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Winnie Wednesday möchte nichts sehnlicher, als sich den Luminaries anzuschließen, dem uralten Orden, der Hemlock Falls – und den Rest der Menschheit – vor den Monstern und Albträumen schützt, die jede Nacht aus dem Wald kommen. Seit ihr Vater als Hexer und Verräter entlarvt wurde, wird Winnies Familie gemieden. An ihrem sechzehnten Geburtstag kann sie an den tödlichen Prüfungen der Luminary-Hunter teilnehmen und beweisen, dass sie treu und loyal ist – und den guten Ruf ihrer Familie wiederherstellen. Oder bei dem Versuch sterben. Doch um zu überleben, bleibt Winnie nichts anderes übrig als sich an die einzige Person zu wenden, die ihr beim Training helfen kann: Jay Friday, der Bad Boy der Stadt und Winnies ehemaliger bester Freund. Jay ist vielleicht der vielversprechendste neue Hunter in Hemlock Falls, aber er scheint auch mehr über die Albträume des Waldes zu wissen, als er sollte.
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Susan Dennard
(Band 1)
Übersetzt von Michelle Markau
The Luminaries
(The Luminaries Reihe)
Copyright © THE LUMINARIES by Susan Dennard
The moral rights of the author have been asserted
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel
»The Luminaries«
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright der deutschen Ausgabe © 2025 The Luminaries
by VAJOSH Verlag GmbH
Druck und Verarbeitung:
FINIDR, s.r.o.
Lípová 1965
737 01 Český Těšín
Czech republic
Übersetzung: Michelle Markau
Korrektorat: Lydia Borsboom und Madlen Müller
Umschlaggestaltung: Lesley Worrell und Sasha Vinogradova
Satz: VAJOSH Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJOSH Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Der Wald holt den Jungen an seinem dreizehnten Geburtstag. Er ist nicht der Erste, der die Aufmerksamkeit des Waldes auf sich zieht. Er wird jedoch einer der Letzten sein. Andere haben ein Stück geflochtenen Zwirn von einer Banshee oder eine glänzende Schnecke von einer Melusine erhalten. Er findet den Kieferknochen eines Wolfs auf seinem Kopfkissen, als er im Morgengrauen die Augen öffnet.
Er hatte wieder diesen Albtraum. Der, in dem sein Vater ein Gesicht hat und seine Mutter noch am Leben ist. Es beginnt immer als ein glücklicher Traum – bis die Schatten kommen. Zuerst holen sie sich seinen Vater. Dann auch ihn, während seine Mutter weint und schreit und den Wald anfleht, seine Meinung zu ändern.
Doch der Wald ändert seine Meinung nie. Nicht im Traum und auch nicht außerhalb. Deshalb betritt der Junge den Wald, als dieser nach ihm ruft. Und wenn der Wald keine Verwendung mehr für ihn hat, geht er. Er ist nicht länger ein Junge. Nicht mehr ganz menschlich, sondern eine tickende Zeitbombe, die darauf wartet, dass der Wald eines Tages seine Lunte zündet.
Man sagt, dass der Frühling in den Wald bei Hemlock Falls nie Einzug erhält.
Natürlich stimmt das nicht. Der Frühling kommt nach dem Winter, so wie es sein soll. Aber er ist in Hemlock Falls anders als im Rest der Welt. Er ist still und tödlich. Einsam und unausweichlich. Er schleicht sich an, im Schatten des Wintergrau, das einen nicht loslassen will.
Selbst jetzt, einen Monat nach Frühlingsbeginn, klebt der Frost noch an der Nordseite der Bäume. Und auch wenn die Sonne jeden Moment aufgehen wird, wird sie den Feldweg nicht erreichen. Sie wird Winnie Wednesday nicht erreichen, die einen klobigen Geländewagen ohne Lenkassistent zum Wednesday-Treffen fährt.
Nebel steigt aus dem Wald auf wie Rauch aus einem Weihrauchfass. Die Lichter des Geländewagens blinken und reflektieren und bilden Formen, von denen Winnie weiß, dass es keine gibt. Es sind nur die Ahorn- und Tannensprösslinge des letztjährigen Frühlings, die in der Dunkelheit der Morgendämmerung wie Skelette aussehen.
Winnie klackt mit den Zähnen. Heute ist ihr sechzehnter Geburtstag. An diesem Tag wird sich alles ändern.
Als ihre Scheinwerfer sechs schwarze Jeeps anstrahlen, rumpelt Winnie mit dem Geländewagen zu einer Hemlocktanne – dem Baum, benannt nach der giftigen Pflanze, obwohl die hier auch wachsen und niemand weiß, was von beiden der Namensgeber der Stadt war.
Sie schaltet das Licht aus, zieht die Kapuze ihres Sweatshirts über ihren Kopf und wartet. Nebel umhüllt sie wie ein Kraken. Sie kann sich genau vorstellen, wie die Verhandlung heute Abend sein wird. Wie es sich anfühlen wird, einen Albtraum zu jagen, statt nur darüber zu lesen.
Ihre Mutter redet nicht mit ihr über die Jagd – zumindest nicht mehr. Nicht seit dem Vorfall. Doch Winnie hat das Kompendium der Albträume tausendmal gelesen. Tausendmal. Sie hat jede Kreatur des Waldes skizziert, jeden Albtraum, dem sich die amerikanischen Luminaries stellen müssen. Und jedes Mal, wenn sie in das fleischige Teil am Hals eines Drolls stach oder einen Mantikor dort, wo sich der Kopf und der Bauch treffen, stellte sie sich vor, dass es einer dieser Albträume wäre. Sie ist so oft hochgesprungen und abgerollt, hochgesprungen und abgerollt, dass ihr Körper es mittlerweile, ohne nachzudenken tut.
Sie ist bereit.
Sie muss bereit sein.
Die Minuten vergehen. Ein Wolf heult. Ein echter, denkt sie, obwohl sie sich nicht ganz sicher sein kann. Im Kompendium werden einige Albträume beschrieben, die wie Wölfe aussehen, sich wie sie anhören und sich sogar kurzzeitig in sie verwandeln können.
Winnie schiebt sich die Brille auf die Nase und wartet. Und wartet. Ihr Magen knurrt; sie wünschte, sie hätte gefrühstückt. Sie wünschte auch, sie hätte mehr geschlafen, obwohl sie sich an die Schlaflosigkeit nach drei Wochen gewöhnt haben sollte. Seit Beginn ihres Geburtstagsmonats und seit die Realität dessen, was sie in den letzten vier Jahren geplant hat, sich in ihr festgesetzt hat, ist Schlaf etwas Seltenes geworden.
Der Wolf heult erneut, diesmal scheint er weiter weg zu sein. Er klingt einsam, verloren. Winnie hasst es, dass sie dieses Gefühl versteht.
Sie hat niemandem gesagt, dass sie heute Abend die erste Hunter-Prüfung ablegen wird. Wenn sie es herausfinden, werden sie es ihr nicht erlauben. Tante Rachel wird ihren Verstand verlieren, ihre Mom wird ihren Verstand verlieren, der Rat wird seinen kollektiven Verstand verlieren und sie werden einen Weg finden, einzugreifen. Aber was sie nicht wissen, können sie nicht verhindern. Außerdem steht nirgendwo in den Regeln, dass Ausgestoßene nicht teilnehmen dürfen. Nons dürfen es zwar nicht, aber von Ausgestoßenen ist definitiv nicht die Rede.
Winnie muss nur heute Abend zusammen mit den anderen Hunter-Initianten auftauchen, und die für die Prüfung zuständigen Thursdays müssen sie teilnehmen lassen.
Das müssen sie. Winnie weiß wirklich nicht, was sie tun soll, wenn sie es nicht tun.
Kurze Zeit später kann sie den Wolf nicht mehr hören, und der Himmel wird heller. Die Nacht ist vorbei. Der Schlummer des Waldes ist beendet.
Die Wednesday-Hunter schleichen auf leisen Sohlen aus dem Wald. Ein paar Hunter aus anderen Clans mischen sich unter sie. Sie sind der Ersatz für alle, die verletzt oder krank sind oder einfach nur ein Kind in der Hemlock Falls Theatergruppe haben. Seit dem Tod eines Saturday-Hunters vor zwei Monaten und eines Thursday-Hunters vor drei Wochen hat der Rat die Zahl der Hunter in jeder Nacht erhöht.
Überall auf der Welt leben die Luminaries in der Nähe von vierzehn schlafenden Geistern. Jede Nacht, wenn die Geister träumen, erwachen ihre Albträume zum Leben. Und jede Nacht beschützen die Luminary-Hunter die Welt vor diesen Albträumen, ein Clan für jeden Tag der Woche. Die letzte Nacht waren es die Wednesday-Hunter – Winnies Clan.
Oder es war Winnies Clan bis zu dem Vorfall, der dafür sorgte, dass ihre Familie verstoßen wurde.
Im passenden schwarzen Kevlar und Stirnrunzeln gekleidet, sind einige der Hunter von letzter Nacht blutverschmiert, haben gebrochene Bögen oder hinken. Es sind achtundvierzig, einige sind Cousins und Cousinen zweiten Grades oder Cousins und Cousinen von Cousinen, die definitiv vergessen haben, dass Winnie heute Geburtstag hat, und denen es wahrscheinlich auch egal wäre, selbst wenn sie sich daran erinnern würden.
Nur Tante Rachel spricht mit Winnie und überlässt es den übrigen Huntern, sich mit einer Karte in der Hand zu nähern. Ein Jeep-Scheinwerfer strahlt sie an wie ein Bühnenlicht. Ihre Bewegungen sind grob und lustlos, genau wie bei Winnies Mutter. Doch wo das Haar ihrer Mom ergraut ist, ist das von Rachel noch glänzend und schwarz.
Sie haben aber die gleiche krumme Nase. Wie Winnie auch.
»Hier.« Rachel hält ihr eine Karte hin, eine schlechte Kopie einer Kopie einer Kopie. »Die Albtraumleichen sind eingezeichnet. Es waren auch zwei Nons dabei. Aber ich muss dich warnen: Der in der Nähe der Highschool ist nur ein Halfer.«
Halfer. Eine halbe menschliche Leiche. Das ist nicht alltäglich, aber auch nicht ungewöhnlich im Wald. Rachel übergibt die Karte an Winnie, die bereits in Richtung der Jeeps blickt und vergisst, dass ihre Nichte dort steht.
Genau so läuft es normalerweise ab. Tante Rachel sagt ein paar Worte, und dann tut sie, wie jeden Mittwoch und jeder zweite Luminary, wieder so, als gäbe es Winnie nicht. Sie geht sogar weg, bevor Winnie die Karte ganz ergriffen hat, und überlässt es ihr, sie aus der Luft zu schnappen, als sie auf den Boden fällt.
Als Rachel zu den anderen Huntern stößt, steigen sie alle in ihre Jeeps. Die Elektromotoren kommen brummend zum Leben. Das Platschen der Reifen auf dem frischen Schlamm macht ihre Abfahrt deutlich. Winnie sieht ihnen nicht nach. Seit drei Jahren kümmert sie sich nun schon um die Leichen. Und auch wenn sie heute Geburtstag hat, auch wenn ihr Magen so verknotet ist wie der Zopf einer Harpyie, beruhigt sie die Vertrautheit der Routine.
Sich um die Leichen zu kümmern – die Leichen der Albträume und der Menschen, die im Wald zurückgelassen werden, jeden Morgen, aufzuräumen – mag ein Job sein, den sonst niemand tun möchte, doch Winnie hat ihn immer genossen. Ihr Bruder nennt sie morbide, sie nennt ihn langweilig.
Sicher, es ist ein düsterer Job, doch irgendjemand muss ihn ja machen. Andernfalls erwachen die Leichen, die im Morgengrauen nicht auf magische Weise verschwinden, als Wiedergänger, und das ist nie schön. Außerdem ist das die einzige Gelegenheit für Winnie, ihr Wissen über das Kompendium der Albträume unter Beweis zu stellen. Jede neue Leiche ist ein Rätsel, das es zu lösen gilt.
Sie studiert die Karte, klackt mit den Zähnen. Es gibt einen Halfer, nicht weit vom Friday-Anwesen entfernt. Der zweite ist etwa anderthalb Kilometer vom ersten gekennzeichnet, am See. Zwei sind viel für eine Nacht. In letzter Zeit werden es immer mehr.
Klick, klick, klick. Klick, klick, klick.
»Winnie?«, ertönt eine Stimme. Marcus, Tante Rachels Sohn, tritt hinter einer Hemlocktanne hervor. Der Achtklässler, der gerade erst damit begonnen hat, sich um die Leichen zu kümmern, ist nett zu Winnie, wenn sonst niemand in der Nähe ist. Aber wenn man ihn außerhalb des Waldes antrifft, beschimpft er sie – wie alle anderen bei den Luminaries – als Hexenbrut.
Winnie träumt oft davon, seine Vorderzähne auszuschlagen. Sie schreien geradezu danach, ausgeschlagen zu werden und würden seiner olivfarbenen, blassen Haut die dringend benötigte Farbe verleihen.
Hinter ihm stehen zwei andere Teenager: die schönen Wednesday-Zwillinge, mit gebräunter Haut und dunklen turmalinfarbenen Augen. Um die Grübchen auf ihren Wangen werden sie von allen in der Stadt beneidet.
Ihre Familie ist ein Jahr zuvor nach Hemlock Falls gezogen, ihre Eltern sind Networker – eine Art Luminary, der in der Non-Welt lebt und dafür sorgt, dass niemand jemals von den Luminaries oder dem Wald erfährt.
Wie die meisten Menschen im Wednesday-Clan der amerikanischen Luminaries sind die Zwillinge nicht mit Winnie oder Marcus blutsverwandt. Sie sind Zehntklässlerinnen, wie Winnie, und die beliebtesten Mädchen der Schule. Was natürlich bedeutet, dass Marcus ihnen verfallen ist. Und zwar sehr. Er scheint nicht zu verstehen, dass sie nur nett zu ihm sind, weil sie zu allen nett sind. Auch zu Winnie, egal wie sehr sie die Stirn runzelt.
Sie möchte auch nett sein – wirklich. Aber wenn sie auch nur eine Minute nachlässig ist, besteht die Gefahr, dass sich jemand in ihr Herz schleicht. Hexenbrut, Hexenbrut.
»Happy Birthday!«, singen sie gemeinsam.
»Wir haben ein Geschenk für dich.« Emma hält eine perfekt verpackte Box mit einer perfekt gewickelten Schleife in die Höhe.
»Äh, danke.« Winnie nimmt die Box entgegen; sie ist schwer. »Ich mache sie später auf.«
Enttäuschung macht sich kurz auf ihren Gesichtern breit. Ihr Grübchenlächeln verschwindet, und Bretta, die ihre Haare derzeit in Korkenzieherlocken trägt – Emma hat lange Zöpfe –, sagt: »Oh, aber wir wollen deine Reaktion sehen.«
Winnie verkrampft sich bei diesen Worten. Angst fährt ihr in die Arme, als wäre die Box aus Tränen einer Banshee gefertigt. Das soll ein Streich sein. Wahrscheinlich ist Hundekacke drin, und wenn sie die Box öffnet, werden sie mit ihren Handys ein Video aufnehmen, das sie allen in der Schule zeigen.
Aber nein. Winnie schüttelt den Kopf. So sind die Zwillinge nicht. Außerdem würde sie es bereits riechen, wenn es Hundekacke wäre. Die Zwillinge waren, im Gegensatz zum Rest von Hemlock Falls, immer wirklich nett zu Winnie. Die Luminary-Regeln sagen ganz klar, wie man Ausgestoßene behandeln soll: ignorieren. Aber das haben die Zwillinge nie getan.
Winnie schiebt sich die Brille auf die Nase, atmet tief durch und reißt dann das Geschenkpapier auf. Es zerreißt laut in der stillen Morgendämmerung, und in weniger als einer Sekunde blickt sie auf den Namen Falls’ Finest. Er ist in denselben goldenen Buchstaben geschrieben wie auf den Schaufenstern in der Innenstadt.
Sie schluckt und hasst es, dass sie sich plötzlich freut. Sie hasst es, dass die Zwillinge ihr wahrscheinlich etwas, dem Gewicht der Schachtel nach zu urteilen, Teures geschenkt haben und dass sie es wahrscheinlich mögen wird. Fast wäre ihr die Hundekacke lieber gewesen.
Aber sie kann jetzt keinen Rückzieher machen. Emma und Bretta hüpfen praktisch vor Aufregung.
Sie hebt den Deckel der Box an und entdeckt eine Lederjacke. Die Art von Kleidungsstück, die sich Winnie niemals leisten kann, es sei denn, sie ist sehr gebraucht. Und die Art von Kleidungsstück, die in jedem Alter und in jedem Jahrzehnt gut aussehen wird.
Sie schluckt ein zweites Mal. Es ist der perfekte zimtbraune Farbton, der zu ihrem kastanienbraunen Haar passt.
»Weil dir immer kalt ist, wenn wir uns um die Leichen kümmern«, erklärt Emma. »Die wird dich warmhalten!«
Auch wenn sie es nicht sagt und es sicher nicht böswillig meint, ist klar, was sie damit sagen will: Dir ist kalt und dir wird immer kalt sein. Denn während wir uns bald nicht mehr um die Leichen kümmern müssen, wirst du, Winnie Wednesday, es auch nach dem heutigen Tag machen müssen.
»Probier sie an!«, drängt Bretta, die Grübchen kehren zurück. »Wir tauschen sie um, wenn sie nicht passt.«
Winnie gehorcht, und natürlich passt die Jacke perfekt. Sogar über ihrem grünen Hoodie mit der Aufschrift Rettet die Wale. Sie bewegt die Arme. Das neue Leder knarzt. Dann probiert sie den Reißverschluss aus. Er gleitet auf und ab wie ein Skalpell durch die Eingeweide eines Vampira.
Sie sollte das Geschenk nicht annehmen. Ja, sie sollte es ablehnen. Sie sollte sich höflich bei den Zwillingen bedanken, aber sagen, dass es ein zu schönes Geschenk ist, als dass sie es annehmen könnte.
Doch Winnie lehnt sie nicht ab. Sie fühlt sich zu badass. Wie auf dem Foto, das ihre Mutter von Oma Winona hat, mit dem Bogen in der Hand, die Eingeweiden eines Albtraums über ihrem Körper und einem breiten, bösartigen Grinsen, das so hell leuchtet wie die aufgehende Sonne hinter ihr.
Winnie lächelt ein ähnliches Lächeln, ein echtes mit Zähnen, und sagt: »Danke. Das ist wirklich … nett von euch. Danke.«
Emma strahlt, Bretta klatscht, und nicht zum ersten Mal wünscht sich Winnie, sie wären die klischeehaften bösen Mädchen, die sie sein sollen. Sie weiß, wo sie beim Rest der Stadt steht – bei Mistkerlen wie Marcus. Aber bei den Zwillingen, die fast ihre Freundinnen sind, aber nicht ganz …
Dieses unsichere »dazwischen« verursacht ein unangenehmes Gefühl in ihrem Bauch.
Sie räuspert sich und öffnet den Reißverschluss der Jacke. Dann macht sie den Reißverschluss wieder zu. Und wieder auf und wieder zu, denn aus irgendeinem Grund wollen ihre Finger nicht damit aufhören. Sie bewegen sich ohne ihr Zutun.
»Wann habt ihr Geburtstag?«, fragt Marcus die Zwillinge mit einem Eifer, der vermuten lässt, dass es in Zukunft unangenehme Blumen geben könnte.
»Nächste Woche«, antwortet Emma – genau im selben Moment wie Bretta. Sie lachen, ein fröhliches Geräusch, das immer dann ertönt, wenn sie gemeinsam sprechen.
Winnies Finger erstarren. Es ist nicht viel Zeit bis nächste Woche, um ein passendes Geschenk zu finden.
»Wir hoffen, dass wir eine Party schmeißen können«, fährt Emma fort. »Ihr werdet beide eingeladen.« Marcus sieht aus, als könnte er vor Freude in Ohnmacht fallen. Winnie ist ein wenig schlecht bei dem Gedanken. Ausgestoßene sind auf den verschiedenen Partys der Luminaries, die an den meisten Abenden der Woche stattfinden, nicht gerade willkommen.
Also wechselt sie das Thema. Als Älteste der Gruppe hat Winnie das Sagen. »Wir haben, äh«, beginnt sie. Zip, zip, zip. »Wir haben einen Halfer in der Nähe des Friday-Anwesens. Fangen wir dort an?«
»Aye-aye, Captain.« Bretta salutiert kurz. Dann steigen sie, Emma und Marcus, auf den Laderaum des Jeeps. Winnie lässt den Motor aufheulen. Die Gase verschmelzen mit dem Nebel.
Die Morgendämmerung ist aufgezogen, perlgrau über den Bäumen. Winnie schaltet trotzdem die Scheinwerfer ein. Waldschatten zerstreuen sich. Das Wintergrau tut es nicht.
Winnies Plan ist einfach: die drei Hunter-Prüfungen bestehen, den Status ihrer Familie bei den Luminaries wiederherstellen und eine Albtraum-Hunter werden, wie es ihr schon immer bestimmt war.
Ihre Mutter war eine Hunter.
Großmutter Winona war eine Hunter.
Urgroßmutter Maria war eine Hunter.
Und wäre der Vorfall nicht gewesen, wäre Winnie voll ausgebildet und würde heute Abend mit offenen Armen zur ersten Prüfung begrüßt werden. Aber wie sie nur zu gut weiß, stellt sich heraus, dass es nicht gut ankommt, wenn dein Vater für die Dianas spioniert, den alten Feind der Luminaries – auch wenn du, deine Mutter und dein Bruder keine Ahnung hatten, was vor sich ging.
Du hättest es wissen müssen, hatte der Rat vor vier Jahren gesagt. Ein wahrer Luminary hätte es wissen müssen. Ein wahrer Wednesday hätte es wissen müssen. Dann hatten sie die Strafe – zehn Jahre als Ausgestoßene – verkündet.
Und das war’s dann auch. Ihr Dad war verschwunden, war als Spion geflohen. Sie waren Ausgestoßene. Das Leben als respektierte Luminaries war vorbei. Winnie hatte nicht geglaubt, dass es noch schlimmer werden könnte … bis ihr klar wurde, dass während ihrer zehnjährigen Strafe ihr sechzehnter Geburtstag und somit die Hunter-Prüfung anstehen würde. Sie würde ihre einzige Chance verpassen, daran teilzunehmen.
Das bedeutete, dass Winnie, wenn sie das tun wollte – und o Gott, sie wollte es damals und sie will es heute –, ihren sechzehnten Geburtstag nicht verstreichen lassen durfte. Sie würde es versuchen müssen. Sie wird es versuchen müssen. Es ist ihre einzige Chance, alles wieder in Ordnung zu bringen; und eine Chance, das zu bekommen, was ihr Dad ihr wegnehmen wollte.
Sie betet nur, dass diese neue Lederjacke ihr Glück bringt.
Winnie parkt den Geländewagen auf einem Weg, der etwa zehn Meter vom Halfer entfernt ist. Die Scheinwerfer leuchten durch den Nebel und verwandeln den Wald in einen tröpfchenartigen Dunst. In weniger als einer Minute hat Winnie die menschlichen Überreste entdeckt. Nachdem sie bereits seit drei Jahren die Leichen beseitigt, weiß sie, wo Albträume ihre Beute normalerweise ablegen. Diese besondere Lichtung, umgeben von Blaufichten und Ahornbäumen, wird regelmäßig von Vampira als Jagdrevier benutzt.
Beim Anblick des entblößten Rückgrats des Halfers über den zerfetzten Resten einer Taille muss Marcus würgen. Und beim Anblick der freiliegenden Knöchelknochen, wo früher die Füße waren, dreht er sich um und flieht zu den Bäumen.
Das findet Winnie amüsant. »Willkommen im Wald«, ruft sie ihm hinterher, Bretta antwortet mit einem Kichern. Emma hingegen hat Mitleid mit Marcus, und Augenblicke später ertönt ihre sanfte Stimme über Würgegeräusche und dem Spritzen von Erbrochenem auf Tannennadeln.
Winnie und Bretta warten nicht auf sie. Sie ziehen Einweghandschuhe an, die so blau sind wie die Kornblumen in Winnies Vorgarten. Bretta holt einen Leichensack aus dem blaugrünen Rucksack, den sie immer dabeihat. Eine Chipspackung raschelt. Wahrscheinlich Salz und Essig, wie sie sie kennt. Oder vielleicht Emmas bevorzugte Sour Creme and Onion.
»Er hat nichts bei sich«, sagt Bretta, nachdem sie nach einem Ausweis gesucht hat. Ihre Handschuhe sind bereits braun vom Blut. Die Jeans des Mannes sind noch schlimmer. »Sollen wir nach der anderen Hälfte seines Körpers suchen?«
»Nein.« Winnie klappt den Leichensack, der eigentlich nur ein riesiger Ziplock ist, auf. Er ist sogar durchsichtig wie ein Ziplock, mit einer vergleichbar schlechten Verschlussqualität, die ein vorsichtiges, geduldiges Öffnen erfordert. Kein Vergleich zu Winnies neuer Jacke.
Wann immer ein Non in die Welt der Luminaries eintreten darf, sind sie entsetzt darüber, dass die Dreizehn-, Vierzehn- und Fünfzehnjährigen sich um die Leichen kümmern. Die Kinder!, sagen sie. Ihre beeinflussbaren Gemüter! Woraufhin die Luminaries schnauben und antworten: Genau.
Der Tod ist Teil des Lebens in Hemlock Falls. Er ist Teil des Lebens am Rande des Waldes. Du verlierst deine Familie, du verlierst deine Freunde, du verlierst dich selbst. Je eher »die Kinder« lernen, was der Wald ihnen antun kann, desto sicherer und glücklicher werden sie sein.
Winnie hat das auf die harte Tour gelernt.
»Ein Vampira hat das getan«, sagt sie zu Bretta und legt den Leichensack neben die Leiche. »Du kannst das anhand der Überreste erkennen. Der Oberkörper und die Organe fehlen. Sie und der Kopf enthalten die meisten Nährstoffe, und Vampira-Horte brauchen diese zum Überleben. Sie mögen den hohen Eisengehalt.«
»Oh.« Bretta betrachtet die Leiche stirnrunzelnd, während Winnie ihre Lederjacke an einen Ast einer Schwarznuss hängt. Dann packen sie die Leiche mit einem Grunzen, heben sie hoch und legen sie ab. Plastik quietscht. Geronnenes Blut spritzt wie Zahnpasta. Die Mädchen greifen sich jeweils eine Ecke des Reißverschlusses und beginnen mit dem Verschließen.
»Warum fehlen dann auch die Füße?«, fragt Bretta.
»Es heißt, dass Vampira Füße mögen, weil sie keine haben. Andererseits haben auch Melusinen und Harpyien keine Füße.« Winnie zuckt mit den Schultern. Sie hat Professor Anders schon einmal danach gefragt, als sie noch auf die Luminary-Schule durfte. Doch der hat sie nur angeschaut und in seinem schwedischen Akzent gesagt: Wenn es nicht im Kompendium steht, ist es nicht wichtig.
Also hatte Winnie im Kompendium der Albträume nachgeschlagen – und zwar nicht in dem kleinen Handbuch, das die Hunter benutzen, sondern in dem dicken Wälzer, der so groß wie ihr Oberkörper ist und in der Monday-Bibliothek steht. Sie hatte jedoch keine Antwort gefunden.
»Was glaubst du, warum sie die Füße nehmen?«, fragt Bretta.
Und Winnie errötet.
Es ist eine seltsame Hitze. Teils freut sie sich, dass Bretta nach ihren Theorien fragt. Teils schämt sie sich, weil sie weiß, was passieren wird, wenn sie sie weitergibt. Selbst wenn Bretta nicht lacht, wird sie es wahrscheinlich jemandem erzählen, der es wiederum jemandem erzählt, und schon bald werden die Luminaries ihr Haus wieder mit Toilettenpapier überziehen. Oder den alten Volvo ihrer Mutter mit Farbe besprühen, an dem der letzte rote Fleck noch nicht ganz verblasst ist. Dann wird Winnie ihren Vater noch mehr hassen, als sie es ohnehin schon tut, und sie wird ihre Mutter dafür hassen, dass sie ihren Vater jemals geliebt hat …
Und ja, sie will ihre Gedanken nicht dorthin abdriften lassen. Nicht an ihrem Geburtstag.
Also zuckt sie mit den Schultern und murmelt: »Keine Ahnung.«
Schritte stapfen durch das Unterholz. Sie dreht sich um und erwartet, dass Emma mit Marcus im Arm wieder auftaucht. Stattdessen taucht ein Junge mit flachsfarbenem Haar, das perfekt zur aschfahlen Haut passt, zwischen zwei Baumstämmen auf.
»Ugh.« Winnie blickt ihn finster an. »Jay.«
Bei ihrem Anblick stockt er kurz. Ausnahmsweise sieht er nicht stoned aus, sondern eher müde, als wäre er die ganze Nacht mit einem Bier in der einen und einem Joint in der anderen Hand unterwegs gewesen. Seine breiten Schultern sacken unter dem Flanellhemd, seine Hände stecken in verblichenen Jeanstaschen, und seine schwarzen Motorradstiefel sind mit roter Erde beschmiert.
Er ist ein Farbklecks in diesem grauen Wald, und Winnie wünscht sich plötzlich, sie hätte ihre Lederjacke noch an. Irgendetwas an Jay verlangt nach einer Rüstung.
Neben ihr ist Bretta ganz still geworden. Wie ein Geisterreh, das einen Menschen erspäht.
»Was tust du hier?«, fragt Winnie, doch Jay ignoriert sie, streicht sich mit der Hand über sein ohnehin schon zerzaustes Haar und betrachtet die Szene vor ihm. Nicht die Menschen, nicht die Leiche, sondern den Wald. Seine Blätter, das Moos und den Schlamm. Die subtilen Abdrücke, die die Monster in der Nacht hinterlassen haben.
Winnie fragt sich, was er sieht. Er hat vor über einem Jahr die drei Prüfungen bestanden.
»Ich habe mich für die Schule fertig gemacht«, sagt Jay schließlich. Seine Stimme ist, wie alles an ihm, dünn und müde. »Ich habe Spuren gesehen und wollte mich vergewissern, dass nichts über die Grenzen gekommen ist.« Das Anwesen des Friday-Clans, auf dem Jay lebt, ist eines von nur zwei Anwesen, die direkt an den Wald grenzen – das andere ist das des kriegerischen Thursday-Clans. »Vampira?«, fragt er.
»Ja«, beeilt sich Bretta zu sagen. »Wir wissen es wegen des fehlenden Torsos.«
Winnie wirft ihr einen Seitenblick zu. Eigentlich sollte sie sich darüber ärgern, dass Bretta das Wissen, das Winnie mit ihr geteilt hat, selbst verwendet, aber sie ist über die Atemlosigkeit in Brettas Stimme erschrocken. Und die Intensität ihres Lächelns.
Jay bemerkt es nicht. Und als er wieder spricht, wendet er sich an Winnie. »Irgendein Ausweis?«
»Nein«, antwortet Bretta.
»Hm.« Jay schiebt seine Fäuste tiefer in die Taschen, steht gebeugt da, als wäre das Blätterdach des Waldes zu niedrig. Und obwohl Winnie es nur ungern zugibt, hat die Lichtung etwas seltsam Kleines an sich, jetzt, wo er dort ist.
»Ich kann meine Tante fragen, ob sie etwas gesehen hat«, bietet er an. »Sie könnte ihre Kameras aufgestellt haben …«
»Tu es nicht«, unterbricht Winnie, während Bretta seufzt: »Ja, bitte.« Winnie starrt erst sie, dann Jay an. »Ich brauche deine Hilfe nicht, Jay. Ich weiß genau, was hier passiert ist. Vampira.« Sie zeigt auf die Leiche. »Hort.«
Seine zinnfarbenen Augen werden bei dieser Erklärung schmal, aber er widerspricht ihr nicht.
Doch er bestätigt ihre Einschätzung nicht, und Winnie wird immer wütender. Früher wusste sie genau, was Jay dachte. Jetzt weiß sie gar nichts mehr. »Ich brauche deine Hilfe nicht«, wiederholt sie. »Ich komme allein zurecht.«
»Ich weiß«, sagt er. Winnie hasst es, dass er wirklich glaubt, was er sagt. »Ich habe nur versucht zu helfen, Win.« Er wendet sich zum Gehen. An der Baumgrenze hält er jedoch lange genug inne, um »Happy Birthday« zurückzurufen, bevor ihn der Wald ganz verschluckt.
»Wir sehen uns in der Schule!«, schreit Bretta in die Kiefern, aber es kommt keine Antwort.
Sie atmet tief aus; Winnies Zähne klacken wieder. Sie ist froh, dass Jay weg ist und ärgert sich, dass er an ihren Geburtstag gedacht hat. Vor allem aber ärgert sie sich darüber, dass er es in den fünf Sekunden, die er hier war, geschafft hat, ein Loch in ihre Vampira-Theorie zu stoßen. Er sagte, er sei den Spuren zur Leiche gefolgt, aber Vampira hinterlassen keine Spuren. Ihre stelzenartigen Beine enden in nadelförmigen Spitzen, die kaum den Boden berühren.
Sie betrachtet den Waldboden und verengt die Augen hinter den Brillengläsern. Was hat Jay gesehen, das sie übersehen hat? Könnte es eine Sylphide gewesen sein? Oder vielleicht ein Kelpie? Sie könnte ihm nachlaufen und ihn fragen. Sie sollte ihm nachlaufen und ihn fragen. Schließlich wäre es das Verantwortungsvollste, was man als Leiterin dieser Aufgabe tun kann – und was eine zukünftige Hunter auch tun würde.
Aber das wird nicht passieren. Nicht in einer Million Jahren.
»Er nimmt mich nie wahr«, beschwert sich Bretta. Dann fügt sie fast beiläufig hinzu: »Oder irgendjemand anderen, wirklich.«
»Hm?« Winnie schiebt sich die Brille auf die Nase und schaut zu dem anderen Mädchen.
»Jay Friday«, erklärt Bretta. »Emma und ich könnten genauso gut unsichtbar sein, wenn er in der Nähe ist. Er ist so sehr mit sich selbst beschäftigt.« Wenn sie das sagt, klingt es nach einer sympathischen Charaktereigenschaft. »Wir gehen zu jedem seiner Auftritte im Joe Squared, aber er geht immer gleich nach dem Auftritt.«
Winnie weiß es nicht. Sie meidet das örtliche Café wie ein Albtraum das fließende Wasser. Sie hat allerdings gehört, dass Jays Band dort samstagabends spielt. Und ihr ist aufgefallen, dass halb Hemlock Falls in ihn verliebt zu sein scheint.
Das macht eigentlich keinen Sinn, denn Jay scheint sich für niemanden in der Stadt zu interessieren – oder überhaupt jemanden wahrzunehmen.
Aber vielleicht ist das ja auch Teil des Reizes.
Wider besseres Wissen hat Winnie Mitleid mit Bretta. »Er tritt nicht auf, um Aufmerksamkeit zu erregen, deshalb überrascht es mich nicht, dass er nach der Show geht. Wenn du mit ihm reden willst, geh nach der Schule zu Gunthers.«
»Die Non-Tankstelle? Außerhalb von Hemlock Falls?«
Winnie nickt. »Er ist fast jeden Tag dort und schraubt an seinem Motorrad.« Oder am Motorrad seiner Tante, aber Winnie sieht keinen Sinn darin, das näher auszuführen.
Brettas Augen weiten sich, ihre Grübchen vertiefen sich, und Winnie kann praktisch sehen, wie sich ein Gedanke nach dem anderen formt. Gunthers Tankstelle bedeutet Motorrad bedeutet Jay bedeutet Zeit mit Jay bedeutet, bemerkt zu werden …
Sie klatscht in ihre blutigen, kornblumenfarbenen Hände. »Oh, danke, Winnie! Ich … wir werden das heute auf jeden Fall tun. Aber woher weißt du so viel über ihn? Seid ihr zwei befreundet oder so?«
»Nein.« Winnie streift ihre Handschuhe ab. Sie schlagen wie Gewehrschüsse durch den Wald. »Jay ist kein Freund.«
Er war es aber mal gewesen.
Deshalb kennt Winnie ihn. Deshalb hasst Winnie ihn. Denn die Wahrheit über Jay Friday ist, dass er, Winnie und Erica Thursday früher befreundet waren. Sie waren ein unzertrennliches Trio. Eine Triade. Ein Trigon. Alles, was mit »tri« anfing, hatten sie in den sieben Jahren ihrer Freundschaft irgendwann einmal für sich entdeckt.
Wednesday, Thursday, Friday. Eine perfekte Anordnung von Clans, die die Initialen WTF bildeten, was sie immer wieder zum Lachen brachte.
Jay war fast ein Jahr älter, als sie sich kennenlernten, aber ihre Eltern – oder in Jays Fall seine Tante – waren alle befreundet, und so war eine Fahrgemeinschaft entstanden. Jeden Nachmittag fuhren sie gemeinsam zu dem weitläufigen Sunday-Anwesen, in dem alle Luminary-Klassenräume und -Trainingshallen untergebracht sind. Nachdem sie genug Zeit damit verbracht hatten, über Pokémon zu debattieren, dann über Albträume und schließlich darüber, welche Professoren die gruseligsten waren, schmiedeten sie ein Band, von dem sie wirklich glaubten, dass es niemals gebrochen werden könnte.
Aber das ist die Sache mit dem Wald: Er kann so ziemlich alles zerstören.
Und das hat er auch getan. Als Winnies Familie wegen ihres Vaters verurteilt wurde, verließen Jay und Erica sie wie fast alle anderen in Hemlock Falls. Und das sehr schnell. Jay geriet an Leute mit schlechtem Einfluss auf ihn, Erica wurde unglaublich beliebt.
So wurde das untrennbare Trio, die Triade, das Trigon in zwei Teile gespalten: ein rechter Winkel auf der einen Seite, noch immer willkommen in der Welt der Luminaries. Eine verlorene Hypotenuse auf der anderen Seite, treibend, schwebend und allein.
Als Älteste und Fahrerin des Geländewagens bringt Winnie die Leichen zum Monday-Anwesen, nachdem alle anderen nach Hause gegangen sind, um sich auf die Schule vorzubereiten. Es gibt einen Weg durch den Wald, der sie zum Grundstück führt. Er ist mit Reifenspuren des Tuesday-Clans vom Vortag übersät. Winnie versucht, in den Spurrillen zu fahren. Als ob sie wie die Hunter sein könnte, wenn sie ihren Spuren folgt.
Alle lieben die Tuesdays.
Dieser Teil – die Fahrt zum Abliefern der Leichen – ist Winnies Lieblingszeit: die Zeit, in der sie ganz allein ist und über ihre Zeichnungen der Albträume nachdenken kann.
Heute haben sie eine intakten Erd-Sylphide geborgen. Winnie hat noch nie einen gesehen; ihr war nicht klar, wie … menschlich sie sind. Wie Miniaturmenschen mit Rinde als Haut und Stein als Zähne und Hörner. Sie wird es in ihrem Kompendium neu zeichnen müssen. Sie weiß bereits, wie sie es machen wird – kleine Schraffuren für die Textur ihrer Gesichter, ein dickerer Marker, um die volle Schwärze ihrer Augen zu erfassen.
Die beiden anderen Albtraumleichen, die sie gefunden haben, sind Mantikor-Jungtiere, die wie hundegroße Skorpione aussehen. Winnie sammelt sie praktisch jede zweite Woche ein, und sie sind leicht zu zeichnen. Nur Panzer und Beine. Einfache, klare Linien …
Vielleicht liegt es daran, dass Winnie so mit sich selbst beschäftigt ist, ihr Blick auf die Tuesday-Reifenspuren gerichtet, vielleicht aber auch einfach daran, dass der Wald einen Plan hat, aber als Winnie einen vertrauten Hügel mit einem vertrauten roten Pfahl im Boden erreicht, bemerkt sie dahinter etwas, das nicht dort hingehört.
Zwei Füße.
Oder besser gesagt, was von zwei Füßen übrig ist. Diese sind blutig, blass und es fehlen Zehen.
Sie tritt auf die Bremse. Der Geländewagen kommt zum Stehen, der Schlamm spritzt über den roten Pfahl, der den weitesten Punkt markiert, an dem Albträume auftauchen könnten. Jede Nacht, wenn der Nebel aufsteigt, bilden sich die Albträume. Die meisten bleiben im Herzen des Waldes, in der Nähe des schlafenden Geistes. Doch einige versuchen, nach draußen zu gelangen. Einige machen sich auf die Suche nach Menschen für ihre nächtliche Mahlzeit.
Deshalb verfügen die Tuesdays über Sensoren, die erkennen, wenn ein Albtraum in die weite Welt übertritt. Theoretisch. Doch offensichtlich hat ein Albtraum die Grenze überschritten und die Füße hiergelassen – was bedeutet, dass Winnie unbedingt jemandem davon erzählen muss. Außerdem muss sie diese Füße holen.
Sie springt aus dem Geländewagen und holt eine alte Einkaufstüte unter dem Sitz hervor. Vermutlich waren darin die Snacks von jemandem, doch seit Monaten ist sie nur noch ein zerknittertes Ärgernis, zu dessen Beseitigung sie zu faul war. Jetzt wird er als grober Leichensack dienen. Oder … Fußsack.
Mit der Hand in der Tüte nimmt sie die beiden Leichenreste in die Hand, so wie sie früher die Kacke von Ericas Hund aufgesammelt hat. Knitter, knitter. Ein Fuß. Zwei Füße. Sie sind überraschend schwer. Auf den Fußrücken sind Haare, umgeben von tiefen, blutigen Wunden, als wären sie von einem Rasenmäher erfasst worden.
Eine Welle der Übelkeit überkommt Winnie. Hastig schließt sie die Tüte. Erst vor einer Stunde hat sie sich über Marcus lustig gemacht, und jetzt ist sie kurz davor, sich zu übergeben. Das verheißt nichts Gutes für die Prüfung heute Abend.
Du bist hungrig, sagt sie sich. Und leidest unter Schlafentzug. Sogar ihre Mom und Oma Winona müssen sich von Zeit zu Zeit schwindelig gefühlt haben, und sie waren beide Führende Hunter des Wednesday-Clans gewesen.
Winnie stößt einen Stock in die Stelle, wo die Füße waren. Roter Lehm knirscht auf. Das Stöckchen bricht an der Spitze ab, aber als Markierung reicht es. Mario im Monday-Labor wird sie finden können.
Nachdem sie die Füße neben den Albträumen und Nons auf die Ladefläche des Geländewagens gelegt hat, macht sie sich erneut auf den Weg. Diesmal achtet sie nicht auf die Tuesday-Spuren. Sie fährt einfach los. Schnell. Bis sie endlich den Rand des Monday-Anwesens erreicht.
Kälte kommt ihr entgegen, ohne den Wald als Schutz. Das Gelände ist still, das Gras frisch vom Frost. Zwei Krähen ergreifen die Flucht, als Winnie vorbeidonnert.
Es ist wie auf einem College-Campus. Oder zumindest so, wie sich Winnie einen College-Campus vorstellt, nach dem, was sie im Fernsehen gesehen hat. Da ist das Hauptgebäude mit seinem braunen Stein und dem daran entlang wachsenden Efeu, der ohne seinen grünen Mantel eher wie klapprige Spaghetti aussieht. Um das eigentliche Anwesen herum befinden sich viele Nebengebäude, insgesamt sieben: drei Labore, zwei Bibliotheken – eine historische und eine wissenschaftliche –, ein Krankenhaus und ein Bürogebäude für all die Mondays, die daran arbeiten, das Wissen der Luminaries zu erweitern.
Wissen sammeln und schützen für alle kommenden Generationen. Das ist ihr Motto, und nicht zum ersten Mal kommt Winnie an den Bibliotheken vorbei und wünscht sich, sie wäre als Monday geboren worden. Das hätte zwar nichts daran geändert, was mit ihrem Vater passiert ist, aber dann wären sie, ihre Mutter und ihr Bruder wenigstens nicht ganz so verhasst. Die Mondays sind immer höflich zu ihr, die Wednesdays nie.
Und das kann Winnie ihnen nicht einmal verübeln. Schließlich lautet das Motto der Wednesdays: Loyalität über alles. Die Pflicht steht über allem. Was könnte illoyaler sein, als mit einem Diana zu leben? Die Hexen, die den schlafenden Geistern auf der ganzen Welt die Magie stehlen? Welche die Geister aufwecken und Albträume über die Menschheit bringen wollen?
Was die Wednesdays betrifft, so waren zehn Jahre als Ausgestoßene nicht hart genug für Winnies, Moms und Darians Verbrechen. So frustrierend es auch ist, Winnie kann es ihnen nicht einmal verübeln. Die Dianas sind böse. Ihr Vater ist böse.
In den frühen Tagen der amerikanischen Luminaries, als der Geist hier gerade erst erwacht war, kämpften die Dianas darum, im Wald Fuß zu fassen. Sie vergruben ihre Quellen der Magie überall – Kristalle, Metallkugeln, hölzerne Talismane, Tierknochen – in der Hoffnung, dass sie die Magie des Geistes in sich aufnehmen. Dann benutzten sie diese zur Herstellung von Zaubersprüchen.
Damals schienen diese Quellen überall zu sein, versteckt unter Wurzeln oder in Steinritzen, die dem Wald seine Magie entziehen, und oft waren es die Kinder, die sich für die Luminaries um die Leichen kümmerten, die sie gefunden hatten.
In der Regel waren die magischen Gegenstände mit Sprengfallen bespickt. Allzu oft entkamen die Kinder dem Sprengstoffzauber nicht unversehrt. Winnies eigener Urgroßvater hatte auf diese Weise seinen Daumen verloren.
Am Ende waren die Luminaries der Hemlock Falls jedoch stärker als die Dianas. Die Hexen waren nicht in der Lage gewesen, die Magie des Geistes für sich zu beanspruchen, und so hatten sie sich wieder rund um den Globus versteckt, die Kinder konnten die Leichen sicherer einsammeln, und die alte Sirene, die in der Innenstadt installiert worden war, um vor Dianas zu warnen, hörte auf, regelmäßig zu heulen.
Sie sind natürlich immer noch da draußen. Die Dianas wollen immer noch die Kontrolle über die Geister übernehmen und die Welt überrennen. Sie verstecken noch immer magische Gegenstände und stehlen Magie, wann und wo immer sie können.
Winnies Vater ist der lebende Beweis dafür. Und ihre Familie ist der Beweis dafür, was passieren kann, wenn die Wachsamkeit nachlässt.
Winnie fährt am Hauptanwesen vorbei, und obwohl sie zwei Mondays in Laborkitteln zuwinkt, wird sie von ihnen ignoriert. Als sie das Krankenhaus erreicht, fährt sie um das Gebäude herum zum Eingang der Leichenhalle. Mario, der leitende Albtraumforscher, kommt ihr entgegen.
Er nickt Winnie zu, seine labor-blasse Haut wird von der Morgensonne angestrahlt. Eine rosafarbene Blase zerplatzt vor seinen Lippen. »Ugh«, stöhnt Winnie. »Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, keinen Kaugummi zu kauen, wenn ich da bin.«
»Und ich dachte, wir hätten vereinbart, dass du pünktlich bist.« Er tippt auf seine Uhr. »Ein Mann muss seine Zeit irgendwie ausfüllen.« Er macht eine weitere Blase. Plopp!
Winnie lächelt kurz. Sie mag Mario. Er tut nie so, als hätte sie dort nichts zu suchen, verdreht nie die Augen oder ignoriert ihr Winken. Vielleicht liegt es daran, dass sein Neffe Andrew und Winnies Bruder Darian befreundet sind, oder vielleicht daran, dass er vor dem Vorfall mit Winnies Vater befreundet war, aber so oder so weiß sie es zu schätzen, einen Verbündeten zu haben – auch wenn sie ihm nie in die Leichenhalle oder die Untersuchungsräume folgen darf.
Und auch wenn er wie ein wandelndes Stück Luftpolsterfolie ist, das zum großen Ärgernis von buchstäblich allen immer wieder plopp-plopp-plopp macht. Selbst seine Mutter schimpft mit ihm, wenn sie von den italienischen Luminaries zu Besuch kommt.
»Ich habe etwas gefunden.« Winnie stellt den Motor ab, springt auf den Bürgersteig und hält die Einkaufstüte hoch. Die Füße sind erstaunlich schwer. Durch das Plastik ist Blut zu sehen.
Mario blinzelt. »Sind das … Füße?«
»Ja.« Sie eilt auf ihn zu und winkt mit der freien Hand in Richtung der Ladefläche. »Ich habe sie außerhalb des Geländes gefunden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie dem Halfer gehören. Nein«, korrigiert sie, als sie ihn erreicht hat, »ich bin mir sicher, dass sie ihm gehören. Du weißt, was das bedeutet, oder?«
Er seufzt, sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse, die nur als langes-Leiden beschrieben werden kann. »Ich habe zwar eine Theorie, aber ich vermute, du hast eine andere. Eine, die höchst unwahrscheinlich ist.«
Und das ausgerechnet von Mario, der für seine verrückten Ideen bekannt ist. »Das war ein Werwolf«, erklärt Winnie.
Mario macht eine weitere Blase. Plopp!
»Ich meine es ernst.« Winnie drückt ihm die Füße gegen die Brust. Das Plastik raschelt. »Was sonst kann die Grenze unbemerkt verlassen, Mario? Es ist entweder ein Gestaltwandler oder ein Werwolf, und Gestaltwandler verstümmeln keine Körper.«
»Sie sind auch extrem selten. Wir haben seit fast achtzehn Jahren keine mehr gehabt. Und es war …« Er schüttelt den Kopf. »Es war schlimm, weißt du noch?«
Winnie kann sich nicht daran erinnern, weil sie damals noch nicht geboren war. Aber sie kennt die Geschichten darüber, wie ein Non, der zu einem Werwolf geworden ist, sechs Menschen in ebenso vielen Tagen tötete und ganz Hemlock Falls abgeriegelt wurde, bis die Tuesdays ihn schließlich erschossen. Seitdem wird die Sirene in der Innenstadt, die zur Warnung vor Diana-Angriffen gebaut worden war, auch für alle frei herumlaufenden Tagwandler eingesetzt.
Winnie kaut auf ihrer Lippe. Sie will das, was vor achtzehn Jahren passiert ist, nicht auf die leichte Schulter nehmen … aber sie glaubt auch, dass sie etwas auf der Spur ist. »Stell es dir nur mal vor, Mario. Dieser Werwolf ist gerade dabei zu essen, wenn die Nacht zu Ende geht. Er hat die Füße noch im Mund, als sein Körper beginnt, sich wieder in einen Menschen zu verwandeln –«
»Jetzt ist der Werwolf ein Er?«
»– und er ist einfach …«, sie ahmt das Gehen mit ihren Fingern nach, »aus dem Wald herausspaziert. Dann lässt er die Füße fallen und betritt unsere Welt.«
Mario scheint von dieser Theorie nicht überzeugt zu sein. Wenn überhaupt, dann sieht er leicht gereizt aus. Als ob er irgendwo hinmüsste und Winnies Geschichte ihn davon abhalten würde. Immerhin nimmt er die Einkaufstasche entgegen. »Interessante Geschichte, wie immer, Winnie. Aber stell dir stattdessen Folgendes vor: Es war derselbe Vampira-Hort, den die Hunter in den letzten drei Nächten verfolgt haben. Die Hunter töteten den Hort schließlich – vermutlich während ihrer Mahlzeit – und die Füße wurden über die Grenze geschleudert.« Er schlurft zu einem Rolltisch in der Nähe. Der rostfreie Stahl glänzt in der aufgehenden Sonne.
»Das war auch mein erster Gedanke.« Winnie folgt ihm, und als er nach dem Tisch greift, nimmt sie das andere Ende. Sie rollen ihn zum Geländewagen. »Aber die Spuren an diesen Füßen passen nicht zu Vampira. Mach einfach die Tasche auf und du wirst es sehen!«
Mario antwortet nicht, aber Winnie kann sehen, dass er über ihre Worte nachdenkt. Er kaut immer lauter und macht mehr Blasen, wenn sein Forschergeist schwirrt. Plopp, plopp, plopp!
Winnie hilft ihm, die erste Leiche auf die untere Ablage des Tisches zu legen. Es ist eine ältere Frau, deren Augen nach einer unglücklichen Begegnung mit einem Basilisken zu Stein geworden sind. Dann laden sie den Mantikor auf die mittlere Ablage. Als Nächstes kommt die Sylphide – über die Mario aufgeregt ein »ooh« verlauten lässt –, und zuletzt der Halfer auf die oberste Ablage.
»Eindeutig Vampira«, sagt Mario nach einer flüchtigen Untersuchung. »Aber deine Theorie gefällt mir, Winnie. Sie ist sehr …« Er hält inne, wie er es jede Woche tut, wenn Winnie ihre neueste ausgefallene Idee vorstellt.
»Kreativ«, beendet sie für ihn den Satz. Sie kann die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht verbergen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass sie dieses Mal richtig lag. Ein Werwolf hätte Jays seltsame Einschätzung der Lichtung erklärt, und sie hatte sogar das Heulen im Morgengrauen gehört.
Mario schenkt ihr ein entschuldigendes Lächeln. »Wir sind ein besonderes Team, oder? Aber ich mag es, wie dein Verstand arbeitet.«
Winnie schiebt ihre Brille hoch. Ihr Daumen hinterlässt einen Fingerabdruck auf dem linken Brillenglas. »Hat Tante Rachel dir erzählt, dass sie einen Vampira-Hort ausgehoben haben?«
»Nein«, gibt er zu. »Die Wednesdays haben mir ihre Koordinaten der Tötungen noch nicht übermittelt. Aber ich wette mit dir um einen Wochenvorrat Kaffee, dass es kein Werwolf war.«
Das macht Mario auch jede Woche: Er wettet um den Kaffee einer ganzen Woche, dass ihre Hypothese falsch ist. Und natürlich wettet auch Winnie, wenn er derjenige mit den köstlichen Theorien ist.
Winnie studiert den Halfer erneut. Das Sonnenlicht glänzt auf dem Plastik. Die Einkaufstüte mit den Füßen liegt jetzt unter den zerfetzten Knöcheln. Ja, es sieht so aus, als hätte ein Vampira-Hort das getan … aber warum haben sie dann die Füße gefressen? Dem Kompendium zufolge fressen Vampira keine Füße. Sie nehmen sie nur.
Winnie presst den Kiefer zusammen. Da steckt mehr dahinter als das, was sie sieht. Sogar Jay hat das bemerkt.
»Okay.« Sie lässt ihren Blick zu Mario schweifen. Er schreibt auf einem Klemmbrett, das an der Tischkante baumelt. »Kaffee für eine Woche.«
Er unterbricht sein Gekritzel. »Hm?«
»Eine Woche«, wiederholt sie und streckt eine Hand aus. Dann erinnert sie sich, dass sie sie noch nicht gewaschen hat und zieht sie hastig zurück. »Ich nehme deine Wette an. Sagen wir, Kaffee von Joe Squared?«
»Bist du dir so sicher?« Mario sieht den Sack mit den Füßen an. Plopp-plopp-plopp! Keiner der beiden hat je eine Wette eingelöst. »Du willst sogar um die teuren Sachen wetten? Na gut.« Er zuckt mit den Schultern. »Deine Beerdigung. Wenn sich herausstellt, dass es sich um einen Werwolfmord handelt, kaufe ich dir eine Woche lang Kaffee von Joe Squared – oder, wenn dir das lieber ist, spendiere ich dir und einer Freundin ein Essen im Revenants Daughter.«
Dir und einer Freundin. Als ob Winnie eine hätte. »Ich nehme den Kaffee«, antwortet sie.
Er setzt sich einen unsichtbaren Hut auf. »Und ich schicke dir eine E-Mail, wenn ich von den Wednesdays höre.«
»Perfekt.« Sie zieht ebenfalls ihren unsichtbaren Hut und hüpft in den Wagen. Der Frühlingswind beißt ihr im Nacken. Der Fleck auf ihrer Brille verzerrt den beginnenden Tag. In der Innenstadt schlagen die Glocken des Rathauses acht Uhr, was bedeutet, dass sie noch eine Stunde bis zum Schulbeginn hat.
Die Schule fängt in Hemlock Falls immer spät an, um denen, die sich um die Leichen kümmern, oder den Huntern der letzten Nacht entgegenzukommen … und um die Partys der vorangegangenen Nacht zu ermöglichen. Die Luminaries lieben ihre Partys.
»Mach dich bereit zu verlieren, Mario!«, brüllt Winnie, während sie bereits wegfährt. Marios platzende Blasen jagen ihr hinterher.
Das Revenants Daughter ist teils Bar, teils Diner, aber alles fettig. Normalerweise geht Winnie vor der Schule nicht ins Restaurant, doch ihre Mutter hat ihr am Abend zuvor ein Versprechen abgenommen. »Heute ist dein Geburtstag. Ich will dich an deinem Geburtstag sehen.« Also ist Winnie hier.
Sie parkt den Geländewagen neben dem Müllcontainer in der Gasse zwischen Falls’ Finest, Joe Squared und dem Wednesday-Lebensmittelladen, der alles zu Wucherpreisen anbietet, weil er der einzige in der Gegend ist und sie das tun können.
Der Geruch von heißem Öl zieht über Winnie hinweg. Ekelerregend und köstlich zugleich. Nichts im Revenants Daughter ist besonders gut oder gourmethaft, aber es ist so stark gebacken und frittiert, dass man es nicht wirklich bemerkt. Und Ketchup. Das Restaurant verbraucht eine Menge Ketchup.
Winnie klackt mit den Zähnen, während sie auf die schwere, mit einem Stein geöffnete Hintertür zugeht. Fettige Hitze weht in den Morgen. Sie wünschte, sie hätte Zeit für ein Frühstück.
»Was ist los?«, fragt Francesca Wednesday in dem Moment, als Winnie die dampfende Küche betritt. Ihre Mutter ist gerade dabei, zwei Teller mit Röstkartoffeln auf ein Tablett zu schieben, das bereits mit Eiern, Toasts und Kaffee überladen ist. Archie Friday kocht in der Zwischenzeit noch mehr und schaut nicht vom Grill auf. Er ist ein Mann der wenigen Worte und grunzt meistens.
»Du siehst aus, als ob etwas nicht stimmt.« Ihre Mom runzelt die Stirn, die Falten zwischen ihren Brauen sind tief. Der gelbe Unterton ihrer Haut sieht im Licht der Küche fast kränklich aus. »Ist was schiefgelaufen?«
Winnie schluckt. Sie ist keine besonders gute Lügnerin. Selbst die einfachsten Notlügen sind für sie unmöglich. So ist es ihr zum Beispiel noch nie gelungen, ihren Bruder Darian davon zu überzeugen, dass sie den Schnurrbart, den er letztes Jahr trug, wirklich gefallen hat. Und wenn es um die großen Dinge geht … Sie hat es nur geschafft, ihre Pläne für die Teilnahme an den Prüfungen zu verbergen, indem sie ihrer Mutter aus dem Weg ging.
Glücklicherweise macht sie, während sie ihr Gehirn nach einer Antwort ausstreckt, den Reißverschluss der Lederjacke zu … und wieder auf. Die dunklen Augen ihrer Mom starren sie an. »Woher hast du die?« Sie schreitet zu Winnie hinüber, balanciert das Tablett auf einer Schulter und mustert das Leder mit dem geschulten Blick einer Hunter. »Hast du sie gestohlen?«
Winnie lacht. Ein schwaches Geräusch, das sie in den Augen ihrer Mutter nur noch verdächtiger aussehen lässt.
»Nein, Mom. Emma und Bretta Wednesday haben sie mir geschenkt.«
»Oh.« Ihre Mom blinzelt. »Wow.« Ihre Wangen erröten. Sie wirft einen Blick in den hinteren Teil der Küche, wo eine gelbe Geschenktüte neben den industriellen Kaffeemaschinen wartet. »Nun, dann wirst du, äh … von meinem Geschenk enttäuscht sein. Aber nur zu.« Sie zeigt mit ihrem Kopf in die Richtung der Tüte. »Mach es auf, ich bin gleich wieder da.«
Ihre Mom geht in den Restaurantbereich und trägt das Tablett mit viel mehr Anmut als noch vor vier Jahren, als die Luminaries sie verstießen und sie zwei Jobs annehmen musste, um die Rechnungen zu bezahlen. Winnie hatte nie zu schätzen gewusst, wie komfortabel sie mit dem Hunter-Gehalt ihrer Mom gelebt hatten – bis es weg war.
Als die Schwingtür ganz offen ist, hält sie einen Moment inne und Winnie wird von dem bereits dröhnenden Stimmengewirr des Cholesterin- und Koffeinhypes überrollt. Sie erhascht einen Blick auf die nächstgelegene Nische, in der Imran und Xavier Saturday – Seniors, beliebt, nicht verwandt –, Marisol Sunday – Junior, beliebt –, Casey Tuesday – Sophomore, beliebt – und Erica Thursday sitzen.
Ericas Augen, die sich fast rotbraun von ihrer warmen, gebräunten Haut abheben, bleiben an Winnies Augen hängen. Dann schauen sie so schnell weg, wie Winnies es tun. Die Tür schwingt zu. Archie bellt: »Bestellung fertig!« Und Winnie macht sich auf den Weg zu den Kaffeemaschinen. Ihr Herz klopft wie wild. Ihre Zähne klacken.
Das ist ein weiterer Grund, warum sie morgens nicht ins Daughters kommt. Dort frühstücken die beliebten Kinder der Schule.
Hier frühstückt Erica vor der Schule. Sie haben seit vier Jahren nicht mehr miteinander gesprochen, und obwohl Erica Winnie nicht Hexenbrut oder Diana Abschaum nennt, tut sie auch nichts, wenn alle anderen es tun. Sie schaut nur zu, mit einem unergründlichen Ausdruck auf ihrem kalten, perfekt geschminkten Gesicht. Als sie und Winnie noch befreundet waren, hatte sie sich gerade mit Eyeliner und Konturenstift vertraut gemacht. Jetzt geht sie ohne nicht mehr aus dem Haus, und ihre Kleider sind immer neu, immer von Designern.
Ericas Vater, der ursprünglich von den mexikanischen Luminaries stammt, ist immer einer der bestgekleideten in Hemlock Falls, und so ist es nicht verwunderlich, dass Erica das auch ist. Und obwohl Ericas Vater immer noch den Nachnamen Jueves trägt, wurde Erica im amerikanischen Zweig der Luminaries geboren. Daher trägt sie den Nachnamen Thursday wie ihre Mutter, die zufällig auch das Oberhaupt des Thursday-Clans und damit Mitglied des Luminary Rates ist.
Jeder erwartet, dass Erica in Marcias perfekt platzierte Drei-Zoll-Absätze folgt. So wie Erica aussieht, spricht und sich bewegt, hat sie den größten Teil des Weges bereits zurückgelegt.
Winnie greift nach der gelben Geschenktüte und erkennt das Einhorn-Seidenpapier vom letzten Geburtstag. Neue Stifte, denkt sie, weil ihre Mom ihr die immer schenkt. Doch als sie hineingreift, findet sie stattdessen ein schickes kariertes Brillenetui vor.
Aufregung macht sich in ihr breit. Sie hatte immer gesagt, dass sie eine neue Brille wollte, aber sie hatte nicht gedacht, dass ihre Mom ihr zugehört hatte.
Winnie klappt das Etui auf, und die Brille, die drin liegt, ist nicht so verschmutzt wie ihre jetzige, dennoch ist sie an den Rändern etwas abgenutzt. Außerdem ist sie seit mindestens drei Jahren aus der Mode. Der Rahmen ist dick, während der Bügel dünn ist.
Winnie schluckt.
»Das ist die falsche, oder?«
Winnie zuckt zusammen. Sie hatte nicht gemerkt, dass sich ihre Mutter genähert hat. Trotz allem bewegt sich Fran so heimlich wie eine Führende Hunter.
»Ist das eine Fälschung? So ein Mist.« Ihre Mom entreißt Winnie das Etui. »Ich dachte wirklich, die sieht schick aus.«
»Das ist keine Fälschung.« Winnie greift nach dem Etui.
Ihre Mom geht einige Schritte zurück. Sie starrt finster auf die Brille. »Ich wusste, ich hätte bis nach deinem Geburtstag warten sollen, dann hätte ich nach Chicago fahren können. Aber ich habe mich gefreut, dass sie so billig war. Verdammt, Fran.«
»Nein.« Winnie greift nach dem Bizeps ihrer Mutter und drückt ihn leicht. »Die ist toll, Mom. Genau das, was ich wollte. Siehst du?« Sie schnappt sich das Etui und wechselt ihre Brillen. Kein Fleck mehr über dem linken Auge, nur noch gestochen scharfe Klarheit, als Archie in ihre Richtung schreit: »Bestellung fertig!«
Winnie lächelt, und ihre Mom errötet bis zum Rand ihres ergrauten Haaransatzes. Winnie hasst es, wie verzweifelt sie dabei aussieht. Ihre Mom will Winnie glauben, und Winnie will, dass ihre Mom ihr glaubt. Noch nie in ihrem Leben hat sie sich so sehr gewünscht, gut lügen zu können.
Doch leider ist Winnie nicht überzeugend genug, und ihre Mom seufzt. Es ist ein Geräusch von solcher Niedergeschlagenheit und Selbstverachtung, dass Winnie zum acht millionsten Mal klar wird, wie sehr sie ihren Vater hasst. Das hat er Francesca Wednesday angetan. Er hat ihr das Herz gebrochen – ihrer aller Herzen – und die härteste Hunter des Wednesday-Clans zu …
Dem hier gemacht.
Nicht, dass er ihre Mom gebrochen hat. Sie ist alles andere als das. Sie ist Winnies Heldin und wird es immer sein. Aber bevor ihr Dad sie verraten hat, hatte ihre Mom nie an sich gezweifelt. Sie war die Führende Hunter des Wednesday-Clans und lebte nach dem Wednesday-Motto. Sie prägte ihren Kindern Loyalität ein; sie prägte Winnie Loyalität ein.
Dann erwischte ihre Mom ihren Dad dabei, wie er einen Spionagezauber wirkte, der die Geheimnisse der Luminary direkt an die Dianas weitergegeben hätte. Sie hat versucht, ihn dem Rat auszuliefern. Er hat sie k.o. geschlagen. Und der Rest ist eine beschissene Geschichte.
»Wie sehe ich aus?« Winnie schenkt ihrer Mom ihr albernstes Lächeln, mit herausgestreckter Zunge und gezeigten Zähnen, und zu ihrer Erleichterung grinst ihre Mom zurück.
»Bestellung fertig!«, bellt Archie, jetzt noch lauter.
»Du siehst fantastisch aus, Win.« Ihre Mom zieht Winnie in eine unbeholfene Umarmung – sie berühren sich nur selten – und küsst ihr Haar. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag für meine liebste Tochter im ganzen Universum –«
»Bestellung.«
»– ich hoffe, es wird ein schöner Tag, und vergiss nicht: Wir müssen das Fahren üben –«
»Fertig.«
»Hellions und Banshees, Archie, ich habe dich verdammt noch mal gehört!« Ihre Mom schaut finster drein und kommt der führenden Hunter näher, mit der Winnie aufgewachsen ist. Sie gibt Winnie einen Klaps auf den Kopf, dann ist sie bereits verschwunden, um mehr Frühstück zu holen.
Und um all die Luminaries zu bedienen, die sie nicht mehr als ihresgleichen ansehen.
Es ist nicht so, dass die meisten Luminaries zu Winnie oder ihrer Familie direkt grausam wären. Nachdem der Vorfall mit der Sprühfarbe im ersten Schuljahr zu einer tatsächlichen Bestrafung durch den Rat geführt hatte, gingen die meisten dazu über, Winnie, Darian und ihre Mutter zu ignorieren.
Zumindest direkt. Hinter ihrem Rücken haben sie weiterhin deutlich wahrnehmbar gekichert. Oder laut geflüstert. Oder sogar gelegentliche ›Ups, ich habe meinen Chai Latte über dich verschüttet. Das tut mir so leid!‹, gesagt.
Und wenn Winnie »hinter ihrem Rücken« sagt, dann meint sie das wörtlich. In der ersten Stunde muss sie wegen Ms. Morgans unsinniger Sitzordnung in der ersten Reihe sitzen, was bedeutet, dass sie Dante Lunedis leise, mit leicht abgewandeltem Text und einem netten Akzent »Happy Birthday« singen hören kann.
Er und seine Familie sind zwar erst vor zwei Jahren vom italienischen Zweig der Luminaries hierhergezogen, doch Ausgestoßene wie Winnie werden in allen vierzehn Zweigen der Welt verachtet. Obwohl also regelmäßig neue Mitglieder zu den amerikanischen Luminaries stoßen, wissen sie alle genau, wie sie Winnie, Darian und ihre Mom zu behandeln haben.
»Happy birthday to you«, singt Dante, »happy birthday to you, happy birthday, Hexenbrut, happy birthday to you.«
Wenigstens hat jemand an ihren Geburtstag gedacht. Winnie nimmt an, dass das schon etwas zählt, oder?
Sie dreht sich nicht um, denn sie dreht sich nie um. Sie zieht einfach ihren Bleistift der Stärke B über eine Ecke ihrer Mathehausaufgaben. Da sind die Hörner der Sylphide. Dort ihre Zähne. Dann die strukturierte Rindenhaut. Winnie ist gar nicht im Klassenzimmer, sondern im Wald, wo sie mit den Hemlocktannen und Fichten atmet. Feuchtigkeit sammelt sich auf ihrer Haut, die Kälte schärft ihren Tastsinn.
»Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, Diana Abschaum, happy birthday to you.« Dann fügt er ein Gesprochenes hinzu: »Nimm meine Fingerknochen nicht als Quelle, sì?«
Die meisten im Klassenzimmer lachen jetzt. Subtil und gerade leise genug, dass es sofort zum Schweigen gebracht werden kann. Die Einzige, die nicht lacht, ist Fatima Wednesday, deren Mutter das Oberhaupt des Wednesday-Clans und damit Ratsmitglied ist. Sie flüstert Dante zu: »Hör auf«, und: »Keine Diana würde deine ekligen Finger wollen.«
