Tod in Blackhole Forest - Eileen Kentridge - E-Book

Tod in Blackhole Forest E-Book

Eileen Kentridge

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Beschreibung

Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle.

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Irrlicht – 20 –Tod in Blackhole Forest

… denn ihr Verfolger raubte ihr die Sinne

Eileen Kentridge

Julie Warner lenkte ihren Jeep von der asphaltierten Landstraße auf eine kleine Nebenstraße. Die junge Frau folgte einem Wegweiser. Gespannt forschten ihre Blicke die Straße hinunter. Die Straße, oder viel mehr der Weg, verlor sich zwischen einer schier unendlichen Baumallee, so daß Julie ihr Reiseziel noch nicht erkennen konnte.

Das Ziel ihrer Reise lang inmitten eines großen Waldes. Dunkelgrün, uralt und düster erstreckte sich die hügelige Landschaft bis an den Horizont. Daß es so viel Wald überhaupt noch gibt, ist eine wundervolle Sache, dachte Julie.

Dennoch, der Wald wirkte nicht einladend auf sie. Die Straße wurde mit jedem Meter, den Julie auf ihr fuhr, schlechter. Ein gewöhnliches Auto wäre hier schnell liegen geblieben. Sie war froh, daß sie sich vor einigen Monaten gegen den Rat ihres damaligen Freundes Henry entschlossen hatte, den Jeep zur Occasion zu kaufen. Henry hatte argumentiert, daß man einen Jeep in der Londoner Innenstadt kaum parken könnte. Damit hatte er wohl recht, aber Julie fuhr eh nicht mit dem Wagen in die City, sondern nahm lieber den Bus oder die U-Bahn. Im Nachhinein hatte sie das Gefühl, Henry wollte einfach nicht, daß sie einen größeren Wagen fuhr als er. Nun, das war vorbei. Sowohl Henry, als auch alle Sorgen, die damit verbunden waren. Und die Sorgen mit Henry waren nicht wenige gewesen. Ständig hatte er Julie das Gefühl vermittelt, etwas zu verbergen. Auch hatte er zuweilen unstimmige Angaben gemacht. Wenn sie ihn überraschend anrief, hatte sie oft das Gefühl, daß ihm ihr Anruf unangenehm war. Und wenn sie ihn fragte, wo er gerade wäre, wurde ihr anhand seiner oft zögerlichen Antwort klar, daß er – was immer er auch sagte – log.

Julie war der Meinung, daß man in einer Beziehung auch seine persönlichen Geheimnisse bewahren sollte. Die Partner sollten sich nie ganz entzaubern dürfen. Henrys gesamtes Verhalten ließ Raum für Spekulationen, wie Julie es gerne nannte, ohne daß sie ihm konkrete Vorwürfe machen konnte.

Die Beziehung zu Henry tat ihr nicht gut. Sie litt unter seiner Unzuverlässigkeit, und ganz besonders litt sie darunter, daß sich Henry nicht öffentlich zu ihr bekannte. Julie hatte von ihren Eltern gelernt, sich als eigenständige Person den Aufgaben des Lebens zu stellen.

Besonders als sie ihre amerikanische Heimat verließ, um in England als Fotografin ihr Glück zu suchen. Nun, zumindest beruflich hatte sie ihr Glück in Maßen gefunden.

Schließlich hatte sie Verantwortung gegenüber sich selbst gezeigt und sich von Henry getrennt. Lange hatte sie die Nachwirkungen der Trennung gespürt. Heute fühlte sich die junge Frau jedoch glänzend.

Inzwischen war die Straße nichts weiter als ein matschiger Weg mit zahllosen Schlaglöchern. Bäume säumten die Straße und verdichteten sich mehr und mehr zu dem Wald. Das war ihr Ziel: Blackhole Forest.

Einen Moment spürte sie ein beklemmendes Gefühl. Die Abgeschiedenheit des Ortes wollte ihr gar nicht behagen.

Julie entschloß sich, noch eine Viertelstunde weiterzufahren. Wenn sie dann nichts gefunden hätte, würde sie kehrt machen. Sicherheitshalber drückte sie die Verriegelung ihres Wagens hinunter. Augenblicklich schnappte die Sicherung der Zentralverriegelung zu. Julie fühlte sich sicherer.

Die Zeit verging, und Julie war bereits längst über ihre fünfzehn Minuten Frist hinaus, als sich überraschend vor ihr der Wald lichtete und sie auf einen Hof fuhr. Hier erwartete Julie ein ganz anderes Bild: Die Zivilisation hatte sie wieder.

Bagger standen am Waldrand. Allerhand Baugeräte und Materialien lagen herum. Ein Baugerüst verdeckte das herrschaftliche Haus am anderen Ende der Lichtung. Nun sah sie jemanden, einen Mann, aus dem Haus treten und auf sie zukommen.

Vorsichtig öffnete sie die Fahrertür. Der Mann mittleren Alters kam lächelnd auf sie zu. Entschuldigend hob er beide Hände.

»Verzeihen Sie, Mrs. Warner«, sagte der Mann, »daß wir noch nicht ganz fertig sind, aber Sie sollen ja auch erstmal die Attraktionen fotografieren und die Innenräume des Hauses.«

Dann begrüßte der Mann Julie freundlich, wobei der attraktiven Frau nicht entging, daß ihr Gegenüber sie taxierte. Der Mann stellte sich als Herbert

Woodrough vor. Er war also der Mann, dessen Anruf sie vor zwei Tagen erhalten hatten – ihr Auftraggeber. Das Angebot, in der Nähe von London einen bald

zu eröffnenden Märchenpark zu fotografieren, empfand sie nicht als überaus verlockend. Dennoch,

Woodrough zahlte gut.

Nach einigen Nachforschungen hatte sich herausgestellt, daß der Mann ein ziemlich reicher Industrieller war. Er machte sein Geld mit der Herstellung und dem weltweiten Vertrieb von Schrauben.

Woodrough stand in dem Ruf, ein exzentrischer, aber stets umgänglicher Millionär zu sein, der die Früchte seiner Arbeit hin und wieder gerne in innovative Projekte wie diesen Märchenwald steckte.

»Kommen Sie, gehen wir erstmal ins Haus und nehmen eine kleine Stärkung zu uns«, forderte

Woodrough seine Fotografin auf.

»Das wird guttun. Die Fahrt hierher war etwas, nun, sagen wir mal ungewöhnlich«, entgegnete Julie und bemühte sich zu verbergen, daß sie bei der Fahrt durch den Wald durchaus Angst gehabt hatte.

»Ja, ich kann das gut verstehen«, erwiderte der Millionär und führte Julie dabei Richtung Hauseingang. »Als ich zum ersten Mal hierher fuhr, erging es mir nicht anders. Genau deshalb habe ich mich entschlossen den Märchenpark an diesem Ort zu errichten. Die Abgeschiedenheit und das sagen wir mal Unheimliche des Waldes ist genau das, was wir brauchen.«

Julie nickte, dann stoppte sie jäh.

»Oh, einen Moment, Mr. Woodrough«, sagte Julie, »ich habe etwas vergessen.«

Julie eilte zum Wagen zurück und öffnete die Hecktür. Im Kofferraum lagerte ihre Fotoausrüstung. Julie ging nicht gerne irgendwo hin, ohne eine Kamera mitzunehmen. Ständig suchte ihr Auge nach einem Motiv. »Berufskrankheit«, scherzte sie gerne.

Die Fotografin wählte eine kleine handliche Kamera, die sie leicht in einer Tasche ihrer Jacke verschwinden lassen konnte. Später würde sie den Rest ihrer Ausrüstung holen. Für einen ersten Rundgang sollte die kleine Kamera genügen. Sorgfältig verschloß sie ihren Jeep. Natürlich sorgte sie sich nicht darum, hier auf Woodroughs Gelände bestohlen zu werden. Dennoch, die Fotoausrüstung war für Julie mehr als nur ihr Arbeitsmaterial. Vielmehr war die Ausrüstung so etwas wie ihr Schatz. Und Schätze läßt man nicht im unverschlossenen Auto zurück.

»Kommen Sie!« drängte Woodrough und fügte scherzend hinzu, »der Tee wird sonst kalt.«

Julie lief einige Schritte und lächelte ihn verständnisvoll an, zum Zeichen, daß sie sowohl seinen Scherz, als auch seine Ungeduld verstanden hatte. Selbstverständlich wollte es sich Julie nicht mit ihrem Auftraggeber verscherzen. Warum auch immer der Millionär ungeduldig war, konnte Julie allerdings nicht nachvollziehen. Ja, sie war ein wenig zu spät angekommen, aber sie konnte schließlich nicht ahnen, daß die Anfahrt so lange dauern würde. Und

Woodrough hatte ihr davon im Gespräch auch nichts gesagt. Folglich konnte er ihr unmöglich die Schuld daran geben.

Es war erst 11 Uhr morgens. Das Wetter war gut. Sie könnte noch einen ganzen Tag Fotos machen. Immerhin ging es Woodrough, so wie sie ihn verstanden hatte, erstmal nur um Fotos für interne Zwecke.

»Mr. Woodrough«, fragte Julie, »wann soll der Park eröffnet werden?«

»In vier Wochen«, antwortete er knapp.

Julie stoppte erneut und blickte sich um. Hier sah noch gar nichts so aus, als könnte in vier Wochen Eröffnung gefeiert werden.

»Ich weiß, Mrs. Warner, es gibt noch viel zu tun. Aber glauben Sie mir, wir schaffen das!«

Julie wollte entgegnen, warum die Arbeiter dann am Wochenende nicht arbeiten würden, aber sie behielt ihre Frage für sich. Immerhin, das ging sie gar nichts an.

Aus der Erfahrung mit anderen Auftraggebern wußte Julie, daß die meisten Geschäftsführer derartig vorlaute Einmischungen gar nicht schätzten.

Sie waren an der Haustür des Herrschaftshauses angekommen. Bedeutungsvoll blieb Woodrough stehen und drehte sich zu ihr um, dann sagte er mit einem geradezu magischen Lächeln: »Willkommen im Land der Märchen!«

Julie war erstaunt.

»Mrs. Warner«, führte er mit den Gesten eines großen Erzählers weiter aus, »lieben Sie Märchen?«

»Ja!« log Julie. Fügte aber dann, da ihr ihre Notlüge doch zu beschämt wurde, an: »Als Kind. Welches Kind liebt nicht Märchen!«

Unbeirrt ergänzte Woodrough: »Hier werden Sie wieder so sein, als wären Sie ein Kind. Treten Sie ein!«

Schließlich öffnete er die Tür und bedeutete der jungen Frau einzutreten. Mit einem unerklärlich flauen Gefühl im Magen überschritt Julie Warner die Schwelle des Hauses.

Bereits im Foyer des herrschaftlichen Hauses blieb ihr die Sprache weg. Der ovalförmige Empfangsraum wurde von zwei breiten Treppen umsäumt, die in den ersten Stock des Gebäudes führten. In der Mitte des Raumes hing ein prachtvoller Kronleuchter. Schneeweiße Wände, lupenreiner Marmor und funkelndes Kristall – Julie kam sich vor wie in einem echten Märchenschloß.

Herbert Woodrough bemerkte die Ehrfurcht seiner Fotografin und schmunzelte.

»Ja, wir haben ein klein wenig was geleistet!« kommentierte er.

Seine Untertreibung schloß der Millionär erneut mit einem spitzbübischen Lächeln. Er erzählte weiter, daß das herrschaftliche Haus als exklusives Hotel geplant wäre. Die Tagesgäste des Parks würden über einen anderen Eingang Eintritt erhalten. Die Hotelgäste sollten durch den Tagesbetrieb nicht gestört werden.

Woodrough führte Julie in eine kleine gemütliche Stube. Sie kam sich vor wie in einem Zwergen-Wohnzimmer. Oder vielmehr so, wie sie sich ein Wohnzimmer in dem Zwerge hausten vorstellte. Es prasselte sogar ein Feuer im Kamin, obwohl draußen sommerliche Temperaturen herrschten. Vor dem Kamin standen Möbelstücke, so klein, daß sie eher für Kinder denn für Erwachsene gemacht schienen.

Der Tee schmeckte ihr gut. Woodrough plauderte noch eine ganze Weile über das Haus und die aufwendigen Renovierungsarbeiten. Es gab eine »Schneewittchen-Suite« und eine »Elfen-Sauna« sowie einen »Drachengrill«.

Julie hörte den Ausführungen ihres Auftraggebers interessiert, aber mit Skepsis, zu. Sie gehörte nicht zu den Leuten, die mit Märchen und anderen übernatürlichen oder übersinnlichen Phänomenen viel anfangen konnte. Sie glaubte weder an Gespenster, noch an Hexen oder Zauberer.

All diese Dinge gehören in die erdichtete Welt eines kreativen Schreibers, aber nicht in ihre reale Umgebung. Mit einem Mal merkte sie, wie Woodroughs Blicke intensiv auf ihr ruhten. Sie fühlte sich unwohl dabei.

Vor allem, weil sie seit ihrer Ankunft außer Woodrough noch niemanden gesehen hatte. Die Vorstellung, womöglich mit dem Mann, der sie so offensichtlich attraktiv fand, das ganze Wochenende alleine in diesem riesigen Märchenpalast zu sein, beunruhigte sie.

Der Millionär schien ihre Gedanken zu erraten und meinte: »Übrigens verbringen wir die nächsten drei Tage nicht alleine hier.«

Julie schaute interessiert auf.

»Mein Sohn kommt mit seiner Familie. Außerdem sind zahlreiche Angestellte hier.«

Julie wollte etwas entgegnen, aber Woodrough ließ ihr keine Zeit dazu.

»Kommen Sie, es wird höchste Zeit, daß sie den Park sehen! Wir haben lange genug geplaudert. Wo

ist ihre Ausrüstung, Mrs. Warner?« fragte der Millionär.

Sofort zog Julie ihre kleine Kamera hervor und zeigte sie ihrem Arbeitgeber. Der schaute sie kurz ungläubig an, dann begann er zu lachen.

»Wie schön, Sie haben einen sehr trockenen Humor!« brachte der Mann lachend hervor.

»Nun, ich dachte«, begann Julie, »für den internen Gebrauch sollten Fotos mit dieser Kamera genügen.«

»Wer redet denn von internen Gebrauch!?« rief Woodrough aus. »Perfekte Werbefotos benötigen wir. Was dachten Sie denn?«

Julie blieb die Sprache weg, dieses Mal aus Überraschung, daß sich der Arbeitsauftrag als ein ganz anderer herausstellte. Gott sei Dank hatte sie vorsichtshalber die komplette Ausrüstung mitgenommen. So waren manchmal die Aufträge exquisiter Kunden. Sie sagten am Telefon das eine und verlangen dann vor Ort etwas völlig anderes. Darauf mußte man eingestellt sein.

»Kein Problem, Mr. Woodrough!« entgegnete Julie beschwichtigend und souverän. »Ich habe alles dabei.«

»Gut«, schloß der und fügte hinzu, »Sie müssen sich den Park alleine erschließen. Ich habe noch dringend einige geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen.«

Sprachs und war auch schon verschwunden, nicht ohne ihr beim Hinausgehen zuzurufen: »Wir sehen uns dann beim Abendessen.«

Julie blieb überrascht zurück.

Die junge Fotografin Julie Warner schritt mit leise hallenden Schritten durch das Haus zurück zur Haustür. Das Gebäude war so groß, daß man sich leicht darin verirren konnte. Seltsam, von außen wirkte es gar nicht so groß.

Ebenfalls äußerst seltsam und geradezu gespenstisch erschien ihr, daß sie niemanden zu Gesicht bekam. Wo waren die vielen Angestellten, von denen ihr Auftraggeber gesprochen hatte? Wieso arbeiteten die Handwerker nicht, wenn doch in vier Wochen Eröffnung sein sollte? Und wieso hatte Woodrough am Telefon behauptet, es gehe nur um Fotos für den firmeninternen Gebrauch?

Folglich müßten die Fotos nicht ganz so professionell sein.

Aber Julie entschloß sich, alle Überlegungen beiseite zu schieben und sich auf ihre Arbeit zu konzentrierten. Immerhin gab es keine ernsthaften Anzeichen mißtrauisch zu sein, beruhigte sie sich. Es war halt nur ein klein wenig sonderbar. Aber so sind reiche Leute eben.

Außerdem konnte es für all ihre Fragen ganz einfache Erklärungen geben. Überhaupt war es gar nicht ihre Aufgabe, diese Dinge zu hinterfragen. Sie hatte eine gutbezahlte Arbeit zu erledigen. Mehr nicht. Und diese Arbeit würde sie zur vollkommenen Zufriedenheit ihres Kunden bewerkstelligen.

Zurück am Jeep stellte sie fest, daß zwischenzeitlich noch ein zweiter Wagen angekommen war und jetzt im Hof parkte. Eine prunkvolle Limousine mit getönten Scheiben. Wahrscheinlich Woodroughs Sohn und dessen Familie. Sie mochte derartige Fahrzeuge nicht. Sie waren ihr stets zu auffällig. Ihre Großmutter pflegte stets zu sagen: »Wer seinen Reichtum übermäßig zur Schau stellt, hat das Maß für die Gerechtigkeit verloren.«

Noch einmal redete sich Julie ein, daß es wirklich keinen Grund gab, mißtrauisch zu sein, auch wenn sich der Millionär – wie sie glaubte, an der ausgefallenen Limousine erneut feststellen zu können – ein wenig seltsam verhielt.

Vollbepackt mit ihrer Ausrüstung – zwei Taschen, einem Fotokoffer, Stativen und Lampen samt Zubehör – machte sie sich auf den Weg, den Park zu erkunden. Sie war froh, ihre ausklappbare Sackkarre mit sich geführt zu haben, ansonsten hätte sie ihre Aufgabe in dem unwegsamen Gelände des Parks kaum bewältigen können. Gleichwohl erschöpfte die Arbeit sie rasch.

Unmutig darüber, daß sie von Woodrough veranlaßt worden war, den Park alleine zu erkunden, schob sie mühselig die Karre über den Schotterweg durch das Tor in den Park hinein.

Unglaublich! Da lag er vor ihr! Ähnlich wie im Haupthaus staunte sie auch hier im Park über die außergewöhnlich stilvolle, anmutige und doch ungewöhnliche Gestaltung.

Der Gartenbauarchitekt hatte es geschafft, die Elemente des Märchenparks beinahe unauffällig in die natürliche Umgebung von Blackhole Forest einzufügen, so daß Julie einen Moment lang tatsächlich der Täuschung erlag, in einem echten Märchenparadies zu sein.

Den Anfang des Parks bildete eine verträumte Märchenlandschaft. Julie fühlte sich gerührt – zum ersten Mal seit ihrer Ankunft und, wie sie sich kurz darauf eingestehen mußte, schon seit langer Zeit nicht mehr gefühlt hatte, war sie gelöst und blickte ihrer Aufgabe mit Freude und Tatendrang entgegen.

Sie ließ die Atmosphäre noch einige Zeit auf sich wirken, dann beschlich sie ein unwohles Gefühl, jemand würde sie beobachten. Mit durchdringenden Blicken wollte sie jemand in seinen Klauen bannen. Rasch wendete sie sich zum herrschaftlichen Haus um, konnte aber aus der Entfernung nichts genaues erkennen. Aber dort, huschte dort nicht ein Schatten hinter dem Fenster vorbei?

Bewegte sich nicht der Vorhang?

Instinktiv griff sie zu ihrem Fotoapparat und stellte die Teleobjektivfunktion ein. Auch durch die Vergrößerung ihrer Kamera sah sie nichts. Sie mußte sich wohl getäuscht haben.

Alsbald wurde der Schotterweg zu einem moosbedeckten Waldboden. Es wurde immer schwieriger, die Sackkarre mit ihrer Ausrüstung zu schieben. Das kostete wertvolle Zeit.

Sie blickte auf die Uhr. Die Zeit war rasch vorgeschritten. Es war bereits Nachmittag. Die Sonne war im Begriff zu sinken. Die Lichtverhältnisse würden in spätestens zwei Stunden ungünstig für ihre Fotoaufnahmen sein.

Bisher hatte sie aber nur einige Fotos vom Herrschaftshaus und dem Märchenwald gemacht. Woodrough erwartete sicherlich eine größere Ausbeute von seiner Fotografin. Was sollte sie tun?