Kriminalkommissarin Mareke - Günther Seiler - E-Book

Kriminalkommissarin Mareke E-Book

Günther Seiler

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Beschreibung

Die Flötistin - War es ein Mordfall im Orchester? Welche spielt die Karaoke Bar in Tokio für eine Rolle? Was machen gestandene Musiker überhaupt in einer Karaoke Bar? Die Tote am Ewigen Meer - Das Meer, ein großer See in Ostfriesland, sehr beschaulich. Trotzdem Kulisse für ein Verbrechen? herhalten. Oder war es ein bedauerlicher Unfall? Die Floristin - Wenn nicht-erwiderte oder verschmähte Liebe in Verzweiflung umschlägt und ein Bestatter mit von der Partie ist, kann sich daraus durchaus etwas nicht ganz gesetzeskonformes Entwickeln. Der Weihnachtsmarkt - Besinnliche Stimmung auf dem Emdener Weihnachtsmarkt, Vorfreude auf das bevorstehende Fest und eine ausgelassene Stimmung. Der heiße Glühwein tut sein Übriges. Borkumer Rhapsodie - Die Insel Borkum ist eher nicht dafür bekannt, dass sich Verbrechen dort abspielen und doch, man soll nie nie sagen. Ein kleines Flugzeug bringt die Ermittlerinnen von Emden nach Borkum und im Hotel gibt es etwas zu klären. Der Geldwechsler - Geld lockt nicht nur harmlose Kunden an, auch nicht im Emdener Hafen. Die Fremdenführerin - Man muss als Fremdenführerin ein dickes Fell haben und manchmal bissige Kommentare einfach überhören, um immer fröhlich zu sein. Dass aber in diesem Metier auch Verbrechen kommen können, scheint ein Novum zu sein. Das Hotel - Wenn es einem anderen Menschen aus dem Hotelgewerbe nicht passt und dieser die nötige kriminelle Energie mit einer Konsequenz in der Durchführung aufbringt, kann es ungemütlich werden Das Gewächshaus - Könnten Pflanzen reden, hätten es die Ermittler einfacher gehabt, eine Tat in einem Gewächshaus aufzuklären. So mussten sie aber die einzelnen Puzzles zu einem logischen Ganzen zusammensetzten. Der Bestatter und der Totengräber - Hier ergänzen sich zwei, nein drei Berufszweige. Ein Bestatter kann vom Geld nicht genug bekommen und bietet sein Fachwissen an. Der Friedhofsgärtner macht alles komplett und es hätte sogar ohne Zwischenfälle klappen können, wenn nicht.... Der Glücksspielautomatenaufsteller - Moderne Techniken kommen hier zum Einsatz, um aus den Glücksspielautomaten noch höhere Gewinne zu erzielen. Was dazu wohl das Finanzamt sagen würde? Der Hufschmied - Ein an sich aussterbender Beruf ist der Hufschmied. So ist man erstaunt, welche kreativen Möglichkeiten dieser Beruf auch in krimineller Hinsicht bietet. Die Tonleiter - Man kann sich leicht vorstellen, wie sich die Mitbewohner eines Hauses fühlen, wenn tagein und tagaus ein Klavier nur schwer zu ertragen ist. Der Barkassenführer - Nicht erwiderte Liebe schlägt schon in den Reaktionen Kapriolen und am Hafen zu stehen und sehnsüchtig auf das Meer zu blicken, ist nur schwer zu ertragen, wenn Gefühle übermächtig werden. Der Urlaub - Wenn man sich von der täglichen Arbeit weit von zuhause sich erholen soll und die Lebensbatterie längst aufgefüllt ist, sehnt man sich danach, einfach gebraucht zu werden. Man hilft ja gerne aus, zumindest Mareke sieht die Abwechslung an der Ostsee als Erholung an, wenn es etwas zu tun gibt.

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Seitenzahl: 442

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Günther Seiler

Kriminalkommissarin Mareke

Kriminalkurzgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Geschichte: Die Flötistin

2. Geschichte: Die Tote am Ewigen Meer

3. Geschichte: Die Floristin

4. Geschichte: Der Weihnachtsmarkt

5. Geschichte: Borkumer Rhapsodie

6. Geschichte: Der Geldwechsler

7. Geschichte: Die Fremdenführerin

8. Geschichte: Das Hotel

9. Geschichte: Das Gewächshaus

10. Geschichte: Der Bestatter und der Totengräber

11. Geschichte: Der Glückspielautomatenaufsteller

12. Geschichte: Der Hufschmied

13. Geschichte: Die Tonleiter

14. Geschichte: Der Barkassenführer

Impressum neobooks

1. Geschichte: Die Flötistin

Der Dirigent Sieghart von Drochtersen, ein durch und durch ruhiger und äußerst höflicher Mensch, überlegte nur kurz, ob er sein sonst immer tadellos spielendes Orchester einmal mit einigen lauten Missfallensbekundungen seiner Kritik an der in der heutigen Probe falschspielenden Musikern aufschrecken sollte oder nicht. Er ließ es. Seine anschwellenden Adern im Kopf spürte er schon klopfen und trotzdem schlug er auch diesmal nur leise vornehm, aber vernehmlich mit seinem Taktstock an sein Dirigentenpult. Er hatte in der Nacht in einem dieser unzähligen Hotelbetten schlecht geträumt. Als er wach geworden war, hatte er minutenlang an die Hotelzimmerdecke gestarrt, bis ihm langsam gedämmert hatte, wo er war.

Gestern am späten Abend hatten sie mit dem Orchester nach einer fürchterlichen, zehnstündigen Busfahrt im Dauerregen vom Frankfurter Flughafen Emden in Ostfriesland erreicht. Sie waren von einer vierwöchigen Tournee durch Asien gekommen, wo sie die letzten Auftritte mit einem phantastischen Applaus in Tokio beendet hatten. Eine wundervolle, aufregende Stadt! Und Sieghart hatte zum ersten Mal das Gefühl gehabt, hier seine Zelte in der Zeit nach dem Orchester aufschlagen zu können. Er hatte sich im Flugzeug zurückgelehnt und sich ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn er eine japanische Frau mit Kindern hätte. Die Sprache müsste er natürlich erlernen, das traute er sich zu und die Liebe seiner Frau würde die Initialzündung dafür sein.

Sieghart hatte sich im Bett aufgerichtet und von seinem Nachttisch das Wasserglas genommen und einige Beruhigungstropfen hineingeträufelt. Er war medikamentenabhängig. Alles, was er bekommen konnte, von Beruhigungstropfen, Pillen, andere Einschlafhilfen auf Rezept oder ohne Rezept und Aufwachtabletten, alles war vor ihm nicht sicher. Dazwischen nahm er Stabilisierungsmedikamente gegen Bluthochdruck und auch dann, wenn das Pfeifen in seinem Ohr zu schlimm wurde und er befürchtete, dass sein Blutdruck im unpassenden Augenblick vor dem Orchester absacken würde, wurde mithilfe der Pharmaindustrie erfolgreich nachgeholfen. Las er in der Zeitung von bisher nicht erforschten, unbekannten neu aufgetretenen Krankheiten, so fasste er sich an den Puls und war sich sicher, diese Krankheit schon längst zu haben. Sein Körper war sein Kapital, hatte er sich schon früh in der Dirigentenausbildung gesagt, und das muss ich mir erhalten. Sport trieb er genügend. Er bewegte sich immer am Dirigentenpult und zog seinen schweren Koffer durch die langen Gänge der Flughäfen, das musste nach seinem Gusto ausreichen.

Sieghart hatte hier im Emdener Hotel geträumt, er stünde vor seinem Orchester und die Musiker versuchten verzweifelt, auf ihren Instrumenten zu spielen. Der Bassist sah entsetzt auf seine zerrissenen Saiten und der Tubist verdrehte schon die Augen und bekam aus seinem Instrument keinen Ton heraus. Er hatte schon ganz aufgeblasene Wangen, als mit einem Ruck und viel Staub ein dicker Pfropf aus dem Instrument in die Höhe flog und genau auf den makellosen Frack der ersten Geige fiel. Andere Musiker sahen traurig ihre Instrumente an, die sich langsam in Holzkohle verwandelten und keinen Laut mehr von sich gaben. Da war Sieghart mit Angstschweiß hochgeschreckt und hatte sich noch weit weg in Japan gewähnt.

Isabell Maubach, die begnadete Flötistin mit der weißen, vornehmen Gesichtshaut, bemerkte nach einem kurzen Blick als Erste, dass dem Maestro, den sie heimlich verehrte, etwas nicht recht war. Sie sah verschämt hoch und erhaschte kurz seinen Blick, der ihr völlig gleichgültig erschien. Nun sagte er betont laut und akzentuiert, damit man ihn auch auf den hinteren Musikerplätzen hörte: „Herrschaften, so kommen wir nicht weiter. Ich weiß, der Flug von Japan nach Deutschland war lang, aber bitte, mehr Konzentration, wir haben heute Abend eine Aufführung und die soll sitzen. Das sind wir schließlich dem zahlenden Publikum schuldig. Also, nochmal von vorne!“ Die Instrumente wurden nachgestimmt, der Maestro wartete einen Augenblick ab, sah in sein Orchester und hob den Taktstock. Er riss die Arme nach unten und fulminant setzte das Orchester ein.

In seinem Augenwinkel sah er plötzlich, dass die Flötistin Isabell Maubach sich kurz nach vorne beugte, um sofort ihre Flöte wieder in der Waagerechten auszutarieren. Sieghart von Drochtersen wollte schon seinen Blick zu den Bratschen wenden, als seine erste Flöte mit einem Krachen nach vorne fiel. Ihre Noten segelten auf den Boden und der Aufprall ihres Instrumentes ging in der nach und nach abbrechenden Musik unter, denn der Dirigent stoppte sein Orchester. Sieghart eilte zu Frau Maubach, die inzwischen verkrümmt in der engen Stuhlreihe lag. Einige Kollegen bemühten sich schon um sie, als der Maestro mit seinem Körper sehr kurios seitwärts versetzt durch die Reihen angetänzelt kam. „Weg, machen Sie doch Platz. Meine Liebe, was ist geschehen? Ist Ihnen schlecht geworden? Der Flug von Japan war aber auch wirklich sehr anstrengend!“

Die zweite Geige sah hoch: „Mörderisch.“ Der Dirigent blieb kurz stehen: „Wie bitte?“ Die zweite Geige ergänzte: „Mörderisch, ich meine den Flug.“ Sieghart beachtete den Musiker nicht weiter und beugte sich zu seiner Flötistin, die blass auf dem Boden lag und die Augen geschlossen hielt. Sieghart stand auf und ruderte wild mit den Armen und schrie: „Sanitäter, ist denn hier kein Sanitäter?“ Den Hauptgang entlang lief nun eilig ein Theaterinspizient in seinem wehenden, grauen Kittel und einem Erste-Hilfe-Koffer mit einem großen roten Kreuz auf der Vorderseite.

Sieghart winkte ihm hektisch zu, wobei er bemerkte, dass er immer noch den Taktstock in der Hand hielt. Es sah schon von weitem wie bei einem Slapstick aus, wenn man die aufgeregten Musiker und den Dirigenten sah, wie dieser den Inspizienten zum Platz der Flötistin heranwinken sah. Sie machten Platz und überließen der Ersten Hilfe das Feld. Dieser beugte sich mühsam über Frau Maubach und kam nach kurzer Zeit kopfschüttelnd wieder hoch: „Tot, sie ist tot.“ Sieghart ließ vor Schreck seinen Taktstock fallen und zog ein Taschentuch aus der Hosentasche. „Wie kann es sein, sie hatte ja noch den Einsatz.“ Er sah seine Musiker ratlos an, die aber nur die Schultern zuckten und Sieghart fuhr fort: „So jung, sie war ja noch so jung.“

Der Notarzt hatte nach einem kurzen Augenblick sein Stethoskop eingerollt und den Dirigenten mit seinen vielen Fragen einfach wortlos zur Seite geschoben: „Mein Herr, Sie haben mich vom ersten Augenblick des Betretens des Konzertsaales gestört. Auch wenn Sie der Dirigent sind und Sie sich für Ihre Truppe einsetzen, so muss ich doch höflichst bitten.“ Sieghart wurde blass und sagte pikiert: „Truppe, wir sind doch keine Militärkapelle.“ Der Arzt aus dem Emdener Krankenhaus, Doktor Werner Korbmann, hatte von diesem aufgeblasenen Dirigenten nun genug, ging wortlos an ihm vorbei, zog sein Handy aus der Hosentasche und rief die Polizei. Danach drehte er sich zum nächsten Musiker um, als wäre der Dirigent nicht mehr im Saal: „Nichts anfassen oder verändern, die Kripo kommt gleich. Sagen Sie das Ihrem aufgeregten Chef oder muss ich ihm eine Beruhigungsspritze geben?“ Sieghart hörte schweigend und fassungslos zu. Und in seinem Innersten nickte seine Medikamentensucht still nach der Spritze mit dem Kopf.

Frau Mareke Menke, eine moderne junge Frau, stand auf dem Parkplatz des Polizeipräsidiums Emden und wollte gerade mit ihrem alten Rad nach Hause fahren, als das Fenster im ersten Stock geöffnet wurde. „Mareke, du möchtest zum Polizeirat Mertens kommen.“ Sie sah verblüfft zum Fenster hoch und schloss ihr Fahrrad wieder an. „Ist gut, ich komme.“ Sie nahm, sportlich wie sie war, die Treppe und klopfte an der Tür des Zimmers ihres Vorgesetzten an. „Herein,“ rief Herr Mertens und Mareke trat ein. Er stand auf und begrüßte sie: „Frau Menke, wir sind uns bewusst, dass Sie erst kurz in dem Kommissariat sind und es wird bestimmt eine Menge erstauntes Gerede hier in der Dienststelle geben. Das meine ich auch im Hinblick auf Ihr junges Alter. Hier werden sich einige ältere Kollegen auf den Schlips getreten fühlen. Aber was soll es, wir wollen unser Kommissariat verjüngen und nun fange ich damit an. Wir haben uns entschlossen, Ihnen die Ermittlung zur Sonderkommission ‚Orchester’ zu geben, um die Umstände des Ablebens der Flötistin aufzuklären. Hier ist die Akte, lesen Sie sich gleich ein und beginnen Sie mit Ihrer Arbeit, denn ich kann das Orchester nicht über Tage in Emden festhalten. Mir wurden von dem Dirigenten schon Schadenersatzansprüche angedroht.“ Mareke sah ihn verblüfft an: „Ja, danke, damit habe ich nicht gerechnet. Mit der Aufgabe meine ich.“ Der Polizeirat nickte fast väterlich, Mareke nahm die Akte und lief in ihr Büro.

Nach zwei Stunden intensivem Aktenstudiums klingelte ihr Telefon und die Zentrale stellte ihr ein Gespräch durch. Sie hatte gleich dort ihre Zuständigkeit für die SOKO ‚Orchester’ mitgeteilt, damit alles reibungslos lief. Sie nahm das Gespräch an. „Guten Tag, mein Name ist Menke, Kriminalkommissarin Mareke Menke“, sagte sie verlegen. Der Anrufer erwiderte: „Meinen Namen sage ich nicht! Es geht um die tote Musikerin, die Flötistin aus dem hier gastierenden Orchester. Fragen Sie einmal den aufgeblasenen Dirigenten, der zum einen medikamentensüchtig ist und zum anderen mit der Flötistin Isabell Maubach ein Verhältnis hatte. Die soll sogar ein Kind von ihm bekommen, obwohl das ganze Orchester weiß, dass der schwul ist.“ Der Anrufer lachte dreckig: „Ich habe die beiden in Tokio in einer schäbigen Kneipe gesehen, ein alter Karaoke-Schuppen. Sie hielten erst Händchen, dann stritten sie und Isabell verließ erbost die Kaschemme.“

Es knackte in der Leitung und Mareke rief die Zentrale an: „Menke, bitte können Sie verfolgen, woher das Gespräch eben auf meiner Leitung kam?“ Die Telefonistin sagte mit belegter Stimme, sie hatte offensichtlich eine starke Erkältung: „Nein, tut mir leid, das war ein Anruf mit unterdrückter Telefonnummer. Aber ich habe einen Bandmitschnitt, den lasse ich ausdrucken und schicke ihn in Ihr Büro.“ Mareke sah nachdenklich aus dem Fenster und bedankte sich.

Sie suchte aus dem Adressenspeicher die Telefonnummer der Pathologie und bat um einen Rückruf des Pathologen Doktor Holger Schreiber. Nach einer halben Stunde meldete sich atemlos der Pathologe und klang wie immer fröhlich: „Schreiber, hallo Frau Menke. Ich sollte Sie anrufen?“ Mareke lauschte dem schwer atmenden Pathologen. „Was ist, was haben Sie? Leiden Sie unter Asthma?“ Doktor Schreiber lachte: „Nein, ich steige nur schnell die Treppen hoch, den Fahrstuhl benutze ich seit Wochen nicht mehr, Fitness, abnehmen, wissen Sie. Mein Hausarzt hat mir strikt eine gesündere Lebensführung verordnet, wenn ich gesund bleiben möchte und wie er meinte, nicht vorher bei einem Kollegen still an die Decke schaue. Das würde leicht passieren, wenn ich so weitermache. Ein Witzbold, mein Hausarzt. Aber deswegen riefen Sie hier bestimmt nicht an. Womit kann ich Ihnen helfen?“

Mareke schaute schon gelangweilt zur Zimmeruhr. „Es geht um den Fall der Flötistin, Frau Maubach. Ich bekam einen anonymen Anruf mit dem Hinweis, dass die Dame schwanger gewesen sein soll. Haben Sie sie schon seziert?“ Der Pathologe meinte mit einer inzwischen ruhigeren Atmung: „Na ja, seziert hört sich nicht so schön an, klingt so endgültig. Wir sagen lieber obduziert. Nein, die Obduktion der Leiche steht als erste für Morgen früh an. Ich rufe Sie sofort an, wenn mir die Ergebnisse vorliegen.“ Mareke bedankte sich und legte auf.

Ihre Kollegin hatte sich schon in den Feierabend verabschiedet und so nahm sie sich vor, den Dirigenten alleine aufzusuchen. Sie sagte aber dem Kriminaldauerdienst Bescheid, wohin sie ging und, falls sie sich in der nächsten Stunde nicht melden sollte, sollten diese einen Streifenwagen in das Hotel ‚Moorblick’ schicken, wo das gesamte Ensemble logierte. Mareke steckte ihre Waffe in ihre Handtasche, obwohl sie wusste, dass das gegen die Vorschrift war. Aber der Holster drückte immer so unangenehm an ihrem Körper.

Nach kurzer Fahrt kam sie im Hotel an und meldete sich bei dem Pförtner. Der zeigte nur mürrisch in den Garten, als sie nach dem Herrn Dirigenten von Drochtersen fragte. Dieser lief alleine unter den Bäumen umher und schien in Gedanken eine Partitur durchzugehen, so, wie er wild mit den Armen hin und her ruderte. Mareke stand eine Weile hinter ihm und räusperte sich: „Entschuldigung, Herr von Drochtersen. Ich hätte Sie gerne einen Augenblick gesprochen.“ Der Maestro hielt inne und sah sich um, als hätte man ihn beim Naschen eines Honigglases im Keller erwischt. „Ja bitte, wer sind Sie?“, fragte der Dirigent überrascht. „Mein Name ist Mareke Menke, ich bin von der Kripo Emden und mit den Ermittlungen in der Sache Ihrer Musikerin Frau Maubach beauftragt worden. Hier ist mein Dienstausweis.“ „So? Solch junge Dinger dürfen nun schon bei der Polizei mitspielen? Gehören Sie nicht eigentlich in die Sandkiste? Sind Sie denn schon volljährig für die Räuber- und Gendarmenspiele?“ Der Maestro verzog verächtlich süffisant sein Gesicht.

Mareke hatte sich angewöhnt, auf derartige, unverschämte Attacken vornehmlich von Männern nicht mehr zu achten. Frauen konnten zwar auch in dieser Richtung richtig gemein werden, die machten es aber anders und dort kam immer Neid auf jüngere Frauen auf. Die Spitzen ihrer Geschlechtsgenossinnen waren auch sehr viel diffiziler und gingen tiefer unter die Haut. Die Männer waren diesbezüglich schlicht plump. Sie kannte das schon von der Insel Baltrum her, ihrer Heimat, als sie früh sagte, dass sie mit sechzehn Jahren zur Polizei gehen wollte und bei einer Familienfeier einmal sagte, dass sie eines Tages bei der Abteilung arbeiten möchte, die sich ausschließlich mit Tötungsdelikten und Morden beschäftigte. Dort wollte sie sich sogar als Leiterin dieser Abteilung hocharbeiten. Als ein Onkel ihr sagte, also bei der Mordkommission, da meinte Mareke, diese Abteilung gibt es nur im Krimi, im Fernsehen, denn es wird immer eine Mord- oder Sonderkommission gebildet, wenn der Verdacht eines unnatürlichen Todes anstand. Merkwürdigerweise blieb es in der Runde still und alle ahnten wohl, dass sich Mareke keine Flausen in den Kopf setzte und es ernst meinte. Sie hatte sich mit diesem Thema schon auseinandergesetzt. Ihre Eltern jedenfalls waren stolz auf sie.

„Herr von Drochtersen, ich komme auf Ihre Orchestertournee in Japan, respektive auf Tokio zurück. Direkte Frage und Sie müssen nicht antworten und Sie können jederzeit einen Rechtsbeistand hinzuziehen. Hatten Sie ein Verhältnis mit Frau Isabell Maubach, Ihrer Flötistin?“ Sieghart wurde blass als er stammelte: „Nein, äh, woher haben Sie das?“ Mareke sah ihn fest an: „Bitte beantworten Sie konkret meine Frage.“ Sieghart sah sich um, wohl mehr um zu erfahren, ob sich ungebetene Zuhörer in der Nähe befanden. Dann entdeckte er eine Bank und lief die wenigen Schritte darauf zu. Er setzte sich und Mareke folgte ihm, blieb aber stehen. Sieghart von Drochtersen holte umständlich sein Taschentuch aus der linken Hosentasche, wohl mehr um Zeit zu gewinnen, denn er wusste nicht sofort, ob er sich die Stirn abwischen wollte oder ob er schnäuzen musste. „Nun, ja, also wie Männer nun mal sind. Ich bin alleine, nein das stimmt nicht ganz, Sie wissen wahrscheinlich mehr, also sage ich es. Ich bin homosexuell, nein, also ich habe Beziehungen zu Männern und Frauen. Aber ich fühle mich mehr zu Männern hingezogen und ich habe in Stuttgart seit zwanzig Jahren einen Partner. Der weiß davon nichts, äh, ich meine, dass ich, also, auch bisexuell bin.“ Sieghart hatte sichtlich Schwierigkeiten, darüber zu reden und dann noch mit so einem jungen Ding.

Mareke sah ihn weiter an und an ihren Augen merkte er, dass sie das mit seiner Homosexualität bereits wusste. „Sie haben aber immer noch nicht meine Frage beantwortet.“ Mareke blieb unerbittlich. Sieghart wurde unsicher und in seinem Innersten spürte er, dass er diese junge Frau unterschätzte. Er nahm einen kleinen Ast und malte wie abwesend in den Sand. „Ja, hatte ich“, knurrte er gepresst. „Sind Sie nun zufrieden?“

Mareke blieb ruhig: „Herr von Drochtersen, ich bin hier, um in einer ungeklärten Todessache zu ermitteln, das ist mein Job, den mir der Staat verliehen hat. Ich bin hier nicht in den Ferien in diesem schönen Hotel. Weiter, was geschah genau in Tokio? Hatten Sie Streit mit Frau Maubach? Und worum ging es?“ In Siegharts Kopf leuchtete langsam eine kleine rote Alarmlampe auf. Es musste sie jemand in der Kaschemme in Tokio beobachtet haben. Er musste aufpassen, keine Fehler zu machen, und es war wohl besser von ihm, darüber ehrlich zu erzählen. „Ja, sie sagte mir, sie wäre schwanger und ich wäre der Vater. Für mich brach eine Welt zusammen, ich fürchtete um meine Reputation, als Dirigent und als Musiker. Ich sah insgeheim schon, wie mein Orchester hinter meinem Rücken sich vor Lachen und Häme ausschütten würde und wie mein Freund in Stuttgart starr vor Schreck vor mir stehen würde, wenn ich ihm reinen Wein einschenken müsste. Mir war, als würde meine Zukunft wie in einem Strudel in den Orkus abwärts gehen, fürchterlich. Meine schwulen Freunde würden, wenn sie mich sehen, die Arme schaukeln, als müssten sie ein Baby wiegen.“

Mareke hörte sich das mit Schaudern an und meinte, also daran dachten die Männer bei der Nachricht einer Schwangerschaft zuerst, wie das wohl von den Mitmenschen aufgenommen werden würde, die Reputation würde leiden. Mareke fing an, für diesen Schwächling Verachtung zu empfinden und musste sich selber zur Ordnung rufen. Sie war nicht hier, um für die Rechte der Frauen einzustehen, denn sie war als Kriminalbeamtin im Dienst. „Wann haben Sie Frau Maubach zuletzt gesehen? Ich meine, nicht als Ihre Musikerin im Orchester.“ Sieghart sah erschöpft und zehn Jahre älter aus: „Am Morgen ihres Todes. Ich frühstückte mit ihr auf meinem Zimmer. Normalerweise frühstücke ich immer alleine. Das mache ich immer so, denn ich kann Menschen nicht immer um mich herum ertragen, ich brauche meine Ruhe, um mich auf ein Konzert vorzubereiten. Ich meditiere gerne. Dazu habe ich leise klassische Musik laufen, nicht von meinem eigenen Orchester, denn ich überprüfe ständig meinen Stil. Ich werde von einem enormen Versagensdruck in meinem Leben begleitet. Ich habe ständig Angst, etwas falsch zu machen.“

Mareke spürte etwas wie Mitleid, aber sie blieb gelassen: „Ist das der Grund warum Sie tablettenabhängig sind?“ Mareke hätte nun gedacht, ihre Frage wäre bei ihm wie ein Donnerhall angekommen, doch der Dirigent schaute sie nur traurig an und zu ihrem Erstaunen nickte er bedächtig mit dem Kopf: „Ja, nach außen hin gebe ich mich immer souverän, tue so, als könnte ich auf meinen Schultern unbegrenzt die Probleme von anderen Menschen tragen, dabei sehne ich mich darum, von anderen einmal lieb in den Arm genommen zu werden. Ich spüre immer mehr, dass ich nicht mehr wie früher immer vorwegmarschieren kann. Ich hätte es auch gerne, wenn mich mal jemand an die Hand nehmen würde und zu mir sagt, das bekommen wir schon hin, fürchte dich nicht, was kommt, ich bin bei dir. Habe keine Zukunftsangst. Alles wird gut, du bist ein guter Dirigent. Die Erfolge beim Publikum geben mir ja sogar Recht. Ich habe aber immer Zweifel und kann mich sogar nach einem gelungenen Konzert nicht entspannt zurücklehnen. Da plane ich schon wieder das nächste Konzert und auch die Reisen bereiten mir immer mehr Plagen. Ich verreise nicht gerne, muss es aber. Dann nehme ich Tabletten und sage mir immer, bald damit aufzuhören. Wenn ich ehrlich zu mir bin, gehöre ich schon seit Jahren in eine Therapie. Ich bin dabei, mich zu zerstören.“

Sieghart konnte nicht mehr weiterreden, er weinte. Mareke konnte weinende Männer nur schwer ertragen. Nicht, dass sie sehr mitleidig wäre oder sie die Einstellung hatte, Männer weinen nicht. Sie hatte ihren Vater auf ihrer Heimatinsel Baltrum selber zu oft weinen sehen. Bei kleinen Schwierigkeiten brach ihr Vater immer gleich in Tränen aus und das empfand sie als Kind schon beängstigend, denn der starke Fels in ihrer Lebensbrandung fehlte ihr. Aber so war es nun einmal.

„Sie sagten eben, Sie hätten mit Frau Maubach gemeinsam auf Ihrem Zimmer gefrühstückt. Ist Ihnen an ihr etwas Ungewöhnliches aufgefallen, war sie depressiv oder aggressiv? Hatte Frau Maubach Ihnen Vorwürfe wegen der Vaterschaft gemacht?“ Sieghart wischte sich mit dem Taschentuch die Tränen ab: „Schlimmer noch. Nein, nichts dergleichen. Sie saß nur da, aß ein Toast und sagte nichts. Sie wirkte wie versteinert, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Sie starrte einfach leer vor sich hin.“ Mareke holte Luft, denn nun kam eine Frage, die es in sich hatte: „Herr von Drochtersen, haben Sie Frau Maubach umgebracht?“ Er blickte sie an, als wäre er noch in Tokio und sie hätte die Frage auf Japanisch gestellt. „Nein, nein“, schrie er hysterisch, „Wie hätte ich das denn machen sollen? Sie ist doch während der Probe plötzlich zusammengesackt und ist gestorben, vor meinen Augen.“

Mareke ging einen Schritt zurück: „Sie hätten den Toast vergiften können. Mit einem Gift, das langsam wirkt und in der Probe, quasi vor den Augen des ganzen Orchesters als Zeugen wäre Ihr Werk vollendet worden.“ Mareke spürte, dass sie zu weit gegangen war. Sie wartete seine Reaktion ab, doch der Maestro wurde ruhiger und schüttelte heftig den Kopf, so, als wollte er sich die Frage aus dem Hirn entfernen. „Nein, ich habe ihr auch keine Medikamente gegeben, Sie können das ja ohnehin von der Gerichtsmedizin leicht überprüfen lassen. Ich bin sicher ein Mensch mit Unzulänglichkeiten, ich bin aber kein Mörder, das können Sie mir glauben.“

Das Handy klingelte und Mareke entfernte sich einige Meter von dem Dirigenten. „Ja bitte, Mareke Menke am Telefon.“ „Hier spricht Holger Schreiber von der Pathologie. Frau Menke, ihre Musikerin, die Flötistin starb an Leichengift.“ Mareke sah sich verblüfft um und fing den fragenden Blick des Dirigenten auf, als der Pathologe weitererzählte: „Ja, Leichengift. Die Gute war schwanger, doch der Fötus war abgestorben und vergiftete Frau Maubach. Sie muss schon in den letzten Wochen keine Bewegungen des Kindes mehr verspürt haben. Dann der Flug nach Japan, der Auftritt und die Rückreise. Sie war damit abgelenkt worden. Wenn sie immer kontinuierlich bei einem Gynäkologen in Behandlung gewesen wäre, hätte der Kollege das rechtzeitig bemerkt. Also, ein natürlicher Exitus der Musikerin.“

Mareke bedankte sich und war verwundert, dass ein Pathologe sich als einen Kollegen eines Gynäkologen bezeichnete. Na ja, sind letzten Endes alles Mediziner. Herr von Drochtersen sah sie an und Mareke wich einen Augenblick seinem Blick aus, dann aber sah sie ihm fest in die Augen. „Bitte entschuldigen Sie meinen Verdacht und meine Fragen, aber ich musste Klarheit haben. Eben rief die Gerichtsmedizin an, Frau Maubach verstarb an dem Leichengift ihres Babys. Der Fötus war schon vor längerer Zeit abgestorben. Mein Beileid.“ Mareke gab ihm die Hand, schaute ihn an und bemerkte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie wandte sich zum Gehen und wischte sich auf der Treppe des Hotels verstohlen die Tränen mit dem Handrücken ab. Auf dem Parkplatz holte sie tief Luft und sah, dass neben ihrem Dienstfahrzeug und ihrem Fahrer zwei Streifenwagen standen. Die uniformierten Kollegen sahen sie an und der Streifenführer ließ die Scheibe herunter: „Alles klar? Der Dauerdienst hatte uns gebeten, hier auf Sie zu warten.“ Mareke winkte ihnen dankbar zu, es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass man nicht alleine war.

2. Geschichte: Die Tote am Ewigen Meer

Das Arbeitspferd Bruno schnaubte und stampfte ungehalten mit der rechten hinteren Hufe auf und sah sich um. Dabei hob und senkte Bruno unwillig den Kopf. Es sollte nun endlich losgehen. Er war schon vor über einer halben Stunde von dem Bauern Jakob Zilligen eingeschirrt worden und wie jeden Morgen kam der Bauer nicht so richtig in Schwung. Schließlich war er, wie so oft, gestern noch spät in seinem Stammkrug hier in Everinghausen gewesen, eine tausend Seelengemeinde am Ewigen Meer, einem Moorsee in Ostfriesland und nun plagte ihn trotz einer großen Kanne Kaffee sein Schädel. Bruno zog den rechten Hinterhuf an und stand so erwartungsvoll auf drei Beinen.

Jakob ging noch einmal in seine reetgedeckte, einfache, alte Kate. Er wohnte hier wie vor hundert Jahren. Nicht einmal den elektrischen Strom gönnte er sich. Jakob war geizig bis aufs Mark und diesen Geiz, er nannte es Sparsamkeit, zelebrierte er bis zur Perfektion. Inzwischen schaffte er es, nur noch einmal im Monat in den Krug ‚4. Querstraße’ in Everinghausen zu gehen. Ganz früher war er jeden Abend hier gewesen. Jakob hatte ein verkürztes linkes Bein und wurde im Dorf immer nur der hinkende Jakob genannt. Diese Hänseleien störten ihn aber nicht, er kümmerte sich ohnehin nicht um andere Leute.

Nun legte er den Beutel mit dem Mittagessen auf den Pferdewagen, stemmte sich mühsam und mit viel Stöhnen auf den Kutscherbock und löste die Handbremse: „Los, du alte Mähre, auf zu unserem Acker.“ Bruno setzte seinen Huf auf den Boden und ruckte den Wagen an. Er kannte den Weg zur Genüge. Dort auf dem Acker, ein ganz passables großes Stück Land, hatte Jakob jede Menge Tannenbäume angepflanzt und die Erde an den Bäumen mussten in Abständen aufgelockert werden. Dazu schirrte er Bruno einen Pflug an und wie nach alter Sitte seiner Großeltern pflügte Jakob mit dem Pferd den Boden.

Direkt an Jakobs Acker grenzte das Ewige Meer. Es war ihm in der Kneipe schon oft geraten worden, dort doch einen Steg zu bauen und Segelboote an die Städter zu vermieten. Jakob hatte immer nur den Kopf geschüttelt und gebrummt: „Das fehlt mir noch zu meinem Glück, die vielen Leute hier und alles Fremde aus der Stadt. Von Emden bis Wilhelmshaven kommen die dann im Sommer in Rudeln hierher, feiern, grillen und singen den ganzen Tag und bis in die tiefe Nacht. Ich mag keine Menschen, das müsst ihr Hohlköpfe doch inzwischen begriffen haben.“ Die Thekengäste hatten gelacht und weiter geknobelt.

Jakob war fast auf dem Kutschbock eingenickt, als plötzlich Bruno stehen blieb. Jakob sah hoch und begriff nichts. Er nahm seine schäbige alte Mütze ab und rieb sich den armen, alkoholgeplagten, haarlosen Schädel. Nun kratzte er sich die Glatze, was er immer machte, wenn er angestrengt nachdachte. „Was ist, Bruno, warum bleibst du stehen? Los weiter! Was sollen wir hier direkt am Ufer?“ Er sah zum Himmel hoch. „Ich glaube, wir bekommen heute noch Regen, ich merke nicht nur meinen Schädel, sondern habe auch in den Knochen ich ein starkes Reißen. Ich sollte in der warmen Stube auf dem Sofa bleiben!“ Bruno zuckte mit der linken Flanke, wohl mehr, um lästige Fliegen loszuwerden und machte keinerlei Anstalten sich zu bewegen. Jakob sah sich nach der langen Peitsche um, die irgendwo auf dem Wagen liegen musste. Er schlug grundsätzlich nie ein Pferd, er wollte Bruno nur am Hinterteil kitzeln, damit es endlich weiter ginge. Bruno drehte sich um und sah ihn mit seinen schönen, großen, braunen Augen an. Er hatte lange Wimpern.

Doch nun endlich begriff Jakob, dass hier etwas Ungewöhnliches passiert sein musste. Im Ufergras sah er etwas, das wie eine Person aussah. Die Füße lagen im Wasser und dümpelten in den kleinen Wellen auf und ab. Jakob zog die Handbremse an und stieg ächzend rückwärts vom Kutschbock. Er lief die wenigen Meter zum Ufer und nun sah er es.

Hier lag eine Frauensperson, wie er immer zu sagen pflegte. Der Kopf lag etwas erhöht auf einem Stein und es war so, als wollte die Frau in Ruhe die Aussicht auf das Ewige Meer mit all seinen Schönheiten genießen. Im ersten Augenblick dachte Jacob, hier wäre eine Wanderin von der mühsamen Last eingenickt, so, als wollte jemand nur für fünf Minuten die Augen schließen und sagte zu sich selber: „Nur einen kurzen Augenblick, nicht einschlafen, ich muss ja noch weiter.“

Jakob hatte schon immer vor Frauen eine große Scheu gehabt, er wusste nie, wie man sich ihnen näherte, was man sagen sollte. In seinem Gedächtnis kramte er nach, was die Thekenbrüder m Krug in diesem Fall wohl gesagt hätten. Ihm fiel aber nicht so schnell eine Gelegenheit ein, wo eine fremde Frau dort erschienen wäre und was wohl der Wirt gesagt hätte. Er schalt sich selber einen alten Narren! Der Wirt hätte bestimmt gefragt, was die Dame zu trinken wünschte.

Nun trat Jakob dichter heran, bückte sich und dann erkannte er die Frau. Das war doch die Schulleiterin der Schule am Pfingstbusch hier in Everinghausen am Ewigen Meer. Er suchte nach dem Namen und dann sagte er laut: „Ja, Helene Zimmersohn. Hallo, Frau Helene, nee, Frau Zimmersohn, was machen Sie denn hier im kalten Wasser?“ Jakob schüttelte sie, wobei ihr Kopf in seine Richtung fiel. Die Augen waren geschlossen und etwas geronnenes Blut war in den Mundwinkeln zu sehen. Die Schulleiterin würde nie mehr ihren Dienst antreten können. Sie war tot. Jakob blieb noch eine Weile sitzen und starrte auf das Ewige Meer, das so ruhig und unschuldig da lag. „Ewiges Meer, was ist hier nur geschehen? War es ein Unfall? Ist die Dame am Ufer gestürzt, als sie, so wie ich jetzt, dich in deiner ganzen Schönheit bewundern wollte?“ Jakob erhob sich mühsam und kletterte auf seinen Kutscherbock: „Los Bruno, zum Krug, dort kann der Wirt den Arzt anrufen.“

Jakob saß nun schon eine ganze Weile am Tresen, trank seinen Grog mit viel Zucker und musste seine Geschichte mehrfach für die Neuankömmlinge im Krug erzählen. Die waren erstaunt, den Jakob hier in der Woche, außerplanmäßig sozusagen, zu sehen. Ein Gast meinte, während er sich an den Tresen setzte: „Na, altes Hinkebein, nimmst du wieder die alten Zeiten im Krug auf?“ Der schüttelte nur den Kopf, zahlte seine Zeche und verließ wortlos den Krug. Die Telefonkosten übernahm in alter Freundschaft zu ihm großzügig der Wirt Söken. Bruno sah sich um, er war wohl erstaunt, dass sein Kutscher Jakob so rasch aus dem Krug wiederkam. Da kannte er ganz andere Zeiten und der arme Bruno stand sich die vier Pferdebeine manche Nacht vor dem Krug in den Bauch.

Der Notarzt Doktor Werner Korbmann aus dem etwas fernen Emden, der heute für den gesamten Landkreis Notdienst hatte, stand auf und sah mit besorgter Miene auf die Tote. Die beiden Polizeibeamten hatten die Leiche fotografiert und auf sein Geheiß hin auf die Seite gedreht. Dabei sahen sie alle drei zeitgleich, dass in dem Rücken der Dame ein Messer steckte. Es handelte sich um ein simples Küchenmesser mit blauem Griff. Nun stand fest, dass es sich hier um keinen Unglücksfall handelte und der Arzt nickte nur, als der Streifenführer meinte, die Zentrale informieren zu müssen, damit sich jemand vom Kriminaldauerdienst auf die Socken aus dem warmen Büro an den zugigen See machte.

Mareke Menke sah sich nach ihrer Alarmierung durch den Polizeirat Mertens am Ufer des Ewigen Meeres um. Ihre Assistentin war die Polizeianwärterin Marlies Heist aus Aurich, die sich hier handwerkliche Sporen bei der Kripo Emden verdienen sollte. Die älteren Kollegen in dem Präsidium Emden waren inzwischen auf Frau Menke leicht verschnupft. Erst waren ihr als Neuling die Ermittlungen in dem Fall der Musikerin Frau Maubach aus dem Orchester des zwielichtigen Dirigenten von Drochtersen vom Polizeirat höchstpersönlich übertragen worden und nun war sie schon wieder an der Reihe. Mareke hörte schon die spitzen, neidischen Bemerkungen. Doch wie sollte sie als neue Kollegin darauf reagieren? Sie kannte ja hier im Polizeipräsidium fast keinen mit Namen und nur langsam ordnete sie den Gesichtern die Namen zu.

Frau Heist war mit einem Metallsuchgerät von ihr losgeschickt worden, um nach möglichen metallenen Gegenständen zu suchen. Mareke fror in dem Wind, der vom Ewigen Meer herüber wehte, zog ihre wärmende Mütze fest an den Kopf und löste den wollenen Schal und schlang diesen modisch schick um ihren Hals. Sie hatte schlechte Laune, denn am Vorabend hatte sie ihre Mutter angerufen, sie wollte sich für das am nächsten Tag beginnende Wochenende bei ihr auf der Insel Baltrum anmelden. Dabei hatte ihre Mutter wieder einmal ihr Leid über ihren Vater ausgeschüttet. Ihr Weltbild von ihrem Vater hatte bei Mareke schon vor Jahren starke Risse bekommen. Ihr Vater ging fremd, wo sich immer eine Gelegenheit bot, und Mareke hatte ihrer Mutter oft empfohlen, sich von ihm scheiden zu lassen. Aber da sie beide ein Hotel auf Baltrum hatten, war das alles nicht so einfach, wie man es sich so dachte. Einmal hatte Mareke zu ihrer Mutter gesagt, dann müsse sie auch damit leben.

Mareke sah zu ihrer Assistentin auf, die mit dem Suchgerät und einer roten Nase zu ihr kam und den Kopf schüttelte. Die Spurensicherung hatte einen Ausweis mit Wohnungsschlüsseln in der Tasche der Toten gefunden und nun wussten sie anhand des Ausweisbildes, wer die Tote war. Der Kutscher hatte Recht, es handelte sich um die Schulleiterin Helene Zimmersohn. Mareke sah sich den Ausweis in der Plastiktüte an und schrieb die Adresse ab. „Na, dann kommen Sie man mit, Frau Heist, wir fahren zu der Adresse.“

Als sie dort ankamen, sprach Mareke kurz mit dem Hausmeister, bevor sie die Hausdurchsuchung in der Wohnung der Frau Zimmersohn vornahmen. Da Gefahr im Verzuge war, verzichtete sie nach Rücksprache mit dem diensthabenden Staatsanwalt auf einen Hausdurchsuchungsbeschluss. Mareke bückte sich, um unter das Bett zu sehen, und entdeckte einen kleinen Karton, den sie hervorzog. Dort fand sie eine rote Perücke, eine teure Sonnenbrille und Handschuhe mit Rüschenbordüren an den Rändern. Sie holte alles kopfschüttelnd aus dem Karton und legte die Gegenstände auf das Bett.

In der Zwischenzeit war Frau Heist damit beschäftigt gewesen, den Laptop der Frau Zimmersohn zu sichten. Sie konnte das Gerät ohne ein besonderes Passwort einschalten und, da Frau Heist eine ausgezeichnete Computerkennerin war, pfiff sie nach einigen Eingaben durch die Zähne. Sie drehte das Gerät auf dem Tisch herum: „Sehen Sie, Frau Menke, was ich hier gefunden habe. Das passt genau zu der roten Perücke.“ Marlies Heist hatte einen Chatraum angeklickt, den die verstorbene Schulleiterin fest in dem Laptop gespeichert hatte. Mareke las vor: „Tabuloser, ferkeliger Schweinestall, nicht nur für Landwirte, sondern auch für Städter. Hier sind alle herzlich Willkommen, denen das normale Eheleben inzwischen zuwider geworden ist und die das besondere Ambiente suchen. Habt keine Hemmungen, die legen wir alle an der Garderobe im Chatraum ab.“ Mareke sah Marlies Heist an: „Was ist denn das? Da ist ja ein Foto mit dieser Perücke, soll das etwas unsere tote Schulleiterin sein?“ Marlies nickte bejahend. Mareke sagte: „Ich fotografiere mit der Kamera das Foto aus dem Laptop ab. Sichern Sie das Gerät und die KTU soll mal alles aufdröseln, was sich im Schweinestall so tummelt. Mal sehen, welche Ferkel wir da ermitteln.“ Marlies lachte und packte den Laptop ein.

Das Fährschiff nach Baltrum hatte eine Stunde Verspätung. Dabei hatte Mareke noch Glück gehabt, denn die Reederei ließ durch einen Aushang die wartenden und frierenden Gäste wissen, dass womöglich wegen aufkommender starker Winde bis auf weiteres die Fahrten zur und von der Insel ausfallen könnten. Am Anlieger sah sie sich um und entdeckte ihre Mutter, die verschüchtert winkte. Mareke bekam einen Schreck, wie klein und in sich gekehrt ihre Mutter durch den ganzen häuslichen Kummer mit ihrem Vater war. Es war auch zum Verzweifeln! Da hatten die beiden es finanziell geschafft, mit ihrem kleinen Hotel auf der Insel Fuß zu fassen und nun höhlte der dauernde Ärger mit ihrem Mann wegen seiner vielen Frauengeschichten die Früchte des Lebens aus. Wie lange ertrug ein Mensch eine solche Schmach? Mareke dachte bei sich, dass es wahrlich kein Wunder war, wenn Menschen eine unbedachte Tat begingen und der Fall bei ihr auf dem Schreibtisch landete. Mareke nahm ihr Gepäck auf und lächelte gequält, als ihre Mutter sie unsicher umarmte. Mareke hätte am liebsten hier am Anlieger laut losgeheult.

Die spätere Begrüßung mit ihrem Vater fiel von seiner Seite herzlicher aus, als sie sich das auf der Fähre vorgestellt hatte. Er war wie immer, ging scherzend über alles hinweg, wischte ihre Kritik an seinem Verhalten seiner Frau gegenüber mit dem Hinweis hinweg, dass sie das gar nichts anginge und plauderte, als wäre alles in bester Ordnung. Ihre Mutter musste wieder in das Hotel zurück und er forderte seine Tochter schließlich auf, Fotos auf ihrer Digitalkamera von ihrer Wohnung in Emden zu zeigen. Mareke hatte dazu aber wenig Lust. Aber da sie ihren quengelnden Vater kannte, gab sie nach und zog ihre Kamera aus dem Rollkoffer. Sie klickte die Fotos an, zeigte das erste Bild ihrem Vater, der die Brille auf die Stirn schob und sie spürte, wie er erstarrte.

„Wo hast du das Bild her?“ Mareke verstand erst nicht, blickte dann auf die Kamera und sah das Foto mit der roten Perücke. Ihr Vater war kreidebleich und Mareke konnte als Tochter und Polizeibeamtin schnell eins und eins zusammenzählen. „Kennst du etwa diese Person?“ Ihr Vater druckste herum, doch der Blick seiner Tochter verhieß nichts Gutes. „Papa, das Bild dürfte ich dir gar nicht zeigen, ich wollte meine Wohnungsbilder anklicken. Das Foto mit der roten Perücke zeigt eine Person, die wir vom Namen zwar kennen, aber die ein zweites Leben gehabt zu haben scheint.“ Ihr Vater blickte sie entsetzt an: „Gehabt? Wieso gehabt? Und was für ein zweites Leben?“ Mareke beobachtete ihren Vater und ertappte sich dabei, ihn nicht als solchen, sondern als einen Verdächtigen zu behandeln. „Ja, diese Frau fanden wir tot mit einem Messer im Rücken und mit den Füßen im Ewigen Meer.“

Ihr Vater sprang hoch und suchte die Toilette auf. Ihm war speiübel. Mareke versuchte, ruhig zu bleiben, und überlegte, wie sie vorgehen sollte. Als ihr Vater noch blasser als eben die Toilette verließ, wollte er in das Hotel gehen. Doch Mareke versperrte ihm den Weg: „Was weißt du über diese Dame? Ist sie eine von deinen, sagen wir einmal, Bekanntschaften, mit denen du Mutter den Lebensmut nimmst?“ „Lebensmut? Was für ein Unsinn. Ja, ich kenne sie aus dem Internet, wenn du es genau wissen willst, aus einem Chatraum für Landwirte, aus dem Raum Emden und Aurich. Dort tauchte sie häufig als rote, tabulose Isabell vom Ewigen Meer auf. Ich hatte Kontakt mit ihr, aber nur im Chatraum.“ Mareke konnte kaum glauben, was ihr Vater ihr offenbarte und war froh, dass ihre Mutter nicht anwesend war. „So, so, tabuloser Ferkelraum zum Chatten, nicht nur für Landwirte, sondern auch für Städter, die des Ehelebens überdrüssig sind, wie? Als was hast du dich denn dort angemeldet? Als skrupelloser Hotelier, der einsam ist und gerade dabei ist, seine Ehe und das gemeinsam erbaute Hotel wegen seines zügellosen Lotterlebens aufs Spiel zu setzen?“

Mareke spürte, dass sie nun zu weit gegangen war. Ihr Vater blickte sie traurig an, drehte sich um und verließ den Raum. „Du brauchst gar nicht wegzugehen, wir ermitteln alle, die sich in dem Ferkelbetrieb tummeln.“ Mareke ärgerte sich über sich selber und über diese unbedachte Äußerung und fragte sich, warum sie sich über ihren Vater so echauffierte, obwohl ihre Mutter das Verhalten ihres Mannes einfach tolerieren konnte. Sie blieb noch eine Weile in dem Raum, trat an das Fenster und sah traurig auf die Nordsee. In die sich leicht kräuselnden weißen Schaumkronen sagte sie leise zu sich: „Rote, tabulose Isabell vom Ewigen Meer. Wie kommt eine Schulleiterin bloß zu diesem Schritt im Leben? Wir bekommen Sturm, wenn man die Wellen ansieht.“

Drei Tage nach dem Besuch bei den Eltern saß Mareke wieder am Schreibtisch. Die restliche Zeit dort auf Baltrum waren nichtssagend gewesen, das Problem der Beziehung ihrer Eltern war schließlich ausgeblendet worden, nachdem ihre Mutter sie angiftet hatte, sie solle sich gefälligst um ihre eigenen Probleme kümmern, sie hätte ja keinen Freund und könne da nicht mitreden. Ihre Mutter hatte sie spöttisch angeblickt und gesagt: „Oder habe ich da in dieser Richtung etwas nicht mitbekommen oder fühlst du dich zu Frauen hingezogen?“ Ab diesem Punkt beschloss Mareke, dass das Fass nun voll sei und den Kontakt zu ihren Eltern vorerst auf kleiner Flamme zu kochen. Mareke war wütend, wohl mehr auf sich, denn sie hätte einfach den Mund halten sollen und dieses Gefühl der Ohnmacht beschlich sie auch in den folgenden Tagen.

Gleich am frühen Montagmorgen musste sie zum Rapport zum schlecht gelaunten Polizeirat Mertens, der sich ihren Bericht zum neuen Fall am Ewigen Meer anhörte und knurrte, die Presse würde ihm ständig auf der Matte stehen und die Bevölkerung hätte nun Angst, aus dem Haus zu gehen. Eine Zeitung in Ostfriesland titelte „Massenmörder murkst unbeteiligte Spaziergänger an dem wunderbaren Ewigen Meer ab.“ Eine andere Zeitung verstieg sich auf der Titelseite „Gruseliger Mörder schickt Menschen am Ewigen Meer in die Ewigen Jagdgründe. Wie viele liegen schon auf dem moorigen Grund?“

Herr Mertens hielt die Zeitungen hoch und meinte: „Frau Menke, wenn Sie hier als junge Kollegin im Präsidium Fuß fassen wollen, müssen Sie liefern.“ Das ging Mareke aber doch zu weit und sie meinte: „Herr Polizeirat, wenn Sie der Meinung sind, einen älteren Kollegen oder Kollegin mit dem Fall beauftragen zu wollen, tun Sie das bitte. Lassen Sie mir ansonsten im Fall freie Hand. Und wenn sich Ihr Ton mir gegenüber in Zukunft nicht ändert, werde ich diejenige sein, die sich versetzten lässt. Das wird aber nicht ohne eine ausführliche Begründung meinerseits bei dem Innenministerium geschehen. Schon mein Opa sagte immer, bleibe redlich und fürchte dich nicht vor großen Tieren.“

Sie stand auf und der Herr Polizeirat sah sie verdutzt an: „Schon gut, bitte entschuldigen Sie, ich habe zuhause eine krebskranke Frau, der es sehr schlecht geht. Sie behalten den Fall und ich gebe Ihnen noch einige Beamte in Ihr Team.“ Mareke sah ihn immer noch verärgert an und dachte: „So machen es die Kerle, erst versuchen sie, ihre Macht auszuspielen, um uns Frauen klein zu kriegen und wenn man sich davon nicht einschüchtern lässt, werden sie weinerlich und schieben persönliche Dinge vor. Dieses Verhalten ist in der heutigen Zeit einfach niederträchtig.“

Mareke stand auf und verließ wortlos sein Büro. Einen kurzen Augenblick juckte es ihr in den Fingern, die Tür hinter sich zu zuknallen, sie ließ es aber. Auf der Treppe schlug sie sich anerkennend leicht auf die Schulter. Das Ganze hellte aber ihre Laune nicht auf.

Nun war die Polizeiarbeit des Durchsehens und Ermittelns angesagt. Der Laptop der Frau Zimmersohn gab eine Menge an Namen und Adressen frei. Marekes Vater war auch darunter und sie informierte per Mailnachricht ihren Vorgesetzten Polizeirat Mertens darüber. Mareke dachte, es würde eine Retourkutsche von ihm kommen, aber da hatte sie sich getäuscht. Herr Mertens schrieb nur zurück, sie solle alle Ermittlungen transparent in ihrem Team bekanntgeben, das war alles. Sie sah erstaunt in ihren Computer und gab den Wortlaut per Rundlauf an das Team weiter.

Dann kam eine Ermittlungsnachricht von der Assistentin Frau Heist, die sofort Mareke ansprach: „Sehen Sie, was ich im Laptop unter dem Pseudonym Ernst Rest Hom fand. Ich bin über diesen merkwürdigen Namen gestolpert und kann damit nichts anfangen.“ Mareke schrieb sich das Pseudonym auf und wollte sich darüber in Ruhe zuhause Gedanken machen. Das Team arbeitete weiter und Mareke hatte für heute das Bedürfnis nach einem ruhigen Feierabend mit einer heißen Tasse Tee auf ihrer gemütlichen Couch.

Nach den 20 Uhr Nachrichten im Fernsehen nahm sie ein Stück Papier, schnitt sich kleine Zettel und schrieb die Buchstaben des Pseudonyms Ernst Rest Hom auf und drehte die Zettel hin und her und versuchte, so einen Sinn zu bekommen, als sie plötzlich einen Namen vor sich hatte und zur Salzsäule erstarrte.

Sie informierte per Telefon ihre Assistentin Frau Heist und rief im Präsidium an und bat um die private Telefonnummer der Polizeipräsidentin Helma Kaufmann. Dort rief Mareke an und entschuldigte sich für die Störung und erklärte ihren Anruf. Nach einer Weile des Zuhörens entschied Frau Kaufmann: „Denn man los.“ Mareke rief ihr Team wieder an: „Frau Heist, wir haben freie Bahn und bitte finden Sie sich mit zwei uniformierten Beamten an der bekannten Adresse ein. Ich komme direkt dorthin." Die Assistentin hatte das Telefon auf Mithören gestellt, weil Mareke darum gebeten hatte. Im Büro herrschte eine Totenstille. Frau Heist meldete sich wieder: „Es ist schon nicht alltäglich, wenn in einer Mordkommission nach einer Nachricht Totenstille herrscht.“ Mareke antwortete: „Da haben Sie recht. Wir sehen uns gleich, ich komme mit einem Taxi.“

An der hübschen Villa mit Blick auf das Ewige Meer stand zirka hundert Meter vor dem Eingang ein Streifenwagen, aus dem Frau Heist ausstieg, als sie Mareke in einem Taxi entdeckte. Mareke ließ das Beifahrerfenster herunter: „Steigen Sie ein! Und Sie, meine Herren, folgen uns bitte in zehn Minuten und warten bitte auf der Auffahrt.“ Der Streifenführer tippte an seine Mütze und nach kurzer Fahrt bog das Taxi auf das Grundstück ein. Sie stiegen aus und klingelten.

Eine Frau in mittleren Jahren öffnete. Sie hatte ein Kartoffelschälmesser in der Hand und wischte sich gerade die Hände in der Schürze ab, als sie freundlich nickte: „Bitte?“ Mareke zeigte ihre Dienstmarke: „Guten Tag, mein Name ist Menke von der Kriminalpolizei aus Emden und das ist meine Kollegin Frau Heist. Wir hätten gerne Ihren Mann gesprochen.“ Frau Mertens lächelte und gab den Weg frei, als sie in Richtung des Inneren des Hauses rief: „Schatz, hier sind zwei Beamtinnen, die dich sprechen wollen. Bitte gehen Sie gerade durch, ich komme gleich zu Ihnen. Wollen Sie etwas trinken?“ Mareke schüttelte den Kopf und auch Frau Heist hatte offensichtlich wegen des bevor stehenden, sehr unangenehmen Gesprächs keinen Durst.

In der Tür erschien Polizeirat Horst Mertens und sah Mareke erst verärgert und dann sichtlich verunsichert an. Frau Mertens hatte ihre Schürze abgelegt und kam mit einem Wasserglas in das Wohnzimmer und blickte die Damen an. „Ich vermute, Sie haben etwas Dienstliches mit meinem Mann zu besprechen, ich gehe dann am besten wieder in die Küche.“ Mareke sagte, ohne sie anzusehen: „Bleiben Sie bitte hier. Sie sollen hören, um was es geht.“

Frau Mertens blickte unsicher auf ihren Mann, der nichts sagte und sich auf das Sofa setzte. „Bitte nehmen Sie Platz“, sagte seine Frau und alle setzten sich. Mareke klappte ihren Laptop auf, schaltete ihn ein und sagte: „Herr Mertens, sagt Ihnen das Internetforum ‚Bekanntschaften nicht nur für Landwirte’ etwas?“ Er nickte zögerlich und sah blass aus, als Mareke weiterfuhr: „Sind Sie dort unter dem Pseudonym als Ernst Rest Hom angemeldet. Kannten Sie die tabulose Isabell vom Ewigen Meer?“

Seine Frau wollte etwas sagen, schwieg aber vor Schreck, als Mareke fortfuhr: „Herr Mertens, wir haben Ihr Pseudonym Ernst Rest Hom als Ihren vollen Namen Horst Mertens ermittelt. Und ich frage Sie nun, haben Sie die tabulose Isabell vom Ewigen Meer, alias Frau Helene Zimmersohn, die hiesige Schulleiterin, mit einem Messer umgebracht?“

Der Polizeirat Horst Mertens wollte erst aufstehen, sackte dann aber nach hinten auf der Couch zusammen, kam wieder nach vorne und ließ dann seinen Kopf auf die Tischplatte fallen, schluchzte laut auf und weinte hemmungslos. Seine Frau bekam, nachdem sie die ersten Brocken des unfassbaren Geschehens begriffen hatte, einen hysterischen Schreianfall.

In diesem Augenblick kamen die zwei uniformierten Beamten der Schutzpolizei in den Raum und Mareke sah zu ihnen hoch: „Rufen Sie bitte einen Arzt! Und die Spurensicherung soll kommen! Den Herrn Polizeirat verhaften Sie bitte wegen des Verdachts des Mordes an Frau Helene Zimmersohn!“ Der Streifenführer hatte offensichtlich nie ein gutes Verhältnis zu seinem Vorgesetzten Polizeirat Mertens gehabt und es war ihm sichtlich ein Vergnügen, seinen Vorgesetzten zu verhaften. „Herr Mertens, wir verhaften Sie wegen des Verdachtes des Mordes an der Lehrerin Zimmersohn. Alles was Sie jetzt sagen, kann gegen Sie vor Gericht verwendet werden. Sie haben das Recht zu schweigen und einen Rechtsanwalt Ihrer Wahl auf dem Präsidium hinzuzuziehen.“ Sein Kollege legte Horst Mertens die Handschellen an, obwohl ihm dabei gar nicht wohl war.

Als sie ihren Vorgesetzten aus dem Zimmer führten, rief Mareke noch hinterher: „Die Spusi soll auch sein Büro im Präsidium untersuchen.“ Der Streifenführer grinste: „Das wird dem Leiter der Spusi ein Vergnügen sein, der konnte diesen Herrn noch weniger leiden als ich.“ Mareke wollte erst etwas sagen und den Beamten zur Ordnung rufen. Sie konnte seine Reaktion aber gut verstehen und ließ es dabei bewenden.

Später im Präsidium, als Herr Mertens zwei Rechtsanwälte seiner Wahl dabei hatte und er sein Geständnis ablegte, kam heraus, dass sich das Ganze am Ewigen Meer um eine menschliche Tragödie handelte. Herr Mertens hatte sich im Chatraum in die Schulleiterin wie ein Pennäler über beide Ohren verliebt und er wusste nicht aus noch ein, was er machen wollte. Er hatte dies seiner Frau am Vorabend gebeichtet und ihr mitgeteilt, dass er sich von ihr scheiden lassen wollte.

Es war seine Idee gewesen, mit der Schulleiterin am Ewigen Meer spazieren zu gehen, und hatte sich schon den ganzen Tag auf das abendliche Treffen gefreut. Als er ihr offenbart hatte, die Scheidung von seiner Ehefrau einzureichen, um sie zu heiraten, hatte sie ihn kalt angesehen und gemeint: „Dich Schlappschwanz würde ich nie heiraten. Ich habe im Schweineraum einen wirklich reichen und gutaussehenden Landwirt kennengelernt. Der will mich heiraten. Ich wollte dir heute sagen, dass wir uns nie mehr wiedersehen werden.“

Herr Mertens war vor Wut außer sich und hatte durch einen puren Zufall auf dem Boden neben einem halbgeschälten Apfel das blaue Messer gefunden.

Später erkannten die Richterin und die Schöffen auf eine Tat im Affekt und verhängten eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren. Seine Frau umschlang ihn im Gerichtssaal und versprach ihm, auf ihn zu warten. Sie würde gerne mit ihm einen Neuanfang probieren. Mareke war als Zeugin im Prozess geladen und als sie den Ausspruch dieser Frau hörte, sah sie vor ihrem geistigen Auge ihre Mutter mit verweinten Augen vor sich und fragte sich, was ihre Mutter in diesem Fall wohl sagen würde. Die Presse titelte nach dem Prozess: „Gefängnisbonus für den Polizeirat Mertens vom Emdener Polizeipräsidium. Nur 7 Jahre für einen kaltblütigen Mord. Aber eine 90-jährige Oma aus Bremen wird für Schwarzfahren in 43 Fällen für 2 Jahre eingelocht. Ist dies Gerechtigkeit?“

3. Geschichte: Die Floristin

Nein, man konnte wirklich nicht sagen, dass ihr nach all den langen Jahren das frühe Aufstehen leichtfiel. An sich hätte sie darin Routine haben müssen, denn hier auf dem Blumenmarkt in Emden war es wie überall auf den Blumenmärkten, frühes Erscheinen wurde mit guter Ware belohnt. Aber es war nicht leicht, jetzt bei diesem nasskalten und nebeligen Wetter Anfang November an der Küste der Nordsee aus den Federn zu kommen. Zumal, wenn man starke Schmerzen im Rücken verspürte und das nächtliche Liegen die Knochen versteifte. So, als weigerten sich die Gelenke, aus der gemütlichen Ruhephase ihren von der Natur vorgesehenen Dienst zu verrichten, sich nämlich zu krümmen und elastisch zu werden. Ricarda Harms-Otte war schon am Ende der Sechzig angekommen, wie man so landläufig sagte. Sie war ja nun kein junges Mädchen mehr und schleppte nun fast vierzig Jahre die schweren Blumen in großen Bündeln herum. Aber ihr Beruf machte ihr immer noch großen Spaß, wenn sie die duftenden, frischen Blumen aus aller Welt in ihren Armen hielt und daran roch. Sie stellte sich immer noch vor, dass am Vortag diese noch auf einem großen Blumenfeld irgendwo in Afrika oder Asien in der Sonne gestanden hatten und sie diese jetzt in ihrem Arm hielt. Ricarda behielt sich ihren kindlichen Glauben an die Feldblumen, wie sie immer zu sagen pflegte, obwohl sie wusste, dass diese meist aus den Niederlanden, Polen oder aus Afrika aus einem Gewächshaus kamen.

Ricarda Harms-Otte war trotz ihres Doppelnamens nie verheiratet gewesen. Ihre Eltern gaben ihr den Namen mit auf den Lebensweg, mit dem sie in der Schule oft gehänselt worden war, indem ihr Name einfach in ‚Ricarda die Motte’ umgetauft worden war. Zuerst hatte es sie gestört und sie hatte sich mit überlegten Gegenhandlungen mit Namensverballhornungen der Mitschüler gewehrt. Aber irgendwann war es ihr zu dumm geworden und sie hatte nichts mehr gesagt.

Um drei Uhr klingelte heute in der Früh ihr Wecker. Der Regen tropfte leise mit monotoner Regelmäßigkeit auf das Vordach und alle paar Minuten, wenn sich in der Dachrinne durch Blätteransammlungen genügend Regen den Weg frei bahnte, kamen im kurzen Stakkato dicke Tropfen hinterher. Es war so, als würden nervöse Finger auf ein Blech trommeln, um für ein zeitiges Aufstehen zu sorgen.

Der Kaffeeautomat war von ihr schon grundsätzlich seit Jahren immer am Vorabend auf zwei Uhr in der Nacht programmiert worden, damit sich das Aufstehen durch den guten Kaffeeduft lohnen sollte. Ricarda hatte einmal in einer Zeitschrift im Wartezimmer ihres Hausarztes gelesen, dass sich mehr einsame Menschen als man dachte, am Morgen den Kaffeeautomaten programmierten, um vorzutäuschen, der Partner wäre schon aufgestanden, um das Frühstück zu richten. Ricarda konnte leicht nachvollziehen, dass Einsamkeit weh tun konnte.

„Jetzt aber aus dem Bett, die Kunden wollen neue Ware! Los Ricarda, hopp, hopp!“ In dieser abgewandelten Form und in Anlehnung an ihre Mutter motivierte sie sich. Ihre Mutter hatte dabei immer sehr laut in die Hände geklatscht, damit Ricarda pünktlich zur Schule kam.

Eine dreiviertel Stunde später stand Ricarda wie ungezählte Male vor dem Blumengroßmarkt in Emden. Es wurde immer schlimmer einen Parkplatz zu finden. Sie wollte immer am liebsten direkt am Ausgang parken, damit sie den Karren voller Ware schnell einladen konnte. Der Marktleiter kam zufällig vorbei und hatte für die Kunden immer ein freundliches Wort übrig. Ricarda hatte sich schon am Abend vor den Zwanzig-Uhr-Nachrichten angewöhnt, einen Zettel für den Großmarkt zu schreiben. Sie achtete immer darauf, was die Kundschaft in der laufenden Woche nachgefragt hatte.

Ihren Karren mit der weißen Nummer dreiunddreißig schob sie in Richtung der Friedhofsgestecke, denn diese waren jetzt im November gefragt. Es war noch nicht richtig viel los im Großmarkt, aber so langsam füllte er sich mit den Händlern. Die Ware mit neuen, frischen Blumen in Kübeln und großen Verpackungen wurde durch die Gänge geschoben. Gabelstapler mit aufgetürmten Kisten und kleinen Anhängern dahinter suchten sich den Weg zu den Ständen. Ricarda war wie immer von dem Anblick im Großmarkt fasziniert und versuchte sich gerade an der Kreuzung zu den Stauden und Kleingewächsen für den Garten zu orientieren, als ein kurzes Geräusch ertönte, das hier nicht hingehörte.