.

»Regen Sie sich nicht so auf, Greg«, sagte Benson. »Sie sehen aus, als bräuchten Sie mehr frische Luft. Warum probieren Sie nicht mal unsere Footballliga aus? Ich bin sicher, wir könnten einen Center von Ihrer … Statur brauchen.«

»Nur über meine Leiche.«

»Das ist genau die richtige Einstellung für einen Center.«

»Sind Sie dann so weit, meine Herren?«, fragte Mahama tadelnd. »Um Ihre Frage zu beantworten, Mr Alexander, wir gehen gerade auf der Suche nach Hinweisen, die wir möglicherweise übersehen haben, die gespeicherten Archivbilder und -daten durch.«

»Na ja, suchen Sie nach dem verdammten Schiff am Ufer. Das sollte Ihnen weiterhelfen.«

Benson trommelte auf den Tisch. »Wenn sie klug waren, sind sie mitten in der Nacht gelandet und haben das Schiff vor Tagesanbruch versenkt. Dann hätten die Satelliten zu keinem Zeitpunkt Gelegenheit gehabt, sie aufzunehmen.«

»Das hat verdammt viel Planung erfordert«, setzte Valmassoi hinzu.

»Überrascht Sie das?« Benson drehte sich auf seinem Stuhl zu ihm um. »Diese Leute sind die absoluten Überlebenskünstler. Vielleicht sollten wir aufhören, sie zu unterschätzen.«

»Wir können also nicht herausfinden, wie groß ihr Vorsprung ist?«, fragte Valmassoi.

»Möglicherweise nicht. Nun ja, andererseits …« Theresa wischte ein paar Mal über das Tablet, und man sah wieder das Bild des alten Dorfs mit dem Kreis um das angebliche Boot. »Wenn sie wirklich dieses Boot benutzt haben, und da bin ich mir fast sicher, dann ist es – wie lang? Vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Meter? Bei der letzten Volkszählung gab es sechsunddreißig Ungebundene, darunter vier Kinder, die seit der Landung geboren wurden. Wenn sie noch Vorräte mitgenommen haben, war das ganz schön eng. Trinkwasser war kein Problem, wenn sie ihre Solar-Entsalzungsmaschine mitgenommen haben, aber Nahrungsmittel dürften ein Thema gewesen sein.«

»Aber wir reden von Fischern auf dem Meer«, bemerkte Mahama.

»Ja, das stimmt«, warf Benson ein. »Doch sie sind schon vor dem Sturm nur mit Mühe und Not klargekommen, und da haben sie Gezeitenfallen und mehrere Boote mit Netzen eingesetzt. Nichts davon funktioniert auf dem Ozean, wenn man irgendwohin will – weil die Schleppnetze einen bremsen und die Reisezeit verlängern. Sie hätten angeln können, aber damit fängt man nicht mal annähernd die gleiche Menge, vor allem nicht außerhalb der fischreicheren Küstengewässer. Deshalb sage ich: Ja, sie haben möglicherweise ein gewisses Maß an zusätzlicher Nahrung fangen können, aber den Großteil ihrer Verpflegung mussten sie von Anfang an bei sich an Bord haben. Damit können sie höchstens, ich weiß nicht, ein paar Monate auf hoher See verbracht haben. Vielleicht drei?«

»Sie scheinen wirklich viel über Fischerei zu wissen«, spottete Doktor Russell.

»Er schaut gerne Naturdokus«, sagte Theresa, »und macht mich damit ganz wahnsinnig.«

Das Dorf auf dem Bildschirm schrumpfte zu Stecknadelkopfgröße zusammen, dann schoss es nach rechts, als Mahama die Kontrolle übernahm und den Bildausschnitt vergrößerte, bis ein zweidimensionales Bild des gesamten Planeten zu sehen war.

»Auf dem Weg gibt es ein paar Archipele, wo sie haltgemacht haben könnten, um ihre Vorräte aufzufrischen.«

»Möglich«, setzte Benson hinzu. »Aber ich glaube, wir suchen im Augenblick nach der kürzesten Überfahrtsdauer, die für uns am unerfreulichsten wäre, richtig?«

Mahama nickte.

»Gut, wie schnell segelt ein Schiff im Durchschnitt?«

Theresa zog eine Datenbank in ihrem Plantat zurate. »Sagen wir, fünf Knoten.«

»Was zum Teufel ist in diesem Zusammenhang ein ›Knoten‹?«

»Richtig, entschuldige, etwa neun Stundenkilometer.«

»Danke, ist das ein Standardwert von der Erde?«

»Ganz grob, mit jeder Menge Variablen, ja.«

»Na schön, die durchschnittliche Windgeschwindigkeit hier ist etwas höher, also sagen wir, zwölf Stundenkilometer, knapp dreihundert Kilometer pro Tag unter idealen Bedingungen.«

»Moment«, schaltete sich Valmassoi ein. »Wollen Sie damit sagen, die haben die Überfahrt in zwei Wochen geschafft?«

»Nein, ich sage, es wäre möglich gewesen, wenn alles perfekt lief. Was üblicherweise nicht der Fall ist, wie Sie wissen.«

»Aber dann sind sie trotzdem schon seit mehr als einem hiesigen Jahr vor Ort!«, sagte Alexander.

»Seit mehr als einem Jahr«, korrigierte Mahama. »Erdenjahre haben keine Bedeutung mehr.«

»Na schön, seit mehr als einem Jahr. Das ist trotzdem genügend Zeit, um die Sprache zu lernen und alles Mögliche zu besprechen. Wir könnten hier ein echtes Problem haben.«

»Deshalb habe ich dieses Treffen einberufen.« Mahama versuchte, wieder die Kontrolle über das Gespräch zu erlangen. »Die Frage ist, wie wir damit umgehen, dass sie vor uns den Erstkontakt mit den Atlantern vollzogen haben.«

»Ja«, sagte Valmassoi. »Wer weiß, was sie den Eingeborenen alles erzählt haben? Wenn wir Pech haben, haben sie ihnen beigebracht, eine Invasionsflotte zu bauen, um hier herüberzusegeln und uns alle auszulöschen.«

»Das kann nicht passieren«, warf Alexander ein. »Die Navigationslaser der Arche würden jedes Schiff zu Asche verbrennen, das sich Shambhala auf tausend Kilometer annähert.«

Theresa rollte die Augen, aber Feng war der Erste, der das unnötige Säbelrasseln unterband. »Zunächst mal ist die vorherrschende Windrichtung von Osten nach Westen. Sie müssten Gaia umsegeln und dann den ganzen Kontinent zu Fuß überqueren. Zweitens gehe ich davon aus, dass Captain Mahama eine Lösung bevorzugen würde, die keinen Völkermord an den Leuten beinhaltet, mit denen wir diese Welt teilen möchten.«

»Das ist nur allzu wahr«, sagte Captain Mahama. »Unsere Aufgabe besteht jetzt praktisch in PR zur Schadensbegrenzung. Die Ungebundenen haben uns möglicherweise in Zugzwang gebracht.«

»Wir hätten sie alle aus der nächsten Luftschleuse werfen sollen«, murmelte Alexander, aber Mahama ignorierte ihn und fuhr fort:

»Wir müssen entweder die Fehlinformationen, die sie bei den Atlantern über unsere Anwesenheit und unsere Absichten gestreut haben, korrigieren oder den Beweis für ihre Unrichtigkeit liefern.«

»Wie wollen Sie das machen?«, fragte Valmassoi.

»Wir straffen unseren Zeitplan und schicken ein Diplomatenteam aus, um uns den Atlantern vorzustellen.«

»Wann?«

»Letztes Jahr wäre toll«, sagte Theresa schnippisch.

»Böse«, entgegnete Feng, »aber durchaus zutreffend. Vielleicht haben wir Glück, und sie haben ein paar Monate auf einer besonders schönen tropischen Insel haltgemacht und sind erst vor zwei Tagen dort eingetroffen, oder vielleicht sind sie zwar schon ein Jahr dort, aber erst jetzt zum ersten Mal in die Kirche gegangen. Jedenfalls müssen wir sofort Leute hinschicken.«

»Wir sind nicht einmal annähernd bereit«, widersprach Valmassoi. »Wir haben den Erstkontakt hinausgezögert, weil wir die ganze Zeit auf ein gutes Übersetzungsprogramm gewartet haben. Unsere Sprachforscher haben gerade erst die Grundbegriffe der Sprache der Eingeborenen erfasst.«

»Weil die Linguisten und Übersetzungsalgorithmen nur mit den Bild- und Tondokumenten des gekaperten Rovers arbeiten«, sagte Mahama. »Dabei handelt es sich in vielen Fällen um endlos wiederholte Gebetszeremonien, nicht um Dialoge. Nein, der beste Weg dafür ist, sich mitten ins Getümmel zu stürzen. Das hätten wir schon früher tun sollen.«

»Am Montagmorgen ist jeder ein guter Quarterback«, bemerkte Benson.

Mahama sah ihn fragend an. »Ich fürchte, diese Anspielung habe ich nicht verstanden.«

»Tut mir leid. Ich meine damit, im Nachhinein ist man immer schlauer.«

»Vielleicht. Jedenfalls müssen wir so schnell wie möglich wieder Herr der Lage werden, ehe die Atlanter Geschichten über Eroberer, Decken mit Pockenerregern und Sklavenschiffe hören.«

Benson schüttelte den Kopf. »So weit wird es nicht kommen.«

»Was macht Sie da so sicher?«, blaffte Valmassoi. »Warum sonst hätten sie ihren Tod vortäuschen und direkt zu den Eingeborenen rennen sollen?«

»Ich weiß nicht, um Ihr Joch abzustreifen? Es sind Menschen, vielleicht sind sie ja neugierig. Vielleicht wollten sie den Planeten erkunden und neue Dinge entdecken, ihren Horizont erweitern, statt eine Festung gegen ein Aquarium einzutauschen. Das taten die Leute früher ständig, wissen Sie?«

»Das klingt fast, als wären Sie stolz auf sie.« Alexander gab sich keine Mühe, seinen spöttischen Tonfall zu verbergen.

»Vielleicht bin ich das. Auf sie bin ich auf jeden Fall stolz.« Benson holte das Standfoto von Meis Gesicht wieder auf den Schirm. »Oder haben Sie alle vergessen, dass dieses Mädchen buchstäblich die gesamte menschliche Rasse gerettet hat, als es sich gegen Kimura wandte?« Benson schüttelte langsam den Kopf. »Ich habe das nicht.«

Theresa empfand unwillkürlich Stolz auf die Leidenschaft ihres Mannes. Er konnte so … lebendig sein. So rechtschaffen. Bryan war nicht streitsüchtig, das war nicht seine Art. Aber er scheute auch niemals vor einer Auseinandersetzung zurück. Das war der reizbare Junge in ihm. Theresa lächelte.

Captain Mahamas geisterhaftes Abbild faltete die Hände und lächelte ebenfalls. »Deshalb werden Sie, Mr Benson, die Delegation begleiten.«

An manchen Tagen bereitete ihrem Mann seine Leidenschaftlichkeit auch Probleme.

Benson richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Ich? Warum?«

»Weil die Ungebundenen Ihnen vertrauen, vor allem dieses Mädchen namens Mei. Sie haben eine Beziehung zu ihr.«

»So weit würde ich nicht gehen.« Benson sah zu Theresa hinüber..

»Dann nennen wir es gegenseitigen Respekt«, korrigierte sich Mahama. »Mei scheint bei den Eingeborenen gut anzukommen. Sie können mit ihr reden, herausfinden, was sie erzählt haben und was sie im Schilde führen, sie vielleicht sogar überzeugen, uns den Atlantern vorzustellen.«

»Ich bin kein Diplomat.«

»Das ist eine Riesenuntertreibung«, fügte Theresa grinsend an.

»Das ist nicht gerade hilfreich, Liebes.«

Mahama glättete die Wogen. »Polizeichefin Bensons Einschätzung Ihrer diplomatischen Fähigkeiten ist zwar mit ziemlicher Sicherheit zutreffend, doch Sie spielen ja auch nicht die Hauptrolle. Ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, sich um unsere verlorenen Schäfchen zu kümmern. Der Atlanter nimmt sich der Rest der Delegation an.«

»Welche Erleichterung«, sagte Benson ironisch.

»Für uns alle«, setzte Feng hilfreich hinzu.

»Ich halte das für keine gute Idee«, sagte Benson.

»Ist notiert«, sagte Mahama harsch. »Wenn es keine anderen Einwände gibt, würde ich gerne zur Abstimmung schreiten. Wer unterstützt den Antrag?«

»Ich«, sagte Alexander.

»Warten Sie …«, widersprach Theresa.

»Der Antrag kommt zur Abstimmung«, sagte Verwaltungsleiter Valmassoi bestimmt. »Wer ist dafür?«

Ehe Benson sichs versah, hatten alle außer ihm per Handzeichen mit Ja gestimmt.

»Gegenstimmen?«

»Ich!«, sagte Benson.

»Sie müssen die Hand heben, Direktor Benson.«

Er hob die Hand und sagte: »Dagegen!«

»Schon besser. Natürlich haben wir trotzdem mehr Stimmen dafür. Antrag angenommen.«

»Wunderbar«, sagte Mahama. »Mr Feng, Sie bereiten alles Nötige vor?«

»Natürlich, Captain.«

»Ausgezeichnet. Ich muss mich jetzt entschuldigen.«

Valmassoi erhob sich und verneigte sich knapp in Mahamas Richtung. »Natürlich, Captain. Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Zumindest in gewisser Weise.« Mahama grinste, als ihr Abbild verblasste.

Das Treffen war beendet, und die Ratsmitglieder erhoben sich, um sich zurückzuziehen.

Benson sackte in seinen Stuhl. »Was ist da gerade passiert?«

»Man hat dich freiwillig für eine wichtige Mission gemeldet, Liebster.« Theresa tätschelte seinen Unterarm und versuchte vergeblich, ihre Erheiterung zu verbergen.

»Sieht so aus.«

»Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst, du durftest doch darüber abstimmen.«

»Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf abstimmen, wen es zum Abendessen gibt.« Benson drehte sich im Stuhl um und sah Feng an. »Was genau werden Sie vorbereiten?«

»Ich kümmere mich natürlich um den Transport. Wir werden diesen kleinen Ausflug in unseren Shuttle-Nutzungsplan integrieren müssen. Es sei denn, Sie wollen sich ein Schiff bauen.«

»Keine schlechte Idee.«

»Bryan.« Theresa trat hinter Benson und legte ihm die Arme um die Schultern. »Was ist los? Freust du dich nicht, die Nachbarn kennenzulernen?«

»Darum geht es nicht.« Benson ergriff ihr Handgelenk. »Ich habe nur furchtbare Flugangst.«

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Kapitel 4

Kexx saß neben Mei am Ufer des kleinen Sees inmitten des Dorfes und sah hingerissen zu, wie die Kinder im Wasser schwammen, planschten und quietschten. Die Kinder der Menschen, wie die Besucher ihre Rasse nannten, waren ehrlich gesagt furchtbare Schwimmer. Selbst die jüngsten Bewohner des G’tel-Dorfs konnten sich problemlos im Wasser bewegen, sobald sie auf die Welt kamen.

Doch was ihnen an Kompetenz fehlte, machten die seltsamen, bleichen kleinen Kreaturen durch lautstarke Begeisterung mehr als wett. Ihre Freude war ansteckend und sprang rasch auf mehrere Kinder aus dem Dorf über, die zum See gerannt waren, um zu sehen, was der Lärm zu bedeuten hatte. Ohne nachzudenken und sehr zur Überraschung ihrer entsetzten Eltern, die gekommen waren, um nach ihnen zu sehen, sprangen viele der G’tel-Kinder ins Wasser und fingen an, die Besucher nass zu spritzen, indem sie Wasser durch hohle Pflanzenrohre pusteten, und forderten sie zum Wetttauchen auf. Dabei verloren die Menschenkinder immer, aber sie kicherten trotzdem.