Ein Traum für alle Ewigkeit - Phillip Kordes - E-Book

Ein Traum für alle Ewigkeit E-Book

Phillip Kordes

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Beschreibung

»Ein Traum für alle Ewigkeit« ist das 3. Buch einer Trilogie. Es umfasst die Jahre 1896 - 1923. Benedikt Halbach hat es geschafft. Er ist nach Südafrika aufgebrochen. Schon als Junge hat er von fernen Ländern geträumt. Das Leben dort ist jedoch hart. Benedikt sehnt sich oft nach dem Sauerland zurück. Dort löst sein Verschwinden große Rätsel aus. Niemand kann ihn verstehen, und jeder hofft, dass er zurückkommt. Doch dann bekommt Benedikt in Südafrika eine große Chance.

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Phillip Kordes wuchs im Hochsauerland auf. Er studierte in Dortmund Pädagogik und war bis 2001 Lehrer an der Realschule. Bisher sind vier Kriminalromane und drei historische Romane von ihm erschienen. »Mord in acht Tagen« und »Windvögel« spielen im Hochsauerland. »Maske des Schweigens« und »time - Zeit der Sühne« sind im Ruhrgebiet angesiedelt. Seine historische Trilogie spielt hauptsächlich im Sauerland, aber auch in Südafrika. Darüber hinaus veröffentlichte Phillip Kordes nahezu 400 Kurzkrimis bzw. Kurzromane sowie zwei Fortsetzungsromane.

Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise.

Kurt Tucholsky

Benedikt und Viktoria Halbach

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Nachwort

1

Viktoria Halbach saß in einem Schaukelstuhl auf der Veranda vor ihrem Haus in Züschen und schaute auf den Bach Sonneborn, der in knapp zehn Metern Entfernung träge und sehr flach vorbeirann. Manchmal wirbelten kleine Bläschen auf, wenn das Wasser gegen einen Stein schlug oder an einer Verengung aufgehalten wurde.

Viktoria sah es nicht wirklich. Sie blickte mit leeren Augen in den Bach. Seit drei Tagen war ihr Mann Benedikt nun schon verschwunden. Viktoria war zutiefst beunruhigt. Gut, ihre Schwägerin Magdalena, die mit im Haus wohnte, hatte ihr von Benedikts früheren Reisen ausführlich erzählt. Aber damals hatte er jedes Mal ein Ziel genannt. Einmal war er zu seiner Schwester Eva aufgebrochen – sie lebte noch mit ihrem Mann Jonathan Thoma in Essen, bevor sie nach Züschen zogen -, ein anderes Mal wollte er seinen jüngeren Bruder besuchen.

Die vielen Handlungsreisenden, die durch den Ort zogen, hatte Viktoria gefragt, ob sie einem Mann namens Benedikt Halbach begegnet seien. Die Händler hatten einen guten Draht zu allem, was sie zu Geld machen konnten. Wenn über neue Geschäftsbeziehungen gesprochen wurde, waren sie nicht weit entfernt. Viktoria hatte die leise Hoffnung, dass ihr Mann neue Beziehungen knüpfen wollte. Aber alle hatten nur die Schultern gezuckt.

Als Frau hatte Viktoria kaum Befugnisse. Ohne Benedikts Einverständnis durfte sie nichts entscheiden. Aber das Leben musste weitergehen. Das Land war zu groß, als dass es brachliegen konnte.

Aus dem Stall trat ein junger Mann. Es war Linus Hartung, der Mann von Benedikts ältester Tochter Franziska. Benedikt hatte ihn kurz vor der Hochzeit mit Franziska zum Verwalter ernannt, und seitdem kümmerte sich Linus um die Landwirtschaft. Er war bei den Knechten, die fest auf dem Hof angestellt waren und den Tagelöhnern wegen seiner Fachkenntnis hoch angesehen. Er wusste auf jedes Problem die richtige Antwort.

Seit ihrer Hochzeit führte Viktoria in Züschen ein Leben in Geborgenheit. Sie hatte bisher einen liebevollen Mann gehabt und fragte sich nun, ob es ein Fehler gewesen war, mit Benedikt zu gehen. Nein, sie hatte ihren Entschluss nie bereut, aber jetzt fehlte er ihr sehr.

Aus der Haustür kam ihr Sohn Karl. Er war jetzt vierzehn Monate alt. Wie so oft kroch er auf ihren Schoß.

»Warum weinst du, Mama?«

»Ich weine gar nicht. Mir ist nur etwas ins Auge geflogen.«

Damit war der kleine Kerl zufrieden. Er schmiegte sich an ihre Wange, und sie drückte ihn ganz fest. Bald würde er ein Geschwisterchen bekommen. Viktoria hatte es Benedikt noch nicht gesagt. Sie wollte ganz sicher sein und ihm erst dann die freudige Nachricht mitteilen. Jetzt musste sie warten, bis er zurück war.

Sie schob Karl von ihrem Schoß und stand auf. Es war Zeit, mit Linus die nächsten Schritte zu besprechen. Das Korn stand in voller Pracht, und das Heu war auch noch nicht fertig eingebracht. Damit konnte sie nicht bis zu Benedikts Rückkehr warten.

2

Seit einer halben Stunde stand Benedikt Halbach auf dem Bahnhofsvorplatz in Essen an der Ruhr. Das Gebäude vor ihm war ein holzverschalter Fachwerkbau aus dem Jahre 1862, wie das Schild über dem Eingang zeigte. Darunter stand der Hinweis: Essen BM, nach der Bergisch-Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft. Links und rechts neben dem dreistöckigen Haus befand sich ein provisorischer Anbau.

Vor einer halben Stunde hatte Benedikt einen Uniformierten auf dem Vorplatz angesprochen.

»Entschuldigen Sie, ich suche das Büro der Firma Krupp.«

Der Mann sah ihn verständnislos an. »Die Firma Krupp? Die haben hier kein Büro. Da müssen Sie zur Firma gehen. Die liegt außerhalb von Essen, ist aber nicht zu übersehen.« Er wollte schon weitergehen, aber Benedikt hielt ihn auf.

»Ich dachte, die Firma Krupp würde Arbeiter für Südafrika suchen.«

Der Uniformierte kniff die Augen zusammen. »Mein Herr, ich weiß nicht, was Sie wollen. Aber Krupp sucht keine Arbeiter für Südafrika. Warum denn auch? Krupp braucht sich nicht im Ausland zu engagieren. Der Firma geht es hier gut genug.«

Er reckte sich und ging mit hocherhobenem Kopf davon.

Benedikt war ratlos und verwirrt zurückgeblieben. Auf seiner Reise vor vielen Jahren hatte er erfahren, dass viele Arbeiter sich der Firma Krupp anschlossen und nach Südafrika fahren wollten, um beim Eisenbahnbau zu helfen. Hatte er sich damals verhört? Nein, das konnte nicht sein, einer seiner Knechte war doch extra hier in Essen geblieben, und Benedikt hatte ihm sehnsüchtig nachgesehen.

Menschen kamen und gingen in das Bahnhofsgebäude. Sie drängelten sich teilweise rücksichtslos vorbei, weil das Haus zu klein war für die Menge.

Nicht nur der Name des Bahnhofs stand an der Eingangstür, ein Schild informierte über die Geschichte des Gebäudes. Am 1. März 1862 war es errichtet worden. Damals hatte man begonnen, eine Eisenbahnstrecke nach Dortmund über Oberhausen und Duisburg zu bauen, die vor einigen Jahren bis Bremen und Hamburg erweitert worden war.

Benedikt ging hinein und stockte. Männer, Frauen, Kinder standen in einer langen Menschenschlange. Die erwachsenen Personen waren kaum älter als vierzig. Sie hielten alte, abgewetzte Koffer in ihren Händen, trugen dicke Mäntel oder Jacken. Benedikt fragte sich, ob sie darunter nicht schwitzen würden, denn es war sehr warm. Aber anscheinend schien sie das nicht zu stören. Die Kinder, die meisten kaum älter als zehn, standen ruhig bei ihren Eltern.

»Warum stehen die Menschen hier an?«, fragte Benedikt einen Hünen von zwei Metern Größe mit dichtem schwarzem Haar. Sein Gesicht war braungebrannt, seine dunklen Augen funkelten darin wie Sterne. »Ich bin Dimitrios, aber alle nennen mich nur Dimi«, sagte er freundlich und reichte Benedikt seine mächtige Pranke.

Benedikt schlug ein und stellte sich vor. Dann zog er seine Hand schnell zurück, bevor Dimi sie zerquetschen konnte. Er sei Grieche, erzählte er, habe lange bei einem deutschen Grafen als Leibeigener gearbeitet, sei nun frei und wolle in die andere Welt.

»In welche andere Welt?«

»Nach Amerika, Kanada oder so. Ist doch egal. Hauptsache was anderes sehen, so wie die Menschen dort drüben.«

»Dann sind das alles Auswanderer?«, fragte Benedikt und deutete auf die Menschenmenge.

»Ja«, nickte Dimi. »Sie sind auf dem Weg nach Bremerhaven oder Hamburg, um dort auf ein Schiff zu steigen, das sie nach Amerika bringt.«

Amerika!

Wie oft hatte Benedikt auch davon geträumt?

»Hast du schon mal was von der Firma Krupp gehört?«

Dimi lachte. »Wer kennt die Firma nicht? Hier spricht doch jeder davon, aber die können nicht jedem eine Arbeit geben.«

»Ich dachte, Krupp sucht Leute für Südafrika.«

»So? Das weiß ich nicht. Aber geh mal dort hinüber.« Dimi zeigte auf eine andere Gruppe von Männern, die etwa fünfzig Meter entfernt vor einem Tisch standen, hinter dem drei Männer saßen. »Ich habe da was von Krupp gehört. Vielleicht kannst du da weiterkommen. Aber warum willst du nicht nach Amerika?«

Benedikt zuckte nur die Achseln.

»Weißt du was? Ich geh mit dir hinüber. Ist doch ganz egal, wohin wir reisen. Hauptsache fort.«

Er zog Benedikt mit sich zu den Männern. Dimi tippte dem vor ihm stehenden Mann auf die Schulter.

»Warum seid ihr hier?«

Der Mann machte zunächst ein unfreundliches Gesicht, dann aber wurde er zugänglicher. »Wir wollen für die Firma Krupp nach Südwestafrika. Sie nehmen aber nur starke Männer und einen Ausländer schon gar nicht. Habe ich jedenfalls gehört.«

»Südwestafrika? Nicht Südafrika?«, entfuhr es Benedikt.

»Krupp liefert nach Südwestafrika Eisenbahnradreifen«, antwortete der Mann. »Von da kann man schnell nach Südafrika kommen, sofern man will.«

Dimi sah Benedikt fragend an. »Versuchen wir es?«

»Na klar.«

Im Raum roch es unangenehm muffig. Benedikt wäre gern für kurze Zeit aus der Reihe getreten, aber dann hätte er sich wieder hintenanstellen müssen.

»Der Nächste bitte.«

Nun war Dimi an der Reihe.

Plötzlich wurde Benedikt nach vorn gestoßen. Der Mann hinter ihm sah ihn böse an. »Sie sind dran. Oder wollen Sie nicht mehr?«

»Doch, natürlich.« Er hatte ein wenig geträumt.

Benedikt machte zwei Schritte zu dem Tisch, hinter dem drei gelangweilt wirkende Männer saßen. Sie sahen kaum auf, als er vor ihnen stand.

»Name?«

»Benedikt Halbach.«

»Geboren?«

»Am 5. März 1853.«

»Wohnort?«

Benedikt zögerte einen Herzschlag lang. Dann sagte er: »Essen an der Ruhr.«

Der Mann hinter dem Tisch, ein dicker aufgeblähter Kerl von Anfang fünfzig, hob kurz den Kopf. Aber er schaute Benedikt nicht ins Gesicht, sondern auf seine Arme. Was er sah, befriedigte ihn offensichtlich, denn er nickte und widmete sich wieder seinen Notizen.

Benedikt atmete auf. Jetzt war er froh, dass sich seine jahrelange Arbeit in der Landwirtschaft gelohnt hatte. Seine Oberarmmuskeln waren zwar nicht so kräftig wie die der meisten jungen Männer um ihn herum, aber er war stark, drahtig und hatte nicht so einen wabbeligen Körper wie einige andere.

»Warum wollen Sie nach Südwestafrika?«

»Ich … eh … ich möchte beim Eisenbahnbau helfen.«

Der Dicke nickte. Offenbar reichte ihm die Erklärung. Er gab Benedikt einen Zettel.

»Gehen Sie zur Tür rechts. Da bekommen Sie etwas zu essen und trinken. Der Zettel hier ist für die Fahrkarte. Die erhalten Sie am Bahnsteig. In Bremen wird entschieden, ob Sie als Begleitperson geeignet sind. Wenn nicht, müssen Sie Ihre Rückkehr selbst organisieren. Warten Sie, bis Sie aufgerufen werden. Der Nächste bitte.«

Benedikt ging durch die Tür in einen Raum, in dem sich etwa zwanzig Männer aufhielten. Alle Fenster waren geöffnet, aber dennoch war es entsetzlich heiß. Von dem Griechen Dimi war nichts zu sehen. Es gab keinen freien Stuhl mehr, deshalb ließ sich Benedikt einfach an der Wand herunterrutschen.

Das fängt ja gut an, dachte er. Vielleicht hätte ich doch in Züschen bleiben sollen.

Vor drei Tagen war er heimlich in seinem Heimatort im Hochsauerland aufgebrochen. Er hatte niemanden etwas von seinem Vorhaben gesagt, selbst Viktoria wusste nichts. Er wollte nach Südafrika. Dort und im ganzen Westen von Afrika hatte man damit begonnen, Eisenbahnschienen zu verlegen, und viele Männer wollten dabei helfen. Auch Benedikt war bereit, die schwere Last auf sich zu nehmen. Es war ihm klar, dass er damit als Abenteurer gelten würde, denn nur diese wagten die beschwerliche Reise an der Westküste Europas und Afrikas entlang bis zum anderen Ende der Welt.

»He. Wir müssen los.« Neben ihm war Dimi aufgetaucht. »Oder willst du hier Wurzeln schlagen?«

Benedikt erhob sich langsam. Dimi packte ihn am Ärmel und zog ihn einfach mit.

Sie wurden zu einem Bahnsteig geschoben, wo bereits eine Lokomotive mit vier Waggons wartete. Von einem sich wichtigtuenden Mann bekamen sie ihre Fahrkarten. Benedikt und Dimi nahmen den dritten Wagen. Sie bekamen aber keinen Platz nebeneinander, worüber Benedikt nicht traurig war. Er wollte sich nicht unterhalten, er wollte die Fahrt nach Bremen genießen.

Ein älteres Ehepaar ihm gegenüber geriet sich in die Haare wegen zwei Schnitten Brot.

»Ich habe Leberwurst gesagt«, beharrte der Mann, ein Kerl mit beginnender Glatze und schweißnasser Stirn.

»Du wolltest Blutwurst«, sagte seine Frau laut und unbeherrscht. »Jetzt hast du sie auch. Hier, nimm die verdammten Schnitten doch beide.« Sie gab ihm auch noch ihr Brot.

Das besänftigte den Mann etwas. Er knurrte kurz, nahm die beiden Brote und biss in eines kräftig hinein. Die Frau sah demonstrativ zum Fenster hinaus.

Benedikt besaß in Züschen viele Ländereien. Er war einer der reichsten Männer des Sauerlandes, vielleicht sogar der reichste. Aber dennoch hatte ihn die Landwirtschaft nie befriedigt. Schon als kleiner Junge war er von der großen weiten Welt fasziniert gewesen, hatte allen Erzählungen mit großen Augen zugehört und so viel wie möglich darüber gelesen.

Benedikt hatte zuerst gezögert, aber als viele seiner Freunde und Bekannten in Züschen rasch hintereinander gestorben waren, war er in Panik aufgebrochen, weil er glaubte, etwas in seinem Leben zu versäumen. Zumal er mit Georg Auer, dem Bürgermeister, seinen engsten Vertrauten verloren hatte.

Er seufzte unterdrückt. Er war zum dritten Mal verheiratet. Die ersten beiden Frauen waren gestorben. Seine Tochter Franziska aus erster Ehe hatte einen guten Mann in Linus Hartung gefunden, der sich jetzt hoffentlich um das Anwesen kümmern würde. Von seiner zweiten Frau hatte er keine Kinder.

Er kam sich plötzlich schäbig und gemein vor, weil er seine Frau Viktoria und seinen kleinen Sohn Karl einfach allein gelassen hatte. Was war nur in ihn gefahren? Noch konnte er alles abblasen. Wenn er von Bremen zurückführe, brauchte er noch nicht einmal in Züschen zu sagen, was er vorgehabt hatte.

Es brachte nichts, weiter darüber zu grübeln. Jetzt war er hier im Zug, und jetzt wollte er auch seinen einmal eingeschlagenen Weg weitergehen. Jetzt konnte er nicht mehr zurück, oder vielmehr: er wollte auch nicht zurück. Er fieberte förmlich seinem Ziel Südafrika entgegen.

3

In Bremen mussten sie umsteigen. Auf dem Bahnsteig herrschte so ein dichter Menschentrubel, dass Benedikt den Griechen aus den Augen verlor. Zahlreiche Passanten fuhren nach Hamburg, manche nach Bremerhaven.

Benedikt sah sich vergeblich nach einem Stand der Firma Krupp um. Er fragte einen Reisenden, aber der zuckte nur die Schultern und meinte, dass er vielleicht in Bremerhaven fündig würde.

Bremen hatte einen eigenen Hafen, doch der versandete mehr und mehr, so dass keine größeren Schiffe einlaufen konnten. Für das »Auswanderergeschäft« hätte dies das Ende bedeutet. Schiffe, die über den Atlantik wollten, mussten groß genug sein, um die stürmische See zu überstehen.

Abhilfe konnte nur ein neuer Hafen bieten. Das war die Geburtsstunde von Bremerhaven. Bremens Bürgermeister hatte 1827 vom Königreich Hannover Land gekauft und den neuen Hafen errichten lassen. Schon wenige Jahre später konnten dort größere Schiffe einlaufen. Das war zu der Zeit, als die ersten Dampfschiffe entstanden. Sie waren bedeutend schneller, effektiver und größer als Segelschiffe. Mit dem Columbuskai in Bremerhaven war man nun für die stetig wachsende Zahl an Auswanderern gerüstet.

Der Zug nach Bremerhaven fuhr zwanzig Minuten später ab. Beim Einsteigen entdeckte Benedikt den Griechen weiter vorn. Dimi hatte ihn noch nicht gesehen. Der Hüne wurde von den Menschen in den zweiten Waggon gedrückt, Benedikt nahm den fünften.

Die Fahrt dauerte knapp eine Stunde. Der Bahnhof in Bremerhaven war kleiner als der in Bremen, deshalb fanden sich Benedikt und Dimi sofort. Der Grieche grinste.

»Man kann es drehen und wenden wie man will, man trifft sich immer wieder.«

Sie standen vor einem monumentalen Gebäude, vor dem sich ein überdachter Bahnsteig befand, an dem zwei Gleise entlangführten. Langsam näherten sie sich dem Eingang. Neben der Tür hing ein großes Plakat.

»Kannst du mir das vorlesen?« Dimi grinste verlegen. »Ich verstehe zwar alles, kann aber eure Schrift nicht lesen.«

Benedikt trat näher an das Plakat und las laut vor:

»Durch die Verordnung vom 1. Oktober 1832 ist festgesetzt, dass jeder hier ankommende Auswanderer sich am Tage nach seiner Ankunft bei der Polizeidirektion im Stadthaus zu melden hat, um einen Erlaubnisschein für seinen hiesigen Aufenthalt zu erhalten. Jeder Bürger der Stadt Bremerhaven darf Auswanderer nur beherbergen, wenn dieser einen solchen Erlaubnisschein vorweisen kann.«

»Damit will man verhindern, dass Deserteure, Gauner oder Militärpflichtige sich ihren Verpflichtungen entziehen«, mischte sich ein untersetzter Mann neben ihnen ein.

»Danke«, erwiderte Benedikt.

»Es wäre nicht das erste Mal, dass Personen mit Straftaten sich davonschleichen wollen«, ergänzte der Mann noch, tippte an seinen Hut und drehte sich um.

»Wo finden wir denn das Stadthaus?«, rief Benedikt ihm nach.

»Folgen Sie mir einfach.«

Der Mann war sehr schnell auf den Beinen. Benedikt und Dimi hatten Mühe, mit ihm Schritt zu halten.

Er deutete im Gehen über seine Schulter zurück zu einem weiteren Gebäude. »Das ist das Lloydhaus«, erklärte er ohne gefragt worden zu sein. »Mit der Gründung der Norddeutschen Lloyd errang der Auswandererverkehr über Bremerhaven eine neue Dimension. Das Gute am Norddeutschen Lloyd ist, dass er ausschließlich Dampfschiffe für den Überseeverkehr einsetzt. Bereits seit 1863 ist ein regelmäßiger Linienverkehr zwischen Bremerhaven und New York eingerichtet. Dort erfolgt die Ausschiffung.«

»Beachtlich«, knurrte Dimi.

Der Mann, der sich als Siegesmund Darlehm vorstellte, redete weiter. »Wenn Sie registriert sind, dann können Sie auch in das Auswanderhaus gehen. Es wurde 1849 von einer Bremer Kaufmannschaft als öffentliche Unterkunfts- und Versorgungsstelle für die Auswanderer gebaut.«

Sie erreichten das Stadthaus nach etwa einer halben Stunde. Hier warteten viele Menschen. Geduldig stellten sich Benedikt und Dimi an.

Den Erlaubnisschein erhielten sie erstaunlich schnell. Der verantwortliche Beamte schaute Benedikt und Dimi kaum an, stempelte ein paar Mal ein Blatt Papier und reichte es ihnen wortlos. Da die beiden wussten, was mit dem Schein zu tun war, drehten sie sich um und machten anderen Personen Platz.

»Und jetzt?«, fragte Benedikt draußen.

»Jetzt gehen wir in das Auswanderhaus, essen und trinken uns satt und schlafen dort. Morgen sehen wir uns nach einem Schiff um, das nach New York oder Kanada fährt.«

»Ich will weder nach New York noch nach Kanada«, sagte Benedikt.

Dimi winkte ab. »Auf jeden Fall müssen wir ein Schiff finden.«

Für zwei Mark pro Tag bekamen sie ein Bett und drei Mahlzeiten. Sie kamen zunächst nicht zum Ausruhen. Zwei Männer in weißer Uniform baten alle zu einer hygienischen Kontrolle. Sie waren sehr freundlich, aber auch bestimmend. »Jeder Auswanderer muss sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen«, sagte der Größere der beiden. »Dazu haben wir ein gemeinsames Bad vorgesehen.« Er verzog den Mund. »Frauen und Kinder zuerst, dann die Männer. Danach werden Kleidung und Gepäck desinfiziert. Das ist Pflicht, da kommt keiner drum rum.«

Benedikt und Dimi sahen sich an. »Das kann ja heiter werden«, sagte der Grieche.

Nach etwa zwei Stunden war alles vorüber. Benedikt fühlte sich frisch. So schlimm, wie er es sich vorgestellt hatte, war das Baden nicht. Alle waren sehr diszipliniert und auf Distanz bedacht. Auch das Wasser war nach dem Bad der Frauen gewechselt worden.

Dimi hatte inzwischen zwei Tassen mit Kaffee und mehrere trockene Brötchen besorgt.

»Mehr war nicht aufzutreiben«, sagte er, während er sich neben Benedikt setzte. »Es gibt ein offizielles Büro. Sie haben es extra für Auswanderer eingerichtet. Die Beamten dort stehen uns bei Fragen und Anliegen zur Seite. Außerdem empfehlen sie Schiffe. Das ist wichtig, denn dann ist die Ausrüstung der Schiffe gut und die Qualität sicher. In Bremerhaven bestehen strenge gesetzliche Vorschriften, die den Auswanderer schützen und ihm eine möglichst gute Überfahrt sichern.«

»Ich will gar nicht auswandern«, sagte Benedikt.

Er fühlte sich so müde, dass er am liebsten sofort eingeschlafen wäre. Aber neben ihm unterhielten sich zwei Mann so laut, dass er keinen Schlaf finden konnte. Doch dann lauschte er plötzlich sehr interessiert.

»Manche warten viele Wochen«, sagte der Mann, der einen dichten Vollbart trug und ein Monokel im rechten Auge hatte.

»Wer?«, fragte der andere begriffsstutzig. Er war klein, höchstens einen Meter fünfundsechzig.

»Na, die Auswanderer«, antwortete der Vollbärtige ein wenig ungehalten.

Der Kleine lachte. »Das glaube ich nicht.« Er deutete in die Runde. »Sehen Sie sich doch mal um. Glauben Sie, die würden solange warten? Die können es sich doch gar nicht leisten.«

»Wie auch immer. Wir sollten uns auf jeden Fall auf mehrere Tage einstellen.«

»Ich habe gehört, dass hier aus Bremerhaven alle Schiffe nach Amerika oder Kanada fahren.«

Der Bärtige nickte. »Das stimmt. Wer woanders hin will, der muss nach Hamburg. Von dort fahren die Schiffe nach Afrika oder Südamerika.«

Benedikt richtete sich auf, so dass der Bärtige auf ihn aufmerksam wurde. »Entschuldigen Sie«, sagte Benedikt, »aber ich habe Ihre Unterhaltung zufällig mitbekommen. Sie sagten, dass nur von Hamburg aus Schiffe nach Afrika fahren?«

»Richtig«, nickte der Bärtige freundlich.

»Und wie kommt man von hier nach Hamburg?«

»Mit einer Fähre. Die fahren mehrmals am Tag. Aber warum wollen Sie denn nicht nach Amerika oder Kanada? Da lebt es sich viel besser.«

»Ich habe mir Südafrika in den Kopf gesetzt, weil ich für die Firma Krupp arbeiten will.«

»Wenn Sie wirklich nach Afrika wollen, müssen Sie nach Hamburg.« Der Mann beugte sich noch etwas näher zu Benedikt heran. »Wenn Sie ein Schiff mit Zwischendecks finden, sollten Sie es nehmen. Dadurch können die Auswanderer billiger transportiert werden.«

Benedikt hätte gern noch mehr von dem Bärtigen gehört, aber der hatte das Gespräch beendet. Jetzt wurde ihm klar, warum die Firma Krupp kein Büro in Bremerhaven hatte. Benedikt drehte sich zu Dimi herum. Der Grieche war schon eingeschlafen. Na gut, dachte Benedikt, dann will ich auch versuchen, einige Stunden zu ruhen.

4

Als Benedikt sich nächsten Morgen aufrichtete und durch den Saal blickte, stellte er fest, dass die meisten Betten verlassen waren. Dimi rekelte sich.

»Du bist schon wach?«

Benedikt nickte. Er deutete in die Runde. »Alle weg. Die konnten es wohl nicht erwarten, auf ein Schiff zu kommen.«

Sie frühstückten und machten sich etwas frisch. Danach packten sie ihre Sachen und gingen hinaus. Unterwegs kamen sie an einem Kiosk vorbei. Auf der Ladentheke fand Benedikt eine Broschüre mit einem sechsseitigen Bericht über Südwest- und Südafrika. Benedikt legte die Groschen für das Heft auf die Theke.

»Wir müssen zur Fähre, wenn du wirklich nach Afrika willst«, drängte der Grieche.

Benedikt hatte Dimi unterwegs von seinem Gespräch mit dem Bärtigen erzählt.

»Oder wir warten hier und helfen beim Entladen und Beladen der anderen Schiffe. Dann bekommen wir wenigstens etwas Geld und vielleicht was zu essen.«

»Ich will aber nicht warten«, entgegnete Benedikt. Die Verlockungen wurden immer stärker. Er konnte sich der Faszination nach Afrika zu fahren, nicht mehr entziehen. Hoffentlich komme ich nicht zu spät für die Begleitmannschaft der Firma Krupp. Aber dann sagte er sich, dass er auf jeden Fall nach Südafrika fahren würde. Seine innere Unruhe wuchs zusehends. Dann hatte er einen Entschluss gefasst. Er würde später, wenn er sich eingelebt hatte, seine gesamte Familie nachholen.

Benedikt dachte an den Müller aus Züschen der ihm, als er zwölf Jahre alt war, von seinem Traum, nach Amerika auszuwandern, erzählt hatte. Damals war Benedikt in kindlicher Naivität verwundert gewesen, dass der Mann seinen Traum nicht verwirklicht hatte. Nun stand er selbst hier und hatte seine eigene Illusion. Er wollte nicht riskieren, dass sie wie eine Seifenblase zerplatzte.

»Ich bin dabei«, sagte Dimi in seine Gedanken. »Weißt du denn, was eine Überfahrt kostet? Ich habe nicht mehr das meiste Geld.«

»Keine Ahnung.«

Sie nahmen die erste Fähre eine halbe Stunde später. Der Wind pfiff ekelig, so dass sie beide unter Deck blieben.

Um sich die Zeit zu vertreiben, nahm Benedikt die Broschüre zur Hand, die er an dem Kiosk gekauft hatte. Zuerst wurde er enttäuscht. Die ersten Seiten handelten von einem Bremer Kaufmann namens Adolf Lüderitz.

Er zeigte bereits im Jahre 1882 großes Interesse an der sogenannten Wahlfisch-Bai in Südwestafrika. Lüderitz fragte im Auswärtigen Amt in Berlin nach, ob dort Landerwerbungen unter den Schutz des Deutschen Reichs fallen würden. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Wenn Lüderitz einen Hafen erwerben könne, auf den das Reich ein Recht habe, dann könne er vom Schutz durch Deutschland ausgehen. Lüderitz schickte seinen Agenten Heinrich Vogelsang nach Kapstadt und dann weiter nach Südwestafrika. Im Hafen von Angra Pequena nahm er die Bucht in Besitz und gab ihr den Namen »Lüderitzbucht«.

Deutsch-Südwestafrika war geboren. Vogelsang kaufte weiteres Land, was den Engländern nicht gefiel. Sie legten Protest ein, und Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck ließ die Verträge prüfen. Es stellte sich heraus, dass England nur die Besitzrechte auf die Wahlfisch-Bai hatte, auf sonst keine anderen Gebiete. Daraufhin stellte Deutschland die Landgewinne unter den Schutz des Reichs.

Das war nicht, was Benedikt gesucht hatte. Aber die nächsten Seiten gehörten Südafrika.

Vor Jahren hatte man dort im Süden riesige Gold- und Diamantenvorkommen gefunden. Sofort war ein regelrechter Boom ausgebrochen. Wenn man reich werden wollte, dann nur dort. Aber es gab auch ein Problem. Ein Mann namens Cecil Rhodes, ein Engländer, wollte Südafrika zu einer englischen Kolonie machen. Er erwarb fast alle Diamantenkonzessionen. Schon 1885 waren seine Privateinkünfte so hoch wie die von ganz Südafrika. 1890 wurde Rhodes Premierminister der Kapkolonie. Da nur wenige afrikanische Staaten ihre Eigenständigkeit bewahrt hatten und dem englischen Besitzdrang entgegentraten, zettelte er einen Krieg gegen die Republik Transvaal an. Aber gegen deren Präsident Paul Krüger hatte Rhodes keine Chance. Der Krieg ging für die Briten mit Pauken und Trompeten verloren. Cecil Rhodes musste noch im selben Jahr zurücktreten.

Ein weiterer Abschnitt am Ende verriet noch, dass die Reise kein Vergnügen sein würde. Es gab keine regelmäßigen Fahrten entlang der Küste von Afrika. Früher legten die Kapitäne erst ab, wenn sie genug Ladung an Bord genommen hatten. Damit endete der Bericht.

Im Hamburger Hafen stiegen sie als eine der Ersten aus. Bereits seit 1892 gab es in Hamburg die sogenannten Auswandererbaracken. Jeder, der in der preiswerten Zugklasse angereist kam und mit einem Ticket für die Zwischendecks weiterreisen wollte, musste dort leben. So wollte man die Auswanderer vor gierigen Geschäftemachern und sich selbst vor Krankheiten schützen.

Da Benedikt und Dimi nicht mit dem Zug angereist kamen, begaben sie sich sogleich in die Richtung, wo die großen Schiffe lagen.

Es waren vier. Zwei mit drei riesigen Schornsteinen, eins mit zwei und ein kleineres mit einem Schornstein. Am ersten stand der Name »IMPERATOR«, am zweiten »BALLIN«, am dritten war der Name nicht zu entziffern. Es musste älter als die beiden anderen sein. Das kleinere Schiff fuhr unter dem Namen »TROJAN«.

Auf ihrem Weg wurden Benedikt und Dimi von einer religiösen Organisation aufgehalten. »Wir leisten praktische Hilfe bei der Beschaffung von Dokumenten oder bei Verständigungsschwierigkeiten«, sagte die Dame ganz in Schwarz.

Benedikt und Dimi zeigten ihre Papiere. Sie warf einen überraschten Blick darauf.

»Sie haben also schon die hygienischen Untersuchungen hinter sich. Das ist gut. Haben Sie auch die nötigen Papiere, Sie brauchen zum Beispiel einen Pass und ein Visum für die Vereinigten Staaten oder Südamerika. Ohne die beiden Dokumente ist eine Auswanderung nicht möglich.«

»Ich möchte weder in die USA, noch nach Südamerika«, sagte Benedikt. »Ich will nach Südafrika.«

»Oh, das ist natürlich etwas anderes. Das geht viel leichter und unbürokratischer.« Die Dame lächelte gütig. »Sie zählen zu den Glücklichen, die dazugehören und …«

»Wie teuer ist die Überfahrt?«, unterbrach sie Dimi, dem die ausführlichen Darlegungen der Frau auf die Nerven gingen.

»Wie?« Sie war einen Moment lang verwirrt, lächelte dann aber verständnisvoll. »Die Mehrzahl reist für 160 Mark. Allerdings auf dem fensterlosen Zwischendeck.«

Benedikt schluckte. »Was benötigt man für Afrika?«

»Ach ja, Afrika.« Sie runzelte die Stirn. »Nur den Pass. Sie können sich ja beim Einschiffen noch mal erkundigen.« Sie deutete auf das kleinste Schiff. »Das ist die TROJAN. Die läuft heute noch aus. Wenn Sie sich beeilen, dann können …«

Das Weitere hörte Benedikt schon nicht mehr. Er hatte sich bereits nach ihren letzten Worten in Bewegung gesetzt. Hinter ihm erklangen die dumpfen Schritte von Dimi. Der Grieche holte ihn schnell ein.

»So ein Quatschweib«, schimpfte er. »Die hört sich gerne selbst reden.«

»Immerhin haben wir von ihr erfahren, dass man für Südafrika kein Visum braucht, sondern nur einen Pass. Hast du einen?«

Der Grieche nickte. Auch Benedikt hatte seinen Pass bei sich. Nach seiner Hochzeit mit Luise hatten sie beide einen bekommen. Die Pässe waren vom damaligen Bürgermeister Georg Auer und dem Pastor Adam Fricke beglaubigt worden.

Benedikt hatte eine kleine Theke erspäht, über der groß der Name Krupp geschrieben war. Ein Mann sortierte gerade einige Papiere, sonst war niemand am Stand. Benedikt ging darauf zu.

»Hallo«, sagte er. »Bin ich hier richtig, um mich als Begleitperson für die Eisenbahnradreifen der Firma Krupp zu bewerben?«

Der Mann hielt in seiner Arbeit inne und blinzelte. »Das tut mir leid. Da kommen Sie zu spät. Wir haben bereits sieben Mann ausgewählt. Sehen Sie dort!«

Er deutete auf sieben kräftig aussehende Männer, die gerade die schweren Eisenbahnradreifen zu einem Schiff brachten.

»Außerdem«, fuhr der Mann fort, »können wir nur große Männer gebrauchen, mindestes einen Meter achtzig, und jung müssen sie auch noch sein, höchstens dreißig. Sie sind älter.«

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Benedikt kniff die Lippen aufeinander. So langsam wurde er wütend.

»Sie könnten dazugehören«, sprach der Mann weiter und sah Dimi an. »Aber wie gesagt, es ist zu spät. Die TROJAN läuft heute noch aus. Wenn Sie wollen können Sie sich als Passagier einschreiben lassen.«

Benedikt zog Dimi mit sich. »Nur weil wir nach Bremerhaven gefahren sind, kommen wir zu spät. Komm, lass uns zur TROJAN gehen. Vielleicht haben wir Glück und bekommen noch einen Platz an Bord.«

Auf ihrem Weg zur TROJAN kamen sie an der IMPERATOR und der BALLIN vorbei. Benedikt blieb einen Moment lang stehen. Er überschlug die Menschenmenge und kam auf über zweihundert Personen. Junge Männer, kaum älter als dreißig, daneben ihre Frauen mit den Kindern, meistens fünf oder sechs. Die Gesichter der Frauen waren bleich und man sah ihnen jahrelanges hartes Arbeiten an. Aber in ihren Augen loderte ein Feuer, das Benedikt beeindruckte. So ein hoffnungsvolles Licht hatte er bisher noch nie gesehen.

Die Motivation zum Auswandern war für die Menschen vielfältig. Überwiegend handelte es sich um politische Gründe wie nach der gescheiterten Revolution von 1848.

Ein Schild am Kai ließ Benedikt erneut verharren. Dimi war neben ihn getreten und deutete mit einem Kopfnicken darauf. »Das war 1892, vor vier Jahren. Da hat die Cholera hier gewütet. Niemand durfte auswandern. Erst zwei Jahre später fuhren wieder Schiffe nach Amerika und Kanada.«

Sie kamen zur TROJAN. Von Nahem wirkte das Schiff noch unscheinbarer. Benedikt kniff die Augen zusammen. Es kam ihm nicht geheuer vor.

»Na? Wie gefällt euch mein Boot?«

Benedikt und Dimi drehten sich um. Hinter ihnen stand ein Mann von knapp eins achtzig Metern Größe. Sein faltenreiches Gesicht war braun gebrannt. Er trug eine Seemannsmütze und eine Uniform mit vier Streifen auf den Ärmeln.

»Ich bin Kapitän Moseley.«

»Fahren Sie nach Südafrika?«, fragte Benedikt

»Ja, nach Kapstadt. Wollt ihr mit?«

Benedikt nickte schon, ehe sich Dimi zu einer Antwort aufraffen konnte.

»Schön, schön. Ich habe noch Plätze frei.«

»Was kostet die Fahrt?«

»Nun … sagen wir einhundertachtzig Mark.«

Benedikt erschrak. Auch Dimi wechselte die Gesichtsfarbe.

»Für beide«, sagte Moseley schnell.

Benedikt atmete auf. Das war weniger, als die Dame von der Hilfsorganisation gesagt hatte. »Einverstanden.«

»Das ist die dritte Klasse, sozusagen auf dem Zwischendeck. Die Zwischendeckspassagiere dürfen nur zu bestimmten Tageszeiten an Deck, um frische Luft zu schnappen. Wir müssen noch eine Ladung Eisenbahnradreifen von der Firma Krupp deponieren.«

Er nickte kurz zu den Männern hin, die mit dem Beladen beschäftigt waren.

»Ich hatte gedacht, Krupp würde die Eisenbahn bauen«, äußerte Benedikt leise. »Aber ich muss mich wohl geirrt haben.«

»Krupp baut keine Eisenbahn«, erklärte der Kapitän. »Sie liefern nur Eisenbahnradreifen. Es ist die holländische Eisenbahngesellschaft, für die die Reifen bestimmt sind. Die suchen immer zuverlässige Männer. Die meisten Arbeiter kommen aus Indien. Wenn ihr mitwollt, müsst ihr zuerst den Preis für die Fahrt zahlen. Ich bin Kapitän, Steuermann und Kassierer in einer Person. Ich habe eine kleine Mannschaft, elf Mann. Damit komme ich aus. Na, wie ist es? Noch interessiert?«

Benedikt sah Dimi an. Der Grieche zögerte. Benedikt zückte seinen Geldbeutel und zählte neunzig Mark ab, die er dem Kapitän gab. Wenig später reichte auch Dimi ihm seinen Anteil.

Moseley steckte das Geld ein. »So, jetzt seid ihr meine Passagiere. Wir fahren über Southampton und dann in einem Rutsch bis Kapstadt. Die Fahrt dauert circa vier Wochen, manchmal auch etwas länger, je nachdem wie die See gelaunt ist. Es kann zum Teil stürmisch werden, aber ich denke, dass ihr seefest seid. Wenn nicht … das Meer ist groß genug für eure Kotze.«

An die Sprache muss ich mich aber noch gewöhnen, dachte Benedikt.

»Wir haben bisher zweiundzwanzig Passagiere, darunter vier Kinder im Alter von drei bis elf Jahren, plus die sieben Männer der Begleitmannschaft.« Er streckte die Hand aus und zeigte zum Schiff. Am Ende der steilen Treppe war ein jüngerer Mann aufgetaucht. »Das ist mein Erster Offizier. Meldet euch bei ihm und sagt, dass ihr die Passage bereits bezahlt habt.«

Er nickte den beiden noch einmal zu und ging dann am Kai entlang zu den anderen Dampfern.

Benedikt und Dimi schulterten ihre Rucksäcke und begaben sich zur Treppe. Der Erste Offizier sah ihnen entgegen.

»Patrick MacGyver«, stellte er sich vor, gab ihnen die Hand und führte sie ohne weitere Fragen eine Treppe hinunter ins Zwischendeck. »Suchen Sie sich eine Schlafstelle aus. Noch haben wir Platz genug. Ab Southampton wird sich das ändern. Dort steigen noch mehrere Personen zu. Es gibt dreimal am Tag etwas zu essen. Das Trinken müssen Sie reduzieren, da wir nur einen gewissen Vorrat mitnehmen können. Aber es reicht auf jeden Fall. Wenn Sie Fragen haben, dann wenden Sie sich an einen Matrosen oder an mich.«

MacGyver tippte an seine Mütze und ging wieder die steile Treppe hinauf.

Benedikt und Dimi sahen sich um. Es war sehr eng unter Deck. Die doppelstöckigen Betten nahmen fast den gesamten Raum ein. Zwischen ihnen gab es nur einen schmalen Gang, gerade groß genug, dass eine Person hindurchgehen konnte.

Benedikt nahm das obere Bett, Dimi das darunter.

»Ich bin froh, dass ich nur einen Rucksack bei mir habe«, meinte Benedikt.

»Ich auch«, antwortete Dimi. Er sah ein wenig skeptisch auf die Länge des Bettes. »Hoffentlich hängen meine Füße nicht über den Bettenrand hinaus«, sagte er ein wenig amüsiert.

»Du wirst es schon überleben.« Benedikt legte sich angezogen auf das Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Nun war er also dort angelangt, wo er hinwollte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er wusste nicht, ob er zufrieden sein sollte oder traurig oder verzweifelt. Erst mal schlafen, dachte er. Danach sieht die Welt wieder ganz anders aus.

5

Viktoria Halbach konnte es nicht glauben. Benedikt, ihr Mann, war in den Zug nach Bremen eingestiegen.

Vor knapp einer Stunde hatte sie der Züschener Handlungsreisende Emil Knappe aufgesucht. Emil war der zweite Sohn einer Solstätterfamilie.

Solstätter waren die Bauern, die an die Solstätte gebunden waren. Es gab neununddreißig Solstätter in Züschen. Nur sie konnten in den Gemeinderat gewählt werden, nur sie bestimmten die Geschicke der Gemeinde. Die Solstätte wurde stets an den erstgeborenen Sohn vererbt. Die anderen Söhne wurden entweder Beilieger, Handlungsreisende und nahmen Berufe wie Schuster, Sattler, Zimmermann oder Maurer an. Die Beilieger bekamen etwas Land von der Gemeinde zugewiesen, das sie selbstständig nutzen konnten.

»Ich habe in Essen am Bahnsteig gestanden und ihn gesehen«, berichtete Emil. »Ich wollte ihn gerade ansprechen, da stieg er in den Zug.«

»Hast du gehört, wohin er wollte?«, fragte Viktoria nach dem ersten Schock.

Emil wiegelte mit dem Kopf. »So genau weiß ich das nicht. Die meisten Menschen fuhren über Bremen nach Bremerhaven, um dort auf ein Schiff zu gehen, das sie nach Amerika oder Kanada bringt. Es sah mir ganz so aus, als wenn …«

Er brach ab, als er Viktoria nicken sah.

»Davon hat Benedikt all die Jahre geträumt.«

»Von Amerika?«

»Ja. Oder von einem anderen Ziel. Er war nicht glücklich hier in Züschen, im tiefsten Sauerland. All seine Vertrauten sind in den letzten Jahren gestorben. Ich glaube, er fühlte sich unendlich einsam.«

»Aber er hatte doch dich. Eine Familie, einen Sohn. Wie kann er denn das alles im Stich lassen?« Emil war bestürzt.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Viktoria leise.

Emil Knappe hatte die Familie Halbach kurz darauf wieder verlassen, und nun saß Viktoria wie versteinert auf dem Stuhl. Hinter sich hörte sie ihre Schwägerin Magdalena mit Küchenutensilien hantieren. Magdalena tat das, um sich abzureagieren, während Viktoria nur vor sich hinstarrte.

Wenig später erhob sie sich und ging zu Magdalena. Viktoria sah sofort, dass ihre Schwägerin geweint hatte.

»Wir sollten der Tatsache ins Auge sehen, dass wir nun auf uns allein gestellt sind. Mit Linus haben wir einen guten Mann. Er wird das Land in Schuss halten.«

Magdalena nickte kaum merklich. Neben ihr stand Berta, die zweite Tochter Benedikts aus seiner ersten Ehe. Sie war genauso ratlos wie alle anderen. Sie liebte ihren Vater sehr und verstand nicht, warum er sie im Stich gelassen hatte.

Am Nachmittag tauchte Jakob Halbach auf. Jakob war Benedikts Cousin. Die beiden besaßen das meiste Land in Züschen und hatten im Gemeinderat viel zu sagen. Jakob war sogar mal als Bürgermeister vorgesehen gewesen, aber damals war er noch zu jung. Jetzt, mit zweiundvierzig Jahren, besaß er genau das richtige Alter. Seit Georg Auer vor einigen Wochen gestorben war, war die Bürgermeisterstelle verwaist.

»Man munkelt, dass Benedikt nach Bremen gefahren ist«, platzte er gleich herein. Jakob war kein geschickter Redner oder Taktiker. Manchmal hielt er sein Fähnchen nach dem Wind. Meistens war er, wie es sich gehörte, auf Seiten der Solstätter, aber auch den Beiliegern gab er hin und wieder Recht.

»Du hast richtig gehört«, antwortete Magdalena bissig. »Emil hat also herumgequatscht.«

»Es wäre sowieso nicht lange ein Geheimnis geblieben«, sagte Jakob, dem Magdalenas spitze Antwort nicht aufgefallen war. »Wie soll es denn jetzt weitergehen?«

»Was meinst du?«, fragte Viktoria.

Jakob machte eine ausladende Handbewegung nach draußen. »Mit eurem Land meine ich. Wer weiß, wie lange Benedikt dieses Mal wegbleibt. Ihr könnt zwar mit meiner Hilfe rechnen, aber so wie bei den letzten Malen wird es nicht funktionieren.«

Zweimal schon hatte Jakob während Benedikts Abwesenheit dessen Land nicht nur mitverwaltet, sondern auch beackert, gesät und abgeerntet. Benedikt hatte ihn zwar belohnt, aber in Jakobs Augen war ein Anteil an der Ernte zu wenig. Dieses Mal sollte ihm das nicht wieder passieren.

»Wir haben Linus«, warf Magdalena ein.

Jakob lachte auf. »Der ist viel zu jung und unerfahren.«

»Das glaube ich nicht«, meinte Viktoria.

Jakob schüttelte den Kopf. »Außerdem ist Franziska schwanger. Linus wird andere Dinge im Kopf haben, als die Landwirtschaft.«

»Du wirst es schon sehen.« Viktoria wandte sich ab.

Da auch Magdalena weiter am Herd hantierte, kniff Jakob die Lippen zusammen und ging hinaus.

So war er von der Familie seines Cousins noch nie abgekanzelt worden. Bisher hatten sie sich immer gut verstanden, naja, meistens jedenfalls. Unstimmigkeiten hatte es schon mal gegeben. Jakob und Benedikt waren in vielen Dingen nicht immer einer Meinung, aber was besagte das schon.

Jetzt allerdings fühlte er sich übergangen. Seit Viktoria da war, war offenbar einiges anders geworden. Sophia, Benedikts erste Frau, und Luise, seine zweite Frau, hatten sich kaum oder gar nicht um den Hof gekümmert.

6

Linus Hartung rührte sich nicht. Er wagte auch kaum zu atmen. Die Bache vor ihm in kaum fünf Metern Entfernung scharrte mit den Hufen. Ihre Augen taxierten ihn ohne Unterlass. Die kleinen Ohren waren hochaufgerichtet, ebenso der Schwanz. Mit ihm signalisierte das Wildschwein durch Pendelbewegungen oder durch Anheben seine Stimmung. Jetzt war er angehoben, was sehr bedrohlich wirkte.

Linus war in Eile gewesen. Nur ganz kurz hatte er nach den neuen Fichten sehen wollen, die im letzten Herbst gepflanzt worden waren. Dabei hatte er zwar die untrüglichen Hinweise gesehen, aber eine durch Wildschweine umgewühlte Wiese, Eicheln am Boden, Wurzeln und Baumstämme, die deutliche Scheuerstellen aufwiesen, nicht weiter beachtet. Das Scheuern des Körpers an Bäumen war bei Wildschweinen notwendig. Aufgrund ihres kurzen und unbeweglichen Halses sind sie nicht in der Lage, sich zu putzen. Linus wollte nur schnell zurück zu seiner Frau Franziska, die jeden Augenblick ihr erstes Kind erwartete. Nur deshalb hatte er die Bache mit ihren Frischlingen nicht rechtzeitig bemerkt. Nun war er in arger Bedrängnis.

Aus den Augenwinkeln sah er sich nach einer Waffe um. In einer Entfernung von gut vier Metern lagen mehrere armdicke Äste. Damit würde er sich schon verteidigen können, aber schaffte er es auch bis dorthin?

Die Bache maß vom Kopf bis zu den Hinterbeinen mindestens einen Meter fünfzig. Einen unsagbar kurzen Moment kam Linus der lächerliche Gedanke, dass er froh war, nicht einem Keiler gegenüber zu stehen. Ein Keiler wäre viel gefährlicher gewesen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er die Frischlinge. Es waren vier. Sie mussten im April oder Mai geboren worden sein, denn ihr Fell wies noch vier bis fünf gelbliche, von den Schulterblättern bis zu den Hinterbeinen reichende Längsstreifen auf.

Linus rechnete jeden Augenblick mit einem Angriff.

Minuten vergingen, in denen er regungslos verharrte. Dann kam plötzlich Bewegung in die Bache. Sie musste wohl erkannt haben, dass von Linus keine Gefahr für ihre Frischlinge ausging. Mit einem letzten wütenden Schnauben drehte sie sich um und verschwand wenig später mit ihren Kleinen im Unterholz.

Jetzt brach Linus Hartung der Schweiß aus. Er zitterte am ganzen Körper so sehr, dass er das Taschentuch, mit dem er sich über die Stirn wischen wollte, fallen ließ. Er benötigte mehrere Versuche, es aufzuheben.

Am liebsten hätte er laut aufgeheult, aber dann wäre vermutlich die Bache zurückgekommen, und das wollte er auf keinen Fall erleben.

Er drehte sich um und hätte fast einen Herzinfarkt bekommen. In knapp dreißig Metern Entfernung stand Bruno Seibert. In seiner grünen Försteruniform war er unter den Bäumen kaum auszumachen. Bruno Seibert war von der Gemeinde Züschen als Förster eingestellt worden.

»Was treibst du hier?«, fragte Bruno mit zusammengekniffenen Augen.

»Ich habe nach den neuen Fichten gesehen«, gab Linus bereitwillig Auskunft.

»So? Dafür stehst du aber schon eine ganze Zeitlang auf derselben Stelle.«

Der Förster hatte offenbar nichts von der Bache mit ihren Frischlingen mitbekommen. Linus wollte ihm schon davon erzählen, aber dann hätte er sich vor Bruno blamiert, und das wollte er schon gar nicht. Der Mann würde sowieso nicht glauben, dass Linus in einer sehr gefährlichen Situation gewesen war. Bruno war ein erklärter Gegner der Halbachs. Warum, wusste Linus allerdings nicht.

»Was geht das dich an, wie lange ich hier stehenbleibe.«

»Ich bin der Förster. Ich muss alles wissen, was im Wald passiert.«

Linus lachte. »Das geht über deinen Horizont. Du kannst …«

»Pass auf, was du sagst«, unterbrach ihn Bruno wütend. Er verzog grinsend den Mund. »Du bist zwar jetzt der Herr auf Hof Halbach, aber nicht der Besitzer. Ich bin sicher, dass du das auch nie wirst. Da kannst du dich anstrengen, wie du willst. Benedikt wird dir nie den Hof überlassen. Er kommt wieder. Zweimal schon ist er ausgebüxt und immer wiedergekommen. Er ist ein Vagabund. Ein richtiger Mann verlässt seine Familie nicht.«

Linus schwieg. Es brachte nichts, mit Bruno Seibert zu streiten. Das hatte ihm sein Schwiegervater in einer ruhigen Stunde beim Bier und einer Pfeife schon erzählt.

Bruno schien auch etwas anderes zu bedrücken. Er deutete auf die Tierspuren. »Hast du Wildschweine gesehen? Die Biester richten großen Schaden an. Sie durchwühlen den Boden nach Insektenlarven und verderben damit alles. Sie gehen doch auch bei euch auf den Feldern auf Nahrungssuche, oder? Man müsste sie einfach abschießen. Aber dazu fehlen mir Männer, richtige Männer, meine ich.«

Er drehte sich plötzlich um und stampfte davon, ohne Linus noch eines Blickes zu würdigen.

Der sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Aus Bruno Seibert wurde kaum einer schlau.

Linus war nervös. Er drehte seinen Hut unentwegt in den Händen. Eva Thoma, Benedikts drittjüngste Schwester, legte ihm eine Hand auf den Arm, aber das schien den jungen Mann auch nicht zu beruhigen.

»Es wird schon alles gutgehen«, sagte sie leise.

Auf dem Hof spielten Evas Kinder. Sie warf immer wieder einen besorgten Blick zu ihnen hin.

»Kannst du auf sie aufpassen? Ich sollte besser bei Franziska sein.«

Linus nickte. Die Kinder störten ihn nicht. Im Gegenteil. Sie lenkten ihn sogar etwas von seinen Gedanken ab.

Eva verschwand im Haus. Jetzt sind vier Frauen bei Franziska, dachte Linus. Steht es so schlimm um sie? Er wurde zum ersten Mal Vater, er hatte keine Erfahrung mit einer Geburt.

Franziskas Schwangerschaft war problemlos verlaufen. Hin und wieder war ihr zwar übel gewesen, aber das war normal. Ansonsten hatte es keine Komplikationen gegeben.

Linus erinnerte sich wieder, dass die erste Frau seines Schwiegervaters, Franziskas Mutter Sophia, bei der Geburt Bertas gestorben war und so sehr er sich auch bemühte, die Gedanken daran zu vertreiben, kehrten sie unentwegt zurück.

Er warf einen prüfenden Blick auf Evas Kinder. Sie waren brav. Sie näherten sich nie dem Wasser der Sonneborn, sie stritten sich auch nicht wie viele andere Geschwister. So wünschte sich Linus auch seinen Sohn. Dass es ein Junge wurde, stand für ihn sowieso fest.

Er zuckte zusammen, als aus dem Fenster plötzliches Babygeschrei erklang. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Unendlich lange dauerte es, bis Helene Saalfeld, Benedikts zweitälteste Schwester in der Tür auftauchte. Sie winkte ihm heftig zu.

»Linus, komm. Du bist Vater geworden. Ich bleib bei Evas Kindern. Geh schon, geh schon hinein.«

Sie schob ihn, weil er sich zierte.

Linus betrat das Schlafzimmer. Zuerst sah er nur Eva, dann Magdalena und schließlich auch Viktoria. Sie rieb sich die Hände an einem Handtuch ab, aber sie nickte ihm mit lächelndem Gesicht zu und deutete zum Bett.

Dort lag Franziska mit einem kleinen Bündel im Arm. »Das ist Anita, deine Tochter, Linus«, flüsterte Franziska. »Bist du nun enttäuscht? Du hast dir doch so sehr einen Sohn gewünscht, und jetzt ist es nur ein Mädchen geworden.«