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Sechs neue Kriminalnovellen vom Meister amerikanischer Kriminalliteratur
Der millionenschwere Kasinoraub ist schlicht nicht machbar. Und genau das macht ihn unwiderstehlich für einen Räuber, der für seinen »Final Score« den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen muss. Ein ehrgeiziger Collegejunge hat einen Nebenjob, bei dem er illegalen Schnaps an »The Sunday List« liefert, bis ein korrupter Cop, ein verführerischer Kunde und ein falscher Guru seine Träume zu beenden drohen. Zwei Klugscheißer erzählen sich beim Frühstück in einem Diner eine »True Story«. Es wird viel gelacht, bis jemand anderes die Rechnung übernehmen muss. Ein ansonsten ehrlicher Streifenpolizist muss sich in »The North Wing« zwischen seinem Job und seiner nichtsnutzigen Cousine entscheiden. Eine drogensüchtige Filmdiva, die Privatdetektiv Boone Daniels und seine Crew in »The Lunch Break« babysitten sollen, ist ein Problem. Sie hat auch ein Problem: Jemand will sie töten. Und schließlich führt der eine schreckliche Fehler eines hingebungsvollen Familienvaters in »Collision« dazu, dass er ins Gefängnis kommt und auf Kollisionskurs gerät zwischen dem Wunsch, der Mann zu sein, der er sein möchte, und der Notwendigkeit, ein Killer zu werden, um zu überleben.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch
Der millionenschwere Kasinoraub ist schlicht nicht machbar. Und genau das macht ihn unwiderstehlich für einen Räuber, der für seinen Final Score den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen muss. Ein ehrgeiziger Collegejunge hat einen Nebenjob, bei dem er illegalen Schnaps an Der Sonntagsliste liefert, bis ein korrupter Cop, ein verführerischer Kunde und ein falscher Guru seine Träume zu beenden drohen. Zwei Klugscheißer erzählen sich beim Frühstück in einem Diner eine True Story. Es wird viel gelacht, bis jemand anderes die Rechnung übernehmen muss. Ein ansonsten ehrlicher Streifenpolizist muss sich in Der Nordflügel zwischen seinem Job und seiner nichtsnutzigen Cousine entscheiden. Eine drogensüchtige Filmdiva, die Privatdetektiv Boone Daniels und seine Crew in Lunch Break babysitten sollen, ist ein Problem. Sie hat auch ein Problem: Jemand will sie töten. Und schließlich führt der eine schreckliche Fehler eines hingebungsvollen Familienvaters in Kollisionen dazu, dass er ins Gefängnis kommt und auf Kollisionskurs gerät zwischen dem Wunsch, der Mann zu sein, der er sein möchte, und der Notwendigkeit, ein Killer zu werden, um zu überleben.
Zum Autor
Don Winslow ist Autor von sechsundzwanzig preisgekrönten internationalen Bestsellern, darunter acht New York Times-Bestseller (Savages - Zeit des Zorns, Kings of Cool, Das Kartell, Corruption, Jahre des Jägers, City on Fire, City of Dreams und City in Ruins). Zeit des Zorns wurde von dem dreifachen Oscar-Preisträger Oliver Stone nach einem Drehbuch von Shane Salerno, Winslow und Stone verfilmt. Crime 101, Winslows Kurzroman, ist die Basis des gleichnamigen Kinofilms, der von Amazon veröffentlicht wird. Winslow schrieb außerdem eine Reihe preisgekrönter Kurzgeschichten für Audible, die vom vierfach Oscar-Nominierten Ed Harris gesprochen werden. Winslow, ein ehemaliger Privatdetektiv, Antiterrorausbilder und Prozesssachverständiger, lebt in Kalifornien und Rhode Island.
The Final Score
Sechs Short Storys
DON WINSLOW
Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2026 unter dem Titel The Final Score bei William Morrow, an imprint of HarperCollins Publishers, US.
© 2026 by Samburu, Inc.
© 2026 by Reed Farrel Coleman für das Vorwort
Deutsche Erstausgabe
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe
by HarperCollins
in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH,
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Published by arrangement with HarperCollins Publishers L.L.C., New York.
Das Shakespeare-Zitat findet sich in: William Shakespeare.
Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975
und ist übersetzt von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck.
Covergestaltung von bürosüd, München
Coverabbildung von Getty Images; Adobe Stock; Shutterstock
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783749910380
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für Perry Carter Winslow, meinen Enkel, verbunden mit dem Wunsch, sein Leben möge voll wunderbarer Geschichten sein
Ihr Narr’n der Zeit, dies wißt ihr und bezeugt; Die ihr für Laster lebt, für Tugenden erbleicht.
William Shakespeare, Sonett 124
Zu behaupten, Don Winslows Stimme sei einzigartig, wird ihm nicht gerecht. Don lässt sich, anders als die meisten, die wir uns in diesem Gewerbe tummeln, nicht auf eine Stimme, einen Stil, einen Ton, eine Zeit, ein Genre oder Subgenre beschränken. Don ist ein Chamäleon im bestmöglichen Sinne. Egal, ob es sich um die Geliebte eines Kartellbosses, einen korrupten Detective der NYPD, einen kleinen Mafia-Mitläufer oder einen Privatermittler handelt, die Farben, in denen er seine Figuren zeichnet, lassen Winslows Werk strahlen, ohne jemals die Aufmerksamkeit auf den Mann hinter dem Vorhang zu lenken.
Vielleicht kann nur ein anderer Autor wirklich ermessen, wie schwierig es ist und welche Zauberkniffe es braucht, so großartige, überzeugende Prosa zu schreiben – manchmal brutal und drastisch, dann wieder schlau und witzig –, ohne dass der Leser auch nur ein einziges Mal den Faden der Handlung verliert oder an die Person denkt, die diese Worte zu Papier gebracht hat. Bruce Springsteen beschreibt den Menschen, den er in seinem hymnischen Song »For You« meint, so: »You could laugh and cry in a single sound.« Er hätte damit auch Don Winslow besingen können.
Von dem Moment an, als ich California Fire and Life zu lesen begann, das erste Buch von Don, das ich je zur Hand genommen habe, war ich wie gebannt und erfüllt von Ehrfurcht gegenüber meinem Freund und Kollegen. Ich habe bereits davon gesprochen, dass Don sich mit keinem Aspekt seiner Arbeit in eine einzelne Schublade stecken lässt. Er hat Bücher wie Pacific Private – welche ich als philosophische Surfer/Detektiv-Romane betrachte – an der kalifornischen Küste angesiedelt, Ein kalter Hauch im Untergrund spielt in London. In den sehr eindringlichen Romanen Jahre des Jägers und Das Kartell beschäftigt er sich mit dem internationalen Drogenhandel und begibt sich unter anderem an verschiedene Schauplätze in Mexiko. Mit Corruption entführt er seine Leser in die schmutzigen Seitengassen von New York City.
Auch die Behauptung, er habe die Handlung dieser Romane an diesen so unterschiedlichen Schauplätzen angesiedelt, wird seiner Arbeit nicht gerecht. Seine Geschichten spielen nicht nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, sie handelnvon ihrer Zeit und ihrem Ort. Dabei erzählt Don bis in die kleinsten Details hinein so genau, dass man beim Lesen das Gefühl hat, die Handlung weniger zu verfolgen, als Teil von ihr zu werden. Ob es der Gestank von Mündungsfeuer und Blut nach einer Schlacht zwischen rivalisierenden Kartellen ist oder das Gefühl, auf einem Surfboard zu sitzen, sanft auf dem Pazifik zu schaukeln und mit Freunden auf die nächste große Welle zu warten, oder aber die Aufregung nach einem Raubüberfall, wenn man durch ein Werkstatttor fährt, um den Fluchtwagen zu wechseln, während einem der schrille Klang draußen vorüberrasender Sirenen in den Ohren hallt – Don fesselt seine Leser nicht nur, er lässt sie in die Szenen eintauchen, er bettet sie ein in den Moment.
Es ist nämlich so: Egal, wo seine Romane spielen oder von welchen Charakteren sie handeln, er schafft es stets, den richtigen Ton zu treffen, genau die richtige Sprache zu finden. Er kennt sich aus mit Slang, mit dem Rhythmus der Straße, wo auch immer diese Straße liegt. Seine Figuren klingen genau so, wie sie sind, weil Winslow weiß, dass ein Surfer von »galaktisch krassen Freakwaves« spricht, und immer genug Kontext mitliefert, sodass man versteht, wovon die Rede ist.
Ich liebe an Don, dass er seine Leser respektiert und sein Thema ernst nimmt, dass er alles dafür tut, um Gegebenheiten so präzise wie möglich darzustellen, sich dabei aber gleichzeitig nicht allzu ernst nimmt. Der nächste Witz ist immer nur eine Zeile weit entfernt, wobei dieser häufig rabenschwarze Humor nie aus der Bemühung des Autors heraus entsteht, besonders schlau zu wirken oder auf sich aufmerksam zu machen. Er ist eher eine Reaktion auf das Leben, dem Augenblick angemessen und häufig nur dazu bestimmt, den Leser mit einer neuen Wendung zu überraschen.
Obwohl ich Corruption bereits vor Jahren gelesen habe, werde ich einen kurzen Wortwechsel zwischen dem korrupten NYPD-Detective und dem Anführer einer Drogenbande nie wieder vergessen. In dem Thriller sagt ein Drogendealer zu Detective Malone, dass dieser einen rivalisierenden Bandenchef für ihn aus dem Weg geräumt habe. Daraufhin kontert Malone nur trocken, dass es den Dealer kaum etwas gekostet habe.
Der Leser könnte daraufhin möglicherweise einen Austausch schlagfertiger Spitzen zwischen den beiden erwarten. Vielleicht im Roman eines anderen Autors, nicht aber in dem von Don. Was stattdessen folgt, ist eine Debatte über Gemeinschaft, die Geschichte der Sklaverei und die Gefängnis-Industrie. So ist Don Winslow: Im Zentrum seiner Arbeit steht immer Menschlichkeit, und er appelliert an uns, uns der Schwächsten anzunehmen.
Don ist ein kühner Autor, der bereit ist, ohne Netz und doppelten Boden zu arbeiten. Als sein Kollege komme ich nicht umhin, einen Mann zu bewundern, der den Mumm hat, die Geschichte der schönen Helena in eine Trilogie über Bandenkriege in Providence, Rhode Island, umzumünzen. Er schreibt Kapitel, die nur aus einem Wort oder aus sechs Sätzen bestehen. Er spielt auf eine Weise mit Erzählzeiten, dass der Leser einerseits die Orientierung verliert und andererseits direkt in die Handlung hineingesogen wird. Aus diesen und zwanzig weiteren Gründen habe ich mich sehr gefreut, als ich von dieser neuen Sammlung von Kurzgeschichten, The Final Score, gehört habe. Ich freue mich, weil ich genau weiß, was mich erwartet, und mich trotzdem jede neue Wendung überraschen wird.
Reed Farrel Coleman, der von Maureen Corrigan als »hard-boiled poet« und von der HuffPost als »noir poet laureate« bezeichnet wurde, hat über dreißig New York Times-Bestseller geschrieben, darunter in Fortführung der Arbeit des verstorbenen Robert B. Parker sechs in der Reihe mit Jesse Stone. Als ehemaliger Vizepräsident der Vereinigung der Mystery Writers of America wurde er viermal mit dem Shamus Award für den besten Detektiv-Roman ausgezeichnet und viermal in drei verschiedenen Kategorien für den Edgar Award nominiert. Darüber hinaus ist er Preisträger des Authors on the Air Book of the Year, Scribe, Audie, Macavity, Barry und des Anthony Awards. Reed lebt mit seiner Frau auf Long Island.
John Highland wird im Gefängnis sterben.
Er wurde des bewaffneten Raubes für schuldig befunden, in diesem Fall des Überfalls auf einen Geldtransporter. Das sind fünfundzwanzig Jahre in einem Bundesgefängnis, was wiederum bedeutet, dass er mindestens fünfundachtzig Prozent der Strafe absitzen muss. Also einundzwanzig Jahre. Da er bereits auf die sechzig zugeht, heißt das, er kommt frühestens mit achtzig raus.
Oder gar nicht.
Der Richter wird ihn wahrscheinlich nach dem Three-Strikes-Gesetz verurteilen und für den Rest seines Lebens hinter Gitter stecken.
Bis zur Urteilsverkündung in einem Monat ist Highland auf Kaution frei, aber er weiß, dass er diese in Handschellen verlassen und direkt in den Knast einfahren wird.
Und dann kommt er nie wieder raus.
»Das ist Fakt«, sagt Highland zu Jamal. Sie stehen draußen auf dem San Clemente Pier und die Sonne glitzert auf dem Pazifik. »Und deshalb muss ich noch ein paar Dinge regeln.«
Jamal versteht ihn falsch: »Keine Angst. Wir finden LeBlanc, um den kümmern wir uns.«
LeBlanc war der Fluchtwagenfahrer bei dem schiefgelaufenen Ding. Das Problem ist: Er ist geflohen, aber allein. Highland ließ er am Tatort zurück und sagte anschließend für die Staatsanwaltschaft aus. Jetzt versteckt er sich irgendwo in Utah oder Arizona und verkauft Teilnutzungsrechte von Ferienhäusern, Aluminiumverkleidungen oder sonst irgendeinen Scheiß.
»Rache ist was für Drehbuchautoren«, sagt Highland. »Ich hab echte Sorgen.«
»Willst du abhauen?«, fragt Jamal.
Highland schüttelt den Kopf. »Ich musste eine Hypothek aufs Haus aufnehmen für die Kaution. Was soll Jewel dann machen, auf der Straße leben? Ich weiß so schon nicht, wovon sie die restlichen Raten abbezahlen soll, die Steuern …«
Zusätzlich zu der Haftstrafe wird nämlich auch noch ein Bußgeld verhängt, ein Betrag von bis zu einer Viertelmillion.
»Tut mir echt leid für dich, John.«
»Ich mach mir vor allem Sorgen um Jewel«, sagt Highland. »Nach dem Leben, das sie meinetwegen hatte, muss ich zumindest dafür sorgen, dass sie in ihren eigenen vier Wänden alt werden kann. Vielleicht lernt sie ja noch mal jemanden kennen, die beiden gehen zusammen am Strand spazieren, spielen Pickleball, beobachten Vögel, keine Ahnung.«
Obwohl sie in Südkalifornien am Strand sitzen, trägt Highland einen grauen Leinenanzug und ein weißes Anzughemd. Sein einziges Zugeständnis sind der offene Kragen und die fehlende Krawatte.
Das ist eine seiner Regeln.
Zieh dich anständig an und arbeite hart.
Jamal ist in einem kurzärmeligen türkisfarbenen Poloshirt und einer khakifarbenen Hose leger gekleidet. Das Shirt versteckt nicht die kleine Wampe, die er sich in den vergangenen Jahren angefuttert hat – anders als sein alter Freund Highland, der auf seine Figur achtet und jeden Morgen ins Fitnessstudio geht, als wär’s eine Kirche.
»Jewel würde nie was mit einem anderen anfangen«, sagt Jamal.
»Sollte sie aber«, widerspricht Highland. »Als ich schon mal acht Jahre gesessen habe, ist sie mir treu geblieben. Ich hab ihr gesagt, das soll sie nicht, sie soll sich jemanden suchen, solange ich im Bau bin.«
»So ist Jewel aber nicht.«
Nein, ist sie nicht, denkt Highland.
Sie ist die Beste.
Sie waren noch Kinder, als sie geheiratet haben, gerade mal neunzehn Jahre alt, und seitdem ist sie mit ihm durch dick und dünn gegangen.
Er hatte gehofft, ihr zum vierzigsten Hochzeitstag eine Reise nach Paris zu schenken.
Daraus wird jetzt nichts.
Er kann nicht mehr für sie tun als sie absichern.
Der größte Teil seines Geldes liegt bei seinen Anwälten auf Tahiti.
Die Honorare, die Gerichtskosten, das Berufungsverfahren, die Kaution – damit sind Highlands Möglichkeiten erschöpft. Er hat den Haftantritt so lange wie möglich hinausgeschoben und jetzt ist er praktisch pleite. Außerdem braucht er Geld für sein Gefängniskonto, weil das einen Riesenunterschied in Hinblick auf die Lebensqualität dort macht. Aber was noch viel wichtiger ist, er braucht Geld, um Jewel ein angenehmes Leben zu ermöglichen.
Außerdem ist da noch was, wenn er ehrlich ist. Und wann, wenn nicht jetzt, willst du ehrlich zu dir sein?, denkt Highland.
Er hat keine Lust, als Loser abzutreten.
Sein Leben lang hat er gegen die ganze Welt gekämpft und meist gewonnen. Gut möglich, dass er auf dem Gebiet der spektakulären Raubüberfälle zu den Erfolgreichsten seiner Branche gehört. Klar, ein paarmal hat er auch verloren, hat seine Strafen abgesessen wie ein Mann, aber meist hat er großes Geld eingesackt und sich damit aus dem Staub gemacht.
Jetzt, zum Schluss, hat doch noch die Welt gesiegt.
Das kann er so nicht stehen lassen.
Es genügt nicht, einfach noch ein letztes Ding zu drehen.
Es muss das größte Ding überhaupt sein.
Wenn er schon den Rest seines Lebens im Knast verbringen soll, dann wenigstens als lebende Legende. Er weiß, dass er noch der Alte ist, dass er’s immer noch draufhat.
John Highland lässt sich von der Welt nicht unterkriegen.
»Vierunddreißig zu achtundzwanzig«, sagt er.
»Was?«, fragt Jamal.
»Vierunddreißig zu achtundzwanzig«, wiederholt Highland.
»Ich kann dir noch immer nicht folgen.«
Highland sagt: »Super Bowl neunzehnhunderteinundfünfzig. Nur noch siebzehn Minuten zu spielen, die Patriots liegen mit achtundzwanzig zu drei zurück.«
»Okay?«
»Und der Endstand?«, fragt Highland. »Vierunddreißig zu achtundzwanzig. Für die Patriots.«
Ich hab auch nur noch siebzehn Minuten zu spielen, denkt Highland.
Und ich liege weit abgeschlagen zurück.
Aber wenn alles vorbei ist, kommt es nur auf den Endstand an.
Highland sagt Jamal, was er im Visier hat.
Jamal starrt ihn nur an.
»Hast du verflucht noch mal den Verstand verloren? Es gibt einen Grund, warum das Castle nie überfallen wurde. Weil das nämlich nicht geht«, sagt Jamal.
Das sehr treffend benannte Casino ist eine Festung oben auf einem Hügel mitten im verfluchten Nirgendwo, auf dem Gelände eines Reservats im Hinterland östlich von San Diego. Eher ungewöhnlich – man fährt etwas über eine Stunde mit dem Auto aus der Innenstadt raus, vorbei an Pferde- und Rinderfarmen, Ureinwohner-Siedlungen, Hügeln und bis zu knapp zweitausend Meter hohen Bergen. Im Winter kann es dort, im südlichsten Teil Kaliforniens, sogar schneien.
Also wozu zum Teufel gibt’s da draußen ein Casino?
Weil die Drogenkonsumenten in den Vereinigten Staaten den mexikanischen Kartellen an die sechzig Milliarden Dollar Umsatz einbringen.
Cash.
Das ist mehr Bargeld, als die mexikanische Wirtschaft aufnehmen kann, weshalb ein Großteil davon wieder in die Staaten zurückfließt und dort gewaschen wird, investiert wird in Immobilien, Banken, Hotels, Restaurants …
Und Casinos.
Ein Casino ist ein riesiger verfluchter Waschsalon.
Der Vorgang ist ganz einfach.
Das Drogengeld wird durch die Hintertür ins Casino gebracht.
Das Kartell schickt Leute, die an ausgewählten Tischen spielen und gewinnen. Vielleicht verlieren sie auch mal was, um den schönen Schein zu wahren, insgesamt aber gewinnen sie bei abgekarteten Spielen. Und zwar sehr hoch.
Sie lassen sich den Wert der Chips in Drogengeld auszahlen, das auf diese Weise quietschsauber an seine ursprünglichen Besitzer zurückgelangt.
Das Casino behält sechs Prozent Bearbeitungsgebühr.
Diese sechs Prozent tauchen nirgendwo auf – nicht in der Buchführung, nicht im Jahresabschluss und ganz bestimmt nicht in der Steuererklärung.
Ob ihnen die vierundneunzig Prozent oder die verbleibenden sechs gestohlen werden, ganz sicher käme keiner der Beteiligten, weder das Kartell noch das Casino, auf die Idee, dies der Polizei zu melden.
Der perfekte Coup.
Nur dass … er unmöglich ist.
Die erste Hürde ist die Lage an einer zweispurigen Straße, die von Norden nach Süden führt, von der eine schmalere, gewundene Straße abzweigt und in Serpentinen zum Parkplatz des Casinos hinaufführt.
Es gibt also nur einen Zufahrtsweg – und was noch entscheidender ist: auch nur einen Weg wieder raus –, der problemlos mit einem einzigen Fahrzeug blockiert werden könnte.
Die Sicherheitskameras auf dem Parkplatz sind an hohen Masten angebracht, sodass sie nicht von Hand ausgeschaltet werden können. Ebenso befinden sich im Gebäude überall Kameras, ein lückenloses »Eye in the sky«-Überwachungssystem, mit dem alle Casinos ausgestattet sind, um eventuell betrügerische Croupiers oder Spieler zu entdecken.
Oder auch hereinstürmende bewaffnete Gangster.
Die Danny-Ocean-Nummer mit Stromausschalten kann man auch vergessen; das Casino verfügt über Notfall-Generatoren, die bei einem Stromausfall automatisch anspringen. Man müsste drei gesonderte Systeme ausschalten, wobei die riesigen Generatoren hinter einem mit Stacheldraht verstärkten Maschendrahtzaun gesichert sind.
Und natürlich hat das Casino auch eigene Sicherheitskräfte, einige davon mit Schusswaffen ausgestattet.
»Was ist mit dem Tresor?«, fragt Jamal.
Es gibt zwei, erklärt Highland – der eine ist für die legale Kohle des Casinos, der andere, in einem besonders gesicherten Hinterzimmer, für das schmutzige Geld. Beide sind modular gebaut, eigens für das Casino, die schweren Stahlwände sind mit verstärktem Beton ummantelt. Dazu schwere Schlösser, Bewegungsmelder, biometrische Scanner an der Tastatur für die Eingabe der Kombination, die nur von Personen bedient werden kann, die sich mittels Fingerabdruck und Netzhautabgleich ausgewiesen und eine Zugangsberechtigung zum Tresorraum erhalten haben.
»Vergiss den Tresor«, sagt Highland. »Wenn das Geld erst mal dort ist, kommen wir nicht mehr dran.«
Sie müssen auf dem Weg dorthin zuschlagen.
Das Kartell verwendet keine Panzerwagen für den Transport des Geldes, weil man nicht auffallen will. Stattdessen werden als Lebensmittellieferungen getarnte Trucks verwendet und die Scheine durch die Küche hereingeschleppt.
»Die Kohle kommt im Kohl«, sagt Jamal.
Highland grinst nicht.
Er hat in Gedanken die zweispurige Straße ungefähr eine Meile vor der Abzweigung zum Casino verlassen. Sie können nicht direkt hinfahren, weil es mit NORA-Gesichtserkennungs-Technologie ausgestattet ist und die sie sofort erfassen würde, die Sicherheitskräfte wüssten in Sekundenbruchteilen Bescheid, dass sich zwei hochkarätige Gangster auf dem Gelände aufhalten.
Das Kartell führt zusätzlich zu den tatsächlichen Lieferungen aber auch noch Testlieferungen durch, erklärt Highland. In manchen Trucks liegt Bargeld, in anderen nicht. Auch Zeiten und Strecken variieren. Manchmal kommen sie über den Grenzübergang San Ysidro, dann wieder über Tecate.
»Reiner Zufall«, sagt Jamal.
»Nichts ist Zufall«, sagt Highland.
Die Leute vom Kartell tracken das Fahrzeug vom ersten Moment an, in dem es Mexiko verlässt. Die Besatzung auf den Trucks wird ständig neu zusammengesetzt, sodass sie einander nie so sehr vertrauen, um gemeinsam ein krummes Ding zu drehen, außerdem haben alle Angehörige in Mexiko, die praktisch als Geiseln dienen. Der Mann auf dem Beifahrersitz ist autorisiert, dem Fahrer den Schädel wegzublasen, sollte dieser Anstalten machen, abtrünnig zu werden. Die Crew wird im Frachtraum eingesperrt und nur die Kontaktperson im Casino kennt die Kombination, um die Tür zu öffnen.
Außerdem ist die Tür von innen verschlossen. Wenn der Truck eintrifft, bekommt der Chef der Crew im Frachtraum einen Code aufs Handy. Ebenso der Kartell-Mann im Casino. Letzterer muss den korrekten Code eingeben, sonst geht die Tür nicht auf und der Laster wendet und fährt ab.
»Dann wartest du also auf sie«, sagt Jamal. »Tauchst plötzlich auf und sprengst die Tür.«
Highland schüttelt den Kopf. »Die Wachleute haben Automatikpistolen und die werden sie benutzen, um das Geld und ihre Familien zu schützen. Ich will kein Blutbad.«
Ich nehme so schon genug Schuld mit ins Grab, denkt er.
Außerdem schickt das Kartell dem Truck noch einen Wagen hinterher, der ihm folgt – einen SUV, voll besetzt mit bewaffneten Typen. Der bleibt mit ein paar Fahrzeuglängen Abstand hinter dem Truck und schließt dann im Verlauf der Serpentinen hoch zum Casino auf.
Würde man den Lieferwagen überfallen, wenn er vor dem Casino hält, würde man nur von hinten niedergemäht werden.
»Es gibt keine Schwachstellen«, sagt Jamal.
Es gibt immer Schwachstellen, denkt Highland.
Das Kartell hat die erste selbst eingebaut, indem der Truck getrackt wird.
Denn es werden erstens nur die Trucks getrackt, die tatsächlich Geld transportieren, nicht die Attrappen, sodass man nur das Trackingsystem hacken muss, um herauszubekommen, in welchem Truck Geld liegt. Zweitens, hat man das System gehackt, weiß man auch genau, wann der Truck kommt.
»Na und?«, fragt Jamal. »Dann weißt du, in welchem Truck Geld liegt und wann er kommt. Aber du kommst trotzdem nicht ran.«
»Wir überfallen nicht den Truck«, sagt Highland.
»Wir knacken nicht den Tresor und wir überfallen nicht den Truck«, sagt Jamal. »Was zum Teufel überfallen wir denn dann?«
Highland ist ein leidenschaftlicher Leser.
Als er das zweite Mal im Gefängnis saß, wurde er Stammkunde der Gefängnisbücherei und machte sich das Lesen zur Gewohnheit.
Am liebsten liest er Bücher über Geschichte.
Insbesondere Militärgeschichte.
Und noch genauer: die Geschichte des Zweiten Weltkriegs.
Highland hat jedes Buch zu diesem Thema in der Bücherei verschlungen, und als er fertig war, fing er wieder von vorne an und las sie alle noch mal. Als er herauskam, kaufte er Bücher und bestückte damit seine Bücherregale zu Hause.
Würde man Highland eine x-beliebige Frage über den Zweiten Weltkrieg stellen, könnte er sie beantworten.
Aber er würde es nicht machen.
Highland ist fest davon überzeugt, dass man Wissen für sich behalten sollte – dass man Leuten, sofern es nicht sein muss, nicht zu erkennen geben darf, was man weiß.
Aber in diesem Fall hält er es für nötig.
»Weißt du, warum«, fragt er Jamal jetzt, »deutsche U-Boote so erfolgreich waren?«
»Nein«, sagt Jamal, »komischerweise weiß ich das nicht.«
»Weil sie an Schifffahrtsstraßen gelauert haben«, sagt Highland.
Er führt weiter aus, dass Konvois mit lebenswichtigem militärischem Nachschub aus den Vereinigten Staaten nach England gefahren sind, aber nicht einfach irgendwo über den Atlantik, sondern je nach Strömungsverhältnissen und Wetter über relativ schmale Schifffahrtswege. Die deutschen U-Boote warteten also einfach an den Schifffahrtsstraßen und schossen sie ab.
»Willst du sagen, dass das Casino-Geld über Schifffahrtsstraßen hier ankommt?«, sagt Jamal.
»Die Lebensmittel-Lieferungen gehen in die Küche.«
»Schon klar.«
»Die können nicht einfach Kisten voller Bargeld als Lebensmittellieferung getarnt durchs Casino schleppen, ohne dass hässliche Fragen aufkommen«, sagt Highland. »Es gibt hinten einen Gang, der von der Küche in den geheimen Tresorraum führt.«
»Und du bist das U-Boot, das im Gang wartet.« Was mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet, denkt Jamal. Wie kommt man denn in den Gang? Und was noch viel wichtiger ist: Wie kommt man wieder raus?
Es gibt noch eine andere, ganz entscheidende Frage.
»Woher hast du diese ganzen Informationen?«, fragt Jamal. »Wen hast du im Casino?«
»Das musst du nicht wissen«, sagt Highland, »solange du mir noch nicht gesagt hast, ob du dabei bist.«
»Wenn ich meinen Arsch bei deiner letzten Nummer riskieren soll«, sagt Jamal, »muss ich das vorher wissen. Betrachte es als Teil der Entscheidungsfindung. Also, wer ist es?«
Summer Redbird verlässt das Casino und geht zu ihrem Wagen, einem schwarzen Mercedes S-Klasse, auf dem Mitarbeiterparkplatz.
Es war ein langer Tag, angefangen hatte er um neun Uhr morgens mit einer Besprechung und jetzt ist es dreiundzwanzig Uhr dreißig. Für Summer ist das ein typischer Tag – als Geschäftsführerin ist sie praktisch für sämtliche Belange der Gäste im Casino, im Hotel und den Restaurants verantwortlich. Außerdem ist es ihre Aufgabe, die millionenschweren Geschäftsleute bei Laune zu halten, damit sie immer wieder kommen und dann andere millionenschwere Geschäftsleute mitbringen.
Summer ist bestens geeignet für den Job. Mit ihren langen Beinen und dem glänzenden schwarzen Haar, ihren dunklen Augen und der eleganten Adlernase erinnert sie an die sexy Version einer indianischen Disney-Prinzessin, auch wenn der letzte Angestellte, der sie »Pocahontas« nannte … Na ja, eigentlich nur »Pocahon…«, weil er nämlich schon gefeuert war, bevor ihm die letzte Silbe über die Lippen kam.
Charmant, teuflisch schlau und mit einem guten Gedächtnis für Zahlen, ist sie jeden Cent ihres Jahresgehalts von fünfundsiebzigtausend Dollar wert, außerdem die Boni, die sie erhält, wenn sie den ATP steigert – die Summe, die die Spieler im Schnitt im Casino lassen –, was ihr jedes Jahr aufs Neue gelingt.
Summer steht auf Geld. Sie weiß genau, was es bedeutet, welches zu haben, weil sie weiß, was es bedeutet, keins zu haben. Als sie hier im Reservat als Tochter zweier Alkoholiker aufwuchs, beschloss sie bereits in jungen Jahren, auf keinen Fall selbst so zu enden. (»Wir sind mit Fertignahrung aufgewachsen«, sagte sie, »nach dem Essen waren wir fertig, aber immer noch ohne Nahrung.«)
Sie lernte fleißig und ergatterte ein Stipendium an der SDSU, machte einen doppelten Abschluss in Betriebswirtschaft und Rechnungswesen, und weil das Casino seine leitenden Stellen zu einem gewissen Prozentsatz mit Leuten aus dem Reservat besetzen muss, lag nahe, dass die Wahl auf Summer fiel. Sie begann als Hostess und arbeitete sich schnell auf ihren jetzigen Posten nach oben.
Und sie macht ihren Job sehr gut.
Ihre Mitarbeiter mögen, bewundern, respektieren und fürchten sie. Letzteres vor allem, weil ihr schnell der Geduldsfaden reißt. »Ich habe es noch nie bereut, jemanden gefeuert zu haben«, sagt sie. »Aber ich habe es schon oft bereut, jemanden nicht viel früher gefeuert zu haben.«
Entweder man macht seinen Job gut, oder man hat keinen mehr.
Aber wenn man ihn gut macht, steht sie voll und ganz hinter einem und verteidigt einen gegenüber den Gästen, der oberen Geschäftsführung und egal wem sonst noch.
Zum Beispiel bei der Besprechung heute Morgen, als Summer mit dem Sicherheitschef aneinandergeriet.
»Ein Gast belästigt immer wieder meine weiblichen Angestellten«, sagte Summer. »Warum unternimmt die Security nichts?«
»Inwiefern ist das eine Sicherheitsbedrohung?«, fragt der Chef der Security zurück.
»Inwiefern denn nicht?«, fragte Summer. »Unsere Mitarbeiterinnen müssen Gästen Drinks bringen können, ohne sich von ihnen begrapschen zu lassen.«
»Und was sollen meine Leute da machen?«
»Den Kerl rausschmeißen«, erwiderte Summer.
»Aber das ist ein Big Player«, wandte der Floor Manager ein. »Haben Sie sich mal angesehen, was der hier regelmäßig verspielt?«
»Habe ich«, sagte Summer. »Und ich kann jederzeit andere gewinnen, die hier ebenso viel Geld lassen, ohne gegenüber meinen Bedienungen übergriffig zu werden.«
»Übergriffig?«, fragte der Floor Manager.
»Genau das.«
Der Chef der Security erwiderte: »Aber in diesem Gewerbe …«
»Schmeißen Sie ihn raus?«, fragte Summer. »Oder soll ich mich darum kümmern? Wenn ich das übernehme, verlässt er das Casino nicht senkrecht, sondern horizontal.«
Und das glaubten sie ihr.
An jenem Nachmittag, einem Mittwoch, kam sie bei ihrer wöchentlichen Golfrunde bis zum neunzehnten Loch.
Highlands und ihr Blick begegneten sich, als sie mit ihrem Arnold-Palmer-Eistee am Nebentisch Platz nahm.
»Wie war die Runde?«, fragte er.
»Suboptimal«, erwiderte Summer, ohne die Gründe weiter auszuführen. »Und Ihre?«
»Ich spiele nicht«, sagte Highland. »Ich seh mir nur gerne den Platz an. Außerdem ist das hier das beste Restaurant der Gegend.«
Er zeigte auf den freien Stuhl an seinem Tisch und sie setzte sich zu ihm.
Summer war es gewohnt, von Männern angesprochen zu werden, und nutzte dies zu ihrem Vorteil. Der Typ ihr gegenüber war teuer gekleidet, möglicherweise doch ein Spieler.
»Das beste Restaurant in der Gegend ist das in meinem Casino«, sagte sie.
»Sie besitzen ein Casino?«
»Ich bin die Geschäftsführerin.«
»Ich wette, Sie sind eine sehr gute«, erwiderte Highland.
»Sehen Sie, jetzt haben Sie schon die erste Wette gewonnen«, sagte Summer. »Blackjack könnte was für Sie sein, aber eigentlich sehe ich Sie eher am Pokertisch.« Dann gab sie ihm ihre Karte.
Highland betrachtete sie.
»Darf ich Sie etwas fragen, Summer Redbird?«, fragte er. »Sind Sie glücklich?«
Mit zweiunddreißig Jahren war Summer landesweit die jüngste Geschäftsführerin eines Casinos.
Aber weiter aufsteigen würde sie niemals.
Gordon Matthews, der Casino-Controller, hatte ihr das erklärt.
»Ich weiß, du willst meinen Job«, hatte er eines Abends bei ein paar Drinks an der Bar zu ihr gesagt.
»Ich will wirklich deinen Job«, sagte Summer. »Aber nicht die Stelle, die du hast. Ich will Controller werden, nur nicht hier.«
»Wo denn?«
»In Las Vegas.«
In einem der großen Casinos.
»Hör auf mich und spar dir den Kummer«, sagte Gordon. »Es gibt Dutzende von indianischen Casinos und wahrscheinlich könntest du überall dort Controller werden. Aber in Vegas? Die Casinos dort werden alle von großen Unternehmen beherrscht, die dich bestenfalls als Spielfigur betrachten. Du bist eine Frau und Native American. Sei zufrieden mit dem, was du hast, Summer.«
Das ärgerte sie. Also sagte sie: »Und wenn ich doch deinen Job haben will?«
Er schenkte ihr ein widerlich anzügliches Lächeln. »Vergiss es.«
Und Summer wusste, warum.
Old Gordo fühlte sich so sicher, weil er der Dreh- und Angelpunkt der Geldwäsche war.
Er war der Mann des Kartells im Casino.
Old Gordo wollte ihr bereits seit zwei Jahren an die Wäsche und wenn er ein paar Drinks getankt hatte, wurde er gesprächig, wollte sie beeindrucken. Er machte versteckte Andeutungen über seine Beziehungen zu gefährlichen, mächtigen Leuten, großem Geld, dunklen Geheimnissen, von denen er ihr nichts verraten dürfe, weil er glaubte, sie würde ihn dadurch unwiderstehlich mysteriös finden.
Natürlich hat Summer sich das meiste längst zusammengereimt, sie ist ja keine Idiotin. Sie kennt jede verfluchte Gabel und jeden Löffel in der Küche, also weiß sie auch, dass was nicht stimmt, wenn »Lebensmittel« geliefert werden, aber in den Kühlräumen oder den Gefriertruhen nichts davon landet.
Und sie hat genau beobachtet, was sich im Casino selbst abspielt. Auch wenn es nicht direkt in ihren Zuständigkeitsbereich fällt – dafür gibt es den Floor Manager –, blieb ihr nicht verborgen, dass gewisse Spieler, die eigentlich nicht hätten gewinnen dürfen, sehr viel Geld mitnahmen, das hinterher nicht in den Abrechnungen auftauchte.
»Kümmere dich um deinen Kram«, hatte Gordon ihr geraten. »Speisen, Getränke, Gastfreundlichkeit, Kundenbeziehungen. Wenn diese millionenschweren Spieler nicht mit dir reden wollen, dann rede nicht mit ihnen.«
Und zu bestimmten Zeiten sei es besser, wenn sie sich verdammt noch mal von der Küche fernhalten würde.
»Was du nicht weißt«, sagte Gordon, der immer für einen dummen Spruch gut war, »macht dich nicht heiß.«
Was vielleicht der dümmste Spruch überhaupt ist.
Denn an dem, was man nicht weiß, kann man sich so was von die Finger verbrennen.
Zum Beispiel wusste Gordon nicht, wie unglücklich Summer war.
Und jetzt sah sie John Highland an. »Ob ich glücklich bin?«
»Sind Sie’s?«
»Nein«, sagte Summer. »Bin ich nicht.«
»Sie können jetzt einfach gehen«, sagte Highland. »Nichts wird geschehen. Sie wissen nicht, wer ich bin, Sie sind keine Bedrohung für mich. Sie sind vollkommen sicher.«
Lange Stille, dann sagte Summer: »Sie sind mir gezielt gefolgt.«
»Es gehört zu meinem Beruf, manche Dinge zu wissen«, sagte Highland. »Sie sind eine herausragende junge Managerin, die unter einem Blödmann wie Gordon Matthews arbeitet, und Sie sind an die gläserne Decke geknallt. Sie verdienen gut, aber nicht wahnsinnig gut, und müssen dabei zusehen, wie Millionen von Dollar durch das Casino geschleust werden, ohne dass etwas davon bei Ihnen hängen bleibt.«
»Dann haben Sie die Gerüchte gehört«, sagte Summer. »Über die Geldwäscherei.«
Die Gerüchte, Castle sei ein Geldwäscheunternehmen des Kartells, machten seit Jahren in der Unterwelt die Runde, aber niemand hat sich je daran gewagt, da das Casino als uneinnehmbar gilt.
»Ist denn was dran?«, fragte Highland.
»Sind Sie von der Polizei?«, fragte Summer zurück.
»Wenn Räuber und Gendarm gespielt wird«, sagte Highland, »gehöre ich eher zu Ersteren.«
Ihre Augen wurden größer.
Aber nur ein kleines bisschen.
»Können wir ihr vertrauen?«, fragt Jamal jetzt.
»Wem können wir schon vertrauen?«, sagt Highland. »Außer uns? Aber was bleibt uns anderes übrig?«
»Es sein zu lassen?«
»Das ist keine Alternative.«
»Eine Bank?«, schlägt Jamal vor. »Ein anderes Casino. Oder von mir aus auch noch mal ein Geldtransporter. Aber doch nicht das.«
»Warum nicht?«
»Weil es unmöglich ist.«
»Genau deshalb sollten wir’s durchziehen«, sagt Highland. »Die halten sich für unantastbar, sind arrogant. Und Arroganz macht leichtsinnig.«
»Selbst wenn wir’s hinbekommen«, sagt Jamal, »sind uns hinterher nicht die Cops oder das FBI auf den Fersen, sondern das Kartell, und das wird niemals Ruhe geben. So ein Risiko kann ich nicht eingehen für einen Anteil von … wie viel werden das sein, drei oder vier Millionen?«
»Wahrscheinlich eher fünf«, sagt Highland. »Dann bist du also raus?«
»Nein«, sagt Jamal. »Ich bin dabei. Ich kann dich das nicht alleine machen lassen.«
Highland ist erleichtert. Er braucht Jamal. Er braucht einen Veteranen, auf den er sich verlassen kann, von dem er weiß, dass er nicht in Panik ausbricht, abhaut oder plötzlich wild um sich schießt. Und dem er vertraut, dass er Jewel ihren Anteil übergeben wird.
Das ist Jamal.
Sie haben sich feierlich versprochen, sollte einem von ihnen etwas passieren, wird der andere sich um dessen Familie kümmern.
Sechs große Dinger haben sie zusammen gedreht.
Und sieben Jahre zusammen in Q gesessen.
Sie sind wie Brüder.
Mehr als Brüder.
Sie gehen alles immer wieder durch.
Der Gang zwischen der Küche und dem Tresorraum ist entscheidend.
Gut, schön.
Aber wie kommen wir da rein?
»Nur Matthews kann die Tür von der Küche zum Gang öffnen«, sagt Highland. »Mit dem Türöffner ist ein Netzhautscanner verbunden.«
»Wir müssen im Gang sein, bevor er die Tür öffnet«, sagt Jamal.
»Ideen?«
»Der Netzhautscanner erfasst nur die Netzhaut, oder?«, fragt Jamal. »Nicht das ganze Gesicht …«
»So hab ich’s verstanden«, sagt Highland. »Aber der Wachmann draußen vor dem Tresorraum hat einen Monitor. Er sieht Matthews, wenn er die Tür öffnet.«
»Eins nach dem anderen«, sagt Jamal. »Ich werde mich mal ein bisschen schlau machen.«
Highland betrachtet das Problem als erledigt. Wenn Jamal sich schlau macht, dann läuft’s. »Jetzt brauchen wir einen Fahrer.«
Isa Almazan tritt aufs Gas.
Mit Wucht.
Der Dodge Charger, der klassische Schlitten der Hollywood-Bösewichte, heult laut auf.
Isa presst sich mit ihren gesamten ein Meter achtundfünfzig tief in den Sitz, umklammert das Lenkrad und steuert auf die Rampe zu, auf der sie ausreichend Schwung bekommen muss, um über den Kanal auf die andere Seite zu fliegen.
Wenn sie falsch aufkommt, auch nur das geringste bisschen danebentrifft, verfehlt der Wagen die Kante gegenüber und kracht gegen die Kanalwand.
Was nicht gut wäre.
Isa trifft die Rampe auf ihrer Seite genau, dann spürt sie, wie der Wagen abhebt. Der natürliche Impuls wäre, nach unten zu gucken, aber sie widersteht ihm, richtet den Blick unverwandt auf ihr Ziel.
Solange du den eigenen Kopf unter Kontrolle hast, das weiß sie, ergibt sich der Rest von allein.
Kontrolliere deine Gedanken, dann fügt sich alles andere.
Wobei sie die andere Seite gar nicht sehen kann – der Wagen ist nach oben gekippt –, aber es ist entscheidend, sich auf die Landung zu fokussieren.
Hauptsache, du stehst die Landung, denkt sie, so wie die Kunstturner.
Jetzt kommt es nur noch auf ihr Selbstvertrauen und ihre Zuversicht an, dass sie alles richtig gemacht hat – alles vorbereitet und dafür gesorgt hat, dass die Mechanik funktioniert, sie ist jeden einzelnen Schritt hundert Mal durchgegangen, sodass bei der Umsetzung eigentlich nur noch ihr Körpergedächtnis zählt.
Es kommt ihr vor, als wäre sie sehr lange in der Luft, dann …
BÄMMM!
Der Wagen kommt auf der gegenüberliegenden Seite auf.
Perfekt.
Aber sie staucht sich den Rücken beim Aufprall, einer ihrer unteren Wirbel wird eingeklemmt, es tut weh und macht ihr Sorgen, denn das Letzte, was sie will, ist eine weitere Operation. Sie hat eine super Krankenversicherung, aber eine OP ist immer riskant, die Reha langwierig und schmerzhaft und sie wird ewig nicht arbeiten können. Lisa, ihre Partnerin, wäre auch genervt.
Isa tritt sanft auf die Bremse, dreht das Lenkrad und bringt den Charger schlitternd zum Stehen.
Dann hört sie Applaus durch ihren winzigen Ohrstöpsel und »Gut! Super gemacht, Isa!«.
»Braucht ihr noch eine?«, fragt sie in das kleine Mikro, das unter ihrer Bluse festgetapt ist.
»Nein, das war perfekt. Die Szene ist im Kasten.«
Schön, denkt Isa. Sie zieht sich die blonde Perücke vom Kopf, die sie der weißen Star-Schauspielerin ähnlicher machen soll, deren Pressesprecherin zweifellos behaupten wird, sie habe ihre Stunts selbst gedreht. Na ja, eigentlich ist die Schauspielerin ganz in Ordnung, denkt Isa, überhaupt keine Diva.
Sie steigt aus dem Wagen und in den Jeep, der jetzt neben ihr hält.
»Super, wie immer!«, sagt Blake, der verantwortliche Stunt-Koordinator, als sie auf der Beifahrerseite einsteigt.
»Was hast du anderes erwartet?«, fragt Isa. »Gibt’s schon Mittag? Ich bin am Verhungern.«
Auf dem Weg zum Mittagstisch erblickt sie einen großen, stämmigen Schwarzen in einem pinken Poloshirt, mit Khakihose und Dodgers-Base-Cap.
»Jamal!«, sagt sie. »Lange nicht gesehen.«
»Zu lange.«
»Willst du mit mir mittagessen?«, fragt Isa.
»Will ich mittagessen?«
»Blöde Frage.«
Sie setzen sich an den Tisch und unterhalten sich bei Chicken Caesar Salad und Eisbechern über alles Mögliche.
So kurz nach der Fastenzeit schlingt Isa gierig alles in sich hinein.
Jamal betrachtet ihre zarte Statur. »Wo steckst du das bloß hin?«
»In die Adrenalinschübe«, sagt sie.
Erst auf dem Weg zurück zu ihrem Trailer fragt Isa: »Also, was führt dich her?«
Weil es nicht nichts sein kann. Jamal Rahim Mobley tut nie etwas ohne Grund.
Jetzt senkt er die Stimme und fragt: »Hast du Lust, einen Arsch voll Geld zu verdienen?«
»Wir brauchen noch einen weiteren bewaffneten Mann«, sagt Jamal.
»Das gefällt mir nicht«, sagt Highland. Jede zusätzliche Waffe erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie benutzt wird.
»Ob es dir gefällt oder nicht«, sagt Jamal, »anders geht’s nicht. Wir werden beide im Gang sein und wir brauchen jemanden, der die Küche kontrolliert. Außerdem brauchen wir zwei Hände mehr, um das ganze Geld rauszuschleppen.«
Highland weiß, dass Jamal recht hat.
Hat er meistens.
Aber das ist ein Problem, weil die meisten, die gut mit einer Pistole umgehen können, sich entweder im Ruhestand oder im Knast befinden. Oder tot sind. Petrocelli lebt irgendwo in Nassau am Strand, Mays sitzt fünfzehn bis zwanzig in Victorville ab und Carlson liegt inzwischen schon seit fünf Jahren auf dem Friedhof in Green-Wood.
»Was ist mit dem Jungen von Mays?«, fragt Jamal. »Colt.«
»Wie alt ist der jetzt? Achtzehn?«
»Eher sechsundzwanzig.«
»Wie ist das denn passiert?«, fragt Highland.
»Ganz von allein«, erwidert Jamal.
»Wenn ich mich richtig erinnere, ist das ein ganz schöner Hitzkopf.«
»Kinder werden erwachsen«, sagt Jamal. »Wir haben es ja auch geschafft.«
»Hat er schon mal was gemacht?«
»Eine Bank draußen in Bisbee«, sagt Jamal. »Eine Truck-Entführung in der Nähe von Redding. Angeblich kamen sie mit Motorrädern angefahren und sind schnell wieder weg. Beide Male clean. Es wurde nicht geschossen.«
Das bedeutet Highland viel. Was man braucht, ist einer mit einer Waffe, der nur abdrückt, wenn es wirklich der allerletzte Ausweg ist. »Weißt du, wo du ihn findest?«
Colt Mays reitet auf einer herrlichen Right-Hand-Break an der Brooks Street in Laguna Beach an den Strand.
Keine große Welle, bestimmt nicht, aber sie hat eine sehr schöne Form.
Er blickt auf und sieht einen Mann in einem grauen Leinenanzug an der betonierten Anlegestelle.
Was ungewöhnlich ist.
Als er mit dem Board unter dem Arm die Stufen hochsteigt, erkennt er ihn. »Uncle John?!«
Colt sieht aus wie sein Vater, denkt Highland. Dieselben pechschwarzen Haare, dunkle Augen, gut aussehend wie ein Filmstar, seine schlanken Muskeln sind sogar noch unter dem blauen Neoprenanzug sichtbar. »Hallo, Colt.«
Plötzlich guckt der Junge besorgt. »Ist mein Dad …«
»Dem geht’s gut«, sagt Highland. »Aber das müsstest du besser wissen als ich.«
Colt grinst. »Wahrscheinlich sollte ich öfter was von mir hören lassen.«
Highland sagt: »Komm, ich lad dich zum Mittagessen ein.«
»Hab ein Mädchen zu Hause, die wartet auf mich.«
»Sie wird es noch eine Stunde aushalten, ohne dass ihr das Herz bricht«, sagt Highland. »Komm, ich lad dich ein.«
»Meine Klamotten sind im Auto.«
Highland wartet, während Colt sich den Neoprenanzug vom Körper schält, ein Handtuch umwickelt und dieses Surfer-Kunststück vollführt, sich anzuziehen, ohne sich zu entblößen.
Highland fährt mit ihm zum Las Brisas, oben auf den Felsen mit Blick über die Bucht, und lässt sich einen Tisch draußen abseits der anderen Gäste geben.
Nachdem sie bestellt haben, kommt Highland direkt zum Punkt. »Uncle Jamal sagt, dass du die Familientradition fortführst.«
»Falls dich mein Vater geschickt hat …«
»Hat er nicht.«
»Und warum bist du dann hier?«, fragt Colt. »Um mich zu warnen? Mir zu erzählen, dass ich genauso enden werde wie er?«
»Nein«, sagt Highland. »Ich bin hier, um herauszufinden, ob es dir ernst ist oder ob du nur den starken Mann markierst.«
»Mir ist es ernst.«
»Kann sein, dass ich was für dich habe«, sagt Highland.
»Was?«
»Fahr zu deinem Dad, besuch ihn«, sagt Highland. »Wenn er dir sein Okay gibt, sprechen wir weiter.«
»Wie finde ich dich?«
»Ich finde dich.« Highland steht auf.
»Was ist mit dem Mittagessen?«
»Kannst meins haben«, sagt Highland. Und geht.
»Ich bin nicht Brando«, sagt Tom Mays am Hörer durch die dicke Glasscheibe zu seinem Sohn, »werde dir nicht sagen, dass ich mir was anderes für dich erhofft habe, dass du Präsident oder Senator werden sollst oder so ein Scheiß. Dafür fehlt’s dir sowieso an Grips.«
»Also Uncle John …«
»Dem würde ich mein Leben anvertrauen«, sagt Tom. »Hab ich ja getan. Also vertrau ich ihm ruhig auch deins an. Aber hör mir zu, du Blödmann. Du tust, was Uncle John und Uncle Jamal dir sagen. Nicht weniger und vor allen Dingen auch nicht mehr. Dann bringst du dich und auch sonst niemanden in … du weißt schon, was ich meine.«
»Ich weiß.«
»Hast du deine Mom in letzter Zeit mal besucht?«
Colt schüttelt den Kopf. »Die poppt jetzt mit einem Immobilienmakler.«
»Pass auf, was du sagst«, fährt Tom ihn an. »Das ist deine Mutter.«
Eine Woche später steigt Colt gerade vor Taco Bell von seiner Kawasaki H2R – ein Viertakt-Supersportler mit dreihundert PS, das schnellste legale Bike –, als ein schwarzer Porsche 911 Carrera neben ihm hält.
Das Fenster auf der Fahrerseite fährt runter.
»Nächsten Dienstag um zehn«, sagt Highland. »Ich hol dich hier ab. Sei pünktlich.«
»Bin ich.«
»Und lass das Bike vorläufig stehen«, sagt Highland. »Das Letzte, was ich brauche, ist ein Schütze mit gebrochenem Handgelenk.«
Fenster fährt hoch, Wagen davon.
Okaaaay, denkt Colt.
Ganz schön weit bis raus nach Brawley.
Wenn man drüber wegfliegt, zum Beispiel auf der kurzen Strecke von San Diego nach Phoenix, blickt man lange auf braune Wüste und sieht dann plötzlich smaragdgrüne Rechtecke um die Stadt Brawley herum.
Alfalfa-Felder.
Während der Wirtschaftsflaute in den Dreißigerjahren wurden Kanäle zum Colorado River gegraben, sodass ein Bewässerungssystem entstand.
Die Rechtecke bleiben nicht einfach so grün. Wenn das Alfalfa nicht mit Schädlingsmittel besprüht wird, überwuchert es giftiges Unkraut.
Und das ist der Grund, warum Highland und Jamal nach Brawley rausfahren.
Sie finden die kleine Piste fünf Meilen außerhalb der Stadt am Ende einer Schotterstraße. Da sind ein Hangar und ein Trailer, der als Büro dient. Harleys Ford F-150 parkt davor.
Ein Flugzeug und ein alter Bell-47-Helikopter, an dem Harley hobbymäßig schraubt, stehen im Hangar.
Harley steigt aus dem Wohnwagen, um sie zu begrüßen.
Dünnes sandfarbenes Haar bis zu den Schultern, Strohhut, alte Stiefel, Joint im Mundwinkel.
Jamal steigt aus dem Wagen. »Hey, Willie Nelson!«
»Mach dich bloß nicht lustig über Willie«, sagt Harley. »Ist immer noch der Beste.«
Nicht ganz klar, wer mehr Gras raucht, denkt Highland, der Red Headed Stranger oder Harley. Aber inzwischen stellt er keine Fragen mehr.
Einmal hatte sich Highland bei Jamal erkundigt: »Kann Harley überhaupt fliegen, wenn er high ist?«
»Keine Ahnung, ich weiß nur, dass er’s nicht kann, wenn er nicht high ist«, hatte Jamal geantwortet.
Wie sich herausstellte, stimmte das.
Harley »Extraction« Jackson kann ein Flugzeug auf dem sechzehnten Green eines Minigolfplatzes landen, und das vollkommen angstfrei.
Vielleicht liegt es am Gras.
Wie er es auch anstellen mag, es gibt einige, die nur deshalb heute noch unter uns sind, weil Harley es in Afghanistan geschafft hat, ein Flugzeug durch schweres Geschützfeuer zu fliegen, am Rand einer Klippe zu landen, dort zu warten, bis alle Verletzten an Bord gebracht wurden, und wieder zum Stützpunkt zurückzufliegen, ohne sich darum zu kümmern, wie zerschossen der Vogel schon war.
Harleys Purple-Heart-Abzeichen liegt irgendwo vergraben in einer Schublade im Trailer.
Jetzt besprüht er Alfalfa-Felder und fliegt hin und wieder mal eine Tonne Marihuana aus Mexiko rüber, das ja nur ein paar Meilen weiter südlich liegt.
»Wer ist das da hinter der getönten Scheibe?«, fragt er. »Wenn Jamal hier ist, muss es John Highland sein. Batman und Robin, auch wenn ich immer nicht sagen kann, wer welcher ist.«
»Wir wechseln uns ab«, sagt Highland und steigt aus. »Wie läuft’s mit der Schädlingsbekämpfung?«
»Scheiße«, sagt Harley. »Heutzutage haben alle Angst vor Glyphosat. Am liebsten würden die das Unkraut einsammeln und umpflanzen. Wollt ihr reinkommen und was rauchen?«
»Rauchen nicht«, sagt Jamal.
»Dann bereitet ihr was vor«, sagt Harley. »Was ist das für ein Job?«
»Was schon?«, sagt Highland. »Geht um eine Extraktion.«
Anders ausgedrückt: Flucht.
Ashvik Patels Büro befindet sich auf der Inlandseite des Pacific Coast Highway in Laguna Beach, oberhalb eines einigermaßen anständigen Cafés und eines noch anständigeren Surf-Shops.
Beide sind wichtig für ihn.
Lebensnotwendig.
Das Büro ist nicht als solches ausgewiesen. Neben der Tür befindet sich nur eine Hausnummer und wenige wissen, was Ash dort eigentlich macht oder in welchem Gewerbe er tätig ist, außer dass es was mit Computern zu tun hat. Dieselben Leute wissen auch, dass Ash (»ich hätte mich auch Vic nennen können, aber Ash war mir lieber«), wenn er nicht in seinem Büro ist, mit seinem Shortboard auf der anderen Seite des PCH ist.
Dichtes schwarzes Haar, anachronistisch, aber sehr wirkungsvoll streng nach hinten gekämmt, Augenbrauen und Wimpern, für die ein Laufsteg-Model töten würde, und dazu ein strahlender Blick, der ihm den Weg in unzählige Schlafzimmer geebnet hat, was ihm den inoffiziellen, aber sehr zutreffenden Titel »schönster heterosexueller Mann in Laguna« eingebracht hat.
»Mit den Schwulen versuche ich erst gar nicht mitzuhalten«, hat Ash gesagt. »Das ist sinnlos, die sind wunderschön.«
Ash hat Aufträge für die Regierung übernommen (das Verteidigungsministerium, die CIA), für ein paar ausländische Staaten und hin und wieder auch für hochrangige Gangster wie Jamal Mobley.
Allen ist gemeinsam, dass sie Ashs Dienste benötigen und sie bezahlen können.
Jetzt trinkt er seinen Cappuccino (anständig, nicht herausragend) und blickt über seinen Schreibtisch hinweg Jamal an.
»Was kann ich für dich tun?«, fragt Ash.
Drei Tage später gibt Jamal ihm ein Handy mit einem Foto von der Tür, die von der Küche in den Tresorgang führt.
Ash wirft einen kurzen Blick darauf und sagt: »Hast Glück. Das Baby kenne ich. Im mittleren Technologiebereich gehören die Dinger zu den besseren – es wird aber nur die Netzhaut gelesen, nicht das Gesicht überprüft. Ich brauche eine hochauflösende digitale Nahaufnahme von Matthews’ Augen.«
»Wenn ich dir so was besorge«, fragt Jamal, »kannst du dann den Scanner überlisten?«
»Wird nicht billig«, sagt Ash.
»Ich gönn mir ja sonst nichts«, sagt Jamal.
Gordo ist völlig weggetreten.
Ich hab ihn tatsächlich bewusstlos gevögelt, denkt Summer.
Sie holt seine Hose vom Stuhl und findet sein Handy in der Tasche. Dreht sich noch einmal um und vergewissert sich, dass er wirklich nichts mitbekommt, und ruft die Nummer an, die Jamal ihr gegeben hat. Als die Verbindung steht, beendet sie sie sofort wieder, steckt das Handy zurück in die Tasche.
Dann nimmt sie ihr eigenes Telefon und setzt sich rittlings auf ihn. »Gordon!«
Gordon Matthews schlägt erschrocken die Augen auf. »Was zum …«
Summer macht ein Foto mit ihrem Handy.
»Wollte nur ein Souvenir«, sagt sie. Dann steigt sie von ihm ab und zieht sich an. Das Ganze ist Summers Antwort auf die lahme alte Partyfrage, was man für eine Million Dollar machen würde – oder besser gesagt mit wem.
Sie befinden sich in einem unvermieteten Hotelzimmer im Castle, das sie sich für diesen Zweck gesichert hatten.
»Von meinem Schwanz hast du aber kein Bild gemacht, oder?«, fragt Matthews.
»Gibt hier leider keine Vergrößerungsfunktion«, sagt Summer. »Also nein.«
»Na super«, sagt Matthews. »Und wie viele Erinnerungsfotos hast du insgesamt auf deinem Handy?«
»Hab sie nicht gezählt.«
»Doch so viele, hm?«
»Spar dir das Slut-Shaming«, sagt Summer und knöpft sich die Bluse zu.
Er betrachtet sie anzüglich. »Und? Wie war ich?«
»Ganz gut.«
»Ganz gut?«
»Gut heißt gut«, sagt Summer. »Freu dich.«
»Wie sieht’s aus, heute nach der Arbeit?«, fragt Matthews.
»Das war eine einmalige Sache«, sagt Summer. »Wir wollten es beide aus dem Kopf bekommen und das ist mir ausgezeichnet geglückt.«
»Mir aber vielleicht noch nicht.«
»Ist nicht mein Problem, Gordo.«
»Für eine, die Summer heißt, bist du ziemlich eiskalt.«
