The Faraway Paladin - Kanata Yanagino - E-Book

The Faraway Paladin E-Book

Kanata Yanagino

0,0
8,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Will und seine Gefährten haben das Unmögliche geschafft: Sie haben einen Drachen besiegt. Nach der glorreichen, aber erbarmungslosen Schlacht im Rostgebirge kehren sie endlich nach Hause zurück. Endlich Zeit, die Wunden zu lecken, die Schwerter beiseitezulegen und ein wenig Normalität zu genießen ... Doch das ruhige Leben wird schnell zur Tristesse und Will muss gegen den grauen Alltag ankämpfen, bis er sich plötzlich ungeahnten Herausforderungen gegenübersieht: Ein Nebellabyrinth versperrt ihm den Weg, Reystov sagt ihm den Kampf an, und ein blutroter Fluss verseucht die Ebene.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Cover

Farbseiten

Kapitel 1: Die Erinnerungen des Paladins

Kapitel 2: Der Paladin und der Antrag

Kapitel 3: Der Paladin und der Dichter

Kapitel 4: Der Paladin und der unbesiegbare Riese

Kapitel 5: Der Paladin und der Brief

Nachwort

Über JNC Nina

Impressum

Orientierungsmarken

Farbseiten

Inhaltsverzeichnis

Es war eine Frühlingsnacht, in der die einst schneidend kalte Luft ihre Schärfe verloren hatte und das grüne Gras innerhalb eines einzigen Abends zu wachsen schien.

Mein Büro wurde von dem hellen Schein einer Laterne erleuchtet.

In der Laterne jedoch brannte kein flackerndes Feuer, sondern eine reinweiße Muschel mit einer eingravierten Inschrift: Lumen, was „Licht“ bedeutet.

Im Schein der Laterne löste ich die Hanfschnur, die einen Stapel Papiere zusammenhielt, und breitete sie auf meinem Schreibtisch aus.

Es war nicht das Papier aus meiner früheren Welt, blendend weiß, glatt und dünn genug, um es mit einer Fingerspitze zu drehen.

Vielmehr war es in das blassgelbe Ocker herabgefallenen Laubes getaucht, zu intensiv, um es schlichtweg Weiß zu nennen.

Seine raue Textur und solide Dicke erinnerten mich an das Bastelpapier aus meiner früheren Welt.

Es hatte eine raue Textur und unscharfe Kanten.

Kurz gesagt, es war grobes Papier.

Es hätte nach den Maßstäben dieser Zeit wahrscheinlich die Note ‚gutes Papier‘ erhalten, doch selbst dann konnte man es eigentlich nicht als solches bezeichnen.

Lächelnd spielte ich mit dem Papier, blätterte die Seiten um, knickte sie und hielt sie gegen die Laterne, damit das Licht hindurchschien.

Dann fuhr ich ein paar Mal mit den Fingern über die Seiten, um ihre Beschaffenheit zu prüfen.

„Es braucht nicht viel, um dich in gute Stimmung zu versetzen, was, Will?“

Ich konnte das Grinsen spüren, bevor ich überhaupt hinsah.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches, auf dem Stuhl für Gäste, saß mein enger Freund Meneldor.

Als ich ihn das letzte Mal angesehen hatte, war er noch damit beschäftigt, mit dem Messer in seiner Hand an einem Schilfrohr zu schaben, doch anscheinend hatte er mich schon eine Weile beobachtet.

Er lehnte sich weit zurück und sah mich mit geneigtem Kopf an. Sein silbernes Haar fiel über seine Schultern und enthüllte seine weiße Stirn und seinen weißen Nacken sowie seine für Halbelfen charakteristischen spitzen Ohren.

Seine jadegrünen Augen funkelten, und seine Mundwinkel waren zu einem schiefen Lächeln nach oben gezogen. Es war offensichtlich, dass er etwas gefunden hatte, womit er mich aufzuziehen kann.

„Das hat man so deutlich gesehen?“, fragte ich ganz perplex.

„Der feine Herr Paladin, der Drachenbezwinger, hat soeben mit seinen Händen über das Papier gestrichen, als würde er eine Frau liebkosen. Außerdem hast du über beide Ohren gegrinst. Da musste ich nicht lange raten.“

Ungläubig sah er mich an.

„Wirklich?!“

„Und ob.“

Anscheinend war ich wirklich leicht zu durchschauen.

„Sind das die Muster, die du von den Arbeitern bekommen hast?“

„Ja. Sie meinten, das seien die besten Muster, die sie je hergestellt hätten.“

„Sie schienen also sehr zufrieden damit zu sein, ja?“

„Ja ...“

Alle, die an der Herstellung dieses Papiers beteiligt waren – Menschen, Zwerge, Elfen und Halblinge gleichermaßen –, schienen überaus glücklich zu sein; von den Abenteurern, die auf der Suche nach Materialien durch die Wälder zogen, bis hin zu den Arbeitern, die das Papier tatsächlich herstellten.

Wahrscheinlich klopften sie sich gerade in der Werkstatt gegenseitig auf die Schultern und stießen mit ihren Bechern auf den Erfolg an.

Noch einmal streichelte ich das Papier liebevoll. Dies war das erste Blatt Papier, das je in Torch Port hergestellt wurde.

„Papier ist die Zukunft dieser Stadt.“

Im späten Herbst meines siebzehnten Lebensjahres hatte ich gegen den bösen Drachen Valacirca gekämpft und ihn in die Knie gezwungen.

Selbst mit der Hilfe meiner Verbündeten und dem Schutz der Götter und der Geister der Helden war es ein Kampf, der mich an den Rand der Niederlage getrieben und mir alles abverlangt hatte.

Ich hatte nicht das Selbstvertrauen, dass ich es noch einmal bewerkstelligen könnte, wenn ich in der Zeit zurückgehen und es noch einmal tun müsste.

Doch was mich nach dem Sieg über den Drachen erwartete, war kein märchenhaftes Ende, kein ‚und der Paladin lebte glücklich bis an sein Lebensende‘.

Das Leben ist keine Fiktion, und so gingen die unauffälligen Tage der Realität trotz all meiner Erfolge einfach weiter.

Mein Körper hatte Teile des Genomfaktors des Drachen absorbiert, und meine geliebte Waffe und Rüstung waren für immer verloren.

Die Menschen fürchteten nun Drachen, und auch magische Bestien wurden aktiver, dazu getrieben vom Brüllen des Drachen.

Ein Stamm Waldriesen nahm erstmals Kontakt mit unserer Gemeinschaft auf.

Ich musste mich auch um die isolierte Siedlung kümmern, in der das Volk des ehemaligen Landes der Blumen, Lothdor, lebte, und darüber hinaus noch um so einiges mehr, wie die Dämonen, die im zerstörten Rostgebirge zurückgeblieben waren, die Statusberichte an die Stadt Whitesails, die Koordination Torch Ports, die für die Vorbereitung auf die Zukunft notwendig war, und und und.

Seit der Feier anlässlich des Sieges über den Drachen war ich ununterbrochen mit diesen Dingen beschäftigt.

Herbst und Winter waren überaus arbeitsreich gewesen, doch jetzt, da sie vorüber waren, ohne dass auch nur eine Schneeflocke gefallen war, hatte ich endlich das Gefühl, dass sich die Dinge beruhigten.

Der Tag der Wintersonnenwende, der Tag, an dem alle ein Jahr älter wurden, war gekommen und gegangen.

Und ehe ich mich’s versah, war ich achtzehn Jahre alt.

„Dieses Papier soll die Zukunft dieser Stadt sein? Ist das wirklich so wertvoll?“

„Ja, genau so wichtig ist es. Wenn wir nur Bäume fällen und sie den Fluss hinuntertreiben, um sie an Whitesails zu verkaufen, dann wird Torch Port untergehen, sobald die Wälder hier vollständig gerodet sind. Wir haben zwar auch den Schatz des Drachen erhalten, doch eines Tages wird auch der aufgebraucht sein, und Geld zum Fenster rauszuwerfen, hat ohnehin nur Chaos zur Folge. Wir müssen stetig darüber nachdenken, welche weiteren Produkte wir anbieten können.“

„Na ja, ich verstehe ja, was du meinst, aber in den Beast Woods gibt es noch Unmengen Holz. Im Moment geht es uns gut. Ich weiß nicht, wie du für all das Zeit hast.“

„Ich weiß, dass wir im Moment gut dastehen. Deshalb möchte ich mir jetzt die Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, was wir tun können, und jemanden finden, der für uns Gewinne erwirtschaftet.“

Wenn man versteht, wie die Dinge laufen, und die Veränderungen im Auge behält, kann man gewissermaßen in die Zukunft sehen.

Zum Beispiel die Veränderungen der Waldressourcen.

Sobald eine Stadt einmal gebaut und zu einer stattlichen Größe angewachsen ist, schrumpft der Wald um sie herum stetig.

Zunächst werden große Bäume in der näheren Umgebung als Baumaterial für allerhand Dinge verwendet, während kleine Bäume und Äste als Brennstoff verfeuert werden.

So entstehen ebene Flächen, die dann zu Feldern umgewandelt werden. Die Stadt wird mit Nahrung versorgt, wächst und der Wald verliert weiter an Masse.

Dieser Prozess war sowohl in dieser Welt als auch in meiner vorherigen eine unveränderliche Konstante.

Und mir war bewusst, dass es in den meisten Fällen viel zu spät war, erst mit der Planung zu beginnen, wenn sie nötig wurde.

Daher wollte ich ungefähr zehn Jahre in die Zukunft blicken und mir einen Plan zurechtlegen.

Ich investierte bereits in vielerlei Hinsicht in die Zukunft der Stadt, nicht nur in die Papierherstellung, sondern auch in die Gründung von Werkstätten für Holzbearbeitung, Metallguss, Lederverarbeitung, Keramik, Textilien und Färberei. Doch war das wirklich genug?

Wenn ich die Stadt der Toten, in der ich geboren wurde, und andere Städte weiter südlich wieder aufbauen wollte, welche Rolle würde Torch Port in dieser Zukunft spielen können?

Während ich über die Zukunft von Torch Port und den Beast Woods nachdachte, legte Menel den Dolch und das Schilfrohr (seinen zukünftigen Pfeilschaft) beiseite, drehte seinen Stuhl um und setzte sich rückwärts darauf, die Arme auf der Rückenlehne verschränkt. Dann seufzte er mir zu.

„Weißt du, manchmal denkst du wirklich wie ein Elf.“

Er meinte damit, dass ich immer langfristig dachte.

„Wirklich? Bist du nicht für jemanden mit Elfenblut einfach nur ziemlich voreilig?“

„Das will ich nicht abstreiten, aber du weißt ja, was man sagt: Nutze den Tag, denn morgen sind wir tot.“

Das waren die Worte eines gewissen Dichters, der in den goldenen Tagen des Zeitalters der Union sehr aktiv gewesen war.

Menel zuckte mit den Schultern.

„Ich könnte morgen sterben. Das Beste aus dem Heute zu machen, ist mir wichtiger, als in die Zukunft zu blicken, die zehn Jahre entfernt liegt.“

Diese Worte, die er leise und mit trockener Kehle murmelte, rührten an einem Nerv.

Ich könnte morgen sterben.

Die Worte riefen Erinnerungen wach.

Ich dachte an Menels nüchterne Augen, als er kurz davorstand, ein Bandit zu werden, und seinen Bogen auf mich richtete.

An ein Dorf, das von Dämonen zerstört und in Schutt und Asche gelegt wurde.

An Menel, der vor dem Geist der alten Dame, der er so viel verdankte, schluchzte.

„Die meisten Menschen, die hier draußen leben, denken wahrscheinlich genauso“, fügte er hinzu.

„Da hast du recht ...“

Das war die Art von Welt, die Art von Ort, an dem wir uns befanden.

Tod und Verzweiflung griffen hier plötzlich an, ob man darauf vorbereitet war oder nicht.

Die meisten konnten sich nicht dagegen wehren, denn jeder hatte seine eigenen Umstände, die es ihm schwer machten und es kam beschämend selten vor, dass jemand den Betroffenen eine helfende Hand anbot.

Die Situation hatte sich in den letzten Jahren zwar etwas verbessert, doch es war noch ein weiter Weg, bis sich die Dinge grundlegend ändern würden.

Keiner von uns war unbesiegbar oder hatte auf alles eine Antwort, auch Menel und ich nicht.

Es gab Menschen, die wir nicht retten konnten, Tränen, die wir nicht zurückhalten konnten, Dinge, die verloren gingen und nie wieder zurückgewonnen werden konnten.

In diesem Winter war ich im Kampf gegen Valacirca dem Tod gefährlich nahegekommen und in den Monaten danach bei der Bewältigung der Folgen mehrfach in Gefahr. Ich stand sogar einmal an der Schwelle des Todes.

Einen furchterregenden Drachen zu bezwingen und dessen Kraft zu erlangen, gab mir keine Garantie, dass mein Tod weniger gewöhnlich sein würde als der eines jeden anderen.

So war es nun mal am äußersten Ende des Südens. Niemand wusste, ob er in zehn Jahren noch am Leben sein würde.

„Vielleicht hat dich die Göttin des Lichts deshalb ausgewählt“, behauptete Menel scherzhaft und schmunzelte.

„Du bist jemand, der an vorderster Front stehen kann, wo du morgen wirklich sterben könntest, und doch schlägst du vor, Samen zu säen, um zehn Jahre später die Ernte einzufahren.“

Als Menel mich im Schein der Laterne ansah, spürte ich die sanfte Wärme der Freundschaft in seinen Augen.

„Danke, Menel.“

Mein Blick und meine Worte hatten sicher dieselbe beruhigende Wirkung auf ihn wie seine Worte auf mich.

„Aber ich schaue oft zu weit in die Zukunft. Wenn du nicht gewesen wärst, um mir das Naheliegende zu zeigen, die kleinen Dinge, und mit mir auf Augenhöhe zu sprechen, wäre ich wahrscheinlich schon irgendwo vom Weg abgekommen.“

Als ich ihm sagte, wie dankbar ich war, schnaubte er.

„Hör auf damit, du übertreibst. Aber ja, Herbst und Winter waren stellenweise wirklich haarig.“

„Der unbezwungene Riese war schon ziemlich gefährlich ...“

„Ja, und vergiss nicht, als du dir mit Reystov einen Zweikampf geliefert hast.“

„...“

Es folgte eine lange Pause.

Menel sah mich von der Seite an.

„Schicken wir einen talentierten Krieger ins Grab! Es ist ja nicht so, als könnten wir nicht gerade jede Hilfe gebrauchen. Was hast du dir dabei gedacht?“

„...“

Das war unvermeidbar gewesen und trotzdem konnte ich nichts dagegen einwenden.

„Und ich habe gehört, dass du und Bee euch an einen ganz schön seltsamen Ort begeben habt.“

„Da war es doch nicht so gefährlich, oder doch?“

„Wenn du meinst ...“

Menel seufzte.

„Oh, und mir läuft es immer noch kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke, wie du dich verliebt hast.“

Ich stöhnte.

Ich hatte eine Menge ... nun ja, eine Menge Bedauern und Vorbehalte, was diese Episode anbelangte.

„Ich vertraue darauf, dass du mir zu Hilfe kommst!“, rief ich in der Hoffnung, ihn mit Positivität abzulenken.

„Als ob! Auf gar keinen Fall!“ schrie er zurück, als könne er sich nichts Schlimmeres vorstellen. „Lass mich da raus!“

„Wie? Aber wir sind doch Freunde!“

„Selbst eine gute Freundschaft hat ihre Grenzen!“

Wir lachten beide, als wir uns gegenseitig mit unseren Sprüchen aufzogen.

„Wenn wir hier schon von Gefahren sprechen: Du hast doch ...“

Kleine und große Abenteuer hatte dieser Winter für uns in Hülle und Fülle bereitgehalten.

In diesem kleinen Moment der Ruhe in einer Frühlingsnacht lachten wir und tauschten uns über unsere Erinnerungen aus.

Als sie den Speer betrachteten, runzelte Menel die Stirn, Bee funkelte mit den Augen und Ru sah zufrieden aus.

Es war früher Nachmittag an einem Wintertag.

Im Kamin im großen Saal meines Anwesens in Torch Port knisterten die Holzscheite, und auf einem großen Tisch lag besagter Speer.

Die Reaktionen der drei darauf hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Menel rieb sich die Schläfe, als hätte er Kopfschmerzen.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee war? Dieses Schwert war ein wertvolles Familienerbstück, das bereits seit Generationen weitergegeben wurde ...“

Die Speerspitze war ungeheuer lang und glänzte in hellem Gold.

Ja, in blendend hellem Gold.

Es war das Zwergenerbstück, das angeblich von Blaze, dem Gott des Feuers, persönlich geschmiedet, und mit dem der böse Drachen Valacirca getötet worden war: das verzauberte Schwert Calldawn.

„Und du hast daraus einfach einen Speer gemacht?!“

„Ahaha ...“

Ich lachte nervös.

„Ich weiß, dass du in der Klemme steckst, weil dein geliebter Speer Pale Moon zerbrochen ist, und mir ist auch bewusst, dass ein provisorischer Speer nicht ausreicht, aber wer macht denn bitte so was?!“

„Na ja, es ist halt ein Gebrauchsgegenstand.“

„Ru, sag was dazu! Findest du das etwa in Ordnung?!“

„Es ist für den praktischen Gebrauch ...“

„Wie der Mentor, so der Knappe ...“

Natürlich hatte ich es nicht so weit kommen lassen, dass ich die Klinge des Schwertes abgeschnitten hätte, also war es, um genau zu sein, eher eine Art Streitkolben als ein Speer.

Ich hatte Ru gebeten, die Zwergenschmiede um einen Gefallen zu bitten, und nun war die Klinge des Schwertes an einer völlig anderen Waffe befestigt.

Das Beinahe-Erwachen des bösen Drachen Valacirca hatte die Bestien in einen Rausch versetzt, und auch die Dämonen wüteten überall, sodass es dringend notwendig war, sich eine brauchbare Hauptwaffe zu beschaffen.

„Er ist gut gemacht, das muss ich dir lassen ...“

Wie Menel sagte, war die Gleve gut gemacht. Wie man es von Zwergen erwarten würde, war er pragmatisch gestaltet und ohne jeglichen Schnickschnack, eine elegante gerade Linie ohne eine einzige Unvollkommenheit, von der scharfen Spitze der Klinge bis zum Ende des Schafts.

Ich hatte keine Ahnung, aus welchem Metall die goldene Klinge geschmiedet worden war, doch sie hatte einen faszinierenden Glanz.

Womöglich waren die Werkzeuge dieses Zeitalters nicht einmal in der Lage, durch diese Klinge zu schneiden; austesten wollte ich das jedoch nicht.

Zwischen der goldenen Klinge und dem Schaft waren mehrere dunkelbraune Ringe aus einer stark bindenden Metalllegierung angebracht, um die Verbindung zu verstärken. In sie waren Zeichen, wie „Connexio“ und „Ligare“ eingraviert.

Der Schaft, der sich von den Ringen aus erstreckte, war weiß mit einem Hauch hellen Gelbs. Er war aus weißer Eiche gefertigt. Die Worte, die ihn zierten, waren dieselben, die ich zuvor bei Pale Moon verwendet hatte. Sie kontrollierten die Ausdehnung und Kontraktion der Materie.

Die Klinge war schwerer und länger als ich es gewohnt war, also fühlte sie sich anders an, doch ich hatte ein gutes Gefühl dabei, da ich sie auf ähnliche Weise wie Pale Moon handhaben konnte.

Meine Troubadour-Freundin Bee war begeistert.

„Ich liebe es, ich liebe es einfach! Ich meine, das legendäre Schwert Calldawn mit eigenen Augen zu sehen, war auch toll, aber ein Paladin, der eine Gleve mit weißem Griff und goldener Klinge hält?!“

Ihre Hände waren vor Aufregung zu Fäusten geballt und ihre Augen funkelten.

„Was für ein Bild! Du machst mir meine Arbeit zu leicht!“

Sie sprang auf dem Tisch herum, betrachtete die Waffe aus allen möglichen Blickwinkeln und dichtete dabei spontan einen Liedtext.

„Ein Schaft reinweiß wie Lilien, eine Klinge, die wie die Morgensonne leuchtet. ♪“

Die Art und Weise, wie ihr einzigartiges rotes Haar bei jeder Bewegung hin- und herflog, war auf eine Weise humorvoll, die ich nur schwer beschreiben konnte.

„Ah! Warum bestellst du nicht gleich eine Rüstung und dergleichen aus silbernem Metall dazu?“, schlug sie vor und wurde immer aufgeregter.

„Ein junger Paladin in einem Gewand aus reinem Weiß und Gold? Die Mädchen werden verrückt nach dir sein, das garantiere ich dir!“

„Bee, Bee ...“

Ich lachte leise.

„Rüstungen sind nicht zum Angeben da. Und silberne Metallrüstungen wären viel zu umständlich zu handhaben und zu pflegen. Sie würden zwar auffallen, was ja nicht unbedingt schlecht ist, aber ...“

„Wie? Ich dachte, du magst es nicht, wenn du aus der Menge herausstichst.“

„Ja, nur wenn es nötig ist. Wenn wir in der Unterzahl sind, zum Beispiel.“

„Damit die Feinde ihre Angriffe auf dich konzentrieren?“

„Richtig.“

Ich erinnerte mich daran, dass ich irgendwann in meinem früheren Leben gelesen hatte, dass ein gewisser berühmter Comic-Superheld absichtlich nicht den Kugeln auswich, wenn auf ihn geschossen wurde. Um Opfer durch Querschläger zu vermeiden, ließ er sie auf das treffen, was am widerstandsfähigsten war: seinen eigenen stählernen Körper.

Ich würde mich selbst zwar nicht als einen solchen Übermenschen bezeichnen, doch es gehörte zur Aufgabe eines Kämpfers an der Front, den Zorn des Feindes auf sich zu ziehen.

„Also machst du viel Aufhebens darum, dass du da bist, und das spornt deine Kameraden an und schreckt den Feind ab?“

„Das hängt davon ab, gegen wen ich antrete, aber ja, so eine Wirkung ist durchaus auch möglich.“

Kampfausrüstungen hatten oft diese auffälligen Farben und Formen, sowohl in dieser als auch in meiner vorherigen Welt.

Dazu gehörten Schilde mit beunruhigenden Augenmustern, die den Gegner anstarrten, Muskelpanzer, die ihren Träger wie einen Bodybuilder aussehen ließen, Helme mit riesigen Verzierungen und grandiose Kriegsbemalung.

Blood hatte schon von solchen Dingen erzählt, als ich noch ein Kind war. Er meinte, dass die meisten Kämpfe zwischen Tieren stattfänden und Taktiken, wie Einschüchterung und Vortäuschen von Stärke, aus dem gleichen Grund ziemlich wichtig waren, aus dem Tiere ihr Fell aufstellen und sich auf einen erhöhten Standpunkt begeben, nämlich, um groß und stark zu wirken.

„Und wenn du resolut aussiehst, gibt dir das Selbstvertrauen und Antrieb.“

Hin und wieder führte das ebenso zu Stolz, Arroganz und Selbstüberschätzung.

Doch auf dem Schlachtfeld, wo das geringste Zögern oder Zaudern über Leben und Tod entscheiden konnte, waren sogar derlei Missverständnisse und Angebereien legitime Waffen. Vortäuschen war hier bitterer Ernst.

„In diesem Sinne ist die Umgestaltung von Calldawn in eine Gleve genau das Richtige. Das sieht sehr beeindruckend aus.“

„Wenn es dir gefällt, Will, bin ich sicher, dass alle, die daran gearbeitet haben, ebenfalls zufrieden sein werden.“

Allein der Gedanke, dass ich Calldawn als meine persönliche Waffe verwenden und so oft schwingen durfte, wie ich wollte, machte mich fast schwindelig vor Aufregung.

„Ich statte den Zwergen bald einen Besuch ab, um mich persönlich bei ihnen zu bedanken.“

Sie hatten mir einen unglaublichen Gefallen getan, indem sie sich meine so eigensinnige Bitte angehört hatten, ihr legendäres verzaubertes Schwert in etwas Praktisches für den tatsächlichen Kampf umzugestalten. Dafür konnte ich Agnarr und allen in dem Viertel von Torch Port, das als Dwarftown bekannt war, nur unendlich dankbar sein.

„Oh, und ...“

Ich hatte noch ein weiteres Motiv für die Neugestaltung des Schwertes.

„Ru, kannst du dich bitte um die frühere Konstruktion kümmern? So wie ich es vorher erklärt habe?“

„Natürlich.“

Calldawn war mir vom Geist des letzten Königs der Eisenlande, König Aurvangr, anvertraut worden.

Genau wie die Krone, die wir dem Käferdämon Skarabäus abgenommen hatten, handelte es sich bei ihr ursprünglich um ein königliches Insigne, ein Symbol der königlichen Autorität unter den Zwergen der Eisenlande. Obwohl es eine sehr mächtige Waffe war und ich sie sicherlich hätte brauchen können, wäre es etwas problematisch gewesen, sie für einen längeren Zeitraum für mich zu behalten.

Ich hatte versprochen, das Schwert nach meinem Ableben zurückzugeben, doch es war mitnichten so, dass jemand sicherstellte, dass ich das Schwert wirklich zurückgeben würde. Und falls ich in einem unerforschten Teil des Landes starb, war es genauso gut möglich, dass das Schwert für immer verloren gehen würde.

Also beschloss ich, zumindest dessen Griff und Stichblatt mitsamt der Schwertscheide, vom Schwert abzutrennen und sie Ru zu überlassen, denn auch diese waren ein Teil des Schwertes und somit heilige Gegenstände, die vom Feuergott gefertigt worden waren.

Und obwohl ich behauptete: „Ich baue das Schwert zu einer für den Kampf geeigneten Gleve um und möchte deshalb, dass du den Griff und die Parierstange an dich nimmst, weil ich sie nicht benötige“, hatte Ru mich sofort durchschaut und gewusst, was ich vorhatte. Er kannte mich einfach zu gut.

„Ich weiß deine Rücksichtnahme zu schätzen.“

Durch den großen Kampf mit dem Drachen war Ru zu einem richtigen Krieger herangewachsen; mit aufrechter Haltung und mit einem Lächeln auf den Lippen.

Er musste zwar noch an seinen Kampffertigkeiten arbeiten, doch das würde mit der Zeit schon werden.

Auch jetzt war er damit beschäftigt, seine zwergischen Brüder zu versammeln und Vorbereitungen für die Wiederbelebung ihrer Heimat zu treffen.

Mit der Zeit würde Ru – Vindalfr – sicherlich einen Weg zum Eisengebirge ebnen und das unterirdische Königreich wiederbeleben.

Daran hatte ich mittlerweile keinen Zweifel mehr.

In diesem Moment klopfte es leise an der Tür zum Saal.

„Immer herein, bitte.“

„Entschuldigt die Störung.“

Die Tür öffnete sich, und Anna trat ein.

Anna hatte ihr flachsfarbenes Haar zu einem losen Zopf geflochten und trug ein ernstes Gesicht, das gut zu ihrer Priesterrobe passte.

Sie war wie der Klebstoff von Torch Port und fungierte als eine Art Koordinatorin der Priester, die Bischof Bagley aus Whitesails uns zur Unterstützung bereitgestellt hatte und die nun an der Verwaltung der Stadt beteiligt waren.

Sie war eine Priesterin des Donnergottes Volt, genau wie Bischof Bagley, und eine recht begabte Segensspenderin, doch noch mehr als dabei glänzten ihre Fähigkeiten als kompetente Beamtin. Ihre Arbeit erledigte sie stets schnell und effizient. Neben einem breiten Wissen über religiöse Feiern und Zeremonien war sie auch mit den nicht kodifizierten Regeln des Gewohnheitsrechts vertraut wie etwa Streitigkeiten in den Bauerndörfern über Land, Wasser und Erbschaft oder über geschäftsbezogene Konflikte in Torch Port: verspätete Zahlungen, Preiserhöhungen, Produktionsverzögerungen, Mengenabweichungen, Qualitätsprobleme.

Raub, Diebstahl, Betrug, Erpressung, Sachbeschädigung und andere kriminelle Handlungen gehörten genauso dazu.

Im Namen von Volt fällte Anna für all diese Angelegenheiten angemessene Urteile gemäß dem geschriebenen und dem Gewohnheitsrecht.

Dass es in den Dörfern jemanden wie sie gab, der für faire Prozesse sorgte, war für die Dörfer genauso wichtig wie der Schutz vor physischer Gewalt.

Dass ich mich überhaupt Lehnsherr der Dörfer in den Beast Woods nennen durfte, war zum Großteil ihr Verdienst.

Heute jedoch sah sie mitgenommen aus.

„Anna? Stimmt etwas nicht?“

Ihr Gesichtsausdruck war melancholisch, und ihre Augen waren niedergeschlagen.

Ich hatte das Gefühl, dass sie auch nicht so gesund aussah wie sonst.

„Ähm, ich muss etwas mit euch besprechen.“

„Natürlich, gerne. Für euch ist das auch in Ordnung, oder?“

Es war selten, dass jemand, der so unerschütterlich war wie Anna, einen solchen Gesichtsausdruck zeigte.

Es musste sich um ein ziemlich ernstes Problem handeln.

Ich beschloss, mich innerlich darauf vorzubereiten.

Mit welch gewaltigem Problem ich auch konfrontiert werden würde, ich würde es mit Gelassenheit angehen und mir nicht die geringste Beunruhigung anmerken lassen.

Gerade als ich sie fest entschlossen noch einmal fragen wollte, kam sie mir zuvor.

„Reystov verhält sich mir gegenüber in letzter Zeit irgendwie kalt ...“

„Bitte was?!“

Das unerwartete Thema entlockte mir einen Laut der Überraschung.

Anna und Reystov verstanden sich gut.

Das wusste sogar ich.

Anna, eine fleißige Priesterin und kompetente Beamtin, und Reystov, ein erfahrener Abenteurer mit dem Beinamen „Der Durchstoßer“, hatten beide wichtige, aber unterschiedliche Positionen in Torch Port inne.

Als Koordinatorin der Priester erhielt Anna alle Meldungen über Rechtsstreitigkeiten und Probleme, die von den Dörfern gemeldet wurden, und war über alle aktuellen Vorfälle und Informationen, die sie betrafen, informiert.

Reystov wiederum nutzte als einer der fähigsten Abenteurer von Torch Port diese Informationen, um festzulegen, wo er auf die Jagd nach Bestien gehen sollte, und brachte auf der Rückkehr von seinen Jagden neue Informationen über Vorfälle und Probleme in den Dörfern mit zurück.

In regelmäßigen Abständen reiste Anna durch die Dörfer, um Anhörungen zu offenen Fragen abzuhalten und denjenigen, die es benötigten, kostenlose medizinische Behandlung anzubieten. Bei diesen Gelegenheiten diente Reystov häufig als ihre Eskorte.

Abgesehen von dem Schutz auf Reisen, den er ihr bot, war es auch vorteilhaft, dass die leitende Priesterin, die Urteile fällte, von einem Krieger mit eisernem Blick begleitet wurde, da so in den Dörfern die Wahrscheinlichkeit gesunken war, dass jemand aggressiv für ein besseres Urteil eintrat.

So kamen die beiden öfter miteinander in Kontakt, als man erwarten würde.

Reystov unterschied sich von den anderen rauen und eigensinnigen Abenteurern, und Anna schien sich gut mit ihm zu verstehen.

Für den schweigsamen Reystov schien Anna mit ihrer ernsten und der Stille nicht abgeneigten Art eine Person zu sein, bei der er sich wohlfühlen konnte.

Ich erinnerte mich daran, wie Bee einmal sagte: „Irgendetwas ist mit den beiden los! Ich rieche Liebe in der Luft!“, während ich naiverweise behauptete, sie seien „nur gute Freunde“.

Und wie ich bereits angenommen hatte, sah die Wahrheit genauso aus.

„Nein, nein, doch nicht im romantischen Sinne.“

Wir saßen alle um einen Tisch herum und hörten zu, wie Anna uns ihre Sorgen erklärte.

„Es scheint, als ob Reystov in letzter Zeit irgendetwas besorgt. Wenn ich versuche, mit ihm zu reden, schweigt er oft einfach, als ob er tief in Gedanken versunken wäre. Sogar noch mehr als sonst. Ich habe versucht, alles Mögliche für ihn zu tun, und dachte mir. Ich weiß vielleicht nicht, worüber er sich Sorgen macht, aber wenn ich ihn auch nur ein wenig unterstützen kann, hilft ihm das vielleicht. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, aber, ähm, er hat mich nur böse angesehen ... Ah, versteht mich nicht falsch, das hat wirklich ... rein gar nichts ... mit einer romantischen Beziehung zu tun.“

Anna nahm einen Schluck Tee.

„Und seitdem schaut er mich nicht mehr an, wenn ich mit ihm rede. Selbst wenn wir über die Arbeit sprechen, spricht er in einem kalten, ruhigen Ton. Und ich habe sogar das Gefühl, dass er mir in letzter Zeit irgendwie aus dem Weg geht ... Habe ich Reystov gegenüber wohl irgendetwas falsch gemacht? Er sagt mir nichts, aber ich mache mir Sorgen, dass ich irgendetwas getan habe, weshalb er mich jetzt nicht mehr mag ... Ah, nein, es geht wirklich nicht um etwas Romantisches.“

Ja ...

Es geht eindeutig um ...

„Und ob! Liebe liegt in der Luft!“, stieß Bee unverblümt aus, und ich hätte ihr nicht mehr zustimmen können.

„N-nein, als ob ...“

Anna bedeckte ihre Wangen mit den Händen und wurde knallrot.

„Ach, komm schon, das ist doch toll! Sag mir lieber, was dir an ihm gefällt!“

„Reystov, den darf man aber auch nicht alleine lassen ...“

Bee und Menel fingen an, Anna neugierig zu bedrängen.

„Nein, das stimmt doch nicht!“

Zwischen ihren Protesten begann sie allmählich, ihre wahren Gefühle zu offenbaren.

Zuerst hatte sie ihn einschüchternd gefunden.

Dann bemerkte sie jedoch, dass er sich immer nur auf die eine oder andere Weise rücksichtsvoll verhalten wollte.

Wenn er zum Fischen ging und doch nichts fing, pflückte er ihr Blumen und überreichte sie ihr bei seiner Rückkehr in dem leeren Weidenkorb als Opfergabe für die Götter.

Dann war da die Art und Weise, wie er sich an ihre Lieblingssachen erinnerte.

Wie sanft sein seltenes Lächeln war.

Wie froh sie war, als er sicher von der Jagd auf den Drachen zurückkehrte.

Es gab keinen bestimmten Moment; es war ein Prozess, in dem sie ihm nach und nach näherkam.

All das war sehr herzerwärmend.

„...“

„...“

Doch als Ru und ich uns heimlich Blicke zuwarfen, stand „Was sollen wir tun?“ deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, und wahrscheinlich auch auf meinem.

Ehrlich gesagt war ich wahrscheinlich die nutzloseste Person, die man in Liebesangelegenheiten zurate ziehen konnte. Dass mir als Erstes ein lösungsorientierter Ansatz in den Sinn kam, anstatt ein mitfühlender, sagte eigentlich schon alles.

Mein Leben auf dieser Erde als Will hatte bisher nur einen einzigen Moment der Verliebtheit erlebt: als der Gott der Untoten sich mir offenbarte. Das war wirklich eine ungewöhnliche Erfahrung gewesen. Daher fiel es mir etwas schwer, kluge Ratschläge in Liebesangelegenheiten zu geben.

Doch andererseits ...

„Ähm ... ich meine ... ich bin nicht in ihn verliebt oder so, aber Reystov ist so zuverlässig und ... so ein Gentleman ...“

Ich konnte durchaus verstehen, was Anna an ihm fand.

Zugegeben, Reystovs Äußeres war ein wenig wild und rustikal, aber er machte definitiv nicht den Eindruck, als wäre er ein Gauner. Selbst sein mysteriöses Auftreten hatte etwas.

Außerdem war er ein herausragender Schwertkämpfer.

Er sprach nicht viel und war ein wenig unverblümt, wenn er es doch tat, aber er war ein Mann, der sagte, was gesagt werden musste, und er hatte ein großes Herz.

„Er hat oft einen finsteren Gesichtsausdruck, aber er ist wirklich ein gutherziger Mensch.“

„Ja. Er ist lieb und zuverlässig.“

Ich stimmte ihr voll und ganz zu.

Auch ich hielt ihn für einen echten Mann und einen sehr sympathischen noch dazu.

Der Begriff „Held“ war für Menschen wie ihn geschaffen.

Anna, die mit Bee und Menel gesprochen hatte, wandte sich nun an mich.

„Ähm, mein Lehnsherr ... nein ... Will?“

„Ja?“

Sie änderte die Art, wie sie mich ansprach.

Das bedeutete wahrscheinlich, dass es sich um eine persönliche Angelegenheit handelte und sie daher nicht mit dem Paladin der Ferne, dem Lehnsherr von Torch Port, sprechen wollte, sondern mit William, einem gemeinsamen Freund von ihr und Reystov.

„Vielleicht interpretiere ich zu viel hinein oder zerdenke alles zu sehr. Vielleicht habe ich ihn auch nur unbewusst mit etwas verärgert. Aber wenn du das Gefühl hast, dass Reystov sich ernsthaft Sorgen macht, dann bitte ich dich, ihm zu helfen.“

Während sie mir direkt in die Augen sah, sprach sie nicht aus dem Wunsch heraus, sich mit ihm zu versöhnen oder um den Grund für seine Abneigung ihr gegenüber herauszufinden, sondern aus reiner, aufrichtiger Sorge um ihn.

Also erwiderte ich ihren ernsten Blick und nickte.

„Ja, in Ordnung. Das werde ich.“

Liebe war ein schwieriges Thema für mich, und ich bezweifelte, dass es viel bringen würde, mich ausgerechnet in die Liebesangelegenheiten eines anderen einzumischen.

Trotzdem war es die Bitte einer Freundin. Da konnte ich mich unmöglich davor drücken und ihr eine Antwort wie „Eigentlich möchte ich mich nicht einmischen“, „Ich habe keine Ahnung von so was“, „Ich kann das nicht“ oder dergleichen vorsetzen.

„Ich werde mein Bestes geben, damit sich die Angelegenheit für euch beide zum Guten wendet.“

„Will ... Danke.“

„Vergiss nur nicht, mich zur Hochzeit einzuladen!“

„E-es ist nichts Romantisches!“

Als ich anfing, Reystovs Verhalten genauer zu ergründen, wurde mir eines klar ...

Irgendetwas an seinem Verhalten kam mir seltsam vor.

„Currere Oleum!“

Während Reystovs scharfer Hieb eine Gruppe niederer Dämonen durchtrennte, bedeckte meine Magie einen Teil des steinernen Hallenbodens mit einer dicken Ölschicht, die die neu hinzukommenden Dämonen am Eindringen in den Kampf hinderte.

Während einige auf dem öligen Teil des Bodens ausrutschten und hinfielen und andere auf der Stelle stehen blieben, führte Reystov einen weiteren Hieb aus. Da die Klinge durch die Zeichen, die Gus zuvor eingraviert hatte, länger geworden war, konnte sie die bewegungsunfähigen Dämonen mühelos zerteilen.

Wir befanden uns in dem verfallenen Kloster in der Schlucht, in dem wir einst gegen die Chimären gekämpft hatten.

Aus den umliegenden Dörfern hatten wir erfahren, dass das Kloster wieder zu einem Dämonennest verkommen war, und so waren Reystov und ich, die wir beide gerade nichts zu tun hatten, gekommen, um sie zu jagen.

Die Situation im Inneren war wieder einmal gotteslästerlich.