Tod der Filzlaus - Tom Weber - E-Book

Tod der Filzlaus E-Book

Tom Weber

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Beschreibung

Nikolaustag. Weihnachtsfieber in Bottrop: Weihnachtsmarkt, geschmückte Geschäfte und ein plötzlicher Schneesturm, da ist der Weihnachtsmann aber schon tot und für Matthias bedeutet der Tag eine Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit. Ein alter Freund von ihm ist nur eines der Opfer, die Wahrheit war es schon früher. Und plötzlich ist für ihn nichts, wie es zu sein schien. Aber er ist nicht der einzige, der es mit einem Mörder zu tun hat, der Größeres vor hat.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Nikolaustag. Weihnachtsfieber in Bottrop: Weihnachtsmarkt, geschmückte Geschäfte und ein plötzlicher Schneesturm – da ist der Weihnachtsmann aber schon tot und für Matthias bedeutet der Tag eine Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit. Ein alter Freund von ihm ist nur eines der Opfer, die Wahrheit war es schon früher. Und plötzlich ist für ihn nichts, wie es zu sein schien. Aber er ist nicht der einzige, der es mit einem Mörder zu tun hat, der Größeres plant.

Der Autor

Tom Weber, 1974 in Bottrop geboren, studierte Rechtswissenschaften und arbeitet heute im Bereich Medien- und Urheberrecht.

Inhaltsverzeichnis

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

EINS

Mittelalterliche Kälte zog durch das morgendliche Haus, es war kalt wie in einer gotischen Kathedrale.

Dabei war Matthias Wohnung gerade so groß, wie man es vor 150 Jahren für eine Bergarbeiterfamilie für ausreichend gehalten hatte. Aber die dicken Mauern hielten die Temperaturen fest, genauso wie sie im Sommer die Hitze draußen hielten.

In der weniger romantischen Zeit seines Lebens, in der er nicht den Betrieb jeder Heizung bezahlen konnte, waren Kerzen sein bevorzugtes Heizmittel gewesen.

Und gerade im Winter passte nichts besser als Kerzen in eine kalte Wohnung, fand er. Und überhaupt schien elektrisches Licht zu diesen Häuser gar nicht zu passen.

Jedes Mal, wenn er den Blick durch die Nachbarschaft schweifen ließ, und ihm die roten Ziegel, die Sandsteineinfassungen der Fenster und weißen Balken, die die Dächer trugen, bewusst wurden, fiel ihm auf, dass bei den alten Bergmannssiedlungen eher an öde und reizvolle Fassaden in einem trostlosen Umfeld dachte.

Seine Nachbarschaft war ganz eindeutig vor der Zeit gebaut worden, als Pappwände und Tristesse zum Siedlungsdesign gehörte. Von oben mussten die Häuser wie eine kitschige Szenerie einer Miniatur-Modell-Landschaft aussehen.

Von seinem Küchenfenster aus sah er in ein Feld von kleinen Gärten, die mit niedrigen Hecken voneinander getrennt in geheimer Symmetrie aneinander stießen.

Und wenn nicht einige Mieter verbotener Weise Gartenhäuschen aufgestellt hätten, hätte man den Eindruck einer offenen Gartenanlage, die vielleicht von irgend einer historischen Gartenbaukunst beeinflusst war, die Matthias nicht kannte.

Aber so, wie er seine Nachbarn kannte, überlegten die schon, wie sie die Gartenhütte so verstellen mussten, um ein zusätzliches Dekostück auf dem Grün unterzubringen. Schließlich war es Winter – genug Zeit, um sich schlimme Dinge für die kommende Garten-Saison auszudenken.

Im Augenblick war nur die Nachbarskatze da, die diesmal nicht hinter dem Eichhörnchen her war. Sie schien sich die wallkürenhaften Tauben, die durch das Gras wie über eine Opernbühne stolzierten, als winterlichen Festschmaus ausgesucht zu haben.

Mittelalterliche Kälte, dachte Matthias wieder, und das am Nikolaustag. Dabei war der jährliche Mittelaltermarkt längst vorbei, schließlich spielte man Mittelalter nur, wenn es warm war und bequem, und nicht wenn es kalt und windig ist und man froh über die Segnungen des 21. Jahrhunderts ist. Alles in allem konnte Mittelalter-Romantik nur aufkommen, wenn man sich nicht ständig nach einer Zentralheizung und gedämmten Fenstern sehnte, dachte Matthias.

Jetzt war die Zeit der Weihnachtsevents und Weihnachtsmärkte, am besten drei pro Stadt. Nikolaus im Kaufhaus Althoff, der Budenzauber, der Nikolausmarkt – und nicht zu vergessen der Weihnachtsmarkt als solcher. Dabei wusste Matthias nicht einmal, welche Veranstaltung an welchem Ort welchen Namen hatte. Und hatte er eine Weihnachtsveranstaltung auf einem der vielen Plätze vergessen? Bestimmt.

Er ging nochmal das heutige Vorweihnachtsprogramm durch.

Außer dem Weihnachtsmarkt, der sich durch die Einkaufsstraßen zog, kam keine Stadt mehr ohne weihnachtliches Event aus. Und deswegen startete auf dem Rathausplatz ein drei Tage dauerndes Ereignis.

Der Bürgermeister eröffnete die Veranstaltung jedes Jahr mit ein paar Sätzen und wurde dann vom obligatorischen Nikolaus abgelöst, der Stutenkerle unter die anwesenden Kinder verteilte.

Um die transportable Bühne, auf der das und ein umfangreiches Programm stattfinden sollte, würde ein Weihnachtsbaum stehen umringt von einem Parcours von Attraktionen.

Und diesmal war er mittendrin.

„Du musst mal raus aus deiner Schreib-Werkstatt“, hatte Margret gesagt.

Die meisten Leute machten sich kein Bild von der Macht eines Abgabetermins. Erst recht nicht Margret, für die Termine aus Optionen bestanden: die Option zu verschieben, abzusagen oder mehrere gleichzeitig wahrzunehmen.

Und neuerdings war es letzteres Kunststück, mit dem sie offenbar einen Meistertitel erwerben wollte, seit dem sie wieder Mutter geworden war. Allerdings eher Mutter 2. Grades, also Oma mit Mutteraufgaben, seitdem ihre Kinder für die Arbeit Nomaden geworden waren und dabei nicht zwei schulpflichtige Kinder mitnehmen konnten.

Und das war letztlich auch der Grund, warum Margret ihn mitgenommen hatte: „Du musst mal raus und außerdem muss jemand die Neffenscharr ablenken, während ich die Geschenke kaufe – und danach lagern wir die bei dir ein.“

Zumindest hatte jemand einen Plan, dachte Matthias.

So war er also in Margrets „Geheimoperation Weihnachten“ eingeweiht worden. Und „Geheimoperation“ war nicht zu viel gesagt. Das Auto musste geparkt werden, und eigentlich hatte er damit gerechnet, dass es mit laufendem Motor bereit zu stehen hatte, so sehr war Margret mit dem Orten, Zeiten und Planung befasst. Denn der Einkauf musste mit Schulzeit, Mittagessen, Nachhilfeunterricht und dem üblichen Alltag mit dem Nikolaus und dem Weihnachtsmarkt koordiniert werden.

„Und das Internet?“ hatte Matthias gefragt.

„Da gibt es auch nicht alles. Und wenn was nicht so ist, wie ich es haben will, kann ich es wieder zurückschicken. Oder schlimmer: Es ist nicht so, wie die Kinder es haben wollen. Und dann die Paketdienste! Die finden nicht mal Häuser an der Hauptstraße. Da geht Einkaufen schneller.“

Also fragte er nur noch: „Dein Auto?“

„Nein, das Auto meines Neffen.“

Also des erwachsenen Neffen, verstand Matthias sofort. Es war klar, dass er nicht mit Matchbox-Autos der Kinder die Geschenke mit nach Hause fahren sollte.

Am Garderobenspiegel kontrollierte er noch kurz, ob er so gehen konnte. Matthias war groß und schlank und sein Bart war so zurückgenommen, dass sich andere Leute nicht einig darüber waren, ob man ihn als Spitzbart oder als Dreitagebart bezeichnen sollte. Kurz, den Weihnachtsmann – oder Nikolaus – konnte er nicht ohne weiteres geben. Zumindest diese Diskussion war abgeschlossen.

Pascal, der jüngste von Margrets Neffen, hatte eine vorweihnachtliche Familiendiskussion über die Existenz von Nikoläusen, Weihnachtsmänner und Christkinder sowie deren Rangfolge ausgelöst.

Margret war das gar nicht recht gewesen. „Ich weiß, irgendwann“, hatte sie zu Matthias später gesagt, „irgendwann wird der Zauber von Weihnachten vorbei sein. Aber dafür ist es doch noch ein wenig zu früh, oder?“

Zu früh war Matthias jedenfalls heute nicht dran. Aber seitdem er kein Auto mehr hatte, fiel es ihm schwer zu planen, wenn er mal wieder auf eines zurückgreifen konnte – oder es ihm, wie in diesem Falle, aufgezwungen worden war.

„Wir müssen nicht hetzen“, hatte er zu Margret gesagt.

„Der Nikolaus ist drei Tage lang im Kaufhaus. Das Althoff lässt sich nicht lumpen. Lass uns das auf mehrere Tage verteilen und dann ganz in Ruhe machen.“

Aber nicht mit Margret.

„Egal“, hatte sie gesagt, „wir arbeiten das alles an einem Tag ab – und du kommst mit. Du kannst dich schließlich nicht immer an deinem Zeichentisch vergraben.“

Und im Stillen hatte er ihr Recht gegeben. Das war nicht sein Stil.

Er warf noch einen kurzen Blick auf den Mann in Spiegel, sah in sein Gesicht und dachte: Um die 50, aber er wusste, dass er definitiv älter war. Aber das, dachte Matthias und lächelte in sich hinein, war eh nur für Leute interessant, die sich zu viele Gedanken über Äußerlichkeiten machten. Und außerdem hatte er ein volles Programm vor sich. Keine Gelegenheit also, alter Mann zu spielen: Natürlich konnte er so gehen, was für eine Frage!

Der einzige Grund, warum ihm diese Gedanken kam, und das wusste er sehr genau, war die Tatsache, dass er einfach nicht mehr in dem Alter war, in dem man sich ungestraft die Nacht um die Ohren schlug und am nächsten Tag frisch am Arbeitsplatz saß. Auch wenn sich sein, wenn auch kleiner, Arbeitsplatz zu Hause befand.

Jedenfalls würde er jetzt nicht weiter arbeiten, denn dann würde der Zeitplan nicht mehr aufgehen. Erst der Nikolaus, dann die Geschenke, dann auf den Rathausplatz: Dort zum nächsten Nikolaus und während Jamie und Pascal ihre Stutenkerle abholten, würde Matthias den Autoschlüssel Margret zurückgeben.

Er sah in die Küche und fragte sich: Nichts vergessen?

Für Außenstehende war es schwierig, den Raum als Küche zu sehen. Die Küchenzeile war auf das Minimum begrenzt, damit er ein brauchbares Arbeitszimmer hatte. Ein alter Zeichentisch dominierte den Raum statt eines Küchentisches und überzeugte jeden Besucher davon, dass er sein Arbeitslosengeld mit dem Schreiben von Gebrauchsanweisungen aufbesserte.

Mittlerweile nutzte er den Zeichentisch nur noch für kleinere Arbeiten, und war nur dann im Einsatz, wenn er sich nicht mit dem Computer abgeben wollte. Der Computer stand ganz unscheinbar auf einem unauffälligen kleinen Tisch neben dem Zeichentisch.

Nicht weit davon stand der Esstisch, der genauso unauffällig war und für zwei Personen reichte.

Er sah aus dem Fenster. Alles war ruhig.

Wahrscheinlich war das junge Pärchen aus der Wohnung nebenan bereits zur Arbeit gefahren. Er dachte darüber nach, wie lange die beiden wohl noch hier wohnen bleiben würden. Ihr Studium hatten sie gerade beendet und für Studenten mag die Wohnung groß genug sein. Aber wenn man daran dachte, eine Familie zu gründen, dann waren zweieinhalb Raum doch etwas klein.

Hoppla, jetzt hatte er die Zeit vergessen. Er würde sich sputen müssen. Weit hatte er es aber nicht.

Die Innenstadt glänzte weihnachtlich.

Weihnachtsbäume standen überall. Auf den Vordächern über den Schaufenstern erhoben sich an der Fassade entlang Tannengirlanden bis zum Dach.

Im Inneren strahlte das ganze Kaufhaus im vorweihnachtlichen Glanz und Matthias genoss es bei jedem Schritt durch das Wunderland.

Nach langem hin-und-her, Investorensuche und großem Einsatz war aus dem Traditionskaufhaus ein modernes Einkaufshaus mit vielen Geschäften geworden. Vorbei die Zeiten von Kaufhäusern, die alles in einem Laden hatten.

Matthias ließ von der Rolltreppe aus den Blick über die Verkaufsflächen gleiten und überlegte, wie viele Kaufhäuser sich in kleine Geschäfte aufteilen würden.

Vielleicht wurde das zur Renaissance der Kleingeschäfte führen, wie er die aus seiner Jugend kannte und denen vor ein paar Jahren noch viele nachgetrauert hatten.

Traurig für die Stadt war es schon, weil direkt gegenüber eine Shopping-Mall der 80er stand, aus der eine Ladenruine geworden war. Dort waren alle Sanierungsarbeiten nach mehreren Konkursen der Baufirmen zum Stillstand gekommen.

Aber heute war von dem Stress in der Kaufhausbranche nichts zu spüren: Das Kaufhaus geschmückt, die Baustelle mit bunten Bahnen verdeckt, die Schaufenster weihnachtlich dekoriert, an der Fassade die Girlanden aus Nadelsträuchern, und der festliche Glanz lockte in das Warenhaus. Bei den Rolltreppen hing ein Gebilde aus übergroßen roten Weihnachtsbaumkugeln, symmetrisch angeordnet und festlich poliert. Entspannt schmunzelnd kam er in der Nikolauszone an.

Der Nikolaus hatte sich vor dem Spielzeuggeschäft häuslich eingerichtet. In dem weihnachtlichen Glanz der Auslagen wirkte die Niederlassung des Nikolauses klein. Es gab keine Wichtel, Knecht Ruprecht, Engelchen und keinen ausladenden Thron oder was man sich noch sonst noch als ständigen Begleiter des Nikolaus vorstellte.

Matthias war offenbar zu früh da. Margret war nicht zu sehen.

Er sah sich um. Die Neffen sah er auch nicht, aber die wären zwischen den mannshohen Regalen und Einkaufsbummlern eh nicht sichtbar gewesen. Er betrachtete die Auslagen. Alles in allem wirkte das Kaufhaus wie eine einladende lange Tafel, an der für jeden Platz gemacht ist, mit Angebotsflächen, die wie rote Platzdecken ausgebreitet waren, und schimmernde Objekte aus Glaskugel.

Während er noch nach Margret Ausschau hielt, verlor er den Nikolaus nie ganz aus dem Auge. Er wusste zunächst nicht, was es war, aber irgendwie erinnerte er ihn an etwas. Oder besser gesagt, an Jemanden. Doch dann wurde ihm klar, dass da mehr war. Den Nikolaus, den kannte er doch!

Er war sich ganz sicher. Aber wer, wer war es?

Matthias schloss die Augen und versuchte sich auf die Stimme zu konzentrieren. Aber er kam nicht dahinter.

Der Nikolaus hatte seine Stimme so verstellt, dass sie zu dem weißen Bart passte.

Er erkannte die Stimme nicht. Er öffnete die Augen und suchte die Teile des Gesichts ab, die nicht von dem voluminösen Bart verdeckt waren. Er erforschte die Augen, die Lippen, suchte die Ohren, aber das Nikolauskostüm verdeckte alles zu gut und gab keinen Aufschluss auf die wahre Identität des Nikolaus.

Matthias gab es auf und ließ den Blick über die Regale schweifen. Hinter der Schlange aus Kindern, weiter im Hintergrund, sah er einen jungen Mann. Der wäre ihm nicht aufgefallen, wenn er nicht auf diese sonderbare Art die Augen zusammengekniffen hätte und den Nikolaus nicht besonders freundlich beobachtet hatte.

Matthias betrachtete die beiden eine Weile, aber da er weder am Nikolaus, noch an dessen unfreundlichen Beobachter etwas schlüssiges sehen konnte, hielt er wieder Ausschau nach Margret und ihrem Anhang.

Er sah auf seine Uhr, als sie hinter ihm stand und sagte:

„Da sind wir.“

Sie war etwas außer Atem.

„Fast hätten wir das nicht geschafft“, nörgelte Jamie.

„Und das kommt von dem, der nicht an den Nikolaus glaubt“, entgegnete Margret.

„In der Schule haben die erzählt, es gäbe keinen Weihnachtsmann.“

„Wer sind die?“ fragte Margret, während sie in ihrer Tasche kramte.

„Die Älteren.“

„Für uns gibt es einen Nikolaus, für andere Familien vielleicht den Weihnachtsmann“, sagte sie knapp.

„Und“, fragte Pascal und zeigte auf den Mann im roten Mantel, den Matthias glaubte zu kennen, „wer ist dann das? Da ist doch der Nikolaus!“

Aber Jamie war gut informiert. „Das ist nicht der Nikolaus! Der ist gestorben als es die Römer noch gab!“

„Und wer läuft dann durch das Kaufhaus?“ wollte sein Bruder wissen.

„Der Weihnachtsmann, das ist doch klar.“

Matthias lächelte in sich hinein.

Pascal war nicht wirklich überzeugt. „Der wahre Weihnachtsmann ist also der Nikolaus. Und wie kriegt er die Geschenke alle in den Sack?“

„Er faltet sie“, sagte Jamie.

„Er faltet sie“, wiederholte Pascal.

„Und seine Elfen setzen sich drauf, damit's passt, ich habe das im Internet gesehen!“

Ein hoch auf die Wissenschaftsshows im Internetformat, dachte Matthias.

„Deswegen soll man sich auch nichts Lebendiges wünschen...“

„Aber... Das kann doch nicht funktionieren! Wie faltet man einen Pudel?“

„Deswegen soll man sich keinen Pudel wünschen! Ein Pudel ist auch etwas Lebendiges!“

„Jamie, Jamie“, ließ Margret den Namen auf der Zunge zergehen.

Jamie, sagte sie manchmal zu Matthias in unbeobachteten Momenten, war das lebende Beispiel dafür, dass Hochhausnamen nicht mehr das Vorrecht im Hochhaus waren.

„Also sind wir nur zum Gucken hier oder wollt ihr etwas Bestimmtes?“ fragte sie.

„Was Bestimmtes?“ fragte Jamie.

„Wolltet ihr nicht noch den Weihnachtsmann beeinflussen?“

„Unsere Wunschliste!“ rief Jamie.

„Los, er hat gerade Zeit“, schickte Margret die beiden los. „Aber denkt daran, keine Tiere oder sonst was, was gefüttert, ausgeführt werden oder sonst wie aufs Klo gebracht werden muss.“

Die beiden düsten los.

Das erste, was Jamie den roten Mantelträger fragte, war: „Bist du der echte?“

„Einen echteren gibt es nicht“, antwortete der Nikolaus kryptisch.

Die Zwillinge verrieten ihm ihre Wünsche und selbst Pascal war etwas eingeschüchtert durch die gewaltige Gestalt in Rot.

„Auf Jamie ist verlass“, sagte Margret und zog los, während Matthias die Neffen im Auge behielt.

Die nahmen den Nikolaus gerade so richtig in der Mangel.

„Wieso bist du so lange hier?“

„Wieso lange?“ wollte der Nikolaus wissen, der offenbar Spaß an dem Gespräch zu entwickeln schien.

„Du bist drei Tage in Bottrop, hast du denn da noch genug Zeit für die anderen Kinder?“

„Natürlich.“

„So viel?“

„Überall sind so viele Kinder, man muss sich überall Zeit nehmen und jedem zu hören.“

„Das ist wichtig?“

„Ja, sonst geht noch etwas schief.“

„Aber jetzt sind nur wir hier.“

„Wartet nur“, sagte der Nikolaus, „ich habe schon ein paar Kinder durch die Regale gehen sehen.“

Und er deutete auf das Spielzeuggeschäft, worauf Jamie und Pascal lange zu dem Geschäft sahen, aber doch nicht hineingingen.

Matthias behielt sie im Auge - und er dachte wieder darüber nach, woher er den Nikolaus kannte.

Jamie und Pascal blieben beim Nikolaus stehen, es kamen andere Kinder dazu, aber irgendwann war es ihnen wohl doch zu langweilig und sie folgten den Verlockungen des Spielzeugladens.

Matthias ging mit und blieb ganz entspannt, weil er wusste, das würde jetzt Zeit dauern. Er blieb am Eingang, damit Margret sie finden würde, wenn sie alles erledigt hatte.

Als die beiden aus dem Spielzeugladen zurück kamen, hatte Margret alle Erledigungen besorgt.

„Wie schafft er es, alle Leute in einer Nacht zu beschenken?“ fragte Jamie, als sie sich auf den Rückweg durch das Kaufhaus machten.

„Warum hast du ihn nicht gefragt?“ entgegnete Matthias.

Darauf wusste Jamie keine Antwort. Als er sah, das Matthias aber darauf wartete sagte er nur kurz:

„Vergessen.“

„Er bricht mit einem zweiten Schlüssel die Tür auf“, meinte Pascal.

„Dann wäre er ein Einbrecher und er ist doch der Nikolaus“, sagte Jamie.

„Er kann zaubern!“

„Viel einfacher“, konnte sich Matthias nicht zurückhalten. Schließlich genoss er jede gut gemachte Geschichte. Er hatte keine Vorurteile, die hatte schließlich niemand, auch nicht gegenüber Kindern, aber er hatte einen pragmatischen Blick. Über Kinder sagte man gern Dinge wie „Oh“, „süß“, „niedlich“, aber er fragte sich, was man auch schon über Menschen sagen sollte, die nicht in der Lage waren, sich selbst die eigenen Schuhe zuzubinden.

„Der Weihnachtsmann kann die Zeit dehnen“, behauptete er, auch wenn er wusste, dass sich Jamie und Pascal bereits ihre Schuhe selbst zumachen konnten, „damit sie viel langsamer vergeht. Deswegen sieht man ihn auch nicht, wenn er die Geschenke bringt. Und wenn er die Geschenke in den Sack legt, dann werden sie viel kleiner. Dann kommt er durch den Kamin, weil der Weihnachtsmann selbst in den Sack hüpft und dadurch auch kleiner wird.“

„Aber andere Häuser haben keinen Kamin“, meinte Pascal.

Margret sah Matthias amüsiert an. Sie wusste, wie viel Spaß es ihm machte, aus dem Handgelenk eine Geschichte zu erfinden.

„Das ist echt ein Problem gewesen für den Weihnachtsmann“, spann er die Geschichte weiter. „Er hat es zuerst durch die Heizungsrohre versucht.

Warum hat das wohl nicht geklappt?“

Die beiden dachten nach. Dann sagte Pascal: „Die sind nicht offen.“

„Genau, aber Wasserleitungen sind es. Und deswegen sieht man den Weihnachtsmann auch nicht mehr. Er kommt nicht mehr über das Dach, sondern durch die Wasserleitungen über den Wasserhahn.“

Er wusste es. Sie wussten es. Jamie und sein Bruder wussten, dass er eine Geschichte zurecht bog. Aber sie honorierten die gut erzählte Geschichte mit einem schweigsamen Blick, der sagte, wir haben dich durchschaut - aber es ist eine so gute Geschichte, dass wir dich nicht verraten werden.

Er riss sich zusammen, damit seine Phantasie nicht mit ihm durchging.

„Holt ihr Euch gleich einen Stutenkerl?“ fragte er sie.

„Klar!“

„Dann sehen wir uns später.“

„Ja!“

Sie preschten davon.

Margret zögerte kurz, dann fragte sie: „Matthias, ist es für einen Wissenschaftler angemessen, so offensichtlich zu lügen?“

„Wieso?“

„Weil es bei uns den Weihnachtsmann nicht gibt. Bei uns bringt das Christkind die Geschenke!“

Matthias schmunzelte. Das hätten die beiden ihm auch sagen können. Anstatt ihn eine spontane Lösung entwickeln zu lassen. „Die haben mich reingelegt.“

„Die mögen es eben, wenn ihnen eine Geschichte erzählt wird.“

Das hatte er davon, wenn er Leute durch Wasserleitungen schickte.

Er nickte Margret zu. Sie lächelte und sagte: „Bis gleich.“

Und dann sah es so aus, als wolle sie gehen, als sie ihm verschwörerisch zuraunte: „An der Sammelkasse.“

Wie im Spionagefilm. Sie konnte es sich nicht verkneifen. Dabei war es eh so abgesprochen gewesen.

Sie folgte den beiden Kindern. Matthias warf einen letzten Blick auf den Nikolaus und wandte sich dann ab.

An der Sammelkasse organisierten die Mitarbeiter noch einen Einkaufswagen für ihn, damit er die Päckchen nicht auf dem Kopf balancieren musste.

Also kam er heute auch nicht beim Pakete tragen ins Schwitzen.

Er dachte an die Kälte draußen und fand, dass das ein Tag war, an dem man sich irgendwo hinsetzte und einen Kakao trank. Heute Nachmittag würde er sich einen Kakao gönnen.

Aber erst brachte er die Pakete nach Hause. Es war leicht, die Geschenke im Keller zu verstauen. Er hatte dazu genug Platz, weil durch seinen Keller die Betriebsleitungen gingen.

Matthias sah auf die Uhr, warf dann einen Blick aus dem Fenster. Von der Katze war nichts zu sehen, auch nicht von den Tauben. Es war nichts los. Aber man konnte die ersten Fäden der Dämmerung sehen, wie sie scheinbar durch die Bäume und Sträucher dahinter aufzusteigen schienen.

Matthias sah noch einmal Richtung Computer. Aber er wusste, wenn er sich jetzt hinsetzte, würde er vor heute Abend nicht aufhören.

Das Telefon klingelte.

„Matthias!“ rief Margret sofort.

Er hatte wenig Zeit dazu, sich darüber zu wundern, dass Margret anrief. Sie redete nicht groß drumherum, sondern kam sofort zur Sache.

„Um Gottes Willen, Matthias, wenn Du so dringend Geld brauchst, warum hast du dich dann nicht gemeldet?“

„Wieso Geld?“ fragte er verwirrt.

Margret schwieg.

„Gut, ich habe es ehrlich gesagt auch nicht geglaubt.

Aber du weißt ja, wo Rauch ist, ist immer ein Fünkchen Wahrheit. Wenn man nur weiß wo.“

Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Und manchmal gibt es nicht mal ein Fünkchen Wahrheit, weil sich die Wahrheit gerade woanders aufhält. Was ist los?“

„Du wirst gesucht!“

„Von wem?“ fragte er, noch amüsiert.

„Die Polizei! Die Polizei sucht dich. Die meinen, du seist ein Bankräuber.“

„Na, wenigstens suchen die mich nicht als Terrorist oder Kinderschänder, dass ist doch gerade in.“

„Matthias, das ist kein Witz.“

„Aber ja. Ich war noch nie in“, lachte Matthias.

„Vielleicht gehe ich noch als Trendsetter durch, wenn sich Bankraub wieder durchsetzt und niemand mehr Terrorist sein will.“

„Matthias! Jetzt hör mir doch mal zu!“

„Was denn?“

„Die gesamte Bullenschaft sucht dich!“

Jetzt blieb er doch still.

„Kein Scherz?“

„Nein! Ich sag doch, es ist nicht-“

„Sag mir lieber, woher du das weißt, schließlich sind die doch wohl nicht zuerst bei dir vorbei gekommen?

Oder etwa doch?“

„Nein. Das nicht. Geh mal ins Internet!“

„Der Rechner ist aus.“

„Mach ihn an!“

„Pff“, gab Matthias seine Unlust preis.

„Jetzt schalt doch den Computer an und guck ins Internet.“

Er nahm sein Smartphone, das ging schließlich schneller. Und tatsächlich!

„Das bin ich nicht!“ rief Matthias entgeistert.

Er sah weiter auf das Bild. Eine verschwommene Fotografie, die aus einem hohen Winkel aufgenommen worden war. Als hätte jemand aus einem hohen Fenster heraus auf die Straße fotografiert. Und darauf war ein blasses Gesicht mit einem schwarzen Spitzbart zu sehen. Es sah aus wie ein Gesicht auf einem Stich des 17. Jahrhunderts, dachte Matthias.

„Das sieht doch jeder, dass das nicht ich bin!“

„Und im Lokal-TV bist du auch. Siehst du den Link?“ gab Margret nicht auf.

„Das bin ich nicht!“

„Sieht aber aus wie du“, sagte sie noch einmal und lachte dann. „Hast du ein Alibi?“

Matthias rollte mit den Augen.

„Heute morgen? Wo ich wie alle guten und ehrbaren Menschen geschlafen – ähm, gearbeitet habe?“

„Mhm“, machte Margret. „Und jetzt?“

„Ach, das verwechselt niemand mit mir. Guck dir das Bild doch an. Das könnte Richelieu sein!“ rief Matthias, nochmal auf das Bild guckend.

„Der Kardinal aus den „Drei Musketieren“?“

„Jeder, der mich kennt, wird sehen, dass das nicht ich bin“, beharrte Matthias.

„Nur schade, das dich die Polizei so wenig kennt“, konterte Margret.

„Außerdem“, ließ sich Matthias nicht beirren, „wer rennt schon unmaskiert in eine Bank?“

„Du meinst-“

„Ja, die können doch sehen, dass das eine Maske ist.“

Er betrachtete sein Bild wieder, dass ganz bestimmt nicht er war.

„Das Bild ist so unscharf. Benutzen die bei Überwachungskameras kein HD? Genau genommen könnte das Putin oder Trump sein.“

„Nur dass auf die kein Polizist schießen wird“, meinte Margret. „Aber auf dich als flüchtigen Bankräuber schon.“

Matthias seufzte. „Ja, mach dich nur über mich lustig.“

Er las flugs den Text dazu durch.

„Also, wenn alle mich mit dem Bild verwechseln, dann werde ich wohl bald Besuch bekommen. Oder geht man in einem solchen Fall selbst zur Polizei und wartet nicht, bis die kommen?“

„Tja“, sagte Margret. „Ich würde warten. Was soll man auch sagen, wenn man damit zur Polizei geht? Guten Tag, Sie suchen mich, Aber ich bin es nicht gewesen?

Das klingt doch albern und wie die Direktfahrkarte in die Psychiatrie.“

„Sagt die Psychologin.“

„Ich kenne eben die Menschen.“

„Margret, das ist doch quatsch! Die Polizei wird nicht kommen, nur weil jemand mit viel Phantasie mich verwechselt! Ich bin zwar noch beweglich, aber eine Bank zu überfallen! Jetzt überleg mal!“

„Ja, du hast recht, aber sag das nicht mir! Die Ähnlichkeit... Und was die Polizei daraus macht...“

„Du weißt doch, wenn ich so dringend Geld bräuchte, würde ich keine Bank überfallen, sondern eine aufmachen.“

„Ja, du und ich, wir wissen das.“

„Dann sehen wir uns bei der Weihnachtsmarkteröffnung.“

„Meinst du?“

„Klar, und wenn die Polizei doch noch kommt, sehe ich zu, dass ich die schnell los werde. Das lässt sich doch flugs klären“, sagte er zuversichtlich. Schließlich hatte er nichts getan. Und deswegen hatte er nichts zu befürchten, dachte er. Die Polizisten würden kommen, stellte sich Matthias vor, er würde ihnen alles erzählen, den Polizisten einen Kaffee einschenken und die würden, na, Matthias überschlug kurz die Zeit, die man zum Kaffeetrinken brauchte, vielleicht eine Stunde brauchen.

Er konnte sich vorstellen, was passiert war. Nein, er wusste genau, was passiert war. Jemand hatte eine Karnevalsmaske angelegt, die zu einem Kostüm eines vergangenen Jahrhunderts gehörte. Der Bart war seinem vielleicht ähnlich, sodass er jeden unbekannten Betrachter irritieren würde.

Er sah auf die Uhr. Es war alles noch zu schaffen. Sie durften sich nur nicht zu lange Zeit lassen, um bei ihm vorbeizuschauen.

Er las noch mal den Text im Internet durch. Die Bank war heute überfallen worden. Sie war ein beliebtes Überfallziel, weil sie in Sprungweite der Autobahnauffahrten lag. Gleichzeitig konnte man innerstädtisch über den Südring ebenso schnell auf der Flucht sein wie über die Devensstraße. Die Möglichkeiten waren einfach zu verlockend. Deswegen gab es vor der Bank eine Kamera, die herausstürmende Räuber aufnahm. Denn für den perfekten Überfall galt, sobald man den Raubzug beendet hatte, musste man unauffällig in der Masse abtauchen, nicht rennen und keine Skimaske tragen.

Der Räuber hatte seine Skimaske abgenommen und darunter die Karnevalsmaske gehabt, war sich Matthias sicher. Hätte der Bankräuber keine zweite Maske getragen, hätte die Polizei viel bessere Bilder von der Kamera in der Bank gehabt und die veröffentlicht.

So war die Polizei zu einem Bild von ihm gekommen, dass genügend Ähnlichkeit hatte, um ihm Ärger zu machen. Er seufzte.

Als das Telefon erneut klingelte, erwartete er schon die Polizei. Stattdessen war es Tante Helene.

„Matthias! Hast du das gesehen?“ rief sie in das Telefon.

„Im Internet ist ein Bild von jemandem, der mir ähnlich sieht, ich weiß.“

„Du warst das also nicht?“

„Kein bisschen.“

„Natürlich nicht“, sagte Tante Helene erleichtert.

Und dann sagte Tante Helene das, was auch Margret eingefallen war. „Schade das Dr. Richter gestern abgeflogen ist.“

Tja, schade, dachte Matthias. Wenn man einen Anwalt unter den Freunden hatte, dann sollte man das auch nutzen. Auch wenn Dr. Richter vom Alter eher mindestens sein Sohn sein könnte und keine Anwaltspraxis hatte, sondern für eine Bank arbeitete, war er immerhin Jurist.

Andererseits, dachte er, wenn seine Freunde und Verwandten die Unterschiede zwischen dem Bild und ihm nicht erkannten und ihn verwechselten, dann hatte er wenig Chancen. Wie sollte er Fremde, wie die Polizei, einen Staatsanwalt oder einen Richter davon überzeugen, dass sie nichts weiter hatten als eine Karnevalsmaske statt des Gesichts eines Bankräubers.

Matthias fragte sich, ob da ein Anwalt helfen konnte.

Abgesehen davon wusste nur er, wo er heute Morgen gewesen war, aber niemand anders. Kurz und gut, er hatte kein überprüfbares Alibi.

Das Telefon klingelte.

Matthias seufzte. Er hoffte, er würde nicht den restlichen Tag damit verbringen, allen Freunden und Bekannten zu erzählen, dass er es nicht gewesen ist. Er nahm den Hörer ab.

Aber diesmal wollte ihm niemand sagen, dass er wegen Raubes gesucht wurde und sein Foto in jedem Postamt hing.

Sein Verleger – welch eine Wohltat, dachte Matthias voller Erleichterung und machte sich, jetzt wieder fröhlicher, darauf gefasst, wegen seines versäumten Abgabetermins zur Rede gestellt zu werden.

Aber sein Verleger hatte schlimmeres im Sinn. Da an Batman ja nicht weitergearbeitet wird, die Filme auserzählt seien... – auserzählt, es gruselte Matthias immer wenn ein Wort die Welt zusammenfassen sollte – da könnte man doch eine Story als Comic… Seine Rächerfigur würde doch gut ins Schema passen... – Schema? - nur hier und da eine Veränderung… - ah, ha! - Zumal Rächerfiguren auch nicht mehr so im Kurs standen… wer weiß, wenn man schnell war, die Filmrechte… oder eine Serie… Matthias versuchte ihn abzuwimmeln. Er scheiterte – zunächst. Dann fiel ihm etwas ein. Abgabetermin!

Er hatte das Zauberwort in den Ring geworfen und sein Verleger erzitterte.

„Oh, ja, natürlich! Dann sprechen wir demnächst noch mal darüber. Und denken Sie daran, Sie sind schon über den Termin hinaus!“

Wie konnte Matthias das vergessen, schließlich hatte er den Verleger selbst daran erinnert.

Er legte auf und empfand die Stille in seiner Wohnung jetzt um so lauter. Die Polizei-Das Telefon klingelte. Matthias überlegte kurz, nicht dran zu gehen.

„Matthias, bist du das?“

Das war nicht die Polizei.

„Ja, und wer ist da?“

„Ich weiß, dass wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben...“

Oh nein, dachte Matthias. Kaum war sein Bild auf der Fahndungsseite der Polizei, schon meldeten sich alte Schulfreunde bei ihm. Das funktionierte ja besser, als jede „Bleibt-Freunde-Seite“ im Internet.

„Ich wohne direkt um die Ecke“, sagte die Männerstimme.

„Um die Ecke?“ Die Stimme schien davon auszugehen, dass Matthias sie erkannt hatte. Andererseits schwang in der Stimme ein Unterton mit, bei dem sich Matthias nicht sicher war, ob die Stimme seine Unsicherheit einfach nicht wahrnahm.

„Ja, schon seltsam, nicht wahr, dass wir so nah beieinander wohnen und uns nie gesehen haben. Aber seit wir unsere Firma auflösen mussten -“

Jetzt fiel der Groschen. Jetzt wusste er, wer das war. Es war eine Stimme aus der Vergangenheit, aus einer ganz fernen Vergangenheit. Reinhardt Haarck, sein alter Freund, sein alter Geschäftspartner, mit dem er zusammen Erfolg gehabt hatte und mit dem er abgestürzt war, als der Aktienmarkt einbrach.

Deswegen vergaß Matthias sofort sein eigenes kleines Problem, als Reinhardt Haarck sagte: „Ich brauche deine Hilfe!“

„Reinhardt Haarck!“

Aber Reinhardt Haarck verstand es falsch. „Es tut mir leid, ich weiß, ich hätte mich längst mal melden sollen.

Ich weiß, es ist nicht schön, sich zu melden, wenn man mit dem Hals im Dreck steckt.“

„Du verstehst das falsch“, sagte Matthias, „ich freue mich.“

„Kannst du bei mir vorbeikommen?“

„Ich... also... ich erwarte noch jemanden...“

„Wenn es nicht zu dringend ist, dann lass es liegen und komm bei mir vorbei“, bat Reinhardt Haarck.

Matthias dachte nicht lange nach. „Ich bin in 10 Minuten da.“

Wenn er es überhaupt schaffte, die Straße zu überqueren ohne niedergeschossen zu werden, dachte Matthias, als er das Telefon weglegte.

Wahrscheinlich hatte die Polizei bereits das Haus besetzt und zwar von einer Sondereinheit, die im Fernsehen immer so aussah, als wäre sie auf dem Weg in den Skiurlaub a la James Bond. Gleich würde das Glas splittern und Polizisten mit Sturmhaube und Gewehr würden ihn verärgert zu Boden werfen, weil sie nicht mit dem Agenten ihrer Majestät mit der Lizenz zum Töten in den Schneeeinsatz hatten fahren dürfen.

Er sah aus dem Fenster und betrachtete einmal mehr das Gartenensemble.

Aber alles war ruhig.

Entgegen der Meldung suchten Sie ihn nicht – oder zumindest nicht hier. Es robbte keine Armee gepanzerter Polizisten mit Sturmhaube und Schutzschild durch Nachbarin Annelieses Geranien.

Wer hätte Gedacht, dass die früheren Selbstversorger-Gärten der Bergleute mal zu Blumen- und Grillgärten würden. Aber vielleicht würden sie in der nächsten Generation schon wieder zu Küchengärten werden und dann würde jemand anderes denken, wer hätte Gedacht, dass aus den blühenden Paradiesen wieder Not-Versorgungsgärten werden würden.

ZWEI

Matthias stand am Fenster. Nichts geschah. Jetzt, dachte er, war klar, warum verrückte Politiker forderten, dass die Bundeswehr im Inland eingesetzt werden sollte. Vielleicht brauchte die Sondereinheit noch ein bisschen Zeit.

Matthias beschloss, nicht weiter zu warten. Er suchte seine Sachen zusammen, die ihn vor dem unangenehmen Winterwetter schützen würden.

Aber dann brauchte er doch mehr als 10 Minuten, bis er vor dem Haus stand, in dem Reinhardt Haarck wohnte. Reinhardt, der mit dem guten Händchen für Gelddinge. Sie waren ein gutes Team gewesen.

Es stand zwar in dem Viertel mit alten Bergarbeiterhäusern, in dem auch Matthias wohnte, aber es gehörte trotzdem nicht dazu. Schon die Vorderseite ließ erkennen, dass der Eigentümer seinen Besitz immer komfortabler ausgebaut hatte. Die Häuser rechts und links waren abgerissen worden und eine unscheinbare Mauer klammerte jetzt ein Haus mit einer unscheinbaren Fassade ein. Über die Mauer ragten die Spitzen junger Bäume.

Auf der anderen Straßenseite standen weiterhin die über 100 Jahre alten Häuser aus rotem Klinker, hellem Putz und weiß gestrichenen Balken unter den Giebeln.

Der Unterschied zur anderen Straßenseite war nicht zu übersehen. Reinhardt Haarcks Haus stand zwischen schmutzigen Fassaden. Die Häuser waren schmutzig und die Balken unter den Dächern waren hölzernen Bohlen ohne Anstrich. Die Dachschindel waren stumpf und in den Regenrinnen wuchsen Birken. Hier waren die Gebäude noch in dem Zustand, in dem das Viertel war, bevor es saniert wurde.

Wahrscheinlich waren die Häuser verkauft worden, dachte Matthias. Und jetzt war die Renovierungsplanung im vollen Gange.

Die Bordsteinkante bestand immer noch aus abgenutzten und abgesplitterten Stein, der Rinnstein aus Kopfsteinpflaster.

Die Teerfläche wurde, wie im Rest der Stadt, jedes Jahr von einem mobilen Straßenbauteam ausgebessert. Mit einem Kleinlaster machten die ihre Runden und von der Ladefläche aus klatschten sie eine Schaufel Teer auf die Straßenlöcher. Mit den gleichen Schaufeln stampften sie dann die Löcher und Risse, die Autos, Frost und andere Widrigkeiten anrichteten, fest.

Allerdings war die Straße bis auf Höhe von Reinhardts Haus bereits komplett erneuert.

Matthias läutete an der Tür, doch niemand öffnete.