Tod auf dem Sockel - Günther Seiler - E-Book

Tod auf dem Sockel E-Book

Günther Seiler

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Beschreibung

Die Krabben aus der Nordsee haben mehr Kilometer auf der Schale als manche ihrer Kunden auf dem Buckel. Die Tour der Krabben von Rostrumersiel nach Marokko wird auch für den Privatermittler Enno von Höhenhaus interessant, als er sich um die mysteriösen Vorfälle rund um die phantasievollen Pantomimen kümmert. Nicht die Bretter, sondern der Sockel, der für die Pantomimen die Welt bedeutet, um aus ihrem Lebenstrott herauszukommen und etwas finanzielle Anerkennung zu bekommen, bestimmt ihr Schicksal. Eine den Amerikanern nicht wohl gesonnene Regierung hat es auf das amerikanische Militär abgesehen. Eine perfide Aktion zwingt Enno von Höhenhaus wieder einmal, um den halben Erdball zu reisen.

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Günther Seiler

Tod auf dem Sockel

Ennos 2. Fall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Tod auf dem Sockel

Kapitel 1 Künstlerhotel Worpswede

Kapitel 2 Tagträume

Kapitel 3 Gute Cocktails

Kapitel 4 Der Oberstaatsanwalt

Kapitel 5 Wingst in der Geest

Kapitel 6 Rostrumersiel an der Nordsee

Kapitel 7 Magazin T

Kapitel 8 Jork im alten Land

Kapitel 9 Von Nordholz nach Cuxhaven

Kapitel 10 Zum neuen Stadtgericht

Kapitel 11 Tanger

Kapitel 12 Von Brüssel nach Bontermeyer

Kapitel 13 Reisevorbereitungen nach Mittelamerika

Kapitel 14 Am alten Güterbahnhof Nord in Loxstedt

Kapitel 15 Sonderkommission Norddeutsche Tiefebene

Kapitel 16 Curambauo

Kapitel 17 Der Nebel lichtet sich in Curam

Kapitel 18 Zurück nach Trochelwarft

Impressum neobooks

Tod auf dem Sockel

Kapitel 1 Künstlerhotel Worpswede

Graf Enno von Höhenhaus war müde und abgespannt, als er von seiner, wie er es immer nannte, Familientournee nach Trochelwarft im Kreis Rotenburg Wümme, nahe der Ortschaft Worpswede am Teufelsmoor, zurückkam. Die bekannte Künstlerkolonie Worpswede lag bereits in dem Landkreis Osterholz. Er war zwei Tage bei seinem betagten Vater, dem ehemaligen Senator Graf von Höhenhaus in Fünfhausen, dem Geburtsort von Enno von Höhenhaus. Er hatte zu seinem Vater ein sehr gutes Verhältnis und Enno nahm sich mehrmals im Jahr ausführlich Zeit, um seinen Vater zu sehen und mit ihm ausführlich zu sprechen. Inzwischen war sein Vater für längere Spaziergänge, so wie die beiden es früher liebten, an einen Elektrorollstuhl gefesselt. Das hielt sie aber nicht davon ab, bei windigem Wetter einen langen, ausgedehnten Spaziergang auf dem Deich an der Weser zu unternehmen. Sie packten sich warm ein und genossen die frische reine Luft am Wasser. Sie schauten vorher bei einer kleinen Werft die Motorboote an und es waren schon ganz schöne Dampfer darunter, wie sein Vater bemerkte. So ein Dampfer war immer sein Traum gewesen, doch seine Frau mochte nicht das, wie sie immer sagte, kippelige Wasser unter den Füßen zu haben. Es wurde ihr auch immer schlecht auf dem Wasser. Alleine machte es grundsätzlich keinen Spaß, wenn der Partner das Bootshobby ablehnte. Nun war sie leider schon einige Jahre nicht mehr unter uns. Enno setzte sich auf eine Bank und schob seinen Vater im Rollstuhl vis-a-vis. Sie unterhielten sich angeregt über Themen aus der Politik und Wirtschaft. Sein Vater war lange Jahre ein erfolgreicher Wirtschaftssenator in Bremen gewesen und über die Grenzen der Parteien ein hochgeachteter Mann. Es kam auch heute noch vor, dass ihn der Bremer Bürgermeister um seinen Rat fragte. Vor diesem Besuch war Enno noch zu einem Vortrag als Redner zur römischen Geschichte in der Fakultät der Universität Oldenburg eingeladen worden. Als großer Geldgeber des neuen Hafens in Norddeutschland wurde er von den Verantwortlichen in Oldenburg mit weiteren Personen zu einem informellen Abendessen in einem gutbürgerlichen Restaurant eingeladen. Es gab ganz auf norddeutsche Art Grünkohl mit den üblichen Fleischbeilagen. Die Bremer sagten allerdings Braunkohl dazu. Das Essen war wunderbar und als Verteiler nach dem Essen wurde in vorgekühlten Gläsern ein eiskalter Korn gereicht. Das Gespräch, sowie das Essen waren rundum gelungen.

Er parkte seine 7,20 Meter lange amerikanische Stretchlimousine vor seinem Anwesen in Trochelwarft ein, nachdem sich das große, schmiedeeiserne Tor lautlos öffnete. Enno nahm seinen Rollkoffer aus dem hinteren Teil seines Fahrzeuges heraus. Danach betrat er die Diele in seinem großen Haus. Das reichlich große Anwesen bestand aus dem reetgedeckten Haupthaus, mit einigen Garagen und das von ihm geliebte reetgedeckte Heidehäuschen, Häuschen war gut, es war schon ein wunderschönes Haus mit weißen Fensterrahmen und Butzenscheiben. Davor standen alte Bäume, die im Sommer genügend Schutz vor der Sonne gaben. Für den Gärtner war eine große Werkstatt vorhanden. Mit Enno lebten der Butler Heinrich, Hiltrud die Küchenperle und als Neuzugang ein begnadeter Gärtner aus Uruguay, mit Namens Felipe auf dem Anwesen. Dieser Gärtner hatte, wie man so schön sagte, einen grünen Daumen. Der Garten sah immer sehr gepflegt aus.

Enno trug den Titel eines Grafen und war ganz nebenbei noch Honorarprofessor für römische Geschichte. Dieser Titel wurde ihm von einer italienischen Universität verliehen. Darauf war Enno sehr stolz. Er hielt als Honorarprofessor neben zahlreiche Vorträge auch Seminare an Universitäten ab, er hatte aber das Recht und auch vielmehr das Glück, sich alle Termine am Anfang eines Jahres selber auszusuchen. Auch war Enno von Höhenhaus an internationalen Universitäten ein gern gesehener Gast. Seine Seminare kamen gut an und wurden auch von Studenten im vorgeschrittenen Alter gerne belegt, sofern Platz im Hörsaal war.

Heinrich sein Butler öffnete die Tür und wünschte ihm einen guten Abend. Enno erwiderte den Gruß und ging gleich in seine Bibliothek. Heinrich brachte ihm eine Karaffe kaltes Wasser in die Bibliothek. Er war ein guter Butler, der sah ihm sofort seine Müdigkeit an und sagte nichts weiter. Enno nahm aus dem Humidohr eine besonders gute kubanische Zigarre. Das war ansonsten seine besondere Sonntagszigarre. Er öffnete die Terrassentür und setzte sich in den gemütlichen, gepolsterten Gartenstuhl hinein. Heinrich kam hinter ihm her und stellte die Karaffe Wasser sowie einen Aschenbecher auf den Tisch: „Herr Graf, hier ist eine Einladung für Sie. Benötigen Sie mich ansonsten noch?“ Enno hatte es längst aufgegeben, dass er die Anrede mit seinem Titel ruhig lassen konnte, es war aber vergebens. Vielleicht, dachte er einmal, empfand Heinrich das schon als reine Kumpelei und er kam mit seiner eigenen Butlerehre ins Gehege. Es wurde ihm sicherlich in seiner Butlerausbildung in England und darauf war er Stolz, so gelehrt, die Herrschaft immer korrekt anzureden. Nun gut, Enno nahm ihm die Einladung ab und sagte: „ Nein danke Heinrich, den Poststapel habe ich schon gesehen, heute lege ich nur die Füße hoch und ich wünsche dir eine gute Nacht.“ Heinrich verbeugte sich leicht nach vorne, als er erwiderte: „Danke sehr, einen guten Abend und eine geruhsame gute Nacht wünsche ich Ihnen.“ Heinrich war auch schon lautlos von der Terrasse und aus dem Raum gegangen. Enno legte sich entspannt zurück, wärmte mit einem brennenden Streichholz seine Zigarre von der Unterseite an und entbrannte diese. Er schaute dem wohlriechenden und im wahrsten Sinne des Wortes kostbaren Rauchkringel in der Luft zu. Enno nahm die Einladung und öffnete den Umschlag. Er kannte schon die schwungvolle Handschrift von Mechthild Brunckhorst. Das war die Ehefrau von Theo Brunckhorst aus Worpswede. Den Theo Brunckhorst lernte Enno sozusagen beruflich kennen. Denn Enno war nicht nur ein Graf und Professor, nein, er hatte eine noch viel größere Leidenschaft in seinem Leben entdeckt. Damit wurde er inzwischen auch auf eine nette sowie liebevolle Art und Weise von seiner Familie aufgezogen. Die alten Hinterlassenschaften wie Scherben der Römer mussten bisher immer für Hänseleien über ihn bei Familienfeiern herhalten. Die Variationen dafür schienen unendlich bei seiner Familie zu sein. Speziell seine von ihm geschätzte Nichte Brigitta von Höhenhaus, konnte hier sehr phantasievolle Abhandlungen zum Besten sowie zum Schmunzeln der Gesellschaft bringen. Auch mit seinem neuen Hobby, wie seine Nichte bemerkte, hatte sie ihren großen Spaß am Necken. Enno von Höhenhaus hatte für sich die Aufklärung von ungelösten Kriminalfällen entdeckt, er selber nannte sich ganz bescheiden einen Privataufklärer. Den Begriff Privatdetektiv mochte er nicht besonders, das sah so nach Schlapphut, dunkler Sonnenbrille mit dampfender, gebogener Pfeife im Mund und hochgezogenem Trenchcoatmantelkragen sowie Blicke in alle Richtungen aus. Nein, Enno liebte besonders die Fälle, die hart wie Nüsse waren und wo er etwas zu knacken hatte. In dieser Tätigkeit begegnete ihm auch Theo Brunckhorst. Der war seinerzeit der Vizepolizeipräsident der Polizeiinspektion von Rotenburg an der Wümme und Zeven. Die Personalpolitik des Innenministeriums in Hannover war in seinem Fall nicht ganz nachvollziehbar. Der amtierende Polizeipräsident war sehr lange krankheitsbedingt nicht im Dienst und Theo Brunckhorst vertrat ihn, dabei machte er seine Arbeit sehr gut. Theo war als Vorgesetzter bei seinen Beamten sehr beliebt. Seine Beamten waren mit seiner Führung glücklich und sie erledigten engagiert ihre Arbeit. Als dann die Beförderung von Theo zum Polizeipräsidenten anstand, stellte jemand vom Personaldezernat in Hannover fest, dass dieser ja bereits Pensionsnah war und wenn er jetzt befördert werden würde, stiegen demnach ja auch automatisch seine Pensionsansprüche. Schlau wie die Innendienstler waren, wollte man doch gleich einen jüngeren Beamten aus dem höheren Führungskader nehmen. Man entschied sich tatsächlich für einen weitaus jüngeren Beamten, der somit auf den Posten des Polizeipräsidenten von Rotenburg und Zeven befördert wurde. Natürlich war die Enttäuschung bei Theo sehr groß, er hegte aber nach einiger Zeit keinen Groll mehr und machte seine Arbeit engagiert wie bisher weiter. Irgendwann gefiel ihm die Art seines neuen Vorgesetzten mit dem Umgang seiner Untergebenen nicht mehr. Theo musste sich schon wundern, wie ein junger, intelligenter Mensch mit einer guten Schulbildung und einer sehr guten Ausbildung bei der Polizei sich so auf das Niveau eines brüllenden Hauptmannes auf dem Kasernenhof aus der Kaiserzeit herabließ. Seine Untergebenen waren schließlich überwiegend gestandene Beamte, die in der Verbrechensbekämpfung etwas vorweisen konnten und auch die angehenden neuen, jungen Kollegen sollte man respektvoll behandeln, auch wenn mal etwas nicht ganz so reibungsvoll klappte. Theo hatte viele und lange Gespräche mit seinem neuen Vorgesetzten geführt. Er konnte ihn aber in seiner Haltung nicht ändern. Bei einem guten Glas Rotwein besprach er in seinem schönen großen Haus in Worpswede den Fall mit seiner Frau, die auf ihrem Anwesen eine Mal- und Künstlerakademie mit interessanten Lehrern aus ganz Deutschland mit angrenzendem Hotel betrieb. Vorher war seine Frau eine leitende Polizeidirektorin im Lagezentrum der Polizei in Hannover. Sie hatte sich für die Altersteilzeit entschieden und verwirklichte damit ihren Lebenstraum einer Mal- und Zeichenschule mit eigenem Hotel als Künstlerakademie in Worpswede.

Sie trank einen Schluck Rotwein, nein sie nippte wie immer an dem Glas, wartete etwas, wahrscheinlich wie sich der Wein im Mund anfühlte und sie sah ihn aufmerksam an. Wie auch sonst war ihr Rat kurz und knapp: „Deine Pension ist sicher, du hast keine Abzüge zu erwarten und reiche doch einfach deine Versetzung zu höheren Aufgaben in dem Hotelgewerbe nach Worpswede ein, denn ich brauche hier dringend einen guten Portier und Kofferträger.“ Sie lachte und ihre Grübchen sahen aus wie früher. Er musste in solchen Fällen immer auf ihre Grübchen schauen, wie seinerzeit, als er sie kennenlernte. Damals sagte sie: „Wo starren Sie hin? Sehen Sie mir ruhig in die Augen.“ Er wurde damals sicher das erste Mal in seinem Leben richtig rot im Gesicht. Nun gut sagte er wieder, hielt sein Rotweinglas in der Hand: „Warum auch nicht, aber ich setze als Page kein Käppi auf, eine Uniform habe ich ja vom Dienst her im Schrank hängen.“ Sie mussten beide herzlich lachen. Sie stießen mit den Gläsern an und ein leises klingendes Geräusch war zu hören. „Auf den neuen Pagen für den Fahrstuhl ohne Käppi“, sagte sie weiter lachend. Sie beugte sich nach vorne und gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange.

Durch eine gute berufliche Zusammenarbeit kamen sich Enno und Theo freundschaftlich näher. Auch die Malschule seiner Ehefrau fand Enno sehr interessant. Er hörte sich einige Vorträge über die Kunst des Malens und der Bildhauerei an. Manchmal musste einer einem die Schleier von den Augen nehmen und man war sehr erstaunt, welche Interessen jemand plötzlich entwickeln konnte oder welche Neigungen zur Malerei in einem steckten. Wenn man dann von Bekannten nach einem Mallehrgang bei der Besichtigung seines Werkes hörte, oh, das hast du gemalt, das finde ich ja richtig gut. Man fühlte sich schon wie ein kleiner Künstler. Enno nahm sich vor, auch einmal bei ihr einen Mallehrgang zu belegen. In langen und vielen Nächten diskutierten sie bei einem guten Tropfen Wein über die Kunst und mit Theo diskutierte er viele Gespräche über die Kriminalistik. Die Familie Brunckhorst war auch schon oft bei Enno auf dem Anwesen in Trochelwarft eingeladen. Auf Partys lud man sich gegenseitig immer wieder ein. Es stimmte schon, man kam sich freundschaftlich näher und sie fühlten sich miteinander verbunden. Seit der damaligen Entscheidung, den Polizeidienst zu quittieren und das mühselige Leben, wie Theo lachend Freunden gegenüber einmal bemerkte, das Leben eines Pensionärs, natürlich nicht als Rentner, das sind die anderen, zu beginnen, war schon einige Zeit vergangen. Theo musste sich neu sortieren, denn er wollte um alles in der Welt nicht auf einer Parkbank mit Taubenanschluß zum Füttern enden. Er stellte sich auch vor, wie er auf einer Parkbank in Worpswede saß, um einmal den Touristen in der Hauptstraße wehmütig nachzublicken. Wenn keine Touristen in Worpswede vorhanden waren, würde er mit seinen neuen gefiederten Freunden reden und sie füttern. Ihr seid alles, was ich habe und ihr versteht mich mit meinem gebrochenen Herzen, keiner mag mich. Keiner hat mich richtig lieb. Was er von seiner Frau erntete, war ein nachdenklicher und sorgenvoller Blick für seine Zukunft als Pensionär.

Also, es wurde als Pensionär kräftig in die Hände gespuckt und angepackt. Das Hotel sollte erweitert werden und dazu sprachen sie einen befreundeten Architekten an. Die Zeichnungen sowie die Hotelerweiterung wurden unter der Aufsicht des Herrn Baurates Theo Brunckhorst vorgenommen. Auch wenn beim Haare raufen die letzten Büschel bei Theo für den Neuanbau zum Opfer fielen, weil nicht alles auf Anhieb klappte, war er zum Abschluss recht zufrieden. Das Hotel war noch schöner und heller als vorher. Das großzügige neue Atelier war schon ein Hingucker für sich. Die angereisten Gäste für die Malkurse blieben erst einmal staunend in der Tür zum Atelier stehen. Das ganze Ambiente des Hotels und auch die Außenanlage mit den alten großen Bäumen, die ausreichend Schutz vor der Sonne gaben, waren einfach ein Genuss. Hier konnte man in Ruhe ungestört malen sowie bildhauerisch unter einer Anleitung von Fachleuten tätig werden. In der neuen angebauten Werkstatt wurden auch qualifizierte Töpferkurse angeboten. Hier war ein kreatives Auftanken möglich, denn nur an einem sonnigen Strand zu liegen, konnte auch für eine gewisse Zeit schön und erholsam sein. Doch viele Leute hatten eine innere Freude und Zufriedenheit daran, wenn sie ihr Meisterwerk betrachteten und zuhause zeigen konnten. Einige angehende Künstler und auch richtige Künstler hatten ihre Werke hier aufgehängt. Im Skulpturengarten auf dem Anwesen standen schon einige ansehnliche Kunstwerke, die auch von der Fachwelt durchaus bewundert wurden.

Kapitel 2 Tagträume

Daniel Böttcher kam gutgelaunt die Treppe aus seinem Haus gelaufen. Er suchte sein altes Auto auf und verstaute seinen Koffer mit seinen Utensilien auf dem Rücksitz des Fahrzeuges. „Hoffentlich springt der Motor an, denn in den letzten Tagen schwächelte die Batterie etwas“, dachte Daniel. Er hatte kein Geld für eine neue Fahrzeugbatterie. Von einer Anschaffung eines anderen gebrauchten Fahrzeuges ganz zu schweigen. Daniel Böttcher war ein junger Mann, der an einer hiesigen Schule in Nienburg an der Weser Sozialpädagogik studierte und mit Kindern schon immer gut umgehen konnte. Zeitweise war er der Überraschungsgast als Clown für Geburtstage unterwegs, aber das Geschäft lief nicht besonders gut. Man musste auch immer eine ganze Menge an Überraschungsgags für die Kinder auf Lager haben. Nur Konfetti hoch zu werfen und aus den Luftballons nach dem Aufpusten die Luft quietschend entweichen zu lassen, kam selbst bei den ganz kleinen Kindern nicht immer an. Die junge Generation der elektronischen Spielgeräte wollte schon etwas geboten bekommen. Daniel konnte sich finanziell keinen kleinen Zirkus leisten, der kleine rosa Elefanten durch brennende Ringe springen ließ und die Kinder dann gelangweilt ein „Cool“ ausriefen, wie er es einmal überspitzt einem Freund andeutete. Also überlegte sich Daniel etwas anderes. Er suchte lange nach Möglichkeiten, die etwas Geld einbringen würden und wofür man kein allzu teures Equipment brauchte. Erst überlegte er, ob er sich in seiner Freizeit als Straßenmaler auf wichtigen Marktplätzen bemühen sollte. Er konnte ganz gut Zeichnen und Malen, im Kunstunterricht stand er immer auf einer Eins, doch für diese Art der Kunst reichte es nicht aus. Er hatte auch keine große Lust, den ganzen Tag mit der bunten Kreide in der Hand auf dem Boden herum zu rutschen. Wenn dann das Werk endlich fertig war, kam bestimmt ein großer Wolkenbruch und alles war dahin. Die Kreidekunst auf dem Boden zerronn ihm nicht durch die Finger, sondern die Kunst löste sich schlicht mit dem Regenwasser zum nächsten Gully als gefärbtes Wasser in Wohlgefallen auf.

Er wollte auf den Sockel des Lebens, das strebte er zumindest an. Also, er wollte sich als Pantomime vor einem Theater, Markt oder Kirche aufstellen. Dazu brauchte er einen Gewerbeschein und eine Nutzungsgenehmigung der jeweiligen Stadt. Ordnung musste ja sein und schon konnte er stehen, bis er schwarz wurde, pardon, ihm schwarz vor Augen wurde, wie sein Onkel diesen Plan missbilligend als brotlose Kunst abtat. Seine Schwester war eine gelernte Schneiderin und sie war von seinem Plan ganz fasziniert. Sie zeichnete diverse Kleidungsmodelle für ihn, als Clown, Biedermann, Bettler, Kardinal und wer weiß sonst noch etwas. Alles gefiel dem Daniel aber nicht so recht, bis er einmal im Kino einen Edelmann wie vor zweihundert Jahren sah. „Das war es“, dachte er. Schön bunt mit Brokat, kleinen Schleifen, eine entsprechende weite bunte seidene Hose und das obligatorische Tuch in der linken Hand. Das Gesicht war entsprechend weiß bis grell in den Farben zu schminken. Daniel war richtig euphorisch von seinem Plan, er dachte an nichts anderem mehr. Er stellte seine fertige Pose auf dem Sockel als Foto in das Internet, als er eines Tages Post von einer Anwaltskanzlei Vossegat und Roisbroek in der Grachtlane 11 aus Brüssel Neustadt bekam. Erst dachte er an eine Werbesendung von Rechtsanwälten, obwohl er schon wusste, dass die Eigenwerbung für Anwälte eng geregelt war. Als Daniel den Brief öffnete, wurde er erst blass und dann musste er sich setzten. Es handelte sich um eine Abmahnung nach dem deutschen, europäischen, sowie internationalem Urheberrecht. Denn er sollte weltweit gegen die Eigentumsrechte der Mandantin dieser Kanzlei aus Brüssel Neustadt, eine Pantomimenvermittlungsgesellschaft mit Vermarktungsrechten für Darstellungen von Pantomimen aller Art, von Kunstdarbietungen im Freien, sowie in Hallen, Theatern, Kinos, ja sogar im privaten Bereich verstoßen zu haben. Diese Pantomimengesellschaft vergab weltweit gegen eine Gebühr die Rechte, für freischaffende Darsteller Pantomimen aller Art auf öffentlichen und nicht öffentlichen Plätzen und Gebäuden sowie privaten Häusern und Wohnungen darzustellen. In der Abmahnung hieß es. Sie haben gegen diese Rechte unserer Mandantin verstoßen und Sie müssen eine Gebühr von siebenhundertfünfzig Euro zahlen, hinzu kämen unsere Anwaltskosten. Ansonsten werden wir Sie vor einem deutschen, notfalls europäischen Gericht zum Urheberrecht hin verklagen und das wird für Sie sehr teuer werden. Wenn Sie den Betrag innerhalb von zwei Wochen an uns zahlen, werden Sie automatisch Mitglied bei unserer Mandantin für eine Jahresgebühr von hundertfünfzig Euro. Dieser Jahresbeitrag war jetzt in der zu zahlende Summe enthalten. Ab dem nächsten Jahr zahlen Sie bitte diesen Beitrag von hundertfünfzig Euro jeweils bis zum 5. Januar eines jeden Jahres direkt an die Mandantin. Es galt eine Vertragsdauer von vier Jahren. Die Kontoverbindung lag anbei, hieß es lapidar. Sieh mal an, dachte Daniel, die haben sogar ein Konto in Deutschland. Er machte das Beste daraus, bat seine Tante um den Betrag und sagte ihr voller Stolz, er sei jetzt Mitglied in einem internationalen wichtigen Künstlerverein, die ihn auch betreuen würden. Jetzt begann seine schauspielerische Karriere meinte er, dabei sah er seine Tante mit festem Blick offenherzig in die Augen. Nachdem das Geld an die Kanzlei gezahlt wurde, bekam er die Mitgliedskarte mit einem freundlichen Begrüßungsschreiben und der beiliegende Schminkkasten war ein Begrüßungsgeschenk für den neuen Künstler. Man wünschte ihm alles Gute für den Sockel als Grundlage einer lukrativen, sowie freien Tätigkeit der Pantomimen, die die Welt bedeuteten. Er war jetzt sein eigener Herr mit frei zu wählenden Arbeitszeiten sowie Arbeitsorten. Kein Chef würde ihm jemals wieder Anweisungen erteilen können. Er durfte jetzt in ganz Europa und sogar weltweit seiner künstlerischen Tätigkeit ohne Einschränkungen nachgehen. Da boten sich im Urlaub ja ungeahnte Verdienstmöglichkeiten an. Den halben Tag würde er auf dem Sockel als Pantomime stehen und am Nachmittag, wenn es besonders heiß werden würde, lag er am Strand und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Der Urlaub würde sich quasi von alleine finanzieren. Wenn es gut liefe, könnte man ja locker noch ein paar Urlaubswochen anhängen. Er sah sich im Geiste schon auf seinem Balkon im Hotel die vielen Geldstücke durchzählen.

Geldverdienen, durch pures Stillstehen auf einem Sockel. Daniel fühlte eine Welle einer Glückseligkeit bei diesen ungeahnten Möglichkeiten. Er sah sich weiter als Manager von Darsteller zu Darsteller im sonnigen Süden laufen, um die Einnahmen als Unternehmer zu kassieren. Eine Gelddruckmaschine auf einem simplen Sockel. Warum da bloß nicht mehr Menschen auf diese Idee kamen, fragte sich Daniel ernsthaft. Bloß keine Werbung für diese tolle Idee veranstalten. Wenn er zehn Jahre immer fleißig seine Jahresbeiträge pünktlich zahlte, so bekam er ein Angebot, für einen Jahresbeitrag von fünfhundert Euro zusätzlich bis zu vier Pantomimendarsteller auf seine Kosten zu beschäftigen. Diese tollen Aussichten standen in den Unterlagen seiner Künstleragentur aus Brüssel Neustadt. Diesen erweiterten Jahresbeitrag hätte er schnell durch die engagierten Teammitglieder wieder eingespielt und er würde sehr schnell im Plusbereich seines Verdienstes sein. Weitere lukrative Möglichkeiten in der Aufstockung bis zu zehn Mitarbeiter würden sich nach fünfzehn Jahren für ihn ergeben. Eine Voraussetzung war aber, dass die Beiträge immer pünktlich flossen. Beitragserhöhungen waren nach vier Jahren möglich. Der Wettbewerb sei hart und man wolle den Mitgliedern immer einen tollen Service mit wichtigen Informationen an attraktiven Standorten in aller Welt bieten. Dazu müssen unsere Mitarbeiter weltweit unterwegs sein, denn wir sehen uns alles selber vor Ort an. Wir gehen nach unserem Motto vor, alles aus erster Hand zu erfahren und dieser Service hatte natürlich seinen berechtigten Preis, meinte die Agentur für Pantomimenvermittlungen.

Wir haben für Sie eine weitere völlig kostenlose Überraschung. Hier kommt unser absolut sensationelles, sowie einmaliges Angebot für Sie. Sie sind einer der wenigen Menschen, die unser neues Solarsystem aus der Raumfahrtforschung für die Kleidung testen dürfen. Es handelte sich dabei um eine dünne Batteriefolie, in die Solarzellen eingearbeitet wurden. Diese kleine Folie müssen Sie auf der nackten Haut unterhalb Ihres Nackens per Klippverschluss anbringen. Das Tolle war, es handelte sich um eine Folie, die mit einem USB Anschluss versehen wurde. Das Kabel reichte aus, um es vorne in der Kleidung zu tragen, damit Sie als Pantomime auch immer ein geladenes Handy oder ein Musikabspielgerät unbegrenzt an Strommöglichkeiten dabei haben. Sie sind bei Ihren künstlerischen Auftritten unabhängig von dem Stromnetz. Sie produzieren während Ihrer interessanten Auftritte im Freien auch bei bewölktem Wetter Ihren eigenen Strom. Sind wir nicht richtig gut? Doch denken Sie daran, die Folie muss immer einen direkten Kontakt mit der Haut an Ihrem Rücken unterhalb des Nackens haben. Die kleine Antenne muss in den Kragen oder auf dem Rücken getragen werden.

Daniel war richtig stolz darauf, ein Mitglied einer so wichtigen europäischen Künstlergilde zu sein, die sich wirklich um ihre Mitglieder kümmerten. Der Anfangsärger über die Abmahnung mit dem vielen Geld verflog schnell. Das Geld würde er sicher irgendwann wieder einspielen, da war er ganz sicher. Sein extravagantes Kostüm würde ganz wunderbar schick zur Geltung kommen. Er durfte sogar als Mitglied weltweit neben den örtlichen Zulassungsbestimmungen auf seinen Sockel steigen. „ Das waren doch alles neue und ungeahnte Möglichkeiten“, dachte Daniel. Ich durfte sogar in Sydney in Australien stehen, wo die reichen Touristen sich auf den wichtigen Plätzen tummelten und die gebratenen Tauben fliegen mir nur so in den Mund. Fast, denn ich durfte mich ja über Stunden nicht bewegen, nur wenn es im Federhut klingelte, bewegte ich mich majestätisch langsam zum edlen Spender hin und ich bedankte mich sozusagen von oben herab vom Sockel her.

Daniel parkte sein altes Auto in der Tiefgarage am Rathaus in Nienburg an der Weser. Er zog sich in noch in dem Parkhaus in einer Ecke um und er schminkte sich. Er war tatsächlich nicht wiederzuerkennen. Zur Kontrolle seiner Schminke blickte er in seinen linken Außenspiegel seines Autos. Er ging in der Richtung zum Marktplatz, auch grüner Platz in Nienburg genannt und stellte seinen mitgeführten Sockel gegenüber der Kirche zum Heiligen Willehad auf, prüfte anhand eines Schminkspiegels nochmals sein Aussehen. Er war mit sich zufrieden. Der Sockel stand fest und die ersten Besucher bewunderten ihn. Einige Passanten kannten ihn schon von vorherigen Auftritten in seiner Heimatstadt Nienburg. Er überlegte sich in der langen Zeit auf dem Sockel, dass er demnächst seine Schwester bitten würde, eine weitere umfangreiche Garderobe für ihn zu schneidern. Bevor er das große Geld im Süden in der Sonne verdienen wollte, träumte er von einem kleinen Fundus, den er über Land zum Besuch von mehreren Städten in einem Wohnmobil deponieren würde. Wie ein berühmter Schauspieler aus dem eleganten Wien würde er an seiner neuen Wirkungsstätte vorher die passende Garderobe auswählen, um dann unter dem Beifall der begeisterten Menge auf seinen Sockel zu steigen, um sozusagen Hof zu halten. Vielleicht würde er sogar einmal nach Brüssel fahren, um auf dem Markt oder sogar vor dem Europaparlament auf seinem Sockel zu stehen, wer weiß, was die nahe Zukunft so alles für ihn bringen würde. Sein großer Traum blieb aber der Süden in Spanien oder Portugal auf den berühmten Plätzen mit den vielen Touristen.

Einige Besucher des Marktes im kalten Nienburg an der Weser bummelten an ihm vorbei, einige blieben für Fotos an ihm angelehnt stehen und wieder andere gaben ihm einige Münzen in seinen wunderbaren zweiten Federhut, der vor ihm auf der Erde lag. Es lief heute Morgen alles sehr gut, das schien ein lukrativer Tag zu werden. Als gerade zwei Japaner sich neben Daniel stellen wollten und ein weiteres Mitglied der japanischen Gruppe lächelnd und gestikulierend einen der umstehenden Leute bat, ein Foto von allen dreien der Japaner zu machen, knickte Daniel vom Sockel weg und fiel mit dem Gesicht nach vorne um. Er schlug hart auf das Kopfsteinpflaster auf. Die drei danebenstehenden Japaner wichen erschrocken beiseite und einige Frauen schrien auf. Sein Federhut rollte noch über das Marktpflaster und wurde von einer leichten Windbö weiter geweht. Zwei Kinder, die nur den vom Wind rollenden Hut sahen, liefen schnell los und fingen den Hut wieder ein. Die Kinder kamen mit dem Federhut zurück und sie stellten sich zu den Eltern, die den Hut nahmen und ratlos auf den leeren Sockel von Daniel schauten. Eine Marktfrau vom Obststand hatte durch Zufall dem Daniel auf dem Sockel zu gesehen, weil gerade keine Kundschaft an ihrem Stand war. Sie kannte ihn schon in seiner Eigenschaft als Pantomimendarsteller und sie bewunderte ihn, dass er bei kaltem Wind und Wetter in diesem Kostüm so stundenlang fast wie erstarrt auf dem Sockel stehen konnte. Sie sah den jähen Fall von seinem Sockel und sie schrie kurz auf. Sie ging davon aus, dass ihm vom Stehen schlecht wurde und mit ihrer wehenden grünen Schürze kam sie schnell von ihrem Obststand angelaufen und beugte sich zu Daniel auf die Erde. Sie drehte leicht seinen Kopf zu sich, die Augen von Daniel waren geschlossen und sie legte ihn auf die Seitenlage um, wie es die erste Hilfe empfahl. Als Marktfrau hatte sie schon einige Kurse zur ersten Hilfe besucht, denn auf dem Markt kamen ja immer mehr ältere Menschen und da konnte schon einmal etwas passieren. Sie tätschelte seine Wange und rief laut seinen Namen: „Daniel, Junge, was ist los, ist dir schlecht geworden? Hast du Kreislaufprobleme? Hast du zu wenig gegessen und getrunken?“ Sie rüttelte und schüttelte heftig an Daniels Schulter, danach versuchte sie, seinen Puls an der rechten Hand zu fühlen. Daniel hörte sie nicht mehr, er stand schon auf einem anderen Sockel, aber auf keinem irdischen mehr. Er war tot.

Die Marktfrau von dem Obststand mit dem Namen Erna bemerkte, dass etwas mit Daniel nicht stimmte und sie holte aus der Kittelschürze ihr Handy hervor. Sie wählte jeweils den Notruf der Feuerwehr und der Polizei an. Inzwischen kam ihr Standnachbar angelaufen, der Fischhöker, wie er sich selber nannte. Der sagte ganz trocken in seiner plattdeutschen Sprache: „Ich glaube, der ist tot.“ Mit dem lauten Martinshorn kam der Streifenwagen der Polizei von der einen Seite und von der anderen Seite bog der Notarzt mit dem dahinter folgenden Rettungswagen um die Kirche zum Heiligen Willehad mit ohrenbetäubendem Lärm der Martinshörner ein. Die Blaulichter der Rettungsfahrzeuge sowie des Streifenwagens der Polizei wurden von den Häusern gespenstisch reflektiert. Die Polizisten sperrten den Ort ab, was man so mit zwei Beamten absperren konnte. Die Leute um den Daniel herum wurden immer zahlreicher, der Notarzt stellte seinen Koffer ab und begann mit der sofortigen notfallmäßigen Untersuchung bei Daniel. Die Sanitäter stellten ihr Rettungsfahrzeug quer auf den Platz, öffneten die Heckklappe von ihrem Fahrzeug und holten die Krankentrage aus dem Fahrzeug, die sich nach unten weg selber ausklappte und auf einem Gestell mit Rädern stand. Damit ratterten sie laut über die dicken Marktsteine des Platzes zu Daniel hin. Der Polizeibeamte sah den Arzt an, der nur den Kopf schüttelte und sein Stethoskop in die Notfalltasche steckte. „Nichts mehr zu machen, decken Sie ihn zu“, sagte der Notfallarzt. Der zweite Polizist holte eine Plane aus dem Streifenwagen und deckte Daniel vor allzu neugierigen Blicken zu. In der Menge war ein Raunen und Entsetzen zu hören. Die drei Japaner standen beisammen und sie unterhielten sich aufgeregt in ihrer Muttersprache. „ Was die wohl denken mögen“, dachte Erna, als ihr diese Gruppe auffiel. Von der Polizei war Verstärkung angekommen und die Menge wurde weiträumig zurückgedrängt. Erna und der Fischhöker gingen langsam mit bedrückter Miene zu ihren leeren Ständen zurück. Dort angekommen, unterhielten sie sich mit den anderen Marktbeschickern, die von ihrem Stand nicht wegkonnten, da sie jede Menge an Kundschaft bedienen mussten. Alle sahen aber mit bangen Blicken zum Unglücksort hinüber. Die neuangekommenen Polizeibeamten wurden informiert und sie begannen, die Zeugen zu befragen und die Namen mit den Adressen zu notieren.

Kapitel 3 Gute Cocktails

Die Party in Worpswede bei den Brunckhorst war im vollen Gange. Hier waren auch neben Künstlern Kommunalpolitiker eingeladen worden und sogar eine Senatorin aus dem Senat von Bremen war anwesend. Mit dieser unterhielt Enno sich gerade sehr anregend über die Politik auf Landes- und Bundesebene. Enno war an sich ein ruhiger Vertreter, aber manchmal waren doch politische Entscheidungen nur schwer für den Bürger zu verstehen. Die Senatorin kannte natürlich auch Ennos Vater, nicht aus der aktiven Zeit, sondern von vielen seiner Schriften her und von den bewunderten Erzählungen der anderen Mitglieder des Senates auch über die Parteiengrenzen hinweg. Das erfüllte Enno immer mit Stolz. Sie sprachen auch über den aktuellen neuen Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven, das war schon ein großes Projekt, was auf die Beine gestellt wurde. „In über hundert Jahren würden dort noch die großen Schiffe ihre Ladungen löschen“, meinte die Senatorin lachend überzeugt. Es war in der Tat ein gewaltiges Jahrhundertprojekt in Norddeutschland und Enno erfreute es, dass er mit einem Teil seines Vermögens für ein gutes Gelingen dazu beitrug, in Zukunft für Arbeitsplätze im Hafen von Wilhelmshaven zu sorgen. Hier würden in Zukunft große Schiffe mit mehr als sechzehntausend zwanzig Fuß TEU Container nach der Norm ohne Rücksicht auf die Tide mit einem Tiefgang von mehr als sechzehn Metern die Ladung in einer Rekordzeit zu löschen und neue Container für Asien aufzunehmen. Es würde ein reger Pendelschiffsverkehr von Wilhelmshaven nach Asien als Normalität erfolgen, da war sich Enno mit der Senatorin ganz sicher. Er unterhielt sich auch mit Künstlern und Enno musste feststellen, dass er doch ein ganz gutes Allgemeinwissen auch über die Kunst hatte.

Enno schlenderte zur Bar und traf dort die Gastgeberin Mechthild Brunckhorst. Donnerwetter, er war ganz erstaunt, sie hatten tatsächlich eine gutbestückte Bar aufgebaut und was das Beste war, ein richtiger Barkeeper wurde engagiert. Enno nahm die Karte und sah sie durch. Das war ganz gut für eine private Party. Es waren auch einige alkoholfreie Cocktails darunter. Enno brauchte aber nach den vielen Gesprächen etwas für die Zunge und für den Gaumen. Er fühlte vorher an seinem Sakko, ob er seine Zigarren in den kleinen runden Behältern mithatte. Sie waren an seinem Platz in der Innentasche. Enno bestellte sich einen Shame Faced, mit Rhabarbersaft, drei Teile Limettensaft, zwei Spritzer Tabasco, vier Teile Tequilla silver, zwei Teile goldener Rum. Das Ganze kam in einem nur leicht angekühltem Cocktailglas, leicht geschäkert und ganz vorsichtig, so als wollte man flüssigen Sprengstoff umfüllen, in das Cocktailglas abgegeben. Man sollte ganz vorsichtig das Cocktailglas anheben, nicht schütteln oder schwenken, sich auch von keinem Partygast anrempeln lassen und langsam genussvoll probieren. Shame Faced, von wegen schamhaft oder schüchtern, das löste geschwind die Zunge. Seine Gastgeberin, Mechthild Brunckhorst beobachtete Enno und den Barkeeper fasziniert. Wie einmal der Barkeeper, dem das Zubereiten dieses Cocktails sichtbar Freude machte und zum anderen Enno, wie er das Cocktailglas so vorsichtig anhob, als wenn das Glas zerbrechen könnte. Wie er genussvoll diesen Cocktail nicht nur trank, sondern wirklich kostete und dabei die Augen schloss. Er zelebrierte diesen Cocktail förmlich auf seiner Zunge. Enno widmete sich nach dem ersten Probierschluck, natürlich höflich wie er war, der Gastgeberein zu. Mechthild stellte ihr Rotweinglas ab und sie unterhielten sich angeregt über den Umbau ihres Ateliers und Hotels. Das Hotel bekam einen modernen Anbau für eine Erweiterung der Rotunde, sowie Gästezimmer mit Ateliers. Sie machte dennoch ein sorgenvolles Gesicht. „Was ist los?“, fragte Enno. „Stimmt bei dir oder bei euch etwas nicht?“ Nach der letzten Party vor einigen Wochen saßen Mechthild mit Theo und Enno als letzter Gast noch zusammen, da beschlossen sie, sich das Du anzubieten. „Nein mit mir ist alles in Ordnung, unser Hotel läuft prima, der Umbau ist fast fertig und über Malschüler und andere Gäste können wir nicht klagen. Ich mache mir ernste Sorgen über Theo “, sagte sie. Dabei drehte sie gedankenverloren an ihrem Glas, so als könnte sie in dem letzten Rest des Rotweines auf dem Boden die Antwort auf ihren Kummer finden. Enno ließ ihr Zeit, er genoss derweil diesen wirklich gelungenen Cocktail, als Mechthild aufsah und sagte: „Er war früher, als er noch im Dienst war, irgendwie fröhlicher, lustiger. Er sang immer unter der Dusche und wenn er die Treppe wie ein kleiner Junge herunter gestürmt kam und mir ein fröhliches guten Morgen schmetternd wünschte, zuckte ich manchmal zusammen. Heute kommt er mit einem mürrischen Gesicht die Treppe wie ein alter Mann herunter geschlichen. Sein Gruß kommt ihm zaghaft, fast tonlos über die Lippen. Manchmal vergisst er auch ganz den Gruß. Er macht hier zwar alles im Hotel sowie im Haus alles gut und ordentlich, ich habe aber das Gefühl, er macht es nicht aus seiner Überzeugung heraus, er macht es eben mit wenig Freude, wohl nur mir zuliebe. Ich glaube, er braucht eine andere Aufgabe, eine neue Herausforderung.“ Enno trank seinen Cocktail aus und sagte: „Ich bestelle für uns etwas ganz feines und zwar mit wenig Alkohol.“ Enno wendete sich an den Barkeeper, gab sein Glas zurück und sagte: „Der Cocktail war einfach große Klasse, Sie sollten sich zum nächsten Cocktailwettbewerb im Herbst melden, der findet in Paris statt und ich werde als Gast dort sein. Wir hätten gerne zwei Cocktails und zwar den Hope Less.“ Dieser Cocktail setzte sich zusammen aus: zwei Teile Limettensaft, zwei Spritzer Grenadine, zwei Teile frischen Preiselbeerensaft und zwei Teile braunen Rum aus Jamaika. Das Ganze mit gecrashtem Eis mittelmäßig Shakern, danach mit zwei Teilen gekühltem Eierlikör auffüllen und mit einem Limettenblatt am Strohhalm servieren. Dieser Cocktail stand nicht auf der Karte, der Barkeeper kannte ihn aber, er war in seinem Element und als die Cocktails kamen sagte Enno zu Mechthild: „Diese Cocktails heißen zwar Hope Less und das heißt hoffnungslos und verzweifelt. Ich bestellte sie aber nicht, weil du gerade von deinem Mann sprachst, der Cocktailname ist ein purer Zufall zu deinem Gespräch von eben. Dieser Cocktail ist sehr gut und leicht. Ich glaube, dein Mann ist wie ein alter Hirtenhund, wenn man den von seinen Schafen auf der Weide nimmt, eignet er sich nicht als Hund, um immer nur in der Hundehütte zu sein, er muss Auslauf haben. Ich habe etwas, bei meinem nächsten Auftritt als Jongleur auf der Kriminalbühne brauche ich einen Partner vom Fach und da ist Theo der Richtige. Ich sage das nicht aus Mitleid, sondern ich spielte schon lange mit dem Gedanken, mir einen geeigneten Partner zu zulegen.“ Dabei lächelte Enno ihr aufmunternd zu. Sie stießen mit den Gläsern an und Mechthild strahlte Enno an und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Enno wurde ganz verlegen. Als Gastgeberin musste sie sich noch mit einigen Gästen unterhalten und Enno sprach mit dem Barkeeper über das Treffen der besten Barkeeper von Europa in Paris zu einem Wettbewerb. Er hatte offenbar Interesse an dem Vorschlag von Enno gefunden. Da der Keeper noch sehr jung war, standen ihm alle Türen offen und Enno riet ihm, einfach als Besucher dort in Paris seinen Kollegen zuzuschauen. Enno glaubte, der Barkeeper würde wohl nach Paris fahren. Na, man wird sehen, eventuell wird Enno ihn dort treffen. Ein Bauunternehmer stellte sich zu Enno an den Tresen. Das war der Unternehmer, der den Umbau an dem Objekt der Brunckhorst vornahm und Enno lobte seine Arbeit. Da Enno vor hatte, die Dächer seines Anwesens mit Reet neu decken zu lassen und Enno war mit dem bisherigen Dachdecker nicht sonderlich zufrieden, bat Enno den Bauunternehmer, ihm einen guten Dachdecker für Reetdächer zu nennen. Dieser wollte sich darum kümmern und Enno anrufen. Enno sah noch einmal die Karte durch und bestellte sich den Cocktail Vagabound Silver Moon. Dieser Cocktail hatte die guten Zutaten von: vier Teile Scotch, ein Teil frisch gepressten Grapefruitsaft, ein Teil Creme de Bananas, zwei Teile Gin und zwei frische Erdbeeren mit Sahne als Häubchen. Der Witz an diesem Cocktail war nicht nur das Shakern, sondern der Inhalt wurde blitzartig umgestülpt. Das neue Glas durfte nur ganz kurz vorher aus dem tiefgekühlten Eisfach genommen werden. Als Krönung sozusagen wurden die Erdbeeren drapiert und mit dem Sahnehäubchen verziert. Die kleine Scheibe Orange, in Kristallzucker gerändert kam auf die Glasseite und fertig war der Vagabund im Silbermond. Hier fehlte nur noch das fahle Mondlicht im Freien vom Teufelsmoor und nach einigen Cocktails sah man die Elfen auf dem Moor im Mondlicht sachte im Wind miteinander tanzen und singen. Enno bedankte sich auch für diesen letzten Cocktail, als sich Theo Brunckhorst auf den freien Hocker neben Enno setzte. Enno wollte gerade mit seinem Handy Heinrich zum Abholen anrufen, er steckte sein Handy aber wieder ein und sah Theo an. „Na alter Knabe, das ist ja eine gute Party bei euch“, sagte Enno zu Theo, der sich an der Bar ein Pils einer hiesigen norddeutschen Brauerei bestellte. „Danke sehr“, meinte Theo. „Mechthild hatte mich gerade von eurer Unterhaltung informiert und es ist für mich eine Ehre, wenn du mir etwas in dem Sektor der Privataufklärer anbietest. Ich werde es mir überlegen und ich könnte mir vorstellen, sozusagen als Teilzeitarbeiter mal einen Fall zu übernehmen oder mit dir gemeinsam etwas zu machen. Aber so wie du deine Fälle bisher gelöst hast, das traue ich mir doch nicht zu. Ich bewunderte dich immer, wie du dich wie selbstverständlich in der Welt bewegst, als würdest du dort in dem jeweiligen Land wohnen. Auch hapert es bei mir an der Sprache“, sagte Theo unsicher. „Keine Sorge, ich bin an deiner Seite und wir können uns ja die Fälle aussuchen. Du hast die Polizeiarbeit von der Pike auf gelernt und du weißt genau, wie der Polizeiapparat funktioniert und noch ein Vorteil sehe ich bei dir. Du hast Verbindungen, an die ich niemals kommen könnte. Lass dir Zeit und überlege es dir“, sagte Enno freundlich und holte jetzt aber sein Handy aus der Tasche und telefonierte kurz mit dem Butler Heinrich in Trochelwarft.

Kapitel 4 Der Oberstaatsanwalt

Der zuständige Oberstaatsanwalt Friedo Naujoks für Nienburg an der Weser und Verden an der Aller, der seinen Amtssitz aus praktischen Gründen in den Räumlichkeiten des Amtsgerichtes in Nienburg hatte, war schlecht gelaunt. Seine Schwester, mit der er schon lange zusammenlebte, ranzte ihn heute Morgen kurz vor dem ersten Schluck Kaffee an, weil ihr Auto immer noch nicht in der Werkstatt repariert wurde. Er reagierte schroff zurück und blaffte seine Schwester an. „Was soll ich denn machen, soll ich den Monteur in Haft nehmen, dann wird dein Auto auch nicht eher fertig. Ich rufe aus dem Büro dort in der Werkstatt gleich an.“ Der Ärger bei den Naujoks hielt nie lange an, seine Schwester war eben sehr temperamentvoll und er war das genaue Gegenteil davon. Beide waren nie verheiratet und aus praktischen sowie wirtschaftlichen Gründen wohnten sie zusammen.

Friedo Naujoks öffnete das Fenster in seinem Büro wie jeden Morgen und sah den spielenden Kindern auf der Straße zu. Eben fuhr die sogenannte grüne Minna der Justizverwaltung aus der nahe gelegenen Justizvollzugsanstalt vor und einige Personen wurden unter Bewachung in das Gericht geführt. Diese Personen bekamen heute ihren Prozess. Entweder fuhren sie mit der grünen Staatskarosse retour in ihr Staatshotel oder sie benutzen ein anders Fahrzeug mit einem Taxischild auf dem Dach. Je nachdem, wie es heute für sie laufen würde. Friedo Naujoks hatte heute keinen Schlachttag, wie die Juristen ihre Gerichtstermine despektierlich nannten. So hatte wohl jede Berufsgruppe ihre internen Bezeichnungen, die nicht für jede zarten Ohren geeignet waren. Er wollte gar nicht wissen, wie die Bestatter ihre Termine nannten. Er schloss leise das Fenster wieder, nahm die Akte mit dem roten Deckel und schlug diese auf.

Unbekannte Todessache Daniel Böttcher aus Nienburg an der Weser. Er las sich den Bericht der Schutzpolizei und die Zeugenberichte durch. Weiter prüfte er den ausführlichen Bericht der Kriminalpolizei. Diese vernahmen die Eltern sowie Freunde des Daniel Böttcher. Dem Bericht waren zahlreiche Farbfotos von dem Unglücksort und von der Leiche beigelegt worden. Friedo Naujoks nahm eine stake Lupe zuhilfe, um sich Details auf den Fotos genauer anzusehen. Mit dieser Methode der akribischen Untersuchung hatte er schon manche Details aufgedeckt, die von den Fachleuten der Ermittler schlicht übersehen wurden. Eine Kleinigkeit auf einem Foto an dem Tatort hatte ihn schon bei weiteren Nachprüfungen geholfen, einen Täter mithilfe der Kripoleute zu überführen.

Die Leiche des Daniel Böttcher lag noch bei dem Beerdigungsunternehmen in der Kühlkammer und diese wurde von ihm vorerst beschlagnahmt. Die Mutter des Daniel rief schon einige Male bei seiner Sekretärin der Staatsanwaltschaft an und sie wollte die Beerdigung ihres Sohnes planen, weil einige Verwandte aus Kanada zur Bestattung anreisen mussten. Friedo Naujoks war wieder ganz in dem Element eines Juristen, der häusliche Ärger war verflogen und er überlegte. Dabei nahm er aus seiner Pfeifentasche eine erst vor kurzem neu angerauchte englische Pfeife mit einer feinen hellbraunen bis rötlichen Maserung heraus. Die Pfeife hatte den Namen Wooden Block. Das bedeutete zwar Holzklotz, doch so grob war diese edle Pfeife natürlich nicht. Sie lag tatsächlich mit dem großen runden Kopf gut in der Hand. Diese Pfeife war in der Herstellung sehr aufwändig und gut in der Polierung des Pfeifenkopfes. Alles war reine Handarbeit. Er wählte einen wohlriechenden englischen Tabak aus, es sollte ja alles aus dem englischen Hause sein. Friedo öffnete die Tabakverpackung und roch an dem wundervollen Tabak, danach stopfte er die Pfeife. Als Pfeifenraucher roch man erst selber den angebrannten Tabak, wenn man das Zimmer verließ und schnuppernd wieder das Zimmer betrat. Friedo Naujoks blieb aber sitzen und brannte sich seinen Knösel, wie er immer sagte, an. Wunderbar dieser herrliche Duft, dabei war der Tabak sehr mild auf der Zunge. Ein junger Kollege klopfte an, steckte kurz den Kopf in die Tür und begrüßte ihn. Friedo Naujoks war sein Vorgesetzter und dieser junge Mitarbeiter sollte sich sputen, sein Auftritt im Gerichtssaal nahte. Friedo wünschte ihm viel Glück für seinen Prozess. Die Tür schloss sich und er suchte die Telefonnummer des Bestatters aus seinem Register heraus und griff zum Telefon. Er hatte sich entschlossen, aufgrund der völlig ungeklärten Todesart eine Obduktion der Leiche von Daniel Böttcher vornehmen zu lassen. „Mal sehen“, dachte Friedo, als er auf das Freizeichen des Bestatters am Telefon wartete: „Was der wohl in seinem internen Terminus sagen würde, wenn er jetzt von meiner Entscheidung hörte, die Leiche des Böttcher zur Gerichtsmedizin nach Hannover zu fahren.“ Es meldete sich jemand mit einer gar nicht traurigen weiblichen Stimme. „Beerdigungsinstitut Brühl, guten Morgen, mein Name ist Maria Brühl.“ „Guten Morgen, hier ist der leitende Oberstaatsanwalt Naujoks von der Staatsanwaltschaft Nienburg an der Weser, Frau Brühl, Sie haben dort die Leiche von Daniel Böttcher verwahrt und ich habe entschieden, eine Obduktion vornehmen zu lassen und bitte fahren Sie heute noch, wenn es geht, die Leiche zur Gerichtsmedizin nach Hannover. Mein Büro schickt Ihnen gleich wie gehabt die Papiere per Fax zu.“ „Ist recht, das machen wir noch heute“, sagte Frau Brühl fröhlich und verabschiedete sich. Friedo Naujoks sah verblüfft über so viel Fröhlichkeit in seinen Hörer und führte ein weiteres Gespräch mit der Gerichtsmedizin in Hannover.

In Verden an der Aller stand vor der Albertus Kathedrale bei leichtem Nieselregen Dieter Kluth als Pantomime verkleidet. Er verkörperte Heinrich den Achten. Sinnigerweise hatte er diesen mit einem Hackbeil auf seinem Sockel präsentiert. Der Begriff Sockel war nicht ganz richtig, es war schon ein richtiger Podest, den der Meister stehend benutzte. Den hatte er sich selber gezimmert und mit Stoffen aus dem Schlussverkauf gekonnt drapiert und so gerafft, dass es an sich ganz gut aussah. Er hatte den Sockel mit einer Klapptreppe versehen. Im Innenraum war reichlich Platz für seinen Rucksack und eine kleine Kiste Saft. Das sagte er immer, in Wirklichkeit war in den Saftflaschen Bier abgefüllt. Es war ihm schon mehrfach passiert, dass er beim Betreten seines Arbeitsplatzes stolperte und nach vorne von seinem Sockel fiel. Sofort hatte ein Rentner einen Rettungswagen gerufen, was ihm gar nicht recht war. Die Sanitäter rümpften auch die Nase und einer sagte zu ihm, du solltest hier nicht als Vogelscheuche stehen, sondern lieber als Bierflasche. Mit Bügelverschluss, bemerkte sein Kollege lachend. Als Vogelscheuche, grollte Dieter Kluth den Sanitätern hinterher, sehen die nicht, dass ich eine historische Figur als Heinrich den Achten abgebe? Diese Geschichtsignoranten. Dabei wäre die Platzwunde mit dem Blut im Gesicht und dem Hackebeil für das Stehgeschäft doch nicht schlecht, so etwas fiel doch gruselig auf. Er machte weiter, denn er hatte seine feste Dienstzeit mit sich vereinbart, schließlich war man ja auch in der Pantomimenvermittlungsgesellschaft in Brüssel Mitglied und dafür hatte er auch ganz ordentlich gezahlt. Den tollen Schminkkasten, den es gratis gab, benutzte er fleißig. Super gut fand er das top coole Folienbatterieteil, das er unter seiner Kleidung mit Klettverschlüssen oberhalb seines Nackens auf der Haut ganz nach Vorschrift befestigte. So konnte er mit Solarstrom den ganzen Tag Musik hören, während er still stand. Er konnte aber nicht immer still stehen bleiben, denn wenn Passanten ihm für Fotos zu nahe rückten, bewegte er sich ruckartig wie eine Maschine nach vorne. Er bückte sich schnell und zog das Hackebeil aus Plastik aus seinem Podest hervor. Danach deutete er einen Vorgang an, der das Köpfen einer seiner Ehefrauen darstellen sollte. Nun ja, wenn der richtige Heinrich aus England ihn so sehen würde, hätte der bestimmt Mitleid mit ihm gehabt. Trotz einer Ausstaffierung an seinem Bauch hatte er nicht annähernd die Figur des wirklichen Königs von England. Einmal sagte eine ältere Frau laut zu ihrem Mann, wer soll das denn sein, doch nicht etwa der Massenmörder Fritz Haarmann aus Hannover mit seinem Hackebeil? Dieter Kluth musste daraufhin von seinem Sockel herunter steigen und erst einmal ein Bier zischen. Als er den älteren Herrschaften nachrief, ich stelle Heinrich den Achten dar, drehte sich der ältere Mann um und meinte trocken, das würde ich als Schild mit diesem Namen an den Sockel hängen. Er war auch einmal bei einer anderen Kirche zu Nahe während des Gottesdienstes am Sonntag an den Eingang gerutscht. Als er gerade sein helles Bier aus der getarnten Saftflasche ansetzte, kam der Küster ganz aufgeregt herbei und gestikulierte, er solle doch mit seinem Mörderbeil woanders stehen, das ist hier ein Gotteshaus, brüllte ihn der Küster an. Dieter blieb an dem Platz stehen und die gerufene Polizei erteilte ihm ein Platzverbot. „ Na“, sagte er, „meinen Saft kann ich auch woanders auf meinem Podest trinken.“ Der Polizist meinte nur trocken, nach Ihrer Fahne zu urteilen, muss der Saft aber sehr nahe bei dem Bier im Regal des Supermarktes gelegen haben, dabei gab er die kontrollierten Papiere mit der Standgenehmigung an Dieter zurück. „ Andere tranken ihr Feierabendbier auf dem Sofa und ich eben auf dem Sockel“, dachte Dieter Kluth. Er baute seinen Stand, wie er immer sagte, eben ab und zog weiter.

Der Nieselregen hatte in Verden nachgelassen und von der Aller her kam noch ein etwas kühler Wind auf. Dieter wollte gerade einem jungen Mädchen, offensichtlich handelte es sich um eine Touristin, mit seiner Beilnummer imponieren, als ihm die Knie wegsackten, er laut aufstöhnte und seitlich vom Sockel fiel. Danach blieb er auf dem Rücken liegen. Das Plastikbeil hatte er noch in der Hand und es sah aus, als ob sich der Henker von seiner schweren blutigen Kopfarbeit ein wenig erholen wollte und er einen Mittagsschlaf hielt, um danach genügend Kraft für die restliche Arbeit bis zum Feierabend zu haben. Das junge Mädchen ging leicht zurück. Sie sagte bewundernd: „Tolle Standnummer, wirklich cool und so echt.“ Es war aber ein Geschäftsmann, der auf der Bank saß und mit seinem Handy telefonierte, der sein Telefongespräch beendete, als er den Sturz von Dieter bemerkte. Er ging auf Dieter zu und bückte sich zu ihm. Irgendetwas war dem Geschäftsmann an Dieter aber nicht ganz geheuer und weckte seinen Argwohn. Der Atem ging sehr flach, sehr stoßweise und dann blieb die Atmung ganz aus. „Schnell einen Schminkspiegel“, rief er in die Menge und eine Dame reichte ihm diesen. Den hielt er vor Dieters Nase und Mund, es war aber kein Beschlag durch das Atmen auf dem Spiegel zu erkennen. Der Geschäftsmann nahm sein Handy und rief die Feuerwehr an. Ein Zeitungsreporter war sofort anwesend und dieser machte Fotos. Heinrich der Achte, alias Dieter Kluth war wie sein Vorbild tot.

Einige Tage später kam der Oberstaatsanwalt Friedo Naujoks diesmal gutgelaunt in sein Büro an und öffnete wie an jedem Morgen sein Fenster, um die frische Luft in diese heiligen Hallen der Rechtsprechung zu lassen. Auf seinem Schreibtisch lag eine Tageszeitung aus Verden an der Aller und der Bezirk des Oberstaatsanwaltes Naujoks reichte eben auch bis zur Pferdestadt Verden an der Aller. Er zog die Zeitung näher zu sich heran. Dabei vergaß er das Fenster wieder zu schließen. In der Zeitung stand auf der ersten Seite die reißerische Schlagzeile: Innerhalb von kurzer Zeit zweiter, mysteriöser Tod eines Pantomimendarstellers. Weiterer junger Mann fällt als Heinrich der Achte verkleidet tot mit dem blutigen Hackebeil von seinem Sockel.

Friedo Naujoks ließ nachdenklich die Zeitung sinken und sah nachdenklich auf einen neuen roten Aktendeckel auf seinem Schreibtisch. Unbekannter Todesfall Dieter Kluth, Verden an der Aller. Verfasser: Kriminalpolizei Verden an der Aller. Der Oberstaatsanwalt setzte sich auf seinen gepolsterten Stuhl und kramte seine Pfeifentasche aus seinem Aktenkoffer hervor. Er sah ziemlich verdattert von der Zeitung auf seine neue Akte. Er suchte sich seine Lieblingspfeife mit dem großen grünen Kopf einer dezenten Maserung aus. Danach wählte er mit Bedacht von den verschiedenen Tabakspackungen in seiner Tasche einen dänischen Tabak aus. Friedo Naujoks las auch diese Ermittlungsakte aufmerksam durch und in diesem Fall könnte der Alkoholmissbrauch des Dieter Kluth eine Rolle gespielt haben. Die aufnehmenden Beamten deuteten so etwas in diese Richtung zart an. Der Oberstaatsanwalt brannte die Pfeife nachdenklich an und rief seiner Sekretärin durch die geöffnete Tür im Vorzimmer zu, dass auch diese Leiche von Dieter Kluth beschlagnahmt würde und zur Obduktion zur Gerichtsmedizin nach Hannover schnellstens sollte. Sie möge bitte wie gehabt die Papiere zur Unterschrift veranlassen und danach den zuständigen Bestatter informieren. „Alles wie gehabt“, sagte er paffend mehr zu sich selber. Friedo lehnte sich in seinen gemütlich gepolsterten Ledersessel zurück und überlegte. Er hatte bei diesen beiden Fällen der jungen Leute ein sehr mulmiges Gefühl. „Ich muss dringend etwas unternehmen“, dachte er. Friedo Naujoks wollte einen anderen Weg der Sonderkommission als gewohnt gehen. Der Gesetzgeber legte sich im Procedere für Sonderkommissionen nicht eindeutig genau fest. Somit beschloss er, die Sonderkommission Pantomime selber zu führen, dafür brauchte er nur das grüne Licht von seiner oberen Dienststelle. Er griff zum Telefon und rief seinen alten Freund Randolf Hartenstein im Justizministerium an, dieser war Staatssekretär, sowie auch der amtierende Berater des Justizministers von Niedersachsen in Hannover bei der Landesregierung. Friedo Naujoks schilderte seinem Freund Randolf ausführlich die Fälle der beiden toten Pantomimendarsteller und er hatte tatsächlich schon am Telefon die Genehmigung einer Sokobildung bekommen. „Da würde sich aber mein Freund, der Polizeipräsident freuen, wenn er mir einige Beamte abgegeben musste“, dachte Friedo. Das Verhältnis von ihm zum Polizeipräsidenten war gelinde gesagt, sehr angespannt und sie machten sich einen bösen Spaß daraus, sich gegenseitig zu ärgern. Friedo Naujoks freute sich schon auf das Gesicht des Polizeipräsidenten, wenn er von der Sonderkommission unter der Leitung des Oberstaatsanwaltes Friedo Naujoks erfuhr.

Kapitel 5 Wingst in der Geest

Am Rande der Gemeinde Wingst lag mit Blick auf die hier typischerweise schöne Geestlandschaft ein sehr schönes großes Haus. Das Haus war im bäuerlichen Stil mit auffallend weißen Kunststofffenstern gebaut worden. Die Wingst selber ist ein Höhenzug aus Mischwäldern und Geestrücken einer eiszeitlichen Moräne. Die Luft war hier sehr gut, denn die Elbe und die Nordsee sind in greifbarer Nähe. Das schmucke Anwesen gehört der Familie Gruber. Herr Gruber fing einmal als Tischler an und spezialisierte sich auf Fenster und Türen in einer gehobenen Fertigungsqualität aus Gießholz. Obwohl es sich um einen besonderen Kunststoff handelte, haben die Produkte ein verblüffendes Aussehen, als wären sie aus einem hochwertigen Holz hergestellt worden. Diese Fenster mussten nicht gestrichen werden und sie schlossen immer zuverlässig, ohne sich jemals in der Form zu verziehen. Insofern war auch nach vielen Jahren ein Klemmen der Fenster und Türen völlig ausgeschlossen. Vorausgesetzt, man behandelte diese pfleglich. Michael mit seiner Ehefrau Monika Gruber gründete und erweiterten die Firma Türen und Luken GmbH mit Sitz in Wingst. Sie beschäftigten in ihrer Fabrik ca. fünfzig Tischler. Sie lieferten ihre Produkte in ganz Europa aus. Die Gruber haben eine Tochter Nina, die gerade vor dem Abitur stand. Nina ging sehr gerne auf das nahegelegene Gymnasium und sie brachte immer nur gute bis sehr gute Zensuren mit nach Hause. Zum Kummer ihrer Eltern möchte sie in Hamburg eine Schauspielschule für Theater und Fernsehkunst besuchen. Diesen Wunsch hatte sie schon seit ihrem achten Lebensjahr. Nina war das einzige Kind der Gruber und sie spielte in ihrer Freizeit mit gutem Erfolg in der plattdeutschen Bühne in Otterndorf hier ganz in der Nähe mit. Sie liebte es, sich zu verkleiden. Einmal im Jahr war in Otterndorf in der Gesamtschule Geesterheide ein Karnevalsfest. Schon Monate vorher probte sie mit ihren Freundinnen verschiedene Kostüme durch. Aus diesem Grunde fuhr sie einmal sogar mit zwei Freundinnen nach Köln, um sich dort zünftig von Profis in einem Karnevalsgeschäft einkleiden zu lassen. Natürlich kauften sich die Freundinnen auch Karnevalskostüme in Köln.

Zu den Theaterproben fuhr sie mit dem Roller zur Spielbühne. Das Theaterspielen bereitete ihr sehr großen Spaß. Auch wenn ihre Mitschüler sie hänselten und sie mit ihrem Bauertheater belächelten, machte ihr das nichts aus. Sie spielte auch schon in einem ernsten Stück auf plattdeutsch mit. Das war ganz wider Erwarten ein großer Erfolg des Theaters und die Tournee ging sogar bis Ostfriesland. Die Gruber waren auch auf der letzten Party bei den Brunckhorst in Worpswede dabei, denn Monika Gruber töpferte gerne und sie belegte bei Mechthild Brunckhorst schon einige Töpferkurse. Bei dem letzten Umbau wurden die holzaussehenden Plastikfernster der Firma Türen und Luken eingebaut. Theo Brunckhorst zeigte den Besuchern auch gerne diese neue Art der Fenstergestaltung aus Gießholz.

Michael Gruber kam an diesem Freitag etwas früher nach Hause, denn er wollte noch das Fußballspiel in Wingst ansehen. Um 18 Uhr spielte der TUB-SW, Turn und Bewegung Sportverein Wingst gegen den Fußballclub Bad Bederkesa, FCBB und dieses Spiel durfte Michael sich in keinem Fall entgehen lassen. Er war ein ganz begeisterter Anhänger seines Fußballvereines. Hinterher traf man sich zur Sportnachlese des Spieles, wie es hieß, in dem Sportlerheim seines Vereines. „Hallo Schatz, ich bin da und ich gehe zum Fußball. Wo ist Nina?“, rief Michael halb im Gehen in die Küche. Seine Frau rief zurück: „Viel Spaß Michael, Nina ist bei ihrer Freundin Birte, sie nahm ihren Schminkkasten mit und sie wollten für die Pantomimendarstellung noch üben.“ Seit einer geraumen Zeit war Nina von den Verwandlungen und Darstellungen von zeitgenössischen Figuren ganz begeistert und sie besorgte sich dazu mit ihrer Freundin Birte aus dem Theaterfundus in Bremerhaven alte Kleider und Perücken. Dazu schminkten sie sich ganz passable. Nina wollte auf den Sockel, der für sie die Welt bedeutete, diesmal waren es nicht die bekannten Theaterbretter, die schon so manchen späteren Künstler als Kind faszinierten. Ihr Vater zimmerte für sie in seiner Werkstatt diesen Sockel aus Holz, der ganz pfiffig mit Klappen und Scharnieren ausgestattet war. Ein wirklich gut gemachtes handwerklich einmaliges Stück. Sie wollte auf diesem Podest nicht nur stehen und sich langsam wie ein Roboter bewegen, sondern sie wollte singen und eigene Gedichte vor dem Publikum rezitieren. Sie hatte eine sehr schöne Gesangsstimme und auf Familienfesten konnte sie ihre Darbietungen schon mit Erfolg vorführen. „Nein“, sagte ihre Oma entzückt dabei, „diese Nina, ich sehe sie noch so klein mit einem hübschen Kleidchen, so schüchtern, wie sie war und jetzt trat sie schon fast im Fernsehen auf.“ Dabei zeigte ihre Oma die damalige Körpergröße von Nina an. „ Mutter“, sagte ihre Tochter streng, „jetzt übertreibst du aber.“

Michael Gruber nahm sein Portemonnaie, seine Schlüssel und sein Handy von der Kommode, danach war er schon aus dem Haus gegangen. Der Spotplatz war nicht weit entfernt und ein paar Jugendliche des Vereines aus Bad Bederkesa liefen schon leicht angesäuselt und singend in Richtung Fußballplatz.