Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Till Türmer und die Angst vor dem Tod E-Book

Andreas Klaene

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E-Book-Beschreibung Till Türmer und die Angst vor dem Tod - Andreas Klaene

Von einem, der auszog, das Fürchten zu verlernen. - Till hat alles im Griff. Bis er begreift, dass die Frau, die er liebt, Bestatterin ist. Wenn er geahnt hätte, womit diese Frau ihr Geld verdient, hätte Till Türmer die Finger von ihr gelassen. Aber er kennt zunächst „nur“ ihre ausgesprochen attraktiven Seiten, und die ziehen ihn dermaßen an, dass aus seiner Faszination schnell Liebe wird. Als er in einer intimen Situation begreift, dass diese Sarah Sternfeld Bestatterin ist, reagiert er entsetzt: Ihre zärtlichen Hände machen sich schließlich auch an Toten zu schaffen. Mit grotesk-komischen Momenten und respektvollem Humor bricht das Buch Berührungsängste vor dem Tod. Till Türmer ist jemand, der sich mit dem Gedanken an die Endlichkeit schwertut. Darum hat Andreas Klaene als Schauplatz seines Romans die ostfriesische Nordseeküste gewählt, jene Gegend, in der die Unendlichkeit zu Hause ist. Nicht zuletzt die ergreifenden und würdevollen Szenen aus dem Alltag der Bestatterin sind ein liebevolles Lehrstück über das Leben.

Meinungen über das E-Book Till Türmer und die Angst vor dem Tod - Andreas Klaene

E-Book-Leseprobe Till Türmer und die Angst vor dem Tod - Andreas Klaene

Till Türmer und die Angst vor dem Tod

Andreas Klaene

Inhaltsverzeichnis
Wahrheit
Der Brief
Deichnacht
Verdrängter Anruf
Entdeckung
Pelorus Jack
Die Ausstellung
Die Pianistin
Ende einer Teestunde
Im Trockendock
Kurs auf Manslagt
Ausritt
Schock
Bitte einer Sterbenden
Sekt im Hafen
Die Entschuldigung
Fragen
Nacht mit Rubinstein
Marias Glück
Der Ort letzten Geschehens
Harte Brocken
Im Angesicht der Endlichkeit
Das Vermächtnis
Danksagung

Wahrheit

Nie erfuhr jemand, wie seine Briefe entstanden. Ihre Vorgeschichte war ein Geheimnis, das zwei Menschen behüteten. Der eine war Till Türmer, der andere sein jeweiliger Auftraggeber. Und in dessen Namen schrieb er. Männer wie Frauen trugen ihre sehr speziellen Wünsche an Till heran, Menschen aus allen Schichten und von überall her. Sie fanden ihn im Internet oder kamen durch diskrete Empfehlung mit ihm in Kontakt. Jeder von ihnen führte etwas anderes im Schilde. Nur eines hatten sie alle gemeinsam: ein Problem, das ihnen schmerzhaft schon viel zu lange unter den Nägeln brannte. Manchen raubte es regelrecht den Lebenswillen.

Sie alle hatten versucht, ihre Not mit eigenen Mitteln aus der Welt zu schaffen. Aber sie waren gescheitert. Ihnen fehlten die Worte, mit denen es möglich war, die Ehefrau oder Geliebte zur Rückkehr zu bewegen, dem mächtigen Konzern einen stattlichen Schadensersatz zu entlocken oder die ehelichen Fehltritte so zu erklären, dass ein Gleichschritt wieder möglich wurde.

Till Türmer hatte diese Worte, aber sie standen nicht für ihn griffbereit wie die Bücher in seinem hellen, puristischen Arbeitszimmer. Dort stand ganz hinten neben dem Fenster ein kleiner Schreibtisch mit Beinen aus Metallstangen. Auf der schwarzen Glasplatte duldete er nichts außer seinen Laptop und ein Heft für Notizen. Was er sonst noch für seine Arbeit brauchte, holte er sich aus der ostfriesischen Weite, in der er zu Hause war. Bevor er zu schreiben begann, stellte er Fragen. Entweder bei einem Besuch in der Wohnung seines Kunden oder in der anonymen Atmosphäre einer Hotellounge. Meistens aber am Telefon. Für seine Fragen nahm er sich die Zeit, die er brauchte. Es war ihm wichtig, sich ein möglichst klares Bild von seinem Auftraggeber zu verschaffen und zu begreifen, was der Empfänger des Briefes für ein Mensch war.

Manchmal dachte er, wenn ich etwas besser kann als andere, dann höchstens dies: Menschen erkennen, auch ihre geheimnisvollen, dunklen Seiten durchschauen. Sein Talent schützte ihn vor beruflichen Halsbrüchen. Äußerst selten kam es vor, dass sich diese Gabe aus dem Staub machte.

Solch eine dunkle Seite erahnte Till auch, als er sein erstes Telefonat mit einem angeblich wohlhabenden Unternehmensberater aus Mün­chen hatte. Nach nur ein paar Worten des Anrufers witterte er nichts Gutes. Nicht, dass er dessen Namen gekannt oder damit etwas Negatives verbunden hätte. Dennoch schlug etwas in ihm Alarm, als der Fremde sich mit Marco Grossanter meldete. Denn er begnügte sich nicht damit, seinen Namen lediglich zu nennen, er zelebrierte ihn. Silbe für Silbe. Seine dunkle Stimme kam so weich herüber wie ein wertvoller Cognac. Gleichzeitig intonierte er Vor- und Zuname wie die Hymne eines Giganten, ganz dezent untermalt mit der Melodie charmanter Gerissenheit. Till war das zu viel Inszenierung, um noch an Seriosität glauben zu können. Dann zog Grossanter das nächste Register, indem er versuchte, ihn bei seiner Eitelkeit zu packen.

»Ich habe lange gesucht und mir so einige Profis angeschaut«, sagte er, »auch so ein Pressemensch vom Bayerischen Rundfunk war dabei. Aber die haben mich alle nicht überzeugt.«

Bei Till kam das allerdings anders an, als Grossanter glaubte. Er stand am Fenster mit dem Telefon am Ohr und verzog sein Gesicht wie einer, der in Faules biss. Diese Aussage war eine Beleidigung, wenn der Mann glaubte, sein Gesprächspartner sei naiv genug, um sie für bare Münze zu nehmen.

Trotzdem hörte er sich an, was Grossanter von ihm wollte, was allerdings dazu führte, dass er Tage später Zweifel an seinem Einschätzungsvermögen bekam. Zuerst sprach der Anrufer nur vage von einer Familienangelegenheit. Till musste mehrmals nachhaken, bekam aber kaum eine konkretere Antwort. Da die meisten ihn kontaktierten, weil ihre Beziehung in die Brüche gegangen war, fragte er schließlich, ob es um seine Frau gehe, und der Mann sprang umgehend darauf an. Damit war Till aber wenig geholfen. Ihm kam es so vor, als hätte er Grossanter mit seiner Frage erst die Idee für ein gar nicht vorhandenes Problemthema gereicht, das er nun einfach weiterzuspinnen brauchte. Er erzählte dann, dass seine Frau ihn verlassen habe. »Verstehe das, wer will«, sagte er. »Jahrelang habe ich ihr alles, was ihr Herz begehrt, auf ’nem goldenen Tablett serviert.«

Till stellte noch ein paar Fragen, um die Geschichte fürs Erste ein wenig besser einschätzen zu können, und ließ sich schließlich darauf ein, einen nächsten Telefontermin zu machen.

Zwei Tage später tat er mit dem Münchner Unternehmensberater, was er vor Beginn seiner eigentlichen Arbeit mit jedem Auftraggeber tat. Höflich aber unmissverständlich sagte er ihm: »Ich bin bereit, eine Menge Zeit in Ihre Sache zu investieren. Aber nur, wenn Sie bereit sind, auf meine Fragen ehrlich zu antworten. Auf alle! Ich akzeptiere, wenn Sie über irgendetwas nicht sprechen wollen. Dann sagen Sie mir das! Aber verzichten Sie auf Unwahrheiten! Dann würde unser Schuss nämlich nach hinten losgehen, und dafür ist mir meine Zeit zu schade.«

Unmittelbar nach diesem Hinweis glaubte Till am anderen Ende der Leitung eine Spur Unsicherheit zu bemerken. Marco Grossanter, der bisher mit aufgeblasener Souveränität geredet hatte, schwieg etwa zwei Sekunden. Dann kam ein Räuspern. »Ist mir schon klar«, sagte er, »aber mit der Ehrlichkeit ist das ja so eine Sache.«

»Was für eine Sache?«

»So manche Ehrlichkeit wirkt halt hochexplosiv. Das kennen Sie doch auch.«

»Wie meinen Sie das?«

»Na ja, wenn man jemanden vernichten will, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen, reicht es manchmal schon, einfach mal eine Wahrheit auszuplaudern.«

»Was soll das? Wenn ich Sie recht verstanden habe, wollen Sie Ihre Frau nicht vernichten sondern zurückgewinnen.«

»Ist schon richtig, Herr Türmer.«

»Okay, dann plaudern Sie jetzt doch einfach mal Klartext, und ich werde sehen, ob ich Ihnen tatsächlich helfen kann.«

»Ich bin mir sicher, dass Sie das können. Aber für den Klartext lassen Sie mir bitte noch ein paar Tage Zeit. Dann weiß ich mehr.«

»Ist mir recht«, sagte Till, und indem er das aussprach, merkte er, dass er es überhaupt nicht bedauern würde, nie wieder von diesem Mann zu hören.

Der Brief

Till schrieb im Laufe von Jahren viele Briefe in geheimer Mission. Auch für Menschen, die er nicht mochte. Sympathie war für ihn bei diesen Aktionen nicht elementar. Aber eine andere Voraussetzung brauchte er. Zumindest dann, wenn es darum ging, eine Beziehung zu retten: Er wollte bei seinem Auftraggeber die Bereitschaft erkennen, auch das eigene Verhalten kritisch zu betrachten. Schnell erkannte er, ob solche Offenheit vorhanden war. Wenn er feststellte, dass es daran mangelte, blockte er ab. Er hatte keine Lust, der Selbstherrlichkeit eines Kunden mit einem ausgefeilten Brief noch Format zu geben. Denn ursprünglich war es nicht von ihm geplant, solche Briefe zu schreiben und daran auch noch zu verdienen. Sein Geld kam recht gut durch Werbetexte herein. Außerdem schrieb er Biografien. Die meisten für Menschen, die es hoch hinaus geschafft hatten und für Unternehmer, die sich einen Aufstieg ausrechneten, indem sie Kunden und Geschäftspartnern einen Lesestoff gaben, der sie neugierig machte. Denn wenn Till über sie schrieb, ging es nicht um ihre Produkte und Leistungen. Er präsentierte den Menschen, der hinter dem Unternehmen stand, seine Persönlichkeit mit allen Ecken, Sorgenfalten und Durchhaltekanten.

Zu seinem ersten Brief ganz spezieller Art hatte er sich von einem Freund hinreißen lassen. Dessen Ehe war kontinuierlich einem Abgrund entgegengerutscht.

»Wir können überhaupt nicht mehr miteinander reden«, hatte Hannes manchmal zu Till gesagt, bevor seine Frau mit beiden Kindern ausgezogen war. Der Mann sah keine Möglichkeit mehr, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Mehrfach hatte er versucht, ihr seine Gedanken zu schreiben, doch in seiner Verzweiflung brachte er nichts als unglaubwürdige Entschuldigungen und schwer zu schluckende Vorwürfe zu Papier. Hannes schickte keinen seiner Briefe ab, aber den letzten Versuch legte er Till auf den Tisch. Der sagte: »Darf ich dir mal ein paar Fragen stellen?«

Hannes war offen für alles. Aus ein paar Fragen wurde ein ganzer Fragenkatalog. Auf diese Weise brachte Till seinen Freund auf Gedanken, die er sich zuvor kaum oder gar nicht gemacht hatte. Es ging um Träume und Ziele, die Hannes lange vor seiner Ehe hatte, um das, was er an Ines einst geliebt und das, was sie an ihm besonders verehrt hatte, als die Zukunft noch vor ihnen lag. Till wollte auch wissen, wie Ines großgeworden war, welche Erfolge es in ihrer Geschichte gegeben hatte, und in welche Fallgruben sie geraten war. Hannes hingegen wollte Tills Rat, doch den bekam er nicht. Der stellte nur Fragen. Bis spät in die Nacht.

Hannes hatte kein Problem damit, offen zu antworten, so sehr ihm die Fragen auch unter die Haut gingen. Was ihn aufwühlte, waren seine eigenen Antworten. Er war zwar keiner, der nah am Wasser gebaut hatte, aber an diesem Abend blickte er mit Tränen in den Augen auf Ines und auf sich selbst. Am Ende hatte Till viel über seinen Freund und auch über Ines erfahren, und auch so manches, was nie zuvor irgendwo ausgesprochen worden war. Hannes hatte das Gefühl, mit all dem, was er sich nun selbst klar vor Augen gerückt hatte, noch einmal ganz neu mit seiner Frau durchstarten zu können. Er glaubte, genau zu wissen, was künftig anders gemacht werden musste, aber er hatte keine Ahnung, wie er Ines dazu bewegen sollte, ihn anzuhören. Auch jetzt würde er es nicht schaffen, all seine Gedanken auf gute Weise zu Papier zu bringen.

»Sag mal, Till, würdest du das für mich machen?«, fragte er wie einer, der darum bat, für ihn eine Karre Futter ins Löwengehege zu schieben.

Im ersten Moment hielt Till das Vorhaben seines Freundes für absurd. Er malte sich aus, wie es ihm vorkommen würde, wenn er am Ende eines langen Briefes »Dein Hannes« schreiben würde. Seine Skrupel wurden aber innerhalb von 24 Stunden von der Hoffnung auf einen Erfolg besiegt. So kam es, dass er seinen ersten Brief in geheimer Mission schrieb und erreichte, dass Ines mit ihren Kindern wieder nach Hause kam. Was darüber hinaus geschah, hätte er selbst nicht für möglich gehalten.

Till sprach Hannes nie wieder auf ihre gemeinsame Aktion an, und auch Hannes verlor lange Zeit kein Wort darüber. Erst etwa zwei Jahre später, bei einem zufälligen Treffen im Hafen von Greetsiel, hatte Hannes etwas zu berichten. Es war in einem Moment, als Ines mit den Kindern zu einer Eisdiele schlenderte.

Hannes nahm seinen Freund zur Seite. Sie lehnten sich an die Hafenmauer und blickten auf die vielen bunten Fischkutter, die vor ihnen im Wasser dümpelten, und Till spürte deutlich, wie ihm diesmal etwas unter die Haut ging. Und zwar als Hannes sagte: »Du glaubst gar nicht, wie oft ich mir deinen Brief hervorhole, die Kopie davon, und ihn lese.«

»Du meinst deinen Brief«, sagte Till, ohne seinen Blick von den Kuttern zu lassen.

»Lass man! – Ich lese ihn. Der bringt mich immer wieder in Spur. Und ich will dir sagen, dass es bei uns so gut läuft wie nie zuvor.«

Die Gespräche zwischen Till und seinen geheimnisvollen Brief­kunden fanden so gut wie ausnahmslos per Telefon statt. Er ließ nicht irgendwelche Leute, die ihn im Internet oder auf kaum nachvollziehbaren Wegen aufgestöbert hatten, in sein Allerheiligstes. So hätte er seine Wohnung mit den hohen Decken und dem alten Parkett nie bezeichnet, aber so empfand er sie, sobald jemand dort aufkreuzte, der dort nicht hingehörte. Sie lag im Herzen Aurichs, da, wo vor Jahrhunderten die Cirksenas herrschten. Sie waren die Fürsten, die man in diesem Küstenlandstrich Häuptlinge nannte. Ihr Geist und herber Charme schienen in dieser Stadt nie gestorben zu sein. In Aurichs alten Gemäuern lebten sie, und im zehneckigen Mauso­leum auf dem städtischen Friedhof wohnte, was von der Herrscherfamilie greifbar übriggeblieben war. Dort lagen unterm Gewölbe in prachtvollen Särgen ihre Gebeine.

Till fühlte sich mit der ostfriesischen Geschichte zwar verbunden wie das Deichschaf mit der Herde, dennoch blieb er dem Ort der letzten Ruhe fern. Auf Friedhöfen herrschte eine Stille, in der die Predigten der Grabsteine nicht zu überhören waren. Zu Hunderten erzählten sie ihm von seiner eigenen Endlichkeit. Was er brauchte, war die Ablenkung vom Tod. Bei seinen Briefkunden fand er sie. Indem er ihnen zuhörte, sich in sie und ihre Katastrophen hineindachte, bekam er den spürbaren Beleg für seine eigene Funktionstüchtigkeit. Er lebte, konnte helfen, wo scheinbar nichts mehr zu machen war, und erntete dafür so lauten Dank, dass er fürs Ticken der eigenen Uhr kein Ohr mehr hatte.

Seine vielen und langen Telefonate dienten nicht nur dem Schutz seines privaten Bereiches. Bei einer direkten Begegnung fiel es den meisten Kunden schwer, in Offenheit alle relevanten Intimitäten auszubreiten. Der Blickkontakt und das Gefühl, von Till unter die Lupe genommen zu werden, hemmte. Am Telefon taten sich die meisten leichter. Dort bekam er zwar nichts von ihrer Mimik und Gestik mit, aber das war kein Beinbruch. Er hatte es gelernt, aufmerksam zuzuhören. So aufmerksam, dass es ihm häufig gelang, Wesentliches zwischen den gesprochenen Zeilen zu entdecken. Wenn seine Gesprächspartner das merkten, fühlten sie sich nicht entlarvt. Im Gegenteil, es tat ihnen gut. Denn ihnen wurde klar, dass ihr Fragesteller ihnen so interessiert und hellwach zuhörte, wie sie es kaum woanders erlebt hatten.

In einem weiteren Telefonat mit Marco Grossanter bekam Till zwar einiges von diesem Mann zu hören, allerdings wenig von brauchbarer Substanz. Egal, ob er ihn nach seinem Werdegang fragte oder ob er lediglich wissen wollte, wann er geheiratet hatte, Grossanter wich aus. Dies allerdings äußerst professionell, indem er wortreiche Selbst­darstellungen inszenierte. Irgendjemand musste ihm etwas von der Kraft seiner sonoren Stimme erzählt haben. Jedenfalls modulierte er an ihr ebenso viel herum, wie er an seiner akzentuierten Aussprache nach langsam gewählten Worten feilte.

Sein Auftreten machte Till immer misstrauischer, denn so hatte sich noch niemand verhalten, der ihn um einen Brief gebeten hatte. Eines hatten nämlich all diese Auftraggeber gemeinsam: Ihrem ersten Anruf war immer eine lange Überlegung und auch eine gehörige Überwindung vorausgegangen. Und sobald sie Till am Telefon hatten, waren sie darauf aus, ihn erst einmal anzuhören. Sie wollten erspüren, mit wem sie es zu tun hatten, bevor sie den Mut aufbrachten, ihm von sich mitzuteilen, was sie noch keinem gesagt hatten.

Als Grossanter Till dann fragte, welche Zielgruppen er eigentlich habe und ob seine Briefeschreiberei sich überhaupt lohne, unterbrach er ihn: »Herr Grossanter, was wollen Sie eigentlich von mir? Falls Sie mit dem Gedanken spielen, mir eine Unternehmensberatung anzu­dienen, muss ich Sie enttäuschen.«

»Wo denken Sie hin? Das ist nur meine alte Consultant-Krankheit. Ständig dreht sich alles um Effizienz und Wachstum.«

Gleich darauf legte er eine Prise Reumütigkeit in seine Stimme und sagte: »Aber Sie haben schon recht, wird Zeit, dass ich lerne, im Privaten mal den Hebel umzulegen. – Womit wir übrigens schon bei meiner Frau wären, lieber Herr Türmer. Wenn ich mal offen und ganz ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich sie im ständigen Business-Fieber wohl zu lange vernachlässigt habe. Und nun ist sie auf einen ziemlich zweifelhaften Typ hereingefallen und meint, mich mit ihm an der Seite strafen zu können.«

Als Till nicht reagierte, sondern auf weitere Informationen wartete, sagte Grossanter: »Wenn Sie mir da helfen, können Sie Ihren üblichen Honorarsatz übrigens vergessen. Ich werde mich da gerne sehr groß­zügig zeigen. Ein pikantes Thema muss schließlich ordentliches Gewürz in die Kasse bringen, finde ich. Und nach allem, was ich über Sie gelesen habe, haben Sie vor pikanten Themen ja keine Angst, oder?«

»Sprechen wir doch mal über Sie. Wovor haben Sie Angst?«

»Angst?«, wiederholte er, indem er versuchte, das Wort zeitgewin­nend zu dehnen, »guter Hinweis! Wenn ich auf die Uhr sehe und unser Gespräch nicht sofort vertage, kriege ich Angst, meinen Termin zu verpassen.«

Schon am nächsten Tag rief der Mann aus München wieder an: »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.«

Grossanter schien draußen zu telefonieren und sich stimmlich gegen den Wind zu behaupten. »Samstag, also morgen, bin ich geschäftlich da oben bei Ihnen in der Ecke, ganz in Ihrer Nähe. Ist doch bestimmt in Ihrem Sinne, mich bei der Gelegenheit mal Face to Face zu durchleuchten!? Oder sehe ich das falsch?«

»Sie durchleuchten? Ist doch unnötig. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass aus unserem Projekt nur etwas werden kann, wenn Sie mit offenen Karten spielen. Also gehe ich davon aus, dass Sie bisher offen waren und mir nichts als Wahrheiten auf den Tisch gelegt haben.«

»Selbstredend, Herr Türmer, ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen! Aber trotzdem. Kann doch nur von Vorteil sein, einem wie Marco Grossanter mal in die Augen zu sehen. Meinen Sie nicht auch?«

Es war Überheblichkeit, ja, geradezu Selbstherrlichkeit, die Till aus fast allem heraushörte, was dieser Mann sagte. Darum konnte er auch seine Andeutung in Sachen Honorar nicht so ganz ernst nehmen. Dennoch fand er einen merkwürdig unbestimmten Reiz darin, ihn am Samstag zu treffen.

Als Till durch seinen Kalender klickte, fiel ihm ein, dass er sich fest vorgenommen hatte, Samstag zum Krankenhaus zu fahren. Allerdings nur so fest, dass er es lediglich in seinem Kopf notiert hatte, denn er wusste, dort würde es ihm leichter fallen, etwas zu löschen als in seinem Kalender. Schriftliche Eintragungen waren für ihn so etwas wie das Grün einer Ampel, das ihn zum Durchstarten verpflichtete.

Als er sich ganz kurz vorstellte, wie es für ihn sein würde, am Bett eines Kranken zu stehen, kam ihm Grossanters Idee geradezu willkommen. Allerdings mochte er sich das kaum eingestehen. Kurzum beschloss er, am Samstag um 18 Uhr Zeit zu haben. Als Treffpunkt schlug er das Hotel Lamberti-Palais in Aurich vor. Das konnte er zu Fuß von seiner Wohnung aus erreichen. Es hätte ihm nicht geschmeckt, für dieses Treffen mehr Aufwand zu betreiben. Darum fand er es prima, dass Grossanter auf Anhieb einverstanden war.

Nach dem Gespräch lehnte Till sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück. Er fuhr mit der Hand über sein kurzes Haar, als wäre er auf Suche nach dem Greifbaren, das er bei Grossanter nicht so richtig fand. Es störte ihn, dass er bei jedem Gedanken an ihn nur Klischees sah: gelackter Typ, protziger Schlitten und am Handgelenk eine jener ins Auge springenden Kapitalanlagen, deren Hauptaufgabe es nicht war, die Zeit anzuzeigen.

Till schaute aus dem Fenster, ließ das Gespräch einen Moment wirken. Sein Blick lag auf der langen Reihe alter Linden, die in einiger Entfernung an der Straße standen. Mit ihren hohen, schwarzen Stämmen standen sie da wie riesige Wächter, die schon immer dort waren und nie gehen würden. Sie strahlten eine Verlässlichkeit aus, die er bei Grossanter nicht fand. Sie sind alle gleich, dachte er, und doch verschieden. Mitten in der Reihe ein Baum, der sich Jahr für Jahr hervortat. Nicht jetzt, im Sommer, aber im Frühling. Dann fiel er Till auf, weil er in seiner ausladenden Krone als erster einen zarten Schimmer Grün zeigte. Zuerst waren es nur winzige Knospen, die sich sonnenhungrig aus den Zweigen quetschten. Dann sprangen sie auf, Tage bevor es die zahllosen Triebe der anderen alten Wächter nachmachten. Bis die Blätter sich entfaltet hatten und die Straße wie ein Dach beschatten.

Bäume hatten ihm etwas voraus, dachte Till. Sie kannten kein Miss­trauen, sorgten sich nicht um die Zukunft und stellten sich schon gar nicht die lähmende Frage, wie lang ihre Zukunft wohl sein könnte. Sie führten einfach ihr Leben, setzten mit ihren jungen Trieben in jedem Frühling alles daran, ihre Lebendigkeit zu zeigen. Sie fürchteten sich im Regen nicht vor der Trockenheit, wiegten sich im Wind, hatten nichts gegen Dunkelheit und entfalteten sich im Licht. Und wenn einer von ihnen starb, war es halt so. Er machte Platz für den nächsten, der als Winzling darauf wartete, aus der Erde zu sprießen und es dem alten gleich zu tun.

Till war anders, noch nicht so weit wie die Linden. Irgendwie war er froh, den alten Jupp am Samstagabend nun doch nicht im Kranken­haus besuchen zu müssen, dort, wo alles nach Endlichkeit roch.

Schon mehrfach hatte er in den letzten Tagen an einen Kollegen gedacht, mit dem er vor über zehn Jahren seine journalistische Ausbildung gemacht hatte. Till kannte keinen, der sich in Münchens Schickeria besser auskannte als Simon. Nicht, dass auch er zu diesem Volk gehörte, aber als freier Journalist des Bayerischen Rundfunks und Drehbuchautor roch er häufig direkt in das Milieu hinein, über das andere nur bewundernd in Magazinen lasen. Es war schon wieder ein Jahr her, dass Till sich die Zeit genommen hatte, auf einer Dienstfahrt in den Süden einen Abstecher nach München zu machen. Die beiden wollten sich damals nur auf einen Kaffee zusammensetzen, redeten aber bis zum späten Abend.

Jetzt rief er Simon an. Leider meldete sich nur die Stimme seines Anrufbeantworters. Wenn er diesen Mann nicht bestens gekannt hätte, wäre das, was da in sein Ohr drang, ein Grund gewesen, sofort wieder aufzulegen. Der Simon, den er nun hörte, war nicht der, dem er sich seit zwei Jahrzehnten verbunden fühlte. Hier klang er reserviert, kurz angebunden, fast wie einer, bei dem man sich für seinen Anruf entschuldigen musste. Till wusste, woran das lag. Für seinen Freund waren sämtliche Kommunikationstechniken durchaus zweckmäßige Werkzeuge, nie jedoch zeitraubende Quasselgeräte.

Till entschuldigte sich nicht, er fasste schnell für Simon zusammen, was über Marco Grossanter zu sagen war und was jeder wissen durfte. Abschließend bat er seinen Freund darum, ihm spätestens bis Samstagvormittag mitzuteilen, was er über diesen Mann wusste.

Am Samstagnachmittag schickte sein Freund endlich eine SMS. Darin stand: »Bin für den BR in Amman. Ziemlich eingespannt. Du und Grossanter? Lass die Finger von dem. Es sei denn, du willst ohne Honorar arbeiten. Nächste Woche mehr. Gruß, Simon!«

Till wurde ungeduldig, drückte auf Antwort, schrieb zurück.

»Danke, aber das ist mir zu wenig. Bitte ein bisschen konkreter, wenn möglich. Ich treffe ihn gleich.«

Die Antwort ließ auf sich warten. Noch eine Viertelstunde bis zum Treffen. Er machte sich auf den Weg zum Lamberti-Palais, zog unterwegs sein Handy aus der Tasche. Mit einer weiteren Info von Simon wäre er lieber in sein Gespräch gegangen. Till kam pünktlich an. Das hieß in seinem Fall, fünf Minuten vor dem Treffen. Ihm ging es nicht um Überpünktlichkeit. Wo auch immer er sich mit jemandem verabredete, wollte er der Erste sein. Manchmal kam er auch eine Viertelstunde früher. Er legte Wert darauf, sich mit dem Ort vertraut zu machen, die Atmosphäre zu schnuppern, möglichst genau zu wissen, wo er war.

In der Lounge war es still. Rechts von ihm blickte er auf eine zweiflügelige Tür, hinter der er einen Saal vermutete. Dumpf drang von dort die Unterhaltung einer größeren Gesellschaft zu ihm herüber, dann Gelächter. Die Tür öffnete sich, ein paar festlich gekleidete Frauen und Männer kamen heraus, gingen lachend durch die Hotelhalle, um vor der Eingangstür eine Zigarette zu rauchen. Till sah sich um, suchte sich einen Platz, von dem aus er durch die große Glasfront die Hotelzufahrt im Blick hatte.

Ein Kellner kam, fragte, ob der Herr einen Wunsch habe. Was Till sich wünschte, konnte dieser Mann ihm nicht geben. Weil er aber so aussah, als ließe er sich nicht davon abhalten, Wünsche zu erfüllen, bestellte Till einen Kaffee. Die überaus galante Bedienung verneigte sich tief. Zu tief, für Tills Geschmack, und sagte, was sein Gast befürchtet hatte: »Seeeeehr gern!« Dieses »Sehr« hatte der Kellner so sehr in die Länge gezogen, dass in Till etwas zu reißen drohte. Er mochte Höflichkeiten, wenn sie ehrlich waren. Wenn nicht, fühlte er sich dermaßen gestochen, dass es ihm schwerfiel, nicht unhöflich zu reagieren.

Zehn nach sechs brummte es in der Seitentasche seines Blazers. Nun war doch noch etwas von Simon gekommen. Eine ziemlich lange Nachricht – für seine Verhältnisse. Wieder wurde die Saaltür geöffnet. Die fröhliche Stimmung von nebenan gesellte sich wie ein Fremdkörper an Tills Seite. Er ignorierte sie, las, was Simon mitzuteilen hatte: »Der Mann hatte und hat nichts. Außer ein unverschämtes Selbstdarstellungstalent. Er hatte auch eine Frau. Eine ganz liebe. Millionenerbin. Ihr Geld hat er an der Börse verzockt. Gesessen hat er auch. Hat als Unternehmensberater Kunden betrogen und das Geld in ein paar Luxusschlitten und jede Menge Reisen gesteckt. Seine Frau ist jetzt mit dem Staatsanwalt liiert, der ihn ans Messer geliefert hat. Kein Witz! Das ist verbindlich. Sollte dir reichen. Halt die Ohren steif, mein Bester, und mach keinen Fehler.«

Für einen Augenblick wusste Till nicht so recht, wie er nun vorgehen sollte. Dann stellte er fest, dass er sich entspannt und sogar erleichtert fühlte. Denn was er erfahren hatte, bewies ihm, dass auf seinen Bauch doch noch Verlass war. Nun wollte er noch eine Zeitlang in seinem Ledersessel bleiben – in der Hoffnung, seinem Gast sehr bald in die Augen sehen zu können.

Fünf vor halb Sieben glitt eine stattliche PS-Eleganz langsam über die Hoteleinfahrt auf den Eingang zu. Ein schwarzer Jaguar. Eine maskuline Gestalt, die im Film prima die Gewinnergesellschaft verkörpern könnte, stieg aus, schritt geradewegs in die Eingangshalle, schwenkte einen kurzen Moment den Blick hin und her, bis er auf Till sicher landete.

Obwohl die Männer sich nie begegnet waren, wussten beide im selben Moment, wen sie vor sich hatten. Tills Gast trat im dunklen Anzug und mit einem Lächeln auf ihn zu und streckte ihm dynamisch die Hand entgegen.

»Marco Grossanter!«, sagte er, und augenblicklich war es wieder da, genau das, was Till schon am Telefon gestochen hatte, diese breite, tiefstimmige Inszenierung.

Till quittierte sie mit einem freundlichen Lächeln, in dem nur seine besten Freunde Ironie entdeckt hätten, und reichte ihm seine Hand. Wie einer, der nun umgehend zur Sache kommen wollte, ließ Grossanter sich auf dem Sessel gegenüber nieder. Sein eigentliches Thema sprach er dann aber doch nicht an, und eine Erklärung für seine Verspätung lieferte er auch nicht. Stattdessen formulierte er lobende Worte über die ostfriesische Küstenlandschaft und die Freiheit, die den Menschen dort mit der Weite schon in die Wiege gelegt werde.

»Sie wissen ja wahrscheinlich, was man sich über unseren Landstrich erzählt«, sagte Till.

Weil der Andere ihm mit fragendem Blick seine Ahnungslosigkeit zeigte, verriet er es ihm. »Dass man hier schon morgens sieht, wer einen abends besuchen kommt. Man hat also viel Zeit, sich auf seinen Gast vorzubereiten.«

Grossanter wollte darauf eingehen, aber Till hatte noch etwas anzuknüpfen. »Auch ich habe übrigens über die Freiheit nachgedacht, nicht nur über die ostfriesische. Wann hat Ihre Frau Sie eigentlich verlassen, während oder nach Ihrer Inhaftierung?«

»Verstehe.« Er kniff die Lippen zusammen. »Daher weht also der Küstenwind. Kompliment. Ich mag es ja, wenn einer nicht mit seinem Wissen hintern Berg hält und klar zur Sache kommt. Aber mit Ihrem Tempo – das muss ich gestehen – haben Sie mich nun doch ein wenig überrascht.«

Es gab eine kurze Unterbrechung, weil der Kellner kam und nun auch der neue Gast einen Kaffee bestellte.

»Kompliment, Herr Türmer«, sagte er noch einmal, diesmal sehr lang gedehnt, und sah Till so freundlich an, als hätte der ihm gerade einen Ball zugespielt. »Sie kommen ja schneller auf den Punkt als ich meine Karten auf den Tisch legen kann.«

»Welche wollten Sie denn gerade ausspielen?«

»Das hier ist kein Spiel«, sagte er ernst. »Da Sie bereits im Bilde sind, will ich Sie nicht mit der Vorgeschichte langweilen. Aber eines muss klar ausgesprochen werden …«

Grossanter beugte sich vor, stützte seine Ellenbogen auf die Oberschenkel und presste die Handflächen zusammen. »Ich habe einen Fehler gemacht, indem ich das Kapital meiner Kunden anders als vereinbart angelegt habe«, sagte er fast flüsternd. »Das ist ein No-Go, und dafür bin ich in den Knast gegangen. Außerdem habe ich dafür finanziell geblutet. Natürlich kann man die Sache auch anders sehen. Wenn das nicht aufgeflogen wäre, hätten meine Kunden Riesengewinne gemacht. Und keinen dieser Saubermänner, das können Sie mir glauben, Herr Türmer, hätte es einen Dreck interessiert, wie ich das gemacht habe. Damit will ich …«

Till stoppte ihn mit erhobener Hand. Er wollte nicht noch weitere Halbwahrheiten hören. Wenn Grossanter zugegeben hätte, mit dem ergaunerten Geld sein Luxusleben finanziert zu haben, wäre das immerhin eine beeindruckende Aussage gewesen. Eine, mit der er womöglich eine Tür bei Till hätte öffnen können. Nun blieb sie zu. Er hatte keine Lust mehr, in diesen Mann noch mehr Zeit zu investieren und machte Anstalten aufzustehen.

»Herr Grossanter, die Details Ihres Delikts spielen hier keine Rolle. Ich möchte Sie bitten, die Angelegenheit mit Ihrer Frau auf andere Weise zu lösen.«

»Moment! Machen Sie sich keine Sorgen, diese Geschichte ist längst völlig clean. Außerdem, mein Auftrag ist nicht irgendeiner. Das werden Sie schon noch feststellen. Da steckt eine Menge für Sie drin, weitaus mehr als Sie kalkulieren. Sie sollten also nicht so vorschnell urteilen, Herr Türmer.«

Till stand auf. Er sah seinen Gast an wie einen, der mit schwerem Gepäck zum Bahnsteig gehechelt kommt und feststellt, dass sein Zug ihm vor der Nase abgefahren ist.

»Herr Grossanter, Sie liefern mir nur Ihre Halbwahrheiten und begreifen nicht, wie unglaubwürdig Sie sich dadurch machen. Glauben Sie im Ernst, dass ich Ihnen helfen kann, wenn ich weiß, dass ich im Grunde nichts über Sie weiß? So kann aus Ihrem Plan nichts werden. Machen Sie’s gut!«

Er ging entschlossenen Schrittes durch die Hotelhalle, bezahlte beim Kellner seinen Kaffee und noch einen zweiten. Dann verschwand er hinter einer Tür.

Mit seinen dunkel glänzenden Marmorwänden bot ihm dieser weite Toilettenraum eine Art eleganter Klausur. Hier gab es keine scheinheiligen Gespräche, hier herrschte konzertante Stille, die durch leise Musik aus unsichtbaren Lautsprechern kam. Er hatte das Gefühl, sich die Hände waschen zu müssen, abzuspülen, was nach seiner Begegnung mit Grossanter an ihm klebte.

Till blieb vor der Wand am Ende des Raumes stehen. Er spürte, wie Gelassenheit sich in ihm ausbreitete. Seine Beine standen fest auf dem polierten Boden, er spürte seine Fußsohlen, genoss das Gefühl, am Pissoir mit jedem Atemzug mehr bei sich selbst anzukommen. Sein Blick haftete entspannt auf dem undurchsichtigen Glas eines auf Kipp gestellten Fensters, durch das das Tageslicht vom rückwärtigen Hotel-Parkplatz zu ihm schien.

Dann schaute er nach unten. Neben seinem rechten Fuß stakste eine Schnake auf ihren langen, zerbrechlich wirkenden Beinen über den dunkel glänzenden Boden. Ein Wesen, das an diesem Ort so fehl am Platz war wie ein Marco Grossanter, wenn er es sich in Tills Wohnzimmer gemütlichen machen würde. Er hob die Zehen an, schwenkte seinen Schuh langsam über das Insekt und senkte ihn wieder, bis es leise unter der Sohle knirschte.

Er war gerade im Begriff zu gehen, als die Stille plötzlich einen ganz anderen Klang bekam. Die Stimmen von zwei Frauen drangen aus allernächster Nähe zu ihm. Er schaute auf das Fenster, konnte die beiden durch das rubbelige Reliefglas schemenhaft sehen. Mit dem, was er dann hörte und belauschte, war inhaltlich zwar kaum etwas anzufangen, und doch scheuchte es sein Gehirn und seine Gefühle auf.

»Du willst doch jetzt nicht im Ernst wegfahren! Hast doch noch nicht mal ein Wort mit unserem Jubelpaar gesprochen.«

»Das muss aber sein«, sagte die andere mit einer merkwürdigen Bestimmtheit, in der allerdings nichts Hartes war. Stattdessen aber eine liebevolle Klarheit. So wie die einer Lieblingslehrerin, für die man sich gerne sogar an die unangenehmste Aufgabe heranmacht.

»Aber jetzt ist doch eh alles vorbei.«

»Wenn’s vorbei ist, heißt das aber nicht, dass alles zu spät ist«, hörte Till von der Lehrerinnenstimme.

»Keine Ahnung, was du damit meinst, ist auch egal, aber ich finde, dass du dir zumindest bis nach dem Essen Zeit lassen könntest.«

»Nein, Ute, ich muss zu ihr. Und zwar jetzt. Es geht doch nicht, dass sie da so allein liegenbleibt. Ich möchte erst einmal einfach bei ihr sein.«

Es war nicht nur Neugierde, die Till beim Belauschen dieses rätsel­haften Gesprächs aufhorchen ließ. Er fühlte sich angezogen von der Frau, die nun gleich mit so unbedingter Bestimmtheit abfahren würde, und in ihm flimmerte die Frage herum, woher diese Anziehung kam? Schließlich kannte er die Frau überhaupt nicht. Ihr Aussehen konnte auch nicht der Grund sein, weil sie für ihn durchs geriffelte Fenster nur als ein diffuser Flecken auszumachen war. Lag es an ihrer geheim­nisvollen Mission, an der liebevollen Klarheit, an ihrer Stimme?

Ja, ihre Stimme war nicht irgendeine. Er kannte dieses Timbre, diese Klarheit und Intensität. Und er ahnte, woher. Ihm kam eine Erin­nerung, die das Rätsel auf der Stelle zu lösen schien. Sogleich mischte sich allerdings die Einsicht dazwischen, dass diese Lösung keine sein konnte. Sie war viel zu unwahrscheinlich. Till blickte zur Seite auf die Marmorwand. Er versuchte, sich nur auf das zu konzentrieren, was er hörte. Bilder rasten durch seinen Kopf. Sie waren etwa drei Jahre alt. Bilder von einem Frühlingsabend und einer Nacht. Von einer Leidenschaft, die so köstlich nach Weite und Unendlichkeit schmeckte und noch in derselben Nacht wie weggesperrt verschwand.

Deichnacht

Die Luft war warm, ungewöhnlich sommerlich für diese Jahreszeit. Till war von einem Schulfreund zum 35. Geburtstag eingeladen worden, auf einem ehemaligen Bauernhof direkt hinter dem Deich. Die große Scheune mit ihren uralten Balken war zum Festsaal herausgeputzt. Unter ihrem mächtigen Dach duftete es nach Heu und verlockender Weiblichkeit, vor dem offenen Holztor nach Barbecue und salziger Meerluft. Die Stimmung kam an diesem Abend wie eine schleichende Flut daher. Unmerklich umspülte sie die große Gesellschaft. Sie riss Leinen los und zog hinaus, was da war. Keiner schien sich zu fragen, wohin er trieb. Man ließ sich einfach mitreißen, genoss die Ziellosigkeit eines von den Wellen getragenen Treibholzes.

Auch Katrin ließ sich mit der Menge treiben. Als Till sie entdeckte, behielt er sie wie ein nächtliches Leuchtfeuer im Blick. Er musste nicht lange auf sie zusteuern, er kam im Handumdrehen bei ihr an. Die beiden hatten viel mehr Themen als Möglichkeiten, sie alle in dieser aufgedrehten Gesellschaft zu bewältigen. Tanzend verwandelten sie alles um sich herum zum rotierenden Nebel. Der Raum, die Menschen verschwammen zu farbigen Linien, dann zu einer bedeutungslosen Fläche, auf der nur sie existierten. Es war schon weit nach Mitternacht. Aufgefordert von Zuccheros mediterraner Stimme bewegten ihre Körper sich im Takt der sanften Rhythmen. Sie gingen auf Tuchfühlung und blieben dort. Till legte seine Hände um Katrins Hüften, und sein Mund touchierte ihre Wange, als wäre es nicht zu vermeiden gewesen. Der letzte Akkord war noch nicht ganz verklungen, als Katrin seine Hand nahm.

»Komm!«, sagte sie in einer liebevollen Klarheit, als wäre alles, was nun passieren würde, eine diskret abgemachte Sache. Sie gingen durch die hohe, weit offen stehende Scheunentür nach draußen, vorbei an ein paar Gästen, die um den runden Grill geschart im nächtlichen Schwarz standen. Sie hatten die längst schlummernde Glut für ein paar restliche Steaks noch einmal in Gang gebracht. Das Flackern der Holzkohle warf rotes Licht auf ihre müden Gesichter, die nicht so aussahen, als würden sie das Paar bemerken, das neben ihnen aufgetaucht war und sogleich in der Nacht verschwand.

Den letzten schwachen Lichtschein, der aus der Scheune drang, hatten sie bereits ein paar Meter hinter sich gelassen. Vor ihnen musste die lange gepflasterte Hofzufahrt liegen. Davon gingen sie jedenfalls aus, weil sie Stunden zuvor aus dieser Richtung gekommen waren. Doch jetzt versteckte sie sich wie ein schwarzer Schlund, in den sie sich ohne ein Wort vorsichtig tapsend hinein begaben. Sobald sie eingetaucht waren, streckte Till seine Hand nach Katrin aus und bemerkte, dass ihre schon nach ihm suchte. Er nahm sie, und seine Handfläche und jedes Glied seiner Finger waren dabei hellwach. Sie umschlossen die kleine Hand behutsam wie eine Form, aus der anschließend eine Bronze gegossen werden sollte.

Langsam schlichen sie durch die Dunkelheit. Fast blind hatten sie sich bereits so weit vom Hof entfernt, dass Musik und Stimmen verschwanden. Nur Füße waren noch zu hören, wenn sie vom gepflas­terten Weg abkamen und die Steinchen im Gras zum Knirschen brachten.

Dann hielten sie kurz inne, sahen sich an und erkannten lediglich einen Scherenschnitt ihres Gegenübers, der sich kaum vom Nachtschwarz abhob. Aber mit jedem Meter, den sie gingen, gewöhnten sich ihre Augen mehr an das spärliche Licht. Bald hatten sie keine Mühe mehr, die Richtung zu halten. Der zunehmende Mond warf einen schwachen Schimmer silbern auf die Pflasterung. Er zeigte ihnen krumme, schwarze Stämme, die als skurrile Gestalten links und rechts von ihnen patrouillierten.

Sie erreichten das Ende des Weges, kamen an einer kleinen asphal­tierten Feldstraße an, die sich quer vor ihnen erstreckte. Unmittelbar hinter ihr erhob sich die ewig lange Deichlinie im schwachen Mondlicht.

Mitten auf der schmalen Fahrbahn blieben sie stehen. Till schloss Katrin nun einfach in seine Arme, und ihr Körper schmiegte sich an seinen, als hätte er schon lange auf diese Nähe gewartet. Als seine Lippen, wie zuvor beim Tanz, ihr Gesicht streiften, drückte sie ihn so innig, als wollte sie ihn nicht mehr loslassen. Er schloss sie in seine Arme. Einen Moment lang standen sie stumm auf dem Asphalt. Sein Mund berührte ihr Ohr.

»Mitten auf der Straße, nur die Dunkelheit schaut zu! – Das fühlt sich nach Freiheit an.«

»Ja. – Aber da ist noch jemand.«

»Wer sollte schon hier sein?«, fragte er, ohne seinen Mund von ihrem Ohr zu wenden.

»Die Weite. Sie ist bei uns. Ich kann sie fühlen.«

»Komm, wir holen uns mehr davon.«

Katrin sah ihn an. Eine Strähne ihres Haars wehte über seinen Mund. Dann zog er sie über die Straße bis zum Zaun am Fuß des Deiches.

»Wohin willst du?«, flüsterte sie, als könnte sie der nächtlichen Einsamkeit noch nicht so recht trauen.

»Dorthin, wo sie unendlich ist, die Weite.«

Ein Schotterweg führte schräg auf die grasbewachsene Anhöhe. Nach ein paar Metern endete er vor einem eisernen Gattertor. Das Mondlicht ließ die hüfthohen Gitterstäbe deutlich erkennen. Till tastete über das Metall, er wollte das Tor öffnen, aber der Deichschäfer hatte es verriegelt.

»Macht nichts«, sagte er, legte seine Hände auf das glatte Eisen, stemmte sich hoch und kletterte hinüber. Katrin wollte es ihm gleich tun, raffte ihr Kleid, schwang ein Bein übers Tor, und sobald sie auf der breiten Stange saß, hob er sie herüber. Ihre Hände griffen nacheinander, und sie stürmten übers Gras geradewegs auf den Deichkamm zu.

Oben angekommen blickten sie gen Westen, dorthin, wo die Nordsee sich noch in der schwarzen Nacht versteckte. Es herrschte eine seltene Stille, in der nur ein lauer Wind, der vom Meer herüberkam, leise den Ton angab.

»Schade, die Flut ist noch nicht da«, sagte er, während er nah hinter Katrin stand und sie ihren Kopf an ihn lehnte.

»Macht nichts«, sagte sie leise, »das Meer ist ja trotzdem da, so oder so. Immer, auch wenn wir es nicht sehen.« Sie drückte sich an ihn, und Tills Finger glitten über ihren Leib. Dann hob sie ihre Arme, legte ihre Hände in seinen Nacken, und er umfasste zärtlich ihr Gesicht. Eine Weile standen sie einfach da, ganz still, und schauten in die Finsternis, in deren Ferne das winzige Licht eines Schiffes zu erkennen war.

Als er dann ihren Nacken mit seinem Mund berührte, rangen ihre Hände nach allem, was von ihm greifbar war. Wie ein Sturm fuhren sie unter seine Jacke. Ihre Körper sanken hinab, erreichten das Deichgras wie zwei Athleten ihr gemeinsames Ziel. Till küsste Katrins Mund, dann mit liebender Hast ihre Schultern und ihren Leib, bis ihre Stimme ihn unterbrach.

»Gleich kommt die Flut, Till, sie kommt«, hörte er sie sagen und fühlte eine urplötzliche Windstille mitten im Orkan. Was sie gesagt hatte, begriff er wie eine liebende Forderung, eine, der er nicht ent­kommen konnte und wollte.

Einen Atemzug lang hallten in Till die Gespräche wider, die er mit ihr an diesem Abend gehabt hatte, und er ahnte, mit dieser Frau gegen den Strom schwimmen zu können.

Ein plötzlich herannahendes Geräusch durchdrang die Deichstille. Es kam näher. Sie lauschten, hörten ein tiefes, dumpfes »Rott-Rott-Rott«. Katrins Atem stockte.

»Was ist das?« flüsterte sie.

Lauschend hob er den Kopf. »Müssen Ringelgänse sein«, sagte er und schaute in das Schwarz des Himmels. »Klingt jedenfalls so. Aber die sind verdammt spät dran. Müssten schon längst weg sein.«

»Weg? Wohin?«

»Zur Paarung nach Lappland und in irgendwelche arktischen Gewässer. – Und dann bleiben sie zusammen.«

Sie legte ihre Hände auf seinen Rücken, zog ihn an sich heran. Wie in tosender See schwangen ihre Körper im Takt der Brandung. Till hatte das Gefühl, mit allem was er war, immer tiefer in Katrin zu ankern. Aber noch in derselben Nacht riss der Anker los.

Till blickte noch immer auf die glänzenden Fliesen in der Hoteltoilette, als suchte er in den grauen Fugen nach einem Weg zu der Stimme am Fenster, die ihn so in Aufruhr gebracht hatte. Gleichzeitig dachte er an Katrin, daran, wie sie sich ihr Kleid auf dem Deich überzog und ihn umarmte. Dann hörte er ihre Stimme, mit der sie leise und fasziniert sagte: »Absolute Nähe in absoluter Weite.« Aber sie hatte ihm noch mehr zu sagen. Nämlich, dass sie übermorgen nach Somalia fliege. Für einige Jahre. Im Dienst von Ärzte ohne Grenzen.

Er blickte wieder auf das Fenster. Dann drehte er sich um und hörte noch im Weggehen, wie die Unbekannte sagte: »Ich weiß, was zu tun ist. – Tut mir leid, Ute, muss jetzt wirklich los.«

In der Hotelhalle meldete sich sein Verstand. Der flüsterte ihm, dass er eine ziemlich lächerliche Figur darstellte. Also zwang er sich, nicht in Laufschritt zu geraten. Sein Blick zielte auf den Ausgang. Er ging forsch, dachte ganz kurz daran, nach rechts zu seinem verlassenen Gast zu sehen, ließ es aber sein. Draußen bog er um die Ecke, und sobald er die Fensterfront des Hotels hinter sich hatte, erlaubte er sich einen kurzen Sprint bis zur hinteren Ecke. Dort stoppte er. Seine Augen suchten nun an der roten Klinkerfassade das Fenster, hinter dem er soeben noch gestanden hatte.

Sofort war er sich sicher, das richtige gefunden zu haben. Eine junge Frau stand etwa dort, wo er kurz zuvor durchs Fenster diffus zwei Gestalten erkannt hatte. Das musste Ute sein. Sie hatte sich etwas von der Hauswand entfernt, stand nun auf dem gepflasterten Parkplatz und winkte jemandem zum Abschied. Till konnte gerade noch sehen, wem ihr Gruß galt. Am Straßenrand leuchteten die gelben Lichter eines kirschroten Minis auf. Eine kleine, zierliche Frau von vielleicht Mitte dreißig winkte zurück. Er wollte sich schnell einprägen, was er sah. Ihr volles dunkles Haar bedeckte halb ihre Schultern. Das Rot ihres Kleides war fast das gleiche wie das ihres Autos. Der schimmernde Stoff bedeckte nicht einfach ihren Körper, er hantierte sanft an ihren grazilen Formen. Dann schlug die Wagentür zu, und die Frau wurde wieder zu dem, was sie schon einmal war: nur eine Stimme hinter Glas, die in ihm etwas in Aufruhr brachte. Während die Unbekannte ihren Mini in Bewegung setzte und nichts als eine Parklücke hinterließ, wartete Till darauf, dass ihr Autokennzeichen zum Vorschein kam. Aber sie verschwand sogleich in der nächsten Seitenstraße, und was er erkennen konnte, war nur der erste Teil des Schildes: »AUR – S«.

Nun stand er da an der Hausecke wie jemand, der unmittelbar nach einem mitreißenden Film wieder in seine Realität zu springen hatte. Als er zur Seite blickte, sah er noch einmal die Frau, deren Name Ute sein musste. Sie drehte sich um und folgte einer Gruppe festlich gekleideter Leute, die alle auf den hinteren Eingang des Hotels zusteuerten. Till hatte das Gefühl, noch einen Versuch starten zu müssen. Wie, davon hatte er keine Ahnung, er wusste nur, dass er diese unbekannte Ute jetzt nicht aus dem Blick verlieren sollte. Bevor sie, der Gruppe folgend, das Haus betrat, war er direkt hinter ihr. Er hörte, wie weitere Gäste ihm folgten, und sah sich im Strom einer Herde, die gemeinsam einem Ziel entgegenstrebte, das wohl nur er nicht kannte.

Mitgezogen von den anderen landete er in dem Saal, aus dem schon während seines Treffens mit Grossanter Feststimmung zu hören war. Ob der noch in der Lounge saß, wusste Till nicht, weil er über den Seiteneingang in den Saal gelangt war. Aber das interessierte ihn jetzt auch nicht. Er hatte damit zu tun, die unbekannte Frau zwischen den vielen Menschen, die im Eingangsbereich standen und sich mit einem Glas Sekt in der Hand unterhielten, nicht aus den Augen zu verlieren. Er schob sich nah hinter ihr durch die Menge, so nah, dass er den Duft ihres kurzen blonden Haares in der Nase vernahm.

»Hey, wo hast du sie gelassen?«, fragte ein Mann in ausgelassener Stimmung, als er Ute entdeckte.

»Wen, Sarah?«

»Natürlich Sarah«, antwortete er, als könnte an diesem Ort nur das Fehlen einer einzigen Person von Relevanz sein.

Ute winkte ihn näher zu sich heran und sagte dann so, als sollte es nicht jeder hören: »Sie ist zurück nach Pewsum.«

»Wie, was will sie denn ausgerechnet jetzt zu Hause? Ich bin doch hier!«

»Sie ist nicht nach Hause. Ihr Handy hat sich gemeldet, ihr Dienst­handy.«

»Ja und? Heute feiern wir, da hat dieses Ding doch nichts zu melden.«

»Das sieht sie aber anders. Kannst ihr ja helfen, damit sie schneller wieder hier ist.«

Der Mann verdrehte die Augen und winkte ab. »Um Gottes Willen! Das würde mich umhauen«, sagte er, ging weiter und verschwand in der feiernden Gesellschaft.

Was Till da gehört hatte, war für ihn bei aller Rätselhaftigkeit wie ein überraschendes Geschenk. Nun hatte er ganz beiläufig immerhin Vornamen und Wohnort herausbekommen. Aber was nutzte ihm das, ihm fehlte das Werkzeug, mit dem er die verschweißte Verpackung seines Geschenks aufreißen konnte. Einen kurzen Moment überlegte er, ob er Ute in ein Gespräch verwickeln sollte, schlug sich das aber sogleich aus dem Kopf. Hier, wo er nicht dazugehörte, war das nicht die passende Vorgehensweise. Aber dass sie ausgerechnet in Pewsum, diesem besonderen Nest in der Weite ostfriesischer Küstenlandschaft, wohnte, gefiel ihm. Und das nicht nur, weil er diesen Ort von Aurich aus in einer guten halben Stunde erreichen konnte. Der Hinweis auf Pewsum war für ihn wie die erste kleine Skizze eines Planes, der ihn irgendwann zu seinem Ziel führen könnte.

Verdrängter Anruf

Als das Telefon klingelte, war wieder einmal keine Rufnummer im Display zu sehen. Genau wie beim Anruf eine Viertelstunde zuvor. Aber diesmal wurde nicht nach dem zweiten Klingelton aufgelegt. Till sah auf das Display, wartete noch ein paar Sekunden, bevor er abhob. Er hatte Erfahrung mit Anrufern, die sich nicht zeigten. Die meisten zögerten noch, sich ihm anzuvertrauen. Manche gestanden ihm später, irgendwie froh darüber gewesen zu sein, dass er nicht abnahm. Sein Anrufbeantworter kam ihnen gerade recht. Sie wollten erst einmal nur die Stimme hören, um dann zu entscheiden, ob sie vor diesem Mann ihre Hüllen fallen lassen konnten.

Die Frau am anderen Ende nannte eilig ihren Namen. Zu eilig, als dass Till ihn hätte verstehen können. Aber er hakte nicht nach, ließ sie noch ein wenig hinter ihrem Vorhang stehen.

»Ich schlage mich schon arg lange mit dem Gedanken herum, Sie um einen Brief zu bitten, Herr Türmer. Ihre Konditionen sind nicht das Thema. Ich habe mir die angesehen, die sind für mich akzeptabel«, sagte sie und verriet mit der Melodie ihrer Sätze ihre österreichische Herkunft. »Mir ist das alles sehr unangenehm, aber wenn ich sehe, was Sie im Internet so schreiben und wie Sie vorgehen, das gibt mir Vertrauen. Und darum hab ich gedacht, jetzt überwind ich mich einfach.«

»Na ja, einfach ist es für kaum jemanden, wenn er mich zum ersten Mal anruft«, sagte Till. »Höre ich da etwa heraus, dass Sie aus Österreich anrufen?«

»Ja«, sagte die Frau mit einem traurigen Lächeln in der Stimme, »das lässt sich wohl nicht verheimlichen.«

»Ist doch gut so, das klingt hier oben im Norden wie Urlaub. Wenn sie mögen, erzählen Sie mir, worum es geht. Sie brauchen mir vorerst auch keinerlei Namen zu nennen.«

Mit dieser kurzen Erklärung schien sich ein Riegel vor der Frau zu öffnen. Ihre Sätze stolperten zu Till herein.

»Es geht um meine Ehe. Vielleicht sind Sie meine letzte Rettung. Mein Mann hat einfach alles hinter sich gelassen, unseren ganzen Betrieb, ja, und auch mich.«

»Den Betrieb und Sie?! Das klingt nach zwei Katastrophen. Welche setzt Ihnen im Moment am meisten zu?«

So, als hätte er mit dieser Frage einem Schlitten auf verschneitem Gipfel einen Tritt verpasst, geriet die Frau sofort in Erzählfahrt. Innerhalb von ein paar Minuten drang der Stoff für eine ganze Familiensaga an sein Ohr. Da gab es für ihn kaum ein Durchsteigen, und statt sorgfältig mitzuschreiben, kritzelte er nur noch einzelne Wörter in sein Notizheft. Die Reihen füllten sich mit Begriffen wie Hotelerbin, Pflicht, Geliebte, Dreiecksbeziehung.

Ihm war klar, dass sein Gespräch so nicht weitergehen konnte. Er musste die Frau unterbrechen, ihr seine Fragen stellen, doch dazu war es noch zu früh. Er ließ sie erzählen, war in diesem Moment nicht auf sachliche Informationen aus. Till lauschte der Frau wie er auch italienischen Opern lauschte, deren Text er nicht verstand. Er brauchte nicht den Blick auf die Bühne, konnte mit geschlossenen Augen zuhören, einfach den Klang zu sich kommen lassen. Stimmen und Melodien verrieten ihm auf ihre Weise ihre Charaktere.

Plötzlich merkte die Frau, dass sie ihrem Zuhörer einen Haufen Puzzleteile auf den Tisch geworfen hatte, statt ihm ein Bild zu malen. Während sie sich dafür entschuldigte, als hätte sie sich selbst bei einer peinlichen Dummheit erwischt, musste er schmunzeln. Er dachte daran, was Österreicher auf quasi jede Entschuldigung sagten, egal ob sie ihnen schmeckte oder nicht. Genau das sagte er hörbar amüsiert auch: »Passt schon!«