TOD IN DEN KLIPPEN - Francisco J. Jacob - E-Book

TOD IN DEN KLIPPEN E-Book

Francisco J. Jacob

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  • Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

EIN MENSCH, DER LANGE NACH VERGELTUNG DÜRSTET, KANN ZUM MÖRDER WERDEN Bei der gemeinsamen Aufklärung eines Kriminalfalls mit Comisario Fernando de Vega, muss der Privatier Diego Lesemann diese Feststellung machen. An der stürmischen Costa Verde, der grünen Küste Nordspaniens, geht es dieses mal um drei Todesopfer ... Diego Lesemann reist im stimmungsvollen Herbst nach Asturien, um an der Hochzeit der Tochter eines ehemaligen Schulfreundes teilzunehmen. Bei einem Spaziergang an den Klippen entdeckt er die Leiche einer jungen schwangeren Frau, die der Tochter seines Freundes sehr ähnelt. Comisario de Vega beginnt mit den Ermittlungen und bittet seinen Freund Diego Lesemann um Unterstützung, der dadurch erneut in einen komplexen Kriminalfall verstrickt wird.

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Seitenzahl: 314

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FRANCISCO J. JACOB

TOD IN DEN KLIPPEN

Roman

Foto: Manuel Jacob

Francisco J. Jacob ist in Spanien geboren. Als Diplomingenieur war er lange Zeit in der Automobilindustrie leitend tätig. Nach insgesamt vierzig Jahren Technik in seinem Leben zog er sich schließlich aus diesem Metier zurück.

Nach seinem Debütroman ›TOD IN DER HÖHLE‹ legt er hiermit sein zweites Werk vor. Er liebt es, komplexe Kriminalgeschichten zu schreiben, die unverwechselbar mit Spannung, Humor und viel Lokalkolorit versehen sind.

Francisco J. Jacob lebt mit seiner Familie in München.

Entdecken Sie

FRANCISCO J. JACOB

im Internet

Website:

www.franciscojjacob.com

Facebook:

www.facebook.com/franciscoj.jacob.Autor

2. überarbeitete Auflage

Taschenbuchausgabe Oktober 2018

© Copyright der Originalausgabe 2018 Francisco J. Jacob

Umschlaggestaltung: Manuel Jacob, München

Korrektorat: Michaela Jacob, München

Druck und Verlag: epubli

ISBN 978-3-7467-5972-2

Für meine Freunde

Nach meinem letzten Abenteuer in Asturien reiste ich ein Jahr später dorthin zurück. Eine Einladung, aber auch die Sehnsucht nach meiner Kindesheimat waren die Gründe, zurückzukehren – zurück in die nordspanische Kleinstadt Ribadés, die zwischen dem Kantabrischen Gebirge und dem Atlantischen Ozean zu finden ist.

Ich lade Sie, auf eine stimmungsvolle sowie faszinierende Reise zu den Klippen Asturiens ein, die im trüben Licht des Herbstes besonders attraktiv sind. Seien Sie dabei, wenn ich mit meinen einstigen Schulfreunden eine spanische Hochzeit mitfeiere und ich unerwartet in einen komplexen Mordfall verwickelt werde.

Genießen Sie die eindrucksvolle Umgebung, in der ermittelt wird, die regionalen Bräuche Asturiens und ein wenig Spanisch, das humorvoll aufgenommen werden sollte.

Diego Lesemann

1

Die Rückkehr

Die Sicht war klar und rein. Am Horizont gab die Morgenröte ein grandioses Farbenspiel ab und der Blick nach oben führte in die scheinbare Unendlichkeit der blauen Stratosphäre. Die schiefergraue Wolkendecke unter uns trübte dagegen die sonst so klare Sicht auf den weiten Atlantischen Ozean. Das Querruder an der Tragfläche bewegte sich nach oben und leitete damit einen Kurvenflug ein. Es bot sich mir ein Blick in die Tiefe. Nur schwer erkannte ich die Umrisse der Nordküste Spaniens. Wir flogen über die Kantabrische See, dem sogenannten Golf von Biskaya.

Mit stetig sinkender Flughöhe kamen wir dem grauen Wolkenmeer näher, bis wir in ihm eintauchten. Die Sicht verschlechterte sich mit einem Schlag. Wasserschlieren strömten tanzend auf der Außenseite des Kabinenfensters. Ich schaltete das Leselicht ein, um mich erneut in den Sherlock Holmes Roman zu vertiefen, den ich zum wiederholten Mal durchlas. ›Der Hund der Baskervilles‹, ist noch heute mein Favorit unter den Geschichten des englischen Schriftstellers Sir Arthur Conan Doyle.

Die dahingleitende Ruhe wurde durch einen plötzlichen Ruck gestört. Das Flugzeug sank kurz aber spürbar in die Tiefe, so dass es uns aus den Sitzen hob. Ich war zwar angegurtet, mein Magen aber machte eine gehörige Bewegung in die Höhe. Nach diesem kurzen Moment des Schreckens flogen wir stabil weiter. Es handelte sich um ein typisches Luftloch. Nach kurzer Zeit wiederholte es sich mehrmals, was mich weniger störte als meinen Nachbarn, der sich in Windeseile den Gurt anlegte und krampfhaft an den Armlehnen des Sitzes festhielt.

»Fuck!« (Verdammt), gab der entsetzt von sich. »Was ist los?«, fragte er mit leichtem britischen Akzent.

Ein Gong ertönte und die Anschnallzeichen über den Sitzreihen leuchteten auf. Die Stewardess forderte die Passagiere über Lautsprecher auf, die Gurte anzulegen und festzuziehen. Die nächste Turbulenz ließ nicht lange auf sich warten, nur trieb sie das Flugzeug dieses mal in die Höhe und uns in die Sitze. Der Magen machte erneut eine entgegengesetzte Bewegung.

»What the fuck!« (Was zum Teufel!), sagte mein Nachbar und verschränkte zusätzlich seine Beine gegen den vorderen Sitz.

»Keine Sorge«, versuchte ich ihn zu beruhigen. »Es sind nur Turbulenzen, Luftlöcher.«

»Fuckin‘ turbulences!« (Verdammte Turbulenzen!), fluchte er.

Wegen seiner lässigen Art war er mir bereits in München aufgefallen, als wir an Bord gingen. Mit umherschlendernden Armen und wippendem Oberkörper hatte er große Unbekümmertheit demonstriert. Mit federnden Schritten war er umherstolziert. Nun aber, saß er, völlig in Angst und Schrecken versetzt, da – wie jemand, der vollkommen machtlos in einem Kanu auf einen wilden Fluss umher treibt. Das Flugzeug schüttelte sich um seine Längsachse hin und her. Die unangenehm ruppigen Bewegungen wurden von verunsichernden, laut rumpelnden Geräuschen begleitet.

»Ooooh myyy God!«, war die verängstigte Reaktion meines Nachbarns. »Stop that! (Hört sofort auf!)«

Es folgte ein weiteres Luftloch, dann noch eins und noch eins, dicht aneinandergereiht.

»Fuck, fuck, fuck!«, gab er völlig entnervt von sich und hielt sich krampfhaft an den Armlehnen seines Sitzes fest.

»Don´t worry« (Keine Sorge), sagte ich beruhigend zu ihm.

Sein Gesicht war kreidebleich. Plötzlich streckte er den Hals nach oben, schluckte einige male und griff schließlich zur Tüte in der Kartentasche seines Vordersitzes. Ich drehte mich diskret zum Fenster um. Nachdem er sich erleichtert hatte, kam ihm die Stewardess zu Hilfe und nahm ihm die Tüte mit dem warmen und unangenehm riechenden Inhalt ab.

Das Flugzeug hatte sich nach kurzer Zeit beruhigt, und mit ihm auch mein Nachbar, der erschöpft in seinem Sitz eingenickt da saß und gelegentlich seufzte. Hin und wieder riss die Wolkenmasse etwas auf, was mir die Gelegenheit gab, den stürmischen Seegang unter uns zu beobachten. Die Wellen, die entschlossen gegen die schroffen Klippen schlugen, schienen diese, mithilfe des tobenden Windes, zerschmettern zu wollen. Ein ungebändigtes Naturschauspiel, welches zwar imposant war, und doch ein unbehagliches Gefühl auslöste. Der gestreckte Sandstrand, der zwischendurch auftauchte, lag verlassen und öde da. Die sonst so satten Felder waren abgeerntet und die grünen Wiesen vom Regen ertränkt. Große Wasserlachen bildeten sich ab. Das war die Costa Verde im Herbst, so wie ich sie von meiner Kindheit her kannte.

Die grauen Regenwolken dieser Jahreszeit umhüllten das Kantabrische Gebirge, um sich kräftig zu ergießen. Die Stadt, die sich davor erhob, war nicht Bilbao, wie bei meiner letzten Reise. Nein, es war Santander, denn diesmal flog ich nach Kantabrien, um anschließend nach Ribadés in Asturien weiterzufahren. Ich sah die Fähren vor Anker liegen, die nach Plymouth in England fuhren.

Vor über einem Jahr war ich bereits mit meiner Ehefrau Hellen in Ribadés gewesen, um, nach vierzig Jahren, ehemalige Schulfreunde zu suchen. Mit der Hilfe eines Priesters, der, wie sich später herausstellte, selbst ein Freund aus alten Schultagen war, gelang es mir, drei weitere Schulkameraden zu finden. Einen Kriminalkommissar, einen Beamten und einen sehr reichen und bekannten Industriellen. Gemeinsam feierten wir anschließend das Wiedersehen. Ein freudiges Ereignis, an dem wir, nach solch langer Zeit, Erinnerungen aus Kindertagen austauschen konnten. Interessant wurde es, als ich in einen Kriminalfall verwickelt wurde, da ich in einer prähistorischen Höhle, der Attraktion von Ribadés, durch Zufall zwei Tote gefunden hatte. Bei meiner Zeugenaussage hatte ich zunächst Probleme mit dem Comisario gehabt, bis sich unsere frühe schulische Gemeinsamkeit herausstellte. Ich half ihm mit strukturierten Ansätzen. Später war er mir äußerst dankbar dafür, ihn bei der Aufklärung des Falls unterstützt zu haben. Die Geschichte lag, wie erwähnt, über ein Jahr zurück.

Diesmal hatte ich mich wegen einer spontanen Hochzeitsfeier auf den Weg zu meinen Freunden gemacht. Ich reiste allerdings ohne Hellen an. Sie ist eine leidenschaftliche Fotografin und hatte, wegen einer außergewöhnlichen Fotoausstellung in München, dort alle Hände voll zu tun. Es tat ihr Leid, nicht mitfliegen zu können, aber sie wollte, so schnell es ging, nachkommen. Diese prompt beschlossene Trauung betraf Ana-María Rey, die Tochter meines früheren Schulfreundes Mateo Rey, den Beamten. Er rief mich Zuhause an und sprach von einem sogenannten ›Unfall‹, weswegen ›seine Ana-María‹ schnellstens vermählt werden müsse – sie sei schließlich schon im fünften Monat. Und da wir zum engsten Freundeskreis gehörten, müssten wir bei den Festlichkeiten ebenso dabei sein, wie die Familie sowie alle andere Freunde.

Das Flugzeug schwenkte um die Längsachse und flog eine weite Kurve. Ich sah hinunter auf die Steilküste von Santander mit dem prächtigen Leuchtturm, dann auf die Bucht und auf den Flughafen, der nach dem berühmten spanischen Golfspieler Seve Ballesteros benannt ist.

Das Fahrwerk des Flugzeugs wurde ausgefahren und rastete laut ein. Wir setzten zur Landung an. Von dem Geräusch geweckt, sah mich mein Nachbar mit aufgerissenen Augen an.

»Was ist los?!«, fragte er besorgt.

»Wir landen«, gab ich beruhigend zurück.

»Thanks« (Danke!), sagte er salopp. Der junge Mann blickte durch das Kabinenfenster und fing augenblicklich an, Krümel von seinen Hosen abzustreifen und die Kleidung zurechtzuziehen.

»Sind Sie oft in Spain?«, fragte er mich.

»Nein.«

»Aber, ich habe Sie mit der Stewardess Spanish reden gehört«, gab er verwundert zurück.

»Oh, das meinen Sie«, erwiderte ich. »Ich bin hier geboren.«

»Really? (Wirklich?)«, fragte er überrascht und sah mich an.

»Ja, in Gijón.«

»Really? Ich besuche eine Freundin in Gijón«, sagte er begeistert. »Ich komme aus Birmingham.«

»Eine schöne Stadt. Ich habe in Birmingham gearbeitet und eine längere Zeit in Oxford.«

»Really? Oxford ist so wicked (sehr abgefahren)«, schwärmte er.

Der starke Regen hatte nachgelassen, es nieselte etwas. Die Markierungen auf der Landebahn näherten sich uns. Das Flugzeug setzte leicht schräg mit den Rädern auf den Boden auf, was zu einem leichten Schütteln der Maschine führte. Der Mann aus Birmingham fühlte sich erneut unsicher und hielt sich wieder krampfhaft an den Armlehnen des Sitzes fest. Dabei sah er etwas verlegen zu mir herüber.

Auf dem Weg zum Gepäckband stolzierte mein Sitznachbar mit schlendernden Armen und wippendem Oberkörper vor mir her. Seine federnden Schritte zeigten wieder diese große Unbekümmertheit. Er hatte scheinbar keine Probleme.

Ich dachte darüber nach, was mich diesmal in Ribadés, der Kleinstadt meiner Kindheit, erwarten würde. Jedenfalls hatte ich bei der letzten Reise bereits vier einstige Schulfreunde gefunden. Mateo Rey, war ein rechtschaffener Beamter, der froh war, in diesen Zeiten, wie er sagte, eine sichere Anstellung zu haben. Mit seiner sympathischen Frau Ana und der Tochter Ana-María war er ein höchst zufriedener Mensch und lebte gutmütig sein Leben. Aus diesem Grund muss es ihn aufgewirbelt haben, als er erfuhr, dass Ana-María schwanger war. Ich freute mich ebenso auf die anderen Freunde, die auch eingeladen waren. Es lag gewiss an meinem Alter, dass ich diese alte Freundschaft so zu schätzen wusste. Zuvor war ich dazu nicht in der Lage gewesen, denn, wegen der 70-Stunden-Wochen, hatte ich einfach keine Zeit dazu gehabt. Als Privatier war ich nun gewissermaßen Zeitmillionär.

Vor der Passkontrolle ging es sehr zügig zu. Beim Zoll hingegen wurden Stichproben durchgeführt. Ein Beamter stand vor dem Ausgang und winkte ausgerechnet meinen Sitznachbarn aus Birmingham an den Tisch. Er forderte ihn strikt auf, sein Gepäck zu öffnen.

»Nothing to declare« (Nichts zu verzollen), sagte er mit einer demonstrativen Gestik.

Der Beamte forderte ihn erneut auf. Unwillig hob er seinen mit dem Union Jack bedruckten Koffer auf den Tisch und öffnete ihn. Ich drehte mich beim Vorbeigehen um, als ich überraschend sah, dass der Zollbeamte ein recht großes Kruzifix zwischen der Wäsche hervorbrachte. Als Geistlichen hätte ich meinen Sitznachbarn keinesfalls eingeschätzt.

»Und was ist das?«, hörte ich den Beamten verärgert fragen, der ihm den sakralen und hochwertig aussehenden Gegenstand entgegenhielt.

»That´s a gift« (Das ist ein Geschenk), rechtfertigte sich der Mann aus Birmingham lautstark.

Es klang nach einer unangenehmen Situation.

Die Warteschlange vor dem Counter der Leihwagenfirma war glücklicherweise gering. Zwei sympathische Damen, die dahinter standen, begrüßten freundlich ihre Kunden. Sie trugen rote figurbetonte Kostüme, wie sie von Stewardessen getragen werden, mit einem kleinen Namensschild auf Höhe der linken Brust. Eine der Damen winkte mich lächelnd zu sich. Sie hieß Penelope und war besonders aufmerksam.

»¡Buenos días! (Guten Morgen!)«

»¡Buenos días!«, erwiderte ich zuvorkommend. »Mein Name ist Lesemann, Diego Lesemann«, wobei ich deutlich meinen Namen aussprach. Anschließend gab ich ihr die Unterlagen, die sie nur kurz überflog.

»¡Sí! Señor Lessemaan. Ein BMW 435i Automatik mit Navigation?«, fragte sie freundlich, während sie in den Monitor sah und wie abgelenkt den Kugelschreiber an ihre vollen Lippen führte.

Schmunzelnd bejahte ich ihre Frage, worauf sie sofort den Stift vom Mund wegführte. Es überraschte mich nicht, wie sie meinen Namen aussprach, da ich mir das bei meinem letzten Aufenthalt in Spanien hatte mehrfach anhören müssen.

»Señor Lessemaan. Hier sind die Papiere für ihr Auto. Eine gute Fahrt.«

Ich bedankte mich, nahm die Dokumente und machte mich auf den Weg zum stilvollen Coupé mit über dreihundert PS aus dem 6-Zylinder Turbo Motor.

Es hatte zu tröpfeln aufgehört. Einige Stellen des Asphalts waren bereits getrocknet. Die Wolken brachen teilweise auf und ließen einzelne Sonnenstrahlen durchscheinen. Eine frische Brise wehte. Es roch nach Regen, nach Herbstregen. Es war nicht der Duft des Sommerregens, der an heißen Tagen die Pflanzenausdünstungen in die Nase schweben lässt. Ich setzte meinen Fedora-Filzhut auf, legte mir den Burberry-Trenchcoat über die Schultern und ging mit dem Trolley zum Parkplatz, um das Fahrzeug abzuholen. Dort angekommen, wurde das metallicschwarze Coupé äußerst brisant vorgefahren und mit einer harschen Bremsung zum Stehen gebracht. Eine ansprechende, blond gelockte Dame in einem eng anliegenden pechschwarzen Overall mit schneeweißem Rollkragenpullover und einer schwarzen Baseball-Cap stieg geschmeidig aus. Sie trug den Reißverschluss des Overalls bewusst etwas geöffnet, um ihre Brüste besser in Szene zu setzen. Ich muss gestehen, dass ich von diesem Anblick angetan war.

»¿Señor Lessemaan?«, fragte sie lächelnd und musterte mich.

»¡Sí!«, bestätigte ich ein wenig betört.

»Bitteschön«, sagte sie anmutig und hielt mir den Wagenschlüssel mit gespreizten Fingern hin. Ihre Fingernägel waren mit einem glänzenden schwarzen Nagellack lackiert. »Das ist ihr Auto! 6-Zylinder Turbo mit über dreihundert PS.«

»Vielen Dank, ich kenne die Daten«, gab ich freundlich zurück.

»Der Wagen ist schnell. Soll ich Ihnen zeigen, wie man ihn fährt?“, fragte sie mit aufforderndem Blick.

»Danke, das weiß ich. Vielleicht ein anderes Mal.«

»Dann nicht!«, gab sie enttäuscht zurück und ließ den Wagenschlüssel in meine offene Handfläche fallen.

Keck drehte sie sich um, ging mit wippenden Hüften und großen Schritten zum Eingang. Mir fielen ihre glänzend schwarzen High Heels auf, mit denen Sie reizend aussah, doch es musste eine Herausforderung sein, den Wagen damit zu fahren.

Ich verstaute das Gepäck und stieg in das Fahrzeug. Über Bluetooth schloss ich mein iPhone an die Freisprechanlage des Wagens an, dann startete ich den Motor. Wäre Hellen neben mir gesessen, hätte sie mich gewiss mit den Worten ›Aber fahr bitte langsam‹ vorsorglich ermahnt. Sie kannte meinen Fahrstil. Als Diplomingenieur in der Automobilentwicklung war ich durch diverse Fahrertrainings auf Teststrecken geschult. Ich schaltete die automatische Stabilitätskontrolle aus und fuhr unverzüglich mit leicht durchdrehenden Rädern und einem Drift los.

Zunächst ging es in den Norden der Stadt. Ich wollte mir den langgestreckten Hafen ansehen. Der riesige Verladehafen war komplett mit fabrikneuen PKWs belegt, die darauf warteten verschifft zu werden. Es folgte der Anlegeplatz der Fähren, die nach Plymouth fuhren, und endete mit dem Sporthafen des Segelclubs Real Club Maritimo de Santander. Auf der gegenüberliegenden Seite sah ich das neoklassizistische Hauptgebäude der weltweit drittgrößten Bank, der Banco de Santander. Kurz begegnete mir der Stadtstrand, der hinauf bis zur Peninsula La Magdalena reicht. Die Halbinsel beherbergt neben der Universität Menéndez Pelayo auch den Palacio La Magdalena. Der früher Königs Alfons XIII als Sommerresidenz dienende Palast ist durch seine zwei achteckigen Türme ein außerordentlich gelungenes neoklassizistisches Bauwerk.

Der Weg zur Autovía A-67 führte mich an der Catedral Nuestra Señora de la Asunción vorbei. Eine prächtige Kathedrale aus dem 12. bis 13. Jahrhundert, welche ein Etappenziel für Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist. Zu diesem Thema hätte Hellen sicher noch einiges aus ihrem Reiseführer zum Besten gegeben. Sie interessierte sich speziell für den Jakobsweg, genauer gesagt für den Camino de la Costa, der im Übrigen durch Ribadés führt.

Bis zu meinem Ziel waren es noch circa hundert Kilometer auf der Autovía del Cantábrico. Zur Rechten erstrecke sich der weite Atlantik, der sich tobend verhielt. Zur Linken erhoben sich die Picos de Europa mit etwa zweihundert Bergen, die über zweitausend Meter hoch sind. Dieses Gebiet ist historisch bedeutend, da um 720 von dort aus die sogenannte Reconquista, die Rückeroberung Spaniens durch die Christen, eingeleitet wurde. Diese wurde vom späteren König Don Pelayo angeführt, den legendenhaften Gründer des asturischen Reichs.

Es fing an zu nieseln, woraufhin ich den Scheibenwischer anschaltete. Im Rückspiegel sah ich einen Wagen, der sehr schnell auf der Überholspur heranfuhr. Auf gleicher Höhe angekommen bremste der und fuhr gleichschnell neben mir her. Ich drehte den Kopf langsam nach links. Am Steuer des silbernen Sportwagens saß zu meiner Überraschung die attraktive Dame von der Leihwagenfirma in ihrem eng anliegenden schwarzen Overall. Sie winkte mir freundlich zu, was mir ein Lächeln entlockte. Dann klingelte das iPhone über die Freisprechanlage. Vom Display der Instrumententafel entnahm ich, dass Mateo, mein früherer Schulfreund, anrief. Im selben Augenblick und stürmisch winkend beschleunigte die neben mir Fahrende ihren Wagen vehement. Ungezähmt fuhr sie davon. Die heftige Überschreitung der vorgeschriebenen Geschwindigkeit schien ihr Vergnügen zu bereiten.

2

Ein wahrer Freund

Ich drückte die Telefontaste am Multifunktionslenkrad.

»¡Hola Mateo!«, begrüßte ich meinen Freund erfreut.

»¡Hola Diego! ¿Cómo estás?« (Wie geht es dir?), entgegnete er.

»Sehr gut. Vielen Dank.«

»Hattest du einen guten Flug?«

»Ja, er war angenehm.«

»¡Bien! (Gut!) Und wo bist du jetzt?«

»Ich bin auf der Autovía, kurz vor der Abfahrt nach Ribadés.«

»¡Muy bien! (Sehr gut!) Du kannst gleich zu uns zum Mittagessen kommen.«

»Das ist sehr freundlich Mateo, aber ich wollte mich zuerst im Hotel einchecken.«

»¡No!, entgegnete er. »Wie heißt das Hotel?«

»Aurora, wieso?

»Mach dir keine Sorgen. Ich ruf da jetzt an und sag denen, dass du später kommst. Wir essen erst.«

»Das kann ich wohl nicht ablehnen«, sagte ich erfreut.

»So ist es«, antwortete er freundlich und lachte mit seiner kräftigen Stimme. »Du fährst direkt zu uns, zur Avenida Asturias 14.«

Das war die herzliche Gastfreundschaft, die ich in Spanien kannte. Eine Gastlichkeit, die an familiärer Führsorge grenzt und keinesfalls abgelehnt werden darf. Mateo konnte ich es ohnehin nicht abschlagen, denn schließlich war ich sein Gast.

Ich gab die Adresse in das Navigationssystem ein, dann folgte ich den Anweisungen. In Ribadés angekommen, meldete sich die nette weibliche Stimme des Navigationssystems wieder.

»An der nächsten Kreuzung links abbiegen.«

Die Straßen kannte ich von meiner letzten Reise. Wenig hatte sich seitdem verändert. Ich fuhr an der Calle de la Fuente vorbei, der Straße, in der das Hotel Aurora stand und anschließend in die Calle Santa María, der Hauptstraße von Ribadés. Kinder spielten auf der Plaza. Am Ende der Straße erkannte ich sogleich das Café Carmen wieder. Unweit davon bog ich in die Avenida Asturias ein.

»Ziel erreicht«, lautete die letzte Information, als ich langsam an Mateos Haus vorbeifuhr, welches auf einer Anhöhe stand.

Ich sah auf ein gepflegtes, zweistöckiges Einfamilienhaus. Der Vorgarten trug die Handschrift einer akkuraten Familie. Die dunkelbraunen Holzfenster im Erdgeschoss waren mit mattschwarzen, kunstgeschmiedeten Gittern geschützt. Die oberen schmückten Blumenkästen, in der gleichen braunen Farbe wie die Fenster. Eine große Palmenpflanze thronte vor dem stattlichen Hauseingang.

Meinen Wagen parkte ich vor dem Grundstück und als ich ausstieg, begrüßte mich Mateo von der Eingangstür kommend.

»¡Bienvenido! (Willkommen!)«, sagte er erfreut und streckte seine Arme aus, wobei er eine Zigarre in der linken Hand hielt.

Mateo Rey war klein, untersetzt und hatte eine freundliche Ausstrahlung. Besonders fiel seine polierte Glatze auf, die von einem ergrauten Haarkranz umringt war. Er trug stets gepflegte Kleidung und rauchte gerne Zigarren.

»Hast du gleich hergefunden?«, fragte er mich.

»Ja, ohne Probleme.«

»Claro (Klar), so ein schöner BMW hat bestimmt ein Navi«, schwärmte er. »Wie viel PS hat der?«

»Über dreihundert.«

»¡Jolines!« (Du meine Güte), gab er erstaunt von sich. Der hat ja mehr PS, als meine zwei Seat zusammen.«

Er begrüßte mich mit einer kräftigen Umarmung und schlug mir mehrmals mit der flachen Hand auf den Rücken.

»Mateo«, sagte ich, »ich freue mich sehr, dich wiederzusehen.«

»Ganz meinerseits«, erwiderte er.

»Weißt du eigentlich, dass ich vor über 41 Jahren eine Straße weiter gewohnt habe?«

»¡Naturalmente!«, bekräftigte er.

»Die Häuser vor deinem Grundstück gab es früher nicht. All das war ein großer Garten, der zu unserem Mietshaus gehörte.«

»Das weiß ich doch, Diego«, sagte er und gab mir zu verstehen, dass er, im Gegensatz zu mir, sein ganzes Leben in Ribadés verbracht hatte.

Wir standen vor der Haustür und sahen hinunter über die Häuser hinweg bis zur Kirche.

»Wie geht es deiner Frau?«, fragte er.

»Sehr gut. Sie lässt dich herzlich grüßen.«

»Schade, dass sie nicht gleich mitgekommen ist. Aber wenn sich die Frauen was in den Kopf setzen ...«

Ana, Mateos Frau, kam aus dem Haus. Sie war ebenfalls klein und etwas untersetzt wie Mateo, modisch gekleidet und selbst die umgebundene Schürze passte zu ihrer Kleidung.

»¿Diego, cómo estás?«, sagte sie voller Freude, umarmte mich und küsste mich links und rechts auf die Wangen.

»¡Muy bien!«, gab ich erfreut zurück.

»Du siehst immer jünger aus«, schmeichelte sie mir. »Kaum zu glauben, dass du genauso alt bist wie Mateo.«

»Sehe ich etwa nicht jung aus?«, fragte Mateo humorvoll und spitzte seinen Mund.

»Doch, doch, mein Lieber«, sagte Ana und gab ihm einen Kuss.

»53 ist doch kein Alter«, bemerkte er und lachte mit seiner kräftigen Stimme.

»Es ist schade, dass du Elen nicht mitgebracht hast«, sagte Ana und sprach Hellens Namen besonders spanisch aus, ohne das H zu betonen. »Hat sie denn viel zu tun, mit ihrer Fotoausstellung?«

»Sie hat alles bestens organisiert.«

»Und sie kommt auch sicher in zwei Tagen nach?«

»Ja. Ich hole sie am Freitag vom Flughafen in Santander ab. «

»Ach, ihr seid aber so ein schönes Paar«, sagte sie und strahlte mich an.

Hellen ist mittelgroß, sehr attraktiv, hat kurzes, braunes Haar, ist klug, sympathisch und in meinem Alter. Sie liebt, genau wie ich, eine modische Eleganz, die für sie von jeher ganz natürlich war. Sie treibt gern Sport und ist eine leidenschaftliche Fotografin.

»Letztes Jahr hat deine Frau so schöne Fotos gemacht. Ich freue mich einfach, sie wiederzusehen.«

»Du willst sie doch nicht als Fotografin für die Hochzeit einspannen«, sagte Mateo zum Spaß.

»Rede keinen Unsinn«, gab Ana prompt zurück.

»Hellen wird sicher das eine oder andere Foto schießen«, gab ich schlichtend hinzu.

»Nein, nein, das kommt gar nicht in Frage! Und jetzt lasst uns reingehen, sonst wird das Essen noch kalt.«

Beim Hineingehen strömte mir der Duft von Fabada Asturiana, eines traditionellen, herzhaften Bohneneintopfs, in die Nase. Er wird aus extrafeinen, trockenen Bohnen mit Paprikawurst, Blutwurst, Schinken, Olivenöl und Safran zubereitet. Eine Besonderheit, die ich schon als Kind sehr gemocht habe. Meiner vegetarischen Ernährung zum Trotz machte ich eine Ausnahme.

»La Fabada«, sagte Mateo, »ist eine Spezialität von Ana.« Er roch genussvoll an seinem vollen Teller und schloss dabei die Augen.

»Wie geht es eurer Tochter Ana-María?«, wollte ich wissen, denn sie war der ursprüngliche Grund meiner Reise.

»Gut, bis auf die ungeplante ...«

»Ich hab ihr dauernd gesagt, sie soll erst ihr Studium fertig machen und dann an Kinder denken«, griff ihm Ana etwas erregt ins Wort. »Aber nein, die heutige Jugend weiß ja alles besser. Und jetzt haben wir den Salat.«

»Wie denkt Ana-María darüber?«

»Sie macht das schon!«, gab Mateo überzeugt von sich. »Und Víctor ist ein guter Kerl.«

»Ist Víctor Ana-Marias zukünftiger Mann?«

»Ja, er ist ein schöner Mann, kommt aus gutem Hause und ist Architekt«, verkündete Ana stolz.

»Wunderbar. Und was studiert Ana-María?«

»Tourismus an der Universität Gijón. Da haben sie sich auch kennengelernt«, erklärte Ana. »Und im Moment macht sie ein Praktikum bei einer Tourismusfirma.«

»Interessant.«

»Sie kann auch Deutsch sprechen«, ergänzte Mateo imponierend. »Du musst dich gleich morgen mit ihr auf Deutsch unterhalten.«

»Sieh mal an«, bemerkte ich erfreut.

»Ja, sie kommt morgen wegen der letzten Anprobe ihres Brautkleides.«

»Da kannst du mal sehen«, fügte Ana stolz hinzu, »sie leben in Gijón, aber sie kommt nach Ribadés, denn hier gibt es die beste Schneiderin weit und breit.«

Ich stimmte ihr nickend zu. Dann dachte ich an meinen Freund Ángel Montés, den Priester.

»Ich nehme an, dass Ángel sie trauen wird.«

»Naturalmente, wer denn sonst?«, antwortete Mateo überzeugt. »Er hat übrigens schon nach dir gefragt. Er freut sich sehr, dich wiederzusehen.«

»Ich ebenso. Habt ihr etwas von Fernando gehört?«

»Ihm geht es gut. Du wirst es nicht glauben, aber wir vier haben es im September geschafft, uns zu treffen. Wir haben natürlich über dich und die Cueva (Höhle) im letzten Jahr gesprochen.«

Fernando de Vega ist ein eigensinniger Kriminalkommissar bei der Policía Nacional.

»Das war schon gekonnt, wie du ihm bei der Auflösung der Morde geholfen hast. Ohne dich hätte er das nicht geschafft.«

»Danke! Und wie geht es Alonso? Hat er den Tod seines Sohnes mittlerweile verkraftet?«

Alonso Verono, Inhaber des weltweit bekannten Modeunternehmens ALVE-MODA, hatte eine Familientragödie durchleben müssen. Eine der Leichen, die ich in der Höhle gefunden hatte, war sein Sohn Ramón gewesen.

»Er ist ein kalter Industrieller«, meldete sich Ana zu Wort.

»Ich glaube, dass man in der harten Geschäftswelt ein dickes Fell haben muss, sonst überlebt man nicht. Und sein Unternehmen ist riesengroß«, versuchte Mateo ihn zu verteidigen. »Außerdem ist er ohne Mutter aufgewachsen.«

»Trotzdem ist er seelenlos, auch wenn er stinkreich ist.«

Ich wollte das Thema wechseln, lobte die köstliche Bohnensuppe und fragte nach einem Nachschlag.

»¡Claro!« (Natürlich!), erwiderte sie und griff zur Suppenkelle. »Zum Nachtisch gibt es aber noch Arroz con leche.«

Arroz con leche ist ein cremiger Milchreis, ein Lieblingsdessert aus meiner Kindheit.

»Woher weiß du, dass ich es mag?«

»Deine Frau hat es mir gesagt. Wir haben uns letztes Jahr sehr schön unterhalten. Sie spricht ja auch sehr gut Spanisch.«

Nach einem Café con leche verabschiedete ich mich von meinen Freunden. Es war später Nachmittag, als ich zum Hotel fuhr.

An der Rezeption wurde ich sofort vom Concierge freundlich begrüßt. Es war derselbe, der Hellen im letzten Jahr große Augen gemacht hatte. Ein sehr schlanker Mann mit kurz geschnittenem pechschwarzem Haar. Er trug einen dunklen Anzug mit hellgrauer Weste und hatte eine dunkelgraue Krawatte um den weißen Kragen gebunden. Er sah aus, wie ein Concierge aus einem Fünf Sterne Hotel.

»¡Buenos días!«, begrüßte er mich mit einer lebhaften Geste.

»¡Buenos días! Ich heiße Lesemann. Ich habe ein Doppelzimmer reserviert.«

»Ich kenne Sie«, sagte er spontan und höflich zugleich. »Sie waren schon letztes Jahr mit Ihrer schönen Frau hier.«

Ich nickte und legte ihm meinen Pass auf den Tresen. Er sah hinein, dann auf den Bildschirm seines PCs. Nach einigen schwungvollen Tastenanschlägen wandte er sich wieder mir zu.

»¡Muy bien!«, vermeldete er erfolgsbetonend.

Ich erinnerte mich an Hellen, die sich bei derselben Darbietung beim letzten Besuch das Grinsen nicht verkneifen konnte.

»¡Señora y señor Lessemaan!«, sagte er anschließend, wobei er meinen Nachnamen wie gehabt spanisch betonte.

Er sah mich mit großen Augen an.

»Aber, wo ist denn die Señora?«

»Sie kommt am Freitag.«

»Ich verstehe. Sie bekommen unser bestes Zimmer«, sagte er und hielt mir den Zimmerschlüssel mit gespreizten Fingern hin.

»Vielen Dank«, sagte ich lächelnd.

Ich hatte dasselbe Zimmer bestellt wie im Vorjahr. Es war geräumig, modern eingerichtet und bot eine fantastische Aussicht. Nachdem ich die schweren Vorhänge der Balkontür zur Seite gezogen hatte, öffnete ich die Flügeltüren zu einem traumhaften Ausblick, der bis zur See reichte. Weiß getünchte Häuser, enge Gassen und kunstgeschmiedete Straßenlaternen harmonierten zu einem romantischen Bild. Über den nassen roten Dächern hinweg sah ich auf das Meer mit seiner Brandung, die zu dieser Jahreszeit besonders geräuschvoll ertönte. Darüber hing der schiefergraue Himmel, der selten aufriss, um wärmende Sonnenstrahlen durchzulassen. Genau so hatte ich diese kleine Stadt in Erinnerung.

Während ich in einem bequemen Ohrensessel saß und die Nachrichten auf meinem iPhone abrief, meldeten der Vibrationsalarm und das Display gleichzeitig einen eingehenden Anruf an. Es war Hellen, sie rief aus München an und wollte wissen, wie es mir ging und ob ich einen guten Flug gehabt hatte. Wir unterhielten uns anschließend recht lang über ihre Fotoausstellung. Gegen Ende des Gesprächs ging ein weiterer Anruf ein. Es war Fernando de Vega, dessen Name auf dem Display stand. Ich erklärte es Hellen kurz und schaltete zum Comisario um.

»Fernando?«

»¿Cómo estas Diego?«, fragte er erfreut.

»¡Bien!«, gab ich zurück.

»¿Hombre (Mann), wie war deine Reise?«

»Gut, danke. Du, ich telefoniere gerade und ...«

»Jaja, ich hab‘s tuten gehört«, unterbrach er mich. »Ich wollte dir nur sagen, das ich um sieben in der Sidrería (Apfelweinbar) bin. Kommst du? Wir müssen Wiedersehen feiern!«

»Natürlich, gern.«

»Mit wem telefonierst du?«

»Mit meiner Frau.«

»¡La hostia!« (Oh, Scheiße!), sagte er prompt als Entschuldigung. »Bestell viele Grüße. Wir treffen uns um sieben.«

»Ja, bis später.«

Das Gespräch war beendet und ich schaltete zurück zu Hellen.

»Hellen?«

»Ja, ich bin noch dran.«

»Viele Grüße von Fernando.«

»Danke.«

»Er freut sich sehr, mich wiederzusehen, und hat mich gleich in die Bar eingeladen.«

»Das ist aber schön. Macht euch einen schönen Abend.«

»Das werden wir.«

»So, ich muss jetzt Schluss machen. Meine Gäste warten.«

»Natürlich. Weiterhin viel Erfolg. Ich hole dich am Freitag vom Flughafen in Santander ab.«

Zur Bar war es nicht weit. Die Kleinstadt mit gerade einmal 6500 Einwohner war übersichtlich geblieben. Ich zog den Hut tiefer ins Gesicht und den Kragen meines Trenchcoats hoch. Sprühregen wehte mir ins Gesicht. Das Licht der schmiedeeisernen Laternen machte deutlich sichtbar, wie der feine Regen in der Luft tanzte. In den Straßen regte sich sehr wenig und die Plaza, auf der sonst die Kinder spielten, war menschenleer. Die Bar lag an der Calle San Fermín und nur drei Straßen vom Hotel entfernt. Die Sidrería, eine typisch nordspanische Apfelweinbar, strahlte von Weitem mit ihrer Werbebeleuchtung.

Als ich die Tür öffnete, kam mir ein Schwall von Wärme und gut gelaunter Stimmung entgegen. Im Hintergrund ertönten die Klänge einer spanischen Gitarre. Eine eindeutige Atmosphäre in einer Sidrería in Asturien. Der Comisario stand am Tresen und winkte mich sogleich zu sich. Er begutachtete mich, reichte mir die Hand und klopfte mir dann auf die Schulter.

»Diego, du wirst einfach nicht älter!«, sagte er grinsend.

Ich kannte seine überschwängliche Art.

»Du siehst aber auch gut aus«, gab ich zurück.

»Mach keine Witze«, winkte er ab ... »Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?«

»Ich denke, fünfzehn Monate.«

»¡Joder! (Verdammt!) Wie die Zeit vergeht.«

»Das stimmt. Wie geht es dir Fernando?«

»Mucho trabajo y poco dinero« (Viel Arbeit und wenig Geld), sagte er scherzend. »Aber sonst geht´s mir gut.«

»Das freut mich.«

Der Comisario bestellte zwei Sidra.

Aus einer Höhe von etwa einem Meter schenkte der Barmann den Apfelwein in das tief gehaltene Glas ein. Das meiste fiel schäumend ins Glas, etwas spritzte jedoch daneben, weswegen Sägemehl auf den Boden gestreut war. Wir bekamen Sidra und Tapas aus Oliven, spanischer Tortilla und Chorizo.

»¡Salud!«, prostete der Comisario mir zu.

»¡Salud!«

Wir stießen an und ließen uns den würzig-kräftigen Apfelwein schmecken. Dazu nahmen wir etwas von den Tapas.

»Schmeckt sehr gut«, sagte ich. ... »Arbeitest du wieder an einem interessanten Fall?«

»Diego, fang nicht so an.«

»Wieso?«

»Du weißt schon warum. Der Fall Verono letztes Jahr hat genug Ärger gemacht. Jetzt bist du hier, um zur Hochzeit von Mateos Tochter zu gehen, und sonst nichts«, antwortete er ernsthaft.

»Aber ...«

»¡Hostias! (Verdammt!), fluchte er. »Diego, du weißt, dass die ganze Scheiße gefährlich war und ein Privat ... ähh, ein Privati ...«

»Meinst du Privatier?«

»Ein Privatmann wie du, hat sich bei einem Mordfall rauszuhalten!«

3

In den Klippen

Am Frühstückstisch las ich die Zeitung, und mit besonderem Interesse die Wettervorhersage. Der Regen sollte eine Pause einlegen, hieß es darin. Der Blick aus dem Fenster bestätigte die Vorhersage. Es war trocken und die Wolken ließen inzwischen mehr Sonnenstrahlen durch. Trotzdem war es kalt. Ich trug warme wetterfeste Kleidung und machte mich auf den Weg zu einem Spatziergang.

Zunächst besuchte ich das Café Carmen. Es hätte auch Café Rojo (Rotes Café)heißen können, denn die Einrichtung war durchgehend in Rot gehalten. Angefangen bei den Tischen und Stühlen, den Rahmen der großen Pop Art Bildern bis zum Geschirr, welches aus rotglänzender Keramik bestand. Sofort stieg mir der aromatische Kaffeeduft in die Nase. Die leise Lounge Musik bot, gemeinsam mit der angenehmen Wärme, eine behagliche und entspannte Atmosphäre. Mein Blick schwenkte sofort wieder zur gut gefüllten Kuchenvitrine. Diese hatte mich schon immer magisch angezogen.

»¡Señor Lessemaan!«, rief eine weibliche Stimme begeistert hinter mir.

Ich drehte mich um und sah Carmen, wie sie schick gekleidet und mit hochtoupiertem Haar mir entgegenkam. Die kleine untersetzte Dame über sechzig sah mich freudestrahlend an.

»¡Buenos días!«, sagte ich und streckte ihr die Hand entgegen.

Sie hingegen begrüßte mich mit einer herzlichen Umarmung. »¡Buenos dias! Schön, dass Sie wieder da sind!«

»Danke! Ich bin ...«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte sie aufgeregt. »Es ist wegen der Hochzeit von Ana-María und Víctor, nicht wahr?«

Ich dachte mir schon, dass sich die Dinge in Ribadés schnell herumsprachen.

»Und Sie sind extra aus Alemania hergekommen«, fuhr sie fort.

»Ja, ich komme gern nach Ribadés, um meine ehemaligen Freunde wiederzusehen. Sie erinnern sich, wie ich sie im letzten Jahr wiedergefunden habe?«

Carmen nickte. Sie hatte es direkt miterlebt, da das Wiedersehen in ihrem Café stattgefunden hatte.

»Tja, ist nur dumm, dass sie im November heiraten muss – bei so einem Regenwetter«, sagte sie und rieb die Hände aneinander. »¡Es un tiempo asqueroso!«, (Es ist ein scheußliches Wetter!).

»Ja«, stimmte ich lächelnd zu. »Obwohl mir dieses Herbstwetter auch gefällt. Es erinnert mich an meine Kindheit.«

»Jaja, wie die Zeit vergeht«, kommentierte sie mit einem melancholischen Blick. ... Dann wurde sie wieder aufmerksam. »Möchten Sie einen Café con leche?«

Ein frischer Wind wehte über die Plaza, die ich kreuzte. Mein Weg führte später zum Kai, an dem die bunten Fischerboote anlegten. Wegen des unruhigen Seegangs, tanzten sie wellenförmig auf und ab und stießen mit den Gummireifen, die als Puffer an der Bordwand befestigt waren, gegen die Kaimauer. Die Wolken lockerten immer mehr auf. Ich kam an der sogenannten Rula vorbei, der Fischauktionshalle, in der der fangfrische Fisch lautstark versteigert wurde. Anschließend ging ich die Kaipromenade entlang, die am Fuße eines niedrigen Bergrückens, welcher Ribadés vor dem Atlantik schützt, endet. Der Weg hinauf führte über einen engen und serpentinenhaften Pfad.

Oben angekommen, wehte mir ein kalter Wind entgegen, so dass ich den Hut tiefer ins Gesicht zog und den Reißverschluss meiner warmen Regenjacke bis hoch zum Kragen schloss. Ich stand auf dem höchsten Punkt von Ribadés. Von dort bot sich mir eine weite Rundumsicht. Der schiefergraue, wolkenverhangene Himmel schien in den ebenso grauen und stürmischen Wassermassen des Atlantik überzugehen, sodass der Horizont schwer auszumachen war. Ich zog ein kleines ausziehbares Fernrohr aus der Tasche und betrachtete die weit draußen fahrenden Schiffe. Mein Weg führte anschließend an zwei gusseisernen Kanonen auf Rädern vorbei, die zum Flussdelta hin ausgerichtet waren und vor Jahrhunderten, die Verteidigung der Stadt übernommen haben mussten. Ein paar Schritte weiter kam ich zur Ermita, einer kleinen und sehr schönen Kapelle. Von dieser Stelle aus hatte ich zur Rechten einen weitläufigen und ruhigen Blick über die gesamte Stadt, zur Linken aber, fiel es gefährlich steil zum wütenden Meer hinab. Die basaltgrauen Klippen mit ihren scharfen Kanten wurden von hohen und stürmischen Wellen des Atlantik unaufhörlich ausgepeitscht. Der Wind trieb die Gischt ein beträchtliches Stück bergauf. Ein vehementes Naturschauspiel zeigte sich mir. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einen Artikel über ›Storm Watching‹ gelesen, das Beobachten der Naturgewalten von einem sicheren Standort aus. Bei diesem Anblick konnte ich es nachvollziehen.

Weiterhin verlief der Weg leicht abschüssig den Berg hinunter. Wegen des Windes hielt ich meinen Kopf nach unten geneigt und musste den Hut von Zeit zu Zeit festhalten. Ein Jogger kam mir von Weitem entgegen, bis ich erkannte, dass es sich um eine Frau handelte. Sie trug eng anliegende pfirsichfarbene Sportkleidung, die ihre attraktive Figur in besonderem Maße betonte. Die Wollmütze, mit der sie ihren Kopf wärmte, und ihre Laufschuhe waren ebenso pfirsichfarbig. Ihr Busen wippte bei jedem Laufschritt ausgelassen auf und ab. Als sie an mir vorbeilief, grüßte sie mit einem Kopfnicken, ja sogar mit einem Lächeln. Daraufhin lüftete ich den Hut. Diese entzückende Dame Mitte dreißig war durchgängig sexy gekleidet. Mein Blick blieb schließlich an ihrem festen kurvigen Po haften, der sich mit dem Laufrhythmus elegant hin- und herbewegte. Als sie plötzlich ihren Kopf nach mir umdrehte, reckte ich meinen reflexartig nach oben, um mir keine Blöße zu geben. Der Wind fand in diesem Moment genügend Angriffsfläche an der Krempe und blies mir den Hut vom Kopf. Sofort lief ich ihm hinterher und versuchte ihn zu ergreifen. Leider war der Hut schneller als ich. Mit einem Mal überholte mich die Joggerin und jagte dem Hut nach. Wegen der unberechenbaren Böen aber, konnte sie ihn nicht fassen, bis er schließlich über den Wegesrand zu den Klippen hinunter wirbelte.

»¡Señor Lesemann!«, rief sie überrascht und freute sich, mich wiederzusehen.

Als wir uns gegenüber standen, erkannte ich sie. Es war Lola, die charmante Assistentin vom Comisario. Sie war ungemein sexy und die Einzige in ganz Ribadés, die meinen Namen korrekt aussprechen konnte. Außerdem war sie ausgebildet im Personenschutz, was mit Sicherheit das Lauftraining bei diesem Wetter erklärte.

»Ich wusste gar nicht, dass sie wieder in Ribadés sind«, gab sie überrascht von sich, wobei sie wegen des Windes, laut sprechen musste.

»¡Buenos días, Señorita Lola!«, begrüßte ich sie mit gehobener Stimme. »Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen.«

»¡Buenos días!«, sagte sie, holte Luft und reichte mir charmant ihre Hand.

»Mein ehemaliger Schulfreund Mateo Rey hat mich zur Hochzeit seiner Tochter Ana-María eingeladen.«

»Ich verstehe. Herr Lesemann, Sie sehen wieder sehr elegant aus. Sie wissen ja, dass ich große Männer mit Hut mag.«

Vor fünfzehn Monaten hatte sie mir dasselbe Kompliment im Kommissariat gemacht.

»Ach ja, mein Hut«, rief ich laut aus und ging zum Wegesrand, um nach ihm zu sehen.

»Der liegt jetzt unten in den Klippen.«