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Phillip Kordes

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Beschreibung

Phillip Kordes wuchs im Hochsauerland auf. Er studierte in Dortmund Pädagogik und war bis 2001 Lehrer an der Realschule. Bisher sind vier Kriminalromane von ihm erschienen. »Mord in acht Tagen« und »Windvögel« spielen im Hochsauerland. »Maske des Schweigens« und »time - Zeit der Sühne« sind im Ruhrgebiet angesiedelt. Seine historischen Romane »Dunkler Rauch am Horizont« und »Des Lebens dornige Pfade« sind der 1. und 2. Band einer Trilogie aus dem Sauerland. Darüber hinaus veröffentlichte Phillip Kordes nahezu 400 Kurzkrimis bzw. Kurzromane sowie zwei Fortsetzungsromane.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Phillip Kordes wuchs im Hochsauerland auf. Er studierte in Dortmund Pädagogik und war bis 2001 Lehrer an der Realschule. Bisher sind vier Kriminalromane von ihm erschienen. »Mord in acht Tagen« und »Windvögel« spielen im Hochsauerland. »Maske des Schweigens« und »time - Zeit der Sühne« sind im Ruhrgebiet angesiedelt. Seine historischen Romane »Dunkler Rauch am Horizont« und »Des Lebens dornige Pfade« sind der 1. und 2. Band einer Trilogie aus dem Sauerland. Darüber hinaus veröffentlichte Phillip Kordes nahezu 400 Kurzkrimis bzw. Kurzromane sowie zwei Fortsetzungsromane.

Alles, was du in diesem Leben benötigst,

ist Ignoranz und Zuversicht,

dann ist der Erfolg dir sicher

Mark Twain

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

In der aufkommenden Dämmerung waren die beiden Personen unter den Bäumen fast unsichtbar. Wie Kletten hielten sie sich umklammert. Der Mann war einen halben Kopf größer als die Frau, sein Gesicht lag auf ihrem Haar. Daher konnte sie seine ironisch nach oben gezogenen Mundwinkel nicht sehen. Sein Lächeln war fast zynisch und ein wenig selbstgefällig. Er wusste, dass er gewonnen hatte, und diese Gewissheit bestärkte ihn in seinem Vorhaben.

Sanft aber bestimmt löste er sich aus der Umarmung und stieß sie ins weiche Gras. Sie war so geil auf ihn, dass sie diese fast brutal wirkende Handlung sogar noch als liebevoll hinnahm. Sie hatte es doch geradezu herausgefordert, dass er so mit ihr umging. Vor weniger als fünf Minuten erst hatte sie ihn mit ihren kleinen Fäusten in die Seiten geboxt, ihm ein Bein gestellt und schallend gelacht, als er stolperte. Warum also sollte er sich nicht auf die gleiche Art und Weise revanchieren?

Sie blieb erwartungsvoll auf dem Rücken liegen. Erst als er sich über sie beugte, stieg ihr der Geruch von frisch gemähtem Gras unangenehm in die Nase.

»Ich will meinen Rock nicht schmutzig machen«, raunte sie. »Lass uns gehen.«

»Hier ist es doch schön«, erwiderte er mit einer sanften, einschmeichelnden Stimme, die ihr wie immer unter die Haut ging.

»Aber …«

Er drängte sich an sie, und sie spürte wieder seine Erregung, die auf sie überfloss wie der Strom einer elektrischen Leitung. »Jeder Ortswechsel ist ein Stimmungsbruch.«

»Ich weiß, aber das Gras macht Flecken auf meinen Rock. Er war zu teuer, um ihn zu ruinieren.« Sie lachte verhalten, während sie ihm zwischen die Beine griff. »So lange wirst du es noch aushalten können. Ich kenne ein Hotel. Dort sind wir ungestört.«

Er runzelte die Stirn. Diese Änderung passte nicht in seinen Plan.

»Na gut«, sagte er schließlich zögernd, weil er merkte, dass er sie nicht umstimmen konnte.

Sie benötigten nur eine Viertelstunde mit ihrem Wagen, aber es wurden die längsten Minuten ihres Lebens. Ihr ganzer Körper glühte, ihr Blut war bis aufs Äußerste aufgewühlt, und ihr Schoß brannte vor freudiger Erwartung.

Er ging sofort zur Treppe im Hintergrund der Hotelhalle, in der es dunkel war, weil die unterste Lampe nicht brannte. Von dort sah er ihr zu, wie sie das Anmeldeformular an der Rezeption mit zitternden Fingern so rasch ausfüllte, dass vermutlich niemand ihren Namen entziffern konnte.

Er lächelte vor sich hin. Dies war kein Hotel, das man seinen Freunden empfehlen würde. Es wäre eher eine Notlösung für den Fall, dass alle anderen Hotels der Stadt ausgebucht waren. Sein Blick streifte über das Bord mit den Schlüsseln. Er zählte die Haken. Acht waren leer, also waren nur knapp ein Drittel der Zimmer ausgebucht.

»Komm!«

Sie stand neben ihm, griff seine Hand und zog ihn im Laufschritt die Treppe hinauf. Das Zimmer befand sich in der ersten Etage gleich neben dem Treppenabsatz. Hastig schloss sie die Tür auf, und noch bevor sie wieder vollständig hinter ihnen zugefallen war, hatten sie schon ihre Kleidung ausgezogen.

Splitternackt tanzten sie im Zimmer umher, bis sie auf das breite Bett sanken. Noch nie hatte sie solche Lust auf ihn gehabt wie in diesem Moment. Die Vereinigung mit ihm war perfekt und wunderschön. Erst danach merkte sie, dass er ein Kondom benutzt hatte.

»Du warst gut«, flüsterte sie.

Er antwortete nicht, er wusste es wohl selbst. Seine Arroganz trieb ihr den Zorn auf die Stirn. Wie oft hatte sie jetzt mit ihm geschlafen? Fünfmal? Zehnmal? Ach, es spielte doch keine Rolle.

Sie kuschelte sich an ihn und Minuten später war sie eingeschlafen.

Sie erwachte und wunderte sich, dass es bereits hell war. So lange hatte sie das Hotelzimmer eigentlich nicht benutzen wollen. Der Platz neben ihr war leer, aber aus dem Bad hörte sie Geräusche. Blinzelnd schaute sie zur Uhr. Es war kurz nach fünf am Morgen.

Wohlig rekelte sie sich in den Federn und legte ihr Gesicht auf sein Kissen, das nach seinem Aftershave roch. Irisch Moos. Es war ein Duft, den sie liebte und der sie erregte. Ein Schauer kroch über ihren Rücken, als sie an seine Liebkosungen dachte. Er hatte schöne Hände, ohne Schwielen, und er hatte saubere sorgfältig geschnittene Fingernägel. Das hatte sie von Anfang an erstaunt. Sie hatte geglaubt, durch seine Arbeit müssten seine Hände verbrauchter aussehen, schmutziger.

Nach zehn Minuten kam er aus dem Bad. Gleich würde er sie erneut lieben, sie von einer Ekstase in die andere treiben, aber diesmal wollte sie es ohne Kondom. Erwartungsvoll streckte sie ihm ihre Arme entgegen.

Der Schmerz kam völlig unerwartet und so heftig, dass sie einen Moment lang nach Luft rang. Ihre Hände fühlten sich an wie in einem Schraubstock, und ehe sie überhaupt begriff, was geschah, hatte er ihre Handgelenke und ihre Fußknöchel mit einem harten Strick fest zugeschnürt.

»Was tust du …?«, konnte sie gerade noch ausstoßen, bevor ein Klebeband ihr den Mund verschloss.

»Sei still!«, zischte er.

Ein Spiel!, dachte sie. Es ist ein neues Spiel von ihm. Er hat es gelesen und will es mit mir ausprobieren. Doch ein Blick in seine Augen ließ sie frösteln. Da stand nichts mehr von Zärtlichkeit oder Erregung. Der Ausdruck war kalt wie Eis.

Sie starrte in sein Gesicht dicht über dem ihren und konnte wieder den Duft seines Aftershaves riechen. Doch diesmal verfehlte es die Wirkung. Der Knebel verhinderte jede erotische Empfindung.

Warum nur?, dachte sie verzweifelt. Warum macht er das?

Sie versuchte an sich herabzusehen. Gestern hatte sie sich ihrer Nacktheit nicht geschämt, aber jetzt … jetzt war es für sie entwürdigend, so bloß und hilflos vor ihm zu liegen und seinem gefühllosen Blick ausgesetzt zu sein.

Sie fragte sich, warum er ihr nicht die Augen verbunden hatte. Vielleicht wollte er sich an ihrer Angst weiden, oder sie sollte sehen, was er als Nächstes tun würde.

Aber er tat nichts. Er ging nur langsam im Zimmer auf und ab. Die Hände hatte er dabei in seine Hosentaschen gesteckt.

Einen Moment überkam sie die Hoffnung, dass er sie gleich wieder von den harten Fesseln befreien würde, die ihr langsam aber sicher das Blut in den Händen abschnürten.

Auf dem Tisch standen noch die Weinflasche und die Gläser vom Abend. Sie hätte gern daraus getrunken, nicht weil sie den Alkohol brauchte, sondern weil sie durstig war, weil ihr Mund wie ausgetrocknet wirkte.

Sie musste sich ablenken. An irgendetwas Schönes denken. Aber woran? Es war so schwer, sich etwas vorzustellen, wenn man gefesselt und geknebelt war.

Sie riss die Augen auf, als er sich plötzlich über sie beugte, die Fußfesseln löste und ihre Beine spreizte.

Sie stieß einen erstickten Schrei aus. Jetzt wird er mich vergewaltigen oder einen anderen Gegenstand in mich hineinrammen, dachte sie entsetzt.

Als sie ein nasses Tuch an ihren Oberschenkeln spürte, dann an ihrer Scham, begriff sie erst nach und nach, dass er sie abwusch, sie reinigte.

Im gleichen Moment fühlte sie die Todesangst in sich aufsteigen. Bei ihrer Vereinigung war es natürlich möglich gewesen, dass auch nur kleinste Spuren seines Spermas aus dem Kondom herausgelaufen waren, und die wollte er nun beseitigen. Das konnte doch nur eines bedeuten!

Ihre Nasenflügel bebten. Sie bäumte sich auf, aber ihre Bemühungen blieben zwecklos. Er hatte ihre Fußknöchel schon wieder zusammengepresst und sie zuckte erneut vor Schmerz zusammen, als er die Fesseln strammzog.

Er verschwand im Bad. Sie hörte ihn hantieren. Es war klar, dass er auch dort alle Fingerabdrücke oder sonstigen Spuren abwischen würde.

Großer Gott! Hilf mir!

Wenig später kam er zurück. Sie merkte sofort, dass etwas anders war.

Er hatte Handschuhe übergestreift.

2

Kommissar Gordon Emanuel Rattke, von seinen Freunden kurz GE gerufen, hasste Kriminelle. Vor allem wenn es sich um solche wie Rudolf Padalowski handelte. Padalowski hatte im Norden Dortmunds einen anderen Mann krankenhausreif geschlagen. Aber er zeigte keine Reue. Er saß vor Rattke, kaute mit offenem Mund auf einem Kaugummi und sah den Kommissar hochnäsig an.

»Ich sage Ihnen doch, dass ich den Streit nicht angefangen habe. Ich habe mich nur gewehrt. Was kann ich dafür, wenn der Kerl mit dem Kopf auf eine Stuhlkante schlägt?«

»Sie haben sich auf den Mann gestürzt, als er schon am Boden lag und weiter unbarmherzig auf ihn eingeschlagen. Dafür gibt es drei Zeugen.«

»Die irren sich«, antwortete Padalowski gelassen, wobei er sich bemühte, nicht überheblich zu grinsen. »Oder waren die drei etwa nüchtern?«

Natürlich waren sie das nicht gewesen. Die Blutprobe hatte bei einem über zwei Promille ergeben, bei den anderen beiden sogar über drei Promille. Ihre Aussagen würden von jedem geschickten Rechtsanwalt wie eine Seifenblase zum Platzen gebracht werden.

»Na bitte«, triumphierte Padalowski. »Sie sagen nichts, also habe ich recht. Die drei können sich doch an gar nichts mehr erinnern.«

»Worum ging es bei Ihrem Streit mit dem Verletzten?«, fragte Rattke mühsam beherrscht.

»Wir haben gepokert.«

»Sie haben was?«

»Gepokert. Ich weiß, dass das verboten ist, wenn man um Geld spielt, aber ich bin kooperationsbereit und sage Ihnen gleich, was wir gemacht haben.«

»Aha. Dann haben Sie aus lauter Spaß gepokert?«

»Na klar. Und ich spiele immer ehrlich. Aber dieser Mann wollte mich bescheißen, muss irgendwie ein Ass im Ärmel gehabt haben. Dabei war er zu plump, einfach tölpelhaft.« Padalowski lachte. »Es fiel ihm auf den Boden, als er es rausziehen wollte. Können Sie sich so etwas Dämliches vorstellen?«

Rattke antwortete nicht darauf.

»Er sprang auf«, redete Padalowski weiter, »und wollte wegrennen. Aber ich war schneller, habe ihn am Kragen gepackt und herumgezogen. Tja, und dann schlug er zu.«

»Er schlug Sie zuerst?«

»Aber sicher. Steht das nicht im Protokoll?«

Rattke sah in die Akte. Er musste das überlesen haben.

»Kann ich denn jetzt gehen?«, fragte Padalowski.

Rattke hob den Kopf. »Gehen? Aber nein. Sie bleiben vorläufig hier, bis der Richter etwas anderes entschieden hat.« Er griff zum Telefon und rief zwei Beamte herein. »Bringen Sie Herrn Padalowski wieder zurück in seine Zelle. Aber behandeln Sie ihn vorsichtig. Ich möchte nicht, dass ihm etwas passiert oder dass er womöglich über seine eigenen Füße fällt.«

Rudolf Padalowski starrte ihn verständnislos an, ließ sich dann jedoch widerstandslos hinausführen.

In der Tür erschien Peter Vollmar. Der untersetzte Kollege war braun gebrannt und erst vor drei Tagen aus dem Urlaub zurückgekehrt. Er lehnte sich an den Türrahmen.

»Ich habe alles mitgehört«, knurrte er. »Soll ich noch mal zu dem Lokal fahren?«

Rattke winkte ab. »Wir lassen ihn eine Nacht in der Zelle schmoren und werfen ihn morgen raus. Wir haben nichts in der Hand.«

Vollmar verschwand wieder, und Rattke blieb allein zurück. Auf einmal war er sehr müde. Er nahm sich zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen. Immerhin war es noch nicht einmal Mittag. Die Woche fing ja gut an.

Wenn man doch nur einen handfesten Fall in den Händen hätte, dachte Rattke. Daran könnte man sich aufrichten, so schlimm es auch klang. Aber diese mühseligen Verhöre Kleinkrimineller brachten ihn manchmal zur Weißglut.

Noch nie war er so froh wie heute, als er endlich nach Hause fahren konnte.

Am Dienstagmorgen lag Hauptkommissar GE Rattke auf dem Bett und schaute durch das Fenster. Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht, aber ihre Wärme wurde durch den Schmutz auf den Scheiben so sehr gedämpft, dass Rattke nur ahnen konnte, wie warm es schon jetzt um kurz nach sieben war. Wieder würde es ein Tag werden, an dem der Schweiß unaufhörlich über den Rücken hinabrinnen und die Arbeit in dem stickigen Büro zur Qual machen würde.

Rattke stand auf, streifte sich ein T-Shirt über und zog eine kurze Trainingshose an. Das war sein morgendliches Ritual. Rattke hatte sich nämlich ernsthaft vorgenommen, sein Leben zu ändern. Regelmäßiges Essen, Sport, frische Luft, all das sollte seinen täglichen Rhythmus bestimmen. Aber wenn er darüber nachdachte, dann war bis auf Sport nichts von seinen guten Vorsätzen übriggeblieben, und das auch nur, weil er sich ein eigenes Trimmrad angeschafft hatte. Es stand in seinem kleinen Wohnzimmer und schaute ihn nach dem Aufstehen immer so anklagend an, dass er sich nie an den Tisch setzte, bevor er nicht eine halbe Stunde gestrampelt hatte.

Bisher hatte es ihm gutgetan. Er wog bereits einige Kilo weniger, und auch seine Kondition war merklich besser geworden. Natürlich sagte niemand im Präsidium etwas zu seiner neuen Figur, vermutlich bemerkten sie gar nicht, dass er abgenommen hatte, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Nur Anna Langner, die attraktive Staatsanwältin, hatte ihn vor einigen Tagen ein paar Mal aufmerksam von der Seite her betrachtet und dabei ihre Stirn in Falten gelegt. Sie grübelte ganz offensichtlich darüber nach, was sich bei ihm verändert hatte.

Inzwischen war sein Trimmrad eine willkommene Ablenkung von der langweiligen Arbeit am Schreibtisch.

An diesem Morgen beließ es Rattke bei zehn Minuten Radfahren. Mehr war nicht drin. Die Hitze machte ihm doch mehr zu schaffen, als er wahrhaben wollte.

Er duschte ausgiebig, und während er sich anzog, schaute er auf die Front des gegenüberliegenden Hauses. Manchmal sah er aus der Haustür dort ein junges Mädchen hinausgehen. Er schätzte sie kaum älter als Anfang zwanzig. Sie war immer in Eile. Rattke vermutete, dass sie stets auf den letzten Drücker zu ihrer Arbeit fuhr. Dieses Mädchen erinnerte ihn an seine Jugendliebe Katharina. Genau wie Katharina früher trug die junge Frau von gegenüber meistens dunkle, enge Hosen, einen hellen bequemen Pulli und schwarze Schuhe.

Seit einem Jahr hatte er nichts mehr von Katharina gehört. Damals war sie überraschend bei ihm aufgetaucht. René, ihr Mann, hatte sie betrogen und mit vier Kindern allein zurückgelassen. Rattke nahm sie für ein paar Tage bei sich auf, bis sie genauso überstürzt wie sie gekommen war, wieder abfuhr. Sie musste sich Klarheit über ihre Zukunft verschaffen.

An sie zu denken, sie sich vorzustellen und gerade die paar Tage, die sie in seiner Wohnung verbracht hatte, in Erinnerung zu rufen, war das Schönste, was er sich vorstellen konnte. Einige Male danach hatte er sie noch angerufen, aber stets sprang der Anrufbeantworter an oder eines der Kinder nahm den Hörer ab. Es war wie verhext, er sollte Katharina einfach nicht sprechen. Ob das ein Omen war?

Rattke hielt nichts von Orakeln oder Weissagungen, aber irgendetwas musste schon dran sein. Es war doch nicht möglich, dass Katharina zu keiner Tageszeit zu Hause war.

Er fragte sich häufig, warum ihre Ehe in die Brüche gegangen war. Die beiden waren doch das ideale Paar gewesen. Was um Himmelswillen hatte René dazu bewogen, fremdzugehen?

Wenn Rattke an seine Kollegen dachte, dann fiel ihm ein, dass außer Paul Wahrholz und noch drei anderen keiner in seiner unmittelbaren Umgebung verheiratet war. Einige hatten zwar eine kurze Ehe geführt, sich dann aber scheiden lassen.

Ob das an ihrem Beruf lag?

An der Gefährlichkeit oder weil sie keine geregelten Arbeitszeiten hatten? Selbst Anna Langner war mit ihren achtunddreißig Jahren noch ledig.

Rattke wischte sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn und sah noch einmal aus dem Fenster. Von der jungen Frau gegenüber war nichts zu sehen. Vielleicht war sie seit heute in Urlaub. Balearen, Kanaren oder vielleicht sogar in der Karibik. Flüge wurden ja wie Ramschware angeboten, die Reisebüros überschlugen sich förmlich mit Sonderangeboten.

Ihm fiel plötzlich ein, dass Kriminalrat Hartung sie alle gebeten hatte, Überstunden abzubummeln. Bezahlung war nicht drin, die Kassen waren leer.

Rattke sah auf die Uhr. Wenn er sich jetzt einfach in seinen Wagen setzte, könnte er in vier, fünf Stunden, also zur Mittagszeit, an der Mosel sein oder im Schwarzwald oder an der Nordsee. Jemand hatte ihm mal geraten, wenn einem die Decke auf den Kopf fallen würde, mit dem Auto so lange zu fahren, bis genug Abstand zwischen sich und dem Problem war und etwas zu tun, was man nie im Leben tun würde.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Es gab keine brisanten Fälle im Präsidium, die Verbrecher schienen auch alle Urlaub zu machen. Eine bessere Gelegenheit bot sich wohl nie mehr.

Seine Entscheidung dauerte nur wenige Minuten. Er rief im Präsidium an. Seine Sekretärin war noch nicht an ihrem Platz. Auf dem Anrufbeantworter hinterließ er eine kurze Nachricht, dass er für ein paar Tage verreisen würde. Seine Handynummer hatten sie ja für alle Fälle.

Er schmunzelte über das dumme Gesicht des Kriminalrats, wenn dieser merkte, dass einer der Kommissare seine Empfehlung wirklich ernst genommen hatte.

Rattke brauchte nicht viel. Eine kleine Reisetasche genügte, in die er die wichtigsten Utensilien packte. Dann fuhr er los.

Auf der A 1 in Richtung Bremen war ein langer Stau. Dann eben nicht, sagte sich Rattke, nahm die nächste Ausfahrt und fuhr gen Süden.

Er schaltete das Radio lauter als gewöhnlich, sang einige Lieder mit und fühlte sich für wenige Minuten wie ein Teenager.

Wenn mich jetzt meine Kollegen sehen würden, dachte er amüsiert, dann würden sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mich für übergeschnappt erklären.

Er hatte vor, über die A 3 bei Köln bis zur Mosel zu fahren, aber am Leverkusener Kreuz siegte sein Pflichtgefühl. Es war unfair und unverantwortlich, seine Kollegen so einfach im Regen stehen zu lassen. Einen Tag konnte man sich spontan freinehmen, aber nicht mehr.

Rattke lenkte seinen Wagen in Richtung Düsseldorf. Er erreichte das Rheinufer in weniger als einer halben Stunde. Nach einem kurzen Spaziergang durch die Altstadt setzte er sich in ein Café am Rhein und bestellte sich ein Kännchen Kaffee und zwei große Stücke Kuchen. Er pfiff auf seine Figur, die konnte ihm heute gestohlen bleiben.

Als an ihm vorbei zwei Reisedampfer fuhren, entschied er sich, eine Rheinfahrt zu unternehmen. Dabei überlegte er kurz, ob er sein Handy ausschalten solle, aber dann ließ er es an. Ein Kommissar war niemals außer Dienst. Er musste immer erreichbar bleiben.

3

Er starrte auf die regungslose Person. Eine unbeschreibliche Erleichterung breitete sich in ihm aus. Die hielt zehn Sekunden an, dann wurde ihm bewusst, was er getan hatte. Zwei Minuten stand er wie gelähmt vor ihrem Bett, bis die Selbstvorwürfe, wenn es überhaupt welche waren, wie eine Seifenblase platzten. Es war einfacher gewesen, als er gedacht hatte.

Die Tat war schon lange in ihm gereift, genau seit dem Zeitpunkt, an dem er erfuhr, dass sie ihn angelogen und zum Narren gehalten hatte. Die Baumgruppe draußen vor der Stadt wäre der richtige Ort gewesen. Als sie ihm vorschlug, in ein Hotel zu fahren, war zum einzigen Mal der Gedanke in ihm aufgestiegen, sein Vorhaben aufzuschieben oder ganz aufzugeben.

Zu seiner Überraschung erwies sich das Hotel nun als reiner Glücksfall. Der Mann am Empfang hatte nicht einmal den Kopf gehoben, als sie sich eintrug, und selbst wenn er ihn unter der Treppe beobachtet hätte, so würde er ihn nicht beschreiben können.

Jetzt war er sogar froh, es nicht draußen vor der Stadt getan zu haben. Wer weiß, was man dort alles gefunden hätte? Zertretene Grashalme und Fußabdrücke, vielleicht sogar Fussel von seiner Kleidung im Gras. Alles Details, die dank der modernen Technik unweigerlich zu ihm geführt hätten.

Er hatte geglaubt, dass es in einem Hotel viel schwieriger sei, Spuren zu verwischen. Aber nun stellte er fest, dass es leicht war, alles zu säubern.

Er sah auf ihren nackten Körper. Auch im Tod war sie unendlich schön. Ein schmales Lächeln flog um seine Lippen, als er daran dachte, wie erregt sie gestern Abend gewesen war.

Nur heute Morgen, da war sie anders gewesen. Da hatte sie nichts als Angst gehabt.

Sie hatte sich aufgebäumt, ihren nackten Oberkörper nach oben gedrückt, bis ihre vollen Brüste fast seinen Mund erreichten. Er hatte gesehen, dass sie vor Todesangst die Beine soweit angezogen und wieder gestreckt hatte, wie es ihr die Fesseln erlaubten. Und dann hatte sie sich nicht mehr gerührt, dann hatte sie regungslos vor ihm gelegen.

Nein, es war nicht schwer, es war ganz einfach gewesen, so, als würde man eine Zitrone auspressen oder eine Orange. Langsam, unendlich langsam hatte er zugedrückt und dabei immer in ihr Gesicht und in ihre Augen geblickt. Er hatte nicht geblinzelt, nicht ein einziges Mal.

Es hatte ihm sogar Freude gemacht. Halt! Das war nicht richtig. Freude ist etwas anderes, etwas, wenn man ein Geschenk bekommt oder wenn sein Fußballverein gewinnt. Das ist Freude. Als er zusah, wie sie starb, hatte er ein Kribbeln in sich gespürt, so, als wenn man ihm mit tausend Nadelstichen in die Haut stechen würde. Dann war ihm ganz warm geworden.

Er betrachtete sie mehrere Minuten lang. Wo war nun das Leben, das so in ihr pulsiert hatte?

Ihr Hals hatte sich inzwischen blaurot gefärbt. Man würde leicht feststellen können, woran sie gestorben war.

Unterbrechung der Luftzufuhr zum Gehirn oder so ähnlich, würde die amtliche Sprache lauten.

Er lächelte, o ja, er lächelte tatsächlich angesichts der Erinnerung an die tote Frau, weil er sich so sicher fühlte. Er schloss die Augen und dachte angestrengt nach. Nein, er fand nichts, was er übersehen haben könnte. Er blieb im Sessel sitzen. Es war so angenehm, intensiv die letzten Stunden Revue passieren zu lassen, und er freute sich schon auf das nächste Mal. Denn das hier – das war nur die Generalprobe gewesen.

Nach etlichen Minuten stand er auf und trat vor den Spiegel. Noch einmal fuhr er sich durch die Haare, wischte ein bisschen Zahnpasta von den Lippen, die er offenbar beim Waschen übersehen hatte, und verließ dann das Hotelzimmer.

Als Gerlinde Lamers um fünf Uhr aufstand, fühlte sie sich, als habe sie seit Tagen nicht mehr geschlafen. Vor Erschöpfung war ihr flau im Magen. Sie überlegte, ob sie einen Kamillentee trinken sollte, aber allein beim Gedanken daran wurde ihre Übelkeit noch schlimmer.

Sie ging in die Küche, legte eine Scheibe Weißbrot in den Toaster und aß sie anschließend trocken. Danach ging es ihr so weit besser, dass sie sich zurechtmachen konnte.

Gerlinde hatte überhaupt keine Lust auf ihren Job, und sie überlegte zum hundertsten Mal, ob sie ihn nicht einfach hinwerfen sollte. Aber dann wurde ihr wieder klar, dass sie das Geld brauchte. Die Unterstützung vom Staat reichte vorn und hinten nicht, und sie war ja froh, dass sie das nebenbei verdiente Geld nicht zu versteuern brauchte. Es war mehr als sie je gehofft hatte.

Gerlinde Lamers lebte in einer muffigen Zweizimmerwohnung in einem Altbau, in dem es im Winter durch jede Ritze zog und sich im Sommer die Hitze wie in einem Glutofen staute. Sie hatte sich angewöhnt, nackt zu schlafen, nur mit einem dünnen Bettlaken bedeckt, das jeden Morgen von ihrem Schweiß völlig nass war. Da sie aber nur ein Laken zum Wechseln hatte und keine eigene Waschmaschine besaß, lag sie oft tagelang unter dem Bettlaken, das nach ihrem Schweiß roch.

Gerlinde wusch sich gründlich, zog sich an und ging dann hinaus. Der Bus brachte sie in den Norden Dortmunds, dorthin, wo das Hotel Weißenhof lag, in dem sie als Putzfrau in einer Putzkolonne von fünf Frauen arbeitete. Das Hotel zeichnete nicht mal zwei Sterne aus. Der Inhaber kassierte einen stattlichen Betrag für eine Übernachtung und sorgte dafür, dass die Zimmer sauber waren, damit sich kein Gast beschweren konnte.

Wie so oft war Gerlinde Lamers die Erste der Putzkolonne. Das lag daran, dass sie viel zu früh wach wurde und dann losfuhr, während die anderen Frauen erst gegen sieben Uhr eintrudelten.

In der Eingangshalle saß niemand. Sie ging in den kleinen Raum, in dem die Putzutensilien standen, zog sich einen Kittel über und band sich ein Tuch um den Kopf.

Sie fing immer schon alleine an. Darauf hatten ihre Mitarbeiterinnen zuerst böse reagiert, weil sie annahmen, dass Gerlinde Lamers mehr verdienen wollte. Aber nachdem sie ihnen klargemacht hatte, dass sie keinen Cent extra bekam, sondern eher wieder gehen würde, nahmen sie es wohlwollend zur Kenntnis.

Sie putzte nur die Eingangshalle, Flure und Treppenhäuser.

Sie war gerade am Ende der ersten Etage angelangt, als sie hörte, wie eine Tür zugedrückt wurde. Automatisch hob sie den Kopf. Ein Mann stand auf dem Flur. Er drehte ihr den Rücken zu und ging dann schnell die Stufen hinunter.

Gerlinde wusste nicht, aus welchem Zimmer er gekommen war. Aber das war auch nicht nötig. Sobald ihre Kolleginnen eintrafen, würden sie schon den grünen Zettel mit der Bitte, das Zimmer zu säubern, an der Türklinke sehen.

Sie widmete sich wieder ihrer Aufgabe. Den Fremden hatte sie längst vergessen.

Er fühlte sich ausgeruht und fit. Er könnte Bäume ausreißen, aber er musste auch vorsichtig sein, nein, besser sich so verhalten wie bisher.

Nach etwa zwei Kilometern hielt er an und kaufte zwei Tageszeitungen. Noch im Auto blätterte er sie durch. Er stellte sich vor, auf welcher Seite der Bericht zuerst erscheinen würde. Vermutlich auf der Titelseite. So etwas war für die Journalisten immer ein gefundenes Fressen. O ja, sie werden viel über die tote Frau zu sagen haben. Die Mäuler werden sie sich zerreißen, jeder wird etwas zum Besten geben, aber die Wahrheit kennt sowieso keiner.

Die kannte nur er.

Er stellte überrascht fest, dass das Warten auf den Bericht in der Zeitung aufregender war als die Tat selbst. Er wollte wissen, wie es ist, wenn sie gefunden wird, wie die Leute reagieren, was sie sagen.

Er startete den Wagen wieder und fuhr langsam weiter. Dabei fiel ihm diese Putzfrau ein. Er hatte so getan, als würde er sie nicht bemerken, aber sie hatte ihn angestarrt, als wüsste sie genau, was geschehen war. Aber das war unmöglich. Oder doch nicht? War sie vielleicht ein verdeckter Ermittler und ihm schon auf der Spur?

Er lachte auf. So ein Unsinn. Diese Frau doch nicht, die konnte nicht mal bis zehn zählen, die hatte ihn nur gehört.

Aber dennoch!

Er spürte, wie sich eine leichte Unruhe in ihm ausbreitete. Nur nicht nervös werden, nahm er sich vor. Ich muss sachlich über die Sache nachdenken.

Er musste auf jeden Fall den Namen der Frau herausbekommen. Nur für alle Fälle.

4

GE Rattke verließ den Rheindampfer im Trubel der anderen Passagiere. Die Atmosphäre der lautstark gesungenen Lieder einiger angetrunkener Männer ließ ihn kalt. Für so etwas war er noch nie zu haben gewesen. Er verspürte großen Hunger und sah sich nach einem geeigneten Restaurant um. An der Uferpromenade gab es genug davon. Rattke wählte einen Platz aus, von dem er einen herrlichen Blick über den Rhein hatte und den Spaziergängern zuschauen konnte. Die Bedienung war hübsch und jung und ließ sich bei ihm mehr Zeit als notwendig war. Rattke fragte sie nach ihrem Namen.

»Mirja«, antwortete sie. »Ich aus Moldawien.« Sie sei erst seit einigen Wochen in der Stadt und froh, überhaupt eine kleine Beschäftigung erhalten zu haben. Aber der Inhaber habe ihr schon zu verstehen gegeben, dass sie bald wieder auf der Straße stehen würde. Ob er, Rattke, nicht etwas für sie wisse.

»Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihnen einen Job verschaffen könnte?«, fragte er verblüfft.

»Sie sehen so seriös aus.«

Er lachte laut auf und schüttelte nur den Kopf. Sie lächelte zurück und ging mit wiegenden Hüften davon. Rattke sah ihr nach, wie sie andere Gäste bediente, dabei aber immer wieder zu ihm hinschaute.

Nach einer Viertelstunde hatte er sich entschlossen, sie zum Abendessen einzuladen, nach weiteren zwei Minuten war sein Vorhaben jäh geplatzt. Sein Handy klingelte.

»Guten Tag, Herr Rattke.« Es war Kriminalrat Hartung. »Wo stecken Sie denn?«

»Ich habe mir erlaubt, einen Tag Urlaub zu nehmen.«

»Der von mir nicht abgezeichnet wurde.«

»Sie haben doch ausdrücklich gesagt, dass wir …«

»Ich weiß, was ich gesagt habe«, unterbrach Hartung ihn. »Aber das heißt nicht, dass alle machen können, was sie wollen. Gut, gut, ich will mal ein Auge zudrücken und Ihre Entscheidung nicht kritisieren, aber ich brauche Sie.«

»Was ist passiert?«

»Ein Mord, wie er scheußlicher nicht sein könnte. Leider sind alle anderen Leute im Einsatz. Wir haben doch diese Open-Air-Veranstaltung im Signal-Iduna-Park, gleichzeitig kommt heute eine Abordnung des Innenministeriums zur Einweihung der Ruhrfestspiele nach Essen, bei der wir Amtshilfe leisten, in der Innenstadt ist eine Demonstration gegen die Rechtspartei und am Dortmunder Flughafen wird gegen den weiteren Ausbau der Start- und Landebahn demonstriert. Es steht niemand zur Verfügung.«

»Was ist mit Wahrholz und Vollmar?«

»Sind bereits am Tatort.«

»Wie schön.«

»Haben Sie etwas zu schreiben? Dann notieren Sie sich die Adresse.«

Rattke kritzelte sie auf die Serviette.

»Wann können Sie hier sein?«, fragte Hartung weiter.

»In fünfzig Minuten.«

Kriminalrat Hartung hatte ihm das Hotel Weißenhof im Stadtteil Brackel als Tatort genannt. Rattke kannte das Hotel nicht, und das war auch gut so, denn es machte auf ihn keinen besonderen Eindruck.

Seine beiden Kollegen Paul Wahrholz und Peter Vollmar empfingen ihn bereits ungeduldig. Wahrholz schien eine schlaflose Nacht hinter sich zu haben, er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Seit er vor ein paar Wochen seinem Nachbarn beim Umzug geholfen und beim Kistenschleppen eine falsche Bewegung gemacht hatte, plagten ihn unerträgliche Rückenschmerzen. Es sei wie ein Pistolenschuss gewesen, der ihn im Rücken getroffen habe, hatte Wahrholz erzählt. Und seitdem könne er sich nur noch eingeschränkt bewegen. Zum Arzt wollte er nicht. So schlimm sei es nicht. Es war falscher Stolz, denn sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er sich quälte.

Die Männer der Spurensicherung arbeiteten schweigend und zielsicher. Wahrholz deutete auf einen jungen Mann, der am Türrahmen lehnte und sich eine Hand vor den Mund hielt.

»Ein Praktikant«, erklärte er Rattke. »Ich frage mich, warum sie den Kerl mitgebracht haben. Der steht nur im Weg herum und kriegt den ersten Schock seines Lebens. Nach zwei Stunden müsste er sich eigentlich erholt haben. Wenn er so weitermacht, sollte er sich einen anderen Beruf suchen.«

»Mir ging es anfangs auch nicht viel besser, Paul. Was wissen wir von der Toten?«

»Sie heißt Julia Flemming, siebenundzwanzig Jahre alt, lebt in Dortmund-Dorstfeld. Eine Handtasche mit ihrem Ausweis haben wir im Zimmer gefunden.«

Sie hatten nichts verändert. Es war wichtig, dass Rattke sich als Leiter der Ermittlungen einen eigenen Eindruck verschaffte. Er starrte auf die brünette Frau auf dem Bett. Sie lag auf der linken Seite. Von ihrem Gesicht war nur eine Hälfte zu sehen. Ihr Mund war geöffnet, und als man sie jetzt auf seinen Wink hin auf den Rücken drehte, bemerkte Rattke die seltsamen rotbraunen Flecken auf ihren Lippen. Auch die Haut darum herum zeigte diese Merkmale. Rattke fragte jemanden von der Spurensicherung danach.

»Wir sind noch nicht ganz sicher, aber es sieht so aus, als sei sie mit einem festen Klebeband geknebelt worden, das dann brutal abgezogen wurde.«

Der geöffnete Mund ließ schöne weiße Zähne erkennen. Ihre Augen waren geschlossen, was die Betrachtung erleichterte. In tote Augen zu blicken, war immer einer der schwersten Momente. Rattke konnte sich nie daran gewöhnen. Manchmal verfolgte ihn dieser Blick noch nächtelang.

Um ihren Hals hing ein dunkelbraunes Seil. Das Ende war nicht verschnürt. Aus der Nase war eine dünne Blutspur über das Kinn bis zum Hals gelaufen.

»Stammt vom Nasenbluten«, erklärte der Mann der Spurensicherung.

Rattke beugte sich näher heran. Am Hals befanden sich dicke, bläuliche Abdrücke. Ganz eindeutig Zeichen von Erdrosseln.

»Gibt es Fingerabdrücke?«, fragte er.

»Eine Menge. Wir sind schon dabei, sie zu überprüfen.«

Neben Rattke tauchte die Staatsanwältin Anna Langner auf. Sie hielt eine dünne Aktenmappe wie ein Schild an ihren Körper gepresst. Ihr Gesicht war bleich, und unruhig trat sie von einem Bein auf das andere. Rattke hob eine Augenbraue.

»Geht´s Ihnen nicht gut, Anna?«

Seit einiger Zeit redeten sie sich mit dem Vornamen an.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, woran das liegt, aber immer, wenn ich zu einem Vergewaltigungsopfer gerufen werde, überkommt mich eine Hilflosigkeit, die kaum zu beschreiben ist. Sie ist doch vergewaltigt worden, oder?«

»Das steht noch nicht einwandfrei fest. Aber es ist anzunehmen.«

Der Leiter der Spurensicherung trat näher. Er hatte Rattkes letzte Worte gehört. »Alles deutet darauf hin. Es gibt Kampfspuren auf dem Bett. Die Verletzungen an ihren Handgelenken zeigen, dass sie sich gewehrt hat, aber die Decke, auf der sie liegt, ist anschließend wieder glattgezogen worden.«

»Kann das der Täter gemacht haben?«

»Wer sonst?«

Rattke sah Anna Langner an. »Was denken Sie?«

Die Staatsanwältin zuckte die Schultern. »Er hat sie getötet und dann versucht, die Spuren zu verwischen. Als ihm das nicht gelang, hat er es sein lassen. Das sieht nach einem abgebrochenen Versuch aus. Was ist mit dem Portier? Hat denn niemand den Mann gesehen, wie er mit ihr auf dies Zimmer gegangen ist? Wer hat das Zimmer überhaupt gebucht? Sie oder er?«

»Seien Sie doch nicht so nervös«, sagte Rattke. »Wir werden alles Notwendige veranlassen.« Er nickte Peter Vollmar zu, der durch die Tür trat. In seinem Schlepptau befand sich ein älterer Mann in seltsam bunter Uniform.

»GE«, sagte Vollmar. »Das hier ist Herr Langenbach. Er ist der Empfangschef des Hotels.« Vollmar verdrehte dabei die Augen. Es war klar, was er von diesem Mann hielt. »Herr Langenbach hat die Tote gefunden und dann von der Rezeption des Hotels aus die Polizei angerufen.«

Rattke roch den Alkohol des Uniformierten, obwohl dieser gut zwei Meter von ihm entfernt stand. Er schaute Langenbach an. Seine randlose Brille saß etwas schief auf der Nase, am Kinn klebte noch etwas Erbrochenes. Es war wohl kein schöner Anblick für ihn gewesen.

»Es war schrecklich«, sagte er auch schon. »Grauenvoll. Entschuldigen Sie, aber ich musste erst mal ein paar Schnäpse trinken.«

»Kannten Sie die Tote?«, fragte Rattke.

»Nein. Das heißt, ich habe sie schon einige Male hier in unserem Etablissement gesehen, aber ich kannte ihren Namen nicht.«

Rattke hätte wegen der Formulierung des Hotels fast laut aufgelacht, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre.

»Erzählen Sie bitte, wie Sie die Tote gefunden haben.«

»Ich habe gegen zehn Uhr meinen Dienst angetreten. Ich gehe dann immer durch das Hotel, um zu sehen, ob alles ordentlich gereinigt ist. Die Putzkolonne fängt so gegen sieben Uhr an, allerdings gibt es da eine Putzfrau, die angeblich nachts nicht schlafen kann und manchmal schon um fünf oder sechs Uhr auftaucht. Leider ist sie nicht immer sorgfältig mit ihrer Arbeit. Die Putzfirma kümmert das wenig. Geputzt ist geputzt, sagen sie. Also muss ich ständig kontrollieren. Es sah alles ganz normal aus, so wie immer. An der Tür hing das Schild >Bitte nicht stören<. Ich ging dann wieder hinunter und sah mir das Gästebuch an. Tja, und da stieß ich auf die Eintragung, dass dieses Zimmer nur bis Mitternacht gebucht worden war.«

»So etwas gibt es?«

»Natürlich«, nickte Langenbach. Er ignorierte den entrüsteten Blick des Kommissars. »Ich bin dann abermals hinaufgegangen und habe an die Tür geklopft. Ich wollte die Herrschaften darauf aufmerksam machen, dass sie mit einer saftigen Nachzahlung rechnen müssen. Als keine Antwort kam, habe ich die Klinke heruntergedrückt. Die Tür war nicht verschlossen. Ich stieß sie weiter auf, und da sah ich die Frau auf dem Bett liegen, splitternackt.«

»Sie sind dann ganz ins Zimmer gegangen?«, fragte Rattke, als Langenbach wieder Luft holte.

Der Empfangschef nickte heftig.

»Ohne etwas zu sagen? Ich meine, wenn eine Frau nackt auf dem Bett liegt, dann kann der Partner doch nicht weit sein, oder?«

»Schon, ja natürlich. Ich glaube … ich glaube, ich habe auch etwas gesagt. Hallo oder so was. Ich weiß es nicht mehr. Ich bin immer noch ganz durcheinander. Ja, ich habe Hallo gerufen.«

»Laut?«

»Wie?«

»Haben Sie laut gerufen? So, dass die Frau Sie auch gehört hätte?«

Langenbach sah ihn einen Moment lang sprachlos an. »Ich weiß gar nicht, was Sie meinen, Herr Kommissar.«

»Wenn man eine nackte Frau auf dem Bett liegen sieht, könnte man auch auf andere Gedanken kommen.«

Langenbach schnappte nach Luft. »Nein, nein, nein. Daran habe ich nicht eine Minute gedacht. Ich bin doch kein Spanner. Wenn ich eine Frau brauchte, könnte ich das einfacher haben.«

»Natürlich«, nickte Rattke. »Sie sind also ins Zimmer gegangen und haben die Frau gefunden. Haben Sie gleich erkannt, dass sie tot war?«

»Ja. Ihre Haltung war so verdreht, dass ich sofort ahnte, dass etwas nicht stimmte.«

»Und dann?«

»Dann bin ich zurück zur Rezeption und habe die Polizei angerufen.«

»Gut. Sie können sich jetzt etwas erholen. Aber halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.«

Langenbach entfernte sich schnell. Er war froh, von hier fortkommen zu können.

Rattke trat wieder näher an das Bett heran. Nach dem ersten Blick auf einen Toten ließ er stets einige Zeit verstreichen, um sich dann noch einmal über die Leiche zu beugen. Beim zweiten oder sogar dritten Mal sah man oft mehr als beim ersten.

Jemand hatte sie inzwischen zugedeckt, und ein Mitarbeiter der Spurensicherung zog das Tuch beiseite. Rattke beugte sich über das Gesicht. Außer den blaugrünen Striemen am Hals war keine weitere Gewaltanwendung festzustellen. Er zog das Tuch bis zur Hüfte hinab.

»Sehen Sie sich das an«, sagte der Mann von der Spurensicherung. Er deutete auf den rechten Busen der Toten. Rattke entdeckte dort zwei kleine rötliche Punkte.

»Was ist das?«

»Vermutlich Bisswunden.«

»Er hat sie gebissen?«

»Warum nicht. Bei solchen Perversen ist alles möglich.«

Wenn es so wäre, dann könnten sie einen Anhaltspunkt haben, einen Ausgangspunkt. Bisswunden hinterließen immer eine Spur.

Rattke verzichtete darauf, die Tote weiterhin anzusehen. Das war nun Sache des Gerichtsmediziners. Er sah sich nach seinen Kollegen um. Paul Wahrholz lehnte in der Tür und sprach auf den jungen Praktikanten ein, der inzwischen wieder Farbe im Gesicht hatte und ab und zu einen scheuen Blick auf das Bett warf. Rattke war sich sicher, dass sein älterer Kollege genau die richtigen Worte fand.

»Wenn du hier fertig bist, Paul«, rief Rattke ihm zu, »dann nimm dir mal das Gästebuch vor.«

»Geht in Ordnung, GE.« Paul Wahrholz verschwand.

Peter Vollmar war im Treppenhaus. Er sah sehr unzufrieden aus.

»In Zimmer 106 wohnt ein älteres Ehepaar. Sie sind auf der Durchreise vom Allgäu zur Nordsee und machen hier Zwischenstation. Die Nacht über haben sie fest geschlafen und den Vormittag mit Fernsehen verbracht. In 109 haust ein junges Mädchen von höchstens achtzehn Jahren. Französin. Sie kann kaum Deutsch. Mit viel Mühe habe ich rausbekommen, dass sie mit Kopfhörern gepennt hat.« Vollmar schüttelte den Kopf. »Tss, tss, die Jugend von heute. Die anderen Zimmer sind leer. Wo ist Paul?«

»Er sieht sich gerade das Gästebuch an«, antwortete Rattke.

»Gut.«

Ein Polizeibeamter kam näher. »Der Mann, der gestern Abend hier Dienst hatte, ist gekommen.«

Rattke ging hinunter. Der Mann war über siebzig und sehr schlank, fast dürr. Seine Hand zitterte wie Espenlaub, als Rattke sie drückte.

»Holm«, stellte er sich vor. »Matthias Holm. Ich – eh – ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin noch völlig durcheinander. Wissen Sie, ich mache den Job doch nur aushilfsweise. Ein bisschen Geld nebenbei verdienen, mehr nicht.«

»Herr Holm, können Sie sich noch an die Frau erinnern?«