Tod am Inn - Waltraud Egitz - E-Book

Tod am Inn E-Book

Waltraud Egitz

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Beschreibung

Millie Mendt, Klavierlehrerin und frisch getrennt, zieht einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben und übersiedelt nach Kufstein, einer kleinen romantischen Stadt am Inn. Sie und ihre Tochter fühlen sich sofort wohl in ihrer neuen Wohnung in einem Haus aus der Jahrhundertwende und das Unterrichten an der städtischen Musikschule macht ihr Spaß. Doch die Idylle trügt. Millies Vermieter stirbt, nachdem er sich zuvor bei einem Unfall schwere Verletzungen zugezogen hat. Millie, von Natur aus wissbegierig und mit einem feinen Gespür für Zwischentöne, beginnt Fragen zu stellen. Als auch noch eine Arbeitskollegin ums Leben kommt, kann Millie nicht mehr an einen Zufall glauben. Nach und nach verstrickt sie sich immer tiefer in die Geschehnisse … „Tod am Inn“ ist ein atmosphärischer Krimi voller Spannung, menschlicher Abgründe und unerwarteter Wendungen – ein Leseerlebnis, das bis zur letzten Seite fesselt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tod am Inn

Ein Krimi aus dem Unterinntal

Waltraud Egitz

Sie redet und redet, ununterbrochen und mit heller Stimme, während sie die Treppe voraus hinuntersteigt und Pläne schmiedet. Ihre Schultern heben und senken sich mit jedem Atemzug. Das Kleid, am Rücken tief ausgeschnitten, lässt eine zarte Kette kleiner Wirbel erkennen.

Es wäre ein Leichtes, die Hände um ihren feinen Hals zu legen, über die weiche Haut zu streichen, die vorwitzige Locke hinter ihrem Ohr zurück an ihren Platz in die nachlässig gesteckte Frisur zu schieben. Ihren Hals zu berühren, ihren Puls in den Fingern zu spüren, den Duft ihrer Haare einzuatmen. Und dann zuzudrücken. Ohne noch einmal nachzudenken. Unnachgiebig und mit aller Kraft. Sie wäre endlich still. Und aus dem Weg geräumt. Alle Probleme gelöst. Die Vorstellung allein löst Herzklopfen aus. Die Arme verkrampfen, der Kopf dröhnt.

Da bleibt sie unvermittelt stehen, dreht sich um und erkundigt sich mit etwas ratlosem Blick „Was ist los? Sind meine Ideen nicht gut?“

Die giftigen Schlangen ziehen ertappt ihre Köpfe zurück. Der Augenblick ist vertan.

Almut

Vorsichtig hilft Almut ihrem Vater, sich aufzusetzen. Er ist mager geworden, knochig. Sie zieht die Bettdecke über seinen Knien glatt und reicht ihm die Kaffeetasse. „Trink einen Schluck!“

Mit ungelenken Händen führt er die Tasse an die Lippen, saugt wie ein Kind die Flüssigkeit in sich hinein, schluckt hart und starrt dann vor sich hin ins Leere. Sein Atem, nur mehr ein flüchtiger Hauch, streift über Almuts Finger. Sie nimmt die Tasse aus seinen Händen und tupft seinen Mund mit einer Serviette trocken.

Was ist aus ihrem Vater geworden! Seine Kraft, sein einnehmendes Wesen, seine Lust am Leben sind vom Verfall zerstört. Der Tod hat sich breitgemacht in seinem hageren Körper, er wartet nur noch auf den richtigen Augenblick.

Almut stellt das Kopfteil tiefer, der Vater bettet seinen Kopf ins Kissen und schließt die Augen.

„Schlaf ein wenig“, murmelt sie nahe an seinem Ohr und streichelt seinen Arm. Dann steht sie auf, öffnet die Terrassentür und tritt ins Freie. Während sich im Haus das Sterben breitgemacht hat, herrscht im Garten die Fülle des Lebens. Die Blüten der Hortensien leuchten, die Äste des Birnenbaumes biegen sich unter der Last der Früchte. Almut liebt den Garten, in den letzten Jahren hat sie viel Zeit darauf verwendet, ihn nach ihrer Vorstellung zu gestalten. Auch die Terrasse ist neu, sie spürt die Sonnenwärme der Pflastersteine unter ihren nackten Füßen.

Das Haus hat der Vater renoviert. Schwer und behäbig ruht es in der Erde und bietet mehren Parteien ein Zuhause. Er hat es unbewohnt und halb verfallen erstanden und wieder zum Leben erweckt, alte abgetretene Holzböden herausgerissen und durch neues helles Parkett ersetzt, undichte Fenster getauscht, Bäder saniert. Mit der Zeit hat Almut begonnen, ihren Vater bei der Renovierung zu unterstützen. Sie holte Angebote ein, verhandelte mit Handwerkern, kümmerte sich um Details. Es stand gerade die Sanierung der Kellerräume an, da hatte Vaters körperlicher Verfall die Arbeiten zum Erliegen gebracht.

Almut fühlt leise Wut in sich aufsteigen. Ein schwerer Sturz hat den Vater seiner Energie beraubt, er erholte sich nicht mehr von den Folgen, und durch die Demenz verliert er nach und nach auch noch den Verstand und ist für seine Tochter Almut kaum mehr erreichbar. Er hätte auf sie hören sollen. Ihr einfach vertrauen und das Haus ihr alleine überschreiben sollen. Und nicht auf Noras Verführungsattacken hereinfallen. Nach seinem Tod wird Nora die Hälfte des Hauses bekommen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Die verlorene Tochter, vor Jahren ausgezogen, um jetzt - verletzt und hintergangen - zurückzukehren und ohne Rücksicht auf Almut mit egoistischer Begeisterung das eigens für sie geschlachtete Schaf zu verzehren.

Millie

Wenn ich all die vollgepackten Schachteln und Kisten auf der Ladefläche des Lastwagens betrachte, kann ich meinen Wunsch nach einem Umzug nicht mehr nachvollziehen. So viele Dinge wollen nun nach oben in den zweiten Stock geschleppt werden!

Den Männern der Umzugsfirma fällt mein Zaudern nicht auf. Einen Karton nach dem anderen ziehen sie aus dem Dunkel des Fahrzeugs.

„Gehen Sie voraus und sperren Sie schon einmal die Tür auf“, bittet mich einer von ihnen.

„Ich nehme die Blume mit“, ruft meine Tochter und lädt sich aufgeregt den großen Topf mit dem Zitronenbäumchen auf den Arm.

Ich erwache aus meinen sinnlosen Grübeleien. „Der ist ja viel zu schwer, Mia!“, erwidere ich und möchte ihr die Pflanze abnehmen.

„Nein, Mama, lass nur. Nimm du auch etwas mit!“

Ich greife nach dem Klavierhocker, ziehe den neuen Wohnungsschlüssel aus meiner Manteltasche und gemeinsam betreten wir unser neues Zuhause.

„Das Haus ist aber alt“, flüstert Mia, als ich die zweiflügelige Eingangstür über den vier Steinstufen aufdrücke. „Hier riecht es auch ein bisschen … modrig.“ Mia verzieht ihre kleine Nase.

Ich lache. „Daran werden wir uns gewöhnen! Aber schau, wie breit die Treppe ist! Und so ein vornehmes geschnitztes Geländer hätten wir in einem modernen Haus auch nicht!“

Die Sonne leuchtet durch die hohen Fenster ins Stiegenhaus und in diesem Moment fällt all das Unbehagen von vorhin von mir ab und ich bin glücklich über meinen Entschluss, einen dicken Strich unter mein bisheriges Leben zu ziehen.

Unsere Wohnungstür ist weiß gestrichen.

„Willst du aufsperren, Mia?“

Meine Tochter ist ein wenig außer Atem vom Treppensteigen. Sie stellt das Zitronenbäumchen auf den Boden und dreht langsam den Schlüssel im Schloss um. Dabei sieht sie mich mit funkelnden Augen an. „Ich wünsche uns alles Glück der Erde“. Es klingt ein wenig altklug und fast wie eine Beschwörung. Dann drückt sie die Tür auf und springt über das knarrende Parkett aufgeregt durch die Wohnung.

Ich öffne die Tür weit, damit die Möbelpacker mit ihren Lasten nirgendwo anstoßen, räume die Topfpflanze aus dem Weg und betrete zum ersten Mal ohne die Vermieterin mein neues Zuhause.

Die Wohnung wirkt hell und freundlich, die hohen Räume lassen sie geräumiger erscheinen als sie tatsächlich ist. Meine finanzielle Lage erlaubt mir nur eine Zweizimmerwohnung, ich werde im Wohnzimmer schlafen, Mia bekommt einen Raum für sich. Die Küche ist klein, allerdings mit neuen modernen Möbeln ausgestattet.

„Wo kommt dieser Tisch hin?“, fragen die Männer in meine Überlegungen hinein, während sie sich mit dem geliebten Erbstück meiner Oma durch die Tür schieben.

„Hierhin bitte“, weise ich sie an und deute auf den Platz im Erker im Wohnzimmer. Die Männer stellen den Tisch ab und machen sich auf, weitere Sachen zu holen. Ich streiche behutsam über die runde Tischplatte mit der Einlegearbeit. Hier im Erker wird das Möbelstück gut zur Geltung kommen.

Es war übrigens der Erker, der letztendlich den Ausschlag für die Unterzeichnung des Mietvertrages gegeben hat. Moderne Häuser hätten zwar über einen Lift verfügt und über leichter zu heizende Räume, aber wer bitte konnte schon in einem lichtdurchfluteten Erker sein Frühstück zu sich nehmen?

„Mama, wenn du nur Löcher in die Luft starrst, werden wir nie fertig!“, ruft Mia, die gerade unsere Badetasche aus meinem Auto geholt hat und sie mir vor die Füße stellt.

Ich muss über den Eifer meiner Tochter lächeln. Aber ich bin froh darüber! Auch sie hat sich von ihren Freundinnen und Schulkameraden verabschieden müssen, Vertrautes und Liebgewonnenes aufgegeben.

Anfangs, als ich ihr von meinen Plänen erzählte, nach Kufstein - diese kleine, romantische Stadt am Inn - zu ziehen, war ich auf taube Ohren gestoßen. Mia war glücklich in ihrem Leben in Saalfelden in Salzburg und wollte daran auch absolut nichts ändern. Doch mit der Zeit hatte sie die Streitereien zwischen ihrem Vater und mir nicht mehr überhören können. Jonathan hatte schließlich eines Abends nach einer erregten Diskussion wütend seinen Koffer gepackt und war filmreif ausgezogen. Ich wollte gar nicht wissen, wo er Unterschlupf gefunden hatte. Bestimmt nicht in einem unpersönlichen Hotelzimmer, dafür hatte er sich immer zu gut verstanden mit Kolleginnen und Bewunderinnen, die ganz vorne direkt vor der Bühne saßen und ihm applaudierten, wenn er mit seiner rauen Stimme seine Lieder nur für sie zu singen schien.

Ich schüttle die trüben Gedanken, die mich immer noch zornig machen, ab. Ich habe mir vorgenommen, ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm zu pflegen, Mia zuliebe. Er ist schließlich ihr Vater, er soll sie weiterhin aufwachsen sehen und für sie da sein können. Insgeheim rechne ich zwar damit, dass er seine Vaterrolle reduzieren wird auf immer spärlicher werdende Besuche, auf Anrufe oder SMS, weil die schneller erledigt sind. Auf überschwängliche Versprechungen, die er dann nicht einhalten wird, auf großzügige Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten, mit denen er sich freikaufen möchte. Nicht umsonst habe ich meine Tochter Mia – die Meine – genannt. Jonathan bringt oberflächlichen Schwung in ihr Leben, Verlässlichkeit findet sie bei mir.

Ich möchte noch gerne auf einen Sprung bei meiner Vermieterin vorbeischauen. Im Stiegenhaus treffe ich auf die Möbelpacker, die gerade mein Klavier über die Treppe tragen. Das schwere Instrument begleitet mich seit meinem Studium, die Männer stöhnen unter seiner Last, der Schweiß perlt ihnen über die Stirn.

„Warum können Sie nicht Querflöte spielen?“, keucht der eine und stellt ein Bein des Klaviers schwer atmend kurz auf einer Stufe ab.

Ich habe Mitleid mit den schwitzenden Möbelpackern, aber ich kann ihnen nicht helfen. Auch mein Leben ist nicht leicht. Mit einem entschuldigenden Lächeln laufe ich an ihnen vorbei.

Einen Halbstock tiefer bleibe ich am Fenster stehen und werfe einen Blick in den überreich blühenden Garten. Unter dem breiten Blätterdach eines Amberbaumes versteckt sich eine Holzbank. Ich muss nachfragen, ob der Garten auch von den Mietern genutzt werden darf.

In diesem Moment überfällt mich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich wende mich vom Fenster ab und nehme rasch die letzten Stufen. Die Wohnungstür im ersten Stock ist einen schmalen Spalt breit geöffnet, ein abweisendes Gesicht starrt mir mit bewegungslosem Blick entgegen, um dann leise hinter der Tür zu verschwinden. Eigenartig. Diese Person gibt mir auf jeden Fall nicht das Gefühl, willkommen zu sein. Im Vorbeigehen kann ich auf dem zerkratzten Emailschild die verschnörkelten Buchstaben entziffern: Germana Troll. Hoffentlich ist hier der Name nicht Programm!

Da öffnet sich die Tür im Parterre und meine Vermieterin steht vor mir.

„Hallo Millie, schön, dass du da bist!“, ruft Almut und umarmt mich. „Hast du deine Sachen schon nach oben gebracht? Passt alles?“

„Alles in bester Ordnung, und das Haus ist wunderschön, aber das habe ich dir ja bei der Besichtigung bereits gesagt“, freue ich mich über ihren herzlichen Empfang und verdränge darüber das beklemmende Gefühl von eben.

Hinter ihr taucht ein junggebliebener Mitsechziger auf.

„Darf ich dir Werner Kehrer vorstellen? Er ist ein Freund der Familie.“ Der Herr mit dem aufgeknöpften Poloshirt reicht mir die Hand und grinst. Seine fehlenden Backenzähne passen nicht zu seiner gepflegten Lässigkeit.

„Und das ist meine neue Mieterin, Millie Mendt. Sie und ihre Tochter wohnen jetzt bei uns im zweiten Stock. Und stell dir vor, wir sind auch Arbeitskolleginnen, Millie unterrichtet Klavier hier an der Musikschule!“

„Du hast Frau Mendt sicher gesagt, dass du nicht die eigentliche Vermieterin bist?“, erkundigt sich Herr Kehrer.

„Du musst mich nicht bevormunden, Werner“, sagt Almut ein wenig vorwurfsvoll. „Klar weiß sie, dass das Haus meinem Vater gehört!“

„Noch, Almut, noch gehört es deinem Vater. Enio geht es sehr schlecht“, wendet er sich an mich.

Almut funkelt ihn an. „Lässt du uns jetzt bitte allein?“

Sie zieht mich zu sich in die Wohnung. „Ich stelle dir meinen Vater vor. Er hatte einen schweren Unfall, ist im Keller gestürzt. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie das passieren konnte. Er war nämlich absolut fit. Sicher, mit Mitte siebzig ist man nicht mehr jung, aber du hättest ihm sein Alter weder angesehen noch angemerkt. Dann tauscht er eine Glühbirne aus und fällt dabei von der Leiter. Er hat sich nicht mehr erholt. Und dann kam seine Vergesslichkeit dazu. Inzwischen ist er schwer dement. Er wird nichts mit dir anfangen können. Aber zumindest du sollst ihn kennenlernen.“

Sie öffnet die Tür zum Wohnzimmer. Direkt vor dem Fenster steht ein Pflegebett. Almuts Vater schläft.

Auf dem Parkplatz vor dem Haus startet leise surrend ein Auto, die lachenden Stimmen einer Gruppe junger Frauen zwängen sich durch das gekippte Fenster, das Geräusch des Windes, der durch die Bäume fährt, erinnert, dass das Leben draußen unbeirrt seinen Gang geht, herinnen allerdings verlöscht es gerade langsam. Tiefe Ruhe überfällt mich.

„Wie friedlich es hier wirkt“, flüstere ich.

„Er ist mir so fremd geworden.“ Almut flüstert ebenfalls. „Von dem, was ihn ausgemacht hat, ist nichts mehr übrig.“

Sie lächelt mich traurig an, zuckt mit den Schultern.

Der kranke Mann liegt auf dem Rücken, atmet durch den geöffneten Mund. Ich beuge mich zu ihm, lege meine Hand vorsichtig auf seine Finger.

„Hallo, Herr Collina, ich bin Ihre neue Mieterin, Millie Mendt“, sage ich leise.

Almuts Vater atmet weiter, unregelmäßig, seine Augenlider zucken.

Almut schüttelt leicht den Kopf: „Er hört dich nicht. Komm, wir lassen ihn schlafen.“

„Übrigens, um noch einmal auf Werner zurückzukommen“, meint sie, als wir uns im Vorzimmer verabschieden, „er ist eigentlich ein Freund meines Vaters. Aber seit der so krank ist, meint Werner, er müsse sich um mich kümmern. Manchmal ist mir seine Fürsorge etwas zu viel, doch im Grunde genommen bin ich über seine Hilfe ganz froh.“

Ich nicke, kann sie verstehen.

Aus einer Schublade des Garderobenkästchens nimmt sie einen beinahe antiken Schlüssel. „Der sperrt die Kellertür. Wenn du sonst noch etwas brauchst, helfe ich dir gerne. Und Werner ist auch noch da, er ist sozusagen der starke Mann an meiner Seite!“ Sie lacht.

Die Frage nach ihrer Beziehung brennt mir auf der Zunge. Fungiert Werner als dienstbarer Geist aus Verbundenheit zum Hausherrn? Oder ist da mehr zwischen Almut und dem deutlich älteren Freund?

Die Konferenz verläuft auf ganz ähnliche Weise wie die Konferenzen an meiner bisherigen Schule. Ich nutze die Zeit, mir meine neuen Kollegen genauer anzusehen. Neben mir sitzt Christa, Klavierlehrerin genau wie ich, mit modischem Kurzhaarschnitt und Nickelbrille, sie hat versprochen, mir im Notenarchiv den Schrank mit den Klaviernoten zu zeigen. Mir gegenüber streicht sich Otto gerade gedankenvoll den Bart. An ihm scheint alles rund zu sein, sein Gesicht, sein dicker Bauch, Anfangs- und Endbuchstabe in seinem Namen genauso wie das Horn, das er unterrichtet. Jetzt wirft er mir einen verschmitzten Blick zu, weist mit den Augen zu Urban, dem Direktor, und zuckt resigniert mit den Schultern. Urban scheint seine langatmige Ansprache nun allerdings zu Ende bringen zu wollen.

„Einen letzten Punkt haben wir noch, dann sind wir für heute fertig.“ Er räuspert sich. „Wie ihr wisst, wird im Frühjahr unser neues Kulturzentrum eröffnet. Unsere Schule wird bei der Eröffnung mit einem Konzert dabei sein, wir haben darüber schon gesprochen. Die Werke haben wir ausgewählt, die Noten hat auch jeder bekommen“, er sieht fragend in die Runde und als niemand widerspricht, fährt er fort, „nur über die Leitung des Orchesters waren wir uns noch nicht klar.“ Urban macht eine bedeutungsschwere Pause. Alle, auch jene, die während seiner vorherigen Ausführungen gelangweilt auf einem Block gekritzelt oder abwesend in die Luft gestarrt haben, wenden sich ihm nun gespannt zu. Ich bekomme das Gefühl, dass dieses Thema mit einigen Emotionen besetzt ist.

„Wir freuen uns, dass in diesem Schuljahr unsere geschätzte Gesangslehrerin und Kollegin Nora Collina an unsere Schule zurückgekehrt ist. Und es wäre unsinnig, um nicht zu sagen verwerflich, wenn nicht sie die Leitung unseres Musikschulorchesters übernehmen würde. Nach ihrer Karriere, die sie um die halbe Welt geführt hat, verfügt sie über einen reichen Schatz an Erfahrungen und ich glaube, ihr stimmt mir zu, dass wir niemand Besseren für diese große Aufgabe finden können. Darf ich mit deiner Einwilligung rechnen, liebe Nora?“

Nora, eine kleine, blonde, energiegeladene Person, nickt mit dem Kopf. „Ich freue mich sehr über dein Vertrauen, Urban, und ihr werdet sehen“, sie wendet sich an die Kollegenschaft, „wir werden viel Spaß miteinander haben!“

Applaus setzt ein, manche allerdings klatschen nur mit halbem Herzen, das kann ich beobachten. Otto klatscht gar nicht.

„Nora ist Almuts Schwester, das weißt du doch?“, fragt mich Christa leise in den Beifall hinein.

„Nein, das hat sie mir gar nicht erzählt“, antworte ich überrascht. Nora und Almut sind Schwestern? Weder ihr Aussehen noch ihr Charakter, soweit ich das nach unseren kurzen Zusammentreffen beurteilen kann, weisen auf eine so enge Verwandtschaft hin. Almut scheint das genaue Gegenteil von Nora zu sein: groß, schmal, mit dunklen, langen Haaren. Und mit nachdenklichem Wesen, fast ein wenig zögerlich. Die Wohnung hatte sie mir erst nach einem ausführlichen Gespräch und ein paar Tagen Überlegungszeit zugesagt.

Ich sehe zu meiner Vermieterin, sie sitzt mir schräg gegenüber. Gedankenverloren malt sie die Kästchen auf ihrem Notizblock nach. Ihre Freude über die neue Aufgabe ihrer Schwester hält sich scheinbar in Grenzen.

Otto schließt das Heft, in das er sich während der Konferenz Notizen gemacht hat, klemmt den Kugelschreiber an das Deckblatt und schiebt geräuschvoll den Stuhl zurück, während er sich erhebt. Urban sieht sich gezwungen, die Konferenz zu beschließen, unausgesprochene Machtverhältnisse äußern sich auch in kleinen Gesten. Hierin unterscheidet sich mein neuer Arbeitsplatz nicht von meinem alten.

Ich verstaue mein Schreibzeug und den Block in meiner bunten Patchwork-Tasche. „Begleitest du mich ins Notenkabinett?“, erinnere ich Christa.

Christa hakt mich unter. „Dazu müssen wir in den Keller.“

Durch einen langen niedrigen Gang erreichten wir das Archiv. In ausgedienten Kästen und auf durchgebogenen Regalen lagern hier verschiedenste Noten in Heften und Büchern, in Mappen gesammelt oder lose, zerfleddert und ausgefranst, manche auch ganz neu und demzufolge kaum oder noch nie gespielt.

„Hier kannst du dich bedienen.“ Christa öffnet einen Schrank und zieht die „Aufforderung zum Tanz“, ein Werk von Carl Maria von Weber, das ganz zuoberst auf einem Stapel liegt, hervor. „Das könnte eine meiner Schülerinnen beim nächsten Vortragsabend spielen“, überlegt sie.

Ich beginne, in den Stößen von Material zu wühlen. Beim Durchblättern geben die Seiten die Melodien frei, in meinem Kopf entsteht aus den grafischen Zeichen Musik. Ich merke, wie ich mich darin zu verlieren beginne.

Christa reißt mich aus meiner musikalischen Träumerei. „Was sagst du nun zu deinem neuen Kollegium?“

„Was willst du hören?“, frage ich sie. „Ich kenne ja eigentlich noch niemanden wirklich“, - ich kenne auch Christa nicht wirklich, so gesehen ist etwas Zurückhaltung angebracht - „aber auffällig war, dass die Bestellung Noras zur Orchesterleiterin anscheinend nicht überall auf Zustimmung gestoßen ist.“

Christa nickt. „Nora hat vor ihrer ,Weltkarriere‘“, Christa zeichnet mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft, „schon einmal hier unterrichtet. Genauso wie ihre Schwester Almut, die kurz zuvor hier eine Stelle gefunden hatte. Damals gab es an unserer Schule noch Max, er unterrichtete Klavier. Er hat sich in Almut verliebt.“ Christa schüttelt den Kopf, als würde sie im Nachhinein an seiner wahren Absicht zweifeln.

„Und Almut?“, frage ich und lasse mich auf einem Stuhl nieder, ich spüre, dass das der Einstieg in eine längere Geschichte ist.

„Almut kennst du ja. Sie zögert lange, bis sie sich zu einer Entscheidung durchringt. Weißt du, eigentlich war es eine richtig schöne, romantische Liebesgeschichte: Er hat Herzpralinen in ihr Postfach im Konferenzzimmer gelegt, ist vor der Eingangstür herumspaziert, bis ihr Unterricht vorbei war und er sie nach Hause begleiten konnte; einmal hat er für seine Klavierschüler ausschließlich Liebeslieder ausgesucht, die sie dann beim Klassenabend spielten. Von ,Für Elise‘ bis ,O lieb, so lang du lieben kannst‘ war alles dabei. In seiner Begrüßungsrede ließ er durchblicken, dass die Liebe das schönste Geschenk sei, das man geben wie auch empfangen könne, und er wünsche sich, dass niemand die Zurückweisung dieses Geschenkes erfahren müsse. Das Publikum – hauptsächlich Eltern und Großeltern der Klavierschüler – waren gerührt über seine einfühlsamen Sätze, wir Lehrer wussten aber alle, dass es sich um eine Liebeserklärung an Almut handelte.“ Christa lacht. „Ich erinnere mich noch genau, dass sie vor Verlegenheit am liebsten im Boden versunken wäre!“

„Also hat sie seine Absicht verstanden?“

„Klar! Und bald darauf waren die beiden auch ein Paar, und zwar ein richtig schönes. Beide groß und schlank. In der Schulchronik findet man sicher Bilder von den beiden. Und Nora hat bestimmt auch eines, zumindest von ihm.“ Christa zieht missbilligend die Augenbrauen hoch.

Gedankenverloren blättere ich mich durch einen Stoß Klavieretüden. Ich ahne, was jetzt kommen würde. Auch in meinem Leben gab es so eine Nora.

„Er hat sie verlassen?“

Christa nickt. Wieder zieht sie ihre Augenbrauen hoch. „Nora kam an unsere Schule. Sie besitzt ein sehr einnehmendes Wesen, hast du vielleicht eben selber bemerkt, und steckt immer voller Pläne. Sie führte beispielsweise einen Jour fix ein, an dem wir alle gemeinsam zum Abendessen gingen. Es war ihre Idee, unser Konferenzzimmer wohnlicher zu gestalten, sie kaufte Pflanzen und brachte Kuchen. Es gelang ihr, die anderen mitzureißen, sodass, solange sie bei uns war, fast täglich Leckereien auf dem Konferenztisch standen. Und sie hatte die Idee, ein Musical für Kinder aufzuführen, gesungen, getanzt und gespielt von unseren Musikschulkindern. ‚Die drei kleinen Mäuse‘ hieß es. Es war ein toller Erfolg damals.“ Christa sieht mich an. „Du hättest dich ihrem Zauber auch nicht entziehen können.“

„Und Almuts Freund auch nicht?“, führe ich ihre Geschichte weiter.

Christa zuckt mit den Schultern. „So eine Aufführung auf die Beine zu stellen, bedeutet sehr viel Engagement. In der Zeit vor der Premiere fanden fast täglich Proben statt. Nora war immer dabei, sie unterrichtet ja Gesang und leitete den Schulchor. Max war für den Klavierpart zuständig. Und anschließend saßen wir zusammen und besprachen die Fortschritte oder überlegten Verbesserungen. Almut war auch meistens dabei. Doch während wir anderen irgendwann nach Hause gingen, ergab es sich immer öfter, dass Max und Nora noch irgendetwas Wichtiges abreden mussten.“ Christa verzieht ihr Gesicht zu einer Grimasse, die deutlich macht, was sie schon damals von diesen vorgeschobenen Erklärungen hielt. „Bald war es ein offenes Geheimnis, dass es zwischen den beiden gefunkt hat.“

Sie verbiegt das Notenheft zu einer Rolle und kratzt sich damit die Stirn.

„Für Almut war diese Beziehung ein Desaster“, fährt sie fort. „Sie war wie erstarrt. Sie hat mit niemandem über diese Geschichte geredet, kein Wort. Ob sie Max Vorwürfe gemacht hat – keine Ahnung. Von einem Tag auf den anderen haben die beiden sich nicht mehr angeschaut. Seither ist sie Single.“

„Was ist eigentlich mit diesem Werner, der bei ihr im Haus wohnt?“, ergreife ich die Gelegenheit, meine Neugier zu bedienen.

„Werner Kehrer? Er ist Teilzeit-Hausmeister hier an der Schule.“ Christa runzelt die Stirn und starrt aus dem Fenster, als könne sie dort irgendwo Informationen über Almuts Beziehungsstatus ablesen. „Aber ob der ihr neuer Freund ist? Eher ein alter Bekannter ihres Vaters, glaube ich.“

„Er würde auch nicht zu ihr passen“, wage ich eine Vermutung. „Er wirkt so … verbraucht!“

Christa beginnt zu lachen. „Ganz frisch ist er in seinem Alter sicher nicht mehr! Zwischen ihm und Almut liegen mindestens dreißig Jahre!“

„Sie machen einen so vertrauten Eindruck“, versuche ich meinen Gedanken zu untermauern.

Christa lacht noch immer. „Nachdem du jetzt mit ihnen unter einem Dach lebst, ergibt sich sicher die Möglichkeit, genauer nachzuforschen!“

Ein ganz klein wenig fühle ich mich lächerlich gemacht. Auf subtile Art in die Schranken gewiesen. Was bin ich für eine Mimose!

„Ich erwarte natürlich deinen Bericht, klar?“ Christa lacht verschmitzt. „Und jetzt komm, gehen wir!“

Immer noch Millie

Obwohl wir nun schon seit gut zwei Wochen unser neues Domizil bewohnen, ist noch lange keine Ordnung eingekehrt. Es fehlen noch die zart gemusterten Plissees an den Fenstern, ein schmaler weißer Wandschrank im Vorraum und eine ausziehbare Couch im Wohnzimmer. Momentan nächtige ich auf einer Matratze auf dem Boden, die uns tagsüber als Sitzgelegenheit vor dem niedrigen Tischchen dient. Dafür habe ich mit viel Liebe die nagelneuen Küchenschränke eingeräumt. Auf dem Fensterbrett stehen Kräuter in hellen Steinguttöpfen und die Sonne meint es gut mit ihnen und lässt sie wachsen, und mir schenkt sie ihr Strahlen, und dann fühle ich mich zufrieden und weiß, dass meine Entscheidung, mein altes Leben inklusive Jonathan hinter mir zu lassen und hier ganz neu anzufangen, richtig war.

Mias Zimmer ist eigentlich fertig eingerichtet, wir haben alle ihre Möbel mitgenommen und eins zu eins wieder aufgebaut, doch seit sie in einer meiner Wohnzeitschriften, die ich mir zur Inspiration zugelegt habe, ein verspieltes Mädchenzimmer entdeckt hat, liegt sie mir in den Ohren mit dem Wunsch nach rosafarbenen Wänden und glitzernden Sternen an der Decke über ihrem Bett.

„Wir könnten das Zimmer selbst ausmalen“, bettelt sie.

„Das müssten wir auch“, rutscht es mir heraus. Meine finanzielle Lage ermöglicht mir im Moment kaum Sonderausgaben.

„Und ich würde dir helfen!“

Mia glaubt, in meinem Gesicht Zeichen der Zustimmung erkennen zu können.

„Du bist super, Mama!“, jubelt sie und umarmt mich stürmisch. Mir fällt auf, dass sie jetzt nur noch einen Kopf kleiner ist als ich.

„Meine kleine Große“, murmle ich in ihr Haar. Ich habe ihr viel zugemutet in letzter Zeit, darum lasse ich mich jetzt gerne um den Finger wickeln.

„Wir haben eine Malerrolle und Pinsel und ein Klebeband im Keller, das holen wir herauf und anschließend fahren wir in den Baumarkt und schauen, welche Farben es gibt, was sagst du? Ich habe gerade Zeit!“

Damals, als Jonathan und ich unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen - aus Ersparnisgründen eine etwas heruntergekommene Bleibe, dafür aber sehr romantisch mit einer Säule mitten im Wohnzimmer, Fensterläden, deren Scheiben jedes Mal klirrten, wenn man sie zudrückte, und mit Toilette auf dem Gang – damals also malte ich alle Wände. Jonathan hat, was handwerkliches Arbeiten betrifft, zwei linke Hände. Auch unsere zweite Wohnung, die wir mit Mias Geburt mieteten, habe ich teilweise ausgemalt, diesmal aber mehr, um sie ganz individuell zu gestalten und ihr meinen Stempel aufzudrücken. Der Brombeerton in unserem Schlafzimmer hätte ihn in die Arme anderer Frauen getrieben, mutmaßt meine Freundin Elli. Weil er es aber schon vor unserem brombeerfarbenen Schlafzimmer nicht unbedingt genau mit der Treue genommen hatte, kann ich diesen Vorwurf entkräften. Und weil er als Maler so ungeschickt ist, wird der Farbton dieses Zimmers auch erhalten bleiben, es sei denn, er findet wieder eine Dumme, die drübermalt. Aber immerhin: Seit dieser Zeit besitze ich einiges an Werkzeug und auch eine gewisse Portion an Erfahrung im Umgang damit.

„Ich hole alles aus dem Keller!“, ruft Mia stürmisch und saust davon.

Währenddessen schaue ich ins Kinderzimmer und überlege, wie wir am besten vorgehen. Vielleicht sollten wir nur zwei Wände rosa streichen, die anderen beiden weiß lassen. Und für die Sterne würde ich eine Schablone brauchen.

Am Bahnhof gegenüber auf der anderen Straßenseite fährt ein Zug ein und kommt mit quietschenden Bremsen zum Stillstand. Gleich darauf strömen die Ankommenden durch die Glastür des Bahnhofgebäudes auf den großen, grau gepflasterten Vorplatz und wandern anschließend wie in einer Fronleichnamsprozession an unserem Haus vorbei.

Bahnhofsgeräusche verbinde ich mit Urlaub und darum stoße ich mich nicht daran. Allerdings ist an Schlaf bei geöffnetem Fenster nicht zu denken.

Auf einmal steht Mia im Zimmer. „Mama, stell dir vor, im Keller ist eine Hexe!“, schnauft sie ganz außer Atem.

Ich lache. „Zu Fuß oder mit Besen?“, necke ich sie.

„Nein wirklich!“, ruft sie und schaut mich aufgeregt mit erhitztem Gesicht an. „Okay, vielleicht ist sie keine richtige Hexe, aber sie sieht zumindest so aus. Sie trägt einen langen Faltenrock und hat mich ganz böse angeschaut. Sie macht mir Angst! Allein gehe ich da nicht mehr hinunter!“

Kurz blitzt das Bild des abweisenden Gesichtes von Germana Troll vor meinem inneren Auge auf. Seit dem Blick durch den Türspalt bin ich ihr nicht mehr begegnet. Doch das beklemmende Gefühl bei ihrem Anblick habe ich nicht vergessen.

„Komm, wir gehen gemeinsam nachschauen“, schlage ich Mia vor und nehme sie bei der Hand.

Im Keller kann man noch erkennen, dass das Haus schon weit über hundert Jahre alt ist. Die Wände sind unverputzt, die Türen zu den einzelnen Abteilen aus groben, durch den Gebrauch über viele Jahre abgenutzten Brettern gezimmert, Wasser und Heizungsleitungen knapp unter der niedrigen Decke tragen eine dicke Staubschicht. Im düsteren Licht wirkt der lange Gang nicht sehr einladend.

Plötzlich huscht eine Katze an uns vorbei. Sie scheint aus dem Nichts zu kommen. Mia erschrickt fürchterlich. Sie zieht an meiner Hand und will nicht mehr weitergegen.

„Das ist nur eine Katze“, flüstere ich, „wahrscheinlich haben wir sie gestört. Und weil sie uns nicht kennt, ist sie davongesaust.“

Ich räuspere mich. Ich habe mich von Mias Nervosität anstecken lassen. Laut sage ich: „Gibst du mir unseren Schlüssel?“

Betont geräuschvoll sperre ich die Tür zu unserem Abteil auf.

„Sie ist noch da!“, flüstert Mia so leise, dass ich die Worte fast von ihren Lippen ablesen muss. „Ich höre sie atmen!“

Ich schalte das Licht ein und augenblicklich wird das ganze Durcheinander von gestapelten Kartons und vollgestopften Säcken, von dazugestellten Sportgeräten und Dingen, denen ich in der Wohnung noch keinen Platz zuweisen konnte, sichtbar. Mir graut.

„Da gibt es noch viel zu tun für mich“, murmle ich vor mich hin. Laut sage ich: „Hier in dieser Schachtel findest du, was wir brauchen. Such doch schon einmal die Walze!“

Während Mia die Schachteldeckel aufklappt und zu wühlen beginnt, drehe ich mich leise um und wandere den tristen Kellergang entlang. Ganz am Ende steht eine Tür halb offen. Vorsichtig spähe ich durch den Spalt und schaue geradewegs in die starren Augen von Germana Troll. Ihr Blick löst in mir die gleiche Empfindung aus wie vor zwei Wochen: Ich fühle mich als Eindringling.

Hinter ihr erscheint Werner Kehrer. „Hallo, Frau Mendt!“, begrüßt er mich betont unbefangen und überspielt damit die angespannte Stimmung. „Ich habe die Glühbirne getauscht. Jetzt müsste wieder alles funktionieren.“

Mit zwei Schritten ist er am Schalter und sofort breitet sich fahles Licht in Frau Trolls Kellerabteil aus.

„Na, sehen Sie, Frau Troll, alles wieder in Ordnung!“ Er dreht sich zu mir und erklärt: „Ich bin hier der Hausmeister. Wenden Sie sich ruhig an mich, wenn Not am Mann ist!“

Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, Werner Kehrer spielt Theater. Er steht als Hausmeister auf der Bühne, doch in Wirklichkeit habe ich die beiden bei irgendeinem Unterfangen gestört. Ich sehe mich suchend im Kellerabteil um. Einige große Holztruhen stehen ordentlich aufgereiht an der Wand, auf den Regalen darüber entdecke ich Unmengen leerer Marmeladegläser und etliche ungeöffnete Zwei-Liter-Weinflaschen. An der Wand lehnt neben einem Stoß Brennholz eine zusammengeklappte Leiter. Nichts Ungewöhnliches also, das einen Hinweis auf den Grund für die unerklärliche Spannung liefert, die in der Luft liegt.

Werner hat uns beide Frauen ohne ein weiteres Wort verlassen. Bis auf das Rumoren aus meinem Abteil und dem Geräusch von Werners Schritten, das sich nach und nach verflüchtigt, ist es ganz still.

„Wir haben uns noch nicht kennengelernt“, presche ich vor, „ich bin Millie Mendt, vor kurzem hier eingezogen.“ Mit ausgestreckter Hand gehe ich auf sie zu.

Frau Troll erwidert meinen Gruß und stellt sich ebenfalls vor. Sie ist ungefähr so groß wie ich und trägt ihr wildes, lockiges Haar zu einem lockeren Knoten aufgesteckt. Ihr Alter kann ich nicht schätzen. Der Figur nach könnte sie eine junge Frau sein, Mitte dreißig wie ich, ihr abweisendes Gesicht, in dem ich trotz der trüben Beleuchtung tiefe Falten um den Mund ausmachen kann, lässt sie deutlich älter erscheinen.

Germana Troll macht keine Anstalten, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen. Also denke ich praktisch und bitte sie einfach um die Leiter, die ich brauche, um Mias Zimmer ausmalen zu können.

„Ich würde sie spätestens morgen Abend zurückbringen“, setze ich mir selbst eine Frist.

Frau Troll nickt. Wortlos packt sie die Leiter und stellt sie geschickt vor der Holztür ihres Kellerabteils ab.

„Sie sind ganz schön stark“, lache ich und versuche, damit die Situation aufzuheitern. Mir fallen ihre Hände auf, mit denen sie die Sprossen umklammert. Sie sind kräftig und groß und passen gar nicht zu ihrem schmalen Körper.

Frau Trolls Gesicht bleibt unbeweglich. „Sie brauchen die Leiter nur wieder hierherzustellen, ich sperre sie dann ein.“

Damit wendet sie sich ab, schließt ihr Abteil zu und geht. Ich sehe ihr nach, wie sie mit erhobenem Haupt davonschreitet, ganz in Schwarz gekleidet, mit dem wirren Haar, das sich trotz aller Einschränkungen durch Kämme und Nadeln nicht zur Ordnung zwingen lässt. Eigentlich eine anmutige, schöne Frau, die aber Härte und Verbitterung ausstrahlt.

Als Frau Troll verschwunden ist, erscheint Mias Gesichtchen im Türrahmen. Sie deutet in Richtung unserer davoneilenden Mitbewohnerin und zieht eine Grimasse. Ich laufe zu ihr und lege mit verschwörerischer Miene den Zeigefinger auf ihren Mund. „Wahrscheinlich ist sie in Wirklichkeit ganz nett und wenn wir erst länger hier sind, lernen wir sie besser kennen, und wer weiß, vielleicht entdecken wir dann auch einmal ihre freundliche Seite.“

Mia wirkt wenig überzeugt, doch sie gibt nach. „Ich habe die Malerwalze gefunden“, sagt sie, „und viele andere Dinge, die wir brauchen können, auch!“

Sie hat der Reihe nach Kisten und Schachteln geöffnet und durchsucht. „Hier sind Bilder, die wir noch aufhängen können, hier ist deine Küchenmaschine, und da…“

„Das holen wir alles, wenn wir wissen, wohin damit, okay?“, unterbreche ich ihren Eifer, klemme mir das Malerzeug in den einen Arm, mit dem anderen schiebe ich Mia nach draußen.

„Sperrst du bitte zu? Und dann los zum Baumarkt, sonst kriegen wir heute keine Farben mehr!“

Ich schließe das Etüdenheft und reiche es Viktor. „Spielen Sie mit Metronom! Und üben Sie besonders die beiden Stellen, die wir besprochen haben! Dann können wir das nächste Mal den Schluss angehen!“

„Klar, mach ich!“ Viktor lächelt und greift nach dem Heft. „Aber sollen wir uns nicht duzen? Ich würde mich freuen!“ Er streckt mir die Hand hin: „Viktor.“

Ich bin ein wenig überrumpelt. Aus der Anmeldung weiß ich, dass Viktor Voss, einer meiner Klavierschüler, schon gut Mitte zwanzig ist und habe mir auch überlegt, wie ich in ansprechen soll, mich dann aber für das Sie entschieden. Damit bin ich immer auf der sicheren Seite. Und mit der Zeit würde ich sehen, wie sich unser Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelt. Nun hat er mir die Entscheidung aus der Hand genommen.

„Millie“, sage ich und erwidere seinen Händedruck. Dabei fällt mir wieder sein jungenhaftes, markantes Gesicht auf. Schon während der Unterrichtsstunde habe ich ihn verstohlen von der Seite betrachtet.

Viktor nickt. „Ich freue mich“, meint er und es klingt, als sei das nicht nur so dahingesagt. Er erhebt sich, steckt das Heft in seine Tasche, schlüpft in seine Jacke und macht sich auf den Weg zur Tür.

„Bis zum nächsten Mal“, lächelt er. Ich bin mir sicher, er ist sich seiner Wirkung auf seine Mitmenschen bewusst – besonders auf jene weiblichen Geschlechts.

„Bis zum nächsten Mal“, wiederhole ich wenig einfallsreich.

Während ich den Deckel des Klaviers schließe, kommt Christa zur Tür herein.

„Einen hübschen Schüler hast du da“, grinst sie und zieht ihre Augenbrauen in die Höhe. Ich entdecke, dass sich auf ihrer Stirn bereits zwei deutlich sichtbare Querrillen abzeichnen.

„Er hat schon bei Anne, deiner Vorgängerin, Unterricht genommen. Sie war ganz begeistert von ihm. Er hat Talent und er ist auch bereit zu üben.“

„Ja, er macht sich gut“, stimme ich meiner Kollegin zu. Ich bin ihr dankbar, sie hat die Dinge wieder geradegerückt. „Und sympathisch ist er auch“, gehe ich auf Christas Anspielung von vorhin ein.

„Das schadet ja nicht.“ Wieder der Blick mit den hochgezogenen Augenbrauen. Inzwischen habe ich mein Klassenzimmer aufgeräumt und mir meine Tasche umgehängt.

„Und ein bisschen Knistern hebt die Stimmung“, setzt sie fort.

„Gehen wir?“ Ich ziehe die Tür hinter uns zu und sperre ab.

„Du lenkst ab!“, ruft Christa alarmiert. Sie legt den Arm um mich und schüttelt mich. „Sag mal, wie alt bist du gleich noch einmal?“

Das sitzt.

„Christa, du hörst das Gras wachsen“, weise ich sie zurecht. Auf das Älterwerden werde ich generell nicht gerne angesprochen, weder im Zusammenhang mit jüngeren Männern noch ganz allgemein. Auch in meinem Gesicht hat die Zeit ihre Spuren gezogen.

Über den Flur kommt uns Otto entgegen. „Wir gehen jetzt noch ins Parkcafé, kommt ihr mit?“

„Kommst du, Millie?“, fragt mich Christa.

„Ich möchte mir jetzt mit Mia einen Reitstall ansehen, sie liebt Pferde und will unbedingt mit dem Reiten beginnen. Aber beim nächsten Mal bin ich dabei!“

Otto zuckt bedauernd mit den Schultern. „Schade“, meint er. Und zu Christa: „Was ist mit Bernhard?“

Bernhard ist Schlagzeuglehrer. Aus seinem Klassenzimmer tönt rhythmisches Getöse. Er unterrichtet noch.

„Ich sag ihm Bescheid“, erklärt sie und winkt mir zu. „Bis morgen!“

Ein wenig ausgeschlossen fühle ich mich, wenn auch selbstverschuldet, aber Mia geht vor.

Schon aus der Ferne sehe ich von unserem Haus das Notarztauto wegfahren. Hoffentlich ist nichts mit Mia, fährt es mir durch den Kopf.

Ein laues Spätsommerlüftchen umweht mich. Hastig laufe ich die Treppe zur Haustür hinauf, die Sorge um Mia zwingt mich zur Eile. Über mir stehen die Fenster von Frau Trolls Wohnung weit offen. Ich glaube, ihre Stimme zu hören, verwickelt in ein aufgeregtes Gespräch. Einen Augenblick scheint mir, in ihrem Gesprächspartner Werner Kehrer zu erkennen. Doch letzthin gingen die beiden sehr distanziert miteinander um. Also muss es sich um jemand anderen handeln.

Ein leichter Wind trägt die Geräusche der Stadt an mein Ohr. Die warme Luft hüllt mich ein, kriecht unter meine Kleider, nimmt mir die Luft zum Atmen. Eine beklemmende Vorahnung überfällt mich.

Ich drücke die schwere Eingangstür auf. Ehe ich es mich versehe, schlüpft die Katze zwischen meinen eiligen Schritten durch und läuft ins Haus. Das Tier, das Mia so erschreckt hat. Jetzt nehme ich es kaum wahr.

Am Treppenabsatz treffe ich auf Doris, meine Wohnungsnachbarin.

„Ist etwas passiert?“, überfalle ich sie ungeduldig mit meiner Besorgnis.

Die Katze hat sich inzwischen auf dem Fußabstreifer niedergelassen und sieht mich wachsam an. Doris bückt sich und streichelt das glänzende Felltier. Dann setzt sie sich auf die unterste Stufe und nimmt die Katze auf ihren Schoß.

„Herr Collina ist eben gestorben“, sagt sie leise. „Der Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Ich habe gerade Nora getroffen, sie hat es mir erzählt.“

„So plötzlich?“, frage ich überrascht.

Die Haustüre hat die Sommerwärme ausgesperrt, die Feuchtigkeit auf meiner sonnenwarmen Haut scheint zu gefrieren. Der Tod so nah, nur durch eine Mauer von uns getrennt. Ich lege die Arme um meinen Körper, um mich zu wärmen. Doris betrachtet mich mitfühlend. „Er war krank und hatte schon lange nichts mehr vom Leben. Für ihn ist es eine Erlösung“, tröstet sie mich. „Als ich hier einzog, war er voller Kraft, groß und breitschultrig und laut. Seine Nähe hat in mir Erinnerungen an einen Italienurlaub hervorgerufen, ein Abendessen an einer langen Tafel unter Olivenbäumen, mit Pasta asciutta und einem Glas Wein, die gesamte Verwandtschaft versammelt, alle reden und lachen durcheinander …“

„Und dann wurde er krank?“, bremse ich ihre Schwärmerei.

Doris schiebt die angenehmen Gedanken beiseite. „Nein, er war absolut gesund, auch sein Geist war intakt. Hundertprozentig. Ich weiß das so genau, weil wir uns noch am Vortag seines Unfalls unterhalten haben. Er hatte sich ein neues Auto gekauft und mich zu einer Probefahrt eingeladen.“

Bevor sich Doris weiter in Erinnerungen voller Romantik verliert, ziehe ich den naheliegenden Schluss: „Und dann hatte er einen Autounfall?“

„Er ist von der Leiter gestürzt.“

Ich starre meine Nachbarin an. Ein banaler Fehltritt, ein Ausrutscher auf der Leiter. Ernüchternd nach Doris‘ rosaroter Vorgeschichte. Mir fällt ein, dass Almut mir bereits von seinem Unglück erzählt hat.

„Ich habe das zuerst nicht fassen können“, setzt sie im Flüsterton fort. „Und ich verstehe es bis heute nicht. Und da bin ich nicht die Einzige.“

„Du glaubst nicht, dass er einfach ausgerutscht ist? Oder das Gleichgewicht verloren hat?“, frage ich nach, nun ebenfalls flüsternd.

Doris schüttelt energisch den Kopf.

„Du denkst, jemand hätte, sagen wir einmal, seine Hand im Spiel gehabt?“

Doris nickt. Die Katze auf ihrem Schoß streckt sich und schmiegt ihren Kopf an Doris‘ Arm. Aus halbgeschlossenen Augen sieht sie mich nachdenklich an.

„Wer sollte so etwas tun?“

Doris zuckt mit den Schultern. „Mit der Treue hat er es nicht sehr genau genommen.“

„Ich wusste gar nicht, dass er verheiratet war. Nur, weil er Kinder hat …“

„Doch, er war verheiratet. Mit einer Norddeutschen, Elke heißt sie. Sie war hier auf Urlaub, als junges Mädchen, mit ihren Eltern. Sie liebten die Berge und machten Wandertouren. Und abends schlenderten sie durch das Städtchen, aßen in einem Gastgarten unter Kastanien oder kauften sich ein Eis und spazierten auf die Festung, das Wahrzeichen unserer Stadt, wie du weißt.“

Ich sehe schon, Doris liebt phantasievolle Geschichten.