Tod im Englischen Garten - Heidi Rehn - E-Book

Tod im Englischen Garten E-Book

Heidi Rehn

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Beschreibung

Ein Mörder geht um: Der packende historische Kriminalroman „Tod im Englischen Garten“ von Erfolgsautorin Heidi Rehn jetzt als eBook bei dotbooks. München, 1872: Im ersten Morgengrauen wird ein unbekannter Toter im Englischen Garten aufgefunden – hinterrücks erschlagen, und innerhalb weniger Wochen nun schon der dritte Tote! Polizeioffiziant Severin Thiel ist eigentlich einem ganz anderen Fall auf der Spur – er soll Licht in die dubiosen Machenschaften der „Dachauer Bank“ bringen, die mit unseriös hohen Zinsen Anleger in Scharen anlockt. Als jedoch erste Hinweise in den Mordermittlungen auftauchen, keimt in Thiel ein folgenschwerer Verdacht: Ist etwa die gewiefte Adele Spitzeder, Inhaberin dieser Schwindelbank, in die Morde verwickelt? Doch die lässt sich nicht so leicht in die Karten schauen … Wie schon in ihrem Bestseller „Das Haus der schönen Dinge“ versteht es Heidi Rehn auch in ihren historischen Kriminalromanen, Fakten und spannende Fiktion mitreißend miteinander zu verbinden. Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Tod im Englischen Garten“ von Bestsellerautorin Heidi Rehn. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 630




Über dieses Buch:

München, 1872: Im ersten Morgengrauen wird ein unbekannter Toter im Englischen Garten aufgefunden – hinterrücks erschlagen, und innerhalb weniger Wochen nun schon der dritte Tote!

Polizeioffiziant Severin Thiel ist eigentlich einem ganz anderen Fall auf der Spur – er soll Licht in die dubiosen Machenschaften der »Dachauer Bank« bringen, die mit unseriös hohen Zinsen Anleger in Scharen anlockt. Als jedoch erste Hinweise in den Mordermittlungen auftauchen, keimt in Thiel ein folgenschwerer Verdacht: Ist etwa die gewiefte Adele Spitzeder, Inhaberin dieser Schwindelbank, in die Morde verwickelt? Doch die lässt sich nicht so leicht in die Karten schauen …

Meisterhaft verwebt Heidi Rehn historische Realität und spannende Fiktion. So mitreißend wie ihr Bestseller »Das Haus der schönen Dinge«.

Über die Autorin:

Heidi Rehn, geboren 1966 in Koblenz/Rhein, kam zum Studium der Germanistik und Geschichte nach München. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Dozentin an der Universität und als PR-Beraterin, bevor sie sich als Texterin, Journalistin und Autorin selbständig machte. 2014 erhielt Heidi Rehn für »Die Liebe der Baumeisterin« den Goldenen Homer für den besten Beziehungs- und Gesellschaftsroman. Ihr Roman »Das Haus der schönen Dinge« eroberte 2017 die Bestsellerlisten.

Heidi Rehn veröffentlichte bei dotbooks bereits die historischen Kriminalromane »Mord am Marienplatz« und »Die Tote am Fluss« sowie den Doppelband »Mord in München«.

Die Website der Autorin: www.heidi-rehn.de/

Die Autorin im Internet: www.facebook.com/HeidiRehnAutorin

Instagram: www.instagram.com/heidi_rehn

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eBook-Neuausgabe September 2018

Copyright © der Originalausgabe 2007 Hermann-Josef Emons Verlag

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Valery Sedelnykkov und Mikhail Markovskly

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-256-6

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Heidi Rehn

Tod im Englischen Garten

Historischer Kriminalroman

dotbooks.

Doch mit der Kunst ist eswie mit den Träumen:Dort ist alles wahr,dort ist alles möglich.Lorenzo Marini

August 1872

Gleich beim Eintreten wusste Christian, dass er richtig war. Erleichtert nahm er die Kappe vom Kopf, fuhr sich mit den Fingern durchs strohblonde Haar und schaute sich um. Im rauchgeschwängerten Licht brauchte er eine Weile, bis er etwas erkennen konnte.

Das Wirtshaus unweit des rechten Isarufers war voll besetzt. Die hochsommerlichen Temperaturen trieben ihm den Schweiß aus den Poren. Bierdunst und muffige Küchengerüche ließen die Luft noch dicker werden. Schulter an Schulter, dicht aneinandergedrängt, hockten die Männer vor den Krügen, die Mützen tief in den Nacken geschoben, die Gesichter rot aufgedunsen, die Augen glasig vom Alkohol. Einige gestikulierten und schwatzten wild durcheinander, andere steckten die Köpfe eng zusammen und tuschelten leise, wieder andere hielten die Arme vor der Brust verschränkt und starrten schweigend Löcher in die Luft.

Tabakqualm und Mief legten sich Christian auf die Brust, reizten ihn zum Husten. Er gewöhnte sich an das Stimmengewirr, unterschied bald einzelne Satzfetzen, verstand schließlich einiges aus den Unterhaltungen. In der Stadt ging es auch nicht anders zu als bei ihnen draußen auf dem Land. Die Hände in den Hosentaschen, die Füße locker über Kreuz, lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand und genoss das Gefühl, das stundenlange Herumirren in den fremden Straßen endlich hinter sich zu haben.

»Suchst wen?«

Überrascht fuhr er zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass einer an ihn herangetreten war. Noch mehr schreckte er zurück, als er erkannte, wer da vor ihm stand: kein Mann, sondern eine Frau. Die dunkle, rauchige Stimme hatte ihn getäuscht.

»Ja«, antwortete er zögernd und musterte die Frau mindestens genauso ungeniert wie sie ihn. Gerade noch konnte er ihr auf den sauber gescheitelten Kopf schauen.

Das Auffälligste an ihr war allerdings nicht die für eine Frau recht beachtliche Größe, sondern das tiefschwarze Haar, das sie nach hinten gebunden trug, sowie das breite Gesicht mit den markanten Wangenknochen und den tiefblauen Augen. Vom Alter her war sie schlecht einzuschätzen. Auf den ersten Blick mochte sie etwa so alt sein wie seine beiden älteren Brüder und seine Schwägerinnen. Beim längeren Hinschauen schien sie ihm jedoch zusehends älter und ging ihm bald glatt als seine Mutter durch. Sonne und Luft hatten die Haut ledern werden lassen. Um Mund und Augen herum hatten sich zahlreiche Runzeln eingegraben, die erst auf den zweiten Blick erkennbar wurden.

Vom Land musste die Frau stammen, genau wie er selbst, das verriet nicht nur ihr Gesicht. Auch die Kleidung erzählte davon: grobe, staubige Schuhe, mehrere Lagen weiter Röcke übereinander und ein nicht eben feines leinenes Mieder, das so tief blicken ließ, dass Christian vor Scham bis über beide Ohren errötete. Die Frau tat nichts, um ihm den Blick auf die Ansätze ihrer ausgezehrten Brüste zu verwehren. Fast hatte er das Gefühl, sie lade ihn geradezu ein, auf ihren Busen zu starren. Die Ränder des mottenzerfressenen Brusttuchs schienen sich immer weiter zu öffnen. Regelrecht schummrig wurde ihm davon.

Trotz der schamlosen Offenherzigkeit lag eine gewisse Würde in ihrem Auftreten. Vielleicht war es die Art, wie sie ihn anschaute, vielleicht, dass sie ihm schon wieder halb den Rücken zukehrte und in die Gaststube sah, oder aber nur ihre volltönende Stimme.

»Mit dem Schachner Toni aus Miesbach müsst ich reden«, hörte er sich selbst lauter als beabsichtigt sagen.

»Warum?«

»Kennst den?«, gab er statt einer Antwort zurück. Etwas an ihrer knappen Frage störte ihn. Etwas störte ihn überhaupt an dieser Frau, die eigentlich keine richtige Frau war, obwohl sie es gleichzeitig doch so ganz offensichtlich war. Was das war, konnte er sich nicht so recht erklären.

»Hier im Wirtshaus soll er immer zu finden sein«, schob er nach.

»Was willst von dem?« Die Frau verengte ihre Augen zu einem schmalen Schlitz. In den braun gebrannten Falten rundherum sprangen weiße Linien auf Mit den Fingern der linken Hand begann sie, an ihrem Ohrläppchen zu spielen.

Der Argwohn entging ihm nicht. Noch einmal wanderte sein Blick an ihrer Gestalt entlang. Ihr Becken war ausladend, die Stofffülle der vielen Röcke unterstrich das. Schwungvoll stemmte sie ihre ungewöhnlich schmalen Hände in die Hüften. Die entblößten Unterarme waren sehnig und von trockener, schuppiger Haut überzogen. Allzu viel Überfluss schien es auch in ihrem Leben nicht zu geben.

Ruckartig stieß er sich von der Wand ab und erklärte leichthin: »Geht dich nichts an. Also: kennst ihn nun oder nicht?«

Stolz hielt er dem Blick der Frau stand. Sonst neigte er dazu, viel zu schnell viel zu viel von sich zu erzählen. Dieses Mal war es ihm gelungen, rechtzeitig den Mund zu halten. Ein guter Anfang für einen wie ihn in der großen, unbekannten Stadt.

Die Frau wandte sich mit einer abrupten Bewegung von ihm ab, besann sich dann aber wohl eines Besseren und lachte ihn breit an. Dabei wurden im unteren Gebiss eine Reihe gelblichbrauner Zahnstummel sichtbar, der Oberkiefer entpuppte sich als zahnlos. Aus der dunklen Höhle schlug ihm ein fauler Geruch entgegen, dass er sogleich den Atem anhielt und zurückwich.

»Und wie!«, sagte sie plötzlich fast schon übermütig. »Kommst halt mit, ich zeig ihn dir!«

Bevor er sich dagegen wehren konnte, hakte sie sich bei ihm unter, schmiegte die spitzen Hüftknochen fest an seinen Körper und zog ihn mit zur Tür hinaus.

Christians Wangen glühten noch mehr. Wie konnte er nur so einfältig sein! Plötzlich war ihm klar, was sie vorhatte. Fieberhaft überlegte er, wie er da wieder herauskam. Sobald er ihr sagen würde, dass er nichts von ihr wollte, würde sie gewiss zu zetern anfangen, dass es ein Aufsehen gab. Hatten ihn seine Kameraden nicht öfter davor gewarnt, dass es in der Stadt Weiber gab, die gar nicht lang fragten, bevor sie einen hinters Gebüsch zerrten? Hinterher verlangten sie ein Vermögen dafür, dass einer nur das mit ihnen gemacht hatte, was sie selbst herausgefordert hatten. Vorsichtig versuchte er, sich ihr zu entziehen. Sogleich presste sie sich nur noch fester an ihn. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Unwillkürlich fasste er sich an die Brust. Das kostbare Bündel steckte noch dort, wo er es am Morgen hingetan hatte.

Draußen vor dem Wirtshaus wehte ihnen' ein lauer Sommernachtswind entgegen. Begierig sog er die Luft ein. Mit einem klaren Kopf ließ sich rascher eine Lösung finden. Für einen Moment schloss er die Augen, dachte nach. Da verspürte er einen kräftigen Tritt gegen die Schienbeine. Er stolperte nach vorn. Im selben Moment landete ein gezielter Schlag mit der Handkante in seinem Nacken. Schon ließ ihn die Frau los und schlug ein weiteres Mal zu. Er knickte ein, sackte kopfüber zu Boden. Blitzschnell stellte sie den Fuß in seinen Rücken und hielt ihn unten.

Am liebsten hätte er sich im Dreck verkrochen. Tränen schossen ihm in die Augen. Wie konnte das nur passieren? Eine Frau, einen halben Kopf kleiner als er, ohne Speck auf den Rippen, ohne Muskeln im Arm – und trotzdem schlug sie ihn mit zwei Schlägen nieder! Wieder einmal war er zu leichtgläubig gewesen. Wann würde er das endlich kapieren?

»Musst noch viel lernen«, sagte die Frau. »Wirst hier in der Stadt sonst nicht weit kommen. Und das«, sacht stieß sie mit der Fußspitze gegen seine Brust, wo sich das kostbare Päckchen befand, »wirst auch schneller los, als dir lieb ist.«

Damit zog sie den Fuß wieder weg. Langsam rappelte er sich auf, klopfte den Staub aus Jacke und Hose, spie mehrmals angewidert aus. Dann erst wagte er, den Kopf zu heben. Die einsetzende Dämmerung ließ das Gesicht der Frau plötzlich fratzenhaft wirken.

»Schau lieber, dass du weiterkommst. Heutzutag kann einer nicht vorsichtig genug sein, vor allem wenn er vom Land kommt wie du. Was glaubst, worauf die hier warten? Gewiss nicht auf solche wie dich. Ihr Burschen vom Land wollt denen hier in der Stadt nur die Arbeit und die Mädels wegnehmen. So was können die hier aber ums Verrecken nicht ausstehen!«

»Ich will niemandem nix wegnehmen. Arbeit und ein Mädchen hab ich selbst.«

Der Trotz war nicht zu überhören. Das ärgerte ihn fast noch mehr als die Tatsache, dass sie meinte, ihm einen Ratschlag erteilen zu müssen. Wer war sie denn überhaupt?

»Das musst aber gleich laut dazusagen. Wennst dich immer so dumm anstellst wie eben, traut's dir sonst keiner nicht zu.« Dabei verzog sie die schmalen Lippen zu einem Grinsen. Und setzte, als er verschämt schniefte, in versöhnlicherem Ton nach: »Wenn ich dich so anschau, glaub ich fast, du bist einer von den drei Gottwald-Buben aus Brannenburg. Der jüngste von denen, hab ich recht? Also sag: Was willst hier in der Stadt?«

»Woher weißt das alles? Kannst vielleicht hellsehen?«

Die Frau wurde ihm immer unheimlicher. Er trat zwei Schritte nach hinten. Verstohlen schätzte er ab, wohin er sich flüchten konnte, falls sie ihn noch einmal angreifen sollte. Sie aber ordnete ihre Röcke, zog das Tuch enger über die Brust und grinste einfach weiter.

»In meinem Metier musst früher aufstehen als die andern, sonst gehst unter.«

Er kämpfte mit sich. Am liebsten hätte er sie einfach stehen lassen und wäre weggegangen. Doch so würde er nicht vorankommen. Er dachte an Sophie. Und an das Versprechen, das er ihr gegeben hatte, in der Früh, als er aus Rosenheim aufgebrochen war. Sie verließ sich auf ihn, gerade jetzt, in ihrem Zustand. Außerdem hatten sie einen gemeinsamen Traum. Ihr zuliebe musste er seinen gekränkten Stolz vergessen und es noch einmal probieren, dieses Mal allerdings energischer als vorhin.

»Also, was ist? Kennst jetzt den Schachner Toni oder nicht?«, fuhr er die Schwarzhaarige schroff an.

»Was glaubst, wer die ganze Zeit vor dir steht?«

»Du? Ich denk, der Toni ist ein Mann.«

»Das mit dem Denken überlässt besser denen, die was davon verstehen. Siehst ja selbst, was sonst dabei rauskommt. Die Schachner Toni bin ich, ob's dir passt oder nicht. Und wennst magst, sagst jetzt, was du willst, dann schauen wir weiter.«

Mittwoch, 18. September 1872

Die frühen Morgenstunden im Englischen Garten liebte Severin Thiel ganz besonders. Kaum eine Menschenseele störte um diese Zeit den Frieden, der über Bäumen, Bächen und Wiesen lag. Der Geruch nach frischem Laub und Tannengrün kitzelte die Nase, ein angenehm kühler Lufthauch umspielte den Kopf. Das sorgte für klare Gedanken. Umso bedauerlicher, dass er an diesem Morgen nicht zu seinem Vergnügen in dem weitläufigen Park unterwegs war. Er befand sich bereits im Dienst und musste sich beeilen, wollte er nicht als einer der Letzten den Einsatzort erreichen. Die Arme auf dem Rücken, mit den langen Beinen weit ausholend, passierte er die Gebäude der Veterinärschule. Danach hielt er sich rechts, schlug einen der breiten Hauptwege stadteinwärts ein.

In den letzten Tagen hatte sich die Farbe des Lichts verändert. Es war deutlich milder geworden. Zart verfärbten sich die ersten Blätter an den Bäumen und Sträuchern, auch die Gräser wurden gelb. Trocken knirschten Zweige und Sand unter den Schuhen. Blau- und rotfarbene Wolkenfetzen begleiteten den Sonnenaufgang zu Thiels Linken. Geradeaus, Richtung Süden, zeichnete sich die Silhouette der Stadt in den verschiedensten Grautönen ab. Die ersten Sonnenstrahlen kletterten die Kuppel der Theatinerkirche hinauf. Die hohen Zwillingstürme der Frauenkirche blinkten bereits im frühmorgendlichen Glanz. Selbst auf die niedrigeren Dächer der angrenzenden Gebäude fiel schon das erste Sonnenlicht. Selbstbewusst ob seiner Größe schob sich von Osten das lang gestreckte Dach der Residenz als imposanter Querriegel in die Kulisse, ließ lediglich den markanten Turm des Alten Peter hoch über sich hinausragen. Über all dem lag eine Beschaulichkeit, die sämtlichen Wirren der neuen Zeit zu trotzen schien. Schweren Herzens riss Thiel sich von dem beeindruckenden Anblick los.

Schon von Weitem war das Ziel seines frühmorgendlichen Ausflugs erkennbar. Am westlichen Rand der großzügigen Wiesenfläche, die von zwei Bachläufen und mäandernden Spazierpfaden durchschnitten wurde, hatte sich eine unübersehbare Menschenansammlung gebildet. Im Umkreis von wenigen Fuß drängten sich mindestens ein halbes Dutzend Gendarmen vor einem dichten Gebüsch. Eifrig waren sie darum bemüht, die Schaulustigen in Schach zu halten. Ungeachtet der frühen Stunde musste sich die Nachricht vom Fund einer Leiche wie ein Lauffeuer in den Straßen der nahen Maxvorstadt verbreitet haben. Unglaublich, wer um diese Zeit schon die Muße fand, sich mit einem fremden Toten zu beschäftigen, statt sein Tagwerk zu beginnen. Noch unglaublicher, dass die Leute sich das völlig freiwillig und aus purer Neugier antaten.

Knapp grüßte Thiel in die Runde der Gendarmen und hielt respektvollen Abstand zum restlichen Geschehen. Eigentlich konnte er hier nicht viel tun, streng genommen durfte er überhaupt nichts tun. Seit einigen Jahren gehörten zwar Störungen der öffentlichen Ordnung – und um nichts anderes handelte es sich in diesem Fall – zu den Aufgaben der Polizeidirektion der königlich bayerischen Haupt- und Residenzstadt München, allerdings war damit derzeit ein anderer Polizeikommissar betraut. Thiel konzentrierte sich seit Längerem auf einen Spezialauftrag des Polizeidirektors und war nur hergekommen, weil Gendarmeriekommandant Franz Gersthofer ihn ausdrücklich darum gebeten hatte. Warum er das getan hatte, darüber würde ihm sein langjähriger Freund sicher bald Auskunft geben. Noch aber war Gersthofer, von Natur aus ein behäbiger Mann in eindrucksvoller Uniform und mit einer alles und alle übertönenden Stimme, mit anderem beschäftigt. Geduldig überließ Thiel den Grünberockten das Feld und begann, die Hände weiter fest auf dem Rücken verschränkt, etwas abseits der Gruppe mit den Stiefelspitzen kleine Steine über den Boden hin und her zu scharren.

Feiner Staub bedeckte das sonst auf Hochglanz polierte schwarze Leder seines Schuhwerks – und das schon kurz nach Dienstantritt. Auch am Saum seiner dezent schwarz-grau gestreiften Hosen zeigten sich bereits leichte Spuren von Dreck. Unwillig versuchte er, ihn abzuklopfen. Seit er vor zwei Jahren in den Rang eines Polizeikommissars befördert worden war, trug er Zivil. Umso mehr legte er Wert auf korrekte Kleidung, schließlich war es seine Pflicht, Respekt auszustrahlen. Wo kam man denn da hin, wenn schon die Vertreter der Obrigkeit nicht mehr auf solche Dinge achteten? Ordnend zupfte er noch einmal am Hosenschlag und strich anschließend kurz über seinen schmalen Oberlippenbart, bevor er sich wieder dem unmittelbaren Geschehen zuwandte.

Die Aufmerksamkeit der Anwesenden konzentrierte sich ganz auf einen männlichen Leichnam, der halb verdeckt im Gebüsch lag. Thiel drängte sich nun doch dichter heran.

Soweit er das aus dieser Position heraus abschätzen konnte, mochte der Tote etwa dreißig Jahre alt sein. Von seinem teilweise unter Weißdornzweigen verborgenen Kopf war nicht viel mehr als kurzes rotblondes Haar und ein nicht eben gepflegter Bart zu erkennen. Die Kleidung kennzeichnete ihn eindeutig als Angehörigen der unteren Schichten. Vermutlich war er ein einfacher Handwerksgeselle, Fabrikarbeiter oder Tagelöhner. Er trug derbe Hosen und eine Jacke aus Drillich, darunter ein helles Hemd sowie reichlich abgelaufene Schuhe. Das hochgeschobene rechte Hosenbein gab den Blick auf löchrige Strümpfe über äußerst kräftigen Waden frei. Die ungewöhnlich weiße Haut war mit roten Flecken übersät. Die schwieligen Hände ließen keinen Zweifel daran, dass der Mann zu Lebzeiten harte körperliche Arbeit gewohnt gewesen war.

Doktor Voigt, der Gerichtsarzt, kniete vor der Leiche und untersuchte sie hochkonzentriert. Dass dabei sein Anzug aus feinstem englischem Tuch Schaden nahm, kümmerte ihn wenig. Als ginge das nur ihn etwas an, murmelte er seine gerade gewonnenen Erkenntnisse leise vor sich hin. Gersthofer war wie alle Angehörigen der Münchener Ordnungskräfte längst an dieses Verhalten gewöhnt. Er schien genau zu verstehen, was der Doktor sagte. An seinem Gesicht konnte Thiel allerdings ablesen, wie unerfreulich das im Detail sein mochte. Nervös zwirbelte der Gendarmeriekommandant die Enden seines Backenbartes und wippte auf den Füßen vor und zurück. Sein dicker, grün uniformierter Bauch schaukelte hin und her, sein Gesicht verriet tiefe Besorgnis.

»Hinterrücks erschlagen!« Laut wiederholte er die letzten Worte des Arztes und hob den Blick zu Thiel. »Der dritte Bursche schon, den wir so finden. Vor paar Wochen erst haben wir die andern beiden angeschaut, ebenfalls hier in der Näh, auch immer halb unterm Gebüsch: Grad könnt einer meinen, in der Stadt ging eine Epidemie um.«

»Langsam, langsam«, mahnte Thiel. »Wie kommst denn darauf, gleich an einen Zusammenhang zu denken? Tragisch ist's gewiss, dass einer hinterrücks erschlagen im Gebüsch liegt, aber vorkommen tut's leider öfter, als uns lieb ist. Da brauchst nicht gleich von einer ›Epidemie‹ reden.«

»Tu ich auch gar nicht. Aber da gibt's noch ein paar andre Auffälligkeiten. Drei relativ kräftige und recht gesunde Burschen innerhalb von so kurzer Zeit – und immer hinterrücks erschlagen und ins Gestrüpp 'neingezerrt! Den einen haben wir weiter hinten, direkt beim Eisbach, gefunden, den andern hinten, ganz nah am Monopteros, also alle drei hier im Englischen Garten, und zwar ganz exakt im südlichen Teil. Thiel, da stimmt was nicht, sag ich dir. Überhaupt stimmt was nicht in München. In letzter Zeit wird immer mehr geprügelt und aufeinander eingeschlagen. Kaum ein Tag vergeht ohne Rauferei in der Stadt, immerzu braucht's einen Schandi, um zu klären oder zu schlichten. So schlimm war's schon lang nimmer, wenn überhaupt jemals, seit ich hier im Dienst steh. Und das tu ich, wie du weißt, seit über zwanzig Jahren.«

»Das glaub ich dir gern, Gersthofer«, lenkte Thiel ein. »Die Berichte von den Wachen kenn ich selbst, krieg s' oft genug zum Lesen. Aber Zeiten, in denen viel gerauft und geprügelt wird, gibt's immer wieder, und das öfter, als man meint. Denk nur an die Geschicht mit den Gewerkschaften vor zwei Jahren. Wie verrückt waren s' da. Grad hoch hergegangen ist's in den Wirtshäusern nahezu jeden Tag, wennst dich erinnerst. Oft haben wir sogar mehr als eine große Prügelei mit mehreren Hundert Mann gleichzeitig gehabt. Viel zu viel Bier gesoffen haben die Männer damals und sich die Köpf dabei heißgeredet auf ihren Arbeiterversammlungen. Da hat nur einer ›Auf geht's!‹ rufen brauchen, und schon ist's richtig losgegangen.«

Zur Bestätigung klopfte er seinem Freund auf die Schulter, ließ seine Hand dort liegen, als er weitersprach: »Schau, immer, wenn die Zeiten schlecht sind, werden die Männer radikal und schlagen einander die Köpf ein. Irgendwo muss die Wut über das ganze Elend halt hin. Grad jetzt siehst's wieder. Kaum haben sich alle an den Kaiser im fernen Berlin gewöhnt, merken s' schon, dass der auch nur mit Wasser kocht. Mit unserem bayerischen König allein ist's uns dabei auch nicht schlechter gegangen als jetzt mit dem deutschen Kaiser. Ganz oben an der Spitze hockt zwar ein anderer, die Probleme für die kleinen Leut hier unten aber sind die alten geblieben. Profitieren von den neuen Grenzen und dem angeblich leichteren Geldverdienen tun nach wie vor nur die Großkopferten. Die andern können nur blöd schauen, wie der Kuchen verteilt wird. Wennst mich fragst, Gersthofer, spielt's sowieso keine Rolle nicht, ob großdeutsch oder kleindeutsch, mit Kaiser oder mit König. Die Not von den kleinen Leut bleibt letztlich immer dieselbe, und das gewiss nicht nur bei uns in Bayern. Da muss sich keiner nicht wundern, dass einer meint, allein mit Prügeln könnt's besser für ihn werden.«

»Red'st dich noch um Kopf und Kragen«, war alles, was der Gendarmeriekommandant ihm darauf erwiderte. Grübelnd betrachtete er wieder den Toten.

Unter den Schaulustigen kam es zu einer Rangelei. Irritiert von dem Aufruhr, hob Thiel den Blick. Einer wollte sich wohl ganz nach vorn drängen, um den Toten anzuschauen. Eine groß gewachsene Frau mit auffallend schwarzen Haaren stieß ihm den Ellbogen wohl derart kräftig in den Bauch, dass er zusammenklappte. Laut schimpfend rissen zwei Schandis ihn wieder hoch und schleppten ihn zur Wiese, wo er zusammengekrümmt liegen blieb. Ein Dritter schickte die Frau unter Androhung einer Anzeige weg. Thiel sah ihr nach, wie sie fluchend und zeternd Richtung Stadt verschwand.

»Hast schon einen Hinweis, wer's ist?«, fragte er Gersthofer nach einer Weile.

»Nix hab ich«, antwortete Gersthofer barsch. Ihm schien der Zwischenfall entgangen zu sein. »Die Taschen sind leer. Kein Geld, keine Papiere, kein gar nix. Als ob's den beim Namenverteilen vergessen hätten. Ich wett mit dir, abgehen wird der auch keinem. Genau wie die anderen zwei. Vermisst gemeldet hat noch keiner hier in der Stadt einen von den Burschen, dabei sind die zwei andern schon seit vier und sechs Wochen tot. Es ist grad so, als ob's sie nie gegeben hätt. Grauslig, so ein elendiges End, das keinen nicht interessiert!«

»Grauslig ist's schon, aber ändern tun wir zwei das auch nimmer.«

Der Freund schien die Bemerkung zwar gehört zu haben, winkte allerdings müde ab. Sein Blick ruhte weiter auf dem Toten, als warte er darauf, der würde sich aufrichten und ihm doch noch etwas über sich erzählen. Irgendwie kam er wohl nicht von ihm los. Dabei hatte er es als Kommandant der Gendarmerie mitten in der Stadt oft genug mit Toten zu tun, häufig sogar mit weitaus grausamer zugerichteten, noch jüngeren Opfern.

»Schau dir den hier noch mal genau an, Thiel. So wie der angezogen ist, hat's den Anschein, als käm der auch wieder von auswärts, vom Land, wie die zwei andern. Kein Wunder, dass den keiner hier bei uns nicht kennt. Aber wo willst suchen, wennst nicht mal weißt, wo du damit anfangen sollst?«

»Hm.«

»Ich werd das Gefühl nicht los, dass da was nicht stimmt. Die drei sind nicht nur Opfer von Schlägereien, wie's sie immer gibt bei uns in der Stadt. Da steckt viel mehr dahinter, da verwett ich meinen Bart.«

Ungeduldig schnaufte Thiel auf: »Was soll noch dahinterstecken? Seltsam ist höchstens, dass der arme Bursch hier nicht sonderlich alt geworden und nicht friedlich in seinem Bett gestorben ist. Aber das hat er sich halt nicht aussuchen können. Er ist beileibe nicht der Erste, der so ein tragisches End gefunden hat, und er wird gewiss auch nicht der Letzte gewesen sein. Schön ist's zwar nicht, so sterben zu müssen, aber ändern können wir zwei das trotzdem nicht. Oder hast mich rufen lassen, weil du meinst, wir zwei könnten da jetzt im Ernst noch was gegen ausrichten?«

»Bei dem hier gewiss nicht mehr. Trotzdem denk ich, dass du dir das alles mal genauer anschauen sollst. Bist doch noch dran an der Geschicht mit der Dachauer Bank, oder?«

»Ja, schon, aber was hat das jetzt mit der Leich hier zu tun?«

Thiel mochte diese Angelegenheit nicht, noch weniger mochte er, direkt darauf angesprochen zu werden, selbst von seinem langjährigen Freund Gersthofer nicht. Das sollte der längst begriffen haben.

»Bei der Spitzeder und ihrer Bank geht's um was ganz Lebendiges, vor allem um den ganz lebendigen Wunsch der meisten einfachen Leut, auch einmal schnell viel Geld zu verdienen, genau wie sonst nur die Großkopferten. Ein schönes Leben wollen die sich damit machen und gewiss nicht so einen ärmlichen Tod finden wie der Bursch hier im Gebüsch. Was hat der also mit meiner Sach zu tun? Und gleich die andern beiden auch noch? Hast doch noch was gefunden? Einen Wechsel vielleicht oder sonst was von der Dachauer Bank, was beweisen würd, dass die was mit dem zu tun hat?«

»Nein«, bekannte Gersthofer kleinlaut, fügte dann aber trotzig hinzu: »Gefunden hab ich nichts. Auffällig ist aber, dass alle drei Burschen im Englischen Garten verdächtig nah bei der Schönfeldstraße, wo die Spitzeder ihr Haus hat, umgebracht worden sind. Außerdem haben s' nicht einen Heller mehr in den Taschen gehabt. Ergo müssen s' ausgeraubt worden sein. Könnt gut sein, dass einer sie ausspioniert hat, wie s' mit all ihrem schönen Geld von der Bank gekommen sind. Und damit man ihm nicht drauf kommt, hat er hinterher alles weggeschafft. Ich wett mit dir, da drüben in der Schönfeldstraße liegt der Schlüssel zu den Morden, Thiel. Da müssen wir den Täter suchen.«

»Dazu wirst aber gewiss nicht ausgerechnet mich brauchen. Wirst's schon allein hinkriegen mit deinen Leut, drüben bei der Spitzeder nach den Burschen zu fragen. Oder traust dich nicht, dort anzuklopfen? Wennst dir so sicher mit deinem Verdacht bist, wird's nämlich allerhöchste Zeit, dass du's endlich tust.«

»Hab ich doch schon, Thiel, zumindest bei den ersten zwei Toten.«

»Und?«

»Nix und. Keiner hat die zwei dort drüben kennen wollen. Angeblich sind s' niemals dort gewesen. Von den Angestellten will s' jedenfalls keiner je gesehen haben. Und in den Büchern stehen s' auch nicht.«

»Wie willst das wissen, wennst nicht mal ihre Namen kennst?«

»Alle Namen sind wir durchgegangen, von sämtlichen Männern, die an dem Tag vor dem Mord dort gewesen sind. Alle sind nachher wieder irgendwo lebendig aufgetaucht, spätestens dann, wenn ihr Geld mit den Zinsen fällig geworden ist.«

»Na also, dann vergisst das am besten gleich wieder, deine schöne Theorie mit der Epidemie von den Toten, die die Dachauer Bank produziert. Hast's ja grad selbst widerlegt.«

»Hm«, knurrte Gersthofer unzufrieden. Das alles schien ihm trotz der stichhaltigen Argumente keine Ruhe zu lassen.

»Wennst mir wirklich nicht mehr sagen kannst, dann verabschied ich mich jetzt. Mir pressiert's. In die Polizeidirektion muss ich 'nüber. Gleich um acht in der Früh hab ich heut schon meinen Rapport beim Herrn Polizeidirektor.«

Kurz tippte er mit dem rechten Zeigefinger an seinen Zylinder und drehte sich um.

»Wart noch einen Moment«, hielt sein Freund ihn am Arm zurück. »Dass du mehr brauchst, um in der Sach gegen die Dachauer Bank zu ermitteln, weiß ich, aber ich hab leider nichts, was ich dir noch in die Hand geben könnt. Doch schau: Seit alle Welt drauf aus ist, bei der Spitzeder und ihrer Bank das große Glück zu machen, sind s' alle wie narrisch. Keiner denkt mehr drüber nach, was er tut. Ein jeder hat nur noch das schnelle Geld im Sinn. Wie die Heuschrecken fallen s' bei uns ein, sogar von draußen vom Land kommen s' rein, erst von Dachau daher hat s' ja ihren schönen Namen –, längst aber von überall her. So wie die drei armen toten Burschen hier wahrscheinlich auch. Als ob's was umsonst gäb. Aber so was kann's nicht geben, nie und nimmer nicht. Keiner schenkt einem was. Ein jeder will am End irgendwas davon haben, wenn er einem andern was Gutes tut. Wir zwei wissen's schon lang: Das mit der Dachauer Bank ist ein riesengroßer Schwindel. Ein böses Erwachen wird's eines Tages deswegen noch geben. Und vor dem Tag graust's mir jetzt schon! Umso wichtiger, dass wir von der Gendarmerie und ihr von der Polizei rechtzeitig drauf schauen, was sich tut, bevor's zum ganz großen Knall kommt. Und das mit den toten Burschen, das ist so eine Sach, Thiel, wegen der ich aufhorch. Könnt doch gut sein, dass die wirklich was mit der Bank und der ganzen Gier nach dem großen Geld zu tun haben.«

»Was die Bank und den möglichen Schwindel angeht, magst recht haben, Gersthofer. Da stimm ich dir in allem zu. Aber dafür brauch ich mir trotzdem noch lang keinen Toten im Gebüsch nicht anzuschauen. Solang du bei den toten Burschen nichts Handfestes findest, was eindeutig mit der Dachauer Bank zu tun hat, kann ich nichts tun. Schon seit Monaten haben wir von der Polizei ein Aug auf die Spitzeder und ihr Treiben. Dass an der ganz gehörig was faul ist, wissen wir sowieso schon lang. Bislang aber gibt's nix, weshalb man ihr das Handwerk legen könnt. Glaubst gar nicht, was wir schon alles probiert haben: Gewerbeanmeldung, Betreiben von Bankgeschäften, korrekte Buchführung und so weiter, nix davon hat was gebracht. Immer hat s' sich einsichtig gezeigt und war ernsthaft drum bemüht, den Behörden zu Diensten zu sein und nix Falsches mehr zu tun. Wennst mich fragst: Die Spitzeder weiß immer ganz genau, was sie tut und was sie besser bleiben lässt. Vor allem weiß sie ganz genau, wie s' die Behörden an der Nase herumführen kann und wie s' derweil trotzdem den gutgläubigen Menschen das mühsam ersparte Geld aus den Taschen zieht. Eine ganz eine Raffinierte ist das. So was Offenkundiges wie einen Mord wirst ihr und ihren Leut nie und nimmer nicht nachweisen können. Darauf verwett ich mein Gehalt!«

Er erschrak selbst, wie sehr er sich in Rage geredet hatte. Etwas außer Atem schwieg er, tupfte sich mit seinem Taschentuch über die Stirn. Nachdenklich richtete er den Blick ins Weite, ließ seine Augen über die großzügigen Wiesenflächen wandern. Weiter hinten schälte sich der Hügel mit dem strahlend weißen Monopteros heraus. Über dem Boden hing noch der frühmorgendliche Dunst, das Gras war feucht. Heiser krächzend plusterte sich eine Krähe in der Spitze eines Kastanienbaums auf. Eine Gruppe schnatternder Gänse brach von Osten her auf die gegenüberliegende Wiese ein. Mit lang vorgerecktem Hals flog eine voraus, in wohlgeordneten Reihen gefolgt von der restlichen Schar. Schwungvoll zogen die großen Vögel noch eine Kurve über den aufklarenden Himmel, bevor sie zum Landen ansetzten. Dazu streckten sie die dürren Beine aus, ruderten mit den Schwingen, glichen mit dem Körper aus, bis sie in der bestmöglichen Position aufkamen, ein paar Schritte weiterliefen, endgültig abbremsten und stehen blieben, ganz ordentlich eine nach der anderen. Eine jede kannte ihren Platz, keine versuchte, aus der Rangordnung auszuscheren.

»Bei allem Misstrauen«, riss Thiel sich von dem Schauspiel los, »eins musst zugeben: Der Herrgott scheint bislang ein recht wohlwollendes Aug auf die Spitzeder und ihre Bank zu haben. Trotz aller Prügeleien und der kopflosen Gier der Leut. Bis jetzt ist's alleweil gut gegangen mit den Geldeinlagen. Ein jeder, der hundert Gulden zur Spitzederin hinbringt, kriegt spätestens nach zwölf Wochen mindestens hundertvierundzwanzig dafür raus. Auf sechsundneunzig Gulden Zins für hundert Gulden Einlage kommt er so aufs Jahr, also fast das Doppelte von dem, was er am Anfang 'neingesteckt hat. Das ist doch ein kleines Wunder.«

Wie zum Trost legte er seinem Freund die Hand auf die Schulter. Gersthofer wirkte erschöpft und müde, als zerstöre er ihm mit der Bemerkung mehr als nur eine Theorie über den möglichen Täter.

Rasch fuhr er deshalb fort: »Kein Wunder aber ist's, dass alle was davon haben wollen. Reich werden und sich verbessern, das will doch ein jeder. Und die Spitzeder hat's bislang noch immer geschafft, die Beträg, die die Leut zu kriegen haben, am End auch wirklich auszuzahlen. Keinen von ihrer Kundschaft hat s' bislang hängen lassen. Den kleinen Leut hilft s' also wirklich, ein bisserl vorwärtszukommen im Leben. Dank ihrer Hilfe ist so manch einer schon vom hintersten Platz der Gesellschaft ein gutes Stück weit nach vorn gerutscht. Eine andere Chance bleibt ihm im Leben oft auch gar nicht. Deshalb sag ich dir, Gersthofer: Solang die Spitzeder nicht mit einem Prügel oder einem blutigen Messer daneben steht, so lang können wir zwei ihr nix anhaben, selbst wenn wir zehn Leichen im Gebüsch finden. Was die mit dem allem wirklich zu tun haben, das kannst mir ja nicht mal selbst erklären.«

Mittwoch, 25. September 1872

Als sich die dunkle Eichentür an dem gelb getünchten Wohnhaus öffnete, wurde es unruhig in der Straße. Ohnehin warteten die Leute schon viel zu lang drauf, dass sich da vorn endlich was tat. Jetzt aber wollte natürlich ein jeder sehen, was genau da passierte. Von allen Seiten schoben und drängten sie gleichzeitig nach vorn. Manch einer versetzte dem Nächststehenden sogar einen kräftigen Hieb mit dem Ellbogen, um sich mehr Platz zu verschaffen, oder rannte ihn gleich ganz um, ohne ihm hinterher wieder auf die Füße zu helfen. Eigentlich waren es sowieso viel zu viele Menschen, die sich seit den frühen Morgenstunden in der engen Schönfeldstraße eingefunden hatten. Die bunte Menge aus alten und jungen, einfach und gut gekleideten Leuten, Männern wie Frauen, war eine gute Mischung aus den verschiedensten Schichten der Bevölkerung. Kaum zu glauben, dass sie alle es über Stunden so friedlich dicht beieinander ausgehalten hatten, nur um einen kurzen Blick auf die Inhaberin der Dachauer Bank zu erhaschen.

Toni Schachner, besser bekannt als die Schachnerin, spitzte amüsiert den Mund. Seit geraumer Zeit schon beobachtete sie von der gegenüberliegenden Straßenseite, was sich vor dem Haus mit der Nummer neun abspielte. Manch einem blieb sicherlich vor Schreck die Luft weg, wenn er so eingeklemmt zwischen Vorder- und Hintermann den Boden unter den Füßen verlor. Allzu gut erinnerte sich die Schachnerin an ähnliche Erlebnisse dieser Art aus dem letzten Frühjahr. Die berühmte Wallfahrt der Spitzeder hatte sie nach Altötting gelockt. Hart musste sie um ihren Platz gleich vorn an der Absperrung zur Kirche kämpfen. Blaue Flecken und aufgeschürfte Ellbogen waren der Lohn für einen ganzen Tag Warten und einen flüchtigen Blickkontakt mit der Frau, die vielen in Bayern bereits selbst als eine Art Heilige galt. Wie hatte die das nur geschafft? Auf der Theaterbühne war sie mehr als einmal ausgebuht worden, am Ende ihrer Karriere setzte das Pfeifen und Johlen bereits ein, lang bevor sie auch nur einen Fuß auf die Bretter setzte. Seit sie sich bei den kleinen Leuten allerdings gegen hohe Zinsen Geld lieh, lagen die ihr überall zu Füßen. Selbst die feinen Herrschaften, ganz zu schweigen von den Offizieren und höheren Beamten, zeichneten angeblich bei ihr Wechsel. Gerade die hatten sie doch vor kaum mehr als drei Jahren noch von der Bühne gezerrt! Die Schachnerin stieß einen bewundernden Pfiff aus. Bevor sie in längeres Grübeln verfallen konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit wieder ganz von den Ereignissen weiter vorn angezogen.

Vor dem Haus wurden die ersten Unmutsäußerungen laut. Dabei war noch lange nicht zu erkennen, ob überhaupt jemand und wenn ja, wer, aus dem Haus auf die Straße treten würde. Trotz des Gedränges blieb ein respektvoller Abstand von einigen Fuß um Eingang und Equipage frei. Niemand wagte sich über die unsichtbare Bannlinie.

Der livrierte Kutscher griff in die ledernen Zügel, die Pferde schüttelten die Mähnen, das Zaumzeug klirrte. Im milden Schein der vormittäglichen Septembersonne glänzte das Fell der vier Rappen. Ein leichtes Zittern lief über die Flanken der Tiere, die Hufe scharrten über den festgetretenen Lehmboden.

»Die Spitzederin!«, raunte es ehrfürchtig von den vorderen Reihen nach hinten. Auf einen Schlag wurde es ringsumher still. Die Männer nahmen die Kopfbedeckung ab, die Frauen stellten sich auf die Zehenspitzen.

»Ihre Leut hat s' gut im Griff«, stellte die Schachnerin bewundernd fest und reckte den Kopf ebenfalls noch ein Stück weiter in die Höhe. »Lang bevor s' zu sehen ist, schwenken s' schon die Hüt und jubeln.«

»Gelernt ist halt gelernt«, kommentierte ihr Begleiter, ein nicht sonderlich großer, dafür umso drahtiger wirkender Mann mittleren Alters. Seinen abgewetzten Hut schien er wie aus Trotz auf dem Kopf zu behalten. Auf dem nahezu kahlen Schädel rutschte er ohnehin bis zu den riesigen Fledermausohren hinunter. Kinn und Nase sprangen unter der Krempe weit hervor, sonst war nicht viel von seinem Gesicht zu erkennen.

»Recht hast, Hufnagl«, stimmte die Schachnerin zu. »Was eine echte Hofschauspielerin ist, die weiß genau, wie s' sich der Menge zeigt, auch wenn s' auf der Bühne keinen sonderlich großen Erfolg nicht gehabt hat.«

Mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen verfolgte sie, wie nun tatsächlich eine Frau aus der Eingangstür heraustrat. Die eckigen, wenig damenhaften Bewegungen, mit der sie zu dem blumengeschmückten Landauer trat, hätte sie selbst auf die allergrößte Entfernung hin erkannt. So unentschlossen schwankte nur Adele Spitzeder zwischen zierlichen Damen- und kräftig ausholenden Männerschritten. Ein Wunder, dass das bislang noch in keinem der überall kursierenden Witzbilder aufgegriffen worden war. Dagegen fand das goldene, mit bunten Steinen besetzte Kreuz, das auch an diesem Vormittag wieder auf der flachen Brust der Spitzeder prangte, gemeinhin viel zu viel Beachtung.

»Eine Schönheit ist s' grad nicht. Schaut mehr wie ein Mann als wie eine echte Dame aus.«

»Als ob's darauf noch ankäm.«

Hufnagl schüttelte leicht den Kopf. Die Schachnerin sagte nichts mehr, sondern verfolgte stumm, was sich da vorne noch abspielte.

Bevor sie in dem offenen Wagen Platz nahm, verharrte Adele Spitzeder einen Moment stehend in dem offenen Landauer und winkte huldvoll in die Zuschauermenge. Die breite Krempe ihres Huts warf einen gnädigen Schatten über die viel zu harten Gesichtszüge. So war nicht zu erkennen, ob sie über den Menschenauflauf freudig lächelte oder sich darüber grämte. Ihren Bewunderern schien das einerlei. Wie auf Kommando erschallte von mehreren Seiten gleichzeitig »Vivat!« und »Hoch!« Die so Gefeierte nahm mit einer knappen Verbeugung Platz und gab dem Kutscher das Zeichen anzufahren. Die Peitsche knallte, die Rappen wieherten. Schwankend setzte sich der Landauer in Bewegung und fuhr Richtung Ludwigstraße davon. Einige Leute liefen Hüte schwenkend und winkend ein Stück nebenher, der Großteil allerdings formierte sich zu der üblichen langen Schlange vor dem Haus. Geduldig warteten sie wie jeden Tag auf Einlass, um große Summen Erspartes gegen das Versprechen hoher Zinsen bei der ehemaligen Schauspielerin anzulegen.

»Gehst nicht noch mit 'nüber zum Platzl?«, fragte die Schachnerin den neben ihr ausharrenden Hufnagl. »Sogar eine richtige Kapelle soll nachher aufspielen. Wenn die verehrte Frau Spitzeder höchstpersönlich ihre Volksküche eröffnet, wird wohl einiges geboten. Freibier gibt's auch, hab ich gehört, und Suppe und Würstl, so viel du zwingen kannst.«

»Muss leider drauf verzichten. Drüben gibt's genug zu tun«, entgegnete er und wies mit dem spitzen Kinn auf die andere Straßenseite hinüber. »'s Geschäft muss halt weitergehen, auch wenn die Gnädige heut mal wieder ihren großen Tag als Wohltäterin hat. So mondäne Auftritt, die wo sie als Heilige zeigen, liebt s' ja ganz besonders. Vor allem weil's wieder viel neue Kundschaft vom Land anzieht, die wo nicht nur die Spitzederin leibhaftig sehen, sondern auch ein Geld bei ihr anlegen wollen.«

»Na, na, na, wirst dich doch wohl nicht beschweren wollen, dass es was zu tun gibt für dich.« Scherzhaft drohte sie ihm mit dem Zeigefinger. »Lebst doch alleweil ganz gut von der Spitzederin ihrer vielen Kundschaft.«

Sie lächelte noch breiter. Den Hufnagl foppte sie gern. Der wusste, wie man so was zu nehmen hatte.

»Du schließlich auch.«

Er lächelte sie ebenfalls breit an und wandte sich nach rechts, wohl, um mit seinen krummen Beinen hinüber zum Haus der Spitzeder zu gehen. Mit einem raschen Schritt versperrte sie ihm den Weg. Bevor er sich dagegen wehren konnte, legte sie einen Arm um seine dürren Schultern und schmiegte sich eng an ihn.

»Schon, aber so ein regelmäßiges Einkommen wie deins, das du jetzt als Oberschreiber bei der Spitzederin hast, würd mir auch nicht schlecht anstehen. Eine Frau wie mich wird s' sicher gut in ihrem Haus brauchen können. Kannst meine Qualitäten doch aus eigener Erfahrung empfehlen, oder?«

Frech zwickte sie ihn an einer sehr empfindlichen Stelle weit unterhalb des Bauchnabels.

»Weißt nicht zufällig, ob sich bei ihr nicht grad mal was Langfristiges für mich auftun tät?«

Das Grinsen auf Hufnagls Gesicht verschwand. Hastig schälte er sich aus der Umklammerung und trat zwei Schritte weg.

»Grad tut sich gar nix. Wenn was frei wird, sag ich's dir. Kannst dich auf mich verlassen. Als Agentin lebst bislang doch auch nicht schlecht, oder? Siehst's ja: Tag für Tag kommen mehr Leut, die wo ihr Glück mit den Wechseln der Spitzederin machen wollen. Wennst die Augen aufmachst und fleißig bist, kannst tüchtig dran mitverdienen. Lumpen lässt sich die Frau Spitzeder sowieso nicht, wenn s' Schmusern wie dir ihre Provisionen zahlt. Das musst schon ehrlich zugeben.«

»So üppig ist's auch wieder nicht.« Die Schachnerin schnaubte verächtlich. »Mit deiner Hilf könnt's gut noch ein bisserl mehr sein.«

»Kriegst mal wieder den Hals nicht voll, oder? Gib dich lieber zufrieden mit dem, was du hast, und sei nicht so gierig. Am End rechnet sich das nie.«

»Das sagt grad der Richtige. Erzähl mir nix. Als ob'st dich selbst gern bescheiden tät'st mit dem, was du hast. Hast bestimmt noch große Pläne. Ich kenn dich gut, Hufnagl, besser als so manch anderer. Vergiss das nie!«

Erneut schob sie sich nah an ihn heran. Aufreizend drängte sie ihm ihre Brüste entgegen. Er war ein gutes Stück kleiner als sie, hatte ihren Busen genau auf Augenhöhe. Das nervöse Zucken um seine Mundwinkel war ihr Bestätigung genug, dass er für ihre Reize noch immer empfänglich war, trotz anders lautender Beteuerungen.

»Scharwenzel nicht so rum, Schachnerin. Mit uns zweien ist's lang vorbei, weißt's doch längst. Mit deinen lätschigen Brüsten und dem mageren Gerippe bist sowieso keine rechte Schönheit nicht mehr. Deine Zeit ist lang vorbei. Sei froh, dass ich dir trotzdem noch gut bin und dir das Vermitteln von den Wechseln lass. In einem anderen Geschäft tät'st dein Geld nicht so leicht verdienen wie bei der verehrten Frau Spitzeder. Und viel im Wirtshaus rumhocken und mit den Burschen schöntun, darfst dabei gleich obendrein. Sogar ohne, dass du auf deine alten Tag noch für einen von denen die Beine breit machen musst. Also, wenn das mit den Wechseln alles in allem kein gutes Geschäft nicht für dich ist, kann ich dir auch nimmer helfen. Pfüati.«

»Recht hast, Hufnagl«, schmuste die Schachnerin versöhnlich und schenkte ihm einen schüchternen Augenaufschlag, der seine Wirkung nicht verfehlte. Verlegen senkte Hufnagl den Blick. Sie hakte sich bei ihm ein.

»Aber eins musst trotz alledem noch zugeben: Wennst schaust, wie so manch einer von den andern Bediensteten von der Spitzederin schon nach ein paar Wochen Geld für ein ganzes Haus oder einen großen Hof auf dem Land zusammenkratzt, dann wirst ein bisserl misstrauisch. Du und ich, wir sind doch zwei ganz ehrliche Leut, nicht wahr, Hufnagl?«

Verschwörerisch zwinkerte sie ihm zu. Ihm behagte durchaus nicht, was sie sagte. Das war deutlich an seinem Blick abzulesen.

»Jeden einzelnen Kreuzer, den wir für die verehrte Frau Spitzeder auftreiben, rechnen wir sauber mit ihr ab, Tag für Tag, Woch für Woch. Keinen einzigen Kreuzer nicht stecken wir zwei davon in unsere Taschen. Dazu sind wir viel zu ehrlich. Wir kassieren nur die Provision, die wir kriegen, mehr nicht. Trotz der hohen Zinsen aber brauchst ganz schön lang, bis du auf die Art und Weis das Geld für ein Haus oder gar einen ansehnlichen Hof draußen auf dem Land beisammenhast. Und jetzt frag ich dich: Ist das eine Gerechtigkeit, wenn die andern das viel schneller schaffen als wir? Nein, sag ich dir! Irgendwas, Hufnagl, muss also faul sein an der Sach mit den Wechseln, sonst könnten die einen nicht so in Saus und Braus davon leben, und wir andern müssten immer nur schuften und zuschauen, wie die's sich gut gehen lassen.«

»Schau nicht immer so drauf, was die andern machen, Schachnerin. Das sind halt echte Lumpen, die wo hintenrum auf eigene Rechnung arbeiten. Ehrlich währt am End aber immer noch am längsten, sag ich dir. Meinst nicht, dass der verehrten Frau Spitzeder das nicht auch auffällt? Und was tut s' mit den windigen Burschen, die wo s' hinterrücks betrügen? Rausschmeißen und fortjagen tut s' die, sag ich dir. Jawohl! Grad gestern hat s' wieder so einem Lumpensack, der wo gemeint hat, er wär schlauer als sie, einen Tritt in den Hintern verpasst. So schlau, wie manch einer meint, kann er nämlich gar nicht sein, als dass ihm die verehrte Frau Spitzeder früher oder später nicht draufkommt. Und schlau ist s', da brauchst mir gar nix sagen. Uns zwei, die wo wir ehrlich sind, wird s' deshalb noch unsere ganz große Chance geben, darauf kannst Gift nehmen. Eine ganze Ewigkeit können wir zwei noch bei ihr bleiben und unser Geld ganz angenehm bei ihr verdienen. Musst nur ein bisserl Geduld haben, Schachnerin, und nicht gleich immer alles auf einmal haben wollen, dann wird's schon, sag ich dir.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

»Am besten lässt uns gleich weitermachen mit dem Geldverdienen«, sagte Hufnagl und eilte ohne weitere Erklärung hinüber auf die andere Straßenseite.

Verblüfft sah sie ihm hinterher. Dabei griff sie nach ihrem dicken Schopf und schlang die Haare im Nacken zu einem festen Knoten. Manchmal wurde man aus dem Hufnagl nicht schlau. Der Kerl war einfach unberechenbar. Mehr als einmal hatte sie das bereits schmerzlich erlebt. Trotzdem musste sie sich den warmhalten. Man wusste nie, wann man einen wie den noch einmal brauchen konnte.

Kurz bevor Hufnagl die Wartenden beim Eingang erreichte, fing er einen Burschen ab, der sich gerade ans Ende der Schlange einreihen wollte. Fast schon gewaltsam zog er ihn von dort weg. Für einen kurzen Moment schien es der Schachnerin, als widersetzte sich der junge Mann dem Hufnagl. Es hätte ihm ein Leichtes sein müssen, das windige Schreibermännchen umzustoßen, immerhin reichte der ihm nur bis zur Schulter. Der Blondschopf tat es aber nicht, sondern trottete dem Hufnagl sogar folgsam wie ein kleiner Hund hinterher. Sobald sie etwas abseits standen, beugte er sich zum Oberschreiber hinunter und lauschte, was der ihm offenbar Wichtiges zu sagen hatte.

Das weckte ihr Interesse, zumal sie, wenn sie die Augen fest zusammenkniff, den Burschen auf einmal wiederzuerkennen meinte. Der war ihr doch schon einmal über den Weg gelaufen! Genau, den hatte sie selbst sogar direkt an den Hufnagl vermittelt, weil sie um drei Ecken herum mit ihm verwandt war und deshalb keine Geschäfte mit ihm hatte machen wollen. Das war also kein anderer als der jüngste von den Gottwald-Buben aus Brannenburg, der sich vor einigen Wochen erst reichlich tölpelhaft bei ihr in München eingeführt hatte. Was hatte der aber immer noch hier zu schaffen? Hatte der inzwischen so viel Geld aufgetrieben, dass er für den Hufnagl besonders interessant war? Musste ja wohl so sein, wenn der Hufnagl ihn extra beiseite nahm. Bei allem war der doch ein klug rechnender Geschäftsmann, der wusste, wann sich ein besonderer Einsatz lohnte und wann nicht. Wie zufällig steuerte sie auf die beiden zu.

Hufnagl war wohl derart in seine Belehrungen für den Blonden vertieft, dass er zunächst noch nichts zu merken schien und weiterredete. Gerade wollte sie sich noch ein Stück näher heranpirschen, um zu verstehen, worum es ging, da wurde Hufnagl doch auf sie aufmerksam. Wie ertappt stieß er den Burschen weg und knurrte sie an: »Was willst noch von mir, du alte Hur?«

»Werd nicht immer gleich so bös, Hufnagl.« Sie lächelte freundlich. »Von dir will ich doch gar nix. Den jungen Gottwald wollt ich nur begrüßen. Jetzt aber hast mir den armen Burschen mit deinem bösen Knurren verjagt. Falls du's noch nicht bemerkt hast: Ganz ein Schüchterner vom Land ist das nämlich. Zu dem musst ganz vorsichtig sein. Den hab ich dir übrigens letztens selbst geschickt.«

»Wen? Den? Den willst du mir geschickt haben? Da hat er mir aber ganz was andres erzählt. Wie soll der heißen? Gottwald? Nie gehört. Mir jedenfalls hat noch keiner einen geschickt, der wo so heißt. Wahrscheinlich schmeißt da grad was ganz gehörig durcheinander. Bist halt auch nicht mehr die Jüngste.«

Damit schubste er sie beiseite und eilte fort, hinein in das Haus mit der Nummer neun.

Donnerstag, 17. Oktober 1872

Wohin jetzt? Sophie zitterte am ganzen Leib. Angst und Tränen ließen ihren zierlichen Körper erschauern. Böse hallten die Worte nach, mit der die Wirtin sie gerade aus dem Gasthaus geworfen hatte. Rasch presste sie die Hände auf die Ohren, um endlich Ruhe zu haben. Bis zum Sanktnimmerleinstag würde sie das Zetern noch hören.

Ausgestanden war es ohnehin nicht. Noch einmal riss die dicke Frau die Hintertür zum Gasthaus auf, schimpfte lauthals weiter: »Scher dich zum Teufel, dreckerte Hur, du! Und deinen sauberen Herrn Bruder«, das letzte Wort spie sie vor Abscheu regelrecht aus, »nimmst gleich mit! Schwester und Bruder – dass ich nicht lach! Ein sauberes Geschwisterpaar seid ihr zwei! Lasst euch bloß nimmer bei mir sehen! Wennst jetzt noch länger vor meiner Tür herumstehst, ruf ich den Schandi. Eine wie dich sperrt der gleich hinten in Neudeck ein. Da, wo du hingehörst, zu den andern Huren. Also, mach, dass du weiterkommst! Vertreibst mir meine ganze anständige Kundschaft. Dass dich nicht schämst! Pfui Teufel!«

Laut krachend fiel die schwere Eichentür ins Schloss. Sophie erzitterte. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen von den Wangen, schluckte mehrmals. Nein, hier konnte sie nicht länger bleiben. Der war alles zuzutrauen. Sie trat in den Regen hinaus, versuchte, nicht auf das zornige Wüten des Hundes zu achten. Aufgeregt sprang der an seiner Kette herum, wartete nur auf eine Gelegenheit, mit seinen bedrohlich spitzen Zähnen zuzubeißen. Von dem Lärm aufgerüttelt, rissen einige Leute in den Häusern ringsum die Fenster auf und schauten in den engen Hof. Sophie musste machen, dass sie rasch von hier fortkam. Lang dauerte es gewiss nicht mehr, bis auf die neugierigen Blicke der erste Unrat von oben folgte.

Jessesmariamuttergottes, womit hatte sie das verdient? Wie konnte man sich nur so schnell jedweden Beistand unten auf der Erde und oben im Himmel verspielen? Gesenkten Kopfes eilte sie durch das wuchtige Tor zur Straße. Das Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten hielt sie fest vor die Brust gedrückt. Der Regen sollte es nicht aufweichen, sonst blieb ihr gar nichts Trockenes mehr. Eisig pfiff der Herbstwind zwischen den Häuserzeilen, trieb die Schauer vor sich her. Längst hatte sich der lehmige Boden zu einer trägen, schmutzig braunen Masse aufgelöst. Fuhrwerke und Handkarren hatten tiefe Furchen eingegraben. Sophie musste aufpassen, nicht zu tief darin zu versinken, wollte sie die andere Seite der Straße erreichen. Ein-, zweimal blieb sie tatsächlich im Schlamm stecken. Dicke Dreckklumpen klebten an den Schuhsohlen, machten sie unsagbar schwer. Das Wolltuch war klamm geworden, lastete wie Blei auf den schmalen Schultern. Sie fror erbärmlich. Ob ihr jemals wieder warm werden würde? Seit letzten Samstag hatte sie schon nichts Warmes mehr im Bauch gehabt.

Verzagt blieb sie stehen. Letzten Samstag! Ihr wurde schummrig, wenn sie nur daran dachte. Wie brav sie mit den Eltern und dem Bruder beim Essen gesessen hatte, so, als wäre alles ganz wie immer. Für die anderen war es auch wie immer gewesen, nur für sie war es der endgültige Abschied. Aber das konnten die anderen nicht ahnen. Nur sie allein hatte gewusst, dass es ihr letztes Essen daheim in der Familie war. Am Sonntag war sie dann statt zur Frühmesse heimlich zum Bahnhof hinunter geschlichen. Der Christian hatte dort auf sie gewartet, um sie mit fort in die Stadt zu nehmen. Ja, der Christian! Wieder schniefte sie. Tränen schwammen ihr in den Augen. An den durfte sie gar nicht denken. Von dem rührte ihre ganze Not, ihr ganzes Elend. Heiligemuttergottes, mit solchen Gedanken durfte sie sich nicht versündigen! Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Sie wusste doch gar nicht, wo der Christian steckte, ob er sie absichtlich so lang allein ließ oder ob ihm am Ende was Schreckliches passiert war. Seit Montag früh war er nun schon weg. Seither hatte sie allein in der schäbigen Gasthauskammer oben unter dem zugigen Dach gehockt und gewartet. Zum Glück hatte sie letzten Sonntag noch ein wenig Proviant eingesteckt. So war ihr zumindest der Hunger erspart geblieben und dass sie nicht bei der Wirtin um eine Suppe oder einen Kanten Brot hatte betteln müssen.

Die quälende Ungewissheit war jedoch nicht besser geworden. Warum hatte der Christian sie alleingelassen? Mitgehen hatte sie wollen, immer an seiner Seite sein, wenn er zu dieser Bank ging, von der er so begeistert gesprochen hatte. Viel Geld hatte er dort in den letzten Wochen schon verdient. Wie das ging, das hatte sie sich doch auch einmal mit eigenen Augen anschauen wollen. Eine so gute Bank, mit so viel wohlmeinenden Menschen! Der Christian aber hatte ihren Wunsch schroff zurückgewiesen, grad so, als wollte er nicht, dass sie genau erfuhr, was er da bei dieser Bank immer tat. Hatte er auf einmal ein Geheimnis vor ihr? Warum kam er nicht zurück? Sie schluchzte auf, blickte sich verzweifelt um. Wo sollte sie denn hin ohne ihn, mutterseelenallein in dieser riesigen, unbekannten Stadt? Ach, Christian!

Der stete Regen hatte die Straßen leer gefegt. Unter den dunklen, schwarzen Wolken schlich sich die Dämmerung viel zu früh heran. In dem trüben Licht wirkten die verwinkelten Häuschen mit ihren noch verwinkelteren Treppen und Balkonen und Anbauten wie verlassene Kaninchenställe. Aus keinem der Fenster drang ein Fitzel Helligkeit nach draußen. Alles schien dunkel und verlassen. Bis die Gaslaternen angezündet wurden, dauerte es sicher noch ein, zwei Stunden. Keiner außer ihr, dem verängstigten Mädchen vom Land, trieb sich bei diesem Sauwetter freiwillig draußen herum.

In einem schäbigen Spiegel an der Tür eines Friseurgeschäfts erspähte sie ihr eigenes Bild. Sie erschrak. Das war nicht das Gesicht einer wohlerzogenen Achtzehnjährigen, Tochter eines Postverwalters aus Rosenheim. Das war der Anblick einer tief Verzweifelten! Die Augen hatten sich in dunkle Höhlen zurückgezogen, die Wangen waren eingefallen, die Lippen nur mehr als blasse, strenge Linien über dem viel zu spitzen Kinn erkennbar. Freudlos hingen die hellbraunen Haare um das einstmals lustig-runde Gesicht. Wie hatte es so weit kommen können?

Ein lautes Poltern riss sie aus ihren Grübeleien. Sie fuhr herum. Drüben im Gasthaus auf der anderen Straßenseite wurden mit einem lauten Krachen die Fensterläden geschlossen und die Laternen angezündet. In einem der Fenster erhaschte sie kurz den Schatten der prallen Wirtin. Bedrohlich geisterte er hinter der Scheibe herum. Nein, unmöglich, dass sie länger in der Nähe blieb und wartete. Die Wirtin würde sie über kurz oder lang entdecken. Und dann würde sie gewiss Ernst machen mit ihrer Drohung und den Schandi rufen.

Wohin aber jetzt? Ratlos trippelte Sophie von einem Fuß auf den anderen, wartete auf eine Eingebung. Die hohen Schnürstiefel waren undicht, die Strümpfe durch und durch nass. Wie Eisklumpen fühlten sich die Zehen an. Wenn sie jetzt von hier wegging, dachte sie entsetzt, würde sie den Christian auf jeden Fall verpassen. Wie wollte sie dann jemals mitbekommen, wann er endlich zurückkehrte, um sie zu holen? Und was sollte er tun? Er wüsste nicht einmal, wo er sie suchen sollte. Die Stadt war so groß! Am Ende würden sie sich nie mehr wiederfinden! Entsetzt wischte sie sich die tränennassen Augen. Ohne es recht zu wollen, ging sie dennoch los, langsam zunächst, dann immer schneller, bis sie fast rannte. Bald hatte sie das Isarufer erreicht, überquerte die Brücke. Dahinter führte eine breite Straße zum trutzigen Isartor und von dort leicht bergauf zum Marienplatz. Auch hier war kaum eine Menschenseele unterwegs. Die goldene Mariensäule schien im regentrüben Licht noch mehr zu strahlen als sonst.

Als sie gewahr wurde, wo sie sich befand, schlug ihr Herz schneller. Dass sie nicht eher darauf gekommen war! Hastig wandte sie sich nach rechts, die Weinstraße hinein, ging, nein, stürmte immer weiter. Endlich entdeckte sie den sich nach Norden in die breite Ludwigstraße öffnenden Odeonsplatz. Die Gegend kannte sie von ihren früheren Besuchen mit der Mutter. Da vorn, das wusste sie, stand die prächtige Theatinerkirche. Dorthin konnte sie gehen. In der Kirche war es warm und trocken. Da würde sie zumindest für eine Weile Unterschlupf und Trost finden.

Instinktiv wählte sie die Bank vor der zweiten Seitenkapelle rechts. Unter den Bildnissen des Schutzengels und des heiligen Franz ließ es sich gut beten, selbst wenn man eigentlich die Jungfrau Maria meinte. Zumindest war die Bank leer, weit und breit kein anderer zu sehen.

Schon nach dem Glaubensbekenntnis wurde sie ruhiger, obwohl sie das Knien auf der harten Holzbank sehr anstrengte. Das Vaterunser kam ihr bald mühelos über die Lippen, und nach den drei Ave-Maria wurde ihr vollends wohlig warm. Ganz selbstverständlich atmete sie im Rhythmus der Gebete. Das Abtasten der einzelnen Rosenkranzperlen gab ihr Zuversicht. Wie gut, dass sie den immer bei sich trug! Innig flüsterte sie ein um das andere »Gegrüßet seist du Maria«, erreichte das nächste Vaterunser schon mit einem wahren Glücksgefühl. Dafür stürzte sie bei den ersten fünf Gesätzen des Rosenkranzes plötzlich in ein tiefes Loch. Betete sie da tatsächlich den freudenreichen Rosenkranz mit Mariä Verkündigung? Tränen rannen ihr über die Wangen, ein dicker Kloß im Hals raubte ihr die Luft. Wie konnte sie nur! Durfte sie es wagen, in ihrem Zustand die heilige Gottesmutter um Beistand anzuflehen? Sie trug zwar auch ein Kind im Leib, doch im Gegensatz zur heiligen Maria hatte sie es in allergrößter Sünde empfangen. Nicht einmal zur Beichte beim Herrn Pfarrer hatte sie sich bislang getraut. Zutiefst beschämt senkte sie den Kopf. Ob ihr das je vergeben wurde?

Wer aber, wenn nicht die Heilige Jungfrau Maria selbst, konnte beurteilen, ob sie das durfte oder nicht? Liebe war doch keine Sünde! Während sich ihre Finger blindlings Perle für Perle vorantasteten und die Lippen ein Gebet um das andere wisperten, focht sie tief in ihrem Innern einen kleinen Disput mit sich aus: Brauchte sie wirklich die Vergebung des Herrn Pfarrer für ein Vergehen, das eigentlich gar keins war? Liebe, das war doch das, was der Herr Pfarrer am Sonntag immerzu von der Kanzel herabpredigte. Sie zumindest liebte den Christian aus tiefstem Herzen, und er liebte sie genauso innig, das hatten sie sich hoch und heilig geschworen. Nein, das konnte keine Sünde sein! Wenn der Herrgott das nicht gewollt hätte, hätte er sie beide nie zusammengebracht und schon gar nicht zugelassen, dass sie das Kind in ihrem Leib von ihm empfangen hatte. Und außerdem: Was konnten der Christian und sie dafür, dass ihre Liebe nicht erlaubt war, zumindest nicht bei ihnen daheim in Rosenheim? Deshalb und nur deshalb hatten sie beide beschlossen wegzugehen, ganz weit weg, bis dorthin, wo keiner mehr danach fragte, wer sie waren. Vielleicht sogar bis auf Amerika. Denn dort, das wusste der Christian ganz sicher, hätte niemand mehr was dagegen, dass sie, die Tochter eines Postverwalters und ehemaligen Armeefeldwebels aus Rosenheim, ihn, den drittgeborenen Sohn eines Kleinhäuslerbauern aus Brannenburg, heiratete. Hastig betete Sophie ein weiteres Vaterunser, bevor sie sich den nächsten fünf Gesätzen über Jesu Passion zuwandte.

Nein, eine Sünde konnte das gewiss nicht sein, dessen wurde sie sich immer sicherer. Der Christian und sie, sie hatten schließlich beide die allerbesten Absichten. Monatelang schon hatte der Christian gespart, hatte jeden einzelnen Kreuzer, den er entbehren konnte, auf die hohe Kante gelegt. Geschuftet hatte er wie ein Tier, erst als Fuhrknecht bei dem Herrn Doktor Kayserberg in Rosenheim, dann bei dieser Brauerei hier in München, nur, um immer noch ein paar Gulden mehr für ihren Sparstrumpf zusammenzukratzen, denn sie, als Tochter eines Beamten, hatte nicht die geringste Möglichkeit, an ein wenig Geld fürs Weggehen ranzukommen. Jeden einzelnen Kreuzer steckte die Mutter selbst ein, jedes Wechselgeld ließ sie sich haargenau in die Hand zählen. Das Geld, das Geld, ach immer nur dieses vermaledeite Geld!