Thin Air - Kellie M. Parker - E-Book
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Thin Air E-Book

Kellie M. Parker

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Beschreibung

Ein fesselnder Psychothriller ab 14 Jahren, der gekonnt mit den Erwartungen der Leser*innen spielt – atemberaubendes Locked-Room-Szenario, spannend bis zur letzten Seite! Emily bekommt die Chance ihres Lebens: Sie darf in Europa an einem Wettbewerb um ein begehrtes Uni-Stipendium teilnehmen – für sie die Gelegenheit, der Armut zu entkommen. Doch von dem Moment an, in dem Emily und die anderen elf Teilnehmenden ins Privatflugzeug steigen, ist klar, dass einer unter ihnen für den Sieg alles tun würde. Während Emily noch versucht, den flirtenden Freund ihrer besten Freundin im Blick zu behalten und ihre eigenen dunklen Geheimnisse zu verbergen, gibt es den ersten Toten im Flugzeug … In 10.000 Meter Höhe muss Emily herausfinden, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Denn sie könnte die Nächste sein. Ein wahrer Pageturner voller Spannung, Intrigen und unerwarteten Wendungen: Perfekt für alle Fans von One of Us Is Lying oder A Good Girl's Guide to Murder 

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Seitenzahl: 443

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Kellie M. Parker

Thin Air

8 Stunden. 12 Passagiere. Wer wird überleben?

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Maren Illinger

 

Unverkäufliches und unkorrigiertes Leseexemplar zu

ISBN 978-3-7373-4363-3, ca. 15,90 Euro (Klappenbroschur)

ISBN 978-3-7336-0614-5, ca. 13,99 Euro (E-Book)

Voraussichtlicher Erscheinungstermin: 26. Juni 2024

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Über dieses Buch

 

 

Und raus bist du

Emily bekommt die Chance ihres Lebens: Sie darf in Europa an einem Wettbewerb um ein begehrtes Uni-Stipendium teilnehmen – für sie die Gelegenheit, der Armut zu entkommen.

Doch von dem Moment an, in dem Emily und die anderen elf Teilnehmenden ins Privatflugzeug steigen, ist klar, dass einer unter ihnen für den Sieg alles tun würde. Während Emily noch versucht, den flirtenden Freund ihrer besten Freundin im Blick zu behalten und ihre eigenen dunklen Geheimnisse zu verbergen, gibt es den ersten Toten im Flugzeug …

In 10.000 Meter Höhe muss Emily herausfinden, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Denn sie könnte die Nächste sein.

Ein fesselnder Psychotrhiller in schwindelerregender Höhe!

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de/kinderbuch-jugendbuch

Biografie

 

 

Kellie M. Parker studierte Biologie und Nautische Archäologie, aber ihren Abenteuersinn hat sie schon immer am liebsten mit einer guten Geschichte befriedigt. Sie schreibt YA-Fantasy und Thriller und wurde dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. »Thin Air« ist ihre erste Veröffentlichung in deutscher Sprache. Kellie M. Parker lebt mit ihrer Familie in West-Michigan, USA.

Inhalt

Meinen vier klugen, [...]

1MAYDAY, MAYDAY, MAYDAY

22. Juni, 00:06 Uhr Central Daylight Time, sieben Stunden nach dem Start

2LETZTER AUFRUF ZUM BOARDING

Acht Stunden vorher, 21. Juni, 16:04 Uhr CDT

3HANDGEPÄCK

17:11 Uhr CDT

4MÖGEN DIE SPIELE BEGINNEN

17:54 Uhr CDT

5GUTEN APPETIT

17:58 Uhr CDT

6BITTE ANSCHNALLEN

18:37 Uhr CDT

7DAS ERSTE SPIEL

19:03 Uhr CDT

8TURBULENZEN VORAUS

19:19 Uhr CDT

9DAS ZWEITE SPIEL

19:28 CDT

10RASENDER STILLSTAND

19:50 CDT

11SETZEN SIE ZUNÄCHST IHRE EIGENE SAUERSTOFFMASKE AUF

20:35 CDT

12NOTAUSGANG

20:55 Uhr CDT

13ZIEHEN SIE DIE GURTE IHRER SCHWIMMWESTE STRAMM

21:20 Uhr CDT

14FEHLENDE TEILE

21:50 Uhr CDT

15DAS DRITTE SPIEL

22:19 Uhr CDT

16GESTRANDET

22:40 Uhr CDT

17GEGENPROBE UND BERICHT

22:48 Uhr CDT

18SCHWERE GEGENSTÄNDE KÖNNTEN HERUNTERFALLEN

23:07 Uhr CDT

19STANDBY

23:25 Uhr CDT

20OBJEKTE IM SPIEGEL

23:43 Uhr CDT

21BLACK BOX

23:56 Uhr CDT

22BRINGEN SIE IHREN SITZ IN EINE AUFRECHTE POSITION

22. Juni, 00:10 Uhr CDT

23DAS LETZTE SPIEL

00:24 Uhr CDT

24EXIT-STRATEGIE

00:35 Uhr CDT

25LANDEANFLUG

00:44 Uhr CDT

26RACHE IST SÜSS

00:49 Uhr CDT

27TU’S ODER STIRB

00:54 Uhr CDT

28DIE ZEIT LÄUFT AB

01:04 Uhr CDT

29WILLKOMMEN IN PARIS

30. Juni, 14:11 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit

EPILOG

DANK

Meinen vier klugen, witzigen, wunderbaren, bücherliebenden Kindern – Isaiah, Nate, Ella und Luke.

Worte können nicht ausdrücken, wie sehr ich euch liebe.

Buch der Sprüche 3:5–6

1MAYDAY, MAYDAY, MAYDAY

22. Juni, 00:06 Uhr Central Daylight Time, sieben Stunden nach dem Start

Die Kabine ist totenstill bis auf das tiefe, konstante Brummen der Motoren unter den Tragflächen. Wie das Surren einer Wespe zerrt dieses Geräusch an meinen Nerven, die ohnehin schon angespannt sind nach allem, was passiert ist, seit die Flugbegleiterinnen diese schrecklichen Briefe verteilt haben.

Meine Füße sinken in den Teppich, und ich schließe meine zitternden Finger um den schweren gläsernen Briefbeschwerer und hebe ihn geräuschlos vom Tisch. Die Tischplatte ist aus dunklem Walnussholz – mein Vater hatte so einen Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer –, schon etwas hübscher als diese Ausklappdinger aus Plastik. Einen solchen Luxus würde man in einer Flughöhe von zweiundvierzigtausend Fuß eigentlich nicht erwarten, aber dies ist auch kein normaler Transatlantikflug – bei weitem nicht.

Meine langen Haare fallen mir vor die Augen, so dass mein Sichtfeld für einen Moment eingeschränkt ist. Mein Puls rast, und schnell streiche ich die Strähnen zurück. Ich umklammere meine behelfsmäßige Waffe. Die Lichtschienen am Boden und die gedämpfte Beleuchtung über meinem Kopf erzeugen einen sanften gelben Schein in dem ansonsten dunklen Raum. Es wäre gemütlich, wären da nicht die Leichen im Obergeschoss.

Vor dieser Reise hatte ich noch nie eine Leiche gesehen. Vielleicht weil ich im Internat war und die Beerdigungen von Verwandten verpasst habe. Oder weil die zerrütteten Beziehungen meiner Mutter dazu geführt haben, dass wir nie eingeladen wurden.

Man hört immer, wie steif und kalt und wächsern eine Leiche ist, aber niemand spricht über die allerersten Momente, wenn die Haut noch warm ist und es so aussieht, als müsste man die Person nur kräftig schütteln, damit sie verschlafen blinzelt. Aber die Augen verraten es – sie werden glasig und leer. Niemand mehr da.

Bei dem Gedanken schnürt sich meine Kehle zu, und ich schlucke mühsam. Für diejenigen, die wir bereits verloren haben, kann ich nichts mehr tun. Aber vielleicht kann ich die anderen retten. Vielleicht.

Die Bitterkeit des Verrats brennt stärker als die giftige Qualle, die letzten Sommer in Cape Cod ihre Tentakel um mein Bein geschlungen hat. Mein Griff um den Briefbeschwerer lockert sich unwillkürlich, und ich schließe die Finger wieder fester, damit er mir nicht aus der Hand rutscht. Die Beweise sind eindeutig. Ich muss meine Gefühle beiseiteschieben und es durchziehen, für mich und die anderen. Vielleicht ist das meine Strafe, der Moment der Sühne, in dem ich endlich den Preis für meine Fehler zahle.

Vielleicht hat mich der Killer ja deshalb als Sündenbock ausgewählt. Weil ich mich mit Verrat auskenne.

Tränen stechen in meinen Augen. Ich wische sie weg, während ich durch die Schiebetür in den nächsten, schwach erleuchteten Raum gehe. Klobige Polstersessel und Computertische wachsen wie schwarze Gespenster aus dem Boden, bereit, jeden zu verschlucken, der ein Versteck sucht.

Der gläserne Briefbeschwerer ist glatt unter meinen Fingerspitzen, sein Gewicht liegt angenehm schwer in meiner Hand. Waffen sind in Flugzeugen nicht leicht aufzutreiben, nicht einmal in Privatjets. Bei dem Gedanken, jemandem damit auf den Kopf zu schlagen, dreht sich mir der Magen um. Aber ich will ja niemanden töten – nur außer Gefecht setzen.

Ich schaffe es heil durch den Arbeitsbereich und schleiche auf Zehenspitzen an der Tür zur Bordküche und dem Lagerraum auf der anderen Seite des Gangs vorbei. Bilder der letzten Stunden huschen durch meinen Kopf, lassen mich stolpern und zaudern: Lilys rote Haare auf ihrer stumpfen Haut, ihr flacher Atem. Die blauen Flecke an ihrem Hals.

Nein, daran darf ich nicht jetzt denken. Ich konzentriere mich lieber auf ihre letzten Worte, bevor sie wieder bewusstlos wurde: Wir haben uns geirrt.

Am Eingang zum Speisesaal bleibe ich stehen. Jemand hat einige der Jalousien nach oben geschoben, so dass schmale Streifen goldenen Morgenlichts hereinfallen. Der große Tisch, längst abgeräumt nach dem gestrigen Abendessen, schimmert wie ein dunkler See in der Mitte des Raums. Normalerweise würden die Flugbegleiterinnen ihn jetzt sicher fürs Frühstück decken – wenn sie nicht bewusstlos in einem der Personalräume im Obergeschoss lägen.

Ein schattenhafter Körper lehnt an der hinteren Trennwand und blickt mir entgegen. Er richtet sich auf. »Hey«, flüstert er. »Wo sind die anderen?«

Wie kann er mir diese Frage stellen? Denkt er, ich hätte die Leichen nicht gefunden?

Ich deute mit dem Daumen über die Schulter, schlucke den harten Kloß in meinem Hals hinunter und ignoriere das Pochen in meiner Brust.

Wie der Rest des Flugzeugs ist auch dieser Raum lächerlich luxuriös, aber nicht riesig. Es wird nur wenige Sekunden dauern, bis ich bei ihm bin. Und dann …

Meine Finger krampfen sich um den Briefbeschwerer. Jetzt ist nicht der Moment für Zweifel.

2LETZTER AUFRUF ZUM BOARDING

Acht Stunden vorher, 21. Juni, 16:04 Uhr CDT

Tief unten in der Tasche meines marineblauen Schulblazers piept mein Handy – die tausendste Nachricht von Nikki. Ich ignoriere es, nehme meine Umhängetasche vom Boden und lege mir den Gurt über die Schulter. Wir fliegen mit einem Privatjet, aber die Uhr über dem Gate zeigt, dass wir schon zehn Minuten Verspätung haben. Bestimmt werden sie uns jeden Moment zum Einsteigen auffordern.

Ich habe durchgezählt, alle zwölf von uns sind hier. Je eine Schülerin und ein Schüler von insgesamt sechs privaten Internaten aus verschiedenen Teilen der USA. Unsere karierten Uniformen wirken fehl am Platz, als wäre mitten zwischen den Plastiksitzen des Terminals eine Schottenrockfabrik explodiert. Wir sind mit verschiedenen Flügen aus unseren jeweiligen Landesteilen hierher nach Chicago O’Hare gekommen. Das letzte Duo ist vor vierzig Minuten eingetroffen.

Wahrscheinlich sollte ich die Zeit nutzen, um mir einen Überblick über meine Konkurrenten zu verschaffen, aber als die dunkelhaarige Flugbegleiterin hinter dem Schalter nach ihrem Telefon greift, um einen Anruf zu tätigen, gebe ich nach und krame mein Handy heraus. Ich wische über den Sperrbildschirm mit dem Bild von Nikki und mir.

Sie sieht aus wie ein Model, mit ihren Haaren, die ihr in lässigen Wellen bis zur Taille reichen, ihren großen Augen, die ein paar Nuancen blauer sind als meine meergrünen, und ihrer makellosen Haut. Sie hat einen Arm um meine Schultern gelegt und drückt mein schnurgerades erdbeerblondes Haar platt. Mit den unübersehbaren Sommersprossen auf der Nase wirke ich eher wie Nikkis Wohltätigkeitsprojekt als wie ihre beste Freundin seit Kindertagen. Manchmal frage ich mich, ob ich nur aufgrund meiner Freundschaft mit ihr so beliebt bin.

Hast du schon mit einem heißen Typen geredet?

Trotz der Nervosität, die meine Knie wie einen Presslufthammer zittern lassen, stiehlt sich ein Lächeln auf meine Lippen. War ja klar, dass das die dringendste Frage meiner besten Freundin ist. Der andere Kandidat von meiner Schule, Dylan, beugt sich über die graue Armlehne zwischen uns und linst über meine Schulter.

»Hast du – mit mir!«, sagt er und zwinkert mir mit seinen nussbraunen Augen hinter der Metallbrille zu.

»Du warst wohl eher nicht gemeint.«

Er ist so nah, dass seine Schulter gegen meine drückt und ich sein nach Meer duftendes Eau de Cologne rieche, den gleichen sauberen Duft, den ich schon den ganzen Tag in der Nase habe, seit wir heute früh in Hartford aufgebrochen sind. Nur jahrelanges Training hält mich davon ab, ihm zu gestehen, dass ich seit der siebten Klasse in ihn verknallt bin.

Und die Tatsache, dass er Nikkis Freund ist.

Bevor ich eine Antwort schreiben kann, schnappt Dylan mir das Handy aus der Hand und tippt:

OMG, ein superscharfer Typ sitzt direkt neben mir!

Und eine Reihe von Kuss-Emojis.

»Dylan, gib mir mein Handy!«, rufe ich. Zu viele Augenpaare schwenken in dem ruhigen Wartebereich in unsere Richtung. Offenbar hat hier sonst niemand ein Privatleben, außer vielleicht das Mädchen von der Lancashire Academy in Philadelphia. Olivia? Ihr leicht gewelltes blondes Haar und ihr makelloser Teint entsprechen dem Profilbild auf dem Lebenslauf, den die Bonhomme-Stiftung verschickt hat – sie ist praktisch Nikkis Klon. Sie verbringt die Wartezeit damit, kichernd auf ihr Handy zu schauen, ab und an zu Dylan zu schielen und mir böse Blicke zuzuwerfen. Gut so. Wenn sie mit ihm beschäftigt ist, wird sie sich nicht so sehr darauf konzentrieren, was sich das Stipendienkomitee der Stiftung für uns ausgedacht hat.

Eine weitere Nachricht von Nikki:

Dylan, gib Em ihr Handy zurück!

Er grinst, schüttelt den Kopf und gibt es mir. »Woher wisst ihr das immer?«

Ich zucke mit den Schultern. »BFFs seit der fünften Klasse. Was erwartest du?«

Das harte Klackern von Absätzen auf Linoleum kündigt die Ankunft einer Flugbegleiterin an, einer Frau mittleren Alters mit einem lila Hosenanzug und blondem Haar, das zu einem adretten Dutt frisiert ist. Sie wechselt ein paar Worte mit der Frau am Gate, dann geht sie die Rampe hinunter zum Flugzeug.

Die Mitarbeiterin am Schalter greift nach dem Mikrophon. »Ladys und Gentlemen, ich danke Ihnen für die Geduld. Wir beginnen jetzt mit dem Boarding für den Privatflug der Bonhomme-Stiftung nach Paris. Bitte halten Sie Ihre Pässe und Bordkarten bereit.«

Auf diese Ankündigung warte ich schon seit zwei Stunden, trotzdem wird mein Mund jetzt trocken. Vermutlich, weil meine Zukunft von dieser Reise abhängt.

Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass man sich um einen Preis bewirbt, der einem ein Studium an einer Elite-Uni, die Arbeit als Jugendbotschafterin für eine gemeinnützige Organisation und ein Mentoring-Programm nach dem Studium ermöglicht, ganz zu schweigen von der Reise nach Europa zu diesem Wettbewerb. Dass ich dadurch einen Teil der Sommerferien zu Hause verpasse, ist ein zusätzlicher Pluspunkt, da ich genau genommen im Moment gar kein Zuhause habe.

Noch ein Geheimnis, das ich für mich behalten habe.

Zwei Wochen in einem schicken Hotel in Paris klingen jedenfalls sehr viel verlockender als das Leben im Subaru meiner Mom. Mein Nacken wird heiß. Nicht einmal Nikki weiß, wie schlecht es um uns steht.

Glücklicherweise garantiert mein bedarfsabhängiges Stipendium für Exeter, dass ich im Herbst nicht mehr obdachlos bin, wenn ich den Sommer überstehe. Meine Mom hat immer behauptet, die Zeit im Internat würde die beste Zeit meiner Jugend sein – wobei sie aus eigener Erfahrung spricht. Sie wird ganz trübsinnig, wenn sie von ihrem alten Internat Windsor-Dalton erzählt, als wäre das Einzige, was sie sich wünscht, eine Zeitreise zurück, um ihre vier Jahre an der Highschool noch einmal zu erleben. Dad hat allerdings mehrmals angedeutet, dass das Leben dort nicht nur aus Rosen und Abschlussbällen bestand. Tja, hätte sie sich damals mehr um ihre Noten und weniger um ihr Vergnügen gekümmert, müssten wir jetzt vielleicht nicht in einem Auto leben.

»Na endlich.« Dylan erhebt sich. »Auf geht’s.«

Ich lasse mir noch einen Moment Zeit, um eine letzte Nachricht an Nikki zu tippen und mich zu sammeln.

Wir steigen jetzt ein. Schreibe dir später.

O.K. Kümmer dich gut um Dylan. Hab dich lieb.

Ihre Antwort kommt so schnell, dass ich regelrecht vor mir sehe, wie sie mit dem Handy auf dem Bett liegt und nichts Besseres zu tun hat, als mit uns mitzufiebern.

Schuldgefühle steigen in mir auf und mischen sich mit der Angst, die an meinen ohnehin schon gespannten Nerven zerrt. Gegen dieses Gefühl kämpfe ich an, seit die Stipendienkandidaten bekannt gegeben wurden. Nikki sollte selbst hier sein, um auf ihren Freund aufzupassen. Aber dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass sie diese Gelegenheit gar nicht braucht. Ihre Familie hat genug Geld.

Ich dich auch.

Es dauert zwar einen Moment, aber ich öffne meine Mail-App und schicke Mom eine kurze Nachricht, um ihr Bescheid zu geben, dass wir jetzt ins Flugzeug steigen. Eine SMS ginge zwar schneller, aber sie hat ihren Handyvertrag gekündigt, um Geld zu sparen, nachdem unser Haus zwangsversteigert wurde. Es wäre sicher gut gewesen, auch meinen Vertrag zu kündigen, aber sie meinte, sie hätte schon genug Stress, ohne sich um mich sorgen zu müssen. Wie an den meisten Tagen ist sie wahrscheinlich in der öffentlichen Bibliothek und sucht an einem der Computerarbeitsplätze nach Jobs. Sie sucht schon seit sechs Monaten, ohne Erfolg, aber sie tut ihr Bestes. Es ist nicht leicht, wenn man in seinen Lebenslauf nicht mehr schreiben kann als: »Highschool, Cheerleaderin, geschiedene Hausfrau und gescheiterte MLM-Direktvertriebsunternehmerin«.

Die Schachteln mit den hässlichen, dehnbaren Leggings waren haltbarer als unsere Möbel, was durchaus stimmig ist, wenn man bedenkt, dass sie mehr gekostet haben als unsere Möbel. Sie hat tatsächlich geweint, als sie sie bei den armen, ahnungslosen Mitarbeitern des Secondhandladens abladen musste.

Sie hätte meinen Dad in die Pflicht nehmen sollen, als er vor zwei Jahren die Unterhaltszahlungen einstellte, aber damals wollte sie einfach nur den Kontakt zu ihm beenden. Ich kann es ihr nicht verübeln. Es gibt wohl keinen besseren Weg, seiner Familie – seiner Tochter – zu sagen, dass sie ihm egal ist, als ihr die finanzielle Unterstützung zu verweigern. Er hat uns verlassen, als ich in die fünfte Klasse kam, in dem Jahr, als ich in Exeter anfing, als wäre ich das Einzige gewesen, was ihn noch mit Mom verband, und da ihre Scheidung »einvernehmlich« war, verzichtete sie auf gerichtlich angeordnete Zahlungen. Die ersten Jahre sah ich ihn noch oft, bis Mom ihn mit ihren horrenden Ausgaben so wütend machte, dass er einfach verschwand – Geburtstagskarten, Unterhaltszahlungen, alles. Anfangs sagte ich mehrmals, sie solle ihre Schwester oder meine Grandma um Hilfe bitten, aber sie wurde dann immer ganz still und verkniffen, also ließ ich es irgendwann bleiben. Und Dad … ist nur noch eine ferne Erinnerung.

Als ich vom Handy aufschaue, ist Dylan schon in der Mitte der Schlange, die sich vor der Einstiegsrampe bildet. Ich stecke das Handy ein und stehe auf, als mir einfällt, dass meine Bordkarte noch in meiner Tasche ist. Bei dem Versuch, sie im Gehen herauszufischen, stoße ich prompt mit einem meiner Mitreisenden zusammen.

»Ups, sorry«, murmele ich in einen dunkelroten Wollblazer hinein. Mein Blick wandert nach oben, vorbei an einem eingestickten grauen Wappen, zum Gesicht des Besitzers, einige Zentimeter über meinem eigenen. Hellblaue Augen unter zerzausten dunklen Haaren füllen mein Blickfeld, während mein Gehirn die Liste der Teilnehmer durchrattert. Mir fällt keiner ein – wie soll ich klar denken, wenn er mich so angrinst?

»Kein Problem. Ich bin Liam.« Er tippt auf das Wappen an seinem Blazer. »Scoatney.« Als würde das alles erklären, was ich wissen muss.

»Em … Emily.« Ich stolpere über meinen Namen. Na super, Em. So beeindruckst du die Konkurrenz. »Aus Exeter. Connecticut. Ich habe gerade die elfte Klasse abgeschlossen.« Meine Hände fuchteln herum, als würde jemand die Strippen ziehen. »Das ist meine erste Reise ins Ausland, abgesehen von einem Trip nach Prince Edward Island, als ich klein war.« O Gott, jetzt labere ich ihn auch noch voll. Warum sollte ihn das interessieren?

»Cool. So weit im Norden war ich noch nie.« Er deutet auf einen Fernseher im Gang, wo die Red Sox gegen die Yankees in Fenway Park spielen. Ich hatte ganz vergessen, dass das Spiel heute ist. »Tut mir leid, dass ich im Weg gestanden habe« – er lächelt entschuldigend –, »ich habe das Spiel verfolgt.«

Um mich zu beruhigen, schaue ich ebenfalls zum Fernseher. Der dritte Baseman der Sox fängt einen Grounder und führt einen hervorragenden Wurf zur ersten Base aus, so dass es zum Double Play kommt. Unwillkürlich balle ich triumphierend die Faust. »Hast du das gesehen?!«

Ein verwirrtes Grinsen huscht über sein Gesicht, und er weicht ein Stück zurück, als wäre ich ansteckend. »O nein. Sag nicht, du bist Red-Sox-Fan!«

»Ich bin aus Connecticut.« Ich werfe die Hände in die Luft. »Was denkst du denn?«

»Ich denke, dass die Red Sox ein Haufen Loser sind und du deine Lebensentscheidungen noch bedauern wirst!« Harte Worte, aber sein Lächeln ist, ehrlich gesagt, hinreißend. Und ausnahmsweise ist Nikki nicht da, um mir die Show zu stehlen. Oder um zu sagen, wie langweilig Baseball ist.

»Pff.« Ich schüttle den Kopf. »Warum bist du für die Yankees? Ist Scoatney nicht auf der anderen Seite des Landes?«

»Seattle.« Seine Augen blitzen amüsiert über meinen offensichtlichen Mangel an Geographiekenntnissen.

Aber woher soll ich wissen, wo die ganzen anderen Schulen liegen? Ich war vielleicht mal eine Einser-Schülerin, aber das war, bevor meine Familie wie ein instabiler Wolkenkratzer in sich zusammenfiel.

»Meine Familie lebt in New York«, erklärt er. Während er redet, holt der nächste Yankee zum Schlag aus und schlägt einen Fastball. Wir stehen beide da und sehen zu, wie der Ball ins linke Feld segelt und das Green Monster überquert. Homerun.

Liams Lächeln bewegt sich an der Grenze zwischen Selbstgefälligkeit und Mitleid. »Und außerdem, warum sollte ich nicht für das beste Team sein?«

Mein Mund öffnet sich, aber mein Gehirn lässt mich völlig im Stich. Wo ist die schlagfertige Erwiderung? Die witzige Replik? Warum kann ich nur mit offenem Mund dastehen und diesen gutaussehenden Typen anstarren, der gerade an meiner Baseball-Ehre gekratzt hat?

»Em, komm schon!« Dylan – Gott segne ihn – winkt mich zu sich.

Ich hebe meine Bordkarte und zwinge meine glühenden Wangen zu einem Lächeln. »Ich sollte mich wohl mal anstellen. War nett, dich kennenzulernen.«

Seine Hand streicht kurz über meinen Rücken, während er mir mit der anderen Hand zu verstehen gibt, dass ich mich vor ihm anstellen soll. »Nach dir, Emily aus Exeter.«

Eine beiläufige Berührung, die nichts bedeutet, aber mein Herz hämmert trotzdem, und ich schaue schnell zu Dylan. Als ich mich wieder umdrehe, ist Liam in ein Gespräch mit Olivia vertieft. Warum ist sie nicht bei ihrem Mitschüler?

Während ich die Menge nach einem weiteren waldgrünen Blazer absuche, stößt mich Dylan mit dem Ellbogen an. »Flirtest du etwa mit dem Feind?«

»Blödsinn.« Ich werfe ihm einen verächtlichen Blick zu. Wenn ich gegen all diese Leute um denselben Preis antrete, ist kein Platz zum Flirten.

Er zieht eine Augenbraue hoch und lässt sein unwiderstehlichstes Grinsen aufblitzen, das normalerweise Nikki vorbehalten ist. Wieder werde ich daran erinnert, warum ich schon so lange in ihn verknallt bin. Aber ich werde es niemals jemandem sagen, in einer Million Jahren nicht – und schon gar nicht ihm. Dieser Traum ist einen langsamen, qualvollen Tod gestorben, als Dylan Nikki in seinem ersten Jahr in Exeter fragte, ob sie mit ihm zum Frühlingsball der Mittelschule gehen wolle. Seitdem sind sie zusammen, wenn auch mit kürzeren Trennungsphasen. Nik glaubt, meine Gefühle für ihn hätten sich in Luft aufgelöst, als wir zwölf waren, und etwas anderes soll sie auch niemals annehmen.

»Gut so«, sagt er. Ich frage mich, ob er auf magische Weise meine Gedanken lesen kann, bis er hinzufügt: »Ich muss doch auf mein Exeter-Mädchen aufpassen.«

Natürlich bin ich nicht sein Mädchen, aber so, wie er es sagt, könnte ich es fast glauben. Ich bin so daran gewöhnt, in Nikkis Schatten zu stehen, dass es seltsam ist, plötzlich der vollen Schlagseite von Dylans Charme ausgesetzt zu sein. Und er hat wirklich eine Menge davon.

Die Schüler vor uns setzen sich in Bewegung. Eine neue Welle der Nervosität durchströmt meinen Körper. Draußen hinter den großen Glasfenstern zieht ein Gewitter auf, als wüsste der Himmel, was auf dem Spiel steht.

Alle stellen sich mehr oder weniger paarweise auf, vollgepackt mit Handtaschen und Rucksäcken. Unsere Koffer haben wir aufgegeben, sie werden direkt nach Paris weitergeleitet. Zwei Schüler aus Waterford, North Carolina, stehen ganz hinten in der Schlange. Das kurze blonde Haar und die kräftige Statur des Jungen schreien förmlich »Football-Spieler!«, und das Mädchen mit dem fröhlichen Lachen und den braunen Locken, die mit einer Schleife zusammengebunden sind, würde sich in jedem Cheerleader-Team gut machen. Sie halten sich an den Händen und schauen sich in die Augen, als würden sie sich nie wiedersehen.

Ein Teil der Anspannung weicht aus meinen Schultern. Wer so verliebt ist, stellt hoffentlich keine große Bedrohung dar.

Vor ihnen steht das Paar von Saint Peter, einer katholischen Schule in San Francisco. Das Mädchen ist die Kleinste von uns allen, hat rote Haare und so viele Sommersprossen, dass sie ein Klon von Anne von Green Gables sein könnte, wäre da nicht ihre sonnengebräunte, bronzefarbene Haut. Der Typ neben ihr ist muskulös, aber weniger massig als der Footballspieler. Für Basketball ist er nicht groß genug, also tippe ich auf Baseball. Vor allem, da er ständig zum Spiel der Red Sox gegen die Yankees hinüberschielt. Er hat dunkle Haare, dichte Augenbrauen und einen anziehenden grüblerischen Blick. Ich frage mich, ob er eine Freundin hat.

Als er aufschaut und meinen Blick bemerkt, verziehen sich seine vollen Lippen zu einem Grinsen. Ich zucke zusammen und wende mich ab, bevor er auf dumme Gedanken kommt. Ich habe keine Zeit, um mich mit Jungs zu beschäftigen, schon gar nicht mit meinen Konkurrenten.

Olivia hat endlich ihren Mitschüler – Simon Walker – gefunden, steht jedoch mit dem Rücken zu ihm. Er hält ein Buch in der Hand, das wie ein Lehrbuch aussieht. Was soll das denn? Nach den vielen Gleichungen zu urteilen, die auf der Seite zu sehen sind, würde ich vermuten … Infinitesimalrechnung? Physik? Ich könnte schon beim bloßen Anschauen Ausschlag bekommen. Na, wenigstens weiß ich jetzt, wer auf dieser Reise das Hirn ist – eine nützliche Information, falls wir Partnerarbeit machen müssen.

Er ist nicht unattraktiv mit seinen dunklen Haaren, der schwarzen Brille und der blassen Haut – eine Art Ich-könnte-sexy-sein-wenn-ich-wollte-Look –, aber er ist eindeutig nicht an Olivia interessiert. Was für sie vermutlich sehr ungewohnt ist.

Mein Blick bleibt an einem dunkelroten Blazer auf dem Gang hängen, wo Leute hin und her eilen, die Taschen und quengelnde Kinder schleppen. Es ist Liam, der etwas von dem abgewetzten Linoleumboden aufhebt. Ein kleiner brauner Lockenkopf ist in der Nähe, und als beide sich aufrichten, kriege ich ein warmes Gefühl im Bauch. Er hat einem kleinen Mädchen geholfen. Liam reicht ihr ihren Rucksack, winkt ihr und ihrer Mom zu und wendet sich wieder zu uns. Ich drehe mich schnell um, bevor er mich beim Rüberstarren erwischt.

Dylan zupft mich am Ärmel, und wir gehen zur Passkontrolle. Die Flugbegleiterin scannt meine Bordkarte, zwitschert »Guten Flug«, und schon stolpere ich die lange, hallende Rampe zum größten Privatjet hinunter, den ich je gesehen habe. Dylans Eltern haben ein Privatflugzeug – einen Gulfstream, glaube ich –, und ich bin schon ein paarmal mit ihm und Nikki damit geflogen, aber der hat nur zwanzig Plätze.

Anders dieses Flugzeug. Triebwerke auf den Flügeln, weißes Äußeres, die Aufschrift BONHOMME-STIFTUNG in riesigen blauen Buchstaben zwischen den zwei Fensterreihen.

Ja, zwei Reihen. Diese Stiftung hat wirklich Geld. Die obere Reihe reicht bis zum Heck, wie beim Flying Palace – diesem Riesenflugzeug, das irgendein stinkreicher Typ im Nahen Osten besitzt.

Am Ende der Rampe steht die blonde Flugbegleiterin, die ich vorhin gesehen habe, neben der offenen Flugzeugtür, nur dass sie jetzt ein zu ihrem Anzug passendes Hütchen und ein goldenes Namensschild mit der Aufschrift JENNIFER O’CONNOR trägt. Ihr Gesicht zeigt ein professionelles Lächeln, und sie weist mit der Hand in Richtung der offenen Tür, als würden wir einen Werbespot drehen.

»Herzlich willkommen«, sagt sie. »Bitte treten Sie ein und wenden Sie sich nach rechts, um nach achtern zu gelangen, also zum Heck.«

Kein Witz – mir fallen fast die Augen aus, als ich über die Schwelle trete. Hinter mir stößt Dylan einen kleinen Schrei aus, der irgendwo zwischen Wer bitte ist so reich? und Wo kriege ich so ein Ding her? liegt.

Wir stehen in einer richtigen Eingangshalle. Dylan, der fast zwei Meter groß ist, muss nicht mal den Kopf einziehen. Und es ist nicht dunkel, eng und plastikartig, wie man es in einem Flugzeug erwartet, sondern aus jedem Winkel fällt Licht auf uns herab. Ein Kristalllüster hängt über einem Sockel, auf dem eine Vase mit frischen Blumen steht. Beinahe überdeckt der Blütenduft den Geruch nach abgestandener Umluft und Kerosin. Neben der Vase steht ein goldener Korb mit cremefarbenen Briefumschlägen. Spiegel säumen die Wände, und jede Oberfläche, die nicht aus Kristall oder Spiegeln besteht, ist vergoldet.

Eine Treppe führt durch den Prunk nach oben in die zweite Etage. Von hier aus lässt sich nicht erkennen, was sich dort oben befindet, aber ich würde vermuten, dass es sich um den Zugang zum Flugdeck handelt. Vielleicht auch Platz für das Personal oder ein Privatbereich für den Geschäftsführer der Stiftung. Ob er auch mitfliegt? Der Gedanke beunruhigt und erregt mich zugleich. Ich habe ihn bisher nur auf dem Video gesehen, das unser Schulleiter uns zur Einführung in den Wettbewerb gezeigt hat, bevor die erste Runde der Qualifikationsprüfungen begann. Sir Robert Hamlin, gebürtiger Brite mit Wohnsitz in Paris, Wohltäter der Menschheit.

Wenn er seine überschüssigen Mittel mit mir teilen will, habe ich keine Einwände.

Am Fuß der Treppe steht eine weitere Flugbegleiterin neben einer offenen Tür, die nach rechts führt. Sie ist jünger als die Blonde, vielleicht Ende zwanzig, mit glänzenden schwarzen Haaren und dunkelbrauner Haut. »Hier entlang, bitte. Geradeaus durch den Unterhaltungssalon und weiter zu den Sitzplätzen.«

Wir durchqueren einen kurzen Gang mit einer Garderobe auf der linken und einer Toilette auf der rechten Seite, und dann stoße ich fast mit dem Jungen vor mir zusammen, der mit offenem Mund im Eingang zum nächsten Abteil steht.

»Sorry«, murmelt er. »Aber das ist echt ein Anblick.« Er ist kleiner als ich, aber süß mit seinen zerzausten dunklen Haaren, seiner braunen Haut und dem breiten Grinsen. Eigentlich sind alle hier ziemlich hübsch. Haben die unser Aussehen berücksichtigt? Schon möglich, da der Gewinner so viele Werbeauftritte für die Stiftung haben wird, oder?

Das muss Amir sein, das Technikgenie und der jüngste Teilnehmer. Noch jemand, der in einem Team von Vorteil sein könnte.

Das Mädchen vor ihm dreht sich um und lächelt uns an, glänzende schwarze Locken fallen über ihre Schultern. Die goldene Brille passt zu ihrer braunen Haut und umrahmt ihre Augen, und ein winziger Diamant funkelt an ihrem linken Nasenflügel. »Ich kann nicht glauben, dass wir wirklich hier sind!«, sagt sie. Sie muss Taylor sein, die Theater und Gesang liebt. Hätte der grau-blaue Schottenrock, der zu Amirs Krawatte passt, sie nicht verraten, so hätte es ihre klangvolle Stimme getan. Ihr lebhaftes und doch geschliffenes Auftreten wird schwer zu übertreffen sein, wenn unsere öffentlichen Reden bewertet werden.

Bis jetzt verliere ich gegen Simon und Amir in Sachen Intelligenz und gegen Taylor hinsichtlich Auftritt und Ausstrahlung. Und dann sind da noch die ganzen Sportler … Wen kann ich überhaupt schlagen? Ein Band legt sich um meine Brust und schnürt sie zusammen.

Hinter mir stößt Dylan einen leisen Pfiff aus. »Sieh dir das an«, murmelt er, so nah, dass er praktisch in mein Ohr atmet. Seine Nähe jagt mir einen Schauer über den Rücken, und ich ziehe schnell den Gurt meiner Tasche stramm. Gehe einen Schritt weiter, um etwas Abstand zwischen uns zu bringen.

Ein riesiger Flachbildfernseher füllt die Kabinenwand neben uns, und der Rest des Raums ist mit geschmackvollen cremefarbenen Sitzmöbeln und hölzernen Beistelltischchen ausgestattet. An der Rückwand hängt ein kleinerer Bildschirm über einem Regal voller Bücher und Brettspiele. Für ein Flugzeug ist es bemerkenswert gemütlich. Deutlich besser als ein Subaru.

Ich durchquere den Raum bis zur gegenüberliegenden Seite, wo eine weitere Trennwand zwei Schiebetüren in den nächsten Bereich verbirgt. Endlich haben wir etwas erreicht, das einem herkömmlichen Flugzeug ähnelt, wenn auch wohl eher in der ersten Klasse. Zwischen den Trennwänden befinden sich drei Reihen mit jeweils sechs Sitzen. Zwei Mittelgänge teilen die Sitze paarweise, und an der Decke warten die Gepäckfächer darauf, unser Handgepäck aufzunehmen.

Eine dritte lila gekleidete Flugbegleiterin mit hellbraunen Haaren bittet uns, einen Sitzplatz zu wählen. Taylor und Amir verstauen ihre Rucksäcke in den Fächern in der Mitte der letzten Reihe.

Ich drehe mich zu Dylan um. »Wo möchtest du …?«

Er zuckt mit den Schultern und zeigt auf die Plätze vor Taylor und Amir. Wir verstauen unsere Taschen und setzen uns. Die Sitze sind bequem. Ein winziger Seufzer entweicht mir, als ich den Kopf zurücklehne und die Augen schließe.

Dylan und ich mussten heute Morgen um sechs Uhr am Flughafen sein – demselben, da wir beide in der Nähe von Hartford wohnen –, um unseren Zubringerflug nach Chicago zu nehmen. Und Mom hat mich schon eine halbe Stunde früher abgesetzt, damit Dylan nicht sieht, wie beladen unser Auto ist. Momentan ist es besonders schlimm, weil das Semester vorbei ist und sie mich vor zwei Wochen aus dem Wohnheim abholen musste. Wenigstens konnte ich ein paar meiner Sachen auf dem Campus lassen. Sonst hätte sie den Kofferraum zuschnüren müssen.

Komischerweise hat mich das meiste, was sie verkaufen musste, ziemlich kalt gelassen. Bis zu dem Tag, an dem sie mir das letzte Bild von meinem Zimmer schickte, meinem rosa-weißen Himmelbett und der passenden Kommode mit den Blümchen auf den Schubladen. Sie verkaufte es einem Vater für seine sechsjährige Tochter – so alt wie ich gewesen war, als Dad mit mir ins Möbelhaus ging, um es auszusuchen. Natürlich war ich längst zu alt für dieses Bett, aber ich brach trotzdem in Tränen aus. Wahrscheinlich, weil es mir schonungslos die Wahrheit vor Augen führte, die zu sehen ich mich geweigert habe, seit Dad weg ist – dass es nie wieder so sein wird, wie es mal war.

Ich bin absolut keine Frühaufsteherin, und jetzt, da ich endlich in diesem Flugzeug sitze, lässt das Adrenalin, das mich durch den Tag getragen hat, schlagartig nach. Ein Rascheln im Gang neben mir zwingt mich, meine schweren Augenlider zu öffnen. Es ist Liams Mitschülerin Ann – Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, deren schwarze Haare zu einem fabelhaften Fischgrätenzopf geflochten sind. Ihr orangefarbener Lippenstift würde mir überhaupt nicht stehen, sieht an ihr jedoch umwerfend aus.

Liam, der unverbesserliche Yankees-Fan, wartet im Gang, die Ellbogen auf die Lehne eines Sitzes gestützt. Er starrt auf einen Punkt am Boden, und seine Augen sind leer, als wäre er in seiner eigenen Welt versunken. Dann fällt sein Blick auf mich, und seine Miene hellt sich auf. Meine Zehen kribbeln, als er die Mundwinkel nach oben zieht. Er hat ein Grübchen am Kinn, genau wie Henry Cavill, das mir vorhin entgangen ist.

»Gemütlich?«, fragt er.

Natürlich kommen wir alle von exklusiven Schulen, aber irgendwie wirkt er nicht wie der typische Privatschüler. Er passt nicht so recht ins Schema. Es würde mich nicht wundern, wenn er Motorrad fährt oder irgendwo ein Tattoo hat oder so.

Ich rutsche tiefer in den Sitz und räuspere mich, damit meine Stimme nicht quiekt. »Total.«

»Hast du deine Lebensentscheidungen schon überdacht?«

Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu, aber lange kann ich den nicht aufrecht halten, als sich sein Mund zu einem schelmischen Grinsen verzieht. Ich glaube, wir werden uns trotz unserer unterschiedlichen Baseballvorlieben ganz gut verstehen.

Ann setzt sich auf den Platz am Fenster, und während Liam darauf wartet, dass sie sich eingerichtet hat, steht er neben mir, so nah, dass ich seine Körperwärme spüre. Ich rieche etwas Leichtes und Frisches, wie Baumwolle und Zitrus. Nicht so intensiv wie Dylans Meeresduft.

Liam hievt seine Umhängetasche auf die Gepäckablage und bestätigt meinen Verdacht, dass er aus der Reihe tanzt, indem er seinen Blazer, Krawatte und Hemd auszieht, bis nur noch ein weißes T-Shirt und eine ganze Menge kräftiger Armmuskeln übrig sind, die ich bewundern kann. Dem Kichern nach zu urteilen, bin ich nicht die Einzige, der das auffällt. Ist es hier drinnen noch wärmer geworden?

»Alter, du machst es richtig!«, ruft jemand durch die Kabinentür. Es ist der Footballspieler mit den kurzen blonden Haaren. Er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf Liam.

Der zuckt mit den Schultern. »Man darf sich doch wohl ein bisschen entspannen, oder?« Er zieht einen grauen Feinstrickpullover aus dem Rucksack, und dabei fällt versehentlich noch etwas anderes heraus und landet neben meinen Füßen. Während er sich den Pullover über den Kopf zieht und dabei seine dichten braunen Haare zerzaust, greife ich danach.

Es ist ein Spiralblock, und da er offen gelandet ist, habe ich kein schlechtes Gewissen, als ich mir die Zeichnungen darin ansehe. Es sind Porträtstudien – das Gesicht einer Person, die mehrmals skizziert wurde –, und eine davon trifft mich mitten in die Brust und zieht mir das Herz zusammen. Es sind die Augen, die mich mit einem perfekt eingefangenen, eindringlichen Ausdruck der Trauer direkt ansehen.

»Wow. Die sind ja toll.« Die Worte rutschen mir heraus, bevor ich merke, dass Liam geduldig auf seinen Block wartet. Dylan beugt sich vor, um einen Blick auf die Zeichnungen zu werfen, grunzt aber nur unverbindlich.

»Danke.« Liam zuckt mit den Schultern, und ich könnte schwören, dass seine Wangen einen Hauch rosiger werden. »Ich zeichne gerne. Nur so zum Spaß.«

Ich habe das Gefühl, ihm etwas zu schulden, weil ich ihn in Verlegenheit gebracht habe, deshalb lehne ich mich in seine Richtung und hoffe, dass Dylan nicht zuhört. »Ich kann nicht so realistisch zeichnen« – ich nicke in Richtung des Skizzenbuchs, das er fest verschlossen in der Hand hält –, »aber ich versuche es.«

»Ja?« Er wendet sich ab, stopft das Buch in seinen Rucksack und schließt das Gepäckfach. »Cool. Was zeichnest du denn?«

»Ach, dies und das«, sage ich verlegen. »Fan-Art oder Landschaften.«

Ich zucke mit den Schultern, als wäre nichts dabei, denn ich will auf keinen Fall zugeben, wie leidenschaftlich gern ich zeichne. Leider ist es so, dass ich echt schlecht bin und mich nicht traue, jemandem meine Arbeiten zu zeigen, also braucht es auch niemand zu wissen.

Seine Augen blitzen, und ich weiß schon, dass er mich necken wird, noch bevor er den Mund aufmacht. »Dein Skizzenbuch ist also voller Typen aus Outer Banks?«, fragt er lauter, als mir lieb ist.

Hitze brennt in meinem Nacken, als ich einen kurzen Blick zu Dylan werfe, aber der ist, Gott sei Dank, in sein Handy vertieft.

»Na ja … Nicht ganz …«, sage ich so leise, dass ich praktisch nuschle. Meine Exeter-Fliege kratzt seit heute früh um fünf an meinem Hals, und ich ziehe daran, während ich nach einer Antwort suche.

Liam faltet seinen großen Körper zusammen und legt einen Arm hinter die Rückenlehne meines Sitzes, als er sich zu mir vorbeugt. »War nur Spaß. Ich würde mir gerne deine Sachen ansehen, wenn wir später Zeit haben.«

Nur ein einziges Mal ist mir eine Zeichnung gelungen, bei der ich nicht das Gesicht verziehen muss, wenn ich sie ansehe – Nikkis Familienhaus am Kap. Durch Zufall habe ich es geschafft, das Licht, das auf den Wellen tanzt, genau so einzufangen, wie ich es wollte. Das ist das Einzige, was ich ihm zeigen würde.

Neben mir spüre ich, wie Dylan sich näher zu mir beugt, als wollte er wissen, worüber wir reden. Anstelle einer Antwort streiche ich mir eine Strähne hinters Ohr und lächle Liam zu.

»Alter, bist du dir sicher mit der Uniform?«, fragt Dylan. »Vielleicht zählt das professionelle Auftreten oder so.«

Liam richtet sich auf. »Wir haben acht Stunden Flug vor uns. Da ist genug Zeit, sie wieder anzuziehen.«

Dylan runzelt die Stirn und sieht mich an, während ich an meiner Fliege fummele. Einen Moment fühle ich mich hin und her gerissen, als müsste ich entscheiden, auf wessen Seite ich stehe. Ziemlich lächerlich. Ich mache trotzdem einen Kompromiss und stecke die Fliege in die Tasche, behalte den Blazer aber an.

»Und außerdem«, fügt Liam hinzu, während er sich auf seinen Sitz sinken lässt, »ist es ja nicht so, als würde uns dieser Sir Sowieso schon beurteilen, bevor wir überhaupt da sind.«

Seine Worte erinnern mich mit voller Wucht an den Grund, warum ich hier bin, daran, welchen Preis ich für diese Chance bezahlt habe – den andere dafür bezahlt haben – und was auf dem Spiel steht. Meine Finger schließen sich um die Fliege in meiner Tasche. Ich hoffe sehr, dass Liam recht hat.

3HANDGEPÄCK

17:11 Uhr CDT

Der Start und die Landung sind immer das Schlimmste bei einem Flug. Ich hasse es, wie das Flugzeug wackelt und hüpft und die Beschleunigung mich in den Sitz drückt. Noch bevor alle ihre Plätze eingenommen haben, durchstöbere ich den Mini-Stauraum zwischen Dylan und mir, um mich zu vergewissern, dass eine Spucktüte dabei ist. Es hat etwas Beruhigendes zu wissen, dass eine da ist, nur für den Fall.

Als wir alle angeschnallt sind, dringt das leise Prasseln des Regens von draußen herein, über das Rauschen der Belüftung und das Brummen der Motoren hinweg. Ab und zu ist Donnergrollen zu hören, aber das Gewitter muss weitergezogen sein und scheint den Start nicht zu behindern, denn das Flugzeug verlässt langsam das Gate.

Ich überlege, ob ich noch mal mein Handy rauskramen soll, um Nikki eine Nachricht zu schreiben – schließlich ist es meine letzte Chance auf dieser Seite des Ozeans –, aber ich entscheide mich dagegen. Ehrlich gesagt, ist es irgendwie wohltuend, ohne sie hier zu sein, auch wenn ich mich für den Gedanken schäme. Ich bin die schlechteste Freundin aller Zeiten. Aber ich bin immer ihr Anhängsel, und ausnahmsweise bin ich mal diejenige, die ein Abenteuer erlebt.

Als das Flugzeug das Wendemanöver vollendet hat und zur Startbahn rollt, ertönt über meinem Kopf eine Durchsage. »Ladys und Gentlemen, hier spricht der Kapitän. Zu Ihrer eigenen Sicherheit bleibt die Tür zum Flugdeck für die Dauer des Fluges verschlossen. Bei Fragen oder Anliegen wenden Sie sich bitte an das Flugpersonal. Heute begleiten uns Ms. Jennifer O’Connor, Ms. Sarita Kumar und Ms. Camille Allard.«

Die drei Frauen stehen im Gang zum vorderen Teil des Flugzeugs und winken, als ihre Namen genannt werden. Die Blonde, Ms. O’Connor, greift nach einem Handfunkgerät und liest die üblichen Sicherheitsinformationen von einer Karte ab, während die anderen beiden demonstrieren, wie wir unsere Sauerstoffmasken aufsetzen und unsere Schwimmwesten aufpusten müssen – wenn das Flugzeug mitten über dem Atlantik abstürzt, wird es ein echter Trost sein, diese Westen zu haben.

»Im Namen der Bonhomme-Stiftung und des Verdienstpreis-Komitees«, fährt O’Connor fort, »heißen wir Sie ganz herzlich an Bord willkommen. Bitte verstauen Sie Ihre elektronischen Geräte und bleiben Sie während des Starts auf Ihren Plätzen. Wenn der Kapitän das Anschnallzeichen ausschaltet, können Sie sich frei im Flugzeug bewegen, bis das Abendessen serviert wird.«

Bei dieser Ansage wechsle ich einen kurzen Blick mit Dylan. Seine Augen leuchten.

»Wir werden in Kürze eine Nachricht von Sir Robert Hamlin abspielen«, fährt Ms. O’Connor fort. »Bis dahin entspannen Sie sich bitte und genießen Sie den Flug.«

Inzwischen hat unser Flugzeug seine Position am Ende einer der langen Startbahnen von O’Hare eingenommen. Die Flugbegleiterinnen verschwinden hinter der Trennwand, und ehe ich mich versehe, rasen wir die Startbahn hinunter und erheben uns wackelnd in die Luft. Die Wolken sind bedrohlich dunkel, und plötzlich kommt mir der düstere Gedanke, dass das ein schlechtes Vorzeichen ist.

Wochenlang habe ich von dieser Reise geträumt – nicht nur wegen des Stipendiums und Paris, sondern auch, weil ich endlich wieder ein richtiges Bett haben würde. Täglich drei warme Mahlzeiten. Eine Dusche, die man nicht mit Münzen füttern muss. Und weil meine Mom zu allem anderen Stress nicht noch den Stress haben würde, sich um mich zu kümmern. Sie hat schon genug um die Ohren.

Aber was, wenn das nicht der Ausweg ist, den ich mir erhofft habe? Was, wenn jemand die Wahrheit herausfindet?

Mein Magen, der ohnehin schon Gymnastik macht, füllt sich mit Blei. Die dicken Wolken umhüllen das Flugzeug ein paar lange Minuten, bis wir in die strahlende Nachmittagssonne und den blauen Himmel hinausbrechen. Die Wolkenränder, weiß und flauschig, sehen so unschuldig aus, als müssten Engel darauf sitzen und Harfe spielen. Das Kribbeln in meinem Bauch beruhigt sich ein bisschen.

Plötzlich wird die Innenbeleuchtung gedimmt, die Jalousien schließen sich wie von Zauberhand, und der große Flachbildfernseher an der vorderen Trennwand schaltet sich ein. Aus den Lautsprechern dröhnt schwungvolle Orchestermusik, während ein Werbevideo für die Bonhomme-Stiftung abgespielt wird. Es werden verschiedene Projekte gezeigt, die die Stiftung in den letzten fünfundzwanzig Jahren seit ihrer Gründung finanziert hat. Sauberes Wasser in Liberia, Schulen in den ländlichen Gebieten von Nigeria, medizinische Hilfe in Bangladesch, Wiederaufbau nach einem Wirbelsturm in der Karibik.

Am Ende kommt Sir Robert Hamlin zu Wort. Er ist ein älterer Herr, vielleicht Mitte sechzig, mit schütterem grauem Haar, Brille und britischem Akzent, der trotz seines näselnden Tons beruhigend wirkt.

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie beim einundzwanzigsten Wettbewerb um den Verdienstpreis unserer Stiftung willkommen zu heißen, und ich gratuliere Ihnen, dass Sie es bis hierher geschafft haben. Hunderte Internatsschüler haben sich für unser Programm beworben, aber nur zwölf Finalisten wurden aufgrund ihrer Testergebnisse, Leistungen, ihres Talents und ihres Potenzials ausgewählt. Ich freue mich schon darauf, Sie in Paris persönlich kennenzulernen, vorher aber möchte ich Ihnen noch die Regeln erläutern.«

Hier und da ertönt ein kleines Murren, aber ich setze mich aufrechter hin. Wenn ich weiß, wie der Wettbewerb läuft, kann ich vielleicht eine Strategie entwickeln.

»Erstens: Da unser Ziel darin besteht, den bestmöglichen Kandidaten auszuwählen, der die Mission der Stiftung vertritt, nämlich die Förderung des Wohls der Menschheit, betrachten Sie von jetzt an bitte jeden Moment als Teil des Wettbewerbs.«

Anscheinend hatte Dylan recht – der Wettbewerb geht schon los. Mehr als eine Person tastet nach Blazer oder Krawatte, Liam aber nicht. Er ist zu Ann gebeugt und hört aufmerksam zu, was sie ihm sagt.

Hamlin fährt fort. »Wie Sie gleich sehen werden, gibt es im Unterhaltungssalon einen Bildschirm, auf dem die aktuellen Ranglisten aller Teilnehmer angezeigt werden. Bewerbungsaufsätze und Testergebnisse wurden nur für die Vorauswahl herangezogen, Sie fangen also alle mit einer weißen Weste an. Während des Flugs können Sie insgesamt dreimal die Wertungen erhöhen oder verringern, indem Sie einem anderen Teilnehmer fünfzig Punkte schenken oder abziehen. Die erste Bewertung ist möglich, sobald das System aktiviert wurde. Bei den anderen beiden Bewertungen werden Sie rechtzeitig vorher informiert.«

Dylan schaut mich an. »Stimmen wir für uns?«

»Logisch«, flüstere ich. Als gäbe es da irgendeinen Zweifel. Offensichtlich zahlt es sich aus, wenn man sich auf diesem Flug Freunde macht.

»Die Gewinnerin oder der Gewinner«, fährt Hamlin fort, »wird am Ende des zweiwöchigen Zeitraums nach verschiedenen Wettbewerbsdisziplinen auf Grundlage einer umfassenden Bewertung von Charakter, Intelligenz, Führungsqualitäten, Teamfähigkeit und Talent ausgewählt. Der Wettbewerb gliedert sich in drei Phasen.«

Auf dem Bildschirm erscheint eine Tabelle, und wir rutschen alle auf unseren Plätzen nach vorne, um den Text zu lesen. Meine Brust zieht sich zusammen. Steht in der letzten Spalte AUSGESCHIEDENE SCHÜLER?

»Zunächst werden auf diesem Flug Ihre sozialen Fähigkeiten und Ihr Verhandlungsgeschick getestet. Wie Sie der Tabelle entnehmen können, scheiden die drei Schüler, die bei der Landung in Frankreich am schlechtesten abschneiden, direkt aus und bekommen Rückflüge für den nächsten Tag.«

Kollektives Stöhnen. »Die dürfen nicht mal Paris sehen?«, fragt der Footballspieler aus Waterford. »Mann, ist das …« Er unterbricht sich, bevor ihm etwas herausrutscht, das gegen ihn verwendet werden könnte.

Nur kein Stress, Leute.

Hamlin nimmt unsere Reaktion natürlich nicht zur Kenntnis. »Die übrigen neun werden an der ersten Wettbewerbswoche in Paris teilnehmen. Das Auswahlkomitee wird Ihre formalen Kommunikationsfähigkeiten anhand einer Reihe schriftlicher und mündlicher Aktivitäten bewerten, wobei am Ende eines jeden Tages ein Teilnehmer gemäß der aktuellen Rangliste ausscheidet.

In der zweiten Woche schließlich werden die beiden besten Schüler in Bezug auf ihre Führungs- und Projektmanagementfähigkeiten bewertet, indem sie mit Hilfe eines Teams, das sich aus zwei ihrer ehemaligen Mitbewerber zusammensetzt, eine abschließende Aufgabe bewältigen. Jeder, der in der zweiten Woche nicht ausgewählt wird, kehrt vorzeitig nach Hause zurück.«

Er lächelt herzlich, sein Gesichtsausdruck bildet einen starken Kontrast zu der Todesglocke, die er da über unseren Köpfen läutet. »Wenn es sich jetzt verwirrend anhört, keine Sorge – wenn Sie erst mal hier sind, werden Sie es besser verstehen.

Übrigens: Andere Stiftungsmitglieder, externe Personen und Mitarbeiter sind weder an dieser Entscheidung beteiligt, noch sind sie in Details zu Tests, Interviews oder anderen Daten zur Bewertung der Kandidaten eingeweiht, also fragen Sie sie bitte nicht nach Informationen.

Drittens und letztens: Erfolg hat viele Gesichter. Aber kein Weg ist wirklich befriedigend für jemanden, der selbst keine Zufriedenheit finden kann. Ich wünsche Ihnen bei dieser einmaligen Gelegenheit viel Spaß – und viel Glück! Ich freue mich darauf, Sie in Paris kennenzulernen.«

Der Bildschirm wird schwarz. Einen Moment herrscht Stille, bevor alle zu tuscheln beginnen – ein leises Murmeln, das hier und da von einer aufgeregten Frage oder einem Ausruf unterbrochen wird.

Drei von uns fliegen morgen schon wieder nach Hause. Mein Magen zieht sich zusammen, und ich wünsche mir plötzlich, ich hätte vorhin keinen Bagel gegessen. Oh, wie schön wäre es, ein gewisses Maß an Selbstvertrauen zu haben. Zum Glück weiß der Ausschuss nicht, was ich getan habe, um hierherzukommen, aber trotzdem … Garantiert bemerkt jemand die Schuldgefühle, die mich quälen. Und dann ist da noch die Kleinigkeit, dass alle anderen in diesem Flugzeug sich das Recht verdient haben, hier zu sein. Wie soll ich sie jemals schlagen?

Neben mir zupft Dylan seinen Kragen zurecht und mimt die zusammengekniffenen Lippen und das Stirnrunzeln unseres Schulleiters. »Exeter-Schüler sind immer vorbereitet!«, ahmt er nach, was jeden Morgen über die Lautsprecher unserer Schule verkündet wird.

Ich würde gern lachen, aber meine Kehle ist so trocken, dass nur ein Husten herauskommt. Für mich steht zu viel auf dem Spiel. Ich ziehe meine rot-blaue Fliege aus der Tasche und schlinge sie wieder unter meinen Blusenkragen. »Glaubst du wirklich, dass er uns gerade beobachtet?«

»Mein Dad hat gesagt, ich soll mir das Ganze wie ein zweiwöchiges Vorstellungsgespräch vorstellen. Vielleicht spioniert Hamlin uns nicht selbst aus, aber irgendjemand in diesem Flugzeug bestimmt. Wie sollen sie sonst Punkte vergeben und uns einstufen?« Er streicht sich über sein blondes Haar, obwohl keine Strähne fehl am Platz ist. »Ich möchte meine Chancen jedenfalls nicht wegen einer Dummheit riskieren«, fügt er hinzu. Sein Blick huscht an mir vorbei zu Liam, der immer noch entspannt an seinem Platz sitzt.

»Du gehst doch so oder so nach Harvard«, sage ich zu Dylan. »Es liegt dir quasi im Blut. Und außerdem ist dein Dad im Vorstand, oder?«

Ein schwaches Grinsen huscht über sein Gesicht. »Schon, aber das heißt nicht, dass mir der Sieg egal ist. Außerdem würde ich einen hervorragenden Jugendbotschafter für die Stiftung abgeben.«

Dylan gewinnt gerne, vor allem, wenn er Zuschauer hat. Nikki hat mich zu mehr von seinen Lacrosse-Spielen geschleppt, als ich zählen kann. Seinen Ehrgeiz, der Beste zu sein, habe ich immer bewundert, jetzt allerdings ist er mir unangenehm. Schließlich brauche ich dieses Stipendium viel dringender als er.

Aber ich werde ihm meine Lage bestimmt nicht auf die Nase binden. Nikki und er wissen, dass mein Dad ausgezogen ist, kurz nachdem ich in Exeter angefangen habe. Sie wissen allerdings nicht, dass er keinen Unterhalt mehr zahlt. Oder dass Moms angeblich perfekter Zuhause-Job sich als ein perfekter Loser-Job entpuppt hat, weil sie wahnsinnig viel Geld an diese MLM-Firma gezahlt hat, für Leggings, die kein Mensch bei klarem Verstand kaufen würde.

Ich scheine einen komischen Gesichtsausdruck zu machen, denn Dylan tastet auf der Armlehne nach meiner Hand, und er ist nicht gerade für sein Mitgefühl bekannt. Sehe ich etwa so blass aus?

»Hey, du wirst deine Sache auch gut machen«, sagt er. »Wir sitzen im selben Boot, stimmt’s?« Er sucht meinen Blick und hält ihn fest, dann drückt er meine Finger.

»Klar doch«, sage ich und bemühe mich um einen ruhigen Ton.

Er schaut nach unten und streicht seinen Blazer glatt. »Ich war ehrlich gesagt ein bisschen überrascht, dass Nikki nicht den anderen Platz bekommen hat. Normalerweise hat sie immer hervorragende Ergebnisse.«

Hitze schießt mir in die Wangen. Will er damit andeuten, dass ich nicht so schlau bin wie Nikki? Sieht mich die ganze Welt nur als Nikkis Anhängsel?

»Na ja, vielleicht ist es besser für sie, dass sie zu Hause bleibt«, fährt er fort. »Wegen ihrer Mom und so. Aber sie hätte Paris gerne gesehen.«

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. »Wieso, was ist mit ihrer Mom?« Jetzt, da ich darüber nachdenke … stand in ihrer Bewerbung nicht etwas über gesundheitliche Probleme ihrer Mutter? Und ein paar Mal hat sie im letzten Jahr ihre Pläne in letzter Sekunde geändert.

»Sie hat Krebs.«

Krebs. Mein Kiefer klappt nach unten.

Dylan sieht mich verwirrt an. »Hat Nik dir das nicht gesagt?«

Ich umklammere die Armlehne und wünsche, der Sitz würde mich verschlucken. Heftige Enttäuschung kämpft mit meinem schlechten Gewissen. Sie macht so etwas Schlimmes durch und hat mir nichts davon gesagt? Wie ernst ist es? Wird ihre Mom sterben? Wann hatte sie vor, es mir zu erzählen?

»Ich … das wusste ich nicht«, stammele ich.

Hat sie gedacht, dass ich nicht für sie da sein würde? Dass sie mir ihre Familiengeheimnisse nicht anvertrauen könnte? Die Enttäuschung zerreißt mich fast. Aber noch schlimmer ist das, was ich ihr angetan habe.

Man kann mir wirklich nicht trauen. Aber wenn ich das gewusst hätte, hätte ich niemals …

»Das tut mir leid, Em. Ich hätte es nicht erwähnen sollen.« Er zupft imaginäre Fusseln von seinem Blazer. »Ich dachte, du wüsstest Bescheid.«

»Nein.« Mein Mund ist staubtrocken. Aber so sehr mich ihr Schweigen auch schmerzt … habe ich mich nicht ganz ähnlich verhalten?

Ich hätte ihr sagen sollen, was mit meinen Eltern und dem Haus los ist. Anfangs wollte ich es ihr sagen, als Mom die Raten nicht mehr zahlen konnte. Aber immer, wenn ich es erwähnen wollte, war irgendwie der falsche Zeitpunkt. Wow, Nik, der Pulli steht dir super. Und übrigens, ich bin jetzt obdachlos. Wie genau soll man so etwas mitteilen? Und als eine Weile vergangen war, kam es mir zu spät vor. Und zu peinlich.

Ist es Nikki auch so gegangen?

Ich glaube, über so was zu reden, macht es irgendwie realer. Wenn ich es für mich behalte und niemand anders davon weiß, kann ich fast so tun, als wäre alles in Ordnung. Als wäre ich normal und nicht obdachlos und erbärmlich und verzweifelt am Kämpfen, um etwas aus meinem Leben zu machen.

»Du weißt doch, wie sie ist.« Dylan zuckt mit den Schultern. »Tut immer so, als wäre alles in Ordnung, sogar uns gegenüber. Sie hätte es mir wahrscheinlich auch nicht erzählt, wenn ich nicht zufällig dabei gewesen wäre, als ihre Eltern angerufen und es ihr gesagt haben.«

»Ich werde sie darauf ansprechen, wenn wir gelandet sind«, sage ich. Nach einer Pause füge ich hinzu: »Irgendwie wünschte ich, sie wäre an meiner Stelle hier, Dylan. Und dabei bin ich wirklich froh, diese Chance zu bekommen.« Das ist so ehrlich, wie ich nur sein kann.

»Ich auch. Du bist eine gute Freundin.« Sein Blick huscht zu meinem Gesicht und verweilt etwas länger dort als sonst, als würde er mich zum ersten Mal wirklich wahrnehmen. Ich rutsche unbehaglich auf meinem Sitz herum, aber dann meldet sich glücklicherweise der Kapitän über den Lautsprecher.

»Wir haben unsere Reiseflughöhe von zweiundvierzigtausend Fuß erreicht und erwarten einen ruhigen Flug.« Das Anschnallzeichen erlischt mit einem Bing. »Sie können sich jetzt gerne in den Kabinen bewegen und Ihre tragbaren elektronischen Geräte benutzen.«

Taylor steht als Erste auf. »Wollen wir vielleicht eine Vorstellungsrunde machen, bevor alle abhauen? Ich weiß, dass wir die Infoblätter und Lebensläufe bekommen haben, aber es wäre trotzdem hilfreich, die Namen zu hören. Einverstanden?«