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„Verräterin!“ schreit die Menge, als sie mich auf den Hocker stoßen. Tränen trüben meinen Blick, blonde Haarsträhnen fallen zu Boden, jemand malt ein Hakenkreuz auf mein Gesicht. Doch tief in mir halte ich an einem winzigen Funken Hoffnung fest. Denn sie wissen nicht, wer ich wirklich bin.
Paris, 1944.Louise Basset arbeitet als Hausmädchen im legendären Hotel Ritz. Dort, wo die Mächtigen der deutschen Besatzung logieren, wo Champagner fließt und Geheimnisse im Schatten der Kristallleuchter ausgetauscht werden. Niemand ahnt, dass Louise jedes Gespräch, jedes Flüstern belauscht, und alles an die Résistance weitergibt. Als ein junger alliierter Pilot verletzt ins Hotel geschmuggelt wird, gerät Louises gefährliches Doppelleben ins Wanken. Zwischen Angst und Sehnsucht, zwischen Pflicht und Liebe steht sie vor einer Entscheidung, die ihr Leben – und das vieler anderer – für immer verändern wird ...
Jahrzehnte später.Ihre Enkelin Nicole steht vor der prachtvollen Fassade des Ritz und kann kaum atmen. Auf einem vergilbten Foto sieht sie ihre Großmutter – kahlgeschoren, als Verräterin gebrandmarkt. Alles, woran Nicole geglaubt hat, zerbricht. Doch dann stößt sie auf eine Spur, die Louise in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt. War sie wirklich eine Kollaborateurin? Oder war sie eine Heldin, die alles opferte, um die zu retten, die sie liebte?
„The Paris Maid – Der stille Mut“ – eine bewegende Geschichte über Hoffnung, Liebe und die Macht der Wahrheit von Bestseller-Autorin Ella Carey.
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2026
„Verräterin!“ schreit die Menge, als sie mich auf den Hocker stoßen. Tränen trüben meinen Blick, blonde Haarsträhnen fallen zu Boden, jemand malt ein Hakenkreuz auf mein Gesicht. Doch tief in mir halte ich an einem winzigen Funken Hoffnung fest. Denn sie wissen nicht, wer ich wirklich bin.
Paris, 1944. Louise Basset arbeitet als Hausmädchen im legendären Hotel Ritz. Dort, wo die Mächtigen der deutschen Besatzung logieren, wo Champagner fließt und Geheimnisse im Schatten der Kristallleuchter ausgetauscht werden. Niemand ahnt, dass Louise jedes Gespräch, jedes Flüstern belauscht, und alles an die Résistance weitergibt. Als ein junger alliierter Pilot verletzt ins Hotel geschmuggelt wird, gerät Louises gefährliches Doppelleben ins Wanken. Zwischen Angst und Sehnsucht, zwischen Pflicht und Liebe steht sie vor einer Entscheidung, die ihr Leben – und das vieler anderer – für immer verändern wird ...
Jahrzehnte später. Ihre Enkelin Nicole steht vor der prachtvollen Fassade des Ritz und kann kaum atmen. Auf einem vergilbten Foto sieht sie ihre Großmutter – kahlgeschoren, als Verräterin gebrandmarkt. Alles, woran Nicole geglaubt hat, zerbricht. Doch dann stößt sie auf eine Spur, die Louise in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt. War sie wirklich eine Kollaborateurin? Oder war sie eine Heldin, die alles opferte, um die zu retten, die sie liebte?
„The Paris Maid – Der stille Mut“ – eine bewegende Geschichte über Hoffnung, Liebe und die Macht der Wahrheit von Bestseller-Autorin Ella Carey.
Ella Carey wurde in Adelaide, Australien, geboren und studierte Kunst, Geschichte und Literatur. Heute lebt und schreibt sie in Melbourne mit ihrer Familie und zwei Hunden. Schon immer haben sie die mutigen Frauenfiguren der Geschichte fasziniert, weswegen sie es liebt, ihre Romane nach wahren Begebenheiten zu erzählen. Ihre Bücher sind internationale Bestseller und erscheinen in zahlreichen Sprachen.
Im Aufbau Taschenbuch liegen bereits die ersten beiden Bände ihrer Serie über „Die Frauen von New York“ vor: „Glanz der Freiheit“ und „Worte der Hoffnung“.
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Ella Carey
The Paris Maid - Der stille Mut
Aus dem Englischen von Dorothee Danzmann
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Widmung
PROLOG — PARIS IM SOMMER 1944
Kapitel 1 — London, heute
Kapitel 2 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 3 — Stansted Air Force Base, Vereinigtes Königreich, Sommer 1944
Kapitel 4 — Louise
Kapitel 5 — Paris, heute
Kapitel 6 — Paris Sommer 1944
Kapitel 7 — Sommer 1944
Kapitel 8 — Paris, heute
Kapitel 9 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 10 — Paris, heute
Kapitel 11 — Nordfrankreich, Sommer 1944
Kapitel 12 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 13 — Kit
Kapitel 14 — Louise
Kapitel 15 — Kit
Kapitel 16 — Louise
Kapitel 17 — Paris, heute
Kapitel 18 — Sommer 1944
Kapitel 19 — Louise
Kapitel 20 — Paris, heute
Kapitel 21 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 22 — Paris, heute
Kapitel 23 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 24 — Kit
Kapitel 25 — Louise
Kapitel 26 — Kit
Kapitel 27 — Louise
Kapitel 28 — Paris, heute
Kapitel 29 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 30 — Kit
Kapitel 31 — Louise
Kapitel 32 — Louise
Kapitel 33 — Kit
Kapitel 34 — Heidelberg, Sommer 1944
Kapitel 35 — Versailles, Sommer 1944
Kapitel 36 — Louise
Kapitel 37 — Kit
Kapitel 38 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 39 — Paris, Sommer 1944
Kapitel 40 — Paris, Heute
Epilog — Dallas, Heute
Ein Brief von Ella Carey
Anmerkungen der Autorin
Danksagungen
Impressum
Ich widme dieses Buch voller Liebe und Dankbarkeit meinen Leserinnen und Lesern. Ich schätze euch alle sehr, jeden einzelnen.
PARIS IM SOMMER 1944
Louise
Wütende Rufe gellen über den prachtvollen alten Platz, so aufgebracht sind die Bewohner der Stadt. Femme tondue!, schreien sie. Femme tondue. Geschorene! Frau der Schande!
Mit gesenktem Kopf sitze ich auf dem kleinen hölzernen Hocker, auf den sie mich gezwungen haben, starre auf die vom Regen glänzenden Pflastersteine. Durch die Tränen in meinen Augen verschwimmt alles, was sich ringsumher abspielt.
Wenn der Mann, der mich hier quält, mit seinem Rasierer zur nächsten Bahn über meinen Kopf ansetzt, wenn die scharfe Klinge meiner Kopfhaut zu nahe kommt, zucke ich jedes Mal zusammen. Meine hellen Haare fallen wie die Federn eines Huhns, das gerupft wird, schweben einen Moment lang in der Luft und sinken dann zu Boden. Der Anblick meiner blonden Locken auf dem feuchten Pflaster trifft mich bis tief in die Seele, dabei sage ich mir immer wieder, dass ich doch nur eine von vielen bin in dem grotesken Zirkus, der in den Städten Frankreichs tobt.
Nicht die Nazis rasieren meinen Kopf. Nein. Paris ist befreit worden, und ich werde von meinen eigenen Landsleuten gedemütigt. Um mich drängen sich die eben erst befreiten Bürger von Paris.
Der Mann, der sich zu meinem Barbier ernannt hat, ist fertig. Befriedigt tritt er zurück, um sein Werk zu bewundern, und weicht meinem Blick nicht aus, als ich den Kopf hebe und ihn ansehe. Wie ein Schlachter, der mit seiner Arbeit hochzufrieden ist, verschränkt er die Arme vor der Brust und lässt sich von der Menge bejubeln.
Ich fühle mich wie ein gejagtes, zur Strecke gebrachtes Stück Wild. Die Gesichter um mich herum verschwimmen mehr und mehr, der Lärm schwillt zu einem Crescendo an.
Als Nächstes reißen mich grobe Hände hoch und schleifen mich die Straße hinab. Die Menge teilt sich, vor mir taucht ein Lastwagen auf. Unsanft werde ich auf dessen offene Ladefläche gehoben und auf eine Holzbank gedrückt.
Mir gegenüber sitzen zwei weitere gejagte junge Frauen. Auch sie sind kahl, und eine von ihnen hat ein tränenverschmiertes Gesicht, aber ihre Mienen sind ausdruckslos.
In der Ferne sind Trommelschläge zu hören, dunkel und gleichmäßig, unheilvoll wie ein Omen. Ein Mann stürzt sich zu uns auf die Ladefläche und reißt mir die weiße Bluse vom Leib, um sie wie eine Trophäe hoch in die Luft zu halten. Dann wirft er sie in die Menge. Einen Moment lang bläht sie sich auf wie ein Laken an der Wäscheleine, dann fängt ein junger Mann sie auf, schwingt den feinen Baumwollstoff hoch über seinem Kopf, bevor er ihn sich ans Gesicht drückt und daran schnuppert wie ein Weinkenner an einer eben geöffneten Flasche alten Weins.
Als weitere Hände nach mir greifen, mich mit klebrigem, schwarzem Teer bestreichen, laufen mir Schauder den Rücken hinunter. Bald trage ich schwarze Striemen im Gesicht; auf meiner Stirn und dem rechten Arm prangen rote Hakenkreuze. Man hat mich gebrandmarkt. So wie die Opfer gebrandmarkt wurden, die die Nazis in ihre Lager schickten.
Inzwischen zittere ich am ganzen Leib, ich kann es nicht mehr unterdrücken. Auf der Straße fegt eine Gruppe Männer unsere abgeschnittenen Haare zusammen, und als einer von ihnen ein Streichholz anreißt, zittere ich noch heftiger. Bald liegt der Gestank verbrannter Haare in der Luft. Die Männer stehen um den Scheiterhaufen herum, schlagen einander begeistert auf die Schultern und freuen sich, bis von unseren Locken nur noch zarte lila und orangefarbene Flammen übrig sind.
Ich wende den Blick ab, kann aber nicht verhindern, dass der beißende Gestank von etwas, das nie hätte verbrannt werden dürfen, mir in die Nase dringt und sich hinten in meinem Rachen festsetzt.
Der Motor des Lasters erwacht knatternd zum Leben. Es ist, als wären wir Ehebrecherinnen, die man der Hexerei bezichtigt hat – wie damals, in einer Zeit, die wir doch für längst überwunden hielten.
Um uns herum stehen Franzosen und sehen zu. Menschen, die durch die Besetzung ihres Landes durch die Nazis gedemütigt worden sind und in deren Blicken ein Hunger liegt, den sie nun endlich stillen wollen. Als könnten sie mit uns das machen, was sie mit den Besatzern nie hatten tun können. Wie die Töne einer wild gewordenen Luftschutzsirene gellen ihre Schreie durch die reglose Luft dieses Sommernachmittags.
Unwillkürlich krümme ich mich auf der Holzbank zusammen.
Diese Menschen haben jahrelang unter einem Regime gelitten, das Angst und Schrecken verbreitet hat. Sie sind gnadenlos unterdrückt worden und nun dabei, sich in einer einzigen Kehrtwendung auf die eigenen Frauen zu stürzen und ihnen Würde, Menschlichkeit und Glaubwürdigkeit zu rauben.
Langsam hebe ich den Kopf und begegne den Blicken der anderen beiden Frauen, die zusammen mit mir von der Menge angeklagt werden. Sie wirken müde, erschöpft, ohne Hoffnung. Aber als sich der Lastwagen langsam in Gang setzt und über den Platz fährt, während ich dort sitze, allem beraubt, wird mir klar, dass es für mich dennoch eins gibt, was sie mir nicht nehmen können. Es gibt ein Geheimnis, das niemand je erfahren wird.
London, heute
Nicole
Ich stehe gerade in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt, als mein Handy eine eingehende Nachricht meldet. Hastig durchwühle ich meine Handtasche, und es dauert ein wenig, bis ich fündig werde. Die Nachricht stammt von meiner Tante Mariah. Kaum habe ich sie geöffnet, leuchtet auf dem Display auch schon ein Bild auf. Dazu schreibt meine Tante: Place Vendôme, Paris, 1944. Das Bild habe ich bei meinen Recherchen zur Familiengeschichte entdeckt. Brauche wohl kaum zu sagen, wie verblüfft ich bin. Es erklärt allerdings alles.
Das Foto zeigt eine junge Frau, die den Betrachter anstarrt. Sie hat einen kahl geschorenen Kopf, und obwohl die Aufnahme schwarz-weiß ist, meine ich zu erkennen, dass sämtliches Blut aus ihren Lippen gewichen ist. Auf ihrer Stirn prangt ein Hakenkreuz, das Symbol der Nazis. In mir zieht sich bei diesem Anblick alles zusammen. Dann wird mir mit einem Schlag klar, dass die Frau auf dem Foto Gesichtszüge trägt, die mir lieber und vertrauter sind als alle anderen auf der Welt.
»Nein!«, hauche ich erschüttert.
Um mich herum scheppern Einkaufswagen. Registrierkassen piepen. Ungeduldige Mitarbeiter des Supermarktes winken die Kunden weiter zu den Kassen, an denen sie ihre Einkäufe selbst einscannen können.
Ich rühre mich nicht von der Stelle, stehe starr wie ein Telegraphenmast.
Großmama Louise.
Das Mädchen auf dem Foto ist meine geliebte Großmutter.
Hektisch versuche ich, mich wieder an alles zu erinnern, was sie mir über sich erzählt hat.
Granny besaß aus der Zeit nach dem Krieg nur wenige, verblasste Fotografien. Auf denen hatte sie gerade meinen Großvater geheiratet und stand mit ihm auf den Stufen einer Kirche. Sie lächelt und trägt die blonden Locken zurückgekämmt und festgesteckt, so dass ihr Gesicht frei bleibt. Ihr weißes Kleid hat eine niedrig sitzende Taille und ist bodenlang mit einer großen Schleife aus Satin auf der linken Hüfte, und ihr Brautstrauß aus weißen Lilien ist so groß, dass sie ihn mit beiden Händen kaum festhalten kann. Ich erinnere mich an Fotos von ihren Flitterwochen in Cornwall, an dunkelroten Lippenstift, wie ihn damals alle Frauen gern trugen und der auf den Schwarz-Weiß-Fotos nur als dunkler Fleck zu erkennen ist. Dann gibt es noch Fotos von ihr am Meer, Wind in den Haaren, auf den Lippen das strahlende Lächeln einer Marilyn Monroe, das nichts als reine Freude ahnen lässt.
Langsam komme ich wieder zu mir, registriere um mich herum neugierige Blicke und stelle fest, dass ich mich wohl bewegen sollte. Also schiebe ich mich zentimeterweise bis zur Kasse vor, scanne meine Einkäufe ein, fische meine Kreditkarte aus dem Portemonnaie, zahle und schaffe es irgendwie, die Glastür zu bewegen und den Laden zu verlassen. Dort trifft mich eine steife Brise, die gerade dabei ist, auf dem Parkplatz des Supermarkts allen möglichen Müll durcheinanderzuwirbeln. Ich verlade die großen braunen Papiertüten mit meinen Einkäufen in den Kofferraum des Range Rovers, des soliden, vernünftigen Autos, das wir uns zugelegt hatten, als ich feststellte, dass ich schwanger bin.
Unwillkürlich bleibt meine Hand einen Moment lang auf der kleinen Wölbung unter meinem Kleid liegen, dann steige ich ins Auto, schnalle mich an und würge die Panik herunter, die meinen Magen in einen Korb voll sich windender Schlangen zu verwandeln droht.
Während die ersten Regentropfen gegen die Windschutzscheibe prasseln, drängen sich in meinem Kopf immer dichter und schneller die Erinnerungen. Granny, die in ihrem Gästezimmer auf der Kante des Bettes sitzt, das dort immer für mich bereitstand, und mir vorliest, bis ich eingeschlafen bin. Sie hat die Beine an den Knöcheln verschränkt, und ihr inzwischen grau gewordenes Haar zeigt immer noch dieselben Wellen wie auf den Fotos aus der Nachkriegszeit. Um ihre blauen Augen haben sich Fältchen gebildet, und sie ist ganz bei der Sache. Gemeinsam gingen wir sämtliche Märchen in ihren Büchern durch und die Abenteuergeschichten aus den 1930er Jahren, als Kinder noch einfach den Tag über verschwinden, sich bis zum Sonnenuntergang von Äpfeln und Schokolade ernähren und sich auf Booten herumtreiben konnten. Ich sehe Granny, die die Bettdecke um mich herum feststeckt, bis ich mich so sicher fühle wie eine Raupe in ihrem Kokon. Grannys Frühstück – Toast und Orangenmarmelade –, dazu der beste Kakao der Welt. Nur mühsam schaffe ich es, aus diesen Tagträumen aufzutauchen und mich der harschen Realität zu stellen: Tante Mariahs Nachricht.
Auf dem Heimweg regnet es immer stärker, und der Wind bläst die Regenschwaden in seltsamen Mustern hierhin und dorthin, bis die Häuser in meiner Straße hinter einer schimmernden Fata Morgana zu verschwinden drohen. Alles wirkt irgendwie wie aus Glas.
Erleichtert biege ich in die Einfahrt unserer kleinen Doppelhaushälfte ein, deren Fassade hinter einem Wasserfall aus gelben Kletterrosen kaum zu erkennen ist. Ich schalte den Motor aus und bleibe noch einen Moment lang sitzen. Grannys Haus in Sussex war von Kletterrosen förmlich überwuchert, in ihrem Garten gediehen Kräuter, Gemüse und bunt blühende Stauden. Als wir die Doppelhaushälfte zum ersten Mal besichtigten, fielen mir sofort die gelben Rosen ins Auge, die mich regelrecht ins Haus zogen.
Entschlossen greife ich zu meinem Handy und tippe eine Antwort an meine Tante: Mariah, das muss ein Irrtum sein. Granny wäre doch nie … sie hätte doch auf keinen Fall … sie war doch keine … Fast schaffe ich es nicht, die Worte hinzuschreiben: Sie war doch keine Nazi-Kollaborateurin.
Auf meinem Display tauchen drei Punkte auf. Ein paar Sekunden später … nichts. Ich löse meinen Sicherheitsgurt, bleibe aber doch erst einmal noch sitzen, fast wie erstarrt. Ich weiß nur zu gut, wie es im Zweiten Weltkrieg nach der Befreiung französischer Städte und Dörfer durch die Truppen der Alliierten Frauen erging, denen eine Zusammenarbeit mit den Nazis unterstellt wurde. Man hatte sie auf den Ladeflächen von Lastwagen zur Schau gestellt, angespuckt, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, ins Gefängnis geworfen und angeklagt.
Die Tür unseres Hauses geht auf. Gelbes, im regennassen Dämmerlicht wässriges Licht strömt auf die Veranda, gefolgt von Andrew, meinem Mann. Er spannt seinen großen schwarzen Schirm auf und kommt zu mir, damit wir gemeinsam die Einkäufe aus dem Wagen holen können.
Tränen laufen mir über das Gesicht, während ich durch den Regen eile. Gleich hinter der Haustür lasse ich die vollen Tüten einfach auf den Holzboden unserer Diele fallen.
»Liebling?« Andrew sieht mich an, Besorgnis in den braunen Augen, und wie immer, wenn er bei Wind vor die Tür geht, sind seine roten Haare leicht zerzaust. Ich liebe dieses schwer zu bändigende Haar. »Der Jahrestag, was? Das nimmt jeden mit.«
Ich schüttele den Kopf. In drei Tagen jährt sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal. Mariah hat ihre Nachricht wohlweislich vorher geschickt, das Timing ist unmissverständlich. Andrew nimmt mich in die Arme, und ich lehne mich an ihn, berge das Gesicht an seiner Schulter, reibe die Stirn an der weichen, grauen Wolle des alten Pullovers, den er gern anzieht, wenn er mit den jüngeren seiner Schüler an unserer örtlichen Gesamtschule wissenschaftliche Experimente veranstalten will, bei denen es auch dreckiger zugehen könnte. »Nein, das ist es nicht nur.« Ich nehme, wenn auch ungern, den Kopf von seiner Schulter und zeige ihm das Foto auf meinem Handy.
»Was ist das?«, flüstert er. »Wie um alles in der Welt ist deine Tante Mariah da drangekommen? Ich verstehe das nicht.«
»Ich auch nicht.«
»Sonst hast du in letzter Zeit nichts von Mariah gehört? Abgesehen hiervon?«
»Nein. Nichts, seit …« Seit der Beerdigung. Mums Beerdigung. Bei der weder Mariah noch ihre Tochter, meine Cousine, aufgetaucht waren. Angeblich sei es beiden nicht möglich gewesen, aus Paris wegzukommen, wohin Tante Mariah kurz nach Grannys Tod vor zehn Jahren gezogen war. Aber es hatte Blumen gegeben, wunderschöne Blumen von einem der besten Floristen Londons, viel prächtiger als alles, was in Grannys Garten geblüht hatte.
»Sie sieht genauso aus wie du.« Andrew schiebt mir meine blonden Haare hinter die Ohren und streichelt meine nassen Wangen, wischt mit dem Daumen meine Tränen ab.
Ich hole tief Luft und versuche, mich zusammenzureißen. Auch mir war aufgefallen, dass diese Granny in Paris mir sehr ähnlich sieht, wollte diesen Gedanken aber nicht zu dicht an mich heranlassen. Es war alles zu viel, kaum zu ertragen.
»Okay!« Ich räuspere mich, versuche, etwas von der Haltung zu zeigen, die meine Großmutter auszeichnete. »Hier riecht es wunderbar, ist das unser Abendessen?« Das ganze Haus duftet köstlich nach Gemütlichkeit, nach Zuhause, nach Lammbraten mit Rosmarin und Frühkartoffeln. Ich bücke mich, um eine der Einkaufstüten aufzuheben.
Andrew kratzt sich am Kopf. »Langsam verstehe ich echt nichts mehr, tut mir leid. Warum macht Mariah so etwas?«
Ja, warum? Die Frau, die nicht zur Beerdigung meiner Mutter gekommen ist und auch nicht zu der meiner Granny, bei der die Dorfkirche so voll war, dass sie aus den Nähten zu platzen drohte. Mum und ich hatten allein in der ersten Reihe sitzen müssen, und ich werde nie vergessen, wie abgrundtief traurig meine Mutter gewesen war. Und dann hatte Mariah uns gezwungen, Grannys Haus zu verkaufen, weil sie ihre Hälfte aus dem Erlös in den Ankauf einer Wohnung in Paris stecken wollte.
In der Küche umarme ich Andrew spontan gleich noch einmal. Ich liebe ihn und die unkomplizierte, glückliche Familie, aus der er stammt. Ich liebe das Zuhause, das wir uns zusammen aufgebaut haben.
»Ich weiß«, sage ich. »Es ist alles so traurig.«
Andrew zieht die köstliche knusprige Lammkeule aus dem Ofen, füllt zwei Teller mit Fleisch, Kartoffeln, ganz frischen Karotten und zarten, über Dampf gegarten Babybohnen. Dazu kommt noch ein kleiner weißer Krug mit seiner selbst gemachten Mintsoße, für die er die Kräuter nutzt, die wir in Töpfen auf der Fensterbank unserer Küche züchten.
»Das ist wunderbar!«, sage ich und meine es genau so. Granny Louise hätte Andrew sehr gern gemocht, wenn sie ihn noch hätte kennenlernen können.
Wir essen, räumen hinterher gemeinschaftlich die Küche auf, und dann nehme ich Andrew bei der Hand. »Komm mit!«, flüstere ich ihm zu.
Ich führe ihn in den Flur, wo gleich hinter der Haustür ein Bücherregal anfängt. Lange brauche ich nicht nach dem Buch zu suchen, das ich ihm zeigen will, denn ich habe die Werke hier so geordnet, wie ich es bei Granny gelernt habe: dem Alphabet nach. So hatte sie es gern, und so mag auch ich es, weshalb ich immer genau weiß, wo meine Bücher stehen. Ich lange also nach der Ausgabe der Märchen der Brüder Grimm und schlage sie feierlich auf. Dort steht nämlich eine Widmung, die ich erst entdeckt habe, als ich nach dem Tod meiner Mutter deren Haus ausräumte. Weder Granny noch Mum hatten diese Widmung je erwähnt, und nun ist es zu spät, ich kann sie nicht mehr danach fragen.
Auf dem Vorsatzblatt steht in verblasster Sepiatönung die Widmung, die ich, als ich das Buch fand, gar nicht richtig wahrgenommen hatte, weil ich zu sehr mit meiner Trauer beschäftigt war.
Meiner geliebten Louise, Ritz Hotel, Paris, 1944
Zwischen Andrews Augen taucht eine Falte auf.
Ich presse das Buch ganz fest an meine Brust. Ahnenforschung ist Tante Mariahs neuestes Projekt. Das weiß ich, weil sie öffentlich darüber spricht. Vor ein paar Jahren, nach Grannys Tod, aber bevor meine Mum so krank wurde, hatte sich meine Tante an eine der großen Modezeitschriften gewandt, für die meine Cousine Pandora früher gearbeitet hat. Pandora war als junge Frau ein gefragtes Model gewesen, und diese Zeitschrift hatte öfter mal ein Bild von ihr auf der Titelseite gebracht. Mariah berichtete den Leuten dort von ihren Nachforschungen in Bezug auf die Familie ihres verstorbenen Mannes Ed. Daraufhin veröffentlichte die Zeitschrift einen doppelseitigen Artikel plus Fotos und berichtete, wie die Mutter des bekannten Mannequins herausgefunden hatte, dass Pandoras Großmutter väterlicherseits in Polen von den Nazis verhaftet worden war. Die Töchter vieler polnischer Familien, so war in dem Artikel weiter aufgeführt worden, waren damals zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und dort in Lager gepfercht worden. Das Foto der Großmutter, das den Artikel begleitete, zeigte eine junge Frau mit lockigen, weißblonden Haaren, Pandoras Haaren.
Ich drücke meine Ausgabe der Grimm’schen Märchen so fest an mich, als wäre es meine Großmutter selbst. »Ich habe Angst, dass Mariah mit diesem Bild von Granny an die Presse geht«, sage ich verzweifelt.
»Du kennst deine Granny, du weißt, wer sie war. Das allein zählt, ignoriere die Sache.« Wieder wischt mir Andrew eine verirrte Träne von der Wange.
»Das kann ich nicht.« Ich schüttle den Kopf. »Das Bild allein reicht ja schon, um mir den Schlaf zu rauben. Ich kann nicht verdrängen, was es symbolisiert, aber ich kann mir auch einfach nicht vorstellen, dass meine Großmutter eine Verräterin war.«
Andrew fährt sich nachdenklich über den Bart. »Ich weiß wirklich nicht, was man da tun könnte.«
»Ich schon.« Erneut schüttle ich den Kopf. »Ich kann mich in den nächsten Zug nach Paris setzen und dort beweisen, dass Granny nie mit den Nazis kollaboriert hat.«
»Liebling …«
»Ja, ich habe sie gut gekannt, da hast du vollkommen recht. Und eigentlich reicht das auch. Ich weiß, wer sie war, aber wenn ich das jetzt auch noch beweisen muss, dann werde ich es tun.« Meine Hand wandert hinunter zu meinem Bauch, legt sich beschützend auf die kleine Rundung. Wenn ich beweisen will, dass Granny kein Nazi war, dann geht es mir nicht nur um die Vergangenheit. Dann geht es auch um die Zukunft. Ich möchte, dass mein Baby die Wahrheit über die Frau erfährt, die ich mehr als alles andere auf der Welt geliebt habe.
Paris, Sommer 1944
Louise
Die Bar im Ritz ist leer, niemand sitzt mehr auf den gepolsterten Ledersesseln. Die Spione von Paris und die, die die Stadt betrügen, die zweifelhaften Hüter zweifelhafter Geheimnisse, die gern in diesem eichengetäfelten Raum zusammenkommen und ihre mörderischen Verbrechen planen, sind alle für die Nacht gut und warm in ihren Betten untergebracht. Aber in der Luft hängt noch der Duft von teurem Whiskey und Brandy, und die Bar von Frank Meier ist so blank poliert, dass man sich darin spiegeln kann. Im Halbdunkel schimmern die Flaschen mit Likör, feinen Bränden und kostbaren Weinen.
So lässig, wie mir möglich ist, gehe ich durch den leeren, stillen Raum auf Franks geschlossene Bürotür zu und klopfe dort in einem schnellen Rhythmus den Code, den Frank jede Woche ändert.
Er öffnet selbst und lächelt mir zu, um seine Augen feine Fältchen wie bei einem Mann, der den ganzen Tag auf dem Liegestuhl eines Schiffes liegt, den Blick aufs blaue Meer gerichtet. Nur die tiefen Ränder unter den Augen verraten die Erschöpfung, die inzwischen von uns allen Besitz ergriffen hat. Franks Haare sind sauber gescheitelt und zur Seite gekämmt, als hätte er sich eben erst fertig gemacht, um seine Schicht anzutreten, aber ich weiß, dass er die ganze Nacht wach war.
Frank beugt sich vor, küsst mich auf beide Wangen, wie es in Paris üblich ist, und zieht mich ins Büro. Dort sitzt in einem Sessel in der Ecke auch der Hotelmanager, Claude Auzello, und nickt mir zu.
Wir wollen gerade anfangen, als die Tür auffliegt und Blanche Auzello im Rahmen auftaucht. Claudes Frau bemüht sich nicht, die Stimme zu senken, dabei ist sie, wenn man den Gerüchten über sie Glauben schenken will, weit mehr als nur die Frau des Managers. Ihr Engagement, das über ihre Rolle hier im Ritz weit hinausgeht, ist Thema vieler geflüsterter Geschichten, in denen ihre Tapferkeit bewundert wird.
»Popsy?«, ruft sie in den Raum. »Kommst du jetzt vielleicht mal für zehn Minuten ins Bett, bevor der Wecker klingelt und alles wieder von vorn losgeht?« Blanche wirft das lange, dunkle Haar nach hinten und schenkt ihrem Claude ein bezauberndes Lächeln. Sie hat einen amerikanischen Akzent, und jeder im Haus kennt ihre Geschichte, weiß, dass Blanche aus New York stammt und Schauspielerin war, bevor sie den Hotelmanager heiratete. Angeblich ist sie Jüdin, hat aber, so sagt man, ihre Identität verschleiert, um hier sicher sein zu können. Die Kindheit, von der sie erzählt, soll reine Erfindung sein, völlig anders als die, die sie wirklich erlebt hat. »Du fehlst mir, Popsy!«, schmollt sie, und ihre braunen Augen blitzen, während sie die Lippen aufwirft wie ein Schulmädchen.
Frank blickt zu Boden, und ich bemühe mich, nicht laut zu kichern.
»Aber gewiss doch, Liebling«, antwortet Claude, der bekannt dafür ist, dass ihn nie etwas aus der Ruhe bringt. Er scheint auch über diesen Auftritt nicht im Geringsten erschrocken zu sein, sondern steht gelassen auf. »Wenn ihr mich bitte entschuldigt?« Er verabschiedet sich mit einer formvollendeten Verbeugung von Frank und mir und verlässt den Raum.
Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Jeder weiß, dass Blanche ihren Mann Popsy nennt, weil ihm jedes Mal, wenn er sie sieht, praktisch die Augen aus dem Kopf fallen: Pop!
Nachdem die beiden gegangen sind, gibt Frank kurz eine sehr gelungene Imitation von Blanche zum Besten. Sie ist freundlich gemeint, und wir können alle im Moment ein wenig Spaß gut vertragen. Dann wird er sofort wieder ernst. »Ich habe eine neue Liste für dich. Die Lieferung kommt gleich heute früh.«
Frank reicht mir ein Blatt Papier voll langer Zahlenreihen darauf. Sofort schlägt mein Herz schneller.
Schicke Kleider sind mir ein Gräuel, aber wenn es um Zahlen geht, bin ich sofort bei der Sache. Ich brauche sie mir nur einmal anzusehen, dann kann ich sie auswendig. Jede einzelne, egal, wie viele es sind.
Auf dieses seltsame Talent wurde Frank durch Gespräche der anderen Hausmädchen aufmerksam, die es erstaunte, wie exakt ich immer sagen konnte, welcher Gast gerade in welchem Zimmer wohnt, und dass ich mich noch genau an Gäste erinnerte, die vor Monaten bei uns abgestiegen waren. Ich konnte sogar aufzählen, wer diese Gäste an welchem Tag besucht hatte. Und ich hatte sofort auch die Details der Ausweise unserer Gäste im Gedächtnis gespeichert, sobald ich beim Saubermachen ihrer Zimmer einen Blick darauf hatte werfen können.
Frank fand meine Begabung faszinierend. Er forderte mich auf, ein paar Zahlenreihen auswendig zu lernen und auch die Namen einiger Hotelgäste, die lediglich über Nacht geblieben waren (alles Nazis), und als ich sowohl die Zahlen als auch die Namen am nächsten Tag immer noch fehlerlos aufsagen konnte, bat er mich, mit ihm und Claude zusammenzuarbeiten. Claude leitet die Abteilung der Resistance hier im Hotel.
Jean-Paul, unser Chefkoch, sorgt dafür, dass verschlüsselte Nachrichten mit seinen Lebensmittellieferungen befördert werden, und seine Kellner melden Frank die Unterhaltungen der Nazis, die sie in den Hotelrestaurants bedienen. Wer hier wohnt, ist oft indiskret und generell viel zu selbstsicher. Ob sie uns nun für dumm halten oder einfach für nicht wert, beachtet zu werden, oder aber beides, kann ich nicht sagen.
Meine Hand mit den viel zu vielen Sommersprossen bewegt sich rasch, als ich mit dem Zeigefinger die Zahlenreihen entlangfahre. Sofort schaltet auch mein Kopf einen Gang höher, und ich fühle mich zum ersten Mal an diesem Tag wirklich lebendig.
»Hans-Jürgen Soehring.« Ich deute auf einzelne Zahlenreihen, und sofort fallen mir die Namen der Nazis ein, für die diese Zahlen stehen. »Oberst Hans Speidel. Hans Günther von Dincklage. Carl-Heinrich von Stülpnagel. Reichsmarschall Hermann Göring.«
Ohne ein Wort zu sagen, überträgt Frank die entsprechenden Zahlen auf ein anderes Blatt Papier, das an die Alliierten weitergeleitet werden soll, die in der neutralen Zone operieren. Frank hat mir nie genau erklärt, was wir hier machen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir den Alliierten verschlüsselte Nachrichten über die Nazis schicken, die hier im Hotel übernachten, und wann sie es tun.
Manchmal muss ich Gemüsenamen aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen, ganze Listen nur mit Gemüse. Zu komisch, welches Codewort für wen steht: Göring ist eine Kartoffel. Und weil ich über ein gewisses Sprachtalent verfüge, werde ich auch oft um detaillierte Informationen gebeten. Ich spreche fließend Englisch, Französisch und Deutsch.
Neulich habe ich Frank gestanden, dass ich damit, Zahlen, Buchstaben und Informationen auswendig zu lernen, besser zurechtkomme als mit dem Leben an sich. Daraufhin meinte er, das, was ich mache, sei doch schließlich Leben. Dafür liebe ich ihn.
Mein Traum war immer ein Studium an der Universität gewesen. Ich hatte nach Paris gehen, dort als Hausmädchen in einem Hotel arbeiten und gleichzeitig studieren wollen. Wobei ich mir über das endgültige Studienfach noch nicht klar gewesen war und gehofft hatte, generell einen Kurs in Geisteswissenschaften belegen zu können. Aber dann kam der Krieg. Und jetzt, vier Jahre später, scheint mir der Teil meines Plans, bei dem es um mein Studium ging, vollkommen veraltet.
»Josée de Chambrun hat gestern in der Suite von Carl-Heinrich von Stülpnagel zu Mittag gegessen«, sage ich. »Ich habe geklopft, und weil niemand antwortete, bin ich reingegangen, um sauber zu machen. Von Stülpnagel sah wütend aus. Von der Unterhaltung habe ich nichts mitbekommen, sie wurden sofort still, als ich hineintrat.« Ich hatte zuerst nicht bemerkt, dass jemand im Zimmer war, weil ich gerade damit beschäftigt war, meine schwer zu bändigenden blonden Locken wieder unter die Haube meiner Uniform zu schieben. Beim Anblick der beiden lief ich dann prompt rot an.
Über Franks Gesicht huscht ein Schatten.
»Sie haben Beefsteak Tatar gegessen, Nizza Salat, Quiche und Crêpes«, zähle ich auf, wobei ich nicht weiß, ob diese Informationen irgendwem nutzen, aber ich gehe gern ins Detail, und ich glaube, Frank weiß das zu schätzen.
Josée de Chambrun ist eine Aristokratin und Tochter von Pierre Laval, der wiederum ein hohes Tier in der Vichy-Regierung ist. Carl-Heinrich von Stülpnagel ist der Militärbefehlshaber des besetzten Frankreichs. Von daher finde ich nichts Ungewöhnliches an einem gemeinsamen Mittagessen der beiden, denn die Vichy Regierung steht Deutschland und der Herrschaft von Hitler loyal gegenüber. Frank jedoch ist mit gerunzelter Stirn in seine Zahlen vertieft.
Ich trete an das Fenster, von dem aus man, wenn es hell ist, auf die Rue Cambon blickt. Vor dem Fenster hängen die dicken Verdunklungsvorhänge und verhindern, dass auch nur ein einziger Lichtschimmer aus dem Hotel dringt. Wir schützen uns vor den Bombenangriffen, bei denen die Alliierten Brücken und Militärstützpunkte in Nordfrankreich ins Visier nehmen, und zwar, wie man uns gesagt hat, in Vorbereitung auf eine massive Invasion mit dem Ziel, ganz Frankreich aus den Händen der Deutschen zu befreien, die es besetzt halten.
Für die Zeit nach dem Ende des Krieges habe ich noch keine Pläne. Was mich nachts nicht schlafen lässt, ist die Angst, die kleine Familie aus Resistance-Kämpfern zu verlieren, die ich hier gefunden habe: Frank, Claude, den Küchenchef Jean-Paul und die geheimnisvolle, fantastische Blanche, die um uns herum und über uns schwebt wie ein Traum.
Frank massiert sich das Kinn. »Ich habe überlegt …« Er schluckt, scheint sich seine Worte ganz genau zu überlegen. »Die Alliierten greifen Saint-Germain-en-Laye an. Hast du etwas von deiner Mutter gehört?«
Sofort durchfährt mich ein heftiger Schmerz, als wäre jemand mit einem Schwert gekommen, um mich diagonal in zwei Teile zu spalten. Ich muss an die Unterhaltung denken, die Frank und ich vor ein paar Monaten über meine Mutter geführt haben.
Frank und ich arbeiteten zusammen, spät in der Nacht oder früh am Morgen, je nachdem, wie man es betrachten will. Ich erstattete Frank über Coco Chanel und ihren Nazi-Liebhaber Hans von Dincklage Bericht, denn ich hatte eine Unterhaltung der beiden belauschen können, bei der es um eine Reise nach Spanien ging.
Danach sprachen wir über Familien, und ich vertraute ihm die schreckliche, herzzerreißende Wahrheit über meinen Vater an, der eines Tages einfach das Haus verlassen hatte, um nie wiederzukommen. Ich war damals zwölf Jahre alt gewesen.
Fast hätte ich Frank ein weiteres Geheimnis über meinen Vater anvertraut, ein sehr unangenehmes, das ich noch niemandem gestanden habe. Aber irgendwie fühlte ich mich dann doch nicht sicher, und so erzählte ich ihm stattdessen, wie meine Mutter, meine wunderbare, so praktisch veranlagte Mutter, nach Vaters Weggang angefangen hatte, für andere Frauen zu nähen. Wie geschickt sie mit den hübschen Stoffen hantierte, für die sie schon immer ein Herz gehabt hatte, was für wunderschöne Kleider sie nähen konnte. Schon immer hatte sie besonders weiche, seidige Stoffe geliebt, und als ich noch klein gewesen war, hatte sie sonntags auf dem Heimweg von der Kirche immer vor dem Laden des Tuchhändlers haltgemacht und sich an den Blumenmustern, den Punkten und Streifen der Seidenstoffe kaum sattsehen können. Auf dem ganzen Nachhauseweg hatte ihr Gesicht so einen verträumten Ausdruck beibehalten. Danach hatte sie mir und meinem Vater jedes Mal ein köstliches Sonntagsessen zubereitet, aber immer noch mit diesem Ausdruck im Gesicht, als wäre sie eigentlich ganz weit weg. Bestimmt hatte sie sich gerade vorgestellt, wie sich die Stoffe, die sie im Schaufenster des Tuchhändlers gesehen hatte, in etwas Magisches verwandeln ließen.
Nachdem mein Vater uns dann verlassen hatte, lag es eigentlich auf der Hand, dass meine Mutter sich an die Arbeit machte und anfing, zu nähen. Maman und ich hatten unseren kleinen Hof in der Normandie verlassen müssen, weil wir es uns nicht mehr leisten konnten, dort zu leben, und weil mein Vater den Betrieb ohnehin zugrunde gewirtschaftet hatte. Also entschied sich meine Mutter für einen Umzug nach Saint-Germain-en-Laye. Schon bald kamen die ersten Kundinnen, dann kamen immer mehr und noch mehr, und aus meiner Mutter, der Ehefrau, wurde die Besitzerin einer kleinen Schneiderwerkstatt. Das passte zu ihr, und es gefiel ihr.
Maman und ich sind nie übertrieben liebevoll miteinander umgegangen, schon gar nicht in der Öffentlichkeit, aber wir verstanden einander. Sie war immer für mich da und umgekehrt auch. Maman war einverstanden mit meinem Plan, die Universität zu besuchen, und stand voll und ganz hinter meiner Entscheidung, nach Paris zu ziehen und mir dort in einem Hotel einen Job als Hausmädchen zu suchen, um meinen Lebensunterhalt selbst verdienen zu können. Am ehesten einer Liebeserklärung gleich kam wohl der Zettel, den mir Maman eines Abends unter der Tür hindurchschob und auf dem sie mir mitteilte, wie stolz sie auf mich sei. Da hatte ich mein letztes Schuljahr gerade so gut abgeschlossen, dass ich einen Studienplatz an der Sorbonne erhielt. Das war 1939.
Diesen Zettel bewahre ich bis heute in meinem Nachttisch auf.
Ich schreibe meiner Mutter jede Woche, seit ich mit der Arbeit im Ritz begonnen habe. Aber sie antwortet mir nie. Anfangs dachte ich mir noch nichts dabei, meine Mutter war eben manchmal ein wenig schrullig. Ich stellte mir vor, wie sie sich fragte, warum wir uns die Mühe machen sollten, einander zu schreiben, wenn es doch gar nichts Interessantes zu berichten gab.
In den ersten Monaten machte ich mir über ihr Schweigen also noch keine Sorgen. Meine Mutter gehörte nicht zu den Menschen, die um Vergangenes trauern oder sich danach sehnen. So war sie nicht. Aber inzwischen gleicht dieses Schweigen einer Schlucht in den Bergen, die von Tag zu Tag tiefer wird, und ich habe keine Ahnung, was da wirklich los ist.
Frank faltet seine Papiere zusammen und schaut auf die Uhr. »Ich muss los, die Codes weitergeben. Schreib deiner Mutter weiter deine Briefe, Louise. Ich werde versuchen, mit meinen Verbindungsleuten in ihrer Gegend Kontakt aufzunehmen und nachzufragen, wie es ihr geht.«
Ich nicke.
Frank hält mir die Tür auf. Ich husche durch die leere, stille Bar und verschwinde hinter der doppelten Glastür, die zum Angestelltenbereich des Hotels führt. Hier, in den hinteren Fluren und Treppenhäusern, kann ich mich so unauffällig bewegen wie eine Maus. Ich kenne jede Ecke, jeden Winkel. Und dort, in den Schatten, fühle ich mich wirklich sicher.
Kaum zwei Stunden später richte ich meine Schürze für den Dienst beim Frühstück, als es leise an meine Zimmertür klopft. Ich erstarre. Aus meinem Radio dringt gerade die Stimme von Billie Holiday mit ihrem Song I’ll Be Seeing You, und ich warte erst einmal ab. Ich höre gern vor dem Frühstück ein wenig Billie Holiday. Eigentlich finde ich, jeder sollte das einmal ausprobieren, es tut einem richtig gut.
Vielleicht habe ich mir das Klopfen auch nur eingebildet. Aber nein, jetzt klopft es noch einmal. In einem eindeutigen Rhythmus: dreimal klopfen, Pause, viermal klopfen.
Ich verhalte mich weiterhin ruhig. Wir Hausmädchen haben strikte Anweisung, nicht zu reagieren, wenn jemand an unsere Tür klopft, es sei denn, dort klopfte Juliette, unsere Vorgesetzte. Wer von den Bewohnern des Hotels kein Nazi ist, arbeitet im Untergrund, und wer nicht im Untergrund ist, ist ein Kollaborateur. Im Ritz reagiert aufs Klopfen an der Zimmertür nur, wer ein Narr ist.
Eigentlich, unter normalen Umständen, hätte kein Gast Interesse daran oder einen Grund dafür haben können, an die Zimmertür eines einfachen Hausmädchens zu klopfen. Unter normalen Umständen wäre ein Gast in diesem großen Haus gar nicht in der Lage, die Zimmer der Angestellten auch nur zu finden. Aber wir leben nicht unter normalen Umständen, und das Ritz ist nicht einfach nur ein großes Hotel. Das Ritz gehört Schweizern und ist damit offiziell neutral, nur sieht das in der Realität anders aus. In der Realität ist hier jeder mit der einen oder der anderen Seite verbunden und manchmal auch mit beiden.
Als ich durch die Tür die Stimme meiner Vorgesetzten Juliette höre, bin ich erst einmal erleichtert. Ich gehe hinüber zu meinem Radio und stelle die Musik ab. Es wird ganz still im Zimmer, alles wirkt wie unter einer weißen Farbschicht. Ich zupfe noch einmal an meiner schwarzen Uniform, prüfe, ob meine Schürze auch wirklich blütenrein ist und mein dichtes blondes Haar fest unter der Haube steckt. Obwohl ich weiß, dass Juliette draußen vor der Tür steht, hat sich inzwischen Gänsehaut auf meinen Armen gebildet, und in meinem Magen spielen sich seltsame Dinge ab.
»Louise?«, ruft Juliette noch einmal, diesmal lauter und energischer.
Ich hole tief Luft, strecke die Hand nach dem angelaufenen Messingtürgriff aus und öffne mit gesenktem Kopf. Lautlos wie Seidenstoff, der durch die Finger gleitet, schwingt die Tür auf.
»Für eine Jazz-Liebhaberin hätte ich dich nun wirklich nicht gehalten, Louise«, sagt Juliette, statt mich zu grüßen. »Ich verlange, dass du mit deinem Radio vorsichtiger umgehst, es gibt schließlich Regeln.«
Genau, es gibt Regeln. Die Nazis schreiben uns vor, was wir hören dürfen und was nicht. Der Sender Yankee Doodle, den ich gerade gehört habe, ist streng verboten, und Jazz gilt als entartet. Wäre Juliette ein paar Minuten früher aufgetaucht, hätte sie auch noch die Zigarette mitbekommen können, die ich mir jeden Morgen gönne. Dabei öffne ich immer das Dachfenster meines kleinen Zimmers und beuge mich hinaus, um den Menschen auf der Rue Cambon zuzusehen. Es wird ein heißer Tag werden, die Atmosphäre draußen ist jetzt schon drückend, die Luft in meinem Zimmer stickig.
Als ich meine Vorgesetzte jetzt ansehe, ist ihr Blick schwer zu deuten. Dann weiten sich ihre Lippen zu einem entschlossenen Lächeln, und um ihre Augen tauchen ein paar Fältchen auf, als gebe es da einen Witz, der mir entgangen ist. Fast sieht sie aus wie eine Katze, die gerade eine Maus gefangen hat.
Dann faltet sie die Hände mit den rot lackierten Fingernägeln vor dem hellblauen Kostüm, das sie heute trägt, und tritt beiseite.
Hinter Juliette steht eine junge Frau. Sie trägt das lange blonde Haar im Nacken zusammengefasst, und ihre blauen Augen schimmern so klar und leuchtend, wie ich es in den letzten vier Jahren bei den Menschen in Frankreich kaum gesehen habe. Dazu der gesunde rosa Schimmer ihrer Haut – das sagt alles.
Nazi.
Ich verschränke die Arme vor der Brust. Was für eine Horrorgeschichte soll das jetzt werden?
»Ich möchte dir Sasha Hoffmann vorstellen«, sagt Juliette, woraufhin die Deutsche und ich uns anstarren.
Ich kneife die Augen zusammen, aber feige ist sie nicht: Sie lächelt mir zu.
»Du wirst ab jetzt dein Zimmer mit Fräulein Hoffmann teilen, Louise«, fährt Juliette fort. »Bitte sorge dafür, dass sie sich wohlfühlt.«
Meine Hände ballen sich von ganz allein zu Fäusten, und ich könnte dringend noch eine Zigarette gebrauchen. In meinem Zimmer stehen zwei einzelne Betten, aber das zweite ist seit meinem Einzug leer geblieben. Ich bin gern allein, ich brauche diesen Freiraum. Wie sonst könnte ich mich morgens um fünf runter in die Bar schleichen, um mich mit Frank und Jean-Paul zu treffen? Ich kann mir das Zimmer nicht teilen.
»Das ist unmöglich!«, sage ich.
Juliette läuft vor Wut rot an, wie kann ich es wagen! Das lässt mich kalt, ich habe schon vor Langem aufgegeben, andere um jeden Preis zufriedenstellen zu wollen. Das war einmal, das habe ich lange und hart genug versucht, in der Schule und auch bei uns zu Hause, als mein Vater noch bei uns lebte. Es hat mir nichts gebracht, er hat uns trotzdem verlassen. Mittlerweile gebe ich mir in dieser Hinsicht keine Mühe mehr.
»Nenn mich einfach Sasha«, sagt das Mädchen.
Ich werfe ihr einen verächtlichen Blick zu. Wir alle kennen die Tricks, mit denen die Nazis einem weismachen wollen, wir könnten ihnen vertrauen. Tricks, die uns in ihr dunkles Labyrinth aus Lügen locken sollen und dann nach Deutschland, wo der Tod auf uns wartet.
In den blauen Augen des Mädchens blitzt etwas auf, und sie lächelt schon wieder. Ein bezauberndes Lächeln, bei denen zwei Reihen perlweißer Zähne zum Vorschein kommen und das die feinen Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken und oben auf den Wangen noch betont. Unwillkürlich erinnere ich mich daran, wie lange ich versucht habe, meine eigenen Sommersprossen mithilfe von Zitronensaft loszuwerden.
»Das wird nicht gut gehen«, sage ich mit fester Stimme.
»Der Befehl kommt von oben.« Juliette nickt mir kurz zu. Sie trägt das dunkle Haar in einem französischen Knoten und umklammert mit der Rechten die Kette aus falschen Perlen, die sie zu ihrem Kostüm trägt. In Modefragen richtet sich Juliette nach Chanel und deren Vorliebe für Modeschmuck. Weiß sie eigentlich, was Chanel in diesem Hotel so alles treibt?
Langsam wird mir etwas schlecht. Soll ich etwa überwacht werden? Gut möglich. Was bedeutet, dass nicht nur ich gefährdet bin, Frank, Claude, Blanche und Jean-Paul sind es wahrscheinlich ebenso. Das kann ich nicht zulassen. Ich darf diese Menschen nicht verlieren, sie sind alles, was ich habe.
»Sasha ist als Assistentin von Carl-Heinrich von Stülpnagel bei uns, dem Militärbefehlshaber des besetzten Frankreichs«, erklärt Juliette.
»Ich weiß, wer das ist, das müssen Sie mir nicht extra noch sagen.« Ich mustere Juliette mit undurchdringlichem Blick, schlinge dabei allerdings die Arme um meine Taille, als müsste ich mich selbst umarmen.
Juliette schenkt meiner unhöflichen Antwort keine Beachtung. »Ich lasse euch zwei jetzt allein, damit ihr euch miteinander bekannt machen könnt«, sagt sie. »Sobald Sasha ausgepackt hat, zeigst du ihr, wo es Frühstück gibt.« Juliette erteilt gern Befehle, und jedes Mal hört es sich so an, als handele es sich um die Reinigung der kaiserlichen Suite.
Sie macht auf dem Absatz kehrt und verschwindet.
Draußen auf dem leeren Flur herrscht eine unheimliche Stille, die nur durch Juliettes Schritte gebrochen wird. Alle, die hier wohnen, sind unten beim Frühstück. Ich selbst gehe gern erst ganz zum Schluss runter, esse schnell und halte mich nicht weiter auf. Die anderen Mädchen plaudern gern über die großen Familien, die sie zu Hause zurückgelassen haben, das hasse ich. In solche Unterhaltungen mag ich nicht hineingezogen werden, weil ich da nicht mithalten kann. Mein Leben besteht aus Schweigen, was sowieso niemand verstehen kann.
Ganz egal, wie ich mich fühle: Die Zeit vergeht auch ohne mich, und schon steht dieses deutsche Mädchen mitten in meinem Zimmer. Sie legt ihren schicken braunen Koffer mit den blanken Messingbeschlägen auf das zweite Bett, lässt den Verschluss klicken, und der Deckel springt auf. Wirklich sehr effizient.
Ich verziehe angewidert das Gesicht: Der Koffer wirkt eindeutig teuer und zeigt wieder einmal, wie gern die Nazis vor den Bewohnern von Paris angeben. Und das jetzt bereits seit vier Jahren. Außerhalb der Mauern dieses Hotels leiden die Bürger der Stadt in ihren eiskalten Häusern unter bitterem Hunger.
Die Nazis behandeln Paris wie ihre ganz persönliche Spielwiese. Seit sie diesen Teil von Frankreich besetzt haben, kommen Tag für Tag ganze Zugladungen deutscher Offiziere direkt aus Berlin, um sich in der schönsten Stadt der Welt zu amüsieren. Es dauerte damals nur wenige Tage, bis sie das berühmteste Hotel der Stadt beschlagnahmt hatten.
Sasha setzt sich neben ihren schicken Koffer auf das Bett, schlägt die Beine übereinander, öffnet ihre Handtasche und holt eine Zigarette heraus. Sie zündet sie an, nimmt einen Zug, mustert mich durch den Qualm, der aus ihrem Mund dringt, schließt dann einen Moment lang die Augen und lässt den Kopf in den Nacken fallen.
Ich stoße ein trockenes Lachen aus.
»Was ist so witzig?«, fragt sie. Sie spricht Französisch.
Muss sie auch, ich werde ihr gegenüber auf keinen Fall durchblicken lassen, dass ich Deutsch verstehe.
»Nichts.« Ich schüttele kurz und entschieden den Kopf.
Daraufhin schlägt sie ihre wirklich außergewöhnlichen blauen Augen auf und kneift sie dann zusammen, bis nur noch die Pupillen wie zwei Saphire durch den Rauch schimmern.
Damit kann sie mich nicht beeindrucken.
»Ich liebe Billie Holiday«, erklärt sie. »Nur für den Fall, dass du es wissen willst.«
Ich mache auf dem Absatz kehrt und gehe zur Tür. »Es interessiert mich nicht.«
Aber draußen, während meine schnellen Schritte auf den blanken Dielenbrettern des Flurs widerhallen, wo die Zimmer der weiblichen Hotelangestellten liegen, wird mir eine Sache siedend heiß klar: Ich werde mich nie wieder richtig entspannen können. Nicht im Schlaf, nicht beim Essen, nicht beim Saubermachen in den Zimmern hochrangiger Nazis und schon gar nicht, wenn ich mich runter in Franks Bar schleiche. Mein nächster Gedanke sorgt dafür, dass mir vollends übel wird: Vielleicht sollte ich aufhören, mit Frank und den anderen zusammenzuarbeiten. Solange unsere Leben auf dem Spiel stehen, darf ich Sasha auf keinen Fall misstrauisch machen, darf ihr keine Gelegenheit geben, sich zu fragen, was ich eigentlich alles so treibe.
Inzwischen geht Sasha an meiner Seite durch den Flur, ich höre ihre Schritte neben mir. Da wird mir klar, dass sich Blanche Auzello nie und nimmer einschüchtern lassen würde. Ich denke an das Leuchten in Blanches Augen, an die Art, wie sie sämtliche Anwesenden in ihren Bann schlägt, sobald sie ein Zimmer betritt, bis sie alle um ihre juwelengeschmückten Finger wickeln kann. Einmal, habe ich sagen hören, hat sie sich als deutsche Krankenschwester verkleidet, um einen schwer verletzten englischen Bordschützen durch Paris zu begleiten und ihm auf ein Boot auf der Seine zu helfen. Nein, mit Feigheit und Furcht werden wir dieser Besatzung nicht Herr werden, und wir im Ritz haben genauso eine Rolle zu spielen wie alle anderen. Nur, dass wir die Nazis direkt im Haus haben. Und jetzt wohl auch noch in unseren Schlafzimmern.
Als wir bei den beiden weiß gestrichenen Türen ankommen, die in die Küche führen, ins Herz des Widerstands im Hotel, bleibe ich stehen. Ich bringe eine Viper!
Mein Zögern währt nur kurz. Ich stoße die Tür weit auf und führe Sasha in den Speisesaal der Angestellten, wo alle bereits sitzen, Kaffee trinken und frisch gebackenes weißes Brot mit Marmelade essen. Ein Luxus, den man sich im hungrigen Paris außerhalb dieses vergoldeten Käfigs voller Schuldgefühle gar nicht mehr vorstellen kann. Mir kommt es so vor, als würde ich auf hauchdünner Luft laufen, während sich mein Magen in einen Eisblock der Entschlossenheit verwandelt hat.
Am langen Tisch im Speisezimmer der Angestellten sitzen Frank und Claude und unterhalten sich miteinander.
Ich wähle einen freien Platz zwischen einem anderen Hausmädchen und einem Pagen absichtlich so, dass sich Sasha nicht neben mich setzen kann.
Als ich mir Kaffee einschenke, sehe ich Frank, der mich von seinem Platz am oberen Tischende aus beobachtet.
Ich hebe meine Tasse und nicke ihm unauffällig zu.
Sein Blick wandert weiter zu Sasha, die an der gegenüberliegenden Tischseite einen Platz gefunden hat und der nun keine meiner Bewegungen entgehen dürfte. Frank wird ein wenig blass, als er sie sieht.
