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Wie gut kennen wir die Menschen, die wir lieben, wirklich?
Der Hotelier Liam Noone stürzt von der Klippe vor seinem Haus in Kalifornien in den Tod. Seine Tochter Nora muss derweil in New York noch den Verlust ihrer kürzlich verstorbenen Mutter verarbeiten, da steht ihr Halbbruder Sam vor ihr. Er drängt sie, mit ihm nach Kalifornien zu fliegen. Sam glaubt nicht an einen Unfall seines Vaters, auch wenn die Polizei keine Hinweise auf ein Verbrechen gefunden hat. Doch wer könnte Liam getötet haben? Zusammen beginnen die Geschwister, in Liams Vergangenheit zu forschen und entdecken dabei ein Geheimnis, das Liams Leben entscheidend beeinflusste. Führt sie diese Spur am Ende auch zu seinem Mörder?
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2025
Liam Noone hatte viele Gesichter. In den Augen der Öffentlichkeit war er ein erfolgreicher Hotelier und Selfmade-Man, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Für seine drei Ex-Frauen und seine Kinder war er ein liebevoller, wenn auch oft abwesender Familienmensch. Seine Tochter Nora hat stets bedauert, dass er wenig Zeit für sie hatte und das Verhältnis zu ihren Halbgeschwistern immer distanziert war. Doch als Liam von der Klippe vor seinem Haus in Kalifornien in den Tod stürzt, führt sie die Suche nach Antworten mit ihrem Halbbruder Sam zusammen. Beide glauben nicht an einen Unfall. Aber wer könnte ein Motiv haben, Liam umzubringen? Stück für Stück setzen sie die Puzzleteile aus Liams Vergangenheit zusammen und müssen feststellen, dass ihr Vater noch ein Gesicht hatte, von dem niemand bisher wusste.
Laura Dave wurde in New York City geboren. Ihre Begeisterung fürs Schreiben begann schon in der Grundschule. Sie studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben. Nach dem Studium arbeitete sie als freiberufliche Journalistin für namhafte Magazine und Zeitungen. Seit 2006 widmet sie sich zunehmend dem Romanschreiben. Ihr Thriller Beschütze sie, der 2022 bei Heyne erschien, stand über ein Jahr auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Dave ist mit Drehbuchautor Josh Singer verheiratet. Gemeinsam mit ihrem Sohn leben sie in Los Angeles.
Beschütze sieTiefe Schuld
LAURA DAVE
ROMAN
Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe The Night We Lost Him erschien erstmals 2024 bei Marysue Rucci Books, an imprint of Simon & Schuster, LLC.Das Gedicht »My Hunger« aus Ledger: Poems von Jane Hirshfield, © 2020 by Jane Hirshfield, drucken wir mit freundlicher Genehmigung von Alfred A. Knopf, an imprint of the Knopf Doubleday Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.
All rights reserved.
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Deutsche Erstausgabe 12/2025
Copyright © 2024 by Laura Dave
© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Kerstin Kubitz
Umschlaggestaltung: nach einer Idee von Penguin Random House UK: www.buerosued.de
unter Verwendung von Bildmaterial von Adobe Stock/jonbilous und Trevllion/Evelina Kremsdorf
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-33726-1V001
www.heyne.de
Für Josh und Jacob.Sie sind alle für euch.
So wie die Hochseilartistin
eine Stange tragen muss
um ihre Arme zu verlängern
Hast du mich getragenhab ich dich getragen
durch diese Welt
Jane Hirshfield
Ihm war klar, dass jeder Biograf der Welt seine Lebensgeschichte so zusammenfassen würde: Als Liam Samuel Noone begann, sein Vermögen aufzubauen, kaufte er als Erstes ein Stück Land, das so weit wie nur möglich von seiner Heimatstadt entfernt war.
Natürlich gab es streng genommen Orte, die noch weiter von Midwood, Brooklyn, entfernt waren als die zentralkalifornische Küste. Aber als Liam zum ersten Mal nach Carpinteria kam, fühlte er sich wie neugeboren. Sein Puls verlangsamte sich, seine Brust schien sich zu weiten – eine kleine, aber umwälzende Veränderung. Wie durch einen Schleier fuhr er in die abgelegene Küstenstadt. Die Welt um ihn herum war windig und beseelt, Zypressen wiegten sich hin und her und bildeten ein wirr anmutendes Dach aus Laub.
Liam war gerade dabei, die Firma zu übernehmen. Er hatte sich auf die Reise an die Westküste begeben, um sich mit einem potenziellen Investor zu treffen. Sie führten Gespräche über den gemeinsamen Bau eines Boutiquehotels acht Meilen die Küstenstraße hinauf in Santa Barbara. Ein Refugium in den Hügeln, abgelegen und luxuriös, mit achtundvierzig frei stehenden Häuschen, gewundenen Bergpfaden, Außenkaminen und gepflasterten Gehwegen. Dazu ein Restaurant mit steinernen Mauern.
Er traf sich mit seinem Investmentpartner, einem früheren Klassenkameraden namens Ben, in dessen am Ozean gelegenen Ferienhaus in der Padaro Lane. Sie setzten sich nach draußen auf die rückwärtige Terrasse, aßen verlorene Eier und studierten Entwürfe. Liams Anzug bot kaum Schutz gegen die vom Ozean kommende Kühle. Er trank eine Menge Kaffee und schlug Bens Angebot aus, ihm eine Jacke zu leihen.
Irgendwann warf Liam einen Blick Richtung Osten und entdeckte ein Cottage dicht an der Klippe von Loon Point. Es wurde von der Morgensonne angestrahlt – das glühende Gelb wurde von der schroffen Wand zurückgeworfen und fiel auf weiße Felsen und die Zitrussträucher. Auf die Rosengärten.
Zum Anwesen gehörte ein großes Stück Land, zwei exquisite Hektar mit endlosen Ozeanblicken und den Ausläufern der Santa Ynez Mountains in der Ferne.
Eine alte Frau wohnte in einem der Gebäude auf dem Grundstück, einem Craftsman-Haus. Neben der Haustür war ein weißes Holzschild mit dem Namen des Cottages angebracht: WINDBREAK. Liam klopfte an die Haustür und fragte, wie viel sie für ihr Haus haben wolle. Sie sagte, sie wolle dort in Frieden wohnen, ohne dass Leute an ihre Tür klopften und fragten, wie viel sie für ihr Zuhause haben wolle. Er lächelte und entschuldigte sich. Ich könnte es mir sowieso nicht leisten, sagte er.
Daraufhin ließ sie ihn ein.
Jetzt, mehr als dreißig Jahre später – wie kann so viel Zeit einfach vergehen? –, schlendert er hinüber zum nordöstlichen Rand, seinem bevorzugten Aussichtspunkt, unter ihm der sich weit erstreckende Ozean, ringsum die uralten Olivenbäume und der Wind und die scharfe Brise.
Er atmet tief durch und schluckt die Tränen hinunter, die ihm bei der Erinnerung an jenen Tag kommen.
Nostalgie ist ihm normalerweise fremd, er verliert sich selten in Fantasien. Aber jetzt erwischt er sich dabei, wie er – einmal mehr – so tut, als wäre er noch dieser aufgeregte junge Mann, der an die Tür der alten Frau klopfte und ein neues Leben beginnen wollte. Statt des alten Mannes, der er heute ist, mit einem leeren Haus im Rücken und niemandem, der ihm sagen könnte, an welcher Stelle er etwas falsch verstanden hatte. Wie er hier gelandet ist, erschöpft und aufgewühlt, aber bereit, laut auszusprechen (endlich laut auszusprechen), was alles er am liebsten ungeschehen machen würde. Es geht weniger um Reue. Es ist nichts so Abgedroschenes und Passives wie Bedauern. Nein. Es ist Buße.
Deswegen laufen die Momente in einer gnadenlosen Endlosschleife vor seinem inneren Auge ab: die Momente, zu denen er zurückkehren, die er noch einmal durchleben möchte. Der erste Moment mit achtzehn, dann mit zwanzig und 26, 58, 61, 68. Im Hinblick auf das, was wirklich zählt, könnte man von einem einzigen Augenblick sprechen, oder?
Diese Wahl. Sich seiner Bestimmung zu nähern oder ihr den Rücken zu kehren.
Er krallt die Zehen in den weißen Fels, leichter Regen setzt ein. Wann genau ist dieser Ort zu einem Referendum über das geworden, was er versäumt hat? Es wäre leicht (und wahrscheinlich auch falsch), von dieser Veränderung als etwas kürzlich Geschehenem zu sprechen. Aber wie immer es geschehen ist, langsam oder plötzlich: Windbreak ist heute der Ort, der ihn am stärksten an sich selbst erinnert. Welche Ironie! Statt des Entkommens, das er sich von diesem Ort erhofft hatte, der Atempause von dem Elternhaus, dem er entflohen war, hat es sich ins Gegenteil verwandelt. Es ist seine Zeitkapsel.
Er dreht sich um und betrachtet Windbreak, das kleine Craftsman-Haus, in dem sämtliche Lichter eingeschaltet sind: zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine lange, schmale Küche. Ein Haus, ein Cottage, kleiner als jedes Gästehaus auf den benachbarten Grundstücken und erst recht als die 750-Quadratmeter-Haupthäuser. Alle rechneten damit, dass er das kleine Haus früher oder später abreißen und ein neues bauen würde. Das ebenso perfekte wie deplatzierte Cottage war nicht annähernd geräumig genug für eine große Familie. Ganz sicher nicht groß genug für seine Familien.
Aber es ging nicht einfach darum, ein größeres Haus zu bauen. Es hatte ihn immer nervös gemacht, seine Tochter mit hierherzubringen, als sie noch klein war, und später war es mit den Jungen genauso gewesen. Die steinerne Palisade bot keine Sicherheit vor den bedrohlichen Klippen, die zu steil waren. Es ging dreißig Meter hinunter zum Ozean, zu den Klippen, der kalifornischen Küste. Wenn sie nun hinunterstürzten? Wenn eins der Kinder mit seinen kleinen, flinken Beinen und munteren Ellbogen über die Kante fiel, ehe er es auffangen konnte?
Zumindest sagte er sich das selbst. Aber ist es überhaupt wahr? Oder ist die Wahrheit viel simpler? Er war immer gern allein hier. Allein oder mit ihr.
Er späht über die Kante, dreißig Meter tiefer brechen sich die Wellen, die Felsen sind zerklüftet und wunderschön und stark. Und ihm wird klar, dass – nein! – nicht nur Egoismus dahintersteckt. Da ist er sich sicher. Er ist sich sicher, dass er auf seine Weise versucht hat, seine Kinder zu beschützen. Auch dort, wo er gescheitert ist (und er macht sich nichts vor, die Gelegenheiten, bei denen er als Vater gescheitert ist, waren zahlreicher als seine Erfolge), wollte er sie immer beschützen.
Als Liam Samuel Noone wenige Augenblicke später über diese Kante gestoßen wird, als er durch die Luft wirbelt, ist dies sein letzter Gedanke. Trotz aller Fehler sein letzter Gedanke.
Besser ich als sie.
Der Architekt arbeitet auf dem Gebiet der Erinnerung.
Mario Botta
»Was meinen Sie? Ist es überhaupt zu retten?«, fragt sie.
Ich stehe in der Tür eines vierstöckigen Brownstone-Hauses in Brooklyn, ganz am Rand von Cobble Hill. Nach meiner professionellen Einschätzung ist das Haus in seiner Art bemerkenswert: eine extrabreite Fassade mit stählernen Fensterrahmen, eigenwilligen Geländern und holzverkleideten, vier Meter hohen Decken. Und einem 170 Quadratmeter großen Dachgarten mit Blick auf eine üppig bewachsene, wunderschöne Ecke der Henry Street.
Ich drehe mich zu Morgan, meiner Kundin, um. »Was genau meinen Sie mit zu retten?«
»Nun, Sie sind die Expertin, aber das Gebäude muss offensichtlich kernsaniert werden. Es ist irgendwie plump.«
Morgan schüttelt den Kopf, anscheinend wartet sie darauf, dass ich ihren Gedanken endlich folgen kann. Sie ist wunderschön und jung (25, vielleicht 26) und trägt dieselben blauen, kniehohen Stiefel, die sie bei unseren wenigen bisherigen Begegnungen auch getragen hat. Von Mal zu Mal hat sie unglücklicher gewirkt bei der Aussicht, nach Brooklyn zu ziehen. Ich weiß nicht, ob es dieses Brownstone ist, das sie nicht mag, oder die allgemeine Vorstellung, Manhattan zu verlassen. Jedenfalls freut sie sich offenbar nicht auf diesen Schritt.
Sie erklärt mir immer wieder, dass sie nach Brooklyn zieht, weil ihr Verlobter, irgendein Businesstyp, darauf drängt. Er hat beschlossen, Tribeca und ihren Loft an der North Moore Street zu verlassen und in den weiter außerhalb gelegenen Stadtbezirk zu ziehen. Morgans Verlobten habe ich noch nicht kennengelernt, obwohl anscheinend er es war, der darauf bestanden hat, dass Morgan mich beauftragt. Er will hier auf dem Dach heiraten. Und, wo sie schon dabei sind, sämtliche darunterliegenden Stockwerke renovieren.
»Was glauben Sie, bis wann das alles erledigt sein kann?«, fragt Morgan.
»Was genau meinen Sie?«
»Sie wissen schon … alles.«
Sie macht eine Handbewegung, die das ganze Gebäude umfasst. Dabei geht sie klappernd die Stufen zum tiefer liegenden Wohnzimmer hinunter.
»Lassen Sie uns damit anfangen, über Ihre Vorstellungen zu sprechen«, sage ich. »Dann können wir detaillierter reden und sichergehen, dass wir am gleichen Strang ziehen, was den Zeitplan und die Abläufe angeht. Klingt das gut?«
»Klar …«
Sie scheint meinen Vorschlag zu akzeptieren und nimmt auf dem Sofa Platz. Dann aber zieht sie ihr Handy aus der Tasche. Die Details langweilen sie schon, bevor wir überhaupt ein Wort darüber verloren haben. Sie ruft Instagram auf, 500 000 Follower warten auf sie. An mir hat sie jedes Interesse verloren.
Ich packe die Originalpläne des Brownstones trotzdem aus. Der vorherige Besitzer ist ein Architekt, den ich seit der Graduate School kenne. Er hat fast drei Jahre damit zugebracht, das Haus den Bedürfnissen seiner eigenen Familie anzupassen. Dass der Job seiner Frau kurz nach dem Umzug dazu führte, dass sie nach Colorado ziehen mussten, war nicht Teil des Plans gewesen. Natürlich gibt es verschiedene Arten, wie man einen Raum gestalten kann, aber ich spüre die Aufmerksamkeit, die er jedem Detail gewidmet hat. Das entspannt und geräumig wirkende Wohnzimmer, die abgerundeten Ecken, der Olivenbaum, der ein Gegenwicht zum Kamin bildet, das natürliche, von drei Seiten einfallende Licht.
Man könnte denken, dass bemerkenswerte Architektur darin besteht, möglichst neuartige, wie eigenständige Skulpturen wirkende Häuser zu entwerfen. Aber mir geht es vor allem um die Frage, wie die Umgebung sich positiv auf die Lebensqualität der dort lebenden Menschen auswirken kann. Ich bin auf Neuroarchitektur spezialisiert. Die meisten meiner Kunden sind an dieser speziellen architektonischen Herangehensweise interessiert, bei der es in erster Linie darum geht, Räume so zu konzipieren, dass sie dem allgemeinen Wohlbefinden dienen.
Was immer Morgan mit plump meinen mag, ich zweifele an ihrem Interesse für derartige Differenzierungen.
»Kommt Ihr Verlobter noch dazu, oder bleiben wir beide unter uns?«, frage ich.
Statt zu antworten, hält sie das Handy in Selfieposition von sich weg und zieht einen Schmollmund. So schnell ich kann, trete ich aus dem Blickfeld der Kamera.
»Er müsste noch kommen.«
In diesem Moment marschiert ihr Verlobter zur Tür herein, den winterlichen Wind im Gefolge. Er sieht gut aus – groß und breitschultrig, kräftiger Kiefer, intensiver Blick. Er ist älter als Morgan, knapp dreißig, und trägt eine Sportjacke, unter der ein Hoodie hervorschaut, was ihn jünger wirken lässt.
Außerdem ist er, wie sich herausstellt, mein Bruder.
Sam nickt in meine Richtung. »Wie geht’s, Nora?«
»Du willst mich auf den Arm nehmen«, sage ich.
Morgan hebt den Kopf und schaut zwischen uns hin und der. »Kennt ihr euch?«, fragt sie.
»Nora ist meine Schwester«, erklärt er.
»Deine Schwester?«
Ich lächele und mache eine Handbewegung, die sie beide umfasst. »Kennt ihr euch?«
Ein bisschen unfair ist es schon. Die Gelegenheiten, bei denen ich mich mit Sam im selben Raum aufgehalten habe, kann ich locker zählen. Als Heranwachsende haben wir uns kaum gesehen und jetzt, als Erwachsene, noch seltener. Ich bin das einzige Kind aus der ersten Ehe meines Vaters, Sam eins von zwei Kindern aus der zweiten. Man könnte behaupten, dass Sam und sein Zwillingsbruder Tommy der Grund sind, dass es eine zweite Hochzeit gab – die überraschende Schwangerschaft ihrer Mutter war ein kleiner Wink, dass die Beziehung meiner Eltern nicht so richtig funktionierte.
»Sam. Was soll das?«, fragt Morgan. »Meinst du nicht, dass du es hättest erwähnen sollen?«
Ich weiß nicht, ob »es« sich darauf bezieht, dass mein Bruder mich engagiert hat, ohne ihr zu sagen, wer ich bin – oder ob es darum geht, dass Sam überhaupt eine Schwester hat. Ich tendiere zur zweiten Möglichkeit, aber bevor Sam antworten kann, summt Morgans Telefon und kündigt einen eingehenden Anruf an. Sie murmelt etwas von ihrer Hochzeitplanerin und verschwindet in den Flur, um mit ihr zu reden.
Ich wende mich wieder Sam zu, der mich angrinst. »Schön, dich zu sehen«, sagt er. »Wie geht’s dir?«
»Warum tust du so geheimnisvoll?«, frage ich.
Sein Grinsen verschwindet.
»Ich habe mehr als einen Monat versucht, dich zu erreichen. Du hast keinen meiner Anrufe beantwortet. Und jetzt bin ich der Geheimnisvolle?«
Er hat mich angerufen, so weit hat er recht. Seit unser Vater gestorben ist, habe ich auf seine Anrufe und mehrere kryptische E-Mails nicht reagiert. Unser Vater hatte keine Beerdigung gewollt, sodass ich auch keinen Grund hatte, meinen Bruder persönlich sehen zu wollen.
In Wahrheit aber will ich um Sam am liebsten einen Bogen machen. Die Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es besser ist, nicht viel mit ihm – oder irgendwem aus der zweiten Familie meines Vaters – zu tun zu haben.
»Ich muss mit dir reden«, sagt er.
»Hast du ein Acht-Millionen-Dollar-Haus bloß um eines Gesprächs willen gekauft?«
»Es geht um ein ziemlich wichtiges Gespräch.«
Ich greife nach den Bauplänen und stecke sie zurück in ihre Rollen. »Ich bin schon spät dran für meinen nächsten Kunden.«
»Morgan hat dich gebeten, dir den ganzen Nachmittag Zeit zu nehmen, also …«
Wohnprojekte wie dieses Brownstone-Haus übernehme ich nur noch selten. Aber Morgan hat einen saftigen Vorschuss bezahlt – die Art Vorschuss, die mir die Möglichkeit gibt, mehr von der Arbeit zu tun, die ich am meisten liebe; die Art Vorschuss, die ihr erlaubt, zusätzliche Stunden meiner Zeit in Anspruch zu nehmen.
»Ich kann den Scheck gern zerreißen«, sage ich.
»Können wir uns einfach hinsetzen und ein paar Minuten reden?«
»Ich dachte, ich hätte meine Position klargemacht«, sage ich. »Ich will Dads Geld nicht. Ich wollte es nicht, als er noch gelebt hat. Da will ich es ganz sicher nicht jetzt.«
»Deswegen bin ich nicht gekommen«, sagt er.
Ich blicke auf und sehe ihm in die Augen. In das vertraut wirkende diffuse Grün. Das Grün meines Vaters. Sie haben die gleichen Augen, das gleiche helle Haar, die gleiche Haut. Es versetzt mir einen Stich, aber ich zwinge mich, das Gefühl zu unterdrücken.
Es ist leichter, wenn ich mich daran erinnere, dass mein Bruder ganz sicher nur wegen des Geldes da ist. Auch nach unserem gemeinsamen Verlust verspürt er sicher nicht das plötzliche Bedürfnis nach einer echten Beziehung. Was das betrifft, habe ich kein Problem. An einer Beziehung zu Sam habe ich kein Interesse. Und noch weniger an der Firma meines Vaters.
Wie ich schon geschrieben habe, als ich Sams letzte E-Mail (Betreff: Wir müssen reden) an die Anwälte meines Vaters weitergeleitet habe: Sam kann aus dem Nachlass unseres Vaters alles haben, was er will. Und das gilt auch für den Rest der Familie.
»Pass auf dich auf, Sam«, sage ich.
Ich gehe zur Tür. Der Tür, die mich nach draußen, die Stufen hinunter zum Bürgersteig und weg von hier bringen wird.
»Wartest du bitte einen Moment?«
Ich gehe weiter und bin fast frei. Frei von ihm, frei von seiner Familie, frei von deren Welt.
Dann, als ich die Hand schon am Türknauf habe, sagt mein Bruder noch etwas. Das Einzige, das mich in diesem Moment stoppen könnte.
»Nora. Dads Tod?«, ruft Sam laut. »Sein Sturz …«
Ich halte inne. Ich lasse den Türknauf nicht los. Aber ich bewege mich nicht von der Stelle.
»Es war kein Unfall.«
Das letzte Mal, dass ich meinen Bruder persönlich gesehen habe, ist mehr als fünf Jahre her.
Wir waren bei einer Dinnerparty zum Geburtstag unseres Onkels Joe. Genau genommen ist Joe der Vetter unseres Vaters, aber die beiden wuchsen wie Brüder auf. Sie wurden gemeinsam aufgezogen, gingen gemeinsam zur Highschool, wohnten zusammen, nachdem sie das College hinter sich hatten, und arbeiteten später jahrzehntelang zusammen. Aber während Brüder häufig streiten – vor allem Brüder, die einander so nahe waren wie sie –, schafften die beiden es, ihre Beziehung weitgehend konfliktfrei zu halten. Sie waren nicht nur Brüder, sondern auch beste Freunde.
Mein Vater richtete Joes Geburtstagsessen im Perry St aus, einem Restaurant in einer Seitenstraße des West Side Highway, das schon lange zu seinen und Joes Lieblingslokalen gehörte. Sam saß neben mir am anderen Ende des Tischs. Er arbeitete seit Kurzem für unseren Vater und beaufsichtigte die Eröffnung einer neuen Immobilie auf Hawaii: einer kleinen, gleich am Meer gelegenen Enklave am North Shore von Kauai.
Sam war wegen des Essens nach New York geflogen. Anscheinend war er nicht ganz glücklich, dass mein Vater auf seinem Kommen bestanden hatte, zumal Tommy während des eigentlichen Essens kaum am Tisch saß, sondern auf dem Bürgersteig auf und ab marschierte, um ein dienstliches Gespräch zu führen.
Sam betrachtete Tommy immer wieder durchs Fenster hindurch. Auch Tommy arbeitete für unseren Vater, und zwar schon länger als Sam. Ich konnte Sam nicht ansehen, ob er eifersüchtig war, weil Tommy einen Grund hatte, nicht mit am Tisch zu sitzen. Oder eifersüchtig, weil Tommy einen Grund hatte, nicht am Tisch zu sitzen, der nichts mit ihm, Sam, zu tun hatte.
So oder so unterhielt ich mich lieber mit Grace, die an meiner anderen Seite saß.
»Dein Vater hat mir erzählt, dass du gerade deinen eigenen Betrieb eröffnet hast«, sagte sie. »Das klingt wirklich aufregend.«
Ich mochte Grace schon immer. Sie war still und blitzgescheit und arbeitete schon für meinen Vater, als ich noch ein kleines Mädchen war. Fast so lange wie Joe – sie und Joe waren die beiden Berater, denen mein Vater am meisten vertraute. Mein Vater beschrieb Joe gern als denjenigen, der dafür sorgte, dass der Fahrplan eingehalten wurde, während Grace eine Art kreative Partnerin war. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl, dass sie sich wirklich freute, dass ich einen Kundenstamm hatte, dank dem ich meine Studiendarlehen abbezahlen (ein BA in Neurowissenschaften, gefolgt von einem Master in Architektur), meinen Job in einem Architekturbüro kündigen, eine Autowerkstatt in Cobble Hill zu einem Atelier umbauen und Chefin meiner eigenen Firma werden konnte.
Ich war stolz darauf, das alles ohne finanzielle Hilfestellung meines Vaters bewerkstelligt zu haben. Natürlich hatte er in meiner Jugend zu meinem Unterhalt beigetragen, aber sobald ich zu Hause auszog, verstand sich von selbst, dass ich allein zurechtkommen würde. Nicht weil ich die Märtyrerin spielen wollte, sondern weil es mir – und meiner Mutter – wichtig war, dass ich auf eigenen Füßen stand. So hatte sie mich erzogen. Zu viel Geld bringt Ärger, hatte sie immer gesagt. Mein Vater respektierte, dass sie und später ich es so wollten.
»Wir haben einen Standort auf der Nayarit-Halbinsel ausgekundschaftet«, sagte Grace. »Hat dein Vater dir davon erzählt?«
»Ich glaube nicht, nein.«
»Es gibt ein paar geologische Komplikationen, aber es ist etwas Besonderes. Wir wollen die Landschaft integrieren und wirklich auf Nachhaltigkeit und Gesundheit Wert legen. Nicht nur oberflächlich, sondern an einem Resort in Asien orientiert, das dein Vater gerade besucht hat. Mit einer Wellnessklinik und einem medizinischen Leiter. Das alles geht natürlich mit dem Design der Anlage los …«
Ich musste lächeln. Sicher war es kein Zufall, dass Grace dieses Thema ausgerechnet jetzt aufbrachte, wenige Wochen nachdem mein Vater einen Vortrag besucht hatte, den ich über die Auswirkungen der Bebauung auf Gesundheit und Lebenserwartung gehalten hatte. So war mein Vater – er sah eine Chance, mich einzubeziehen, und wollte sie ergreifen.
»Jedenfalls«, fuhr Grace fort, »hat er gehofft, das könnte interessant für dich klingen.«
Ich spürte die Veränderung in der Atmosphäre, als Sam sich plötzlich einklinkte. »Grace, du weißt doch, dass Nora keinen Wert auf unsere kleine Firma legt …«
Ich sah zu Sam hinüber. »Stimmt. Aber ich lege Wert darauf, für mich selbst zu sprechen.«
Dann wandte ich mich wieder Grace zu. Unterhaltungen wie diese hatte ich mit meinem Vater häufig geführt. Immer war die Antwort ein klares und schnelles Nein gewesen. Und trotzdem wusste ich diese Angebote zu schätzen. Ich war dankbar, dass mein Vater stolz auf den Weg war, den ich eingeschlagen hatte. Auch wenn ich mit seiner Arbeit nichts zu tun haben wollte.
»Ich bin im Moment komplett ausgelastet«, sagte ich.
»Sicher? Wir alle würden uns freuen, bei diesem Projekt mit dir zusammenzuarbeiten.«
»Ganz sicher. Aber danke, dass du fragst.«
Grace nickte und schien froh, das Thema abhaken zu können. Mich einzubeziehen, war die Mission meines Vaters, nicht ihre. Außerdem forderte er sie gerade gestikulierend auf, sich zu ihm und Onkel Joe am anderen Ende des Tischs zu gesellen.
»Ich komme wieder«, sagte sie.
Dann drückte sie meine Schulter, stand auf und ließ mich mit Sam allein.
»Dein eigener Betrieb, hm?«, sagte er. »Glückwunsch.«
Die Art, wie er das Glückwunsch in die Länge zog, ließ es klingen, als meine er das Gegenteil.
Ich zwang mich zu einem Lächeln und strich mein Kleid glatt. Unmittelbar vor dem Essen hatte ich ein Kundengespräch geführt und trug noch meine Arbeitskleidung: ein Kleid mit Knopfleiste und Loafer, ein Cordblazer. Meine langen Haare waren zu einem lockeren Knoten hochgesteckt. Ich fühlte mich von Sam (in seinem Wildledersakko und den Chelsea-Boots) abschätzig gemustert, als finde er mich gleichzeitig zu elegant und nicht elegant genug.
Ungerührt begegnete ich seinem Blick. Meine Mutter hatte mich früh gelehrt, der kürzeste Weg ins Unglück bestehe darin, sich zu sehr von der Missbilligung anderer Menschen beeindrucken zu lassen.
»Danke«, sagte ich.
»Dad sagt, dir steht ein fettes Honorar für einen Auftrag in Red Hook ins Haus?«, sagte Sam. »Eine Kunstgalerie oder so etwas?«
Es ging um eine Grundschule. Ich hatte fast zweieinhalb Jahre daran gearbeitet – zusammen mit einem Team von Ingenieuren, Pädagogen und Neurowissenschaftlern. Die Schule lag direkt am Wasser, hatte riesige Fenster und offene Klassenräume, alles drehte sich um natürliches Licht und frische Luft, um Platz zum Laufen und ungehinderte Bewegungsmöglichkeiten. The Record hatte das Projekt kürzlich in einer Titelgeschichte über Gebäude vorgestellt, die als Pionierleistungen im Zusammenspiel von Neuroarchitektur und Bildung gelten konnten. Die Resonanz auf meine Mitarbeit – die positive Aufnahme – war der Hauptgrund dafür, dass ich die Freiheit hatte, meine eigene Firma zu gründen.
»So ungefähr«, sagte ich.
»Wie viel Geld bringt dir das pro Jahr?«
»Wie bitte?«
Sam wandte den Blick nicht ab. »Ich frage mich nur. Rein aus geschäftlicher Perspektive.«
»Nun, aus geschäftlicher Perspektive würde ich sagen, dass dich das wahrhaftig nichts angeht.«
»Bis du Dads Angebot annimmst …«
Ich schaute durch das Fenster hinaus zu Tommy – als könnte er mich irgendwie retten. Aber er drehte mir den Rücken zu und bekam von meinem Blick nichts mit. Und selbst wenn, würde er mir sicher nicht spontan zu Hilfe eilen.
Ich konzentrierte mich wieder auf Sam und wollte ihn schon fragen, wie um alles in der Welt er auf die Idee kam, dass ich seinen Weg einschlagen wollte. Was den Job anging. Sein Leben. Irgendetwas. Aber dann machte ich mir klar, dass es hier nicht um mich ging. Wie immer, wenn Sam sich um etwas zu sorgen schien, ging es letztlich um ihn selbst.
»Für mich ist es cool, wenn du nicht einsteigen willst«, sagte er. »Auch wenn du das vielleicht nicht glaubst: Ich hab nichts gegen dich.«
»Warum solltest du auch etwas gegen mich haben? Du kennst mich kaum.«
Er nahm sein Bourbonglas und neigte es in meine Richtung. »Genau das könnte der erste Grund sein.«
***
»Ausgeschlossen, er ist nicht einfach gestürzt«, sagt Sam gerade.
Wir sind in die Küche umgezogen. Die Küche, die Morgan komplett ausräumen will – trotz der bodentiefen Fenster, die einen Blick in den Garten bieten, trotz der neu eingezogenen Decken, trotz des verspielten jägergrünen Bertazzoni-Herds.
Wir sind durch die zentrale Kücheninsel getrennt. Wie durch eine einvernehmliche Pufferzone. Oder einen unüberwindlichen Graben.
Sam steht am einen Ende der Kücheninsel, ich lehne am anderen. Wir beide vermeiden es, uns auf die Hocker zu setzen, und ziehen die Möglichkeit einer schnellen Flucht vor. Morgan ist schon gegangen. Sie ist auf dem Weg zurück nach Manhattan, um in der Gramercy Tavern einen Cocktail mit ihrer Hochzeitsplanerin zu trinken. Aus vielen Gründen beneide ich sie in diesem Augenblick.
»Was glaubst du denn, was genau passiert ist?«
»Dass ihm jemand geholfen hat«, sagt er. »Über die Klippe.«
»Gestoßen, meinst du? Mit Absicht?«
»Das ist beim Stoßen normalerweise der Fall.«
Ich wende mich von ihm ab. Das Cottage meines Vaters, Windbreak, war sein Refugium, sein ganz privater Ort. Dass er an jenem Abend allein dort gewesen war, erstaunte mich nicht. Er war oft allein dort. Außerdem hatte es eine gemeinsame Untersuchung der örtlichen Polizei und des internen Sicherheitspersonals von Noone Properties gegeben. Ihre Erkenntnisse deckten sich: Der Abend war regnerisch gewesen, der Klippenrand glatt. Es waren keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden oder Suizid gefunden worden. Er war einfach ausgerutscht.
»Ich habe gehört, es gab eine Untersuchung«, sage ich.
»Ja, gab es.« Sam zuckt die Achseln. Er wirkt unbeeindruckt von meinem Einwand. Von der Untersuchung. Von den Schlüssen, die gezogen worden sind. Ich fahre fort: »Und sie muss wirklich gründlich gewesen sein, wenn sie einen knappen Monat später schon zu den Akten gelegt wurde.«
Ich mustere meinen Bruder aufmerksam. Den verkrampften Kiefer, die starren Schultern. Als Jugendlicher hat er Baseball gespielt und war ein erstklassiger Pitcher. Wenn ich ihn derart konzentriert sehe, fokussiert und entschlossen, muss ich an diese Phase zurückdenken. An das Foto von ihm auf dem Pitcher’s Mound, das auf dem Schreibtisch meines Vaters stand. An Sams Gesicht, wenn er auf dem Spielfeld war. Seine Hingabe. Sein Talent.
Sam war der startende Pitcher für Vanderbilt im Jahr, als sie die D1-Meisterschaft gewannen. Kurz nach dem Studienabschluss wurde er in der zweiten Runde von den Minnesota Twins gedraftet. Aber schon in der zweiten Woche wurde er auf dem Weg zum Training von einem Gewitterregen überrascht, genau wie ein Fahrschüler, dessen Wagen mitten in Sams Jeep hineinraste. Sams Faust brach durch die Windschutzscheibe und wurde an zwei Stellen durchbohrt. Seine MLB-Karriere war zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
»Sam, ich verstehe, dass dich das beschäftigt …«
»So klingt es aber nicht.«
»Hast du denn irgendwelche Beweise, dass an dem Abend jemand bei ihm war?«
»Nein«, sagt er. »Aber das hat nichts zu bedeuten. Du weißt, wie viel Wert Dad auf seine Privatsphäre gelegt hat. An dem Abend gab es weniger Sicherheitspersonal, außer am Haupttor. Und dass niemand durch das Haupttor gekommen ist, bedeutet nicht, dass er nicht auf einem anderen Weg hineingelangt ist. Mir würden mehrere einfallen.«
»Klar. Aber … wer sollte einen Grund dazu haben?«
»Kannst du dich überhaupt an unseren Vater erinnern?«, fragt er.
Das soll ein Witz sein und auch wieder nicht. Auch wenn ich mich von den Geschäften meines Vaters immer ferngehalten habe, weiß ich sehr wohl, dass er seine eigene Art hatte, Dinge anzugehen. Einige respektierten ihn dafür, andere lehnten ihn ab. Professionell wie persönlich. Seine Befürworter nannten ihn anspruchsvoll, seine Kritiker anstrengend. In einer berühmten Geschichte heißt es, dass er am Tag vor der Eröffnung eines Hotels im Napa Valley, gleich bei St. Helena, eine letzte Runde übers Gelände drehte und unzufrieden war. Ein Bauprojekt am Highway 29 war bis zum zentralen Pool zu hören. Also verschob er die Eröffnung um sechs Monate (bis dahin sollte besagtes Bauprojekt fertig sein), entließ sämtliche Mitarbeiter und buchte alle Gäste, die fürs Eröffnungswochenende reserviert hatten, auf andere Luxushotels im Napa Valley um – auf eigene Rechnung. Natürlich bot er ihnen außerdem ein Gratiswochenende im Hotel an, sobald es tatsächlich eröffnete, wenn man am Pool erst mal seine Ruhe hatte.
Sam geht um die Kücheninsel herum und greift in seine Kuriertasche. Er nimmt einen blauen Ordner heraus und legt ihn vor mich auf die Arbeitsfläche. Der Ordner enthält einen dicken Stapel Papier. Sam fordert mich mit einer Geste auf, ihn zu öffnen.
»Was ist das?«
»Die aktuellste Version von Dads Testament, unter anderem. Wusstest du, dass er es dieses Jahr noch geändert hat?«
Ich schüttele den Kopf. Das wusste ich nicht.
»Ich weiß nicht, was vor seinen Änderungen drinstand und was ihn dazu veranlasst hat. Natürlich will mir keiner der Anwälte etwas sagen.«
Ich schaue ihn an und frage mich, worauf er hinauswill.
»Bist du auf irgendetwas Seltsames gestoßen?«
»Auf den ersten Blick nicht, nein.«
»Dann kann ich dir nicht folgen.«
»Meine Arbeitshypothese lautet, dass vielleicht etwas Seltsames drinstand, bevor er sich entscheid, es zu ändern.«
»Eine gewagte Hypothese. Wie denkt Tommy darüber?«
»Im Moment interessiert mich nicht besonders, wie Tommy über irgendetwas denkt.«
Die Anspannung in seiner Stimme entgeht mir nicht. »Was soll das heißen?«
Er schüttelt den Kopf und ignoriert meine Frage. »Du musst zugeben, dass das Timing auffällig ist«, sagt er. »Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ändert Dad sein Testament, und wenig später stirbt er …«
Ich schaue auf den blauen Ordner hinunter. Etwas in mir sträubt sich, ihn jetzt zu öffnen, als würde ich Sam damit signalisieren, dass ich ihm zustimme. Ich will nichts Unüberlegtes tun, wodurch wir plötzlich auf derselben Seite stehen könnten, einer Seite, an die er sich mit aller Gewalt klammern will.
»Woher weißt du das überhaupt?«, frage ich stattdessen »Über die Anwälte, meine ich.«
»Ich kann auf seinen Kalender zugreifen. Dad und Onkel Joe hatten in den vergangenen Wochen acht Meetings mit dem Team, das fürs Testament und den Grundbesitz zuständig ist. So viel Zeit? Sie müssen etwas … gründlich überdacht haben.«
Er schaut mich an, als würde das irgendetwas beweisen. Ich dagegen denke, dass eine Reihe von Treffen mit Anwälten und eine Testamentsänderung (die aus allen möglichen Gründen erfolgt sein kann) nicht nach einem Mordkomplott, sondern nach einem trauernden Sohn klingen, der verzweifelt nach Antworten sucht. Einem trauernden Sohn, der gleichzeitig eine Firma erbt.
»Nora, bevor du jetzt glaubst, ich wollte irgendwelchen Ärger schüren oder eine persönliche Rechnung begleichen …«
Ich hebe abwehrend die Hände, obwohl ich genau das gedacht habe.
»Das denke ich nicht.«
»Klar tust du das«, sagt er. »Aber nur, damit du Bescheid weißt: Es gibt keine zu begleichenden Rechnungen. Wenn überhaupt, dann entsteht der Ärger dadurch, dass ich das ganze Thema auf den Tisch bringe.«
»Wie meinst du das?«
»Dad hat seine Pläne mit uns durchgesprochen. Alles war prima. Nichts, was die gute Laune verdirbt. Wir haben gleiche Anteile bekommen. Tommy und ich …«
Tommy, der zwei Minuten älter als Sam ist, aber immer so getan hat, als wären es zehn Jahre. Er hat seine Abschlüsse in Jura und Wirtschaft gemacht, seine langjährige Freundin geheiratet und es in die Top-Positionen bei Noone Properties geschafft. All das vor seinem dreißigsten Geburtstag. Tommy, der, wie mein Vater immer scherzhaft behauptete, bei der Geburt eher wie mein Zwilling und nicht wieder der von Sam aussah. Wir beide haben die gleichen dunklen Haare und Augen, die gleichen langen Beine und die athletische Statur. Irgendwie müssen diese Merkmale von der väterlichen Seite stammen, obwohl man auf den ersten Blick denken könnte, wir kämen auf unsere jeweilige Mutter. Aber die Ähnlichkeit, gerade in unseren Gesichtszügen, lässt sich nicht leugnen – die leicht hochgezogenen Mundwinkel, unsere Wangenknochen. Obwohl die Übereinstimmungen, jedenfalls die offensichtlichen, damit auch enden.
Nicht dass Sam und ich uns ähnlicher wären. Sam, der jetzt vor mir steht. Sam, der seit dem Autounfall (wie hat mein Vater es noch ausgedrückt?) auf der Suche ist. Er hat an einem Internat in Connecticut Baseballunterricht gegeben, ist wegen eines Assistentenjobs bei ESPN nach Bristol gezogen und später zurück nach New York City und in die Firma unseres Vaters gekommen, wo er neben Tommy arbeitet.
Aus Gründen, die ich nachempfinden kann, erinnert mich seine Miene – misstrauisch und unglücklich – an unsere anderen Begegnungen seit dem Ende seiner Baseballkarriere.
Bisher begreife ich allerdings nicht, warum er derart neben sich steht. Liegt es wirklich daran, dass er glaubt, unserem Vater sei etwas zugestoßen? Oder sucht er nach etwas anderem?
»Der Punkt ist der«, sagt Sam. »Er hat Tommy und mir die Leitung übertragen.«
Er zuckt die Achseln. Ich kann sehen, wie überrascht er ist, dass unser Vater die Firma auch in seine Hände gelegt hat. Teils überrascht, teils stolz. Das wäre nicht nötig. Mein Vater hätte niemals einen der Söhne bevorzugt. So war er nicht. Hätte ich auch nur das geringste Interesse gezeigt, wäre ihm eine Idee gekommen, wie er uns alle hätte einbeziehen können.
»Das ist toll, Sam«, sage ich.
»Klar. Ich meine, er hat Onkel Joe wegen der Kontinuität an der Spitze belassen«, sagt er. »Eine logische Entscheidung, aber Onkel Joe bleibt nur für begrenzte Zeit. Vierzehn Monate. Genug, um die Investoren zu beruhigen und die Abläufe stabil zu halten. Das hat Dad genau festgelegt. Danach leiten Tommy und ich die Firma.«
»Wo ist das Problem? Ist es nicht das, was du willst?«
»Frag mich mal, wann Dad das alles mit uns besprochen hat. Seine Pläne für die Firma, die Einzelheiten …«
»Wann?«
»Acht Tage vor seinem Tod.«
Die Überraschung muss mir anzusehen sein, denn Sam legt nach. »Seltsam, findest du nicht?«, fragt er.
»Oder ein Zufall.«
»Ein ziemlich seltsamer Zufall.«
Ich schaue ihm in die Augen. »Sam, ich denke nur …«
»Du denkst was?«
»Ich verstehe, wie hart das alles ist. Auch für mich ist es hart. Aber nur auf ein Gefühl hin …«
»Es ist mehr als ein Gefühl«, beharrt er. »Wenn du ein Problem damit hast, dass es nur um das Timing des Testaments geht, dann schieb es von mir aus auf den Zufall. Ich kann das Gegenteil nicht beweisen. Aber das ändert nichts daran, dass Dad sich ziemlich komisch verhalten hat.«
»Definier mir ›komisch‹.«
»Zerfahren, abwesend. Er war seltener im Büro. Du weißt selbst, dass er sich nie in die Karten sehen lassen wollte, aber er war nicht er selbst.«
Er sieht mich an, als wäre damit alles gesagt. Aber für mich sagt es nur, dass mein Bruder sich in den Kopf gesetzt hat, dass mit unserem Vater etwas nicht stimmte. Etwas, wovon ich, wenn er recht hat, nichts wusste. Die Vorstellung, dass ich es nicht mitbekommen habe, lässt etwas in mir aufbrechen. Der Gedanke daran, warum ich es nicht mitbekommen habe. Ich spüre eine körperliche Reaktion: ein Trommeln und Pulsieren im Kopf, eine Spannung in der Haut, eine Hitze hinter meinen Augen.
»Du hast noch nichts gesagt, was dagegenspricht, dass er an dem Abend von der Klippe gestürzt ist.«
Er nickt. »Außer dem einen Punkt, den ich dir nicht sagen muss.«
Ich schaue weg. Das Trommeln wird lauter. Windbreak war der Lieblingsort meines Vaters. Sein privates Refugium. Er kannte es wie seine Westentasche. Regnerischer Abend hin oder her, zu viel Bourbon oder nicht, mondloser oder bewölkter Himmel: Hätte er wirklich vergessen, wo die Felsen begannen? Wo sie endeten?
»Könntest du mir einfach einen Gefallen tun?«, fragt Sam. »Ich fliege morgen hin und schaue mich in Windbreak um. Dann treffe ich mich mit dem Hausverwalter und der Polizei. Mal sehen, ob ich herausfinde, was an dem Abend wirklich passiert ist.«
»Und der Gefallen?«
»Komm mit.«
Ich lache laut auf, dann reiße ich mich zusammen. »Nach Kalifornien? Nein. Das meinst du nicht ernst.«
»Doch.«
Das meint er ernst. Ich will noch einmal bekräftigen, dass ich seinen Plan ablehne, als ich in seinen Augen, diesen vertrauten Augen, sehe, wie unangenehm es ihm ist, hier vor mir zu stehen und mich zu bitten, für ihn da zu sein. Es bremst mich komplett aus, zum Teil, weil ich diesen Zug zum ersten Mal an ihm wahrnehme – es ist das erste Mal, dass er sich mir gegenüber verletzlich zeigt. Gleichzeitig wirkt sein Gesicht völlig verändert: die Falten um seine Augen herum sind tiefer, die Stirn gerunzelt. Wie durch einen Zaubertrick habe ich das Gefühl, vor meinem Vater zu stehen.
Ich öffne den Ordner und blättere den dicken, mit Büroklammern vorsortierten und beschrifteten Papierstapel durch. Sam hat sogar mit farbigen Codes gearbeitet.
»Das Testament ist vor zwei Wochen eröffnet worden«, sagt er. »Hättest du mal zurückgerufen, wüsstest du jetzt, dass er es dir vermacht hat.«
Ich hebe den Blick. »Was hat er mir vermacht?«
»Windbreak.«
Ich versuche, keine Reaktion zu zeigen, dabei spüre ich, wie mein Gesicht heiß wird und rot anläuft. Plötzlich fällt mir eins der letzten Gespräche mit meinem Vater wieder ein. Er rief mich an und bat mich, ihn in Windbreak zu besuchen. Ich war nicht oft mit ihm dort gewesen, nur einige Male während meiner Jugend und ganz gelegentlich als Erwachsene.
Windbreak war der Ort, an dem er auftankte und den er oft allein besuchte. Entsprechend überrascht reagierte ich auf den Anruf. Diese Überraschung ließ ein wenig nach, als er sagte: Ich könnte ein paar Tipps zur Renovierung brauchen. Ich möchte das ein oder andere verändern. Aber ich vertröstete ihn. Ich sagte, ich hätte zu viel Arbeit. Was auch stimmte. Aber wenn ich ehrlich bin, ging es nicht nur um die Arbeit. Ich war wütend. Ich wollte ihm den Gefallen nicht tun.
Ich spüre eine Enge in der Brust.
»Sam …«
»Wenn du recht hast und ich totalen Unsinn rede, können wir morgen mit dem Nachtflug zurückkommen.«
Er nimmt den Ordner, schlägt die erste Seite auf und deutet auf ein einzelnes Blatt mit dem Flugplan.
»Würdest du einfach darüber nachdenken?«
Ich starre auf die Informationen: Flughafen, Flugnummer und in Fettdruck die Abflugzeit. 10:08 Uhr. Morgen.
Ich klappe den Ordner zu und will Nein sagen.
Aber als ich wieder aufblicke, ist mein Bruder schon weg.
Ich steige in die Subway und mache mich auf den Heimweg.
Als ich mich auf die Sitzbank quetsche, nehme ich sofort den blauen Ordner zur Hand und gehe die Dokumente durch: eine Kopie des Testaments meines Vaters, die Besitzurkunde für Windbreak, den ganzseitigen Nachruf aus der New York Times. Weil es keine Beerdigung gab, musste ich mich um nichts davon kümmern. Mein Vater hatte verbrannt werden wollen, seine Asche sollte auf dem Gelände von Windbreak und dem darunterliegenden Ozean verstreut werden. Für die praktische Ausführung war mein Onkel Joe verantwortlich.
Ich nehme den Nachruf (ihn habe ich als Einziges schon gelesen) und konzentriere mich auf das Foto meines Vaters. Er steht mit verschränkten Armen auf der Kuppe eines üppig bewachsenen Hügels, im Hintergrund sind die San Ysidro Mountains zu erkennen. Die Bildunterschrift lautet: Liam Samuel Noone, Gründer vonNoone Properties & Resorts, fotografiert vor seinem VorzeigehotelThe Ranch.
Ein Sternchen neben dem Namen meines Vaters erklärt, dass Noone wie noon, die Mittagszeit, ausgesprochen wird, nicht wie no one, niemand. Wobei ich weiß, dass mein Vater sich manchmal über die falsche Aussprache amüsierte. »No one Properties«, sagte er dann, wäre doch der perfekte Ort für jemanden, der auf der Flucht ist.
Ich konzentriere mich auf die Aufnahme. Mein Vater wirkt vor der bergigen Kulisse stark, ernsthaft und männlich. Es überrascht mich nicht, dass die Zeitung sich für dieses Motiv entschieden hat.
The Ranch war die erste Immobilie, die mein Vater hat bauen lassen, nachdem er bei Hayes die Leitung übernommen hat. Das Foto unterstreicht den oft beschriebenen legendären Aspekt der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Karriere meines Vaters. Liam Noone, in Brooklyn als einziges Kind irischer und russischer Immigranten geboren, der Vater Klempner, die Mutter seine Buchhalterin. Er war der Erste in der Familie, der das College besuchte, von der Yale University ganz zu schweigen. Dort schloss er als Jahrgangsbester ab, erwarb an der Columbia seinen betriebswirtschaftlichen Abschluss, und das als einer der drei Besten. Anschließend übernahm er die Stelle als Betriebsleiter bei Hayes Hotels, einer Hotelkette in Familienbesitz, die an der Ostküste fünf Immobilien besaß. Die Entscheidung für einen derart kleinen Betrieb mochte nach gängigen Maßstäben verwunderlich gewesen sein, zumal die Stelle deutlich weniger lukrativ war als das Einstiegsgehalt bei einer der großen Consultingfirmen oder Investmentbanken, die um Top-Studenten wie ihn warben.
Aber als Walter Hayes starb, vermachte er die Firma meinem Vater (»dem anspruchsvollsten jungen leitenden Angestellten, der mir je begegnet ist«), der die kleine Hotelkette in das führende Imperium luxuriöser Boutiquehotels und Resorts in Nordamerika verwandelte: dreißig Fünfsternehotels, achtzehn weitere waren in Planung. Ein Milliardenimperium. Auf dem Weg dorthin wurde er selbst zu einem extrem wohlhabenden Mann. Einem weitgehend anonym bleibenden wohlhabenden Mann, der nie zum Gesicht einer Marke werden, sondern die Immobilien für sich sprechen lassen wollte. Jede einzelne hatte ihre eigene besondere Geschichte – ihren eigenen Mythos, der den Wunsch weckte, dort zu wohnen. Bucketlist-Hotels, die, wie Liam Noone unermüdlich versicherte, regelmäßig die Erwartungen übertrafen.
Ich wende mich dem ersten Absatz zu, der sich aufs Privatleben konzentriert und hervorhebt, dass mein Vater drei Kinder hinterlässt: eine Tochter aus erster Ehe, zwei Söhne aus der zweiten. Von seinen Ehefrauen oder dem Umstand, dass sie alle zu Ex-Ehefrauen wurden, ist nicht die Rede. Genau so hätte mein Vater es gewollt.
Er war dreimal verheiratet, aber wirkliche Trennungen fanden nie statt. Auch nach dem Ende der Ehe mit meiner Mutter blieb er ein Bestandteil unseres Zuhauses. Er steckte viel Engagement in eine gute Beziehung zu mir und legte Wert darauf, dass mein Leben durch die Trennung der Eltern so wenig wie möglich belastet wurde. Aber es ging nicht nur um mich. Mein Vater wollte auch sein eigenes Leben – all seine Leben – so wenig wie möglich belasten. Das mit mir und meiner Mutter, das er zu erhalten versuchte; das Leben mit seiner neuen Familie; und schließlich das mit seiner noch neueren Familie. Es schien, als gelänge ihm das nur, weil seine Welten sich nie überschnitten; dann konnte er so tun, als würde er ausschließlich in der jeweils aktuellen leben.
