Tod einer Stadtelfe - Miranda Rouge - E-Book

Tod einer Stadtelfe E-Book

Miranda Rouge

0,0

Beschreibung

Eine sensibel erzählte Geschichte über zwei ungleiche Mädchen, deren Freundschaft beide in einem Strudel aus Liebe, Eifersucht, Drogen und Gewalt in die Tiefe zieht, bis eines der Mädchen stirbt. Romy ist fünfzehn. Ein Mädchen, das sich unter zu weiten Pullis und einer strubbeligen Lockenmähne versteckt. Eine Einzelgängerin, die in ihren romantischen Träumen lebt - ganz im Gegenteil zu Anja. Die Siebzehnjährige ist schlank, hübsch und in jeder Hinsicht erfahren. Weit weg von daheim finden diese so ungleichen Zwei zueinander und werden beste Freundinnen. Denn jede der beiden scheint genau das zu besitzen, was der anderen fehlt. Zurück im schulischen Alltag nimmt sich Anja der Jüngeren an. Doch je besser Romy sich in das Spiel der Großen einfügt, umso mehr wächst in Anja die Eifersucht. Als sie beschließt, Romy nicht nur von außen, sondern auch von innen gleichzumachen, hat das ungeahnte Folgen für beide. »Ein Buch, das dich gefangen nimmt, wütend macht und gleichzeitig aufschluchzten lässt, weil es realistischer ist, als du wahr haben willst.« Mit Aufklärungsanhang und Kontaktadressen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Miranda Rouge

Tod einer Stadtelfe

Miranda Rouge

Tod einer Stadtelfe

Content Notes:

Drogen, sexueller Missbrauch, selbstverletzendes Verhalten, Gewalt, Suizid, Essstörungen

ÜberarbeiteteNeuauflage als Klappenbroschur

Copyright © Novel Arc Verlag, Fridolfing 2022

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf im Ganzen, wie auch in Teilen, nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben, vervielfältigt, übersetzt, öffentlich zugänglich gemacht oder auf andere Weise in gedruckter oder elektronischer Form verbreitet werden.

www.novelarc.de

Umschlaggestaltung: Katharina Netolitzky unter Verwendung

eines Fotos von Dragosh Co/Shutterstock.

Sensitivity Reading: Celine Friedrich (sensitivity-reading.de)

Lektorat und Korrektorat: Lektorat Guaia

Klappenbroschur: 978-3-98595-345-5

E-Book: 978-3-910238-04-6

Kapitelübersicht

Prolog

Zurück im Gefängnis

Rob

Radiergummi-Geheimnisse

Versprechen muss man halten

Prinzesschen aus dem Ei

Spieglein, Spieglein

Sweet Sixteen

Flüssige Sonnenaufgänge

Eine hitzige Überraschung

Katerstimmung

Warmes Bett und kühle Schulter

Spießrutenlauf

Gerrys Braut

Vielleicht ist alles gut?

Ein Geständnis mit Lücken

Stumme Eingeständnisse

Neue und alte Schutzkokons

Streithähne

Neue Ziele

Partytime

Romy und Rob

Miss Totengräberin

Elfenblut

Der Weihnachtsbasar

Judaskuss

Eine Cola für gebrochene Herzen

Erst bunt, dann schwarz

Eingesperrt

Schwestern über den Tod hinaus

Lokalzeitung: »Tod einer Stadtelfe«

Anhang

Über die Autorin

Ein Wort zum Schluss

Vorwort

Ihr Lieben,

ein Wort vorab, damit ihr wisst, was auf euch zukommt, wenn ihr diese Geschichte lest und euch emotional darauf vorbereiten könnt. Denn dieser Roman beinhaltet Themen, die euch womöglich triggern.

Folgende Triggerwarnungen wurden mithilfe eines Sensitivity Readings für euch zusammengestellt: Drogen, sexueller Missbrauch, selbstverletzendes Verhalten, Gewalt, Suizid, Essstörungen.

Bitte passt beim Lesen auf euch auf und gebt mir gerne unter der Adresse [email protected] Feedback, wie ihr den Umgang mit den Themen empfunden habt.

Es ist kein ganz einfaches Buch, aber eines, das mir sehr am Herzen liegt und mich immer noch beim Lesen tief berührt.

Miranda Rouge

Mit sechzehn glaubst du, die Welt zu kennen

und das Leben im Griff zu haben ...

... bis die Realität dir in die Seele schneidet

und die erste ewige Narbe hinterlässt.

Prolog

»Was findest du an deinem Körper am schlimmsten?«, fragte Anja, während sie mit nackten Zehen die Strandkiesel zusammenschob.

Romy zögerte mit ihrer Antwort. Sie lag im Badeanzug bäuchlings auf ihrem Handtuch, den Oberkörper von einem dünnen Pullover verhüllt. Das Kinn in die Handflächen gestützt, beobachtete sie einen Jungen, der trotz des trüben Wetters mit seiner Luftmatratze im Meer planschte.

Sie brauchte keinen Spiegel, um sich ihren nackten Körper vorzustellen. Kindlich, käsig, kräftig sah sie sich dastehen. Nicht, dass sie dick war. Durch regelmäßiges Schwimmtraining hatten sich an Beinen, Schultern und Armen ansehnliche Muskeln gebildet. Doch hübsch fand sie sich nicht. Dazu fehlten ihr Anjas Grazie, die knöcherne Modelhüfte, der ansatzlose Übergang von Po zu Oberschenkel und das seidige Haar, das so wundervoll in der Sonne schimmerte.

Romys Schopf bestand dagegen aus einem glanzlosen, zerzausten Knäuel braunschwarzer Locken, die ihr bis zu den Schultern reichten. Während Anja sich stets schminkte und ihr Gesicht einen rundherum perfekten Teint zeigte, prangten bei Romy neben vereinzelten Pickeln dutzende Sommersprossen auf Nase und Wangen. »Fliegendreck«, wie ihre kleine Cousine dazu sagte.

Aber all das störte Romy nicht. Sie wusste, dass sie nie zu den typischen Schönheiten gehören würde. Trotzdem gab es etwas, für das sie sich schämte und das sie sorgsam vor den Augen anderer verbarg.

»Ich habe ein großes, knubbeliges Muttermal am Busen. Sieht aus wie eine zweite Brustwarze«, gestand sie schließlich und blickte mit zusammengepressten Lippen zu ihrer Freundin.

Doch weder lachte Anja, wie Romy befürchtete, noch schien sie ihre Anspannung zu bemerken. Stattdessen zupfte sie ihr knappes, neongelbes Bikinioberteil zurecht, strich die Gänsehaut an den Beinen glatt und sagte nach einer Pause: »Das ändert nichts an deinem Zauber, Romy. Einen Leberfleck kann man wegmachen lassen.«

Zauber? Was für eine Art Zauber sollte das sein? Romy forschte in den Zügen der anderen nach Anzeichen versteckter Ironie. »Was meinst du damit?«

»Äußere Schönheit ist käuflich, innere nicht.«

»Nein, ich meine das andere, was du gesagt hast, über den Zauber und so.«

Anja legte den Kopf schräg und blickte Romy mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an.

»In deiner Fantasie werden die Träume von einer heilen Welt noch wahr«, erklärte sie. »Ich dagegen kenne die Realität schon zu lange. Bei mir funktioniert das nicht mehr, auch nicht, wenn ich wollte.«

Während Romy über diese Worte nachdachte, sah sie die Gänsehaut auf dem Körper der Freundin abermals wachsen, so als wollte der Wind dem Gesagten mit seinem kühlen Hauch Nachdruck verleihen.

Ein älteres Ehepaar stapfte vorbei und weiter den Strand entlang. Die massige Frau trug ein buntes Wickelkleid und Flipflops, der Mann kurze Hosen, ein quer gestreiftes Poloshirt und Sandalen. Zwei typische Touristenexemplare, die ihrem Alltag hier in Sidmouth zu entfliehen versuchten. Doch ohne Erfolg. Mit hochrotem Kopf schimpfte der Mann vor sich hin, während die Frau mit verbissener Miene neben ihm herstakste.

Sieht er denn nicht, dass sie sich nur für ihn in dieses Kleid gezwängt hat?, dachte Romy und lauschte angestrengt. Doch ihr Englisch war trotz des Nachhilfeunterrichts fernab der Heimat immer noch zu schlecht, um den Sinn seiner schnell hintereinander abgefeuerten Tiraden zu verstehen.

»Ich hasse meinen Körper«, sagte Anja in die gemeinschaftliche Stille hinein und kickte ein paar Steine in Richtung Meer. »Er ist unförmig und hässlich.«

»Quatsch. Alle Mädchen zu Hause bewundern dich für dein tolles Aussehen«, erwiderte Romy und richtete sich auf. »In den Pausen bist du von Jungs umringt. Wenn es an unserem Gymnasium eine Wahl zur Schönheitskönigin gäbe, wärst du die unangefochtene Siegerin.«

»Du wieder mit deiner Schöne-Welt-Sicht.« Anja lächelte, doch in ihren Augen lag etwas, das Romy als tiefe Traurigkeit verstand. Je näher das Ende ihrer Reise rückte, umso öfter sah sie dieses Gefühl in ihrer Freundin aufflackern. Und auch sie spürte Wehmut. Romy wusste, egal wie verbunden sie sich fühlten, wenn sie zurück in ihren alten Leben ankamen, würde diese Freundschaft enden.

Ihre Welten in der Wirklichkeit waren zu verschieden. Hier in diesem verschlafenen Ferienort mit dem unaussprechlichen Namen hatten sie beide die Grenze überschreiten und ein Stück gemeinsam wandeln können. Zu Hause wäre Anja wieder das beliebte Mädchen, hip und von allen umschwärmt, während Romy zurück in ihrer Rolle als eigenbrötlerische Außenseiterin einsam durch die Gänge des Schulhauses streifen würde.

Sie hatten sich zufällig bei diesem von den Eltern aufgezwungenen, als Urlaub getarnten Nachhilfekurs getroffen. Sie, das fünfzehn Jahre alte Küken, und Anja, siebzehn, der Star des Arendt-Gymnasiums. Die beiden einzigen Deutschen auf dieser Sprachreise.

Es war Anja, die auf sie zugekommen war. Ungewohnt zurückhaltend, ja geradezu schüchtern. In ersten Gesprächen hatten sie sich beschnuppert, waren stundenlang plaudernd durch den Ort spaziert und schließlich innige Freundinnen geworden.

Endlich hatte Romy jemanden gefunden, mit dem sie albern kichernd umherziehen konnte. Sie schwammen im Sonnenschein raus ins Meer, ließen sich mit ausgestreckten Armen treiben und erzählten sich gegenseitig ihre heimlichsten Sehnsüchte, teilten Geheimnisse und Träume. Etwas, das Romy bis zur letzten Sekunde auskosten wollte.

»Sag mir lieber, wie ich meinen Prinzen rumkriege, Aschenputtel«, antwortete Romy und schnippte Anja herausfordernd gegen das Knie.

Diese konterte mit einem leichten Schulterrempeln. »Wer ist hier das wahre Aschenputtel, hm? Und warum weiß ich noch nichts von ihm?«

»Ist mir peinlich«, kam die genuschelte Antwort.

Anjas Brauen schnellten in die Höhe. »So, so. Und wie heißt der mysteriöse Traummann?«

Romy griff verschämt nach einer ihrer Locken. »Sein Name ist Sven.«

»Einer aus der Oberstufe?«

»Ne, der studiert schon. Er war die letzten drei Monate mein Nachhilfelehrer. Ohne ihn hätte ich das Jahr nicht geschafft.«

Für einen Moment schien Anja in Gedanken abzudriften, dann grinste sie amüsiert. »Na, du steckst dir ja gleich hohe Ziele.«

Es folgte ein Vortrag über richtiges Schminken, Hautpflegeanweisungen und Ratschläge für einen sexy Augenaufschlag. Als es Romy irgendwann zu viel wurde, sprang sie mitten im Satz auf, rannte ohne ein Wort zu sagen zum Strandkiosk und kam mit zwei Portionen Erdbeereis zurück.

»Ich hätte da auch noch einen Tipp. Hier, der perfekte Lippenstift!« Mit diesen Worten schmierte sie ihrer Freundin das Eis quer über den Mund.

»Ahhh, das ist kalt! Na warte ...!« Anja griff zur Sonnencreme. »Ein bisschen Abdeckcreme für deine Sommersprossen gefällig?«

»Das wagst du nicht!«

»Und ob!« Anja zielte und feuerte einen Cremestrahl.

Kreischend sprang Romy auf und Anja jagte sie bis ins Meer, wo sie sich lachend die Schmiererei aus ihren Gesichtern wuschen und anschließend schlotternd vor Kälte in ihre Handtücher wickelten.

Mit einem wohligen Seufzer strich sich Romy ihre Locken aus dem Gesicht. Es tat so gut, eine Freundin zu haben. Nie in diesen Wochen war für sie beide etwas zu kindisch gewesen, nie ein Gesprächsthema zu fantastisch oder zu ernst. Über alles hatten sie reden können. Über Eltern, Ängste, Wünsche. Nur ihren gemeinsamen Käfig, die Schule, mieden sie in ihren Gesprächen. Dort herrschten andere Gesetze. Dort stand ihre Freundin unerreichbar über ihr.

Romy seufzte erneut und diesmal lag Melancholie darin. Morgen würde der Urlaub enden und diese alte Grenze neu gezogen werden. Sobald sie aus dem Flieger stiegen, ihre Koffer abholten, durch die Zollkontrolle liefen - in die Arme ihrer Eltern, würde das Band zwischen ihnen zerreißen.

Hinter einem Vorhang aus diffusem Grau sank die Sonne langsam ins Meer. Der Junge mit seiner Luftmatratze gab sich geschlagen und lief mit hochgezogenen Schultern und klappernden Zähnen zur Sonnenschirminsel seiner Eltern.

»Du wirst immer meine heimliche Schwester sein«, sagte Romy und beobachtete angestrengt die Flusen ihrer Ärmelenden.

Anja schob ihre Füße tief zwischen die Kiesel, umschlang ihre Beine, legte das Kinn auf die Knie und atmete lang gezogen aus. »In Wahrheit ist alles nur ein groteskes Theaterstück voller Falschheit, Intrigen und Lügen.«

»In der Schule?«, fragte Romy.

»Auch da. Und überhaupt. Egal wie sehr wir uns in unseren Träumen verstecken, weder du noch ich werden diesem erbarmungslosen Spiel entkommen.«

Zurück im Gefängnis

»Guten Morgen, mein Spatz«, begrüßte ihre Mutter sie fröhlich, als Romy verschlafen und noch im Pyjama in die kleine Küche der Dreizimmerwohnung trottete.

»Morgen, Mum.«

»Wie ich sehe, brennst du geradezu darauf, dich wieder ins Schulgetümmel zu stürzen.«

Romy verzog das Gesicht, lümmelte sich auf ihren Stuhl und griff nach dem Brotkorb. Eine Scheibe dick mit Butter und Erdbeerrhabarbermarmelade war zumindest ein kleiner Trost dafür, dass der Wecker sie viel zu früh aus ihren Träumen gerissen hatte.

Ihre Mutter lächelte verständnisvoll. Sie stellte das Radio an, goss Romy Orangensaft ein und ließ ihr Zeit, den Kreislauf auf Touren zu bringen.

Romy kam, seit sie denken konnte, prima mit ihrer Mutter aus. Sie konnten sich über die Schule unterhalten, über Kinofilme und manchmal sogar über das, was sie sich in ihrer Fantasie ausmalte.

Trotzdem verheimlichte Romy diesen Teil meistens, besonders wenn darin ihr Vater eine Rolle spielte. Denn der war seit acht Jahren fort. Er war nach einem Streit gegangen und nicht wieder zurückgekehrt.

»Ein Künstler braucht eben seine Freiheit«, sagte ihre Mutter, sobald sein Name fiel. Doch Romy wusste, dass sie ihm immer noch nachtrauerte.

»Aber wir brauchen keinen Pinselschwinger«, ergänzte Romy dann aufmunternd. Und es stimmte. Ihre Mutter und sie waren ein eingespieltes Team und trotz knapper Kasse glücklich.

»Freust du dich, deine neue Freundin wieder zu treffen?«, fragte ihre Mum und goss Orangensaft nach. »Wie hieß sie noch gleich?«

»Anja. Anja Vogler.«

»Wohnt sie weit von der Schule weg? Oder habt ihr gestritten, weil ihr in der letzten Woche so gar keinen Kontakt hattet?«

Romy schnaufte. Natürlich hatte sie ihre Freundin vermisst, hatte sich gewünscht, Anja ihre geheimsten Plätze zu zeigen, an denen man stundenlang sitzen und vor sich hin träumen konnte. Sie hätte liebend gern mit ihr am Telefon über die Zeit in Sidmouth geplaudert oder sich wenigstens über Social Media ausgetauscht. Aber das war unmöglich. Eine unsichtbare Barriere hielt Anja im Lager der Beliebten und Romy bei den gesichtslosen anderen. Kein Kontakt zwischen den Spezies erwünscht, stand auf dem imaginären Schild des meterhohen Zauns. Und daran hatte sie sich gehalten.

Aber das würde ihre Mutter nicht verstehen, daher antwortete sie: »Anja war mit ihren Eltern bei Verwandten oder so.«

Eine halbe Stunde später stand Romy gewaschen, angezogen und mit Schulmappe bepackt im Flur und fühlte ein unangenehmes Drücken im Magen.

Anja hatte ihr in England erzählt, dass sie einen dieser berüchtigten blauen Briefe bekommen hatte, schon den zweiten in ihrer Schullaufbahn. Aber erst jetzt wurde Romy klar, dass das nicht nur bedeutete, dass Anja sitzen geblieben war, sondern auch, dass sie dieses Jahr mit ihr in die gleiche Jahrgangsstufe ging, vielleicht sogar in die gleiche Klasse!

Ob Anja sie begrüßen würde? Ob sie ihre Strandgespräche ebenso vermisste und sich nach Romy sehnte? Wohl eher nicht. Schließlich hatte Anja mehr als genug Freundschaften.

»Der Brokkoli-Kartoffel-Auflauf steht im Ofen und muss noch etwa zwanzig Minuten backen«, erklang die Stimme ihrer Mutter aus dem Schlafzimmer. »Verdammt! Dass diese Strumpfhosen aber auch immer so empfindlich sein müssen!«

Romy musste trotz des flauen Gefühls schmunzeln. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter sich beim eiligen Überstreifen wieder eine Laufmasche verpasst.

»Mum, ich muss los!«, rief Romy und wollte schon die Haustür öffnen, als die Mutter in den Flur hüpfte, in der einen Hand ihre Tasche, in der anderen den halb angezogenen zweiten Schuh.

»In Ordnung, ich bin fertig«, sagte sie keuchend, griff nach ihrer Jacke und hetzte mit Romy auf die Straße.

»Mach‘s gut, mein Spatz.«

»Bis heute Abend, Mum.«

Noch eine Umarmung, dann eilte ihre Mutter zur Bushaltestelle und Romy zu ihrem Fahrrad, das draußen vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses an der Theodor–Körner–Straße stand.

»Hier kommt die kluge, wundervolle, einzigartige Rooomy Durnacher!«, hörte Romy Rektor Peterson durch die Sprechanlage tönen.

Die Schüler im Pausenhof stürzten jubelnd auf sie zu, hoben sie hoch und trugen sie, ihren Namen singend, in das neue Klassenzimmer.

»Such dir einen Platz aus«, sagte Anette, die letztes Jahr so herablassend gewesen war, mit zuckersüßer Stimme.

Und Beata fragte: »Wer darf neben dir sitzen, Romy? Sag doch, wer?!«

Romy blickte sich um und sah Anja in der Reihe der Mädchen und Jungen stehen. Schüchtern deutete sie zu ihr und dann auf den Platz neben sich. Doch ihre Freundin lachte nur – erst leise, dann immer lauter und hämischer.

»Hey, pass doch auf!« Ein Junge, den Romy in ihren Tagtraum versunken beim Einbiegen auf das Schulgelände beinahe überfahren hätte, rettete sich fluchend hinter den Torpfeiler.

»’tschuldigung«, murmelte sie, ließ ihr Rad bis ans Ende des überdachten Fahrradständers ausrollen, stieg ab und quetschte es in die überfüllte Reihe. Da war sie also. Zurück im Käfig.

In der Aula rannten die neu eingeschulten Fünftklässler aufgekratzt mit ihren Minischultüten umher, während die Lehrer versuchten, ihre Schützlinge zur Ordnung zu rufen.

Die älteren Schüler und Schülerinnen standen in Gruppen zusammen, schnatternd, schreiend und schimpfend – über das Wetter in den Ferien, über den langweiligen Urlaub mit ihren Eltern oder die neue Klasseneinteilung.

Auch Romy musste an das große Brett gehen, um nachzusehen, welches Klassenzimmer sie dieses Jahr mit knapp drei dutzend anderen Schülern bewohnen würde. Ihr saß ein Kloß im Hals, als sie vortrat und die angepinnten Listen durchging.

Durnacher, Romana. Ihr Name war der fünfte auf dem Blatt der 10c. Als Lehrer war Herr Grillmann eingetragen, ein bereits ergrauter Deutschlehrer mit Vollbart, den Romy mochte. Er hatte im Gegensatz zu den meisten anderen nie gemeckert, wenn ihre Hefte eher wie Malbücher und nicht wie eine Aufsatzsammlung aussahen.

Und Anja? In welcher Klasse mochte sie sein? Romy atmete tief durch, bevor sie mit ihrem Finger weiter die Reihe abfuhr.

Der Name Vogler, Anja war die Nummer zweiunddreißig auf dem Blatt, ebenfalls 10c. Romy schluckte.

Hin und her gerissen zwischen Freude und Wiedersehensangst, rannte sie in den Keller und versteckte sich solange unter einer der massigen Betontreppen, bis die Schulglocke das erste Mal läutete und die Schüler sich auf den Weg zu den Räumen im Obergeschoss machten.

Erst im letzten Moment stürzte Romy los, lief die Stufen hinauf, die langen, weiß gekalkten Gänge mit dem feuerfesten Teppichboden entlang, in den Westflügel des Schulgebäudes, bis vor das Zimmer 02–108.

Die Tür war bereits geschlossen. Romys Herz pochte wie wild, als sie die Klinke in die Hand nahm, nach unten drückte und hastig eintrat.

Während die Schüler noch stehend oder an den Bänken lehnend miteinander quasselten, schrieb Herr Grillmann bereits die Arbeitsmaterialien an die Tafel, die sie für den Deutschunterricht besorgen sollten.

Romy blickte sich nach einem freien Stuhl um, fand eine unbesetzte Bank ganz außen in der zweiten Reihe und nahm gleichzeitig mit dem Gong Platz.

Herr Grillmann stellte sich der Form halber kurz vor, obwohl ihn alle kannten. Er überprüfte die Anwesenheit, ließ die Klasse seine Einkaufsliste in das Hausaufgabenheft abschreiben und begann dann ohne weitere Umschweife mit dem Lehrstoff.

Während er über den symbolischen Gehalt von Märchen referierte, wagte Romy es endlich, sich umzudrehen und Anja zu suchen.

Wie zu erwarten, saß ihre Freundin in der letzten Reihe zwischen Anette und Beata, zwei großmäuligen, aufgetakelten Schönheiten. Beata hatte damals die siebte Jahrgangsstufe wiederholen müssen. Sie war groß und schlank, trug das ganze Jahr über Miniröcke und prahlte damit, dass sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag ein Cabrio von ihren Eltern geschenkt bekommen würde. Anette war dagegen klein, weniger aufschneiderisch, dafür aber eine echte Giftspritze. Wenn sie jemanden auf dem Kieker hatte, brauchte man starke Nerven oder Ohropax, um die gemeinen Sticheleien zu ertragen. Sogar die Jungs vermieden Streit mit ihr.

Obwohl Romy Anja nicht die geringste Chance gegeben hatte, sich für sie zu entscheiden, versetzte ihr der Anblick dieser neuen Dreierclique einen Stich.

»Wach auf, Vogelscheuche. Du bist gefragt«, zischte Rüdiger von vorne und riss Romy damit aus ihren Gedanken.

Was fiel dem Kerl ein? Standen jetzt sogar die Streber aus der ersten Reihe in der Rangliste über ihr?

»Also, Romy, was ist dein Lieblingsmärchen?«, wiederholte Herr Grillmann seine Frage.

»Ich, ich ...«, stotterte sie, »... Zwergnase mag ich!«

Die Klasse grölte.

Was war das denn für eine Frage gewesen? Und warum hatte sie nicht einfach lügen und irgendeine dieser Prinzessinnen-Rettungsstorys nennen können? Romy fühlte die Röte in ihrem Gesicht, rutschte auf dem Stuhl so weit wie möglich unter die Bank und versuchte an etwas zu denken, das sie diese Peinlichkeit vergessen ließ. Sidmouth.

Als die Doppelstunde endlich vorbei war, verdrückte sich Romy als Erste aus dem Klassenzimmer. Sie wollte nicht wissen, ob Anja mitgelacht hatte, ob sie sie verächtlich anblicken würde, während sie – eingehakt bei Beata – an ihr vorbeiging.

Vielleicht ist Anja sauer, dass ich mich letzte Woche nicht gemeldet habe?, überlegte Romy, während sie auf ihrer gewohnten Runde den Pausenhof entlangschlenderte. Vielleicht hatte Anja sich nur aus Trotz zu dem fiesen Duo gesetzt?

Als Romy auf dem Weg zum Sportplatz den Ökoteich erreichte, erinnerte das trübe Wasser sie an den letzten Tag, den sie mit Anja am Strand verbracht hatte. In ihrer Vorstellung sah sie den kleinen Jungen mit seiner Luftmatratze im Teich zwischen den Libellen planschen und dachte an die Worte ihrer Freundin: »In Wahrheit ist alles nur ein groteskes Theaterstück.«

War es das? Die Erinnerung an die gemeinsame Zeit weckte in Romy den Wunsch, Anja wiederzusehen und sie um Verzeihung zu bitten, dass sie sich nicht gemeldet hatte. Dann würde alles gut werden. Sie waren in der gleichen Klasse, warum sollten sie nicht auch hier Freundinnen sein können?

Doch als Romy zum Tor am anderen Ende des Schulhofes kam – an die Stelle, an der sich die Älteren versammelten – war ihr Mut bereits wieder in den Keller gesunken.

In der abseits gelegenen Raucherecke, zwischen den aufgetakelten Mädchen und den halbstarken Jungs der Oberstufe, wirkte Anja so viel lauter und künstlicher als noch vor einer Woche. Wohin war das Mädchen verschwunden, das mit ihr am Strand gesessen hatte? Das mit ihr stundenlang tiefsinnige Gespräche geführt und sich die tollkühnsten Zukunftspläne ausgemalt hatte? War alles nur eine Lüge gewesen? Welche Anja war die Echte?

Unbeachtet von den Oberstuflern schlich Romy auf Hörweite heran, lehnte sich an eine Betonsäule und blickte zu Anja hinüber. Vielleicht würde die Freundin ihren sehnsüchtigen Blick spüren, zu ihr schauen und mit einer heimlichen Geste zeigen, dass das unsichtbare Band zwischen ihnen noch nicht zerrissen war?

Anja aber sah nur den Jungen. Er stand in abgewetzten Jeans und blau-weißem Sportshirt da, mit überkreuzten Beinen, eine Hand an die Wand gestemmt, in der anderen eine brennende Zigarette. Seine braunen Haare trug er kurz, strähnig, mit einem aufgestellten zerzausten Kamm, der den Mittelscheitel entlang verlief.

»Hey Anja, was sagst du zu Robs neuem Spitzbart?«, hörte Romy ein rothaariges Mädchen aus der Gruppe fragen.

»Spitzbärte sind geil. Die kitzeln so nett beim Küssen«, antwortete Anja und strich dem Jungen mit einer verführerischen Geste über die Bartstoppeln, die als kleines Dreieck sein Kinn schmückten.

Sie klang nicht nur verändert, sie sah auch verändert aus. Statt langer Leinenhose und bestickter Bluse wie in Sidmouth trug Anaja ein eng anliegendes, bauchfreies, rosa Bandeautop und einen weiten, weißen Minirock – die heimliche Uniform jener, die hübscher, schlanker und erwachsener als Romy waren.

Im Urlaub hatte Anja ihr im Vertrauen erzählt, dass sie Anwältin werden wolle, um im großen Spiel des Lebens mitzumischen, statt als ergebenes Frauchen den Launen eines Mannes ausgeliefert zu sein. Romy hatte sie für diesen Ehrgeiz bewundert. Anja, die Himmelsstürmerin, hatte sie sie genannt.

Jetzt sah Romy nur noch ein Püppchen. Den Kopf vorgestreckt, den Mund leicht geöffnet, war Anjas Auftritt ein einziges Schauspiel. »Küss mich, wenn du magst«, schienen ihre Augen zu sagen, während sich ihre Hüfte hin- und herbewegte – wie bei einem Hund, der um Streicheleinheiten bettelt.

Warum biederte sie sich so schamlos an, statt sich umwerben zu lassen, so wie sie es Romy für ihre erste große Liebe geraten hatte? »Lass ihn abblitzen, lass ihn knien und winseln. Das macht sein Verlangen nach dir noch stärker«, hatte sie gesagt. »Erst, wenn er bereit ist, alles andere in seinem Leben aufzugeben, ist er deinen Kuss wert.«

Waren all diese Worte nur Ausschmuck eines romantischen Wunschtraums gewesen? Auf den gemeinsamen Streifzügen durch die englische Landschaft hatte Anja ihr erzählt, dass sie schon viele feste Freunde gehabt hatte. War Rob nur ein weiterer in ihrer Sammlung? Oder war er der Ersehnte? War er der Eine, für den es sich lohnte, all seine Grundsätze aufzugeben? Zweifelnd sah Romy zu den beiden hinüber.

Der Junge, den sie Rob nannten, war mitten im letzten Schuljahr aufgetaucht. Vielleicht war er mit seinen Eltern umgezogen. Doch in Romys Fantasie formte sich eine andere Wahrheit. Rob wurde darin ein Held in strahlender Rüstung, gut aussehend, selbstbewusst, mit dieser kühl-distanzierten Art, die ihn noch anziehender wirken ließ. Wahrscheinlich hatte er irgendeine waghalsige Tat an seiner alten Schule vollbracht, hatte ein Mädchen vor einem Verweis und der grausamen Strafe ihrer Eltern beschützt und an ihrer statt die Schuld auf sich genommen.

Bestimmt hatte seine Freundin ihm bitterlich nachgeweint, als man ihn von der Schule verwiesen hatte. Und Rob hatte zum Abschied eine Nachricht an der Wand der Mädchentoilette hinterlassen – einen Schwur ewiger Treue. Deshalb würde er Anjas Annäherungsversuche abwehren. Anja würde sich enttäuscht abwenden, verletzt in Romys Arme fallen und sich bei ihr ausweinen.

Als Rob seine Zigarette lässig auf den Pausenhof schnippte, mit einer Hand Anjas blonde Mähne hinter ihr Ohr strich, sie sanft am Hals packte, zu sich zog und küsste, zerstob Romys Traum. Enttäuschung steckte ihr wie eine große Kröte im Rachen und ließ sie die bittere Erkenntnis schmecken: Sie wollte Anja für sich.

Nie hätte sie gedacht, dass ihr jemand einmal so viel bedeuten würde. Doch da war noch etwas. Etwas Brennendes tief in ihrem Herzen. Etwas Abscheuliches. Einen kurzen, bösartigen Moment lang wünschte sie sich, dass sie anstelle der Freundin in den Armen des Jungen liegen, von ihm geküsst und berührt würde.

Anjas helles Lachen ließ Romy wie vom Blitz getroffen zusammenfahren. Beschämt rannte sie davon, hinein in die Schulaula, die Treppen hinauf in den ersten Stock und zurück in das Klassenzimmer – ihrer neuen Heimat und Folterkammer für die nächsten elf Monate.

Rob

»Vergesst nicht, euch ein Thema für das Referat aus der Liste auszusuchen!«, rief Herr Stumpf in die Meute der aufspringenden Zwölftklässler.

»Ein Referat in Mathe! Der spinnt doch, der Stumpf«, sagte Rob und schob das karierte Blatt, auf dem er und Torsten während der letzten Stunde Schiffe versenken gespielt hatten, zusammen mit dem Heft in seine Umhängetasche.

»Kommste mit ins Donau Café?«, fragte Torsten.

Rob schüttelte den Kopf. »Nee, bin mit Anja verabredet.«

»Muss hart für sie sein, zwischen den Babys in der Zehnten zu hocken.«

»Und ob. Die Speckbacken denken wahrscheinlich noch, dass sie verhüten müssen, wenn ein Typ sie das erste Mal küsst.«

»Kommt drauf an, mit was und wo er sie küsst«, antwortete Torsten grinsend. Er verpasste Rob einen Boxhieb gegen den Oberarm, zückte sein Handy und verließ tippend das Klassenzimmer. Auch Rob holte sein Telefon aus der Hosentasche und gab Anja Bescheid, dass er an der Mauer links vom Schultor auf sie warten würde.

Draußen zündete er sich eine Zigarette an, schlenderte im Strom der Schüler an den Fahrradständern vorbei und dachte über seine Freundin nach.

Warum hatte sie es so weit kommen lassen? Er wusste genau, dass sie schlau war, und trotzdem hatte sie es geschafft, sich ihre Noten so zu versauen, dass sie zum zweiten Mal sitzen geblieben war.