The Last Goddess, Band 1: A Fate Darker Than Love (Nordische-Mythologie-Romantasy von SPIEGEL-Bestsellerautorin Bianca Iosivoni) - Bianca Iosivoni - E-Book

The Last Goddess, Band 1: A Fate Darker Than Love (Nordische-Mythologie-Romantasy von SPIEGEL-Bestsellerautorin Bianca Iosivoni) E-Book

Bianca Iosivoni

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Beschreibung

Das dunkelste Geheimnis liegt oft in dir selbst. Mächtig, unsterblich und geheimnisvoll. Valkyren sind die Nachfahrinnen der nordischen Götter und die Einzigen, die die Menschheit vor dem endgültigen Untergang bewahren können. Ihr Auftrag: die Seelen gefallener Helden nach Valhalla zu begleiten. Blair, die als Tochter einer Valkyre keine eigenen Kräfte besitzt, hat mit alldem nichts zu tun – bis ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt. Doch Blair ist sich sicher, dass es kein Unfall war. Ihre Mutter wurde ermordet. Allerdings will ihr niemand glauben, nicht einmal ihr bester Freund Ryan, für den sie schon lange mehr als nur Freundschaft empfindet. Auf sich allein gestellt macht sich Blair auf die Suche nach der Wahrheit und muss schon bald erkennen, dass ihr Schicksal aufs Engste mit dem der Valkyren verknüpft ist – und mit dem von Ryan. Band 1 der neuen Romantasy von Bestseller-Autorin Bianca Iosivoni.

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Seitenzahl: 367

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Originalausgabe

Als Ravensburger E-Book erschienen 2020

 

Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg

© 2020 Ravensburger Verlag GmbH

 

Text © 2020 Bianca Iosivoni

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Langenbuch & Weiß, Hamburg.

 

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München, unter Verwendung von Fotos von © igorstevanovic, © Abstractor und © Ron Dale (alle: Shutterstock)

 

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten

 

Printed in Germany

 

ISBN 978-3-473-51084-9

 

www.ravensburger.de

 

 

 

Für alle,die in den Nachthimmel geblicktund sich etwas gewünscht haben.

PLAYLIST

 

 

Klergy, Valerie Broussard – The Beginning of the End

Skylar Grey – Invisible

Within Temptation – Our Solemn Hour

Celtic Woman – I See Fire

UNSECRET, Young Summer – Can You Hear Me

Audiomachine – 10 Inch Nails (Alluxe Remix)

League of Legends, Valerie Broussard, Ray Chen – Awaken

Eightysix – Valhalla

Celtic Woman – Skyrim Theme

Amberian Dawn – Valkyries

Tommee Profitt, SVRCINA – Tomorrow We Fight

Colossal Trailer Music – A Winter Tale

Ruelle – Oh My My

2WEI – Toxic

Colossal Trailer Music – Cold Reaper

Varien, Laura Brehm – Valkyrie

Klergy, Valerie Broussard – Start a War

Thomas Bergersen, Two Steps from Hell – He Who Brings The Night

Thomas Bergersen, Two Steps from Hell – Sky Titans

Black Veil Brides – In The End

David Chappell – End of Days

PROLOG

 

 

 

AMSTERDAM, NIEDERLANDE

Jedes Leben hat ein Ende. Und obwohl es allen bewusst war, lebten die meisten Menschen dennoch so, als wären sie unsterblich. Als stünde ihnen das Ende nicht bevor. Dabei sollten sie es nach all der Zeit doch besser wissen.

Menschen …

Virginia, von ihren wenigen Freunden nur Vi genannt, schnaubte leise und führte die Porzellantasse an die Lippen. Wenigstens schmeckte der Kaffee gut.

An diesem sonnigen Nachmittag war sie auf der Terrasse des Cafés von vielen Menschen umgeben. Mütter mit Kinderwagen, die zusammensaßen und sich über ihren Alltag austauschten. Studenten, die fleißig auf ihre Laptops einhämmerten. Businessmänner und -frauen mit Notebook, Tablet und Handy sowie Touristen mit Rucksäcken und Kameras, mit denen sie die schönsten Sehenswürdigkeiten erkunden wollten. In der hautengen, rissigen Jeans, der braunen Lederjacke und den High Heels fiel Virginia nicht weiter auf.

Über den Gesprächen lag eine dezente Melodie, die aus dem Inneren des Cafés nach draußen schallte, und sich mit den Geräuschen der Kreuzung direkt davor mischte. Vorbeifahrende Autos. Hupen. Radfahrer, die blitzschnell vorbeisausten. Passanten, tief in Gesprächen versunken oder mit Kopfhörern auf den Ohren.

Keiner von ihnen wusste, wann ihr Ende nahte. Keiner von ihnen ahnte, dass es jeden Moment so weit sein könnte – und vielleicht war es besser so. Vielleicht war es angenehmer, ein Leben in absoluter Unwissenheit zu führen. Den Augenblick nicht zu kennen, wann der Tod die eigene Seele holte. Oder eine Valkyre es tun würde.

Virginia spürte den bevorstehenden Tod dieser Heldenseele schon seit zwei Tagen. Diese Empfindung hatte sie nach Amsterdam geführt. Und jetzt … jetzt musste sie nur noch warten, bis es so weit war. Bis das Schicksal seinen Lauf nahm.

Das Hupen wurde lauter. Wütender. Ampeln schalteten um. Ein Fahrer versuchte, noch bei Gelb über die Kreuzung zu brettern und sah den Lkw nicht kommen. Ein Knall. Glas zersplitterte und Metall verbog sich stöhnend.

Schreie. Die Leute von den Nebentischen sprangen auf. Manche suchten hektisch nach ihrem Handy, um Hilfe zu rufen, wieder andere waren in völliger Schockstarre an ihren Platz gefesselt.

Vi trank ihren Kaffee in aller Seelenruhe aus und stellte die Tasse auf den dazugehörigen Unterteller. Die nette Kellnerin war vor Schreck mit dem Tablett in der Hand stehen geblieben und starrte auf das Bild, das sich nur wenige Meter vor ihnen bot.

Aus der Ferne ertönten die ersten Sirenen. Andere Autofahrer bremsten mit quietschenden Reifen, stiegen aus und hasteten zur Unfallstelle, um Erste Hilfe zu leisten.

Vi warf nur einen kurzen Blick auf die filigrane goldene Armbanduhr an ihrem Handgelenk und stand auf. Sie legte ein paar Scheine auf den Tisch und verließ die Terrasse, ohne von einer einzigen Person bemerkt zu werden. Dafür waren sie alle zu sehr von den Geschehnissen auf der Straße eingenommen. Niemand beachtete sie. Und auch sie hatte nur Augen für einen ganz bestimmten Menschen. Für einen jungen Assistenzarzt, der sofort von der anderen Straßenseite aus herbeieilte, um den Verwundeten zu helfen.

Selbst auf die Entfernung spürte Vi, dass seine Seele rein war. Dass er ein Held war. Selbstlos. Mutig. Hilfsbereit. Und in wenigen Sekunden tot.

Wieder sah sie auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Das Herannahen eines weiteren Autos war zu hören. Das Brummen des Motors wurde von Sekunde zu Sekunde lauter, dann bog das Fahrzeug um die Ecke – und riss den Ersthelfer mit sich.

Erneut ertönten Schreie und Reifen quietschten. Die Sirenen kamen immer näher und Panik brach unter den Umstehenden aus.

Vi überquerte die Straße, ohne in dem Chaos aufzufallen. Nach wenigen Schritten stand sie neben dem blutenden jungen Mann, der mit angsterfüllten grauen Augen zu ihr hochblickte.

»Es ist alles in Ordnung«, flüsterte sie. Und obwohl sie sich nicht direkt über ihn beugte, wusste sie, dass er ihre Worte so deutlich hörte, als wären ihre Lippen dicht an seinem Ohr. »Du bist ein wahrer Held, August. Dir wird eine große Ehre zuteil. Komm mit mir und du wirst die Ewigkeit in Valhalla verbringen dürfen, zusammen mit all den Kriegern, die vor dir kamen.«

Seine Brust hob und senkte sich schwer. Seine Augen wurden immer glanzloser, während das Leben seinen Körper verließ. Dennoch bemerkte sie die kleine Geste, das winzige Zucken seiner Finger in ihre Richtung. Und als er seinen letzten Atemzug tat, löste sich seine Seele von diesem sterblichen Körper und erschien als durchscheinende Gestalt direkt neben ihr.

Zum ersten Mal an diesem Tag erhellte ein Lächeln Virginias Gesicht und sie hielt Augusts Ebenbild die Hand hin. »Du hast die richtige Wahl getroffen.«

Er wirkte verwirrt, dennoch blickte er sie fest an und legte seine Hand nach einem kurzen Zögern in ihre, während die Sanitäter direkt neben ihnen versuchten, seine leblose Hülle wiederzubeleben. Doch dafür war es zu spät. Augusts Zeit war gekommen. Nichts und niemand konnte etwas daran ändern.

Vi spürte die Kraft in sich aufsteigen, die nur einer Valkyre innewohnte. Die Kraft, mit der es ihr möglich war, ein Portal in Form von Nordlichtern zu erschaffen, das sie von überall auf der Welt zurück nach Valhalla bringen würde. Der Himmel veränderte sich über ihnen und Farben erschienen, die nur sie beide an diesem sonnigen Nachmittag erkennen konnten. Es war der Weg zurück nach Hause.

»Nicht so schnell.«

Sie erstarrte, genau wie der Held an ihrer Seite. Die Lichter am Himmel verschwanden abrupt.

Langsam drehte sich Vi um. »Du …«, brachte sie hervor.

Es gab nur noch wenig, das sie überraschen konnte. Dafür hatte sie in den vergangenen Jahrhunderten schon zu viel gesehen. Zu viel erlebt. Doch das Auftauchen dieser Person überrraschte sie.

Die tiefe, fast schon brüchige Stimme gehörte einem Wesen, das genauso lange auf dieser Welt weilte wie sie selbst. Wenn nicht sogar länger. Cyrus mochte menschlich wirken und war mit den kurzen schwarzen Haaren, den ebenso dunklen Augen und der langen Narbe auf der Wange sogar auf gewisse Weise attraktiv, doch Vi wusste es besser. Er war kein Mensch, auch wenn dasselbe Blut durch seine Adern strömte. Er war ein Monster. Ein Diener der zerstörerischsten Macht aller Welten: dem Chaos. Und er hatte hier nichts verloren.

»Du vergeudest deine Zeit«, zischte sie. »August hat sich entschieden. Er wird als Held in Valhalla eingehen.«

Cyrus’ Mundwinkel wanderten in die Höhe, was sein Gesicht zusammen mit der Narbe zu einer Fratze verwandelte. »Ach, wirklich?« Er stieß die Hand nach vorne in Augusts Richtung und krümmte langsam die Finger, bis sie eine Faust ergaben.

Im selben Moment sackte August neben Vi zusammen. Sein Hilfe suchender Blick landete auf ihr, doch bevor sie eingreifen konnte, löste sich die Seele direkt vor ihren Augen auf.

»Er gehört jetzt mir.« Cyrus’ Lächeln wurde noch tiefer. Noch diabolischer.

Vi starrte ihn mit offenem Mund an und schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Du hast nicht die Macht …«

»Oh doch.« In der einen Sekunde stand er noch vor ihr, nur wenige Meter entfernt, während der lange Mantel um seine Beine flatterte, in der nächsten spürte sie ihn hinter sich. Dann schoss ein heißer Schmerz durch ihre Mitte. »Und ich habe auch die Macht, dich zu töten, kleine Valkyre.«

Das war nicht möglich. Das konnte nicht sein. Niemand konnte eine Valkyre töten. Sie waren die Nachfahrinnen der mächtigsten nordischen Gottheiten. Es hatte sie schon immer gegeben. Neun Valkyren, die ihre Fähigkeiten an ihre Töchter und Tochterstöchter, an ihre Nichten und Großnichten und all jene Frauen weitergaben, die nach ihnen kamen. Nie zuvor war eine von ihnen gefallen. Nie zuvor war eine von ihnen ermordet worden.

Und doch spürte Virginia, wie das Leben nach und nach aus ihrem Körper wich, genauso, wie sie es vor wenigen Minuten bei August beobachtet hatte. Ihre Glieder wurden immer schwerer und ihre Knie drohten, unter ihr nachzugeben. Ihr Herz hämmerte wie verrückt in ihrer Brust, ganz so, als wollte es gegen das Unvermeidliche ankämpfen. Aber es war zu spät. Der Kampf war bereits verloren.

Wie seltsam, dachte Vi, als sie zu Boden glitt und hart auf dem Asphalt aufprallte. All die Menschen, die wussten, dass sie eines Tages sterben würden, lebten, als wären sie unsterblich. Und sie, die Valkyre, die sich für unsterblich gehalten hatte, hatte keinen einzigen Tag wirklich gelebt.

Ein Schatten fiel über sie und sie registrierte das Messer, an dem ihr Blut klebte.

»Keine Sorge, kleine Valkyre«, säuselte Cyrus und ging neben ihr in die Hocke. »Deine Gefährtinnen werden dir folgen. Eine nach der anderen, bis keine Einzige mehr von euch übrig ist. Und dann wird diese Welt uns gehören.«

Sie wollte protestieren, schreien und ihm die wildesten Verwünschungen an den Kopf werfen. Sie wollte ihn verfluchen und ihm versprechen, dass die Rache ihrer Schwestern grausam sein würde, doch Vi brachte kein einziges Wort über die Lippen. Denn in diesem Moment verschlang die Dunkelheit ihr Bewusstsein und ihr Körper gab den Kampf ums Überleben endgültig auf.

KAPITEL 1

BLAIR

ZWEI MONATE SPÄTER

IN DER NÄHE VON YELLOWKNIFE,

NORDWEST-TERRITORIEN, KANADA

Vielleicht war es nicht meine klügste Idee gewesen, im tiefsten Winter aufs Dach zu klettern – aber ich bereute es keine Sekunde lang. Zumindest nicht, als ich endlich oben angelangt war, etwas Schnee zur Seite wischte, die zusammengefaltete Thermodecke auf die Stelle warf und mich darauf setzte. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn hoch, schob die Hände in die Taschen und legte den Kopf in den Nacken.

Es war ein sternenklarer Abend und der Mond schien so hell, dass er sich in dem zugefrorenen See hinter dem Haus widerspiegelte und den Schnee glitzern ließ. Es war der dritte eisige Winter in Folge und mit jedem Jahr schienen die frostigen Tage noch kälter und die Sommer kürzer zu werden. Auch an diesem Novemberabend stieß jeder meiner Atemzüge eine kleine weiße Wolke in die Dunkelheit hinaus, die der Wind davontrug. Eine kalte, fast schon eisige Brise wehte mir das dunkelbraune Haar ins Gesicht und sorgte innerhalb weniger Minuten dafür, dass ich meine Wangen nicht mehr spüren konnte. Genauso wenig wie meine Nasenspitze. Wahrscheinlich wäre es besser, wieder rein ins Warme zu gehen, aber ich war noch nicht bereit dazu.

Mein ganzer Körper war vor Aufregung angespannt. Bisher war der Himmel dunkel, aber ich hoffte, dass ich heute das Glück haben würde, das Spektakel zu sehen.

Der Wind ließ nach und eine herrliche Stille breitete sich aus. Wir waren einige Meilen von der nächsten Stadt entfernt und praktisch völlig allein hier draußen. Unsere nächsten Nachbarn waren fast genauso weit weg. Dennoch musste ich lächeln, als ich das Brummen eines Motors ganz in der Nähe hörte. Gleich darauf erstarb das Geräusch und wurde von knirschendem Schnee ersetzt, als jemand auf das Haus zustapfte.

Meine Mutter und meine Schwester waren mitten in ihrer abendlichen Trainingssession und würden weder das Klingeln noch ein Klopfen hören. Glücklicherweise mussten sie das auch nicht, da die Türe nicht abgeschlossen war. In Gedanken zählte ich die Schritte, die nötig waren, um das Haus zu betreten und vom Flur aus die Treppe nach oben zu nehmen. Mit jeder Sekunde, die verging, hämmerte es etwas schneller in meiner Brust. Als das vertraute Schaben des Fensters hinter mir ertönte, konnte ich gar nicht anders, als zu lächeln.

Die Schritte näherten sich, dann erklang eine tiefe und vertraute Stimme. »Wieso bin ich nicht überrascht?«

Mein Lächeln verwandelte sich in ein kleines Grinsen. Wahrscheinlich war er genauso wenig überrascht darüber, mich hier oben vorzufinden, wie ich darüber, dass er hergefahren war. Ryan war in diesem Haus schon immer ein und aus gegangen, als wäre es sein eigenes. Genauso wie ich es bei ihm daheim tat. Unsere Mütter waren seit Jahren befreundet, und immer, wenn Mom unterwegs war – was sie offiziell als Geschäftsreise oder Familienbesuche ausgab –, hatte Ryans Mutter auf Fenja und mich aufgepasst. Seit Ryan und ich unseren Führerschein hatten, wurden wir noch öfter hin und her geschickt, um frisch gebackene Muffins zu überbringen oder etwas von der Lasagne mitzunehmen, ein ausgeliehenes Buch zurückzugeben oder im Frühjahr ein paar der neuen Setzlinge zu teilen. Unsere beiden Familien waren nicht nur Freunde, wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft.

»Was tust du hier draußen, Blair?«, fragte Ryan und blieb neben mir stehen. Er war deutlich größer als ich, aber jetzt überragte er mich geradezu.

Statt einer Antwort deutete ich nur nach oben. Dann rutschte ich auf der Decke zur Seite, um ihm Platz zu machen.

Ächzend ließ er sich neben mich fallen und legte sich trotz der Kälte der Länge nach hin. Auch sein Atem bildete kleine Wolken, als er sprach. »Wartest du auf Sternschnuppen? Oder auf Nordlichter?«

Ich warf ihm ein Lächeln über die Schulter zu. »Erwartest du darauf wirklich eine Antwort?«

Schließlich kannten wir uns seit unserem ersten Schultag und er wusste genau darüber Bescheid, wie sehr ich die Polarlichter liebte und jede Chance nutzte, um sie zu sehen. Selbst wenn das bedeutete, abends im Winter auf dem Dach zu sitzen oder morgens lange vor Sonnenaufgang aufzustehen. Dieses Naturschauspiel hatte einfach etwas Magisches – und das nicht nur, weil ich im Gegensatz zu den meisten Menschen wusste, wer und was dafür verantwortlich war.

Doch das Wissen darum nahm dem Ganzen nichts von seiner Faszination. Ich könnte Stunden damit zubringen, dem Farbenspiel am Himmel zuzuschauen. Mal waren die Nordlichter leuchtend grün, dann eher türkis, in anderen Nächten lila oder sogar pink. Und manchmal, mit besonders viel Glück, waren sie alles davon. Wie ein Regenbogen in tiefster Dunkelheit.

»Du holst dir noch den Tod«, brummte Ryan, tat aber nichts, um mich zum Aufstehen zu bewegen.

»Du auch«, konterte ich und sah wieder zu ihm hinüber.

Sein goldbraunes Haar war zerzaust und im Gegensatz zu mir trug er keine Mütze, um sich vor der Kälte zu schützen. Trotz seiner anklagenden Worte war da ein aufgeregtes Funkeln in seinen graublauen Augen. Das gleiche Funkeln, das er mit ziemlicher Sicherheit auch in meinen Augen wahrnahm. Er freute sich genauso sehr auf das Naturschauspiel wie ich.

»Ich hab was mitgebracht.« Ohne weitere Erklärungen setzte er sich auf, wodurch sich unsere Schultern unweigerlich berührten, und hielt eine Thermoskanne mit zwei Bechern in die Höhe, die ich bisher gar nicht bemerkt hatte. Dann goss er uns beiden etwas von der dampfenden Flüssigkeit ein.

»Und genau deshalb sind wir beste Freunde.« Ich schloss die Finger um den Becher, nippte vorsichtig an dem kräftigen grünen Tee und versuchte auszublenden, wie nahe er neben mir saß.

»Nein, wir sind beste Freunde, weil du mich jederzeit mit allem zum Thema Sternbilder und Nordlichter zutexten kannst und du dir im Gegenzug mein Gefasel über Apps und Software anhörst. Und weil ich dich besser kenne als jeder andere«, ergänzte er und zwinkerte mir zu, was ein ungewohntes Flattern in meiner Magengegend auslöste.

»Stimmt.« Ich räusperte mich. »Weil du hier mit mir in der Kälte sitzt, statt irgendetwas anderes, viel Spannenderes zu tun. Zum Beispiel an deiner App zu arbeiten. Du weißt schon, die fürs College-Stipendium?«

Er antwortete nicht darauf, aber ich konnte gerade so noch einen Blick auf sein Lächeln erhaschen, bevor es hinter dem Becher verschwand. Und dieses Lächeln hatte dieselbe Wirkung auf mich wie das Zwinkern vorhin. Das Flattern verstärkte sich, genauso wie das kräftige Pochen meines Pulses. Ich war nur froh, dass wir hier draußen saßen, denn so fiel die Röte, die meine Wagen überzog, nicht allzu sehr auf. Und wenn doch, könnte ich sie immer noch auf die Minusgrade schieben, statt auf den Jungen neben mir.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich es mir selbst hatte eingestehen wollen, doch mittlerweile wusste ich, was diese körperlichen Reaktionen und ungewohnten Empfindungen zu bedeuten hatten. Irgendwann in den letzten Wochen hatte ich mich in Ryan verliebt, ohne es selbst zu merken. Aber genauso wusste ich, dass ich nie mehr für ihn sein würde als seine beste Freundin. Die jüngere Schwester, die er nie gehabt hatte, da sich seine Eltern hatten scheiden lassen, als er noch klein gewesen war, und seine Mom nie neu geheiratet hatte. Ryan hatte zwar einen Halbbruder namens Hector, den er kaum kannte und der zur neuen Familie seines Vaters gehörte, aber mehr nicht. Und ich … ich war vom ersten Tag an so etwas wie eine Ersatzschwester für ihn gewesen.

Es wäre viel zu leicht, deswegen wütend oder verbittert zu sein, aber ich war zu dankbar, ihn überhaupt in meinem Leben zu haben.

Ryan war immer an meiner Seite gewesen: Am ersten Schultag, als sich die anderen Kids über meine Klamotten lustig gemacht hatten, die mir viel zu groß waren, weil sie meiner Schwester Fenja gehört hatten, bis sie rausgewachsen war. Als ich durch meine erste Prüfung gefallen war und so mit mir gekämpft hatte, um nicht mitten in der Klasse in Tränen auszubrechen. An all meinen Geburtstagen und an allen Feiertagen. Bei der Nachtwanderung mit unseren Müttern und Fenja, die zu meinen schönsten Erinnerungen gehörte, denn damals hatte ich zum allerersten Mal die Nordlichter gesehen. Ryan war auch dann bei mir geblieben, als mich die Grippe des Jahrhunderts erwischt hatte. Stundenlang hatte er Filme mit mir geschaut und mich regelmäßig daran erinnert, etwas zu trinken und meine Medikamente einzunehmen. Natürlich hatte er sich damals bei mir angesteckt – und ich hatte mich im Anschluss genauso um ihn gekümmert wie er sich um mich. Und als mir das erste Mal ein Typ – Brian Pemberton aus dem Eishockeyteam – das Herz gebrochen hatte, war Ryan derjenige gewesen, der mich getröstet hatte. Und derjenige, der Brian ordentlich die Meinung gesagt hatte.

Die Wahrheit war: Ich konnte mir ein Leben ohne diesen Kerl nicht vorstellen. Und ich würde unsere Freundschaft nicht für ein paar blöde Gefühle aufs Spiel setzen. Ganz egal, wie sehr es wehtat, dass er mich nie so sehen würde wie ich ihn und dass ich auf diese Weise immer unsichtbar für ihn sein würde. Denn für ihn war ich noch immer das kleine Mädchen von damals. Selbst wenn dieses Mädchen inzwischen achtzehn war und nächstes Jahr genau wie er auf die University of Toronto gehen würde.

Die Stille um uns herum wurde für einen kurzen Moment von den hämmernden Bässen aus dem Haus unterbrochen. Genauer gesagt aus dem Trainingskeller. Ich zog eine Grimasse, auch wenn es gleich darauf ruhig wurde, als die Tür unten wieder zufiel.

Ryan warf mir einen verwunderten Seitenblick zu. »Deine Mom und Schwester trainieren noch?«

Ich zuckte mit den Schultern, was man unter der dicken Jacke wahrscheinlich kaum sah. »Du kennst sie doch«, murmelte ich in meinen Becher und trank einen großen Schluck von meinem Tee. Er wärmte mich von innen heraus und würde hoffentlich dafür sorgen, dass wir es bis zum Erscheinen der Nordlichter aushielten und nicht vorher schon zu Eiszapfen gefroren.

Ryan erwiderte nichts, aber ich spürte seinen Blick einen viel zu langen Moment auf mir, ehe er ebenfalls wieder in den Himmel schaute.

Für ihn mochte es seltsam sein, dass Mom und Fenja dieses Hobby so intensiv auslebten oder dass meine große Schwester nach ihrem Schulabschluss noch immer zu Hause wohnte und sich von unserer Mutter in diversen Kampfstilen ausbilden ließ, statt aufs College zu gehen oder in die nächste Stadt zu ziehen, um dort einen Job zu finden und sich ein Leben aufzubauen. Aber ich kannte die wahren Gründe dafür.

Meine Mutter war eine Valkyre. Eine der legendären Neun, die seit Anbeginn der Zeit auf der Welt verweilten und die Seelen gefallener Helden einsammelten, um sie auf die letzte Schlacht, auf Ragnarök, vorzubereiten. Doch jetzt war sie bereit, diese Verantwortung und all ihre Macht abzugeben. An ihre älteste Tochter. An Fenja. Was für mich nur Geschichten waren, würde für sie schon bald zur Wirklichkeit werden. Deshalb trainierte Mom sie schon seit Jahren so hart, während ich nur ab und zu daran teilnahm. Und deswegen würden sie in ein paar Tagen nach Edmonton fahren, dort in einen Zug steigen und den langen Weg nach Vancouver auf sich nehmen, wo Fenja in einer geheimen Zeremonie in den Kreis der Valkyren aufgenommen werden sollte. Und während sie fürs Erste in Valhalla blieb, würde meine Mutter nach Hause zurückkehren. Nicht mehr als Valkyre, sondern als Sterbliche. Als ganz normaler Mensch, wie ich es war.

Aber das konnte ich Ryan nicht erzählen. Mom hatte mir schon als kleines Mädchen eingeschärft, niemals darüber zu reden, und daran hielt ich mich. Außerdem war es ja nicht so, als wäre es das einzige Geheimnis, das ich vor meinem besten Freund hatte. Ich konnte nur hoffen, dass er die Wahrheit niemals herausfinden würde. Weder die über meine Familie noch die über meine Gefühle. Denn das könnte das Ende unserer Freundschaft bedeuten.

»Da!« Ryan deutete gen Himmel. »Blair, es geht los.«

Die Begeisterung in seiner Stimme sprang sofort auf mich über. Ich kniff die Augen zusammen und starrte auf den Punkt, auf den er gezeigt hatte, dann sah ich es auch. Der Himmel erhellte sich. Wie durch Zauberhand erschienen die Polarlichter und vertrieben die Dunkelheit mit ihrem grünen Leuchten.

Mein Herz begann zu hämmern – und das nicht nur, weil ich mir darüber bewusst war, dass in diesem Moment eine Valkyre die Macht der Nordlichter nutzte, um sich von einem Ort auf der Welt zum anderen zu bewegen. Um einen Helden zu finden und seine Seele einzusammeln.

Denn obwohl ich es besser wusste, kam ich nicht umhin, mir zu wünschen, dass sie mich ebenfalls mitnehmen würde. Dass sie mich ebenfalls dorthin brachte. An den Ort, nach dem ich mich schon gesehnt hatte, bevor ich ihn überhaupt gekannt hatte. An den Ort, den ich niemals mit eigenen Augen sehen würde, weil ich keine Valkyre war.

Valhalla.

KAPITEL 2

 

 

 

 

»Mom!«, rief ich am Freitagnachmittag quer durch das Haus und stellte das neue Blumengesteck mit dem vielen Efeu auf die Kommode in den Flur. Mom hatte diesen Tick, dass sie, wann immer sie nervös war, damit anfing, neue Blumenarrangements zusammenzustellen. Mittlerweile war das ganze Haus voll davon. Es gab sogar mehr davon als von den Landschaftsgemälden in den faszinierenden Farben, die an den Wänden im Eingangsbereich, im Flur, Schlaf- und Wohnzimmer hingen. Schlimmer war es nur bei Fenjas und meiner Einschulung gewesen, da hatte das ganze Haus wie ein Blumenladen ausgesehen. »Ihr kommt noch zu spät!«

Schnelle Schritte auf der Treppe. »Ich weiß, ich weiß.«

Meine Mutter raste die Stufen mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit hinunter. Einer Geschwindigkeit, bei der es mich mit ziemlicher Sicherheit auf die Nase legen oder ich mir das Genick brechen würde. Doch sie schaffte es anmutig und unverletzt nach unten, wo Fenja und ich bereits mit den gepackten Koffern auf sie warteten. Unsere Mutter mochte eine mächtige Valkyre mit übernatürlichen Kräften sein – aber sie war auch die verplanteste Person, die wir kannten.

»Okay«, sagte sie und schlüpfte in ihren Mantel, dann klopfte sie alle Taschen ab. »Handy, Ausweis, Schlüssel …« Sie erstarrte. »Schlüssel?«

Fenja deutete Richtung Eingangsbereich. Im Gegensatz zu Mom und mir mit unseren langweilig dunkelbraunen Haaren, war aus ihr eine Blondine geworden, die jedem Shampoo-Model Konkurrenz machen konnte. »Liegen auf der Kommode.«

»Ach ja, richtig.« Mit einem Satz war Mom dort, so schnell, dass ich blinzeln musste. Obwohl ich es schon mein Leben lang kannte, hatte ich mich noch immer nicht daran gewöhnen können, wie unmenschlich schnell sie sich manchmal bewegte. Meistens in Momenten, in denen sie gestresst war. »Dann dürften wir alles haben, oder?«

»Zugtickets.« Ich hielt ihr die Fahrkarten hin und presste die Lippen aufeinander, um nicht allzu offensichtlich zu grinsen.

»Lachst du mich etwa aus, kleines Fräulein?« In wenigen Schritten war sie bei mir und riss mir die Tickets aus der Hand, um sie nach einem prüfenden Blick darauf in ihrer Manteltasche zu verstauen. Von Handtaschen hielt Mom nichts.

Meine Mundwinkel bebten gefährlich. »Ich? Niemals.«

Neben mir täuschte Fenja ein Husten vor, um ihr eigenes Lachen zu verbergen.

»Na warte. Werde du erst mal so alt wie ich.« Spielerisch drohte Mom mir mit dem Zeigefinger, was irgendwie an Wirkung verlor, da sie uns nie verraten hatte, wie alt sie wirklich war. Ich tippte auf hundert Jahre, Fenja auf mindestens das Doppelte. Dabei sah sie noch immer aus wie Mitte, höchstens Ende dreißig. Als wäre die Zeit für sie einfach stehen geblieben. Zumindest, bis sie ihre Fähigkeiten an ihre erstgeborene Tochter weitergab und dann ein sterbliches Leben führen würde. Ab dann würde die Zeit für Fenja stehen bleiben, während sie für Mom weiterticken würde.

Warum sie das wollte, obwohl sie doch unsterblich war, war mir schleierhaft. Wenn ich irgendwelche coolen magischen Kräfte hätte, würde ich sie um keinen Preis der Welt hergeben wollen.

»Bist du sicher, dass du allein zurechtkommst?«, fragte meine Mutter mich zum gefühlt hundertsten Mal. »Wir sind nur ein paar Tage weg. Höchstens eine Woche, mehr nicht.«

»Mom.« Ich gab mir alle Mühe, nicht die Augen zu verdrehen, weil ich wusste, dass sie es nicht böse meinte. Aber manchmal übertrieb sie es mit ihrer Fürsorge wirklich. »Ich bin achtzehn Jahre alt. Nächsten Sommer gehe ich aufs College und spätestens da werde ich allein klarkommen müssen. Also werde ich auch die paar Tage überstehen, in denen ihr fort seid.«

»Das weiß ich doch, mein Schatz.« Sie legte die Hände an meine Wangen. »Aber du bist nun mal …«

»Das Küken in der Familie und du willst mich vor allem beschützen, ich weiß«, beendete ich ihren Satz grinsend. »Glaubst du nicht, nach allem, was du mir beigebracht hast, müssten sich eher die anderen vor mir in Acht nehmen?«

Mom lachte auf und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. »Das ist mein Mädchen.«

Ich sah ihr lächelnd nach, als sie sich ihren Koffer schnappte und ihn nach draußen trug. Fenja warf mir einen amüsierten Blick zu und bückte sich bereits nach ihrem eigenen Koffer, als ich ihr die Hand auf den Arm legte und sie stoppte.

»Geht’s dir gut?«, fragte ich.

Fenja war vier Jahre älter als ich und während wir uns als Kinder aufgrund des Altersunterschieds nicht besonders nahegestanden hatten, waren wir in den letzten Monaten zusammengewachsen. Und obwohl ich wusste, dass das hier ihr Schicksal war und sie sich darauf freute, kam ich nicht gegen die leise Sorge in mir an. Oder gegen die Angst, dass die Frau, die aus Valhalla zurückkehren würde, nicht mehr dieselbe Fenja sein würde.

Nicht mehr meine Schwester.

»Ich bin nervös«, gab sie eine Spur leiser zu und warf einen schnellen Blick nach draußen.

Mittlerweile war Ryan eingetroffen und unterhielt sich neben dem Auto mit unserer Mutter. Wir hatten ihm erzählt, dass Fenja für ein Casting nach Vancouver musste und Mom sie selbstverständlich begleitete. Zusammen würden wir die beiden bis zum Bahnhof in Edmonton begleiten und sie dort in den Zug setzen, also lagen noch ein paar Stunden Fahrt vor uns, dennoch fühlte es sich schon jetzt wie ein Abschied an. Wahrscheinlich, weil weder meine Mutter noch meine große Schwester dieselben sein würden, wenn sie zurückkehrten.

Nur ich würde dieselbe sein. Die immer gleiche Blair.

»Alles wird gut«, beruhigte ich Fenja und zwang mich ihr zuliebe zu einem Lächeln. »Ich wünschte nur, ich könnte dabei sein.«

»Ich auch.« Sie griff nach meiner Hand und drückte sie. Ob sie damit mich oder nicht eher sich selbst beruhigen wollte, spielte keine Rolle. Ich erwiderte den Druck aufmunternd.

»Ich bin total stolz auf dich. Das weißt du, oder?«

Ein Strahlen erhellte ihr Gesicht und vertrieb das letzte bisschen Nervosität. Statt einer Antwort zog Fenja mich an sich und schloss die Arme um mich. »Und ich bin stolz auf dich, Kleines«, wisperte sie in mein Haar. Dann löste sie sich von mir und schmunzelte breit. »Aber jetzt sollten wir los, sonst verpassen wir wirklich noch den Zug.«

Ich nickte, schnappte mir meine Jacke und zog sie noch im Gehen an. Die Haustür fiel hinter uns ins Schloss und ich überprüfte noch mal, ob auch ich alles dabei hatte, was ich für die Fahrt benötigte. Dann ging ich zu den anderen hinüber.

»Hey, Blair.« Ryan lud gerade das letzte Gepäckstück in den Kofferraum und zwinkerte mir zu.

Mein Magen machte einen kleinen Sprung und ich verfluchte meinen Körper in Gedanken dafür. Himmel noch mal, ich kannte Ryan schon ewig! Warum musste ich ihn plötzlich so … so anders wahrnehmen als bisher? Warum mussten mir all diese kleinen Details auffallen, die ich früher nie an ihm bemerkt hatte?

Das freche Funkeln in seinen graublauen Augen, die mich an den Himmel an besonders kalten Wintertagen erinnerten. Das Grübchen in seiner Wange, wenn er lächelte – und es nicht vom Bartschatten verdeckt wurde. Vor ein paar Jahren hatte er versucht, sich einen richtigen Bart wachsen zu lassen, es aber schnell wieder aufgegeben, als da nicht mehr als ein bisschen Flaum an seinem Kinn entstanden war. Mittlerweile musste er sich jeden Tag rasieren. Ich wusste das, weil ich die Stoppeln in seinem Gesicht nur zu deutlich bemerkte, wenn er es nicht tat.

»Steigst du endlich ein?«, ertönte seine neckende Stimme. »Oder willst du weiter in den Schnee starren?«

Ich blinzelte und verfluchte die Röte, die mir ins Gesicht stieg. Statt einer Antwort rammte ich ihm den Ellbogen in die Rippen. Er ächzte und ich lächelte zuckersüß. So war es schon immer zwischen uns gewesen. Wir neckten uns wie Bruder und Schwester, aber manchmal … manchmal glaubte ich, dass er tatsächlich mit mir flirtete. Oder vielleicht wollte ich das auch nur glauben, weil ein Teil von mir es sich so sehr wünschte.

»Alle bereit?« Mom startete den Motor, ohne auf eine Antwort zu warten. Wenn sie etwas vergessen hatte, musste sie jetzt damit leben, denn Ryan und ich würden mit dem Auto hierher zurückfahren, nachdem wir sie und Fenja am Gleis verabschiedet hatten.

Vorsichtig folgte Mom der Ausfahrt hinunter und bog auf die Straße ab. Meine Schwester saß auf dem Beifahrersitz neben ihr und spielte am Radio herum, bis sie einen Sender mit klassischer Musik fand, der sie zufriedenstellte, während Ryan und ich uns die Rückbank teilten. Für die nächsten Stunden. Ohne irgendeine Form von Ablenkung. Großartig. Ganz, ganz großartig.

Die Landschaft brauste an uns vorbei, größtenteils flach und von Schnee bedeckt, der im Sonnenlicht wie tausend Kristalle funkelte. Die Straße war hingegen eine Katastrophe und wir mussten mehrfach bremsen und langsamer fahren, weil sie stellenweise vereist oder nicht richtig geräumt worden war. Aber je näher wir Edmonton kamen, desto besser wurden auch die Straßenverhältnisse. Und desto näher rückte der endgültige Abschied.

Mein Blick wanderte unweigerlich nach vorn. Fenjas Kopf lehnte am Fenster. Ihre Augen waren geschlossen und sie schlief mit halb offenem Mund, was irgendwie lustig aussah. Mom hatte beide Hände am Lenkrad und den Blick konzentriert geradeaus gerichtet. Als hätte sie bemerkt, dass ich sie beobachtete, schaute sie in den Rückspiegel und warf mir ein warmes Lächeln zu, das ich erwiderte.

Ich hatte immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde, trotzdem fiel es mir schwer, Mom und Fenja gehen zu lassen.

Es ist nur eine Woche, rief ich mir selbst ins Gedächtnis, doch das änderte nichts an dem wehmütigen Ziehen in meiner Brust. Seit Dads Tod vor acht Jahren waren wir ein eingespieltes Team. Sicher, ab und zu krachte es auch mal ordentlich, wenn Fenja wieder ihre Sachen herumliegen ließ oder die Musik zu laut aufdrehte, aber wir waren immer füreinander da und standen alles zusammen durch. Alles, bis auf die Zeremonie, in der Mom ihre Kräfte weitergab und Fenja zu einer Valkyre wurde. Ich hatte keine Ahnung, wie genau das Ganze vonstattengehen würde, aber ich stellte es mir episch vor. Mit Instrumenten und Gesängen an einem Altar unter den schimmernden Nordlichtern. Vielleicht aber auch einfach mit Sekt und Kuchen, Luftballons und Konfetti. Wer wusste schon, wie die Nachfahren der alten nordischen Götter ihre Feste feierten? Wahrscheinlich mit jeder Menge Met.

Ich wandte den Blick ab und sah zu Ryan hinüber. Er war schon die ganze Fahrt über ungewohnt schweigsam gewesen. Auch jetzt starrte er aus dem Fenster und saß so angespannt neben mir, als hätte er Schmerzen.

Ich runzelte die Stirn, sobald ich bemerkte, dass er die Hand neben sich zur Faust geballt hatte. Was war mit ihm los?

»Ry?«, fragte ich leise. So leise, dass weder Mom noch Fenja uns hören konnten.

Er reagierte nicht.

»Hey …« Ich stupste seinen Arm an.

Er zuckte zusammen, als hätte er einen Stromschlag bekommen und riss den Kopf herum. Ein, zwei Sekunden lang starrte er mich aus aufgerissenen Augen an, dann schluckte er hart.

Okay. Jetzt war ich wirklich besorgt. Stimmte etwas nicht mit ihm? Wurde er krank? Waren wir neulich Abend doch zu lange draußen auf dem Dach in der Kälte sitzen geblieben und er hatte sich etwas eingefangen?

»Was ist los?«, hakte ich nach. »Geht’s dir nicht gut? Du bist ein bisschen blass um die Nase.«

Ungefähr so wie beim allerersten Mal auf dem Kettenkarussell. Ich hatte es völlig furchtlos betreten, Ryan hatte jedoch gezögert. Hinterher hatte er den Spaß seines Lebens gehabt und mir war total übel geworden. Was echt unfair war, denn das Ganze war ursprünglich meine Idee gewesen.

»Alles gut.«

Ich kaufte ihm das Lächeln nicht ab. Irgendetwas war los, das konnte ich deutlich erkennen. Da war dieser angespannte Zug um seinen Mund und die Tatsache, dass er noch immer total verkrampft wirkte. Beinahe so, als würde er jeden Moment die Tür aufreißen und aus dem Wagen springen wollen. Aber das war völlig absurd. Ob ihm von der holprigen Fahrt einfach schlecht geworden war? Das wäre zwar eine Premiere, aber …

Der Wagen geriet ins Schleudern. Instinktiv tastete ich nach dem Haltegriff an der Tür und packte mit der anderen Hand Ryans Arm. Wir mussten eine vereiste Stelle erwischt haben. Mom würde das Auto gleich wieder in den Griff bekommen. Ganz bestimmt.

Doch es hörte nicht auf.

Wir schlitterten über die Straße und wurden immer schneller, statt langsamer.

»Mom?«, rief ich panisch.

»Alles gut, Schatz.« Ihre beruhigenden Worte gingen in einem Schrei unter. Fenjas Schrei.

»Oh Gott!«, kam es von rechts von mir.

Plötzlich ging alles unglaublich schnell – und gleichzeitig so langsam, als würde ich es wie in Zeitlupe erleben.

Mom verlor die Kontrolle über den Wagen. Die Reifen quietschten. Der Motor jaulte auf. Der Straßengraben kam geradewegs auf uns zu.

Dann wurde alles schwarz.

KAPITEL 3

 

 

 

 

»Blair …«

Dunkelheit. Ein entferntes Rauschen. War das … das Meer? Der Wind?

Auf einmal bewegte sich die Welt, begann zu schwanken und wurde dann wieder ganz still. Was war passiert?

»Kannst du mich hören?«

Eine Stimme drang zu mir durch. Ich nahm sie nur gedämpft wahr, weil sie kaum gegen das Rauschen in meinen Ohren und die dicke Nebelwand ankam, die sich wie eine Decke auf mich gelegt hatte. Eine herrliche, beruhigende Decke, die ich nicht abstreifen wollte. Denn das würde bedeuten, in die Realität zurückkehren zu müssen.

»Komm schon, Blair!«

Die Stimme war vertraut. Ich kannte sie. Mein Herz schlug jetzt schneller. Meine Haut prickelte. Mein ganzer Körper reagierte darauf, bevor mein Verstand begreifen konnte, wer mit mir sprach. Und warum er so verzweifelt klang.

Ich schlug die Augen auf – und stöhnte bei dem gleißenden Licht. Sofort kniff ich sie wieder zusammen und drehte den Kopf zur Seite, doch das hatte nur zur Folge, dass ein scharfer Schmerz durch meine Schläfe schoss.

»Sieh mich an …« Eine warme Hand lag an meiner Wange und strich über meine Haut. »Bitte, Blair.«

Ich probierte es erneut, zwang mich dazu, die Augen zu öffnen. Diesmal schob sich eine Gestalt vor das grelle Sonnenlicht. Ich musste ein paar Mal blinzeln, bis alles einigermaßen scharf wurde und ich erkannte, wer sich da gerade über mich beugte.

»Ry …?«, krächzte ich und tastete nach ihm. Er nahm meine Hand in seine und drückte sie. »Was ist …? Wo sind …?«

Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Mein Kopf hämmerte noch immer wie verrückt, doch das Rauschen in meinen Ohren nahm langsam ab. Ich versuchte, mich aufzusetzen, scheiterte jedoch. Zumindest bis sich ein starker Arm um meine Schultern legte und mir behutsam dabei half, mich aufzurichten.

Schwindel breitete sich in mir aus und ich hielt mich an Ryan fest. Meine Finger gruben sich in seinen Mantel und ich verzog das Gesicht, als ich einen metallischen Geschmack im Mund wahrnahm. Was zur Hölle war hier los?

Erst jetzt bemerkte ich den Rauch in der Luft und den beißenden Geruch von etwas … etwas Geschmolzenem. Gummi? Kautschuk? Autoreifen?

Ich drehte den Kopf, um mehr zu erkennen, aber Ryan, der vor mir kniete, mich noch immer stützte und dabei besorgt musterte, verdeckte mein Blickfeld.

»Was ist passiert?« Ich machte mich von ihm los und setzte alles daran aufzustehen, schaffte es aber gerade mal auf Hände und Knie.

»Blair …« Er schien mich aufhalten zu wollen, aber irgendwie schaffte ich es dennoch und mit bloßer Willenskraft, auf die Beine zu kommen. »Es gab einen Unfall …« Seine Stimme brach.

Ein Unfall? Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, war … wie Fenja im Auto geschlafen hatte. Moms Lächeln. Die seltsame Unterhaltung mit Ryan. Wie der Wagen ins Schleudern gekommen war und dann … Der Schrei. Dann …

Ich tastete nach der pochenden Stelle an meiner Schläfe und zuckte bei der Berührung zusammen. Gleichzeitig kam mir ein kleines Wimmern über die Lippen. Als ich auf meine Finger hinabsah, waren sie feucht und leuchteten rot im Sonnenlicht.

Blut. Ich blutete.

Wo waren meine Mutter und meine Schwester?

Langsam, da mir noch immer schrecklich schwindlig war, drehte ich mich um. Wir befanden uns am Rande einer vereisten Straße. Aber nicht neben dem Graben, an den ich mich jetzt wieder erinnerte, sondern direkt gegenüber auf der anderen Seite.

Mein Blick zuckte zurück. Zuckte zu der Stelle, wo der silbergraue Wagen im Graben lag – und alles in mir erstarrte.

»Mom …?«, wisperte ich erstickt und konnte den Blick nicht von dem abwenden, was einmal unser Familienauto gewesen war. »Fenja?«

Bevor ich auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen konnte, setzte ich mich bereits in Bewegung. Ich musste zu ihnen, musste ihnen helfen, irgendetwas tun. Doch nach nur zwei schwankenden Schritten packte mich eine Hand am Arm und zwang mich dazu, stehen zu bleiben. Ich kämpfte dagegen an, bis Ryan den ganzen Arm um mich legte und mich an sich zog. Ich spürte seinen Körper dicht hinter mir. Sein Duft vertrieb den Gestank nach Rauch und Feuer, hatte aber nicht denselben Effekt wie normalerweise. Weil ich gar nichts mehr fühlen konnte.

»Es ist zu spät. Sie haben … haben es nicht geschafft.« Seine Stimme war ganz nah an meinem Ohr, aber die sonst so beruhigende Wirkung wollte sich nicht einstellen. Hier und jetzt waren diese Worte aus seinem Mund das Letzte, was ich hören wollte. »Es tut mir so leid, Blair … so leid.«

»Nein!« Ich riss mich von ihm los und stolperte zum Straßengraben, schaffte es aber nicht weit. Denn in dem Moment, in dem ich das Wrack von Nahem sah, in dem ich erkannte, was von unserem Wagen noch übrig geblieben war, gaben meine Knie unter mir nach und ich sank zu Boden.

Wir waren geradewegs und mit viel zu hoher Geschwindigkeit in den Graben und gegen einen Baum gefahren. Der vordere Teil des Autos war völlig zerquetscht, wie eine Blechdose, auf die man mit dem Fuß aufstampfte. Die Scheiben waren zerbrochen. Überall lagen Glassplitter und funkelten mit dem Schnee um die Wette. Ein riesiger Ast hatte die Frontscheibe durchstoßen. Wir mussten direkt darauf zugesteuert sein. Und da war Blut …

Nicht viel. Nur ein paar Tropfen auf dem viel zu weißen Schnee. Aber genug, damit sich mir bei dem Anblick der Magen umdrehte.

Der hintere Teil des Wagens ragte schräg aus dem Graben heraus und das rechte Hinterrad hing in der Luft. Wenn ich genau hinsah, drehte es sich möglicherweise noch. Dann wäre der Unfall gerade erst passiert. Vor wenigen Minuten. Nein, vor Sekunden. Und dann gab es vielleicht noch eine Chance. Womöglich irrte Ryan sich. Vielleicht hatten Mom und Fenja es doch irgendwie geschafft. Vielleicht konnte ich …

Ryan war bei mir, bevor ich mich ganz aufrappeln konnte, und hielt mich erneut fest. »Du kannst ihnen nicht mehr helfen, Blair. Glaub mir, ich hab es versucht. Ich habe alles getan …«

Ich wehrte mich gegen seinen Griff, kämpfte mit letzter Kraft, kam aber nicht gegen ihn an. Genauso wenig wie gegen die Tränen, die in meinen Augen brannten und meine Sicht trübten. Oder gegen die Leere, die sich wie ein schwarzes Loch tief in meinem Inneren ausbreitete.

»Nein …«, stieß ich hervor. »Nein, nein, nein! Das kann nicht sein. Sie können nicht einfach tot sein.«

Meine Mutter war eine Valkyre. Unsterblich, bis sie sich dazu entschloss, ihre Kräfte weiterzugeben – und das hatte sie nicht getan. Also konnte sie auch nicht tot sein. Ich weigerte mich, das zu glauben. Ich weigerte mich einfach.

Ryan drehte mich etwas, damit ich das Wrack nicht mehr sehen musste, und zog mich an sich. Instinktiv vergrub ich das Gesicht an seiner Schulter. Schluchzer schüttelten meinen Körper, aber mir kam kein Ton über die Lippen. Keine einzige Träne verließ meine Augen. Ich war wie versteinert. Als wäre ein Teil von mir unwiederbringlich verloren. Als wäre ein Teil von mir zusammen mit Mom und Fenja gestorben.

Ich wollte die Augen schließen – vor der Realität, vor der Wahrheit – und alles um uns herum ausblenden, bis es wie ein böser Traum verschwand. Bis ich aufwachte und alles wieder beim Alten war, doch in dem Moment, in dem ich dabei war, genau das zu tun, hielt ich inne. Da war eine Bewegung links von uns. Ich drehte den Kopf zur Seite und versuchte zu erkennen, was meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Ein Mann stand zwischen den Bäumen. Er war ganz in Schwarz gekleidet und sein langer Mantel flatterte im Wind. Ich konnte sein Gesicht nicht genau erkennen, aber … war das eine Narbe auf seiner Wange oder nur ein Schatten? Ein einziges kurzes Blinzeln, dann war er verschwunden, beinahe so, als wäre er nie hier aufgetaucht. Aber er war da gewesen. Ich hatte ihn gesehen. Da war ich mir absolut sicher.

Wer war das? Warum war er hier gewesen? Und wie hatte er so schnell verschwinden können? Was hatte das alles zu bedeuten?

Doch bevor ich auch nur eine dieser Fragen laut aussprechen konnte, erklangen Sirenen in der Ferne. Ryan musste einen Rettungswagen gerufen haben, auch wenn es nichts mehr gab, was sie retten konnten. Meine Mutter und meine Schwester waren fort.

Als ich heute Morgen aufgestanden war, hatte ich gewusst, dass dieser Tag das Leben meiner Familie für immer verändern würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass es so geschehen würde. Und dass ich die Einzige sein würde, die von dieser Familie übrig blieb.

KAPITEL 4

 

 

 

 

Die nächsten Tage vergingen so schnell, als hätte ich nur einmal geblinzelt, und gleichzeitig so quälend langsam, als könnte ich jede einzelne Sekunde davon körperlich spüren. Die Rettungskräfte an der Unfallstelle. Der kurze Aufenthalt im Krankenhaus. Das Gespräch mit der Polizei und den Ärzten. Die Totenscheine. Die Fahrt zurück nach Hause. Das leere Haus. Die Stille.

Ryan blieb die meiste Zeit über bei mir, aber auch er hatte ein paar blaue Flecken abbekommen und trug einen Verband am rechten Arm. Er musste sich geschnitten haben, als er mich von der Rückbank und aus dem Wagen gezerrt hatte.