Tod im Texastal - Alke Dohrmann - E-Book

Tod im Texastal E-Book

Alke Dohrmann

3,0

Beschreibung

Zwei Wochen im August: X., mürrischer Journalist, Anfang 50, reist mit dem Auftrag, einen Regionalkrimi zu schreiben, auf die ostfriesische Insel Spiekeroog. Auf dem dortigen Zeltplatz scheinen in der Tat seltsame Dinge vor sich zu gehen. Unversehens gerät X. in die Verwicklungen des sonderbaren Völkchens der alteingesessenen Zeltplatzbewohner und ihrer Traditionen. "Tod im Texastal" ist ein Antikrimi: keine Leiche, kein Fall, keine Lösung. Oder doch?

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Seitenzahl: 51

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Inhaltsverzeichnis

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Tag 8

Tag 9

Tag 10

Tag 11

Tag 12

Tag 13

Tag 14

Tag 1

Er hat eine Wut im Bauch. War ja klar, dass A... ihn auswählen würde für diesen Auftrag. Alle seine „netten“ Kollegen mit ihren „netten“ Ehefrauen und „netten“ Kinderlein hatten sich in den verdienten Sommerurlaub verabschiedet. Er muss ja keine Rücksicht nehmen auf Sommerferien und Ehefrauen. Als wäre er schuld, dass Eileen nicht mehr da ist.

Und dann das: rein in die Hölle – das Urlaubsparadies für Familien. Mit allem Drum und Dran: Bollerwagen, Sonnencreme und gute Laune.

Und da stehen sie nun die „netten“ … na ja, und so weiter … am Hafen von Neuharlingersiel. Mit seligem Gesichtsausdruck verladen sie Berge an Kisten, Zeltsäcken, Fahr- und Laufrädern, Fahrradanhängern und zeternden Kindern aus ihren VW-Caddys in den Bauch der Fähre.

Denn der Plan ist nicht, dass er sich in eine lauschige Pension oder ein gemütliches Hotel einquartiert, mit Krabbenrührei zum Frühstück und jeden Tag sauberen Handtüchern. Nein, der Zeltplatz soll es sein! Ist doch viel günstiger. Wer kann sich die exklusive Insellage mit sauberer Luft und ohne Autos zur Hauptsaison schon leisten? Der Verlag jedenfalls nicht.

Und jetzt steht er hier in diesem Scheißnieselregen, nachdem er in aller Herrgottsfrühe mit Regionalbahnen und Bussen vorbei an Orten wie Westerstede-Ocholt, Sanderbusch oder Burhafe, von denen er nie zuvor gehört hatte, durch diese Landschaft gerollt ist, die so platt ist, dass sie nahezu verschwindet. Und der Fahrkartenkontrolleur der Fähre schwatzt, oder wohl besser snackt, demonstrativ mit einem Kollegen und würdigt ihn keines Blickes beim Betreten der Spiekeroog I. „Ist ja nur ein Tourist“, denkt der wohl. Wenn der wüsste.

Aber eins gefällt ihm: Das obligatorische Frühstück an Bord besteht aus einem Paar Wiener Würstchen, Senf und einem halben, ungetoasteten Toast in Dreiecksform. Unter dem eisigen Blick der „netten“ Ehefrauen bestellt er sich noch ein Pils dazu. Ob man hier auch irgendwo rauchen darf?

Das Besatzungsmitglied, das die Wurst verkauft, hat das Aussehen eines aus Tonga, Tuvalu oder sonst wo in der Südsee hängengebliebenen Seemanns. Was macht der in Ostfriesland? Ob er bereit wäre für ein Interview? Und braucht er das überhaupt für seinen Auftrag?

Denn das Allerschlimmste ist sein Auftrag. Schlimm genug, wenn er über Urlaub in der Heimat, romantische Fleckchen und urige Einheimische für die Wochenendausgabe schreiben müsste … „Regionalkrimis liegen voll im Trend“, erklärte A..., „das können wir nicht ignorieren.“ („Wohl eher lokal als regional, so eine kleine Nordseeinsel“, denkt X.) „Wir müssen an die Zahlen denken. Sie machen das schon.“

Nach einer Dreiviertelstunde Fahrtzeit erreicht die Spiekeroog I den Spiekerooger Hafen. Viele seiner Mitreisenden werden von braungebrannten, entspannt aussehenden Freunden und einer herzlichen Umarmung abgeholt. Er macht sich allein auf den Weg zum Zeltplatz.

Na ja, nicht ganz allein. Denn die ganze „nette“ Zeltsack-Laufrad-glückliche-Familie-Mischpoke hat natürlich das gleiche Ziel; nur dass die so schlau waren, ihr Gepäck von einem Elektrowagen der inseleigenen Spedition Klingelmann transportieren zu lassen, während er sich an Zelt, Schlafsack, Klamotten und Sturmkocher abschleppt. Er könnte es auf den ewigen Sparzwang von A... schieben („viel zu teuer“), aber leider liegt es diesmal an seiner eigenen Blödheit. Schon nach wenigen Metern schnüren die Riemen seines Rucksacks in seine untrainierten Schultern. Fröhlich ziehen die anderen mit ihren Zweirädern jeglicher Art davon.

Auf dem Deich geht es vorbei an saftigen Salzwiesen. Soll er das zarte Lila jetzt etwa romantisch finden? Von wegen verborgene Schönheit oder so? Und dann immer geradeaus Richtung Westen bis zum Sturmeck, dann nach Süden. Die Wolken sind aufgerissen und die Sonne brennt auf seine hohe Stirn und die zu großen Ohren. Verdammt, an Sonnencreme hat er ja nun gar nicht gedacht. Nächster Fehler.

Endlich kommt er verschwitzt und durstig und mit dem ersten Sand in den Schuhen am Zeltplatz an. Ein Schild weist ihm den Weg zum Büro des Zeltplatzwartes. „Wo kann ich denn mein Zelt aufbauen, Herr …?“ „Einfach Claus.“, kommt murmelnd die Antwort. „Wo Sie wollen.“ „Gut, danke für die ausführliche Information“, denkt er lieber nur anstatt es zu sagen. Mit einem Zeltplatzwart darf man es sich nicht verscherzen. Der hat hier das Sagen. Wer weiß, ob er nicht mal auf seine Hilfe angewiesen sein wird. „Und das Schild bringen Sie gut sichtbar am Zelt an und werfen es am Abreisetag in den Briefkasten am Waschhaus.“ – Aha.

Als er über den Platz läuft, bemerkt er seinen nächsten Fehler. Der Platz ist rappelvoll mit Zelten. Während er brav zum Zeltplatzwart marschiert ist, um sich ordnungsgemäß anzumelden, waren die Profis natürlich schlauer. Der Platzwart kann warten, die Platzauswahl nicht. Auf jedem auch nur halbwegs attraktiven Plätzchen sind bereits die Planen ausgerollt, werden die ersten Heringe eingehämmert. Früher angereiste Zeltplatzfreunde haben einige Kisten aufgestellt, um ihren Kumpels die Sahnestückchen zu sichern. Willkommen in der eingeschworenen Zeltplatzfamilie! Na, vielen Dank.

„Geh doch ins Texastal!“, wird er über den nächsten Dünenkamm gewiesen. Auch recht, die großen Zelte hier passen sowieso nicht so recht zu seinem kleinen, bunten, billigen Etwas. Dafür kann er dieses Etwas ganz allein aufbauen. Wie ging das nochmal?

Nach einer halben Stunde gesellt sich zum Sonnenbrand noch ein Sonnenstich und seine Stimmung nähert sich trotz der sommerlichen Temperaturen dem Gefrierpunkt. Wehe, wenn ihn jetzt jemand anspricht. Auf diese absurde Idee kommen die Jugendlichen, die in diesem Teil des Zeltplatzes wohnen, allerdings sowieso nicht. Mit solchen Grufties wie ihm reden die wohl grundsätzlich nicht. Die sind damit beschäftigt, ihre sportlichen Körper vom nachmittäglichen Sonnenbad am Strand zum Waschhaus zu tragen, um sich dort für die Nacht zu stylen und zu parfümieren.