The Hunting Moon - Susan Dennard - E-Book

The Hunting Moon E-Book

Susan Dennard

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Beschreibung

Winnie Wednesday hat alles erreicht, was sie sich je gewünscht hat. Sie hat die tödlichen Hunterprüfungen bestanden und ihre Familie wurde wieder in die Reihen der Luminaries aufgenommen. Doch nichts davon fühlt sich richtig an. Zum einen glaubt ihr niemand, was das neue Albtraumwesen betrifft – den sogenannten »Flüsterer«, der jede Nacht Jäger tötet. Zum anderen liefern die verworrenen Hinweise ihres Vaters über die Dianas mehr Fragen als Antworten. Während sich Leichen und Geheimnisse in der Stadt häufen, beginnt Winnie zu hinterfragen, was es wirklich bedeutet, eine echte Wednesday und eine wahre Luminary zu sein – und vor allem, wo ihre mutige Loyalität letztlich liegen muss.

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2026

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The Hunting Moon
The Hunting Moon
Danksagung

Susan Dennard

The Hunting Moon

(Band 2)

Übersetzt von Lydia Borsboom

The Hunting Moon

(The Luminaries Reihe)

Copyright © THE HUNTING MOON by Susan Dennard

The moral rights of the author have been asserted

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel

»The Hunting Moon«

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright der deutschen Ausgabe © 2026 The Hunting Moon

by VAJOSH Verlag GmbH

Druck und Verarbeitung:

FINIDR, s.r.o.

Lípová 1965  

737 01 Český Těšín

Czech republic

Übersetzung: Lydia Borsboom

Korrektorat: Lisa Schönfeld

Umschlaggestaltung: Lesley Worrell und Sasha Vinogradova

Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz

VAJOSH Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH

Für Erin,

einem nerdigen Monday mit einem fürsorglichen Sunday-Herzen

An ihrem zwölften Geburtstag kommen die Dianas, um sie zu holen.

Sie schicken wie üblich eine Krähe mit einem Medaillon im Schnabel zu ihrem Fenster, denn es besteht die Möglichkeit, dass sie, wie die Schwester des Mädchens, sich ihnen anschließen will. Die Hexen kommen jedoch etwa drei Wochen zu spät, und als das Mädchen die Krähe draußen sieht, öffnet sie ihr Fenster nicht. Sie nimmt das Medaillon nicht an sich.

So sehr sie sich auch danach sehnt, dass die Flammen der Magie durch ihre Fingerspitzen brennen, hat sie kein Interesse daran, eine kontrollierende Gesellschaft gegen eine andere einzutauschen.

Tradition ist dicker als Blut. Das hat der Vater ihrer besten Freundin immer gesagt, und das Mädchen weiß, dass es nur allzu wahr ist. Erstickend wahr, wie Sargwände, die einen lebendig begraben.

Sie braucht sie nicht, weder die Hexen noch die Luminaries, denn sie hat den Zauber, den ihre Schwester hinterlassen hat, bevor sie verraten wurde. Und sie hat einen Plan. Einen sorgfältigen, akribischen Plan, dessen Umsetzung Jahre dauern wird …

Und der jeden vernichten wird, der es gewagt hat, ihrer Schwester etwas anzutun.

Einen nach dem anderen. Wie Insekten, die sich in einem Spinnennetz winden.

Einen nach dem anderen, als Rache für das reine Herz des Waldes.

Der Junge erwacht neben einer Hemlocktanne im Wald. Er weiß nicht, wie er dorthin gekommen ist oder wie lange er schon dort liegt. Er trägt noch seinen Pyjama – den mit Wolverine darauf – und seine Füße sind schmutzig und eiskalt.

Sein Herz sinkt ihm in die Hose. Er zieht seine Beine an, um aufzustehen, aber die Angst lähmt seine Gelenke, seinen unteren Rücken, seinen Schädel.

Der Wald, der Wald, warum ist er im Wald? Und was, wenn ihn jemand hier findet?

Seine nackten Füße stoßen gegen etwas, als er sich nach oben kämpft. Es ist der Knochen eines Wolfskiefers. Derselbe Wolfskiefer, der vor vier Tagen zum ersten Mal in seinem Schlafzimmer aufgetaucht war und ihm gesagt hatte, dass der Wald ihn holen würde.

Der Junge weiß jetzt genau, was das bedeuten muss, genau, wie er ihn geholt hat. Er versteht nicht, warum, er versteht nicht, wie das funktioniert, und er kann sich an nichts erinnern, was in der Nacht zuvor geschehen ist. Doch er spürt tief in seinem Inneren, dass das, was aus ihm geworden ist, die Wahrheit ist.

Er ist kein Spatz mehr, er ist ein Wolf.

Er ist kein Junge mehr, er ist ein Albtraum.

Er schnappt sich den Kiefer. Er ist mit etwas verschmiert, das Blut sein könnte oder auch nur Nebel, der sich mit dem roten Lehm unter seinen Zehen vermischt hat. Dann rennt er mit dem gekrümmten Knochen fest in seiner Hand nach Osten, in Richtung der aufgehenden Sonne.

Er betet, dass dies der richtige Weg nach Hause ist.

Diese Geschichte beginnt mit einer Beerdigung in einer Stadt, in der die Einwohner ihre Toten nicht begraben. Schließlich hat der nahegelegene Wald die unangenehme Angewohnheit, die Leichen wieder zum Leben zu erwecken.

Diese Leiche ist für Winnie Wednesday ein Fremder. Von Grayson Friday hatte sie natürlich gehört. Er war derjenige, der als Erster in das alte Museum im Süden der Stadt eingebrochen war und es in den Feierort verwandelt hatte. Außerdem schlich er sich in die Clans, um Bannerwappen zu stehlen, nur um zu zeigen, dass er es konnte. Und dann gab es da noch die eine Geschichte, die sich laut einer lokalen Legende so zugetragen haben soll: Er habe einen Tuesday-Hummer gestohlen und ihn direkt vom Staudamm gestürzt – während er noch darin saß.

Doch trotz allem, was Winnie über Grayson weiß, hat sie noch nie in ihrem Leben mit dem Mann mit dem torfbraunen Haar und den leuchtend grünen Augen gesprochen.

Und jetzt wird sie es auch nie mehr tun.

»Alles in Ordnung?«, fragt Mom und schaut Winnie mit zusammengekniffenen Augen an. Sie und Winnie sind im Wald und gehen auf das westliche Ufer des Großen Sees zu.

»Ja«, lügt Winnie. »Mir geht es gut.« Es ist keine gute Lüge, und ihre Mom glaubt ihr definitiv nicht.

»Du musst nicht mitkommen.«

»Doch.« Winnie weicht ihrem Blick aus. Für Jay muss sie kommen. Sie ist wieder mit ihm befreundet, also sollte sie hier sein. Grayson Friday war schließlich sein Führender Hunter. »Du kannst nach Hause gehen«, drängt Mama, »ich fahre mit Rachel mit –« »Nein.« Winnies Stimme klingt schärfer als beabsichtigt. Von hinten kommen Leute den Weg herauf; sie will sich nicht mit ihnen herumschlagen. Dank Johnny Saturday, der sie vor fünf Tagen in einer Nachrichtensendung als »das Mädchen, das gesprungen ist« bezeichnet hat, ist sie derzeit so etwas wie eine lokale Berühmtheit in Hemlock Falls. Jeder will etwas von ihrem Ruhm abbekommen.

Denn vor zehn Nächten hat Winnie ihre dritte Prüfung bestanden, Emma Wednesday mit einer Banshee-Klaue das Leben gerettet, sich von den Wasserfällen des Großen Sees gestürzt und wurde von einem Werwolf gebissen, ohne dabei dessen Albtraum-Mutation zu übernehmen und selbst zu einem zu werden.

Das ist aufregend und eines Groschenromans würdig – oder einer wiederholten Meldung in den Abendnachrichten …

Nur, dass die Hälfte der Geschichte fehlt.

Emma wäre nicht im Wald gewesen, wenn sie gewusst hätte, wie schlecht Winnie wirklich im Jagen ist. Winnie sprang nur von dem Wasserfall, weil der Flüsterer – ein Albtraum, an den niemand glaubt – sie dorthin getrieben hatte. Und was den Werwolfbiss angeht … Nun, an diesen Teil kann sich Winnie nicht erinnern. Fast alles, was nach ihrem Sturz ins Wasser passiert ist, ist vergessen, ausgelöscht, verloren.

Was die ganze Berühmtheitssache nur noch schlimmer macht. Sie ist eine ständige Erinnerung an das klaffende Loch in ihrem Gehirn.

»Nimm das«, sagt ihre Mom und unterbricht damit die Gedankenspirale, die Winnie in letzter Zeit fast stündlich beschäftigt. Sie zieht den Volvo-Schlüssel aus ihrer Tasche. »Wenn es dir zu viel wird, fahr einfach zurück, okay?«

»Es wird nicht zu viel werden«, entgegnet Winnie, obwohl sie die Schlüssel nimmt und in ihre eigene Tasche steckt. Wenn auch nur, um dieses Gespräch zu beenden.

Wie ihre Mom trägt Winnie unter ihrer Jacke komplett schwarze Kleidung, obwohl ihre schwarze Jeans mittlerweile eher zu einem grauen Melange verblasst ist. Ihre Füße, die in den Kampfstiefeln stecken, die sie bei ihrer zweiten Prüfung trug, stampfen in einem gleichmäßigen, uneleganten Rhythmus den Weg entlang. Die Schritte ihrer Mom hinter ihr sind leiser. Schließlich verlassen sie den Wald und der gesamte Große See erstreckt sich vor ihnen. Das Wasser ist um diese Uhrzeit dunkel, die Oberfläche kräuselt und windet sich wie Basilisken-Schuppen – alles bewegt sich nach Süden, in Richtung Wasserfall. Sprühnebel steigt vom Abgrund auf wie Fliegen von einer Leiche.

»Hey«, sagt Mom und greift nach Winnies Oberarm. Winnie zuckt zusammen. »Lass uns zurückgehen.«

Winnie ist stehen geblieben. Sie hat es nicht bemerkt. Ihre Füße bewegen sich … einfach nicht mehr. »Nein.« Sie schüttelt den Kopf. Das hier ist seltsam. Sie, Winnie, verhält sich seltsam, und sie muss sich zusammenreißen.

Es ist ja nicht so, als wäre sie noch nie auf einer Beerdigung eines Hunters gewesen.

Zwanzig Schritte bringen Winnie und ihre Mom zu der formlosen Menschenwolke, die sich am schlammigen Ufer des Großen Sees versammelt hat, wie zwei Bakterien, die in eine Kolonie gesaugt wurden. Es sind mehr Luminaries, als Winnie bei einer Beerdigung des kleinsten Clans erwartet hätte, obwohl die Tuesday-Skorpione die Zahl natürlich erhöhen. Sie gruppieren sich mit ihren Tarnanzügen und den um ihren Körper geschnallten Waffen um die Ränder.

Winnie kann nicht sagen, ob sie wegen der Zeremonie hier sind oder weil ihre tägliche Route sie zufällig hierher führt. Ihre Gesichter sind hinter den glänzenden, braunen, panzerartigen Helmen verborgen, die sie immer tragen.

Bedrohliche Helme. Kleine Schilde, die etwas verbergen sollen.

Das sind die Alphas – ein besonderer Zweig des kriegerischen Tuesday-Clans, der sich um alle Albträume kümmert, die aus dem Wald entkommen. Oder, wie die Alphas in letzter Zeit eingesetzt werden, um den Wald aufgrund von Tagwandlern zu überwachen.

Gespräche schwirren um Winnie herum. Sie hört, wie jemand den Werwolf erwähnt und dass er seiner gerechten Strafe zugeführt werden muss. Dann beschwert sich jemand anderes, dass der Rat nichts auf die Reihe bekommt – und hey, hast du gestern Abend Johnnys Interview mit Dryden gesehen? Was für ein Desaster. Aber wenigstens wurde der Maskenball nicht abgesagt.

Winnie bekommt schon vom Zuhören ein Schleudertrauma. Werwolf, Werwolf … Maskenball! Werwolf, Werwolf … Maskenball! Dunkelheit, Dunkelheit, Licht!

Sie sollte es inzwischen gewohnt sein.

Es ist acht Tage her, seit sie Tante Rachel die Wahrheit über den Banshee-Kopf erzählt hat. Acht Tage, seit Tante Rachel Winnie gebeten hat, niemandem etwas davon zu sagen. Und acht Tage, seit Winnie akzeptieren musste, dass es niemanden – absolut niemanden – in dieser Stadt interessiert, dass sie und Emma Wednesday fast gestorben wären.

Die Leute haben Winnie sogar gefragt, ob es Spaß gemacht habe, von dem Wasserfall zu springen.

Spaß dabei, fast in den Tod zu springen? Dunkelheit, Dunkelheit, Licht!

Winnie reißt sich die Brille vom Gesicht und runzelt die Stirn, während sie auf die Gläser schaut. Sie sind sauber, aber sie reibt sie trotzdem, bis Lizzy Friday sich räuspert.

Dann setzt Winnie ihre Brille wieder auf, um sich die Beerdigung anzusehen. Ihr Herz schlägt schneller, als es sollte.

Lizzy steht am Seeufer, wenige Schritte hinter ihr plätschern sanfte Wellen, winzige Tentakel suchen nach ihrer nächsten Mahlzeit. Sie trägt eine schlichte schwarze Bluse, die in eine praktische schwarze Hose gesteckt ist, und sieht eher aus wie eine Verkehrspolizistin und nicht wie die Anführerin des Friday-Clans, die gerade um einen Verstorbenen trauert. In einem Arm hält sie eine Keramikurne.

»Danke, dass ihr gekommen seid«, sagt Lizzy, und die Menge verstummt. Jetzt erfüllt nur noch das Rauschen des Wasserfalls den Nachmittagshimmel. »Grayson hätte sich gefreut, zu wissen, dass er so beliebt war.« Sie lächelt, und ein paar Leute lachen.

»Grayson starb bei dem, was er liebte«, fährt Lizzy fort. »Er starb als Held, der uns vor dem Wald beschützte. Und obwohl niemand außerhalb von Hemlock Falls das jemals erfahren wird, starb er auch, um sie zu beschützen.«

Graysons Mutter verschluckt sich bei diesen Worten. Sie steht ganz vorn in der Menge, den Rücken kerzengerade, als würde sie sich noch immer auf schlechte Nachrichten gefasst machen. Als hätte sie noch nicht erfahren, dass ihr einziger Sohn gestorben ist, aber sie weiß, dass diese Nachricht noch kommen wird.

Wednesdays Mom und Ms. Friday gingen zusammen zur Schule; Grayson ist nur wenig älter als Darian.

War nur ein wenig älter als Darian.

Zwei Jahre lang war Grayson der Führende Hunter der Fridays. Jetzt wird er nur noch einer von Tausenden Namen sein, die in eine Wand im Rathaus der Innenstadt gemeißelt sind, und am nächsten Freitagabend – in nur sechs Tagen – wird der neue Führende Hunter seinen Platz im Wald einnehmen.

Der neue Führende Hunter steht mit gesenktem Kopf neben seiner Tante am Ufer. Er bewegt sich nicht, während Lizzy spricht. Er ist still wie der Wald. Still wie eine Leiche, die in der Leichenhalle aufgebahrt wird.

Die Ärmel seines Anzugs sind zu kurz, was darauf hindeutet, dass er ihn sich geliehen hat, und Winnie bezweifelt, dass Jay in den letzten vierundzwanzig Stunden geschlafen hat. Grayson ist erst letzte Nacht gestorben, sein Körper war so verstümmelt, dass Jay ihn nur anhand des Rings an einem Finger identifizieren konnte, der in der Nähe lag.

Winnie fragt sich, wer Graysons Überreste für die Verbrennung eingesammelt hat. Beerdigungen müssen in Hemlock Falls schnell stattfinden, bevor der Wald einen Wiedergänger hervorbringen kann.

Sie hofft, dass keine Teile von Grayson zurückgelassen wurden.

»Integrität in allem«, sagt Lizzy und beendet ihre Trauerrede mit dem Motto des Friday-Clans. »Ehrlichkeit bis zum Ende. Möge Grayson Alexander Friday in seinem langen Schlaf im Herzen des Waldes Frieden finden.«

Alle murmeln diese Worte nach.

Alle außer Winnie.

Denn Grayson Friday schläft nicht. Er findet keinen Frieden. Und was auch immer er vor zwei Tagen war, jetzt ist er nichts weiter als Fischfutter, das in einem Aquarium schwimmt.

Winnie wartet, bis alle Trauerreden vorbei sind und Graysons Asche in die herzlose Tiefe gesunken ist. Erst dann geht sie zu Jay. Er hat sich vom See entfernt und in den Schatten einer alten Hemlocktanne gekauert. Hätte Winnie ihn nicht vom Ufer aus beobachtet, hätte sie ihn dort vielleicht nie bemerkt.

Er sieht aus wie immer, mit blutunterlaufenen Augen und einem eingefallenen Gesicht. Wenn Winnie nicht wüsste, dass er gerade auf der Jagd war, würde sie denken, er hätte die ganze Nacht getrunken. Sein Haar ist noch feucht – als wäre er gerade aus der Dusche gekommen, wo er alle Spuren des Waldes und des Todes abgewaschen hat.

»Danke, dass du gekommen bist«, sagt er zu ihr. Seine Augen sind heute trüb und grau, von roten Rändern umrandet. Sie vermutet, dass er geweint hat.

In Winnie brodeln die Fragen: Bitte sag mir, dass du den Flüsterer gesehen hast. Bitte sag mir, dass es nicht der Werwolf war und ich nicht verrückt bin. Ein Werwolf hat das nicht getan. Bitte sag mir, dass es der Flüsterer war.

Winnie schluckt diese Worte, fettig und heiß. Sie kann sie jetzt nicht aussprechen, nicht jetzt, wo Jay einfach nur versucht, einen Tag zu überstehen, der zu schwer ist.

»Es tut mir … wirklich leid«, sagt Winnie stattdessen. »Wenn du was brauchst, weißt du … äh, wo du mich finden kannst.«

Jay nickt abgelenkt und spielt mit der Uhr seines Vaters. Sein Blick gleitet hinter Winnie, wo sich eine Schlange bildet. Hunter und Clanmitglieder, die ihr Beileid bekunden wollen, … aber auch ihre Glückwünsche. Denn wenn ein Führender Hunter geht, muss ein anderer seinen Platz einnehmen.

Jays Schultern sinken um einen Zentimeter. Der Junge, der nichts anderes tut, als sich vor seiner Verantwortung zu drücken, steht nun vor einer riesigen Aufgabe. Er muss das Training des Clans organisieren, Termine, Ausrüstung und Sicherheit koordinieren und jeden Freitagabend die Hunter in den Wald führen, wohl wissend, dass sie wie Grayson enden könnten.

Und dass auch er wie Grayson enden könnte.

»Jay«, sagt eine neue Stimme, dünn und kratzig. Winnie dreht sich um und sieht Jays Großtante Linda, die sich hineindrängt und nach Jays Händen greift. Also schenkt Winnie ihm ein knappes Lächeln und geht weiter.

Ein kurzer Blick zeigt ihr, dass ihre Mom mit einem Alpha namens Isaac Tuesday spricht, der zusammen mit Darian seinen Abschluss gemacht hat. Die Augen ihrer Mom leuchten. Sie ist froh, hier zu sein, auch wenn es eine Beerdigung ist, denn sie glaubt an den langen Schlaf, das Gleichgewicht und den Tod, der Teil des Lebens ist.

Und glaube ich nicht auch daran?

»Hey, Winnie.«

Winnie dreht sich um und sieht, dass Tante Rachel sich durch die Menge gedrängt hat, um neben ihr zu stehen. Sie ist fast genauso gekleidet wie Winnies Mom, und Winnie fragt sich unwillkürlich, ob sie ihre Outfits vielleicht gleichzeitig gekauft haben – damals, als sie nicht nur zusammen auf die Jagd gegangen sind, sondern auch beste Freundinnen waren.

»Hallo.« Winnie versucht es mit einem Lächeln. Es kommt jedoch keines hervor.

»Hast du Grayson gekannt?« Rachel neigt ihren Kopf in Richtung See, als ob die Asche noch etwas von ihm enthalten würde.

Das tut sie nicht.

»Nein«, gibt Winnie zu. »Ich dachte nur, ich … sollte Jay unterstützen.« Und was für eine tolle Arbeit ich dabei geleistet habe. »Ich nehme an, du kanntest Grayson?«

»Ja. Führende Hunter – wir beraten uns ziemlich regelmäßig.« Rachel seufzt und steckt ihre Hände in die Manteltaschen. »Er war gut. Wirklich gut. Es ist, äh, beängstigend, wie schnell sich die Dinge gegen einen wenden können.« Während sie das sagt, kann Winnie die Albträume in Rachels Augen förmlich sehen. All die Male, als sie – genau wie Winnie – eigentlich nicht lebend aus dem Wald hätte herauskommen dürfen.

Nach ein paar Sekunden rollt Rachel jedoch mit den Schultern und nimmt eine effiziente Haltung ein. Als würde ihr Knochengerüst ihr sagen: Es ist keine Zeit für Schatten. Sondere sie ab und geh zurück in die Sonne.

»Hör mal«, beginnt Rachel, »es ist völlig in Ordnung, wenn du jetzt nicht an der Wednesday-Jagd teilnehmen möchtest –«

Die Art, wie sie das sagt, klingt aber nicht ganz so, als wäre es völlig in Ordnung.

»– aber die Clans brauchen jemanden, der sich um die Leichen kümmert. Wir haben momentan so viele tote Albträume zu beseitigen, weil die Zahl der Hunter so stark angestiegen ist. Kannst du dich am Donnerstagmorgen dem Team anschließen? Du musst nicht wieder die Leitung übernehmen, aber wir könnten wirklich Hilfe gebrauchen.«

In diesem Moment hat Winnie zwei Gedanken. Erstens, dass sie auf keinen Fall mehr Zeit als nötig mit Rachels Sohn Marcus verbringen will, der sich am Donnerstagmorgen zweifellos auch um die Leichen kümmern wird.

Zweitens ist sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt noch in den Wald zurückkehren will, wenn er sie weiterhin so fühlen lässt. Das wird aber nicht der Fall sein. Du benimmst dich nur komisch und das ist eine einmalige Sache.

Außer … war der Wasserfall schon immer so laut?

Rachel räuspert sich. Winnie merkt, dass sie in die Luft gestarrt hat. Möglicherweise sogar mit finsterem Blick. Sie blinzelt. »Ja. Das kann ich machen, Tante Rachel.«

»Großartig.« Rachel reibt sich die Hände. »Das weiß ich zu schätzen. Und wenn du bereit bist, mich auf der Jagd zu begleiten, sag mir einfach Bescheid. Ohne Druck.«

Aber es ist definitiv auch etwas Druck dabei.

Als Rachel davongeht, ist Winnie erneut von der völligen Gegensätzlichkeit der Situation erschüttert. Rachel hat gerade ihre Nichte dazu angestiftet, genau das zu tun, was zu Graysons brutalem Tod geführt hat … und das während seiner Beerdigung. Und obwohl Winnie gerade ganze dreißig Schritte von Jay entfernt ist, kann sie eine unbekannte Stimme hören, die laut ruft: »Herzlichen Glückwunsch, junger Mann. Der jüngste Führende Hunter in Hemlock Falls. Du musst so stolz sein.«

Nein, denkt Winnie, während sie von alledem davonstürmt, um auf dem Parkplatz Einsamkeit zu suchen. Er ist nicht stolz. Und der Sprung hat keinen Spaß gemacht. Und Grayson schläft nicht. Und der Maskenball der Albträume sollte nicht in zwei Wochen stattfinden.

Doch selbst als diese Gedanken wie helle, brennende Meteoriten nacheinander durch Winnies Kopf schießen, weiß sie, dass die besseren Gedanken – die besseren Fragen, die sie sich eigentlich stellen sollte – lauten: Was stimmt nicht mit mir? Warum kann ich nicht wie alle anderen Dinge voneinander trennen? Und warum verhalte ich mich nicht wie eine Luminary?

Winnie ist noch nicht lange beim Volvo, als ihre Mom zu ihr kommt. Ein Blick auf Winnies Gesicht, mit ihren klappernden Vorderzähnen und den vor lauter Emotionen geröteten Wangen, reicht ihrer Mom, um zu beschließen, lieber zu schweigen.

Gott sei Dank. Winnie weiß nicht, was sie sagen soll, wenn sie jetzt sprechen muss. Sie fühlt sich, als ob ein Stück von Grayson Friday in ihr stecken geblieben wäre. Als ob seine Asche Granatsplitter wären, die sich so tief eingegraben haben, dass sie sie nie wieder herausholen kann.

Oder vielleicht ist es nur die wachsende Erkenntnis, dass sie nicht besonders gut darin ist, eine Luminary zu sein.

Oder vielleicht hat sie einfach nur Hunger und hätte das Frühstück nicht auslassen sollen. »Du fährst«, sagt ihre Mom, und obwohl das Letzte, was Winnie jetzt tun möchte, ist, sich darauf zu konzentrieren, den Volvo in den zweiten Gang zu schalten, ohne auf halber Höhe des Damms abzusaufen, braucht sie die Ablenkung.

Und zu ihrer Überraschung ist es sogar irgendwie beruhigend. Kupplung rein. Gang schalten. Kupplung raus. Das hat einen Rhythmus, der ihr Herz beruhigt. Rein. Schalten. Raus.

Umgestürzte Äste liegen verstreut am Rand der Schotterstraße, die aus dem Wald nach Süden führt. Dann fahren sie am Tuesday-Anwesen vorbei, das ganz auf Zweckmäßigkeit ausgelegt ist – eher ein Bunker als eine schicke Villa.

»Willst du reden?«, fragt ihre Mom, als sie ohne Probleme mit der Gangschaltung am Monday-Anwesen vorbeikommen, während morgendlicher Nebel durch das campusähnliche Gelände zieht.

»Ja«, antwortet Winnie schließlich. »Alles in Ordnung. Es war nur … viel.« Sie hofft, dass ihre Mom das auf die Beerdigung im Allgemeinen bezieht; sie möchte wirklich nicht über Jays tränenfeuchte Augen oder die Tatsache sprechen, dass der Wasserfall so sehr nach Tod geklungen hat. Glücklicherweise versteht ihre Mom sie falsch. »Ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich erleichtert bin, dass du noch nicht auf der Jagd bist, Winnebago. Wenn deine Prüfung nur ein bisschen anders verlaufen wäre …«

Ihre Mom beendet den Gedanken nicht, und das muss sie auch nicht.

»Bis dieser Werwolf getötet ist«, fährt ihre Mom fort, »bin ich dankbar, dass du nicht im Wald bist. Du hast doch nicht vor, in nächster Zeit auf die Jagd zu gehen, oder?« Sie fixiert Winnie mit einem laserartigen Blick, und Winnies Finger krallen sich so fest um das Lenkrad, dass ihre Knöchel weiß werden.

Denn da ist es, genau dort. Ein weiteres Stück eiternder Granatsplitter: Nicht einmal ihre eigene Mom glaubt ihr etwas über den Flüsterer, und es sind gedankenlose kleine Bemerkungen wie diese, die sie immer wieder verraten.

Gott, ich hoffe, sie fangen diesen Werwolf, sagte sie gestern Abend nach Drydens Interview in den Nachrichten.

Wenn man bedenkt, dass er einfach da draußen unter uns herumläuft. Dieser Kommentar kam letzten Donnerstag.

Und: Ich bin so froh, dass der Werwolf dich nicht erwischt hat, Winnie. Das war letzten Sonntag, Winnies dritter Tag zu Hause nach dem Krankenhausaufenthalt.

Winnie dreht ihren Kopf nicht. Sie sieht ihrer Mom nicht in die Augen. »Nein«, sagt sie mit möglichst wenig Betonung. »Ich habe nicht vor, in nächster Zeit auf die Jagd zu gehen.«

Winnie und Mom verlassen die letzten Bäume. Zu ihrer Linken ist der Kleine See heute Morgen fast blau. Er ist das Gegenteil vom Großen See. Fröhlich statt bedrückend, einladend statt grausam. Winnie muss sich fragen, ob Grayson Friday wirklich dort ins Wasser gefahren ist. Wenn ja, bedeutet das, dass immer noch ein Hummer auf dem Grund des Sees liegt?

Winnie hofft irgendwie, dass es so ist. Aus irgendeinem Grund fühlt sich das richtig an: eine Statue, die niemand sehen kann, für einen Mann, mit dem niemand mehr sprechen wird.

Werwölfe, Werwesen: Tagsüber ein Mensch, nachts ein Monster – diese seltenen Tagwandler passen sich leicht an und sind in ihrer Tagesform nicht von anderen Menschen zu unterscheiden. Außerdem werden sie zu Unrecht des Mordes an Grayson Friday beschuldigt.

Flüsterer: Dieser Albtraum ist eine neue Kreatur, die in den amerikanischen Wäldern heimisch ist. Niemand außer Wednesday Winona Wednesday glaubt an seine Existenz, obwohl es zahlreiche Beweise dafür gibt, dass das Monster wirklich existiert.

Da ihre Mom im Supermarkt arbeiten muss, fährt Winnie allein zum Sunday-Training (allein, uff!). Aber zuerst trifft sie sich noch mit ihrem Bruder Darian. Er hat ihr das übliche Samstagsessen abgesagt – wie schon letztes Wochenende –, also hat Winnie ihn überredet, wenigstens einen Kaffee mit ihr trinken zu gehen. Sozusagen als Lebenszeichen.

Der Duft von Kaffee strömt Winnie entgegen, als sie durch die Eingangstür von Joe Squared tritt. Ein Schild verkündet, dass das Lokal zum besten Café in Hemlock Falls gewählt wurde!

Wenn man bedenkt, dass es das einzige Café in Hemlock Falls ist, hat diese Auszeichnung nicht viel Bedeutung.

Winnie, die selbst an guten Tagen nicht gerade elegant ist, legt eine besonders spektakuläre Darbietung ihrer Ungeschicklichkeit hin, als sie ihre Lederjacke auszieht, dabei ihre Brille auf den Boden stößt und sich schließlich, als sie sich bückt, um die Brille aufzuheben, mit ihrem goldenen Mondmedaillon in den Haaren verfängt. Es ist ihre neue Brille, die endlich repariert wurde, sodass sie nun gerade auf ihrer Nase sitzt – allerdings nicht mehr lange, wenn sie sie weiterhin fallenlässt.

Ihr Gesicht glüht, als sie endlich an die Theke tritt. »Was kann ich dir bringen?«, fragt Jo, einer der beiden Besitzer.

»Ähm …« Winnie befeuchtet ihre Lippen. Sie ist überwältigt von der Speisekarte, verlegen, wegen ihrer Jacken-auszieh-Darbietung und immer noch erschüttert von der seltsamen Beerdigung. »Nur … einen Kaffee? Schwarz? Ich habe, äh, eine offene Rechnung.«

»Oh?« Das scheint Jo zu überraschen, deren Augen hinter ihrer kirschroten Brille größer werden. Es ist eine sehr coole Brille, was Winnie deprimiert, weil ihre dicke schwarze Fassung im Vergleich dazu extrem uncool wirkt. »Wie lautet der Name?«, fragt Jo.

»Ähm, wahrscheinlich unter Wednesday.« Winnie schluckt. »Winnie Wednesday. Und wenn es nicht darunter ist, dann wird es Mario Monday sein –«

»Heiliger Bimbam!« Jo schiebt ihre coole Brille die Nase hinunter. »Du bist Winnie Wednesday? Ich dachte mir schon, dass du mir bekannt vorkommst, aber es ist schon so viele Jahre her, dass ich dich richtig gesehen habe. Wegen, äh, du weißt schon.« Sie wedelt mit der Hand in der Luft, als wäre Winnies Verbannung aus den Luminaries nur eine Kleinigkeit, die hin und wieder vorkommt. Wie Hitzewellen oder Bad Hair Days.

»Oh.« Winnie war nicht bewusst gewesen, dass Jo sie vor ihrem Exil jemals bemerkt hatte.

»Du bist überall in den Nachrichten«, fährt Jo fort. »Das Mädchen, das gesprungen ist, nennen sie dich. Und dann noch ein Werwolfbiss. Unglaublich.« Jos Blick fällt auf Winnies Arme, und Winnie ist froh, dass sie sich heute für lange Ärmel entschieden hat. Sonst wären die blassen Narben auf ihrem rechten Unterarm zu sehen, und sie fühlt sich schon genug wie eine Laborprobe, wenn sie durch Hemlock Falls läuft.

Glücklicherweise scheint Jo keine Antwort zu erwarten. »Weißt du was?«, sagt sie und reibt sich die Hände. »Ich werde ein Getränk nach dir benennen. Was magst du? Schlagsahne? Zimt? Sojamilch? Was auch immer dein Gaumen bevorzugt, wir werden es verkaufen. Das Mädchen, das gesprungen ist! Ich kann sogar grüne Lebensmittelfarbe hinzufügen, passend zu dem Kleid, das du getragen hast. Es war doch grün, oder?«

Winnie weiß nicht, wie sie darauf antworten soll. Das ist wie eine Wiederholung der Beerdigung, nur noch schlimmer. Du bist fast gestorben! Lasst uns dieses traumatische Ereignis mit Lebensmittelfarbe feiern! Jo selbst musste nach einer Begegnung mit einem Droll ihr Bein amputieren lassen. Sollte also nicht gerade sie weniger … nun ja, beeindruckt von alledem sein? Und vielleicht ein bisschen mehr entsetzt? Anscheinend nicht, denn als Jo sich wegdreht und nach einer Packung Mandelmilch greift, sagt sie: »Vielleicht lieber das Mädchen, das gebissen wurde? Johnny hat das gestern Abend benutzt. Hast du es gehört?« Sie wirft Winnie einen Blick über die Schulter zu. Und Winnie muss den Kopf schütteln. Sie hat es nicht gehört, und sie hasst diesen Titel noch mehr als den ersten. Denn zumindest erinnert sie sich daran, dass sie gesprungen ist. Aber gebissen? Diese Erinnerung hat sich nie in ihrem Gehirn eingebrannt, sodass Winnie jedes Mal, wenn jemand das Thema anspricht, gezwungen ist, eine grausame Version eines Memory-Spiels zu spielen … Nur dass Winnie nie ein identisches Paar findet und einfach weiter Karten umdreht, und verliert, verliert, verliert.

»Wie wäre es stattdessen mit einem No-Drink?«, schlägt Winnie vor.

Jo schnaubt. »Du kannst einen Drink nicht No-Drink nennen, Winnie. Die Leute denken sonst, sie bestellen Luft.«

Winnie presst die Augen zusammen. Das wird immer schlimmer. Sie hätte nach der Beerdigung direkt zum Sunday-Anwesen fahren sollen. Sie hätte Darian sagen sollen, dass sie ihn ein anderes Mal treffen würde, am besten bei ihm, wo niemand in Hemlock Falls sie erkennen oder sich über den Werwolf beschweren oder über den Maskenball der Albträume schwärmen könnte.

Einige Minuten lang ist nur das Mahlen frischer Bohnen zu hören, dann das Dämpfen von Mandelmilch und schließlich das hohe Tschschsch der Schlagsahne. Bis Jo plötzlich wieder vor Winnie steht und ihr eine Tasse hinhält.

Die Sahne darauf ist sehr, sehr grün.

»Probier mal«, sagt Jo mit einem Augenzwinkern. »Und sag mir, wie du Das Mädchen, das gesprungen ist findest. Oder … vielleicht sollte ich es lieber Das springende Mädchen nennen? Denn Kaffee macht ja bekanntlich wach.«

Winnie nickt. So gerne sie auch sagen würde: »Ich mag aber bitte lieber schwarzen Kaffee«, nimmt sie die Tasse mit beiden Händen. Sie wärmt ihre tauben Finger. »Ich trinke das hier … dort drüben.« Sie nickt in Richtung eines Tisches.

»Mach das«, nickt Jo wissend. Dann tippt sie sich an die Stirn. »Und ich werde weiter über Getränkenamen nachdenken.«

Darian ist spät dran. Das ist nicht besonders überraschend, da sein ganzes Leben derzeit von Dryden Saturday bestimmt wird – und Drydens Leben wird wiederum von der wütenden Stadt, dem ›gefährlichen Werwolf‹, der frei herumläuft, und dem Maskenball der Albträume, den er nicht absagen will, bestimmt.

Der alte Darian war jedoch nie unpünktlich, und als er endlich eintrifft, ist klar, dass ihn die dreizehn Minuten, die Winnie auf ihn warten musste, sehr mitnehmen. »O mein Gott«, keucht er und lässt sich in den Stuhl gegenüber von Winnie fallen. »Es tut mir so leid, dass ich zu spät bin. Alles ist so chaotisch in letzter Zeit, Win.«

Darian selbst ist auch ziemlich durcheinander. Sein Kragen liegt nicht gleichmäßig über seiner Strickweste, und an der Unterseite seiner Brille ist ein schwarzer Fleck, der entweder Tinte sein könnte oder auch der erschöpfte Äther seiner Seele.

»Hast du das Interview gestern Abend gesehen?«, fragt er und fährt sich mit der Hand durch die Haare – was die ohnehin schon ungleichmäßige Verteilung seines Haargels nicht gerade verbessert.

Winnie nickt. »Es war …«

»Eine epische Shitshow? Ein Hurrikan der Hölle? Ein Massaker der Misere?«

Winnie zuckt zusammen. Darian ist eindeutig auf der ernsthaft gestressten Seite des Kontinuums angekommen, wenn er Alliterationen verwendet, und als er nach ihrem Kaffee greift, schreitet sie nicht ein.

Er schluckt die grüne Schlagsahne hinunter. Dann erstarrt er, seine Wangen blähen sich auf und sein Gesicht verzieht sich zu derselben Farbe, die tatsächlich fast dem echten Smaragdgrün von Winnies Kleid entspricht. Er schluckt sehr langsam und sehr vorsichtig. »Was«, sagt er, als sein Mund endlich leer ist, »hast du bestellt?«

Winnie antwortet nicht. Sie steht einfach schweigend auf, holt ein Glas Wasser aus dem Kühlschrank neben der Tür und reicht es ihm, als sie zurückkommt. Darian trinkt es in einem Zug leer.

»Das ist widerlich«, sagt er, und Winnie nickt zustimmend. Sie brauchte nur einen Schluck, um zu wissen, dass sie das nie wieder trinken würde.

»Noch etwas Wasser?«, fragt sie, aber Darian schüttelt den Kopf. Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft scheint er zu bemerken, dass Winnie selbst auch nicht besonders gut aussieht.

»Beerdigung«, sagt er und schlägt sich gegen die Stirn. »Ich bin so ein Idiot. Wie war die Beerdigung?«

»Nicht gut«, gibt sie zu und merkt, wie ihre Finger nach ihrem Medaillon greifen … dann aber wieder loslassen, weil das Medaillon zu nah an ihrem mentalen Fach mit der Aufschrift Dad kommt. Es ist ein Fach, das sie seit acht Tagen verschlossen hält, seit sie seine geheime Nachricht entschlüsselt hat: Ich wurde reingelegt. Sie wird es hier auf keinen Fall öffnen.

»Hast du Grayson gekannt?«, fragt sie und versieht die Schachtel mit einem zusätzlichen Vorhängeschloss. »Ja«, antwortet Darian und runzelt die Stirn. »Allerdings nur so gut, wie man Grayson Friday kennen konnte.«

»Was meinst du damit?«

»Es bedeutet, dass er beliebt war.«

»Und du nicht?«

»Nein.« Darian wirft ihr einen finsteren Blick zu. »Ich meine, ja, ich war ziemlich beliebt, danke … bis … du weißt schon. Der Vorfall.«

Winnie weiß es; sie weiß auch, dass Darian nicht beliebt war. Zumindest nicht so wie Grayson Friday. Darian hatte Freunde und war allgemein beliebt, aber er war nicht der Mittelpunkt jeder Party – und schon gar nicht derjenige, der jeden Abend Partys schmiss.

»Grayson kannte jeden«, fährt Darian fort, »und jeder kannte Grayson. Aber niemand kannte Grayson wirklich, wenn du weißt, was ich meine. Er machte viele Witze. Er war nett zu allen, außer zu Lehrern. Und er feierte fast jeden Abend oder spielte anderen Streiche. Aber mehr kann ich dir nicht über ihn sagen. Er war schwer zu beschreiben, und letztendlich glaube ich, dass ihn niemand wirklich kannte. Und jetzt …« Er zuckt mit einer Schulter. »Wird es auch niemand mehr.«

»Nein, niemand«, wiederholt Winnie, halb seufzend, halb flehend, als ob solche Worte seine Asche irgendwie schneller im See versinken lassen würden.

Darian greift über den Tisch, um Winnies Hände zu halten, und als Winnie seinem Blick begegnet, sieht sie, dass sich ein leichter Glanz in seinen Augen gebildet hat. »Ich bin froh, dass du noch nicht auf der Jagd bist, Win. Wir hätten dich schon einmal fast verloren, und das war mehr als genug.«

»Ja«, sagt Winnie und betet, dass er nicht das sagt, was ihre Mom gesagt hat. Dass er nicht noch mehr Granatsplitter in ihr Herz schießt …

Aber dann kommt es doch. Denn natürlich kommt es. Darian war schon immer skeptisch gegenüber der Existenz des Flüsterers, auch wenn er ihr das nie direkt gesagt hat.

»Ich weiß, dass es chaotisch war, die Tests zu koordinieren, aber ich verspreche dir, dass wir dieses Monster bald fangen werden. Die Tuesday-Alphas durchkämmen den Wald ununterbrochen, nachts haben wir doppelt so viele Jäger im Einsatz, und die Teststelle am Damm sollte in den nächsten ein oder zwei Tagen bereit sein.«

Darian drückt Winnie beruhigend die Hand, bevor er sie schließlich loslässt und sich nach hinten lehnt. Er scheint nicht zu bemerken, dass seine Schwester vor ihm regungslos wie eine Statue geworden ist.

»Wir kommen zum Sunday-Anwesen, um dich und alle anderen Schüler direkt zu testen, und ehrlich gesagt sollte es nur eine Frage von Tagen sein, bis wir diesen Werwolf in die Enge getrieben haben. Er kann nicht ewig davonlaufen. Er wird dafür bezahlen, was er dir und Grayson angetan hat, und …«

Darians Telefon klingelt und unterbricht ihn, als seine Stimme immer lauter wird und sein Gesicht vor Wut rot anläuft – eine Wut, die Winnie nur allzu gut kennt, denn soweit er weiß, hätte dieser Werwolf sie fast das Leben gekostet.

Ein kleiner Teil von Winnie schätzt diese Leidenschaft. Der größere Teil jedoch sehnt sich nur nach Erlösung. Ein Herz kann mit so vielen Splitterstücken nicht überleben.

»Mist«, sagt Darian, als er endlich sein Handy herausgeholt hat und den Anrufer identifizieren kann. »Ich muss ran. Wir sehen uns später, okay, Win? Mach’s gut.« Er steht auf und schaltet sein Handy ein. »Ja, Dryden, was gibt’s?« Er beugt sich kurz vor, um Winnie einen Kuss auf den Kopf zu geben – für ihre Familie eine überraschende und ungewöhnliche Geste der Zuneigung.

Seit sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, tut er das oft, und Winnie wünscht sich, dass sie sich dadurch besser fühlen würde. Sie wünscht sich, der Sprengradius der Granate wäre nicht so weit gewesen.

Darian verlässt Joe Squared mit einem abgelenkten Winken. Winnie winkt nicht zurück.

Einige Minuten nach Darians Weggang, als Winnie ihre Tasse mit dem nun bräunlich-grünen Schlamm in einen Mülleimer neben der Theke wirft, tritt Jo neben sie. »Wie fandest du es?«

»Nein«, sagt Winnie. Ihre Stimme klingt etwas atemlos. Sie schüttelt den Kopf. »Nein.« Jo zuckt zusammen. »Noch mehr Ideen?«

»Nein.« Winnie schiebt ihre Brille auf die Nase. »Bitte nicht noch mehr herumprobieren. Ich mag keine ausgefallenen Getränke oder Schlagsahne. Ich wollte nur einen schwarzen Kaffee.«

Jo nickt nachdenklich. »Okay, okay. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.« Sie schnippt mit den Fingern. »Ich hab’s! Wie wäre es, wenn wir eine Tasse Filterkaffee Winnie nennen und sie mittwochs zum halben Preis anbieten?«

Winnies Haltung sackt zusammen. Sie seufzt. Zu diesem Zeitpunkt könnten alle Einwohner von Hemlock Falls genauso gut Watte in den Ohren haben, so sehr hören sie ihr zu. Und nach ihrer Begegnung mit Darian gerade eben ist Winnie zu niedergeschlagen, um weiterzukämpfen. »Klar«, sagt sie. »Nennen wir sie Winnie. Mittwochs zum halben Preis.«

»Ausgezeichnet«, grinst Jo. »Oh, und hey«, ruft sie Winnie nach, die sich bereits entfernt. »Du kannst alle Winnies umsonst haben! Deine Mom und dein Bruder auch!«

Das Letzte, was Winnie jetzt tun möchte, während grüne Schlagsahne neben Graysons Grabrede in ihren Eingeweiden schwappt, ist, zum Training auf das Sunday-Anwesen zu gehen. Aber sie hat auch so hart gearbeitet, um wieder eine Luminary zu werden, und hat nicht vor, das durch das Schwänzen der erforderlichen Wochenendkurse zu vermasseln. Obwohl sie noch ihre Trauerkleidung trägt, parkt Winnie den Volvo auf dem Anwesen und schlurft in das rote Backsteingebäude, wobei ihr Rucksack trotz seines fast leeren Inhalts schwer auf ihrem Rücken lastet.

Sie hat die erste Stunde verpasst – eine Tatsache, über die sie genau null Tränen vergießen wird. Die Luminary-Geschichte mit Professor Samuel und einer Gruppe jüngerer Luminaries – darunter ihr Cousin Marcus – ist der Teil des Tages, den sie am wenigsten mag.

Am liebsten mag sie hingegen den Kurs, in den sie sich nun schleicht: Albtraum-Anatomie bei Professor Il-Hwa. Sie kommt wenige Minuten vor dem Klingeln herein und entdeckt nach einem kurzen Blick durch den Raum die Zwillinge und Fatima am Fenster; Erica Thursday sitzt ganz hinten.

Winnie trifft versehentlich Ericas Blick und erntet ein kühles Nicken – was im Grunde die einzige Interaktion ist, die Erica jemals anbietet. Winnie kann nicht leugnen, dass sie sich mehr erhofft hatte, seit sie Erica vor sechs Tagen auf dem Thursday-Anwesen bedrängt hat. Sie ist sich nicht sicher, was genau sie sich erhofft hatte, aber auf jeden Fall mehr.

Andererseits ist ein kühles Nicken zur Begrüßung tausendmal besser als die eiskalten Blicke, die Erica ihr in den letzten vier Jahren zugeworfen hat.

»Hey«, sagt Winnie, als sie sich auf ihren üblichen Platz neben Emma und hinter Bretta setzt. Fatima sitzt vor Emma, sodass sie ein kleines Quadrat bilden.

»Hey«, antwortet Emma, woraufhin Bretta und Fatima sich ebenfalls zu Winnie umdrehen. »Wie war die Beerdigung?«

Emmas linkes Bein ist mit einem atmungsaktiven und wasserdichten Silikonverband umwickelt. Ein paar Krücken lehnen an ihrem Tisch. Die Gummikappen der Krücken wickelt sie jeden Tag mit einem anderen Tuch ein, passend zu ihrem Outfit. Heute ist es ein kobaltblaues Tuch, das zu ihrem blau-grünen Babydoll-Kleid passt.

Die Farbe bringt die kühlen Untertöne ihres umbrafarbenen Hauttons zur Geltung, und sie hat ein ähnliches Tuch um ihre Zöpfe gewickelt.

»Die Beerdigung war nicht schön«, antwortet Winnie ehrlich. Sie schiebt ihre Finger unter die Brille, um sich die Augen zu reiben. »Jay ist ziemlich am Boden zerstört.«

Winnie war die einzige Schülerin, die an der Beerdigung teilgenommen hatte. Für Jay, sagte sie sich, als sie ihre Mom um Erlaubnis gebeten hatte. Jetzt fragt sie sich jedoch, ob es nicht für sie war. Ein morbides Verlangen, mehr über den Werwolf, den Flüsterer und den Tod zu erfahren, der so leicht ihr eigener hätte sein können …

Und sie hatte Jay am Ende auch nicht gerade gut unterstützt, oder? Sie war nur das Mädchen, das gesprungen ist, das sich wie ein Parasit an den Rand der Beerdigung geklammert hatte, bevor sie zurück zum Parkplatz floh, als es ihr zu viel wurde.

»Natürlich ist Jay am Boden zerstört.« Fatima schüttelt den Kopf, und ihr türkisfarbener Hijab flattert gegen ihren grauen, gepunkteten Pullover. »Er ist jetzt der jüngste Führende Hunter in Hemlock Falls. Der jüngste überhaupt.«

»Armer Jay.« Bretta seufzt, aufrichtig mitfühlend. Ihre Korkenzieherlocken hüpfen, als sie die Arme um die Brust schlingt. Sie trägt eine ausgewaschene Jeans und ein pinkfarbenes T-Shirt, während ihre Turnschuhe so weiß sind, dass sie brandneu sein müssen. »Sollen wir etwas für ihn tun? Blumen scheinen nicht wirklich sein Ding zu sein.«

»Nein.« Winnie seufzt. »Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir irgendetwas tun können. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann, aber –«

»Heeeeey, Mädchen, das gesprungen ist.« Casey Tuesday lässt sich auf Winnies Tisch fallen wie eine Spidrine, die von einem Ast springt. Winnie hat keine Ahnung, wo er herkommt. Es fehlt nur noch das Netz. »Wir feiern heute Abend eine Party im alten Museum, und du musst dabei sein.«

»Bitte«, stimmt Peter Sunday ein, der mit derselben albtraumhaften Geschwindigkeit und Lautlosigkeit hinter Winnie auftaucht – und mit einem etwas zu stark aufgetragenen Parfüm. »Ihr müsst alle kommen.«

Fatima wirft Peter und dann Casey einen bösen Blick zu. Bretta rollt mit den Augen, während Emma, die immer die Netteste in der Clique ist, sagt: »Ich weiß nicht. Eure Partys gehen immer so lange.«

»Aber sie ist für den Typen, der gestorben ist«, beharrt Casey.

Und Winnie versteift sich auf ihrem Sitz. »Du meinst Grayson Friday?«

»Ja, genau der.« Er grinst Winnie an, als wären sie Freunde. Als wären sie schon immer Freunde gewesen und er hätte sie nicht die letzten vier Jahre lang gequält. Peter hat denselben Ausdruck im Gesicht – einen, den man nur als schmierig bezeichnen kann – und Winnie möchte ihm am liebsten die verzogenen Lippen von seinem sommersprossigen Gesicht reißen. Erst vor zwei Wochen hat er ihr in der Klasse »Happy Birthday, Diana Abschaum« gesungen und dann gelacht, als Dante Lunedì ihr gesagt hat, sie solle ihm nicht seine Fingerknochen klauen. Jetzt sieht Peter so aus, als würde er ihr seine gern geben und seine Zehenknochen noch dazu.

»Hast du Grayson tatsächlich gekannt?«, fragt Winnie.

»Nein.« Casey zuckt mit einer Schulter. »Aber wir feiern immer eine Party zu Ehren gefallener Hunter. Außerdem ist dieser Typ derjenige, der das alte Museum zum alten Museum gemacht hat. Also müssen wir eine Party für ihn schmeißen, verstehst du? Das ist einfach das Richtige.«

Die Art, wie er das mit solcher moralischen Überlegenheit sagt – als ob er etwas davon wüsste, jemanden zu ehren –, lässt Winnies Finger sich zu Fäusten ballen.

Allerdings lockern sich ihre Finger sofort wieder, als Emma sagt: »Vielleicht kommen wir.« Dann seufzt Bretta und sagt: »Wir denken darüber nach, okay?«

Fatima mischt sich einen Herzschlag später mit einer Stimme ein, die der Ratsstimme ihrer Mutter sehr ähnelt: »Jetzt geht bitte weg, Jungs, denn die Erwachsenen unterhalten sich und wir wollen euch nicht in unserer Nähe haben.«

Casey und Peter gehorchen – Casey mit einem Werfen seines strubbeligen Haares und einem »Cool, wir sehen uns heute Abend«, Peter mit einem spöttischen Salutieren. Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind.

»Oh nein, bitte sag nicht, dass du wirklich zur Party gehen willst, Emma.« Fatima schüttelt den Kopf.

»Sie ist für Grayson Friday.« Emma sieht sowohl verlegen als auch defensiv aus und kratzt sich heftig durch eine Lücke im Verband an ihrem Unterschenkel. »Wir sind immer zu den Hunter-Partys gegangen. Und ja, ich weiß, dass Casey und Peter bescheuert sind«, sie wirft Winnie einen mitleidigen Blick zu, »aber ich finde, das ist das Richtige. Er ist gestorben, und wir sollten das respektieren.«

»Ist das wegen Jay?«, fragt Fatima misstrauisch. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass er und Winnie etwas miteinander –«

»Wir haben nichts miteinander«, platzt es aus Winnie heraus. Hitze steigt ihr ins Gesicht und sie beugt sich über den Gang zu den anderen hinüber. »Das habe ich euch doch schon gesagt.«

»Ich weiß, aber …« Fatima zuckt mit den Schultern, als wolle sie sagen: Ich glaube dir nicht, Winnie Winona Wednesday. Und den Seitenblicken von Bretta und Emma nach zu urteilen, glauben sie ihr auch nicht.

Winnie merkt, wie sich ihre Fäuste wieder ballen. Nicht wegen des wissenden Grinsens der Mädchen oder wegen Fatimas Worten, sondern weil Winnie sich wieder wie bei der Beerdigung fühlt. Als stünde sie wieder neben den tosenden Wasserfällen, während die Leute sich über den falschen Albtraum aufregen und einem Führenden Hunter gratulieren, der gar keiner sein will.

Hör auf, dich so komisch zu benehmen, schimpft sie mit sich selbst. So verhält sich eine Luminary nicht! Tatsächlich ist eine Party für einen toten Hunter das Nonplusultra für einen Luminary. Genauso wie ein Kaffee, der nach ihr benannt ist. Es ist genau wie Opa Frank ihr einmal gesagt hat: Deshalb nennt man uns die Luminaries, Winnie: Wir sind Laternen, die vom Wald nicht erloschen werden können.

»Lasst uns gehen«, bittet Emma, als Professor Il-Hwa das Klassenzimmer betritt. »Bitte? Wie Casey gesagt hat, es ist das Richtige.«

Bretta nickt, als reiche diese Begründung vollkommen aus, und Fatima seufzt resigniert. »Na gut, aber wenn meine Mutter mich beim Wegschleichen erwischt, gebe ich euch Dreien die Schuld.«

»Warte«, zischt Winnie – genau in dem Moment, als Professor Il-Hwa sich vorn im Raum räuspert. »Wir müssen uns davonschleichen? Wann findet diese Party statt?«

»Oh, süße Winnie.« Bretta tätschelt ihr sanft den Arm. »Wir holen dich um Mitternacht ab.«

Winnie fällt es schwer, sich auf Professor Il-Hwas Unterricht zu konzentrieren. Nicht einmal eine ausführliche Erklärung des Kreislaufsystems von Kelpies kann die zwei Stunden schneller verstreichen lassen.

Kelpie: Eine zottelige Wasserkreatur mit pferdeähnlicher Gestalt, aber bei näherer Betrachtung erkennt man Algenhaare und einen bauchigen Körper, der am besten für große Drucktiefen geeignet ist.

Sie macht sich gelegentlich Notizen – ähnlich wie bei Thunfischen, transportiert das durch Muskeln erwärmte Blut zum Herzen –, aber ihr Stift gleitet häufiger an den Rand ihres linierten Papiers. Sie zeichnet zuerst die Hände eines Drolls. Nur die Knochen, so viele, jeder perfekt an seinem Platz. Winnie hat es immer beruhigend gefunden, sie zu skizzieren.

Heute beruhigt es sie nicht.

Also wechselt sie zum Thema des Unterrichts. Vor nur zehn Tagen hat sie einen Kelpie aus nächster Nähe gesehen. Sie hat seine beiden seitlichen Tentakel durchgehackt. Sein Gesicht, durchnässt und menschenähnlich, hatte eine einzige Reihe von Reißzähnen, die in der Nacht glänzten.

Winnie wird diesen Glanz nie vergessen.

Sie wird auch nie vergessen, wie der Kelpie brüllte, ein Geräusch, das sich unendlich tief und jahrhundertealt anhörte.

Am meisten jedoch wird Winnie nicht vergessen, wie der Flüsterer nur wenige hundert Schritte später aus den Bäumen trat. Sie war so abgelenkt gewesen von dem Mantikor, der ebenfalls auf sie zustürmte – und dann von dem Werwolf, der sie aus dem Weg stieß …

Winnie kritzelt ihre Kelpie-Zeichnung durch. Eine bösartige, silberne Linie, um sein gequältes Gesicht zu durchschneiden. Dann streicht sie die Droll-Hand durch und schließlich das Datum, das oben auf der Seite gekritzelt ist.

6. April.

Graysons Beerdigung, kritzelt sie stattdessen. RIP.

Als endlich die Glocke läutet, bestätigen die Zwillinge und Fatima, dass sie sich um Mitternacht treffen – was, wow, noch so lange hin ist –, bevor sie sich alle trennen. Emma, Bretta und Fatima gehen zum Geschichtsunterricht. Winnie hingegen steuert den Umkleideraum an. Sie hat immer noch vier Jahre Rückstand und muss jeden Tag das selbstgefällige, absolut schlagwürdige Gesicht ihres Cousins ertragen.

Wie eine verwaschene Version von Beetlejuice, kann Marcus anscheinend allein durch das dreimalige Denken seines Namens herbeigerufen werden. Sobald Winnie in ihrem schwarzen Trainingsanzug aus der Umkleidekabine tritt, streicht eine kühle Frühlingsbrise über sie hinweg und trägt Vogelgezwitscher mit sich … und Marcus ist da.

»Hey, Cousine.«

»O mein Gott«, antwortet Winnie und lässt all ihre Wut über den Tag heraus. Sie wird Casey und Peter nicht unhöflich behandeln – zumindest nicht, bevor sie, ihre Mutter und Darian offiziell wieder bei den Luminaries sind –, aber Marcus? Er gehört zur Familie. Dem schrecklichen, widerwärtigen Teil der Familie.

»Was willst du?« Sie beschleunigt ihre Schritte auf dem Steinweg, der zu dem aufwendigen Hindernisparcours führt.

»Ich habe gehört, dass heute Abend im alten Museum eine Party stattfindet. Darf ich mitkommen?«

»Nein.« Winnie schaut ihn finster an. Es hat keine Wirkung. »Du bist vierzehn. Du darfst nicht auf eine Party gehen.«

»Du bist erst sechzehn.«

»Das ist ein ziemlich großer Unterschied.« Um das zu verdeutlichen, zieht Winnie ihre Hand von ihrer Stirn bis zu seiner. Ihre Hand muss dabei mehrere Zentimeter nach unten wandern. »Deine Stimme hat sich noch nicht einmal verändert.«

Seine Wangen färben sich zufriedenstellend rot. »Na und? Das heißt doch nicht, dass ich nicht feiern kann.«

»Das bedeutet ganz eindeutig, dass du nicht feiern kannst.« »Warum bist du so eine Idiotin?«

»Warum bist du so nervig?«

»Ich sage es meiner Mutter, wenn du mich nicht gehen lässt.«

»Damit beweist du meinen Standpunkt.« Winnie schnaubt. Der Beginn des Hindernisparcours ist nun zu sehen, eine lange, schlammige Strecke, die sich im Zickzack in ein Labyrinth mit hohen Wänden schlängelt, hinter dem sich eine Reihe von Plattformen befindet, die durch Seile und schwingende Reifen miteinander verbunden sind. »Es ist mir egal, ob du es deiner Mom sagst«, fährt Winnie fort. »Ich bezweifle, dass sie etwas unternehmen wird. In meinem Alter hat sie wahrscheinlich auch gefeiert.«

Marcus’ Erröten verwandelt sich in etwas Feuriges. Seine Augen – dunkelbraun wie die von Winnie – verengen sich zu einem finsteren Blick. »Nur weil du das Mädchen bist, das gesprungen ist, heißt das nicht, dass du andere schlecht behandeln darfst. Ich mochte dich vorher mehr.« Er streckt ihr die Zunge heraus, benimmt sich wie das Kind, das er noch ist, und geht zu zwei seiner Kumpels an der Startlinie.

Winnie sieht ihm nach. Gerechte Wut und echte Verletztheit vermischen sich in ihrem Magen. Ein Teil von ihr möchte ihm hinterherlaufen und ihn auffordern, seine Worte zurückzunehmen. Aber der größte Teil von ihr weiß, dass das nur dazu führen würde, sich auf sein Niveau herabzulassen. Stattdessen nimmt sie ihre Brille ab und putzt sie.

Wisch, wisch, wisch. Die Baumwolle ihres Trainingsshirts reibt an Polycarbonat.

»Er ist ein Mistkerl.«

Winnies Aufmerksamkeit wird nach links gelenkt. Coach Rosa ist neben ihr aufgetaucht und bewegt sich lautlos wie die Hunter, die sie jeden Sonntagabend ist.

»Er ist ein Mistkerl«, wiederholt Rosa, »aber er wird schon noch zur Vernunft kommen.« Sie hält inne. Dann fügt sie hinzu: »Ich meine, ich denke das wird er. Wahrscheinlich.«

Winnie lacht und setzt ihre Brille wieder auf.

»In der Zwischenzeit, Winnie«, Rosa tätschelt ihr die Schulter, »wirst du ihn auf dem Hindernisparcours abhängen. Das wird ihm eine Lehre sein, sich nicht mit dir anzulegen.« Sie drückt Winnie einmal kurz, bevor sie sie loslässt und davontrabt. Nur wenige Augenblicke später pfeift Rosa und ruft allen zu, sie sollen sich an der Startlinie aufstellen!

Und Winnie spürt, wie eine Wärme aus ihrer Brust aufsteigt. Ein Phönix, der aus der brennenden Asche ihres Morgens aufersteht.

Vier Jahre lang war Marcus im Privaten nett zu Winnie, aber sobald jemand anders in der Nähe war, wurde er ihr gegenüber zum absoluten Mistkerl. Sie ließ es an sich abprallen wie Wasser von Cockatrice-Federn – genau wie bei all ihren anderen Mobbern. Die Casey Tuesdays und die Dante Lunedìs und die Peter Sundays und sogar die eiskalten Eisköniginnen wie Erica. Schließlich konnte Winnie nichts tun; sie musste einfach ihre Ausgrenzung ertragen und ihre Zeit absitzen.

Aber wie Marcus schon sagte, sie ist das Mädchen, das gesprungen ist. Sie wird jetzt zu Partys eingeladen, es gibt einen Kaffee, der nach ihr benannt ist, und sie wird in den lokalen Nachrichten gezeigt. Sie ist vielleicht noch nicht offiziell eine Luminary, wie vom Rat beschlossen, aber alle in der Stadt heißen sie wieder willkommen, als wäre sie es. Ihr stehen Wege offen, die es seit vier Jahren nicht gab – Orte, an denen sie willkommen ist, und Menschen, die nicht nur mit ihr reden, sondern das auch aktiv wollen.

Winnie ist keine hilflose Ausgestoßene mehr. Das kann sie nutzen. Das sollte sie nutzen.

Einer der wichtigsten Abwehrmechanismen eines Phönix ist es, so hell zu leuchten, dass seine Feinde vorübergehend geblendet sind und ihn nicht verfolgen können.

Bei diesem Gedanken – einer Zeile aus ihrem stets zuverlässigen Kompendium der Albträume – verwandelt sich der letzte Rest von Winnies Asche. Plötzlich freut sie sich auf die Party im alten Museum, denn von nun an wird alles anders sein. Alle, die Marcus, Casey und Peter heißen, werden nur noch ihren Staub zu sehen bekommen, wenn sie sie auf dem Hindernisparcours vernichtend schlägt.

Sie kann Dinge voneinander trennen. Sie ist eine Luminary, die hell brennt und die Menschen so blendet, dass sie nicht sehen können, was sich in ihren Flammen verbirgt.

Winnie ist so nervös, dass sie, obwohl sie weiß, dass sie versuchen sollte, ein oder zwei Stunden zu schlafen, bevor die Zwillinge kommen – weil sonst morgen alles schiefgehen wird –, einfach nicht einschlafen kann.

Sie ist schon einmal davongeschlichen. Vor knapp zwei Wochen, vor ihrer ersten Prüfung. Dank der Lage von Darians Fenster über dem Dach ist das nicht schwer. Aber diese Flucht galt den Ausflügen in den Wald; es fühlte sich also irgendwie tugendhaft an. Sie musste nur auf das Bärenbanner an ihrer Schlafzimmertür zeigen und sagen: »Ich habe es für die Pflicht getan, Mom! Aus Loyalität!«

Sich dagegen heimlich für eine Party davonzuschleichen …

Das wird viel schwieriger zu erklären sein, wenn sie erwischt wird.

Falls ihre Mom Winnies verschlossene und steife Haltung an diesem Abend bemerkt, lässt sie sich nichts anmerken. Sie ist zu aufgeregt wegen der Neuigkeiten, die sie heute Nachmittag erfahren hat: »Rachel glaubt wirklich, dass es am Mittwoch soweit ist«, sagt sie beim Pizzaessen. »Sie glaubt wirklich, dass wir am Mittwoch offiziell wieder bei den Luminaries sind.«

»Wirklif?«, fragt Winnie mit vollem Mund voller Käse und Peperoni. »Daf if wirklif aufregend, Ma.« Sie meint es auch so, und ihre Vorfreude auf die Party steigt noch einmal um eine Stufe.

Als ihre Mom endlich ins Bett geht, kriecht Winnie ins Bett, starrt schweigend an die schattige, strukturierte Decke und lauscht dem gelegentlichen Krächzen einer Krähe von draußen. Sie klingt mürrisch.

Um halb zwölf kriecht Winnie aus ihrer frisch gewaschenen Bettdecke, um sich anzuziehen. Sie hat keine Ahnung, was sie zu einem solchen Anlass tragen soll, also beschließt sie, dass ihre übliche Tageskleidung ausreichend ist: Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Zumindest verzichtet sie auf ihren Rettet-die-Wale-Hoodie und zieht stattdessen ihre noch so himmlisch-neu-duftende Lederjacke an, die Emma und Bretta ihr zum Geburtstag geschenkt haben.

Um zehn vor zwölf schleicht sich Winnie in Darians Zimmer, zwängt sich aus seinem Fenster, klettert über das Dach auf den Schuppen und steigt schließlich auf den festen Boden hinab. Dieselbe Krähe krächzt sie an. Es klingt, als wäre sie auf der Veranda. Vorsichtig, Mensch, sonst wecke ich deine Mom!

Winnie schaut immer wieder zum Fenster ihrer Mom hinüber … aber es erscheint kein Gesicht und kein Licht wird eingeschaltet. Sie erreicht unbemerkt den Bürgersteig, ihr Herz schlägt viel schneller, als es die Anstrengung erfordert. Es schlägt auch nicht langsamer, als sie sich auf den Bordstein setzt, um auf die Zwillinge zu warten.

Kalte Luft umhüllt sie.

Als die Zwillinge wenige Minuten später in dem Minivan ihres Dads eintreffen, zittert sie am ganzen Körper. Ein Fenster wird heruntergekurbelt, und Brettas Locken glänzen; sie hat sich blaue Strähnchen machen lassen. »Hey«, flüstert sie laut. »Steig ein!«

Winnie wirft einen verstohlenen Blick auf das Fenster ihrer Mom. Nichts. Stille und Schatten und diese verdammte Krähe über dem Fenstersims. Also lässt sich Winnie auf den Rücksitz fallen. Es ist herrlich gemütlich im Auto; es riecht nach dem Fliederparfüm, das Emma immer trägt.

Winnie schnallt sich an. »Deine Eltern haben dich einfach mit dem Van wegfahren lassen?«

»Nee«, sagt Bretta, während sie mit der butterweichen Geschmeidigkeit eines Automatikwagens losfährt. »Mom ist unterwegs, um einen neuen Networker zu schulen, und Dad schläft wie ein Droll.«

Winnie lacht darüber. Sie hat den Dad der Zwillinge, Kevin, schon einmal getroffen und kann sich gut vorstellen, wie er auf seinem Bett liegt und wie ein Droll schnarcht – nicht, dass Winnie jemals einen Droll schnarchen gehört hätte. Aber es ist ein Detail, das bemerkenswert genug ist, um es in das Kompendium aufzunehmen: Die Vibrationen der Atemgeräusche eines Drolls sind bis zu sechzig Meter weit zu spüren.

Während Bretta das Auto durch Wohnviertel und Kreuzungen, vorbei an Stoppschildern und dunklen Häusern, lenkt, beruhigt sich Winnies Herz nicht, wie sie es erwartet hatte, nachdem sie endlich ihrem Schlafzimmer entkommen war. Stattdessen schlägt es stärker. Schneller. Wie eine kleine Faust, die ihr durch die Kehle schlägt.

Bretta spricht darüber, wann ihre dritte Prüfung stattfinden könnte – wie schade es ist, dass sie und Fatima sie wegen des Werwolfs jetzt nicht machen können. Emma sagt ihr, sie solle Geduld haben; Bretta entgegnet, dass sie zum Glück keine Sunday sei.

»Wenn ich zu einem anderen Clan gehören würde«, fügt sie hinzu, »würde ich mich hundertprozentig für Saturday entscheiden. Die haben die schicksten Sachen.«

»Ich nicht«, erklärt Emma. »Ich bin gerne Wednesday. Wir halten immer zusammen. Winnie – was ist mit dir?«

»Häh?«, grunzt Winnie vom Rücksitz. Sie hat nur halb zugehört. »Winnie würde Friday wählen«, sagt Bretta mit einem verschmitzten Kichern.

»Um mit ihrem Mann zusammen zu sein.«

»Ach, hör auf.« Emma stupst ihre Schwester in den Oberarm, bevor sie sich zu Winnie umdreht. »Es sei denn … Ist er denn dein Mann, Winnie? Das war ein sehr entschlossenes Nein, das du uns heute im Anatomieunterricht gegeben hast.«

»Ich berufe mich auf mein Recht zu schweigen«, antwortet Winnie, weil sie keine Ahnung hat, was sie sonst sagen soll. Es ist physisch unmöglich, noch stärker zu insistieren, als sie es vor ein paar Stunden getan hat. »Wenn ich mich für einen Clan entscheiden müsste, würde ich mich für Monday entscheiden –«

»Ich wusste es«, ruft Bretta. Sie schlägt auf das Lenkrad. »Ich wusste es! Habe ich nicht gesagt, dass ›Backlit‹ von ihr handelt, Em?« Wumm! »Außerdem ist sich auf das Recht zu Schweigen zu berufen kein Argument, Winnie, das funktioniert hier nicht. Mehr Details, bitte!«

Winnies Sicherheitsgurt fühlt sich plötzlich eng an. Die Hitze wirkt nicht mehr so angenehm, sondern eher stickig. Denn da ist es wieder – dieses Nebeneinander von Dunkelheit und Licht. Die drei sind buchstäblich auf dem Weg zu einer Party zu Ehren eines Mannes, den Jay dabei beobachtet hat, wie er von … nun ja, wahrscheinlich dem Flüsterer, in Stücke gerissen wurde.

Doch im Moment ist Bretta mehr darauf fixiert, dass Winnie und Jay etwas miteinander anfangen könnten.

Winnie reibt sich die Stirn. Sie würde quietschen und seufzen und Emma oder Bretta nerven, wenn sie in ihrer Lage wären, oder? Die alte Winnie hätte das ganz sicher getan – die Winnie von vor vier Jahren. Vielleicht sogar die Winnie von vor zwei Wochen.