Tod bei Kilometer 8 - Jörg Manz - E-Book

Tod bei Kilometer 8 E-Book

Jörg Manz

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Beschreibung

Bei einem sportlichen Großereignis in Mettmann stirbt ein Läufer. Die Witwe vermutet Mängel beim Sicherheitskonzept. Nachdem sie eine Obduktion beauftragt hat, verschwindet die Leiche und wird wenig später verkohlt aufgefunden. Dann geschieht ein Mord. Stehen die beiden Ereignisse miteinander in Verbindung? Die Polizei steht vor einem Rätsel.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Krimi

Bei einem sportlichen Großereignis in Mettmann stirbt ein Läufer. Die Witwe vermutet Mängel beim Sicherheitskonzept. Nachdem sie eine Obduktion beauftragt hat, verschwindet die Leiche und wird wenig später verkohlt aufgefunden. Dann geschieht ein Mord. Stehen die beiden Ereignisse miteinander in Verbindung? Die Polizei steht vor einem Rätsel.

Der Autor

Jörg Manz wurde im Jahr 1955 in Kiel geboren. Nach zwanzig Jahren Selbstständigkeit ist er seit 2018 im Ruhestand. Er lebt in Mettmann, der Neanderthalstadt zwischen Düsseldorf und Wuppertal. „Tod Kilometer bei 8“ ist sein zweites Werk aus der Reihe „Krimi aus dem Neanderland“.

Für meine Frau, die in unendlicher Geduld dieses Buch gefühlt zwanzigmal lesen durfte.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Epilog

Kapitel 1

Jürgen Mainz fuhr gemütlich mit seinem Jaguar S-Type die A44 Richtung Holland. Zwar gab sein 396 PS starker Wagen einiges her, aber er war kein Raser. Einhundert PS weniger hätten ihm auch gereicht, aber damals, beim Kauf, war dieses Auto sofort verfügbar gewesen. Es hatte alle Sonderausstattungen, die man sich wünschen konnte. Natürlich in British Racing Green und Ledersitze in hellem Champagnerton. „Da fallen die Champagnerflecken nicht so auf“, erzählte er jedem lachend. Das Auto hatte bereits 250.000 Kilometer gelaufen und wurde schon lange nicht mehr gebaut. Aber er hing an dem Jaguar und dieser Wagen war unauffällig.

Schon mehrfach war Mainz in der Nähe der holländischen Grenze in Kontrollen der Polizei geraten. Immer hielt er unaufgefordert an und ließ das Fenster herunter.

„Fahren Sie bitte weiter, Sie gehören nicht zu unserer Klientel“, lautete stets die Aufforderung der Polizisten.

„So kann man also Drogen schmuggeln. Mit Anzug und Krawatte in einem Jaguar S-Type“, schmunzelte Mainz jedes Mal. Auch wenn sie ihn durchsucht hätten, wäre nichts gefunden worden, selbst von Hunden nicht. Weil nichts zu finden war. Darauf achtete er akribisch.

Mainz war Inhaber einer Einzelhandelskette von Geschenkartikeln in ganz Deutschland. Vor Jahren entwarf er eine Engelfigur und ließ sich das Muster schützen. Der Verkauf war sehr erfolgreich. Wenn Mainz darauf angesprochen wurde, sagte er immer: „Ich kaufe Artikel für einen Euro ein und verkaufe sie für zwei Euro. Vor diesem einen Prozent lebe ich. Das ist zwar mathematisch dumm, aber kaufmännisch klug.“ Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite. Mainz hatte genau den Geschmack der Zeit getroffen. Schnell baute er die Marke aus. Importieren ließ er die in Fernost produzierte Ware über seine niederländische Tochtergesellschaft. So musste er öfter in das Nachbarland, um Ware zu begutachten, zu ordern oder mit Spediteuren zu verhandeln.

Mainz war in seiner Branche bekannt und geschätzt. Er war Vorsitzender des Prüfungsausschusses der IHK und der Mittelstandsvereinigung in Nordrhein-Westfalen. In beiden Gremien hatte sein Wort Gewicht. Auch vom Einzelhandelsverband wurde er zu Vorträgen eingeladen.

Darüber hinaus engagierte er sich für soziale Einrichtungen, sowohl ideell als auch finanziell. Dieses Engagement verstand er sehr gut in Szene zu setzen, nach dem Motto: „Tue Gutes und erzähle darüber.“ Er war sehr extrovertiert und stand gerne im Mittelpunkt. Vor Kurzem hatte ihm der Ministerpräsident den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Mainz trug diese Auszeichnung bei jeder passenden und manchmal auch unpassenden Gelegenheit zur Schau.

Mit seinen 165 Zentimetern war er eher klein. Er hatte ein rundes Gesicht mit einer freundlichen Ausstrahlung. Sein bartloser Teint war durch eine starke Pubertätsakne rau und uneben. Die Kopfhaare waren grau und zu einem Kranz dezimiert. Der Haarausfall begann bereits während der Schulzeit. Zu einer Feier anlässlich des fünfjährigen Abiturs in einem Restaurant meinte der Wirt, er fände es großartig, dass auch Eltern zu dem Treffen eingeladen wären. Mainz trug es mit Humor.

Dies war das eine Leben von Jürgen Mainz: der erfolgreiche Unternehmer, der sich stets um seine Mitarbeiter kümmert. Fürsorglicher Ehemann, Vater und Großvater, sozial engagiert.

Von seinem zweiten Leben wusste niemand etwas.

Jürgen Mainz stellte sein Auto in einem Parkhaus am Rotterdamer Flughafen ab. Er wechselte seine Kleidung im Auto in Jeans mit einem Sakko und Sneakers. Eine Perücke, ein angeklebter Kinn- und Oberlippenbart sowie gefärbte Augenlinsen änderten sein Aussehen erheblich. Durch die schwarze Echthaarperücke, in die kunstvoll einige silbergraue Haare eingeknüpft waren, wirkte er um mindestens zehn Jahre jünger. Aus einer eingenähten Tasche unter der Fußmatte des Beifahrersitzes zog er einen niederländischen Ausweis und einen Führerschein auf den Namen Luuk de Jong hervor. Die Qualität der gefälschten Papiere war hervorragend. De Jong war einer der gebräuchlichsten Namen in den Niederlanden und somit absolut unauffällig. Mainz sprach fließend Niederländisch. Seine Mutter kam aus Zeeland und er war zweisprachig erzogen worden. Es war unwahrscheinlich, dass er in einer Kontrolle der niederländischen Polizei auffallen würde.

Er verließ das Auto mit einer rotbraunen Lederaktentasche und schritt zum Schalter der Hertz Autovermietung. Hier mietete er einen Toyota Camry, einen durchschnittlichen Mittelklassewagen. Mainz, alias Luuk de Jong, gab die Adresse eines Logistikzentrums in einem Rotterdamer Industriegebiet in das Navi ein. In der großen Lagerhalle kam seine Ware aus Fernost in Überseecontainern an und wurde für seine Filialen konfektioniert. Das lief alles vollautomatisch mit Flurförderzeugen in diesem Hochregallager. Hier arbeiteten kaum noch Menschen.

Mainz hielt vor einer heruntergekommenen Halle vor dem großen Rolltor. Er stieg aus und klopfte an das rostige Wellblech: „lang kurz lang kurz, kurz, lang lang lang“ – die Morsealphabetbuchstaben für CEO. Das war sein Deckname in der Organisation, deren Chef er war. Seinen Tarnnamen de Jong, geschweige denn seinen tatsächlichen Namen, kannte hier niemand. Ein asiatisch aussehender Mann mit buntem Kopftuch öffnete die kleine Tür neben dem Rolltor. Er ließ den CEO eintreten, nicht ohne zuvor einen Blick nach rechts und links geworfen zu haben, um sich zu vergewissern, dass keine ungebetenen Gäste in der Nähe waren.

In einem Regal an der Wand lagerten zahlreiche Säcke mit Puderzucker, Fruchtzucker, Magnesiumstearat, dazu Gläser mit der Aufschrift „Levothyroxin“. Zwei Männer in weißen Kitteln, ausgestattet mit Schutzbrille und FFP2-Maske, unterbrachen ihre Tätigkeit und begrüßten den CEO ehrfürchtig. Stolz erklärte einer der Arbeiter, der sich als „der Ingenieur“ vorgestellt hatte, ihm die Funktionsweise der kleinen Produktionsstraßen.

„Das ist eine unserer Dragierstraßen. Zu Beginn die Mischtrommel. Der Hauptbestandteil ist Puderzucker, damit der bittere Geschmack des Levothyroxins verdeckt wird. Maltodextrin verhindert, dass die Rohlinge nachher zerfallen, und Magnesium-Stearat ist quasi ein Antihaftmittel, damit die Rohlinge nicht aneinanderkleben. Wegen des zugegebenen Wassers muss das Ganze trocknen. Das geschieht mit diesem Gebläse. Dann wird das Pulver in die Rohdragees gepresst“, führte der Ingenieur weiter aus. „Der letzte Schritt findet in dieser Dragiertrommel statt. Hier werden die Rohlinge mit Reisstärke mehrfach ummantelt und Aromastoffe wie Minzöl oder andere Aromaten hinzugegeben. Fertig ist das zic zac.“ Er grinste.

„Wie lange dauert die Produktion einer Charge?“

„Länger als zwölf Stunden, wegen des Trocknens und der manuellen Zugabe der Zutaten.“

„Geht das nicht schneller?“

„Ja, mit einer automatischen Dosierung.“

„Vergessen Sie das, zu teuer. Wie viele Produktionsstraßen haben Sie hier?“

„Fünf. Platz für zwei weitere wäre noch da.“

„Darüber können wir eventuell reden, aber keine Autodosierung.“

Bei einer der Maschinen ertönte ein Signalton, eine rote Lampe blinkte auf.

„Dort ist soeben ein Lauf mit zweitausend Dragees fertig. Da habe ich Apfelaroma zugegeben.“

Der CEO und der Ingenieur folgten dem Apfelgeruch. Der CEO nickte.

„Wie viele schaffen Sie am Tag?“

„Einen Lauf. Bei fünf Produktionsstraßen sind das 10.000 Pillen am Tag. Das entspricht 330 Päckchen zic zac. Mehr geht nicht wegen der Trocknung.“

Bei zwei weiteren Straßen wären das 14.000 Dragees am Tag, überlegte de Jong.

„Ich melde mich wegen der weiteren Produktionsstraßen“, verabschiedete sich der CEO und verließ die Halle.

Auf seinem Rückweg rechnete de Jong: ‚Jede Verpackungseinheit fasste dreißig Dragees. Das war der Monatsbedarf für eine Person. Die Erweiterung der Produktion würde die Kapazität um etwa eine Million Dragees pro Jahr erhöhen. Das entspräche knapp 35.000 Päckchen zic zac im Jahr zusätzlich.‘

Das Levothyroxin war sehr beliebt. Nicht nur Amateursportler versuchten damit abzunehmen. Auch Frauen, die mit ihrem Körpergewicht nicht zufrieden waren, waren gute Abnehmer. Der Bedarf war groß und seine Produktion konnte gerade so die Nachfrage decken. De Jong, der sich auf dem Rückweg wieder in Jürgen Mainz verwandelt hatte, überlegte, eine zweite Produktionsstätte an einem anderen Ort mit ähnlichen logistischen Voraussetzungen einzurichten.

Mainz fuhr zurück in seine Mettmanner Filiale. Einer der Lageristen hatte Dienstjubiläum, 25 Jahre. Seine Sekretärin hatte eine kleine Feier organisiert. Bei der Übergabe des Geschenks an den Mitarbeiter durch Mainz durfte die Presse natürlich nicht fehlen. Zusätzlich hatte Mainz einen Scheck vorbereiten lassen, den er vor den Pressefotografen feierlich an eine soziale Einrichtung in Mettmann überreichte.

Der geehrte Lagerist Fabrizius war einer der loyalsten Mitarbeiter in Mainz` Handelskonzern. Er hatte in all seinen Dienstjahren keinen Tag wegen Krankheit gefehlt.

Nach der kleinen Feier bat Mainz seinen Lageristen ins Büro.

„Vielen Dank, Chef, für das schöne Geschenk. Dass Sie daran gedacht haben“, lächelte Fabrizius bescheiden.

„Nicht der Rede wert. Das ist doch selbstverständlich für so einen treuen Mitarbeiter wie Sie“, erwiderte Mainz, „wie geht es Ihrer Tochter?“

Mainz war zu Ohren gekommen, dass Fabrizius` Tochter an einer lebensbedrohlichen Krankheit litt.

„Wir haben eine Chance. Es gibt eine neue Therapie in den USA. Die ersten klinischen Studien sind erfolgversprechend. Die Kassen hier in Deutschland zahlen das natürlich nicht.“

„Wie teuer ist die Therapie?“

„100.000 bis 125.000 Euro für Behandlung, Krankenhaus, Flug, Hotel und so weiter.“ Fabrizius schaute betreten auf den Boden.

„Können Sie das Geld aufbringen?“

„Nein, nur einen kleinen Teil. Da habe ich keine Mittel. Keine Bank leiht mir das.“

Fabrizius stand offiziell auf der Gehaltsliste der Geschenkartikelkette von Mainz. Eine seiner wesentlichen Aufgaben war jedoch nicht in der Tätigkeitsbeschreibung seines Arbeitsvertrages niedergeschrieben. Er versandte die aus Holland kommenden zic zacs an die Zwischenhändler in Deutschland. Diese hatten ihre Standorte in allen 120 Städten, in denen Mainz Filialen besaß. Sie durften 25 Prozent vom Erlös des Straßenverkaufs behalten. Für den Rest wurden Luftbuchungen in der Kasse der jeweiligen Filiale getätigt. So wurde aus dem schmutzigen Geld aus dem Barverkauf des Levothyroxin sauberes Geld in der Firma. Es waren Beträge von bis zu acht Millionen Euro pro Jahr, denen nur ein geringer Einkaufswert gegenüberstand. Die Firma machte satte Gewinne, die Mainz gerne versteuerte.

„Fabrizius, ich weiß, dass Sie mir seit 25 Jahren stets loyal ergeben sind und viele Sonderaufgaben für mich erledigen. Ich möchte mich auch inoffiziell bei Ihnen bedanken. Niemand erfährt von dieser Maßnahme, nur Sie und ich. Die Gesundheit Ihrer Tochter liegt mir sehr am Herzen. Ich will ihr diese Behandlung in den Staaten ermöglichen. Ihre Frau und Ihre Tochter fliegen rüber und Ihre Tochter macht diese Therapien, egal was das kostet.“

„Herr Mainz, …“, unterbrach Fabrizius.

„Keine Widerrede. Ich habe Ihre Tochter als Baby auf dem Arm halten dürfen und es ist mir wirklich ein Bedürfnis, Ihnen zu helfen.“

„Chef, das kann ich nicht annehmen.“

„Doch, das können Sie. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, wo Sie etwas für mich tun können. Jetzt regeln Sie die Amerikafahrt und den Klinikaufenthalt in den Staaten.“

Fabrizius hatte Tränen in den Augen. Er nahm die Hand von Jürgen Mainz und küsste sie.

„Herr Fabrizius, ich bin nicht Papst Franziskus“, schmunzelte Mainz, „fahren Sie jetzt nach Hause und leiten Sie alles in die Wege. Wenn Sie das geklärt haben, sehen wir uns wieder.“

Kapitel 2

Julian Burmeester stand mitten im Leben. „Voll im Saft“, wie er oft über sich sagte. Er war gerade zum Vertriebsleiter befördert worden. Ein sicheres Fixgehalt mit gutem Jahresbonus, ein größerer Firmenwagen und Verantwortung für zwölf Vertriebsmitarbeiter. Er hätte zufrieden sein können.

„Ein Mann muss ein Kind gezeugt, ein Haus gebaut und einen Baum gepflanzt haben“, war seine Devise. Das hatte er alles erreicht. Seine Ehe war intakt und die Kinder liebevoll erzogen. Trotzdem fehlte ihm etwas. Er wollte etwas schaffen, das besonders war, wofür Freunde, Nachbarn und Kollegen ihn bewunderten.

„Du solltest joggen“, riet ihm ein Nachbar und Freund, der bereits mehrere Marathonläufe absolviert hatte. „Beim Laufen schüttet der Körper Endorphine aus. Das ist gut für den Kreislauf und macht selbstbewusst.“

Julian bewunderte seinen Freund, wenn dieser vom Marathon auf Mallorca oder in New York erzählte. Also fing er auch mit dem Laufen an. Dass er hoffte, dadurch abzunehmen, hatte er niemandem erzählt. Schon lange wollte er von seinen 107 Kilogramm runterkommen. Ehrgeizig wie er war, absolvierte er mittlerweile Trainingsläufe mit zwanzig Kilometern und fühlte sich fit. Ein sichtbarer Erfolg auf der Waage zeichnete sich aber nicht ab, was ihn maßlos ärgerte.

Julian Burmeester hatte sich zeitgleich mit dem Laufen in einem Fitnesscenter angemeldet und einen detaillierten Trainingsplan, an den er sich akribisch hielt, ausgearbeitet. Nicht nur auf dem Laufband, sondern auch mit zahlreichen Übungen an Kraftgeräten. Er versuchte, Training und Beruf unter einen Hut zu bringen. Trotz seiner beruflichen Reisetätigkeit gelang es ihm gut, das intensive Training einzuhalten, denn Fitnessstudios gab es in allen Großstädten, weltweit. Oft hatten die Hotels ebenfalls einen Fitnessraum. Laufen konnte er überall.

Auf dem Laufband im Sportcenter war es langweilig, musste aber manchmal sein. Bei den Runden zu Hause im Neanderland konnte er so richtig entspannen. Oftmals fuhr er einige Kilometer mit dem Auto, um ein neues Teilstück des Neanderlandsteigs zu erkunden. Diese vom Kreis Mettmann erschlossene Wanderstrecke war 240 Kilometer lang und in 17 Etappen aufgeteilt, von leicht bis mittelschwer. Sie reichte von Heiligenhaus im Norden bis Monheim im Süden und von Ratingen im Westen bis Velbert im Osten. Die abwechslungsreichen Strecken liebte er besonders. Es gab Bachläufe mit kleinen Wasserfällen, Gehege mit Auerochsen oder naturbelassene Wälder wie in den schönsten Nationalparks.

Seine Familie war nicht begeistert davon, dass er so viel Zeit mit dem neuen Sport verbrachte.

„Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf der Welt, das freiwillig mehr läuft, als es muss“, versuchte seine Frau, ihm den Sport auszureden. Keine Chance, Julian wollte sein Ziel erreichen: den Marathon in New York.

Sein Arzt hatte auch keine Einwände gehabt. Er hatte ihn nur darauf hingewiesen, dass er seine Ernährung umstellen müsse, wenn er so viel trainiere. Deshalb hatte Julian angefangen, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Die gab es reichlich im SportFit 24/7. Seine Frau brauchte das nicht zu wissen. Er hatte Bücher über Ernährung für Ausdauersportler gelesen. Die häufigen Geschäftsessen waren für die gewünschte Ernährung aber kontraproduktiv. Claudia war nicht bereit, die Ernährung der Familie seinen Wünschen anzupassen. Und extra für ihren Mann zu kochen, kam für sie nicht infrage.

„Ich koche gut, gesund und abwechslungsreich. Wir haben alle keine Mangelerscheinungen. Das reicht auch für Sportler“, lautete ihre Antwort. Wenn sich die beiden stritten, was selten geschah, war das Thema Ernährung oft der Grund.

Schließlich hatte er mit seinem Trainer Lukas Naujoks über das Problem mit seinem Gewicht gesprochen. Denn auch irgendwelche Wundermittel aus dem Netz halfen ihm nicht, nur dem Konto des Herstellers.

Zu Lukas hatte Julian ein besonderes freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Ihm vertraute er vieles an. Lukas war gut gebaut, eins achtzig groß, hatte kurze Haare, fast Glatze, war 32 Jahre alt und hatte eine absolute Sportlerfigur, die Julian gerne hätte. Was Lukas wusste.

Schließlich sprach er den Trainer wieder an.

„Es klappt immer noch nicht so wirklich. Weißt du nicht noch etwas?“

„Es gibt da etwas, das wirklich hilft. Das wird aber nicht über das Center vertrieben. Das kannst du von mir privat haben“, bot Lukas an.

„Was ist das für ein Mittel?“ Julian war interessiert.

„Ein Medikament gegen Unterfunktion der Schilddrüse. Bei gesunden Menschen mit normaler Schilddrüsenfunktion regt es den Stoffwechsel an und du nimmst ab. Wird aber nicht zum Abnehmen verschrieben. Hat so gut wie keine Nebenwirkungen. Das Gute ist: Wenn du deine Ziele erreicht hast, kannst du es absetzen und dein Gewicht bleibt. Es sei denn, du frisst wie ein Teufel“, sagte Lukas und grinste dabei.

„Wie teuer ist das Zeug?“, wollte Julian wissen.

„Monatspackung 120 Euro. Eine Pille täglich, somit nur vier Euro pro Tag.“

Julian war Feuer und Flamme. „Hast du was da?“

„Ja. Draußen im Auto. Ich gebe es dir nachher, wenn wir fertig sind, auf dem Parkplatz. Muss ja nicht jeder sehen. Geld hast du dabei?“

„Normalerweise habe ich zum Training kaum was mit. Heute zufällig ja.“

Es war tatsächlich ein Wundermittel und sein Geld wert, freute sich Julian sechs Monate später. Sein Ziel von neunzig Kilo hatte er erreicht. 17 Kilo abgenommen. Niemandem hatte er von seiner Therapie mit Levothyroxin erzählt, selbst seiner Frau nicht.

Alle glaubten, das käme vom vielen Sport. Nur Lukas wusste Bescheid und versorgte ihn zuverlässig mit dem Mittel. Julian wollte auf Nummer sicher gehen und die kleinen Pillen vorerst weiternehmen. Absetzen konnte er sie immer noch. Nach dem New York Marathon, so sein Plan.