Tod an der Mauer von Tropea - Francesco Sanzo - E-Book

Tod an der Mauer von Tropea E-Book

Francesco Sanzo

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Beschreibung

Am Montag, dem 20. Mai, beginnt für Thomas der Alltag in der Mordkommission. Am nächsten Tag, gegen 11 Uhr, bekommt er den Anruf seines italienischen Kollegen Marcello, der ihn informiert, dass der Mordfall der damals verdächtigen Colina wieder aufgenommen werden muss, weil sie in seinem Revier in Kalabrien tätig geworden war. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Ich freue mich, dich so schnell wie möglich zu sehen.“ Thomas nimmt an, dass es sich um einen schlechten Scherz handeln würde, bis sein Freund Lombardo ihn fragt, ob er den Koffer schon gepackt hätte und ihn informiert, wo und wann der Mord passiert war. Thomas muss sofort daran denken, dass er am gleichen Tag mit seiner Familie genau oberhalb der Mauer ein Eis gegessen hatte. Tatsächlich bekommt er den dienstlichen Auftrag, am Samstag von Frankfurt-Hahn nach Lamezia Terme zu fliegen. Dort muss er die knallharten Methoden der kalabrischen Mordkommission auch anwenden, um seine Kollegen im Kampf gegen die Unterwelt zu unterstützen, in der Hoffnung, dadurch die schon lange gesuchte geheimnisvolle Colina aufspüren und überführen zu können. Fatalerweise wird die Kronzeugin auf brutale Weise ermordet.

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Inhaltsverzeichnis

Sonntag, 19. Mai 2019

Montag, 20. Mai 2019

Dienstag, 21. Mai 2019

Mittwoch, 22. Mai 2019

Donnerstag, 23. Mai 2019

Freitag, 24. Mai 2019

Samstag, 25. Mai 2019

Sonntag, 26. Mai 2019

Montag, 27. Mai 2019

Dienstag, 28. Mai 2019

Mittwoch, 29. Mai 2019

Donnerstag, 30. Mai 2019

Freitag, 31. Mai 2019

Samstag, 1. Juni 2019

Sonntag, 2. Juni 2019

Montag, 3. Juni 2019

Dienstag, 4. Juni 2019

Mittwoch, 5. Juni 2019

Samstag, 8. Juni 2019

Dienstag, 11. Juni 2019

Francesco Sanzo

Tod an der Mauer von Tropea

Kommissar Scherffs 7. Fall

Kriminalroman

Der Autor

Geboren in Kalabrien, folgte ich - im Alter von elf Jahren - meinem Vater 1959 nach Deutschland. Er fand im Saarland eine Arbeit auf dem Bau, konnte dadurch der Not in Süditalien entkommen und die Familie ernähren. Auch ich musste früh mit anpacken und fing als Handlanger an. Jahre später machte ich mich als Bauunternehmer selbstständig. Trotz meiner knappen Freizeit schrieb ich im Jahr 2004 mein erstes Buch.

Inzwischen im Ruhestand, habe ich in einer Alltagssprache sehr unterschiedliche Bücher geschrieben. In meinen Kriminalromanen ist die Besonderheit nicht, dass die Handlung im Saarland und in den angrenzenden Ländern spielt, sondern dass die Protagonisten zum Teil Italiener sind oder italienische Wurzeln haben.

Meine Mentalität und Lebensart habe ich mir stets bewahrt und in meinen Büchern zum Ausdruck gebracht.

Ich bedanke mich bei meiner Frau,

sie gibt mir die Freiheit zu schreiben,

und ich bedanke mich bei allen,

die an diesem Buch mitgearbeitet haben.

Francesco Sanzo

Francesco Sanzo

Tod

an der

Mauer von

Tropea

Kommissar Scherffs 7. Fall

Kriminalroman

Sanzo-Verlag

Sanzo-Verlag, Danièle Sanzo

Ahornweg 32

66399 Mandelbachtal

Telefon: 06893-6624

Telefax: 06893-802788

E-Mail: [email protected]

Coverfoto: Francesco Sanzo

Manuskript-Bearbeitung: Frank Hartmann

Co-Lektorat: Astrid Pasterkamp

Buchgestaltung: Thomas Bastuck

Copyright: by Sanzo-Verlag, Mandelbachtal

Das Werk, einschließlich seiner Teile,

ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen

des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung

des Verlages und des Autors unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische

oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung,

Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung und alle handelnden Personen

sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit

lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Das Buch ist auch als E-Book erhältlich.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.de abrufbar.

Druck: Druckerei Wir machen Druck, Backnang

Thomas Scherff saß seit gut einer Stunde auf der frisch gemähten Wiese unterhalb des Saarbrücker Stadens in der wärmenden Frühlingssonne und blickte nachdenklich auf die langsam strömende Saar. Der Kommissar sah ein paar Ruderbooten zu, wie sie flussaufwärts hinter einer kleinen Biegung unter der Bismarckbrücke verschwanden. Der stetige Rhythmus der Paddel, die plätschernd ins Wasser tauchten, versetzte ihn in einen leichten Dämmerzustand. Er schloss seine Augen und ließ sich vom Lärm der Stadtautobahn, der von der anderen Flussseite herüberdröhnte, jedoch keinesfalls stören. In seinen Gedanken war er mit zwei Dingen beschäftigt, zum einen war es seine kleine Familie, die ihm alles bedeutete und mit der er sehr glücklich war. Mit Miriam hatte er wahrhaftig die Frau seines Lebens gefunden. Auch in seinen Sohn Paul, der nun schon bald in die Schule kam, war er ganz vernarrt. Hinter ihm lärmten und lachten ein paar Kinder, die auf der Wiese herumtollten, doch diese Geräusche nahm er ebenfalls nur beiläufig wahr.

Die andere Sache, die ihn jedoch seit mehreren Tagen beschäftigte, war seine letzte Ermittlung um ein junges Waisenmädchen, deren Eltern beide gewaltsam ums Leben kamen. Immer wieder musste er an die junge Clara denken. Dieser letzte Fall war zwar längst abgeschlossen, jedoch beschäftigte ihn ihr trauriges Schicksal mehr als ihm lieb war. Thomas musste dringend etwas Abstand vom polizeilichen Ermittlungsstress nehmen. „Ich muss hier weg!“, sagte er sich, als er nun langsam aufstand und nach ein paar Metern sein, im Halteverbot parkendes Auto aufsperrte. Er fuhr direkt zurück zum Saarbrücker Polizeipräsidium und ging zu seinem Vorgesetzten Udo Frenzel ins Büro. „Kein Problem Thomas“, sagte Udo in überraschend freundlichem Ton: „Ich sehe dich Montag in zwei Wochen wieder.“

Jetzt war es allerdings an der Zeit, seinen Urlaub abzufeiern. Miriam bekam zum Glück auch ihren Urlaub genehmigt und Paul war ja noch im Kindergarten. Aber so auf die Schnelle wusste Thomas nicht, wohin er mit seiner Familie fahren sollte. Eines war sicher, es musste ein Urlaubsort mit Sonne und Meer sein, und zwar bald. Übermorgen schon. Und so geschah es auch. Leider geht das, was schön ist, jedoch immer sehr schnell vorbei.

Sonntag, 19. Mai 2019

Familie Scherff war schon wieder zurück. Durch die Empfehlung von Federico Lombardo, einem Freund, waren sie letztendlich in Italien gelandet, genauer gesagt in Kalabrien, in der Region von Tropea, in einem abgelegenen Ort mit Namen Mileto. Das Leihauto, das sie am Flughafen übernahmen, musste natürlich ein Fiat 500 sein, eine italienische Tradition. Federico hatte es für sie vorbestellt und alles so gut organisiert, dass es schon vor dem Flughafengebäude bereitstand. So fuhr die Familie zum ersten Mal gemeinsam in einem zwar kleinen, aber äußerst wendigen Auto. Thomas hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß beim Fahren gehabt. Der rote Fiat war innen und außen sehr sauber und Miriam genoss die italienische Sonne durch das zurückgeschobene Verdeck. Schon nach kurzer Fahrt kamen sie in Mileto bei Familie Danunci an, die in einem kleinen, aber gemütlichen Bauernhof wohnte. Davor stand auf einem großen Mühlstein ihr Name, Frantoio Danunci, eingemeißelt. Der einladende Hof, mit gänzlich aus alten Bruchsteinen gemauerten Wänden, begeisterte Thomas schon beim Aussteigen und er fragte Miriam umgehend im Spaß, ob er ihn kaufen sollte. Miriam nahm ihre Sonnenbrille ab und grinste ihn wortlos an. An ihrem Blick erkannte er sofort, dass sie dem ohne Wenn und Aber zustimmen würde.

Der schmucke Bauernhof, inmitten einer sanften Hügellandschaft mit vielen Obstbäumen, war zu einer Unterkunft mit drei kleinen Wohnungen ausgebaut worden. Familie Scherff bekam die im Erdgeschoss liegende. Vom Wohnzimmer aus konnten sie auf eine große Terrasse gehen, auf der ein massiver Tisch aus Kastanienholz stand und um den, aus dem gleichen Holz, acht Stühle standen. Über der Terrasse war eine mit Reben bewachsene Pergola, die als Schattenspender diente. Die Rispen hingen nach unten, waren jedoch noch nicht reif. Dahinter begann ein Traubenfeld und daran anschließend standen viele Obstbäume, die in dieser Zeit kaum reife Früchte hatten. Nur die Nespoli glänzten wie Gold. Allerdings wuchs jede Sorte von Gemüse, und der Geruch von Basilikum und Oregano zog in die Nase, sogar, wenn man kurz die Luft anhielt.

Paul war das einzige Kind auf dem Bauernhof und fühlte sich deshalb wie ein König. Er entschied: „Hier bleiben wir für immer!“ Es gab einen Hund mit Namen Wolf und zwei Katzen, die gerade Junge bekommen hatten. Die Hühner vor dem Haus hatten alle Freiheit der Welt und liefen frei um den roten Fiat herum. Manche von ihnen saßen sogar auf den Orangenbäumen und pickten an den übrig gebliebenen Früchten. Für einen Menschen vielleicht ungenießbar, aber die Hühner störte das nicht.

Der Bauer fuhr mit dem Traktor durch das Gelände, den Hund immer neben sich auf dem Beifahrersitz. Vier kleine Ziegen tobten herum, spielten von morgens bis abends und testeten ab und zu ihre Kräfte, um festzustellen, wer am stärksten war. Sie waren aber eingezäunt, weil sie sonst alles angeknabbert hätten, denn sie machten vor keiner Pflanze halt. Paul hatte alles, was er täglich neu entdeckte, in sein Herz geschlossen und war glücklich wie sonst niemand. Wenn seine Eltern aber am Morgen beschlossen, mit ihm ans Meer zu fahren, ging er ohne Widerworte mit ihnen, obwohl er am liebsten auf dem Hof geblieben wäre. Während Miriam und Thomas in kurzen Hosen leicht bekleidet waren, mussten sie jedoch feststellen, dass die Italiener noch winterliche Kleidung trugen. Der eine oder andere Tourist schwamm sogar bereits im Meer. Man konnte bei den Einheimischen gleich die Gänsehaut durch die Winterkleidung sehen, wenn sie die Schwimmer betrachteten. Thomas und sein Sohn ließen sich aber nicht nehmen, auch zu baden, während Miriam mit ihren italienischen Wurzeln nur in der Sonne lag und das kalte Wasser mied.

Thomas befand sich nun mit seiner Familie in Kalabrien. Er hätte nie gedacht, dass er jemals dorthin käme, und jetzt stand er auf der Mauer von Tropea und schaute auf das Kloster, das gegenüber lag, und dahinter auf das weite dunkelblaue Meer. Er beschwerte sich schmunzelnd bei seiner Frau, dass Kirchen und Klöster immer an den schönsten Plätzen gebaut wurden. Darauf sagte Miriam nach kurzer Pause: „Vergiss die Friedhöfe nicht. Weißt du übrigens, dass wir uns nicht weit von dem Ort befinden, wo damals Turi Pesca und sein Sohn Decimo in der kleinen Fabrik verbrannt sind? Wer weiß, ob die Mutter Carina noch lebt.“ Thomas spaßte: „Vielleicht wird sie gerade von ihrer neuen Tochter Colina gepflegt. Stell dir vor, auf der einen Seite pflegt sie die Mutter, und auf der anderen Seite befördert sie Leute unter die Erde.“ Miriam stimmte ihm zu, dass in Kalabrien immer noch die Ehre und die Rache zählt: „Vielleicht ist es genauso. Außerdem wohnen im Nachbarort Marcello Rende und Fabrizio Costadella, die italienischen Kommissare des damaligen Falls. Wer weiß, was Fabrizio momentan für einen Decknamen hat.“ Thomas bedauerte: „Wir stellen immer viele Fragen, aber diese, nach seinem richtigen Namen, haben wir nie gestellt.“ Miriam entgegnete jedoch umgehend: „Komm Thomas, vergiss die alten Fälle, noch schlimmer ist, hier in der Nähe wohnen meine Verwandten, und ich weiß nicht einmal, wo. Aber jetzt sind wir in Urlaub und werden auch niemanden suchen.“

Thomas war einverstanden, obwohl er auch ebenso liebend gern herausfinden wollte, wer Federico Lombardo ist und welches Leben er hier, vor seiner Auswanderung nach Deutschland, führte. Jedenfalls stammte er aus Kalabrien. Dann stellte Thomas fest: „Wenn die Straßen so sauber wären, wie die Leute freundlich sind, wäre es eine perfekte Urlaubsregion. Außerdem, Raps mit Salsiccia hast du mir immer noch nicht vorgesetzt.“ Miriam erklärte: „Du wirst lachen, für dieses Jahr ist die Erntezeit in Deutschland schon vorbei und hier schon seit sechs Wochen. Was mich aber mehr interessiert, ist die Stadt Reggio.“ Schon hatte sie ihr Smartphone in der Hand und schaute nach, wie weit es bis dorthin ist, während Paul meckerte, weil er nicht länger auf der Mauer stehen und das Kloster anschauen wollte. Er hatte Durst und Lust auf ein Eis. Das war kein Problem, denn auf der langen, schnurgeraden Straße Richtung Piazza gab es eine Eisdiele neben der anderen. Sie mussten nicht lange suchen und saßen schon in einem der Eiscafés, allerdings wieder mit Blick auf die Klosteranlage. Miriam hatte festgestellt: „Die Stadt Reggio ist überhaupt nicht weit entfernt, nur eine Stunde mit dem Auto. Serra San Bruno ist noch näher und die Stadt Pizzo ganz nah.“ „Egal, wenn wir jetzt nicht nach Reggio fahren, werden wir nie mehr dorthin kommen. Wer weiß heute, ob wir jemals wieder nach Kalabrien kommen werden.“

So hatten sie schnell beschlossen, sich am nächsten Morgen sofort auf den Weg zu machen. Den restlichen Tag faulenzten sie am Strand, und danach genossen sie ein feines Essen im Restaurant, wieder mit einem herrlichen Blick auf das Meer. Etwas später kamen sie zurück nach Mileto. Sie konnten dort auch das kleine Schwimmbad auf dem Gelände benutzen, obwohl sie nur eine kleine Wohnung gemietet hatten. Auch stand immer Obst und frisches Gemüse für sie bereit, dass es zu dieser Zeit gab und auf dem Hof wuchs. Alles fanden sie auf dem Tisch vor. Die ganze Familie Danunci war sehr freundlich und hätte am liebsten Paul als Enkelkind übernommen, weil sie kein eigenes hatten. Es sah auch so aus, als ob keines in Sicht wäre.

Thomas und Miriam waren müde und freuten sich auf ihr Bett.

Am nächsten Morgen nahmen sie ein üppiges Frühstück zu sich, richteten einige belegte Brötchen und Getränke zum Mitnehmen, als ob es in dieser Stadt nichts zu essen gäbe. Schon sprang der 500er Fiat an, und nach wenigen Minuten fuhren sie auf die Autobahn E 45. Nach weniger als fünf Kilometern Fahrt wurden sie von einer Polizei-Patrouille angehalten. Einer der Beamten machte ein Zeichen, dass sie auf den rechten Parkplatz fahren sollten. „Da hast du es“, maulte Miriam, „du musstest ja das Auto mit Vollgas fahren. Du warst bestimmt zu schnell.“ Thomas schaute sie verwundert an: „Auf der Autobahn hier sind 130 km/h erlaubt, schafft das Auto die überhaupt?“ Schon hielten sie auf dem Parkplatz, auf den die Polizisten sie gewiesen hatten. Fünf Beamte erwarteten sie, zwei von ihnen bewaffnet mit Maschinengewehren. Einer machte Zeichen, dass Thomas die Scheibe herunterkurbeln solle. Erst nach einer Weile hatte er herausgefunden, dass es keinen elektrischen Schalter dafür gab, sondern er die Handkurbel benutzen musste. Danach fragte einer der Polizisten sehr freundlich nach den Papieren. Thomas verstand natürlich kein Wort, konnte sich aber denken, was der Carabinieri von ihm wollte. Er übergab ihm die Unterlagen und sofort merkte dieser, dass sie Touristen waren. Dann schaute er kurz über die Schulter ins Autoinnere und sah, außer Thomas, eine Frau und ein Kind, dem er lächelnd mit einer Hand zuwinkte. Dann versuchte er mit Händen und Füßen zu erklären, was er von ihnen wollte. Während Thomas mit den Schultern zuckte, weil er nichts verstand, meldete sich Miriam: „Ich spreche Italienisch“, weil Thomas mit seinen Französisch-Kenntnissen hier nicht weiterkam. Der Beamte erklärte ihr, was er wollte und Miriam übersetzte Thomas sein Anliegen: „Mach das Licht an, das ist in diesem Land auf der Autobahn obligatorisch.“ Thomas suchte sofort nach dem Schalter, konnte ihn aber nicht direkt finden. Der Beamte musste grinsen und griff durch die geöffnete Scheibe zielgerichtet zum Schalter und legte ihn um. Das Licht brannte, der Polizist gab ihm freundlich die Papiere zurück und wünschte ihnen eine gute Fahrt.

Bei der nächsten Ausfahrt entschied Miriam spontan: „Hier fahren wir raus.“ Thomas wunderte sich: „Wollen wir nicht nach Reggio Calabria fahren?“ „Klar“ entgegnete sie, „der Tag hat doch gerade erst begonnen.“ Thomas folgte ihrem Wunsch und schon befanden sie sich auf einer normalen Landstraße Richtung Polistena. Als sie im Zentrum angekommen waren, parkten sie auf dem nächsten freien Platz. Die Läden hatten gerade geöffnet. „Das ist schade“, bedauerte Thomas. Aber Miriam suchte einen Spezialladen, von dem ihre italienischen Freundinnen ihr immer erzählt hatten. Sie musste nur einmal eine Frau danach fragen und sofort erklärte diese ihr den Weg dorthin. Es waren weniger als 100 Meter und schon standen sie vor einem Kleidergeschäft mit dem Namen Lisca. Von außen sah es aus wie jedes andere Haus in der Straße. Allerdings trug die Fassade noch ihr Kleid von vor vielen Jahrzehnten. Aber sobald sie den ersten Fuß in das Geschäft gesetzt hatten, konnten sie sich überall spiegeln. Es war ein feiner Laden mit edler Kinderbekleidung, ein Teil schöner als das andere. Das Personal bestand nur aus einer einzigen Verkäuferin, die so attraktiv war, dass Thomas nur mit den Ohren schlackern konnte. Seine Frau hatte vorher nie mit ihm über dieses Geschäft gesprochen. Die Verkäuferin war genau so hübsch wie die Kleider, die sie verkaufte. Nicht wie in anderen Regionen in Kalabrien, da schauen dich die Verkäuferinnen nicht einmal an. Thomas wollte mit der Verkäuferin etwas flirten, aber Paul machte ihm einen Strich durch die Rechnung, denn er wurde sogleich bockig und streikte, weil er überhaupt nichts anprobieren wollte. Die kurze Hose, die er anhatte, gefiel ihm am besten. Zum Schluss kauften sie doch etwas, und zwar den ersten Artikel, den sie in der Hand gehabt hatten, nämlich ein T-Shirt mit einer aufgedruckten Maus, das Paul nicht einmal anprobiert hatte.

Von dort aus fuhren sie wieder auf die Autobahn und kamen diesmal ohne weiteren Aufenthalt in Reggio Calabria an. Hier konnten die Augen von Thomas lange suchen, nicht einmal ein Papierfetzen lag herum. Ein Mafioso war ihnen ebenfalls noch nicht begegnet. Thomas war erfreut: „Hier gefällt es mir richtig gut.“ Was er vorher geglaubt hatte, dass es in dieser großen Stadt nur Mafiosi gab und Müll herumliegen würde, stimmte überhaupt nicht. Er sagte zu Miriam: „Da bin ich ja fast enttäuscht.“ Sie antwortete: „Den Müll schaffen sie natürlich fort. Aber die Mafiosi haben leider kein Schild mit dem Satz auf dem Rücken: ich bin ein echter Mafioso.“

Thomas hatte die Eigenschaft, immer alles genau zu beobachten und schaute sich die Leute an, die um diese Uhrzeit in den Cafés saßen und gemütlich ihre Espresso-Tässchen in der Hand hielten. Während die anderen, die er am Morgen gesehen hatte, schnell im Stehen den Schluck Kaffee austranken und eilig zur Arbeit gingen. Doch dann war er gezwungen, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, weil Paul den Schrägaufzug entdeckte, mit dem er genau jetzt fahren wollte. Daneben ging eine ewig lange Treppe hoch, mit Zwischenpodesten zum Ein- oder Aussteigen in den Aufzug. Miriam wollte gerne die Treppe nehmen, aber Paul zog seine Mutter heftig an der Hand, denn er wollte unbedingt mit dem Aufzug fahren. Natürlich fuhren sie dann alle einmal ganz nach oben. Während der Fahrt konnte man die Geschäftsstraßen sehen, aber Paul gab seinen Eltern keine Chance, auszusteigen. Auf dem Rückweg verließen sie den Aufzug ungefähr in der Mitte. Was fanden sie vor? Genau das Geschäft mit dem gleichen Namen Lisca, in dem Kinderkleidung verkauft wurde. Paul weigerte sich jedoch sofort, hineinzugehen.

Die Restaurants präsentierten frisch gefangenen Fisch, auch anderes wurde angeboten. Die belegten Brötchen, die Miriam gerichtet hatte, blieben indes in der Tüte. In eines der vielen schmucken Restaurants gingen sie hinein. Sogar von dort konnte man das Meer sehen und die Landspitze von Sizilien. Man servierte ihnen nur frische Produkte aus der Region. Nach dem Essen klapperten sie eine Straße nach der anderen ab und landeten schließlich in einem Eiscafé, wieder mit einem schönen Blick auf Sizilien und die riesigen Gummibäume auf der Promenade. Thomas saß draußen ganz entspannt mit der Sonnenbrille auf der Nase. Miriam schaute ihn kritisch an: „Ich glaub, du brauchst nicht weiter zu suchen, du siehst ja selbst aus wie ein kleiner Mafioso.“ Da schob Thomas die Brille hoch auf die Stirn, löffelte grinsend seinen Eiskaffee und danach machten sie einen langen Strandspaziergang. Paul fand sofort einen Spielkameraden. Obwohl die beiden Kleinen sich nicht verständigen konnten, spielten sie so, als ob sie sich schon Jahre kennen würden. Bis spät abends waren sie in der ganzen Stadt unterwegs und wollten eigentlich noch nicht nach Hause. Doch es blieb letztendlich nur noch die Straße nach Mileto. Unterwegs zehrten sie noch von der schönen Stadt und dem Blick auf das Meer. Diesmal fuhr Thomas auf der Autobahn aber mit eingeschalteten Scheinwerfern. Miriam schaute aus dem Autofenster und träumte: „Die Lichter von beiden Städten spiegeln sich im Wasser. Man glaubt, man könnte sie mit der Hand anfassen.“ Aber ihre Träume verschwanden, sobald die Landzunge nicht mehr zu sehen war. Ohne dass sie diesmal angehalten wurden, kamen sie auf dem kleinen Bauernhof an. Paul war noch wach und wollte unbedingt die Katze suchen gehen.

Die eine Woche war schnell vorbei, zu kurz, um noch mehr von Kalabrien zu besichtigen. Aber die wichtigsten Orte hatten sie besucht, wie Pizzo und Vibo Valéntia. An den engsten Stellen fuhren sie quer durch Kalabrien, von einem Meer zum anderen, um nach Soverato zu gelangen. Natürlich wollten sie Serra San Bruno nicht links liegen lassen. Als sie dort auf dem Marktplatz standen, sich umgeschaut und erlebt hatten, wie die Italiener im Inneren des Landes leben, sagte Miriam: „Am liebsten würde ich dort einen Besuch machen, wo früher diese Colina gelebt hatte.“ Aber leider hatte die Zeit dazu nicht mehr gereicht. Jetzt gab es für sie nur noch die Straße Richtung Flughafen Lamezia Terme, um nach Frankfurt-Hahn zu gelangen und von dort zurück nach Bliesmengen-Bolchen.

Montag, 20. Mai 2019

Familie Scherff war nach dem kurzen Italien-Tripp schon wieder im alten Trott, Paul musste in den Kindergarten, Miriam auf die Bank und Thomas ins Polizeipräsidium. Seine Kollegen waren natürlich neugierig zu erfahren, wo er in der letzten Woche überall gewesen war. Seine kurze Antwort: „Wir sind mit dem Fahrrad am Kohle-Kanal entlang mehrfach hin und zurückgefahren.“ Nur Mara und Bettina grinsten sich an. Sie wussten genau, wo er seinen Kurzurlaub verbracht hatte. Sein Freund Federico Lombardo natürlich auch.

Als sie später alleine im Büro saßen, fragten seine beiden Kolleginnen: „Jetzt erzähl schon, Thomas. Wie war es in der berüchtigten Region der ‘Ndrangheta?“ Er schmunzelte: „Sehr gefährlich, sag ich euch. Meine Brieftasche habe ich noch, lediglich den Inhalt habe ich dort lassen müssen. Übrigens, meine Frau habe ich auch wieder mit nach Hause gebracht. Sie wurde von den charmanten Italienern weder entführt noch verführt.“ Mara musste herzhaft lachen, kannte sie doch die spezielle Art der dortigen Männer nur zu gut. Dann erzählte Thomas von allen Orten, die sie besichtigt hatten und Mara kannte sie alle. Darauf überlegte Bettina: „Ich glaube, da sollte ich auch mal hinfahren, vielleicht werde ich ja entführt?“ Mara grinste sie daraufhin an: „Ob für dich überhaupt jemand Lösegeld zahlen würde?“ Bettina konterte ihr umgehend: „Bestimmt unser Chef Udo. Der würde für mich sein ganzes Vermögen auf den Tisch legen.“ „Udo?“, sagte Thomas und Bettina gab ihm zu verstehen: „Wer soll für ihn denn sonst dann die ganze Arbeit hier erledigen? Udo müsste sich ja dann um alles selbst kümmern.“ Thomas musste herzhaft lachen. Mara und Bettina wollten beide noch wissen, ob er Capitano Marcello Rende getroffen hätte. Thomas schüttelte den Kopf und sie waren traurig, als sie hörten, dass er niemanden besucht hatte, mit er bei einem vorherigen Fall zusammengearbeitet hatten. Thomas erklärte, dass die Woche unglaublich schnell verflogen war und er auch etwas Abstand nötig hatte. Nun wollte er aber wissen, was in der Zwischenzeit passiert wäre. Mara berichtete: „Nichts Nennenswertes. Ein paar Brieftaschen-Diebstähle gab es und eine handfeste Schlägerei auf dem St. Johanner Markt letzten Freitag. Außerdem wussten offenbar die Mörder, dass du in Urlaub bist und haben sich auch freigenommen. Weißt du was? Wenn ich Urlaub machen kann, werde ich auch mal wieder nach Kalabrien fahren. Ich glaube, es hat dir dort richtig gut gefallen. Wann fliegst du wieder hin?“ Mittlerweile war es kein Geheimnis mehr, wo er gewesen war, es hatte sich herumgesprochen. Die Wände hatten Ohren. „Also nochmal, wann machst du wieder Urlaub in Kalabrien?“, wollte Mara noch einmal wissen. Thomas erwiderte: „Ich glaube, so schnell komme ich dort nicht wieder hin.“ Schon gab Bettina ihm einen Stapel Unterlagen, die mittlerweile schon leicht angestaubt waren.

Ihr Boss, Udo Frenzel, betrat plötzlich das Zimmer und Thomas verschwieg ihm, dass er in einem Wespennest gewesen war und trotzdem heil und ohne einen Stich zurückgekommen war. Nicht mal einen Sonnenstich hatte er mitbekommen. Im Gegenteil, die Leute waren alle sehr freundlich, sogar mehr als anderswo. Andere Kollegen gaben nach dem Urlaub immer damit an, wo sie überall gewesen waren. Wie es unten im Süden wirklich zugeht, wussten seine Kolleginnen schon aus anderen Erzählungen. Aber ob das alles wahr ist?

In jedem Fall ging der erste Arbeitstag von Thomas wie im Flug vorbei. Er verabschiedete sich pünktlich von allen, stieg in sein Auto und fuhr nach Hause in Richtung Bliesmengen-Bolchen. Er fuhr zufrieden stadtauswärts auf die Autobahn und freute sich schon auf seine Familie. Auf der linken Seite lag die Saar, ruhig wie ein Teppich und ohne eine Welle. Man konnte jedoch nicht bis auf den Boden schauen, da der Fluss vom Starkregen am vergangenen Wochenende bräunlich verfärbt war. Thomas blickte kurz auf das Saarländische Staatstheater. Ihm fiel ein, dass er dort noch nie eine Vorstellung gesehen hatte. Auf der rechten Seite waren der Landtag und das Saarländische Gerichtsgebäude zu sehen. An den Bäumen wuchsen jedoch leider keine Oliven. Das Meer mit seinen Wellen und der Geruch von Salz in der Luft fehlten ihm. Am dunklen Wasser konnte er nur erkennen, in welche Richtung es floss, weil es ein Stück Holz mitführte. Es sprangen auch keine Fische empor, um nach Insekten zu schnappen.

Jedenfalls war er in letzter Zeit selten so früh zu Hause angekommen, weil seine Frau und sein Sohn immer die Ersten waren. Diesmal war es anders. Als Miriam kurze Zeit später mit Paul ankam, freute sie sich, dass er schon da war. Neugierig wollte sie gleich wissen: „Und wie war dein erster Arbeitstag?“ „Es war ganz ruhig und ich hoffe, es wird auch so bleiben. Aber meiner Lunge geht es nicht so gut, ich musste alte Fälle bearbeiten, die Akten haben etwas Staub angesetzt. Und wie war es bei dir?“, fragte Thomas schmunzelnd. „Die Geldscheine hatten keinen Staub angesetzt“, erzählte sie. „Und Paul hat sich gefreut, alle seine Freunde wiederzusehen. Da du jetzt schon Feierabend hast, kannst du dich noch etwas mit Paul beschäftigen. Ich muss noch dringend einkaufen, wir haben nichts im Haus, aber tatsächlich gar nichts“, erklärte Miriam. Thomas grinste: „Sag mal, sollen wir unseren Urlaub nicht um einen Tag verlängern und bei Renzo essen gehen?“ Sie grinste, denn das musste er Miriam nicht zweimal sagen. Schon blieb die Küche kalt und eine knappe Stunde später saßen die drei im Auto und fuhren nach Gräfinthal zu ihrem Lieblingsitaliener.

Um 18.25 Uhr standen sie vor dem Restaurant. Als Renzo sie sah fragte er: „Ciao meine Lieben, Ich habe euch hier schon länger nicht gesehen, wo wart ihr denn?“ Thomas hatte noch nicht geantwortet, da hörte er die Bremsen von zwei Fahrrädern quietschen. Renzo drehte sich neugierig um und sagte: „Sieh an, alle meine Freunde kommen gerade.“ „Wie das?“, spottete Thomas, „du hast Freunde?“ Doch Renzo schaute ihn nur schräg von der Seite an und antwortete darauf nicht. Schon hörten sie die Stimme von Federico Lombardo, der zu seiner Frau sagte: „Ich glaube es nicht, Luisa. Ich habe den nach Kalabrien geschickt und er kam lebend wieder nach Hause.“ Federico ging mit seiner Frau zu ihnen und zog dabei den Helm aus. Miriam und Thomas mussten herzhaft lachen, weil sich die Haare von Federico durch den Helm wie ein Irokesen-Schnitt hochgestellt hatten. Der erklärte: „Was schaut ihr so doof? Diese Frisur ist heutzutage Mode“, schnappte sich Miriam und küsste sie herzhaft auf beide Wangen. Das gleiche machte er auch mit Paul, aber der war nicht besonders begeistert darüber. Thomas bekam nur einen kurzen, aber festen Händedruck und einen leichten Schlag auf den Bauch. Nur Luisa drückte ihn an ihr Herz und wusste noch nicht genau, auf welcher Seite sie mit dem Küssen anfangen sollte. Renzo bekam weder einen Kuss noch eine Hand, sondern einen Schlag auf die rechte Schulter von Federico, der umgehend feststellte: „Sag mal, du wirst ja immer runder. Versteckst du dein ganzes Schwarzgeld in deinem Bauch?“ Renzo verzog etwas sein Gesicht und erklärte: „Ab morgen stelle ich das Essen ein.“ Federico warnte ihn: Für dich ja, aber auf keinen Fall für uns.“

Dann gingen sie gemeinsam hinein und nahmen an einem Tisch Platz. Renzo gab dem Kellner Zeichen, dass der die Menükarte bringen sollte. Federico sagte: „Die Karte kannst du dir sparen. Was hast du denn heute für euch gekocht?“ Er antwortete: „Nicht viel, nur etwas Raps mit Pasta und frischen Salsiccia.“ „Ach, ist das der Raps, den du heute früh auf dem Feld vor dem Ormesheimer Bettelwald geklaut hast?“, erkundigte sich Lombardo. Der wehrte sich lächelnd: „Lieber Federico, du weißt doch, ich bin ein ehrbarer Mann. Ich klaue nie und nirgendwo, Raps erst recht nicht.“ Sein Freund erklärte laut lachend: „Erzähl das deinem Pizzaofen. Ich war heute auch mit dem Fahrrad unterwegs zum Klauen, dabei habe ich dich genau beobachtet. Du warst aber so konzentriert mit dem Sammeln beschäftigt, dass du mich nicht einmal bemerkt hast. Wir lassen es dabei, du hast geklaut, ich habe nur geliehen.“ „Ok, wenn das so ist, dann wird es bestimmt auch so stimmen. Herr Kommissar, möchten Sie eine leckere Portion geklauten Raps aus der Biosphärenregion?“, erkundigte sich Renzo. Ohne auf die Antwort zu warten verschwand er jedoch in der Küche. Alle am Tisch mussten laut lachen, nur Paul wusste nicht genau worüber. Trotzdem lachte er laut mit.

Nach wenigen Minuten dackelte Renzo mit vier kleinen Portionen des leckeren Gemüses zurück und für Paul brachte er einen Teller mit Penne, ohne Raps. Paul wollte nichts Grünes auf den Nudeln, sondern immer nur etwas Rotes. Thomas kostete den heißen Raps und hatte bisher lediglich gehört, dass man dieses Gemüse zwar essen kann, jedoch nicht geglaubt, dass es auch gut schmecken könnte. Jetzt, wo der Teller vor seiner Nase stand, warum sollte er nicht mal etwas Geklautes essen? Wenigstens die Salsiccia war ehrlich erworben, das ergab mildernde Umstände. Thomas wollte trotzdem gerne probieren, denn Miriam würde ihm das nie kochen. Er machte ein Auge zu, oder sogar beide, schwieg und schaufelte den Teller leer.

Luisa wollte nun wissen, welche Orte sie in Kalabrien besucht hatten. Miriam berichtete: „Die eine Woche dort war wirklich sehr kurz. Wir haben auch nicht auf der ionischen Seite gewohnt, sondern in der Nähe von Tropea.“ Und schon erzählte sie vom Urlaub.

Die erste Flasche Wein war schon geleert und Renzo kam zurück an den Tisch. Er jonglierte erneut vier Teller, diesmal Raps mit Salsiccia aber ohne Pasta. Den Duft der frischgeschmorten Tomaten und vom Parmesan konnte man im ganzen Restaurant riechen. Das Gericht auf dem Teller sah aus wie ein liegender Baumstamm, darüber grüne Äste und obenauf frischer Schnee. Früher war das ein Essen für arme Leute und heute wollen es selbst die nicht mehr essen. Auch dadurch ist es bei vielen in Vergessenheit geraten. Wenn jeder wüsste, wie lecker der Raps schmecken würde, würden alle Rapsfelder bei Nacht und Nebel leergeerntet werden. Thomas rieb sich den Bauch und freute sich, dass er nun endlich das Originalrezept probieren konnte, von dem Mara schon oft geschwärmt hatte. Über die Herkunft des Gemüses hatte sich Thomas indes keine Gedanken mehr gemacht. Die letzten Beweise schluckte er genüsslich mit einem Stück Brot hinunter.

Aber der Abend war noch nicht vorbei. Federico Lombardo informierte Thomas: „Das nächste Mal, wenn du wegen meiner Empfehlung nach Kalabrien fährst, musst du dich aber vorher bei mir melden. Ich erzähle dir dann, welche Orte du besichtigen musst und ich stelle dir dann ein Visum aus. Damit wirst du behandelt wie ein König. Du kannst nicht einfach so handeln wie du willst. Das musst du dir merken.“ Thomas hatte diese Ansage nicht gleich verstanden, Miriam aber schon. Es bedeutete, dass sie sich weder bei ihren Verwandten gemeldet hatten noch bei den ehemaligen Kollegen dort. Miriam wandte sich an Federico und versprach: „Aber das nächste Mal bestimmt. Es war trotzdem ein schöner Urlaub und dieser Abend ist noch schöner. Mit geklautem Raps und zusätzlich zahlt niemand.“ Da meldete sich Renzo energisch: „Aber die Getränke müsst ihr schon bezahlen!“ „Schade“, sagte Federico. „Warum hast du die Getränke denn nicht auch geklaut?“ Thomas schüttelte wortlos seinen Kopf. Die beiden Frauen hörten unterdessen nicht auf mit ihrer Unterhaltung, als ob sie sich mindestens zehn Monate nicht gesehen hätten. Aber auf einen Schlag wurde es Zeit, sich zu verabschieden.

Während Thomas mit seiner Familie nach Hause fuhr, blieben Federico und seine Frau Luisa noch etwas länger bei Renzo. „Gut, dass in Kalabrien niemand wusste, dass er ein Kommissar ist. Die sind dort nicht sonderlich beliebt“, sagte Renzo. Lombardo meinte: „Für deinen Kommissar ist es dort vielleicht gefährlich.“ „Schade, dass ich vorher nicht wusste, dass er dorthin fährt, ich hätte ihm einige schöne Adressen geben können“, bedauerte Renzo. Lombardo antwortete: „Deine Adressen kenne ich auch. Außerdem, was willst du? Es ist doch alles gut gegangen. Ich habe ihm überhaupt keine Anregungen gegeben, was er sich ansehen sollte und er hat die Region ganz alleine erkundet.“ Renzo entgegnete: „Dann ist ja alles gut.“

Eine Stunde später drückte Renzo auf den Schalter und im Restaurant wurde es dunkel. Die Fahrräder von Federico und Luisa landeten in der Garage und Renzo fuhr die beiden mit seinem Wagen nach Hause. Wie so oft.

Dienstag, 21. Mai 2019

Thomas kam leicht, locker und total entspannt ins Präsidium und begrüßte zuerst seine beiden Kolleginnen. Mara informierte ihn mit ernstem Blick: „Heute Nacht ist in ein Haus eingebrochen worden, die Spurensicherung ist schon vor Ort. Udo Frenzel hat uns den Fall übertragen.“ Thomas war froh darüber: „Wunderbar, es gibt was zu tun“, und schon ließ er die staubigen Akten links liegen.

Fünfzehn Minuten später waren sie im Saarbrücker Stadtteil ‚Am Homburg‘ in einem Gebiet mit wunderschönen Einfamilienhäusern. Routinemäßig wie immer befragten sie die Anwohner, ob sie etwas bemerkt hätten. Aber auch wie immer hatte niemand etwas gesehen. Das Pärchen, das in diesem Haus wohnte, hatte geschlafen und überhaupt nichts gehört. Das Erdgeschoss war komplett durchwühlt und das nagelneue Auto aus der Garage verschwunden. Sie konnten nicht glauben, dass unbemerkt das Garagentor aufgemacht worden war, ohne auch nur ein einziges Geräusch, das die Bewohner aufgeweckt hätte. Die Beamten waren neugierig, ließen das elektrische Tor hoch- und herunterfahren und tatsächlich, es war lautlos. Die Seitentür der Garage zum Garten war aufgebrochen und der elektrische Schalter kurzgeschlossen. Thomas und Mara kamen zu dem Schluss, dass diejenigen, die eingebrochen waren, sich auch im Haus auskannten. Noch dazu mussten sie gewusst haben, wie man dieses Tor bedient. Die Beamten waren sich sicher, dass das Schloss schon am Vortag aufgebohrt worden war, als die Bewohner auf der Arbeit waren.

Während die Spurensicherung noch ermittelte, machte Thomas sich einige Notizen und fuhr dann mit Mara ins Präsidium zurück. Punkt 11 Uhr klingelte sein Handy. Er hob ab und ohne vorher nachzusehen, wer es war, meldete er sich: „Scherff.“ Am anderen Ende nannte der Anrufer seinen Namen nicht. „Ciao Thomas, wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie?“ An der Stimme erkannte Thomas natürlich sofort den Anrufer und fragte: „Ciao Marcello, come stai?“ Thomas vermutete sogleich, dass er nun eine deftige Rüge bekommen würde, weil er in Kalabrien gewesen war und sich nicht bei ihm gemeldet hatte. Deshalb fragte er schnell: „Wie geht es deiner Familie?“ Marcello antwortete freundlich: „Sehr gut. Außerdem scheint die Sonne auf die Wellen. Die Leute laufen in kurzen Hosen und T-Shirts herum und die Einheimischen fangen langsam an, im Meer zu schwimmen. Ich bin gerade mit dem Auto unterwegs und muss die Klimaanlage einschalten, so warm ist es hier schon.“ Thomas dachte kurz nach. Tatsächlich war es im Urlaub dort stellenweise richtig heiß geworden, als ihnen in dem 500er Fiat die Sonne aufs Dach brannte. Besonders der dunkle Lederbezug auf den Sitzen war manchmal so heiß wie eine Ofenplatte und sie hatten ihn deshalb oft mit Tüchern abgedeckt.

Marcello informierte ihn, dass der Fall Pesca eigentlich inzwischen abgeschlossen wurde, weil Carina Pesca, die Witwe des ermordeten Turi Pesca, in der vorigen Woche verstorben war. Thomas wunderte sich: „Ich dachte, dass ihr den Fall damals schon abgeschlossen hättet? So wie wir auch, mit der Verhaftung von Erwin Schlachter.“ „Das ist richtig“, bestätigte Marcello, „aber ich habe deinem Vorgesetzten eh nicht geglaubt, sondern nur dir und deiner hübschen Frau Miriam. Niemals haben wir auch nur ansatzweise angenommen, dass der Schrotthändler das alles alleine durchgeführt hat. Das Erste, was ich damals nach meiner Rückkehr nach Kalabrien gemacht hatte, war ein Besuch im Altersheim, wo Carina Pesca lebte. Dort habe ich den Auftrag gegeben, dass die Namen all ihrer Besucher notiert werden, im Haus und vor allem bei den Ausflügen. Das waren aber meist nur ältere Damen. Bis vorige Woche ist nichts von dem passiert was ich erwartet hatte, speziell, dass ihre Tochter, Colina Pesca, sie einmal besuchen würde. Selbst bei ihrer Beerdigung war keine Colina anwesend, sondern wieder nur Damen älteren Semesters. Ich selbst habe mich davon überzeugt.“ Thomas überlegte, ob nicht eine von ihnen die verkleidete Colina hätte sein können. „Erst letzte Woche habe ich den Fall als erledigt betrachtet und abschließen lassen. Ich wollte dich nur darüber informieren. Und noch über was Anderes.“

Thomas fiel sofort ein, dass er in seinem Urlaub in Kalabrien an einem Altersheim vorbeigefahren war, in der Nähe der Stelle, wo damals auf dramatische Weise die kleine Fabrik in Flammen aufgegangen war. Carina Pescas Ehemann Turi und ihr Sohn Decimo waren dabei umgekommen. Man hatte jedoch nur zwei Leichen gefunden, die achtjährige Tochter Colina galt seitdem als spurlos verschwunden. Marcello fuhr fort: „Thomas, ich weiß, was du jetzt denkst. Mit dem Tod ihrer Mutter wird Colina nun für immer verschwunden bleiben und deshalb hatte ich die Akte endgültig geschlossen. Aber nur bis letzten Samstag, den 18. Mai um 9.03 Uhr.“ „Wie jetzt? Ist der Fall nun abgeschlossen oder nicht?“ Thomas wurde stutzig. Marcello antworte nach kurzer Pause: „Wir kamen gerade von der Beerdigung und waren im Präsidium angekommen, als plötzlich alle Telefone klingelten. Sowas hatten wir noch nicht einmal, wenn wir unsere ‘Ndrangheta verfolgen. Ein paar Touristen, die morgens unterhalb der Mauer von Tropea in der Frühe am Stand joggten, hatten berichtet, dass im Auto einer deutschen Marke auf dem Beifahrersitz ein Toter saß.“ Marcello machte erneut eine Pause. „Und anders als damals bei unserem Fall war nur das Gesicht eines Mannes verbrannt, der restliche Körper aber nicht. Thomas, ich erinnere, dass beim Brand der Fabrikhalle der Vater das Gesicht seines Sohnes mit einem feuchten Tuch abgedeckt hatte. Sicherlich, als er selbst schon gebrannt hatte. Kannst du dir vorstellen, was das für eine Qual gewesen sein muss? Manchmal verstehe ich Colina, dass sie sich für den Tod ihres Vaters und Bruders rächen wollte. Du weißt ja, dass es damals vorsätzliche Brandstiftung war.“

Thomas stand wie in Zeitlupe von seinem Bürostuhl auf, ging ans Fenster und blickte auf die Straße, wie so oft, wenn er über etwas nachdenken musste. Marcello fuhr mit seinem Bericht unterdessen weiter. „Du glaubst es nicht, innerhalb von 20 Minuten war aus Tropea und den umliegenden Orten jede Menge Polizei vor Ort, inklusive Pathologie und Spurensicherung. Das passiert eigentlich nur dann, wenn Mafiosi verhaftet werden. Ich war natürlich auch dabei. Wir mussten auch nicht lange nach dem Namen des Toten suchen, da sich in der inneren Jackentasche seine Brieftasche befand, jedoch ohne Geldscheine. Die Münzen wollte der Mörder wohl nicht haben, die waren noch drin. Auch der Ausweis war vorhanden. Thomas, du glaubst nicht, wer der Tote ist.“ Thomas wurde nun ungeduldig: „Spann mich nicht weiter auf die Folter. Marcello, wer ist es denn?“

Mara kam gerade in das Büro herein und stellte Thomas einen Becher Kaffee auf den Schreibtisch. Sie sah in sein aschfahles Gesicht und wusste sofort, dass irgendetwas passiert war. Thomas setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und blickte Mara ernst in die Augen. Er drückte die Mithörtaste seines Handys und legte es auf den Tisch.

„Thomas, du erinnerst dich doch bestimmt noch an Carlo Lisca, einer der Toten von damals. Unser Toter hier ist ein Cousin von ihm. Er heißt Matteo Lisca. Zuerst sah es so aus, als ob er von einer anderen Organisation umgebracht worden ist, hinter der wir schon weltweit her sind. Normalerweise hinterlassen die Profis, die diese Arbeiten erledigen, auch keinerlei Spuren. Meistens werden Leute auf diese Art und Weise umgebracht, wenn sie auspacken. Bei der Polizei ist dieser Matteo Lisca mit solchen Enthüllungen jedoch nie erschienen. Viel Zeit, um die Spuren zu sichern, hatten wir zudem auch nicht. Der Platz musste so schnell wie möglich wieder geräumt werden. Wir wollen nicht, dass die Touristen von unserem Land einen schlechten Eindruck bekommen. Weißt du, das ist eine beliebte Stelle, von dem man eine wunderschöne Aussicht genießen kann, sogar mit Blick auf ein Kloster. Das musst du unbedingt mal sehen. Aber ich denke, das wirst du eh bald kennenlernen. Und noch was, mein lieber Kollege: Arturo Salentini, der Chef unserer Pathologie, hat den ganzen Sonntag geopfert und die Leiche von Matteo komplett seziert. Alles, was er herausgefunden hat, hat ebenfalls mit dir zu tun, mein lieber Freund. Deine geliebte Colina Pesca ist wieder aktiv. Sie ist wieder da!“

Thomas dachte an seinen Urlaub zurück und erinnerte sich an die Aussicht auf das Kloster. Er sagte Marcello aber kein Wort, dass er vorletzte Woche schon an der Mauer von Tropea spazieren gegangen war.

Mara hörte das Gespräch mit an, und jetzt waren beide sehr neugierig. Der italienische Capitano nahm das alles sehr locker und ließ sich die Würmer einzeln aus der Nase ziehen. Er ließ die beiden schmoren, wie auf einem heißen Ofen. Dann legte er los und berichtete vom Obduktionsergebnis: „Zuerst hat man Matteo Lisca mit einem Elektro-Schocker bewusstlos gemacht, danach wurden seine Füße zusammengebunden und dann die Hände auf den Rücken. Matteo Lisca ist etwa 60 Kilogramm schwer und 1,59 Meter groß. Eine Frau wie Colina, die mit diesen Sachen Erfahrung hat, schaffte es bestimmt locker, ihn auf den Beifahrersitz zu heben. Er wurde nämlich nicht am Fundort umgebracht. Wo, das musst du selbst herausfinden.“ „Ich?“, fragte Thomas und hörte verwirrt zu. Mara fragte Marcello auf Italienisch: „Ciao Marcello, hier ist Mara. Schön, dich zu hören. Ich habe deinen Bericht soeben mitbekommen. Was macht euch so sicher, dass Colina Pesca in euren Augen die Mörderin ist?“ Marcello antwortete auf Deutsch: „Bella Mara, schön, deine Stimme zu hören. Und deine Frage ist leicht zu beantworten, denn Matteo hatte ein paar Tage vor seinem Ableben Raps gegessen. Ich glaube, das war seine Henkersmahlzeit.“ Dann meldete sich Thomas: „Mit Salsiccia?“ „Nein“, antwortete der Capitano, „nur die einfache Version und nicht einmal mit Olivenöl, sondern mit Rapsöl zubereitet. Alles, was ich dir erzähle ist schon schriftlich an euch unterwegs. Und noch was, Thomas: Mein Chef, Mimmo Damiano, will dich unbedingt kennenlernen und möchte, dass du nach Kalabrien kommst, um uns bei den Ermittlungen zu unterstützen. Dabei wirst du das Land kennenlernen, wo im Sommer die Sonne die Erde verbrennt. Vielleicht findest du dann endlich deine Colina und wenn, dann nimm sie bitte mit nach Deutschland.“

Marcello verabschiedete sich, ließ auch Miriam grüßen und schloss mit den Worten: „Pass auf deine beiden hübschen Kolleginnen auf, Thomas. Wir sehen uns, hoffentlich so bald wie es geht.“ Darauf sagte Thomas nichts mehr, drückte den roten Knopf auf seinem Smartphone und rieb sich kopfschüttelnd die Augen.

Mara stichelte und lachte dabei über das ganze Gesicht: „Hast du nicht unlängst gesagt, dass du so schnell nicht mehr nach Kalabrien fährst?“ Thomas winkte ab: „Es ist noch nicht entschieden, dass ich tatsächlich dorthin muss, wo die Erde so heiß ist. Ich habe da unten so viele Carabinieri und Polizisten gesehen. Sie standen an jeder Kreuzung und waren schwer bewaffnet. Glaubst du denn wirklich, dass sie Hilfe ausgerechnet von mir brauchen?“ Mara erwiderte: „Warte erst mal den Bericht ab, den sie geschickt haben.“ Thomas schlug vor und grinste „Mara, warum fährst du eigentlich nicht selbst hin? Du kennst doch die Sprache besser als ich und die Gegend dort ist dir doch auch wohlbekannt.“ Sie lächelte: „Vielleicht kenn ich die Gegend sogar perfekt. Den Fall Lisca habe ich jedoch nur vom Büro aus verfolgt. Aber 14 Tage in der Region, wo schon morgens die Sonne scheint und der Himmel von keiner Wolke bedeckt ist, das wäre nicht schlecht für mich.“

Auf dem Tisch lag noch die Akte des Hauseinbruchs, wo sie am Morgen gewesen waren. Thomas schaute auf die Uhr: „Oh leck, wir haben eine ganze Stunde lang telefoniert. Was gibt es denn heute in der Kantine zu essen?“ Mara wusste das: „Warmer Fleischkäse mit Pommes und ein Salat ist auch dabei. Das zweite Menü wäre Spaghetti Bolognese.“ Thomas verzog den Mundwinkel und antwortete: „Fleischkäse mag ich nicht und Pasta habe ich in der vergangenen Woche genug gegessen. Die war dort so lecker, dass ich den Geschmack noch auf der Zunge habe. Deshalb muss ich das heute nicht haben. Übrigens habe ich dort niemanden gesehen, der Spaghetti Bolognese gegessen hat. Weißt du was, Ich werde jetzt ein halbes Hähnchen essen, dazu Salat mit Essig und Öl angemacht und eine Scheibe Brot. Du kannst dann gerne deine Spaghetti Bolognese essen.“ „Nein, nein“, Mara schüttelte den Kopf, „zu einem halben Hähnchen sage ich auch nicht nein. Ich muss zudem doch aufpassen, dass du dich nicht an einem Knochen verschluckst.“

Beide verließen das Präsidium, überquerten die Kaiserstraße und saßen schon im Restaurant. Ein Bier, eine Apfelschorle und nach einer Viertelstunde kam tatsächlich ihre Bestellung, mit einer Ausnahme, denn der Salat war leider mit einer weißen Fertigsauce angemacht. Keiner der beiden hatte daran gedacht, den Salat nur mit Essig und Öl zu bestellen. Zum Schluss blieben nur Hähnchen-Knochen, Salat und fettige Finger übrig.

Während sie auf dem Rückweg waren, klingelte Thomas‘ Handy. Der Anrufer meldete sich nicht mit Namen. So ist das halt bei den Italienern, einen Bekannten musst du an der Stimme erkennen. Federico Lombardo wollte nur wissen: „Hast du deinen Koffer schon gepackt? Oder sind die Koffer von deinem Urlaub etwa noch gar nicht ausgepackt?“ Thomas hatte ihn natürlich gleich an der Stimme erkannt und antwortete: „Nun mal langsam, es ist noch nichts entschieden.“ Federico informierte ihn, dass der Brief aus Italien nicht an seinen Boss, Udo Frenzel, geschickt würde, sondern eine Etage höher. Thomas stockte kurz und wunderte sich: „Sag mal, woher weißt du das alles?“ Lombardo lachte herzhaft und wich aus: „Heute brauchst du mich nicht mehr anzurufen. Ich wünsche dir einen schönen Tag und einen guten Flug. Übrigens, ich werde gut auf deine Frau und deinen Sohn aufpassen“, klappte das Telefon zu und das Gespräch war zu Ende.

Mara ärgerte sich und schlug mit der Hand auf den Schalter am Ampelmast vor dem Zebrastreifen: „Der weiß schon wieder mehr als wir, wieso?“

Im Präsidium angekommen arbeiteten beide noch einige Zeit an dem neuen Einbruchsfall. Am Feierabend ließen sie dann die Akte aufgeklappt auf dem Tisch liegen und Thomas fuhr nach Hause. Mara ging zu Cosimo.

Als Thomas zu Hause sah, dass noch niemand da war, schnappte er sich kurzerhand sein Fahrrad, fuhr Richtung Gräfinthal und von dort aus zur Naturbühne. Er versuchte keuchend, den kurzen steilen Feldweg zum Aussichtsturm im Bettelwald von Ormesheim hochzufahren. Aber diese Abkürzung schaffte er nur bis zu Mitte, den Rest der Strecke musste er seinen Drahtesel schieben. Er schaute an sich herunter und dachte: ‚Das ist mir noch nie passiert, dass ich eine Steigung aussuche, die ich nicht hochkomme. Letztes Jahr habe ich mich dabei noch munter mit Miriam unterhalten. Scheinbar war ich da etwas fitter‘. Als er auf der Höhe angekommen war, fuhr er durch den Wald in Richtung Ormesheim, dahin, wo Federico Lombardo wohnte. Diesmal ging es aber nur bergab, sodass er sich beim Fahren wieder etwas erholen konnte. Federico hatte zwar befohlen, er solle ihn heute nicht mehr anrufen, deswegen ging er nun persönlich hin weil er hoffte, von ihm Einzelheiten zu erfahren, die er noch nicht kannte. Thomas stellte sein Rad in der Einfahrt ab und ging zur Haustür. Enttäuscht musste er jedoch feststellen, dass er heute kein Glück hatte, denn auf der Klingel klebte ein Zettel: Heute nicht!

Das Haus war abgeschlossen, auch im Garten war niemand. Allerdings hatte sich Thomas schon etwas bewegt, setzte sich aber unzufrieden auf sein Rad, weil Lombardo ihn dieses Mal nicht belogen hatte und tatsächlich nicht zu Hause war. Der Rückweg nach Bliesmengen-Bolchen war aber nicht mehr so steil, jedoch am Aussichtsturm machte er eine kurze Pause und stieg die hölzerne Treppe den etwa 15 Meter hohen Holzturm zu Fuß hoch. Oben genoss er einen herrlichen Ausblick und erkannte sogar in der Ferne den Bergrücken der Vogesen. Als Thomas wieder auf dem Rad saß, beschloss er spontan, die Landstraße nach Bliesmengen-Bolchen zu nehmen. Sie war zwar sehr kurvig, ging jedoch mehrere Kilometer nur bergab. Als er zwanzig Minuten später wieder zu Hause ankam, war Thomas froh, wenigstens etwas Sport getrieben zu haben.

Miriam war mittlerweile zu Hause und als sie ihn entdeckte, fragte sie, ob er heute frei und nicht gearbeitet hätte. Thomas erklärte: „Doch, aber ich habe immer noch einige Überstunden abzufeiern. Außerdem muss ich noch etwas Urlaubsspeck abtrainieren.“

Nach dem Abendessen hatte er nun Zeit, mit Paul zu spielen und brachte ihn auch selbst ins Bett. Erst als er mit Miriam alleine war, erzählte er von seinem Telefonat mit Marcello Rende. Miriam war natürlich nicht besonders begeistert, erinnerte ihn auch gleich daran, dass es in Kalabrien viele Witwen gäbe, deren Männer Polizisten waren. Und die, die keine Polizisten waren und noch lebten, säßen heutzutage im Gefängnis.

Mittwoch, 22. Mai 2019

An diesem Morgen verließ Thomas das Haus nach einem langen, üppigen Frühstück als Letzter und kam erst gegen 10 Uhr im Präsidium an. Mara sah ihn an und sagte: „Ich dachte, du kommst heute gar nicht mehr.“ Er setzte sich und erwähnte, dass seine Überstunden irgendwann ja auch einmal verschwinden müssten. „Du hast ja so Recht“, stimmte Mara ihm zu, „ab morgen habe ich mir ebenfalls frei genommen, und wenn alles gut geht, bin ich Montag wieder im Dienst.“ Thomas wunderte sich: „Nur vier Tage? Ist das nicht zu wenig, um Urlaub zu machen? Wie schon erwähnt, wir waren eine ganze Woche in Kalabrien, und haben trotzdem nicht allzu viel gesehen.“ „Nein, nein, die vier Tage reichen mir vollkommen. Ich werde mit Cosimo einen Kurztrip nach Wien unternehmen“, erklärte Mara. „Außerdem haben wir noch keinen Bericht der Spurensicherung von dem Einbruch. Von den Kollegen hat sich bisher noch niemand gemeldet. Was bedeutet das? Sie haben keine Spuren gefunden, mit denen wir arbeiten und weiter ermitteln könnten.“

Dann kamen beide gezwungenermaßen auf den Fall Carlo Lisca zu sprechen. ‚Tod in Flammen‘ stand auf der armdicken Ermittlungsakte. Mara erinnerte ihn: „Du und Miriam habt doch damals alles versucht, um diese Colina Pesca zu finden. Soll jetzt das Ganze wieder von vorne beginnen? Was denkst du, Thomas?“ Der entschied: „Warum sollen wir uns darüber den Kopf zerbrechen? Außerdem ist das eine Sache der kalabrischen Polizei. Wir warten aber mal ab, bis unser Udo Frenzel neue Nachrichten hat. Er muss bestimmt einen dicken Hals bekommen haben, weil er selbst entschieden hat, den Fall beschleunigt abzuschließen, um dadurch schneller auf den Platz zu kommen, auf dem er sich heute befindet.“ Mara sagte: „Das war er aber nicht ganz alleine. Unser ehemaliger Boss, Peter Reinhard, war auch daran beteiligt, die Akte schnellstmöglich zu schließen. Er muss sich bestimmt übergeben, wenn er jetzt hört, was passiert ist. Hoffentlich beschmutzt er dabei nicht seine Schuhe. Du kannst machen was du willst, zum Schluss kommt doch alles wieder hoch“, raunzte Mara und ging an ihren Platz. Sie hatte sich damals über Udos Beförderung zu ihrem Vorgesetzten mehr als geärgert.

Thomas schaute Mara an: „Weißt du was? Hol doch nochmal irgendeine Akte, aber mit viel Staub obendrauf. Irgendwie müssen wir heute unsere Schicht herumkriegen.“ Sie lehnte ab: „Nein, das mache ich heute nicht, sondern werde jetzt meinen Tisch aufräumen und die staubigen Akten nicht anfassen. Und wenn ich dann noch Zeit habe, räume ich meine Schublade auf. Mein Freund Cosimo hasst nämlich den Staub.“ Thomas grinste über das ganze Gesicht und dachte: ‚Die letzte Zeit hat sie sehr wenig von ihm gesprochen. Vielleicht ist es ja ein neuer Versuch der beiden, sich wieder näher zu kommen‘. Mara blickte auf ihre Uhr: „Ab jetzt beginnt die Reduzierung meiner Überstunden und heute Abend esse ich zu Hause.“ „Das ist eine gute Idee“, stimmte Thomas ihr zu. Und tatsächlich, hörte man zwei Stunden später nur noch die Tür hinter beiden ins Schloss fallen. Sie hatten sich aber vorher offiziell abgemeldet.

Gegen 14.20 Uhr lief ihr Boss wie ein aufgeschrecktes Huhn im Präsidium herum, begleitet von Staatsanwalt Holger Weinbrecht und Frenzels obersten Vorgesetzten, Eugen Karmann, um Mara und Thomas zu suchen. Beide beruhigten sich aber nach wenigen Minuten, als sie sahen, dass die Abwesenheit ordnungsgemäß vermerkt war. Schon liefen die Telefone heiß, aber sie konnten wählen so oft sie wollten, es gab keine Antwort.

---ENDE DER LESEPROBE---