Tod auf Mallorca - Bea De Olivera - E-Book
SONDERANGEBOT

Tod auf Mallorca E-Book

Bea De Olivera

0,0
5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Spannend und temporeich ermittelt Aimée Sander an bezaubernden Orten auf der Sehnsuchtsinsel Mallorca. Für alle Leser:innen von Lucia de la Vega und Elena Bellmar Privatermittlerin Aimée Sander wird beauftragt, den Mord an einer Yoga-Queen in einem mallorquinischen Wellness-Hotel aufzuklären. Schulden, ein Verlobter und das Umwelt-Engagement des Opfers sorgen zwar für Motive, aber Aimée lässt sich nicht auf falsche Fährten locken. Es reicht, dass ihr ein alter Fall um ein vermisstes Mädchen zeitgleich um die Ohren fliegt. Doch dann durchkreuzt Aimées Tochter ihre Recherchen, und plötzlich fordert der perfide Mörder Aimée zu einem tödlichen Spiel heraus …  Man spürt Yoga und riecht den luxuriösen Duft nach Amber im 5-Sterne-Hotel. Man schmeckt den Puderzucker mallorquinischer Ensaimadas, die knusprig-salzigen Pimientos de Padrón und all die anderen Köstlichkeiten, die im Herzen von Palma serviert werden. »Die Seiten fliegen nur so dahin und es war eine schöne Auszeit auf Mallorca.«  ((Leserstimme auf Netgalley))

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Tod auf Mallorca« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

Dieses Werk wurde gefördert mit einem Stipendium der VG WORT im Rahmen von NEUSTART KULTUR.

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Redaktion: Franz Leipold

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Alexa Kim »A&K Buchcover«

Covermotiv: lunamarina/depositphotos.co

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

PROLOG

Samstag, 20. Mai 2017 –El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

KAPITEL 1

Carrer de la Corderia, Altstadt Palma

El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

Carrer de la Corderia, Altstadt Palma

Hotel El Sueño al Mar, Playa de Palma

Carrer de la Corderia, Altstadt Palma

Ma-19/Ma-11: Palma – Sóller

Villa de Miravelles, Deià

Keller, Bogotá, Kolumbien

Villa de Miravelles, Deià

El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

Villa de Miravelles, Deià

El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

Casa Limón, Sóller

Carrer del Deganant, Altstadt Palma

Tapas Bar & Café »Josie« –Plaça Llorenç Bisbal, Palma

Carrer de la Corderia, Palma

Avenue de Gabriel Roca, Palma

El Sueño Roof Bar, Portals Nous

KAPITEL 2

Sonntag, 21. Mai 2017 –Casa Limón, Sóller

Carrer de la Corderia, Palma

La Seu, Palma

Hotelstrand El Sueño Spa & Relax, Portals Nous

Café am Hafen, Palma

La Seu, Palma

Finca Fonoll Marí, Llucmajor

El Sueño Familia & Niños, Cala Santanyí

Villa Stockholm, Son Carrió, Manacor

Casa Limón, Sóller

Sóller, Plaça de sa Constitució

Hotel El Sueño Spa & Relax, Fitnessraum

Port de Sóller, Hafenmole

KAPITEL 3

Montag, 22. Mai 2017 –Marina, Puerto de Sóller

Pressebüro NatureNow, Carrer de Josep Martinez, Palma

Tapas Bar & Café Josie, Plaça Llorenç Bisbal, Palma

Pressebüro NatureNow, Carrer de Josep Martinez

Hotel El Sueño al Mar, Playa de Palma

Alcudia, Water, Rocks & Diving, Cap del Pinar

Fitnessstudio, El Sueño Relax & Spa

Abaco Bar, Altstadt Palma

Polizeistation Manacor

KAPITEL 4

Dienstag, 23. Mai 2017 –Carrer de la Corderia, Palma

Hotel al Mar, Playa de Palma

Tapas Bar & Café Josie, Plaça Llorenç Bisbal, Palma

El Sueño Hotel Relax & Spa, Portals Nous

Àrea de seguretat Ciutadana policía local, Palma

Galería Pop y Puro, Palma Altstadt

Rückblick, 20. August 1990 – Sóller

Casa Límon, Sóller

Carrer de la Corderia, Palma

KAPITEL 5

Mittwoch, 24.05.2017 –Pastelería Mateo, Plaça el azúcar

Bootshaus, Hotel El Sueño, Portals Nous

Rathaus, Plaça de Cort, Palma

Restaurant San Maradea, Palma

Villa Stockholm, Son Carrió, Manacor

Centre Penitenciari de Mallorca, Carretera de Sóller

Cala Sa Nau, Palma

Villa de Miravelles, Deià

KAPITEL 6

Donnerstag, 25. Mai 2017 –Jachthafen, Palma

Centre Penitenciari de Mallorca, Carretera de Sóller

El Sueño Spa & Sport, Portals Nous

Es Baluard, Palma

Àrea de seguretat Ciutadana policía local, Palma

Aimées Büro, Carrer del Deganant, Altstadt Palma

Finca Ca’n Amanda, Binissalem

KAPITEL 7

Tapas Bar & Café Josie, Plaça Llorenç Bisbal, Palma –Molina, Campos

Campos, Es Trenc

Son Marroig, Landzunge Sa Foradada

KAPITEL 8

Samstag, 27. Mai 2017 –Finca Fonoll Marí

Danksagung

Förderung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für meinen Vater

Jeder von uns ist nicht eine Welle, sondern ein Teil des Ozeans (nach Mitch Albom)

Nach der Liebe ist die Eitelkeit die schönste Leidenschaft des Menschen. Sie zwingt uns gut zu sein, aus dem Drang heraus so zu scheinen.

George Sand (1804–1876)

PROLOG

Samstag, 20. Mai 2017El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

Der Mosaikboden der nach Süden gerichteten Terrasse schimmerte goldbraun in der Morgensonne. Glatt wie eine Eisfläche und türkis leuchtend, zwang der Infinity Pool den Betrachter, den Blick auf seinen mächtigen blauen Konkurrenten zu richten: das Meer.

Makellos hatte der Frühdienst den Außenbereich der ersten Etage zurückgelassen und somit das Versprechen des Fünfsternehotels eingelöst, seinen Gästen einen 24-stündigen Wellness-Traum zu erfüllen. Weich gepolsterte Sonnenpodeste, verschwenderisch groß wie Haremsbetten und weiß wie die Strandkleider eines Models für Kokospralinen, stahlen dem gleißenden Sonnenlicht die Show.

Noch kein Gast hatte die Symmetrie der Pool-Lounge gestört. Alles schien an seinem Platz. Handtücher waren akkurat zu Türmen gestapelt, perfekt und geometrisch angeordnet wie die Designhotels an Mallorcas beliebtester Strandpromenade.

Palmen in großen sahneweißen Keramikkübeln, ihre edlen Fächer trotzig ausgebreitet, warteten darauf, Schatten zu spenden.

Für den Bruchteil einer Sekunde würde der erste Gast, der sich nach dem Frühstück mit einem zweiten Café con leche oder einem Glas Champagner auf die Terrasse zurückziehen wollte, den Blick über die luxuriöse Pool-Landschaft noch genießen können. Dann könnten ihn einige widerspenstige Oleanderblüten irritieren, die, von einer Windböe auf den glatten Boden getrieben, neben einer dunkelroten Blutlache lagen wie Kleckse auf einem Bild von Mirò.

Keinen Atemzug würde es dauern, bis sich ihm die Situation in ihrer Unabänderlichkeit offenbarte: Eine leblos am Boden liegende Frau, die langen blonden Haare wie einen Heiligenschein um ihren Kopf drapiert. Ein schlanker durchtrainierter Körper in weißen Leggins und passendem Neckholder-Top, auf der rechten Schulter eine tätowierte Lotosblüte, ein Bein unnatürlich verdreht. Ein feiner Blutfaden, der sich über ihren verschlossenen Lippen eine Spur quer über ihre Wange den Hals entlang gesucht hatte.

Er selbst hatte noch in ihre großen, vor Unverständnis weiten Augen geblickt, in denen sich die Farbe Blau so durchdringend widerspiegelte, als ob der Himmel höchstpersönlich das Opfer vor dem nahenden Tod bewahren wollte. Ein letztes Leuchten, dann war sie auf der Yoga-Terrasse in seinen Armen zusammengesunken.

Einen Wimpernschlag später schlug sie dumpf auf den Steinplatten auf. Die Palmenwedel hatten sich von ihrem Sturz nicht beirren lassen und wiegten sich träge mit ihrem rastlosen Tanzpartner, der heute aus Südwesten kam.

Die Dinge nahmen ihren Lauf. Aber die Richtung bestimmte er – sonst niemand.

KAPITEL 1

Carrer de la Corderia, Altstadt Palma

Ein stetes Kratzen an der Tür zerrte Aimée aus dem Schlaf. Hatte sich mal wieder eine herrenlose Katze ins Treppenhaus geschlichen und brachte sie um ihre letzte REM-Phase? An Aufstehen war nicht zu denken, war sie doch erst gegen zwei Uhr eingeschlafen. Sie hatte die Finger nicht von einem überflüssigen zweiten Glas Corbières lassen können; ihr Ex-Mann Peer hatte ihr eine Kiste aus Hamburg nach Palma schicken lassen.

Aimée erwartete das wimmernde Miauen der Katze, doch stattdessen hörte sie nur ein quietschendes Geräusch, dass sie an die Renovierungsarbeiten in ihrer letzten Wohnung erinnerte. Allein bei dem Gedanken an das mühselige Abspachteln der Wände begann ihr rechter Oberarm zu schmerzen.

Dabei war es lange her, im Sommer vier Jahre. Nach ihrer Rückkehr aus Mali, wo sie in einem Team als Polizeiausbilderin gearbeitet und eine Affäre mit ihrem spanischen Kollegen Diego Fuentes angefangen hatte, war sie in eine marode Altbauwohnung auf St. Pauli gezogen. Ihre Tochter Josephine war gerade in die sechste Klasse gekommen. Eigentlich wollten Peer und sie sich nur räumlich trennen, um die Chance zu erhalten, einander wieder näherzukommen. Aber dann war aus der räumlichen eine echte Trennung geworden.

Auf eine weitere Tiefschlafphase hoffend, drehte Aimée sich auf die Seite, grub ihr Ohr tief in das Kissen und zog sich die Bettdecke so über den Kopf, dass ihr gerade noch ein schmaler Tunnel blieb, um genügend Sauerstoff zu bekommen. Alles schien ruhig. Bildete sie sich das Geräusch etwa nur ein? Ein Phänomen, das Aimée oft überfiel.

Objektiv hatte es ruhig zu sein, aber in ihrem Kopf spukten die Töne weiter. Im günstigsten Fall bauten sie sich in ihre Träume ein …

… und aus dem Kratzen an der Tür wurde das Quietschen von Seilen eines gerade auslaufenden Segelbootes, Taue, die an die Reling schlugen, an den Mast klappernde Segel und surrende Leinen, die das Schiff vom Ankerplatz lösten. Den frischen salzigen Wind im Gesicht, versuchte Aimée, sich die Gischt von den Lippen zu lecken, fuhr mit der Hand durch ihr feuchtes Haar, spürte die Wärme der Sonne auf ihrer Haut. Doch plötzlich fühlte sich ihr Mund trocken an. Ein quälender Durst überfiel sie, Corbières, splitternder Lack, ihr brach der Schweiß aus, jemand schrie ihren Namen und plötzlich war sie hellwach.

Wütend öffnete sie die Augen. Es war nicht die Sonne, die ihr Gesicht wärmte, sondern das Licht einer Taschenlampe. Und die Gischt bestand nicht aus Meerwasser, sondern aus den letzten Tropfen ihres Wasserglases, das ihr von einer Gestalt ins Gesicht geschüttet worden war.

»Aufstehen, Señora Sander!« Die laute Männerstimme gehörte definitiv nicht in ihren Traum. Aimée richtete sich ruckartig auf, wischte sich das Wasser von den Wangen und nahm im Dämmerlicht allmählich die Umrisse des Eindringlings wahr: Groß, kräftig, männlich.

El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

Hotelmanager Julio Paz hatte Schweißperlen auf der Stirn, nachdem er Nima Roth, die Yoga-Trainerin des Hotels und Leiterin des Wellness-Departments, auf der Pool-Terrasse entdeckt hatte. Der starre Blick, ein Griff an ihr Handgelenk, um einen nicht mehr vorhandenen Puls zu fühlen – mehr Beweise brauchte es nicht. Paz hatte sich auf die Lippe gebissen. »Tod im Luxushotel« – diese Schlagzeile konnte er wirklich nicht gebrauchen. Das so aufwendig an die Spitze katapultierte Spa-Resort durfte auf dem Empfehlungsranking kein zweites Mal abrutschen. Hotelinhaber Patrick Dengler hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sinkende Buchungen in seinem Verantwortungsbereich lagen.

Paz zögerte keinen Moment, verließ die Terrasse, zurrte hastig die riesigen Vorhänge zusammen, die sich an der Seite der Fensterfront im verschlafenen Morgenwind aufbauschten, und stellte das Schild »Pool-Terrasse closed« auf den Gang. Mit schnellen Schritten begab er sich in Richtung Rezeption und zückte sein Handy, er brauchte Verstärkung.

»Wenn ich mein Frühstück auf der Pool-Terrasse einnehmen will, dann wird mich niemand daran hindern. Dafür haben wir schließlich bezahlt«, keifte ein Mann seiner Frau zu und schob sich unbeirrt an dem Schild vorbei. Über seinen beigen Shorts spannte ein zu eng sitzendes weißes Polohemd. Sein Frühstücksteller, den er in der Hand balancierte, war gerade so gefüllt, dass es nicht unanständig aussah.

»Trotzdem, ich hätte lieber an einem gedeckten Tisch gegessen«, maulte die blondierte Mittsechzigerin in einem klassisch blau-weiß geringelten Schlauchkleid. Dank der Grapefruit-Scheiben, die sie in einer Schale vor sich hertrug wie ein Messdiener die Hostien zum Altar, wäre ihr Bauch auch nach dem Frühstück noch flach.

»Und warum werden hier jetzt tagsüber die Vorhänge zugezogen? Ich sehe das ganze Jahr kaum Sonne, da wird es doch wohl im Urlaub möglich sein, unter freiem Himmel zu essen.« Ungeduldig drückte der Gast seiner Frau den Teller in die Hand und riss ruckartig den Vorhang beiseite. Ein Windstoß schob sich unter den seidigen Stoff, blähte ihn auf wie ein Segel und gab den Blick auf die Pool-Terrasse frei. Das Gezänk des Paares stoppte abrupt, ein Schrei, dann hallte das laute Klirren zersplitternden Porzellans auf hartem Marmor durch den Frühstücksbereich.

Mit dem Handy am Ohr drehte sich Paz entsetzt um. Jetzt nur die Ruhe bewahren. »Nein, Señor Dengler, ich wollte zuerst Sie benachrichtigen.« Er wedelte mit der Hand eine Serviererin des Frühstückspersonals heran und wies sie an, sich um die Scherben zu kümmern. »Ja, Señor Dengler, comprendo, ich erledige das. Sofort.«

Carrer de la Corderia, Altstadt Palma

Panik stieg in Aimée auf, als sie den Fremden vor ihrem Bett stehen sah. Am liebsten hätte sie laut geschrien. Doch als ehemalige Polizistin wusste sie nur zu gut, dass dies der größte Fehler wäre, den sie machen konnte. Angriff? Angesichts der Tatsache, dass ihr Gegenüber einen durchtrainierten Körper hatte, wie sie an dem eng anliegenden T-Shirt unter der Lederjacke unschwer erkennen konnte, und über ihr stand, würde sie trotz ihrer Kampfausbildung im Moment keine Chance gegen ihn haben. Sie musste Zeit gewinnen, um ihn zu überwältigen.

Warum war dieser Kerl überhaupt in ihre Wohnung eingedrungen? Ein simpler Einbrecher konnte er nicht sein; erstens hätte er sie dann nicht geweckt, und zweitens war bei ihr nun wirklich nichts zu holen. In Gedanken rasterte sie sämtliche Fälle der letzten Wochen auf, die sie in ihrem Büro für private Ermittlungen bearbeitet hatte. Doch ihr wollte kein Detail einfallen, das eine derartige Aktion plausibel machte.

»¿Me comprende? Vamos, raus aus dem Bett!« Sein spanischer Akzent rasselte.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte Aimée. Du hast keine Angst!

»Das werden Sie früh genug erfahren«, erwiderte der Spanier trocken und verzog keine Miene. Sein Gesicht zeigte einige harte Falten.

»Was halten Sie davon, mich jetzt aufzuklären?«, hakte sie nach und empfand in diesem Moment pure Dankbarkeit ihrem alten Polizeipsychologen gegenüber, der ihr beigebracht hatte, wie sich Anzeichen von Panik perfekt überspielen ließen. Auch wenn du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren, muss dein Gegner vom Gegenteil überzeugt sein, verstanden?

Jetzt musste sie nur noch an ihren Revolver unter ihrem Kopfkissen kommen. »Wenn ich weiß, worum es geht, kann ich mich besser auf die Situation einstellen. Verstehen Sie, Señor …?«, versuchte sie ihn abzulenken.

Falsche Frage. Anstatt ihr zu antworten, richtete er routiniert die Pistole auf sie, die er blitzschnell aus dem Hosenbund seiner schwarzen Jeans gezogen hatte, packte ihren Arm und zog sie unsanft hoch.

»Dann muss ich eben nachhelfen.« Ungerührt griff er unter ihr Kopfkissen, zog ihren Revolver darunter hervor und schob ihn sich in seine hintere Jeanstasche.

»Sie sind gut informiert«, musste Aimée zugeben.

»Und Sie sind mir eine Spur zu langsam, Señora. Lassen Sie das Theater und machen Sie sich fertig.« Seine Stimme klang rau und emotionslos. »Suchen Sie sich etwas zum Anziehen heraus, rápida!«

»Sie glauben doch nicht, dass ich mich von Ihnen wie eine Geisel aus meiner eigenen Wohnung führen lasse!« Die Vorstellung war einfach grotesk. Vielleicht könnte sie ihn wenigstens verbal aus der Ruhe bringen. Ihr Herzklopfen ließ nach. Auch wenn sie immer noch nicht wusste, worauf das Ganze hinauslaufen sollte, schien er es nicht auf ihr Leben abgesehen zu haben. Das war schon mal gut. Eine Entführung? Sie? Aimée hatte keine reichen Verwandten.

»¡Qué mierda!« Ein Schwall von spanischen Schimpfwörtern brach aus ihm hervor. Hastig riss er den Kleiderschrank auf, zerrte ein Kleid vom Kleiderbügel und warf es ihr zu. Dabei wedelte er bedenklich unvorsichtig mit seiner Pistole vor ihrem Gesicht herum. Aimées Herzschlag veränderte wieder seinen Rhythmus, die Situation begann, ihr zu entgleiten. Bei allen Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht hatte, war sie noch nie in ihrer eigenen Wohnung bedroht worden. Ihr Apartment war wie ein Kokon, den sie sich über den Dächern Palmas geschaffen hatte.

»Das ist nicht gerade mein Lieblingskleid«, bemerkte sie zynisch. Aimée bevorzugte Jeans und Stiefel, praktisch, robust, das ideale Outfit für ihr Motorrad, eine gebrauchte Triumph Street Twin, ihr ganzer Stolz. Außerdem war sie der Typ Frau, der in einem Kleid eine so auffällige feminine Ausstrahlung gewann, dass sie sich irgendwann abgewöhnt hatte, Kleider zu tragen.

»Sie ziehen das jetzt an, Señora«, raunzte er sie an, umfasste ihren Oberarm wie ein Schraubstock und schob sie ins Bad.

Aimée stellte den Wasserhahn an und ließ sich das kalte Wasser über ihre Handgelenke laufen. Ihr Kreislauf spielte allmählich verrückt. Fieberhaft suchte sie nach einer Erklärung für diesen absurden Überfall, während sie in den Spiegel starrte. Ihre dunklen langen Haare lagen in zerzausten Wellen um ihr Gesicht, durch die Schatten unter ihren Augen wirkte ihre helle Haut noch etwas blasser. Ausgerechnet jetzt drängte auch noch das wohlvertraute Rauschen in ihrem rechten Ohr aus ihrem Unterbewusstsein und verlangte wie ein trotziges Kind nach Aufmerksamkeit. Ja, ich höre dich! Ja, ich weiß du bist ein Teil von mir! Verdammt. Wie sollte sie dieser Antonio-Banderas-Kopie entkommen, wenn sie schwächelte?

»Beeilung, Señora!«, rief der Spanier und pochte ungeduldig an die Badezimmertür. Der Ton in ihrem Ohr wechselte erbarmungslos seine Frequenz.

Sollte sie vielleicht das ganze Haus zusammenzuschreien? In ihrem fensterlosen Bad würde sie allerdings niemand hören. Sie musste warten, bis sie im Treppenhaus waren.

Ihre Hände bebten, während sie sich das schwarze Kleid mit den großen aufgedruckten Rosen über den Kopf zog, in dem sie sich noch nie besonders wohlgefühlt hatte. Peer mochte es. Das Kleid betont deine sinnliche Figur, meinte er mit dem Kennerblick eines Fotografen. Aimée hingegen fand, sie sah darin aus wie Sophia Loren auf Männerfang. Aber vielleicht ist der Einsatz meiner weiblichen Reize meine Chance!

Eilig schmiss Aimée sich einige Hände Wasser ins Gesicht, um endlich nicht mehr so auszusehen, wie sie sich fühlte. Energisch bürstete sie sich ihr verknotetes Haar und atmete tief ein. Wenn Mateo sie um zehn Uhr nicht vor der Kathedrale La Seu antreffen würde, von wo aus sie jeden Samstag bis an die Playa de Palma gemeinsam joggten, würde er Alarm schlagen. Das stand fest.

Hotel El Sueño al Mar, Playa de Palma

Juan Alvarez räumte seine Lieferung eilig, aber sorgsam in die gläsernen Vitrinen der Hotelboutique. Das »El Sueño« in Portals Nous hatte er bereits beliefert. Danach musste er nur noch nach Santanyí ins »Familia & Niños«.

Während er die Glasflaschen aus dem Karton holte, strömten die ersten Gäste zum Frühstücksbuffet. Einige Frühaufsteher waren bereits die Strandpromenade entlanggejoggt und schnappten sich verschwitzt die für sie bereitstehenden Wasserflaschen vom Tresen. Das Hotelpersonal hatte ihm einen Espresso serviert, der genauso bittersüß schmeckte wie die in schwarzem Glanzpapier verpackte schokoladige Kaffeebohne, die auf der kleinen Untertasse dazu gereicht wurde.

Eigentlich lieferte Juans Mitarbeiter die begehrten »Luz de Sóller«-Bio-Produkte an die El-Sueño-Hotelkette aus. Aber die Orangenöle und seit Neuestem auch Körperlotionen aus Orangenblüten waren in den letzten Tagen so heiß begehrt, dass außer der Reihe Ware geordert worden war, obwohl die Hauptsaison noch nicht einmal begonnen hatte.

Juan selbst setzte normalerweise keinen Fuß in die Hotels von Patrick Dengler. Daran hatte sich auch nichts geändert, seit er mit Nima zusammen war. Dass die Yoga-Trainerin des Hotels eine heimliche Beziehung mit ihm führen wollte, war ihm daher nur recht gewesen. Doch das würde sich bald ändern. Sie hatten morgen ein Date, und er konnte es nicht abwarten, Nima den Aquamarin-Ring zu schenken, der so blau war wie ihre strahlenden Augen.

»Juan. Was für eine seltene Ehre!«

Juan blickte auf. Patrick. Warum musste er ihm ausgerechnet heute über den Weg laufen? Er hatte gehofft, seinen ehemaligen Jugendfreund zu dieser frühen Stunde nicht in einem seiner Hotels anzutreffen.

»Warum habe ich dich so lange nicht mehr hier gesehen? Beanspruchen die Orangenhaine von Sóller deine ganze Zeit? Ach nein, du engagierst dich ja mit Leib und Seele für den Umweltschutz.«

»Es gibt viel zu tun«, antwortete Juan knapp.

Patrick schob seine Hände in die Taschen seiner Golfhose. »Bestimmt«, erwiderte er eine Spur zu trocken. Er sagte es so, dass Juan mühelos die Ironie aus seinen Worten heraushören konnte.

»Und was zieht dich in dein Hotel? Keine Lust auf Jetski heute?«, fragte Juan. Er wusste von den regelmäßigen Rennen, die Patrick organisierte; damit trieb er umweltbewusste Mallorquiner auf die Barrikaden. Seit seine Schwester ihm gesagt hatte, wie viel Liter Benzin jährlich direkt an der Küste durch den Jetski-Wahn ins Meer flossen, war seine Verachtung für seinen ehemaligen Freund noch gewachsen.

»Juan, mein Lieber, du kannst es nicht lassen, was? Komm doch nächsten Sonntag einfach mal mit. Es ist ein berauschendes Gefühl von Freiheit, bei Tempo 250 an den Felsen von Andratx vorbeizurasen … ich bin überzeugt, es wird dir gefallen!« Mit kritischem Blick aus seinen blaugrünen Augen lehnte er sich an das Regal und musterte Juan herausfordernd.

Doch Juan ließ sich nicht provozieren, sondern schüttelte nur den Kopf. »Patrick, mich interessieren deine Rennen nicht. Erst recht nicht auf Kosten anderer.«

»Mein lieber Juan! Der ewige Weltverbesserer.« Patrick nahm eines der kleinen Designgläser mit der Orangenblütencreme in die Hand und las das Etikett: »Rein biologische Zutaten, keine Paraffine. Auf was die Leute so stehen.« Abschätzig lächelnd, stellte er das Glas wieder auf den gläsernen Absatz. »Solange es Geld bringt, wunderbar. Aber sobald der Kleister wie Blei hier herumsteht, kannst du deinen Bio-Krempel wieder abholen.«

Juan erstarrte. Derartige Begegnungen waren ihm bisher erspart geblieben. Als ihn der Marketingchef des »El Sueño« letztes Jahr angerufen hatte mit der Anfrage, alle Hotelboutiquen mit seiner kompletten Produktpalette zu beliefern, war sein erster Impuls gewesen, das Angebot abzulehnen. Doch die El-Sueño-Hotels zu boykottieren wäre kindisch und unprofessionell gewesen. Und da sich Patrick bisher nie zwischengeschaltet hatte, konnte er damit leben.

»Du glaubst doch nicht, es war die Idee unseres Marketings, ›Luz de Sóller‹ bei uns zu vertreiben, oder?«, setzte Patrick nach.

»Ich habe einen normalen Liefervertrag mit deinem Management abgeschlossen. Wenn du keine Ware mehr bekommen willst, reicht ein Anruf in meinem Büro.« In Juan stieg kalte Wut auf.

»Juan, immer noch der gleiche Hitzkopf wie damals! Empfindlich wie eine Mimose im Mai.« Er tätschelte Juan am Oberarm und schüttelte abfällig grinsend den Kopf. »Hier geht es um Geld, um sonst nichts …« Als ob Juan das nicht wüsste, schließlich verströmte Patrick aus jeder Pore ein Selbstbewusstsein, das einzig und allein auf der Tatsache beruhte, ein sicheres Vermögen im Hintergrund zu wissen. »Ich bin mir sicher, du weißt, wem du es zu verdanken hast, dass du deine Bio-Paste hier in meinem Hotel verkaufen kannst, also halt dich demnächst zurück mit deiner Kritik an meinen Hobbys, Juanito!«

Juan kochte. Die Verniedlichungsform seines Namens hatte ihn schon immer rasend gemacht. Leider wusste Patrick nur zu genau, wie er ihn auf die Palme bringen konnte. Zwei Finger an die Stirn gelegt, griff sein ehemaliger Freund nach seinem Handy, das aufdringlich begonnen hatte, die ersten Takte eines alten Phil-Collins-Hits zu spielen. Ohne Juans Reaktion abzuwarten, wandte er sich ab und entfernte sich in Richtung Hotelbüro. Trotzdem konnte Juan erkennen, dass Patrick keine guten Nachrichten erhielt. Sein selbstgefälliges Lächeln wich einem tiefen Stirnrunzeln.

Aber statt Genugtuung darüber zu empfinden, wie seinem Rivalen von einst die Gesichtszüge entglitten, ballte Juan die Hände zu Fäusten. Am liebsten wäre er ihm hinterhergegangen, um ihm einen Kinnhaken zu verpassen. Patricks kryptische Anspielung konnte nur bedeuten, was er bisher schon geahnt hatte, aber nicht hatte wahrhaben wollen. Nicht die Hotelmanager waren von seinen Produkten überzeugt, erst recht nicht Patrick – sondern Marie, seine Jugendliebe und … Patricks Frau.

Carrer de la Corderia, Altstadt Palma

Aimée trat aus dem Badezimmer und wickelte betont unbeteiligt ihre Haare zu einem lockeren Chignon zusammen. »Señora! Sind Sie endlich fertig?«, rief der Spanier ungeduldig und sah sie im nächsten Moment mit völlig anderen Augen an.

Aimée wunderte sich einmal mehr, was ein Kleiderwechsel bewirken konnte. Eindeutig gefiel Zorro das Kleid besser als ihr ausgewaschenes graues Baseball-T-Shirt. Ein Moment der Unachtsamkeit, den Aimée mit einem gezielten Tritt gegen seine Hand ausnutzte. Die kleine Beretta flog gegen die Wand, und er fluchte wild. Gut, dass sie ihre Biker-Stiefel gestern Abend im Bad hatte stehen lassen. Noch ehe der Fremde sie in den Schwitzkasten nehmen konnte, trat sie ihm zwischen die Beine. Er schrie vor Schmerz auf, krümmte sich zusammen und hielt sich beide Hände in den Schritt. Ohne zu zögern, versetzte Aimée ihm einen weiteren Tritt gegen die Schulter, worauf er rücklings auf ihrem Bett landete. Mit einem Satz setzte sie sich auf seinen Brustkorb, die Knie in seinen Bizeps gedrückt. Er heulte auf.

»Ahora bien, mi amigo, wer bist du? Was willst du von mir?«, fragte Aimée scharf. Als sie keine Antwort erhielt, begann sie, ihr Knie noch ein wenig fester in seinen Oberarm zu bohren.

»Mein Name ist Rodrigo. Mein Auftraggeber … De Miravelles wartet nicht gerne auf seine Gäste«, stöhnte er schließlich.

»De Miravelles?« Aimée musste sich verhört haben. »Garcia de Miravelles?« wiederholte sie.

»Ja, kann ich jetzt wieder aufstehen?«

»Ich verstehe, de Miravelles hat meine Handynummer verlegt, daher müssen Sie in meine Wohnung einbrechen!« Aimée holte tief Luft. »Dafür habe ich natürlich Verständnis.« Sie musste aufpassen, dass sich ihre Stimme vor Rage nicht überschlug.

»Umso besser. Er wird schon seine Gründe haben, meinen Sie nicht?« Man sah ihm an, dass er sich aus seiner schmerzhaften Lage befreien wollte. »Ich weiß nicht, was da zwischen Ihnen und de Miravelles läuft. Ich weiß nur, dass Sie ihm etwas schuldig sind«, keuchte er. Aimée spannte sich an, um ihre Selbstbeherrschung nicht zu verlieren. Ein harter Druck legte sich auf ihre Brust. Niemand wusste besser als sie, dass es zwischen Garcia und ihr eine offene Rechnung gab. Sein Stöhnen erinnerte sie daran, wie fest sie den unter ihr liegenden Mann noch im Griff hatte.

»Ich komme mit«, erwiderte sie tonlos, schwang sich mit einem Bein über seinen Körper vom Bett, strich ihr Kleid glatt und angelte sich Jeansjacke und Handtasche, die sie am Abend vorher achtlos über einen der Korbstühle geworfen hatte.

Garcia de Miravelles. Er hatte letzte Woche dreimal auf ihre Mailbox gesprochen und um Rückruf gebeten. Eigentlich hätte sie es sich denken können, dass nur er hinter diesem theatralischen Auftritt stecken konnte. Nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild, seine ganze Haltung erinnerte an einen Menschen aus dem 19. Jahrhundert.

Auch wenn sie für ihren Samstagmorgen etwas anderes geplant hatte, wusste sie nun wenigstens, mit wem sie es zu tun hatte. Sie schrieb Mateo eine SMS, dass sie heute nicht zum Joggen kam. Wenigstens konnte sie sicher sein, in den nächsten Stunden nicht mit einer Kugel im Bauch irgendwo zwischen Mülltonnen auf dem Hinterhof eines drittklassigen Hotels zu liegen.

Was konnte Garcia nur von ihr wollen? Nach ihrer letzten Begegnung war alles zwischen ihnen gesagt gewesen, oder dachte er an einen Auftrag? Sollte sie etwa wieder für ihn arbeiten? Nach dem Desaster ihrer letzten Begegnung hielt Aimée das für ausgeschlossen.

»Vamos, Senora?«, riss Raoul sie aus ihren Gedanken, während Aimée wie in Trance die Tür abschloss. Er folgte ihr durch das kühle Treppenhaus. Ihre Schritte hallten laut auf den Steinfliesen des Patios. Hier unten war die Luft fast eisig, die getünchten Mauern hielten die Temperaturen der Nacht.

»Haben Sie das Tor geöffnet?«, fragte sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Doch sein zufrieden wirkender Blick auf seinen klappernden Schlüsselbund sprach Bände.

Garcia würde von ihr etwas zu hören bekommen, schwor sie sich. Sie vernahm ein kurzes Klicken, anschließend das japsende Piepen eines Wagens. Im nächsten Moment trat der Spanier die Haustür hinter ihnen zu, führte Aimée zu dem auf dem Bürgersteig parkenden mattschwarz lackierten BMW-Cabrio, öffnete die hintere Autotür und schob sie in den Wagen.

In Aimée brodelte es. Wie sehr sie solche Methoden hasste! Eigentlich war sie die letzte Person, die sich einfach so abführen ließ. Dass ihr Magen knurrte, machte die Situation nicht besser. Hunger zu haben war für sie die Garantie, richtig schlechte Laune zu bekommen. Erst als der Wagen nach einigen Minuten die nahe gelegene Hauptstraße erreichte und sich das Panorama der Serra de Tramuntana in der Ferne abzeichnete, entspannte Aimée sich etwas. Der Sonnenaufgang überzog die Insel mit seidigen Lilatönen, und das Bergmassiv erschien noch mächtiger und unerreichbarer als sonst. Ohne einen Café solo und eine frische Ensaimada würde Garcia am frühen Morgen kein Gespräch beginnen – so gut kannte sie de Miravelles bereits.

Ma-19/Ma-11: Palma – Sóller

Juan Alverez kämpfte gegen den Drang an, das Gaspedal durchzutreten. Die Hände fest um das Lenkrad gepresst, schaffte er es nur mit einiger Mühe, die schmale Allee mit ihren blühenden Rhododendronbüschen, die sich bis vor das schmiedeeiserne Tor der Hotelausfahrt erstreckte, im Schritttempo zu durchfahren. Erst als er kurz hinter der Ausfahrt auf die Straße einbog, die in Richtung Autobahnzubringer führte, gab er Gas. Er überholte den bus el aeropuerto, überquerte viel zu schnell die Kreuzung, bis er mit erhöhter Geschwindigkeit auf die Ma-19 auffuhr. Schließlich zog er rechts auf die Ma-11 und ließ Palma hinter sich. Es war lange her, dass er von seinem alten Jugendfreund gedemütigt worden war.

Patrick Dengler war ein Meister in Herzlichkeit vortäuschendem Small Talk, geschickt darin, seinen Gesprächspartner um den Finger zu wickeln, ohne dass dieser merkte, wie schnell er übers Ohr gehauen wurde. Er war skrupellos und pflegte entsprechende Kontakte. Juan kannte ihn lange genug. Er kannte den Code seiner Mimik, spürte hinter der Fassade den abschätzenden Blick, der schon fast an Verachtung grenzte, das falsche Mitleid. Der millionenschwere Deutsche, der sich Immobilien unter den Nagel riss, sie zu einer Goldgrube machte, um sie an Prominente und Neureiche oder an die meistbietende Baugesellschaft zu verkaufen. In den letzten Jahren hatte er sich in die Hotelbranche eingekauft und leitete nun vier Themenhotels auf Luxusniveau. Der Gegensatz zwischen ihnen war schon fast lächerlich groß.

Vielleicht hätten sie trotz allem Freunde bleiben können, wenn es nicht diesen einen Menschen gegeben hätte. Dass Marie damals Patricks Heiratsantrag angenommen hatte, wäre etwas gewesen, womit sich Juan über kurz oder lang abgefunden hätte. Vielleicht hätte er sogar Pate ihres Sohnes werden können. Er hätte sich arrangiert, bestimmt. Aber es gab etwas, dass ihn lange davon abgehalten hatte, seinen Frieden mit Maries Entscheidung zu treffen. Erst seit er Nima auf einer Umwelt-Demo begegnet war, hatte sein Leben eine neue Farbe bekommen.

Juan fuhr in den Sóller-Tunnel ein und musste das Tempo drosseln. Er fluchte laut. Wann würde den Mallorquinern endlich die Maut erlassen? Aber am lautesten fluchte er darüber, wie schnell alte Wunden aufreißen konnten. Er hatte sich so sicher gefühlt, schließlich wollte er Nima morgen Abend einen Antrag machen.

Bilder von Patrick und Marie als 12-jährige Kinder ließen sich einfach nicht aus seinem Gedächtnis verbannen. Wie sie an der Bucht von Porto Sóller von den Klippen in die kalten Tiefen sprangen, immer wieder in das Blau eintauchten, ein nicht enden wollendes Lachen, ein ewiges Außer-sich-Sein, nur salziges Wasser, kitzelnder Wind, wärmende Sonne und ein endloses unangetastetes Leben lag vor ihnen. Alles schien machbar, greifbar und unglaublich leicht. Doch schenkte Marie dem deutschen Jungen ein Lächeln mehr als ihm, schien die Sonne plötzlich nicht mehr so hell, wechselte das Meer in einen dunkleren Farbton, biss sich ein dumpfer Schmerz in Juans Unterleib. Erst wenn Marie kurz darauf wieder auf der Felsklippe stand, ihre nassen Haare ausschüttelte, dann zusammenband, und sie winkend Juans Namen rief, damit er auch wirklich zusah, wenn sie sprang, zitterte er nicht mehr vor Kälte und Angst, den kostbaren Moment der Einigkeit zwischen ihnen dreien verloren zu haben, sondern vor Erleichterung. An ihren lachenden dunkelblauen Augen sah er, dass sie glücklich war, und dieses Glück glänzte in seiner Seele wie die Lichtreflexe auf dem hellen sandigen Meeresgrund der schillernden Buchten Mallorcas.

Villa de Miravelles, Deià

»¡Buenos días! Señora Sander. Haben Sie schon gefrühstückt?« Garcia de Miravelles trat aus seinem dunklen Arbeitszimmer heraus in den sonnendurchfluteten Salon, um Aimée zu begrüßen.

Eher schlank als muskulös und eher mittelgroß als stattlich, entsprach er nicht wirklich dem Idealbild eines Frauenschwarms. Trotzdem musste sie dagegen ankämpfen, für einen Moment die Luft anzuhalten. Gut, sie wusste, wie Garcia de Melvilles auf sie wirkte. Schon bevor sie ihm das erste Mal begegnet war, hatten die Erzählungen über ihn ihre Neugier geweckt, und sie fühlte sich von seinem Ruf ebenso angezogen wie von seinem Promi-Status abgestoßen. Er belieferte die Balearen mit den besten Weinen aus der ganzen Welt, chilenische Merlots, australische Sauvignons und Pinotage aus Südafrika, prämiert, teuer, exklusiv.

De Miravelles trug eine schwarze Anzughose und ein blütenweißes Hemd. Sein Teint, sonst eher gebräunt, wirkte heute blass.

»Dazu ließ mir Ihr Revolverheld keine Zeit, Señor de Miravelles«, erwiderte Aimée.

»Nachdem Sie meine Anrufe ignoriert haben, musste ich davon ausgehen, dass sie freiwillig keinen Fuß mehr in meine Villa setzen würden.« De Miravelles wies ihr den Weg durch den Salon auf eine breite Veranda. Auf dem riesigen Eichentisch war für zwei Personen eingedeckt.

»Das würde Ihr Stolz nicht zulassen«, setzte er hinzu.

»Was nicht allzu schwierig zu verstehen ist. Schließlich haben Sie mich damals rausgeschmissen …« Irgendetwas hielt Aimée davon ab, ihm vorzuhalten, was er ihr damals alles an den Kopf geworfen hatte.

Schnell bemerkte sie, dass sein schwarzes Haar an den Schläfen silbergrau geworden war, aber er trug es immer noch ein wenig länger als üblich. Sein Lächeln war nur angedeutet. Sein Blick war ernst und aufmerksam auf sie gerichtet wie bei einem Panther, der jede Bewegung seiner Beute genau taxiert. Seine Stimme klang etwas dunkler als noch vor einem Jahr. Nur seine Haltung war noch genauso streng und förmlich wie bei ihrer ersten Begegnung.

Seit sie die von Olivenbäumen umgebene alte Villa mit den zwei Ecktürmen oberhalb von Sóller betreten hatte, versuchte sie, die Erinnerung an die Ereignisse zu verdrängen, die zu ihrem ersten Zusammentreffen geführt hatten. Wenn sie ehrlich war, versuchte sie seit einem Jahr nichts anderes.

Die Luft war mild und salzig. Obwohl die Villa weit oberhalb des Meeres lag, hatte Aimée den Eindruck, die Gischt der wilden Wogen, die Tag für Tag und Minute für Minute gegen die steil aufragenden Klippen brandeten, würde bis nach hier oben katapultiert. Das an den Steinfliesen üppig wachsende Johanniskraut verlieh der ganzen Szenerie den typisch mallorquinischen Duft, der Aimée immer noch beruhigte, weil er sie für einen Moment in ihre Kindheit versetzte. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem algerischen Stiefvater hatte sie oft die Ferien hier auf Mallorca verbracht.

De Miravelles warf ihr einen Blick zu, der sie frösteln ließ. Als seine Tochter vor über einem Jahr verschwunden war, hatte er nicht nur die Polizei hinzugezogen, sondern auch Aimée als private Ermittlerin um Unterstützung gebeten. Es gab keine Lösegeldforderung und auch sonst keine Drohbriefe. Die damals 16-jährige Lélia war wie vom Erdboden verschluckt.

»Ich möchte mich für die ungewöhnliche Kontaktaufnahme bei Ihnen entschuldigen«, erklärte er und wies sie an, sich zu setzen.

»Ihr Bodyguard hat mich zu Tode erschreckt. Sie hätten nach Palma fahren oder mir etwas Aussagekräftiges aufs Band sprechen können. Verdammt.«

Er hob eine Augenbraue. »Ich habe mich soeben entschuldigt. Wollen Sie sich nicht setzen?« De Miravelles rückte Aimée ihren Stuhl zurecht und sah sie auffordernd an.

»Nein. Sie sagen mir jetzt, was dieser ganze Zauber soll.« Seine Unverfrorenheit machte sie wahnsinnig.

»Feinfühligkeit war schon damals nicht Ihre Stärke«, bemerkte er trocken.

»Stimmt. Aber ich werde auch nicht dafür bezahlt, die Dinge schönzureden.« Sie war für Offenheit und sagte lieber die Wahrheit, als sich im Dickicht dessen zu verheddern, was andere Menschen womöglich verletzen konnte. Es war, als ob ihr die natürliche Sperre fehlte, eine Schranke. Nein, Diplomatie war nicht ihre Stärke. Doch irgendwann hatte sie aufgehört, sich dafür zu schämen.

»Lassen Sie es gut sein, Aimée«, erwiderte er schneidend.

»Sie hatten damals keine andere Wahl. Sie mussten die Polizei informieren.« Wem wollte sie etwas vormachen? Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Blick noch eisiger werden konnte. Ungerührt reichte er ihr die silberne Schale mit den weiß gepuderten Ensaimadas.

»Café con leche mit einem doppelten Espresso, nicht wahr?« Garcia wies den Hausangestellten an, der mit einem Tablett auf die Terrasse getreten war, die Tasse vor Aimée auf den Tisch zu stellen. Er selbst nahm sich einen Café solo vom Tablett.

Daran erinnerte er sich?

»Essen Sie. Sie müssen etwas im Bauch haben, bevor ich Ihnen erzähle, warum Sie hier sind.« Das war der Moment, in dem Aimée am liebsten aufgesprungen wäre. Aber auch wenn sich vergangene Fehler nicht rückgängig machen ließen, wenn sie eines für Garcia de Miravelles tun konnte, dann war es, ihm wenigstens zuzuhören.

Keller, Bogotá, Kolumbien

Carlos fühlte den Schweiß auf seiner Haut. Sein Mund war trocken. Er konnte die Augen kaum aufhalten, ein stechender Kopfschmerz pochte hinter seiner Stirn. Wie lange lag er wohl schon in diesem Haus? Einen Tag? Drei Tage?

Alles hatte mit diesem Treffen begonnen, an dem auch kolumbianische Regierungsvertreter teilnehmen sollten. Das Thema waren neue Maßnahmen, um die Regenwaldrodung einzudämmen. Ein wichtiger Termin. Doch vor dem Gebäude in einem Vorort von Bogotá, wo er laut einem Mittelsmann erscheinen sollte, war Carlos überfallen und dann verschleppt worden. Er war tatsächlich in eine Falle getappt, obwohl er es hätte besser wissen müssen. Carlos wusste, wie gefährlich solche Verhandlungen sein konnten, aber er hatte dem jungen Kolumbianer vertraut. Doch womöglich hatte dieser selbst sein Leben riskiert.

Am ersten Tag konnte er noch über sein Handy verfügen. Um Geld zu organisieren, wie die beiden vermummten Fremden sagten. Er informierte Pia, dass Geld seine einzige Chance war, hier lebendig rauszukommen. Sie hatte geantwortet, ihm so schnell zu helfen, wie sie könne. Am nächsten Morgen war sein Handy weg. Seitdem hatte er jedes Zeitgefühl verloren.

Jetzt war er in diesem fensterlosen Raum gefangen, in dem schwarze Balken die Decken durchzogen und ihn bedrohten wie Fallbeile; überall stank es nach Schimmel und toten Ratten.

Carlos versuchte, sich auf der alten Matratze aufzurichten, und griff nach einem Glas Wasser, das auf dem Boden neben einer Karaffe stand. Zitternd führte er es an seine Lippen, dann stellte er es wieder ab, lehnte sich erschöpft zurück und schloss die Augen.

Die letzten Monate hatte er sich gemeinsam mit Pia Umweltaktivisten aus aller Welt angeschlossen. Sie waren in verschiedenen Ländern tätig geworden. Nima hatte ihm immer wieder Geld aus Mallorca geschickt, damit sie über die Runden kamen. Aber auch Spendengelder von gemeinnützigen Vereinen halfen ihnen, an die Orte zu reisen, wo sich Menschen aus Profitgier an der Natur versündigten. Sie waren in die Alpen gefahren, um für die Rettung der Gletscher zu demonstrieren. Oder sie beteiligten sich an Aktionen in paradiesähnlichen Orten, wo ausländische Hoteliers sich an keinerlei Umweltgesetze hielten, unnötigen Müll produzierten sowie Lebensraum und Lebensgrundlage der Einheimischen und der Tier- und Pflanzenwelt zerstörten.

Seit über einem halben Jahr waren sie jetzt in Südamerika unterwegs, um gegen die Abholzung der tropischen Regenwälder vorzugehen. Carlos war sich bewusst, dass es ein Kampf gegen Windmühlen war. Aber ihre Bewegung wurde größer. Die Klimaveränderung drohte den Menschen mit Naturkatastrophen. Es war zum Verzweifeln, dass trotzdem immer weiter gerodet wurde. Die Regierenden mussten doch begreifen, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Wut über diese Ungerechtigkeit lieferte ihm das nötige Adrenalin; er würde nicht aufgeben, er vertraute Pia. Er durfte nicht resignieren, dann hätte die schlechte Seite gewonnen.

Villa de Miravelles, Deià

»Wissen Sie eigentlich, wie unfähig Sie sind? Kein Wunder, dass man Sie aus dem Polizeidienst in Deutschland entlassen musste.« So hatte de Miravelles sie damals in seinem Arbeitszimmer angebrüllt. Aimée hatte es sich geschenkt, ihn darüber aufzuklären, dass sie selbst gekündigt hatte.

»Sie haben nicht das geringste psychologische Gespür. Meine Tochter würde mir so etwas niemals antun, verstehen Sie, niemals!« Ob sie sich über ihn lustig machen wolle, hatte er sie angeblafft. Ob sie nicht wisse, was Pietät bedeutet, und dass sie wohl ihren Beruf verfehlt habe.

Die Verzweiflung in seinen dunklen Augen konnte sie bis heute nicht vergessen, ebenso wenig seine Beschimpfungen.

»Was Sie behaupten, kann nur eine Mutter denken, die ihr eigenes Kind in einem anderen Land zurückgelassen hat. Verlassen Sie mein Grundstück, ich will Sie nie wieder hier sehen.«

»Ich bin schon weg. Aber vielleicht sollten Sie darüber nachdenken, was es für ein junges Mädchen bedeutet, mit einem Vater zusammenzuleben, für den Affären den gleichen Stellenwert haben wie das Entkorken einer Weinflasche.«

Aimée hatte sich umgedreht und war gegangen. Was nichts an der Tatsache änderte, dass die Umstände von Lélias Verschwinden Fragen aufwarfen. In Lélias Alter taten Kinder Dinge, die kein Vater für möglich halten würde. Aimée wusste, die Zahl der vermissten Jugendlichen ließ keine Rückschlüsse auf Herkunft und soziale Verhältnisse zu; Kinder verschwanden in Hamburg aus Billstedt ebenso wie aus Blankenese.

Er hatte ihren wunden Punkt getroffen. Sie konnte nun mal nicht zu Hause sitzen und die fürsorgliche Entenmutter spielen, das lag ihr nicht. Trotzdem züngelte sein Vorwurf wie die Flamme einer Kerze gegen ihren Solarplexus und nährte das schlechte Gewissen einer vermeintlichen Rabenmutter. Auch wenn sie wusste, dass es Josephine in Hamburg gut ging und sie kein Interesse daran hatte, mit ihr auf der Baleareninsel zu leben. Das behauptete sie jedenfalls. Und Aimée glaubte ihr.

Eskaliert war die Situation überhaupt erst, weil sie eine Parallele zu einer Vermisstenmeldung gezogen hatte.

Es war einer ihrer ersten Fälle auf Mallorca gewesen. Eine verschwundene 15-jährige Deutsche, die nach einem Strandtag mit Freunden und einigen Drinks zu viel in einer Bar in Arenal zum letzten Mal gesehen worden war. Der Vater des Mädchens hatte Aimée schon im Voraus eine Summe überwiesen, die ihre Miete für die Dachwohnung in Palma für das ganze Jahr abdeckte. Dass sich Jennifer als Putzhilfe in der Millionärsvilla eines Popstars verdingt hatte, nur um ihrem Idol nahe zu sein und ihm ihre Version von »The First Cut Is the Deepest« vorzusingen, veranlasste ihn, seine Geldbörse noch ein erhebliches Stück weiter zu öffnen. So erleichtert war er darüber, dass Aimée seine Tochter lebendig aufgespürt hatte.

Doch dieser Vergleich hatte de Miravelles damals nicht gefallen. Nein, er hatte Aimée deutlich gemacht, dass die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter von Vertrauen geprägt war. Dass er sie nun mit Eskorte zu einem privaten Tête-à-Tête an seinen Frühstückstisch bat, konnte nur eines bedeuten: Garcia de Miravelles wollte sich entschuldigen, weil sie recht gehabt hatte.

El Sueño Relax & Spa, Portals Nous

Wie alle Hotelgäste waren auch er und seine Frau Elsa in die Lobby gerufen worden. In der Hotelhalle mit den helltürkisen Glaslampen und sandfarbenen Sofas herrschte ein ziemlicher Trubel. Mehrere Polizisten verzeichneten anscheinend auf ihren Tablets, wer welches Alibi für den heutigen Morgen hatte. Die meisten Gäste hatten um sieben Uhr noch geschlafen. Das würde er auch angeben. Er und seine Frau machten bereits seit einer Woche Urlaub in dem für Menschen mit Behinderung gut ausgebauten Design-Hotel. Sie schliefen gerne aus und bedienten sich schon vor dem Frühstück an dem Obstkorb, der jeden Tag aufgefüllt wurde, ebenso wie jeden Tag eine neue Flasche Cava vom Zimmermädchen auf den runden Glastisch gestellt wurde. Den tranken sie meist etwas früher als zur Blue Hour auf dem Balkon. Natürlich mit Meerblick. Kein Wunsch blieb unerfüllt. Nur der eine Wunsch, dass seine Frau wieder gehen kann, blieb ihm verwehrt. Stattdessen schob er Elsa in einem Rollstuhl durch das Foyer und wartete darauf, dass sie aufgerufen wurden. Es hieß, die Yoga-Trainerin des Hauses war aus dem sechsten Stock, der Wellness- und Yoga-Etage, über die Balustrade gestürzt und mit dem Hinterkopf auf der Steinterrasse aufgeschlagen. Kein schöner Tod, aber immerhin schnell.

»Zimmernummer 211, por favor.«

»Wir haben geschlafen, Comisario«, erklärte Elsa, ohne eine Frage abzuwarten. Der Polizist vermerkte ihre Antwort auf seinem Tablet.

»Sie sehen ja, dass meine Frau kein Yoga machen kann.« Hans Thalberg konnte es sich nicht verkneifen, das dem Polizisten unter die Nase zu reiben.

»Und mein Mann und Yoga, ich sage Ihnen, zwei Welten begegnen sich. Wir spielen … wir haben Tennis gespielt, bevor ich einen Unfall hatte.«

»Reicht Ihnen das?« Thalberg griff nach Elsas Hand. »Wir möchten gerne weiter unseren Urlaub genießen. Soweit das hier noch möglich ist.« Eine Zumutung war das.

»Hans, der Mann macht nur seine Arbeit. Wenn Sie noch Fragen haben, wir helfen Ihnen gerne.«

Seine Frau war viel zu gut für diese Welt, und was hatte ihr das gebracht? Er schwieg und sah den Polizisten grimmig an. Dieser nickte und hakte ihre Zimmernummer mit einem grünen Kreuzchen ab.

Villa de Miravelles, Deià

»Señor de Miravelles, kann ich jetzt erfahren, worauf dieses absurde Treffen hinauslaufen soll?«

Statt einer Antwort reichte er ihr noch einmal den Korb mit den Ensaimadas, doch diesmal lehnte Aimée mit einem Kopfschütteln ab.

»Aimée, ich mag Sie.«

Er räusperte sich, legte die Fingerspitzen auf die Tischkante, und Aimée spürte geradezu körperlich, wie schwer ihm die folgenden Worte fielen.

»Ich male mir oft aus, dass Lélia noch lebt; das ist mir der einzige Trost.« Er zerpflückte seine Ensaimada auf dem Teller. »Ich stelle mir vor, wie sie älter wird, wie sie mit anderen Menschen spricht, wie sie ihre Haare zusammenbindet, wie sie lacht …« Er stockte.

»Ich weiß, ich bin Ihnen mit meiner Vermutung zu nahegetreten.« Es tat ihr aufrichtig leid, wie sehr sie ihn verletzt haben musste. »Es hätte mir klar sein sollen, wie unwahrscheinlich es war, sie irgendwo am anderen Ende der Welt wohlauf zu finden – schließlich wurde der Flughafen sofort nach ihrem Verschwinden kontrolliert.«

Dass es neben einigen Fakten, was Lélias Verschwinden betraf, Unstimmigkeiten gab, würde sie Garcia bestimmt kein zweites Mal unter die Nase reiben. Es war schon schlimm, sein Kind zu verlieren, aber sich vorzustellen, dass die eigene Tochter es in Kauf nahm, einem Elternteil ihren möglichen Tod zuzumuten, war schlichtweg grausam. Kein Mitleid mit den eigenen Eltern zu haben ließ entweder auf einen triftigen Grund schließen oder darauf, dass Lélia manipuliert worden war.

»Die Polizei hat alles getan, was getan werden konnte«, fuhr er nun etwas sachlicher fort. »Trotzdem lässt sich für mich der letzte Zweifel nicht ausräumen, ob ich den richtigen Weg gewählt habe.« Für einen Moment presste er seine Lippen aufeinander, dann schlug er mit beiden Handflächen kurz auf den Tisch und schob seinen Stuhl zurück, um aufzustehen.

»Sie sind nicht hier, um sich meine Selbstvorwürfe anzuhören.« Er stellte sich mit dem Rücken an das Geländer, hinter ihm das offene Meer und die Wellen, die in ihrer tiefblauen Unendlichkeit dem Rhythmus des Kommens und Vergehens unbeirrbar folgten. »Auch wenn Sie es nach unserer letzten Begegnung nicht für möglich halten, aber ich weiß Ihre Ehrlichkeit und Ihre direkte Art zu schätzen.«

Aimée hielt es für besser zu schweigen, bis sie endlich wusste, um was es überhaupt ging.

»Eigentlich handelt es sich um eine Routinearbeit.« Seine Augen sprühten Funken. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie diesen Blick während ihres Gesprächs vermisst hatte. Es schien, als ob ein Teil von ihm im wahrsten Sinne des Wortes erloschen war. Warum blitzten diese Funken jetzt plötzlich wieder auf?

»Sie sollen ein Bild für mich suchen«, sagte er schlicht.

»Ein Bild?« Was war nur los mit ihr heute? Aber was zum Teufel meinte er: ein Foto, ein Gemälde?

»Ich zeige Ihnen, wo es bis gestern noch hing.« Er hielt ihr die Terrassentür auf.

»Es wurde gestohlen? Hier in Ihrer Trutzburg?« Am Eingang hatte sie einen Sicherheitsmann gesehen, und auch die Alarmanlagen waren nicht gerade dezent angebracht.

»Es muss jemand gewesen sein, der sich in meinem Haus gut auskennt«, erklärte er. »Gerade der erste Stock ist nicht problemlos zu erreichen, wenn die Sicherheitsanlage eingeschaltet ist.« Er griff nach einer schmalen Fernbedienung, die auf einem Marmortisch lag, und demonstrierte, was geschah, wenn man die große Steintreppe hinaufging, während die Lichtschranke eingeschaltet war. Ein roter Laserstrahl wurde in dem Moment sichtbar, als Garcia den Fuß auf die dritte aus hellem Sandstein gehauene Stufe setzte. Eine ohrenbetäubende Sirene heulte auf und ließ Aimées Trommelfell erbeben. Die Frequenz ihres ewig rauschenden Begleiters wechselte in ein energisches Pfeifen, das auch nicht mehr leise wurde, obwohl sie blitzschnell ihr Ohr zuhielt. Eine Geste, die Garcia nicht entging.

»¡Perdón! Ich wusste nicht, dass Sie so empfindlich sind«, bemerkte er und beendete mit einem Druck auf die Fernbedienung den markerschütternden Alarm.

»Eine Handgranate ist bei einem Einsatz in Mali neben meinem Wagen explodiert. Das hat mein Hörnerv mir nicht verziehen.« Warum erzählte sie Garcia davon?

Er musterte sie durchdringend. »Sie waren in Mali?« Sah sie etwa einen Ausdruck der Bewunderung auf seinen Gesichtszügen? Das konnte er sich sparen. Trotz ihrer Risikobereitschaft war ihr Einsatz von so vielen Niederlagen geprägt, dass sie irgendwann angefangen hatte, an dem Sinn der Mission zu zweifeln.

»Ich habe fünf Monate in einem Trainingszentrum für malinesische Polizeischüler in Bamako gearbeitet.«

»¡Dios mio!« Ohne einen weiteren Kommentar stieg er die Steintreppen hoch, wobei seine Verwunderung fast etwas beleidigend wirkte. Es war offensichtlich, dass für ihn Frauen nicht in Krisengebiete gehörten.

»Ich kann nicht glauben, dass Sie das nicht wussten. Sie haben doch sicher über mich im Internet recherchiert?«, bemerkte Aimée.

»Nicht nur das, ich habe auch auf anderen Ebenen über Sie Nachforschungen angestellt …«

»Tja, dann arbeiten Ihre Leute vielleicht nicht sorgfältig genug.«