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Der zweite Band der Cosy-Krimi-Reihe von Orlando Murrin rund um Chefkoch und Amateurdetektiv Paul Delamare – der sich der Tätersuche mit demselben Elan widmet wie dem kulinarischen Genuss. Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist ... mörderisch! Zum hundertsten Mal, ich wünschte, ich wäre nie mitgekommen. Es klang nach einer fabelhaften Idee – eine Atlantikkreuzfahrt, all inclusive, gemeinsam mit meiner lieben, treuen Freundin Xéra. Doch als ich an Bord ging, wusste ich, es war ein Fehler. »Ein Riesenspaß, geschrieben mit großem Elan.« Daily Mail Paul Delamare begleitet eine alte Freundin an Bord eines Luxuskreuzfahrtschiffs mit Kurs in die Karibik. Doch statt wohltuender Stunden auf See, ist es um Ruhe und Erholung schnell geschehen: Eine teure Halskette wird gestohlen! Während Paul versucht, dem Rätsel um die verschwundene Kette auf den Grund zu gehen, zieht ein Sturm über dem Atlantik auf und bringt die Yacht vom Kurs ab. Und wäre das nicht Aufregung genug, gibt es eine Leiche zum Dessert! Noch dazu in besonders unwürdigen Umständen: inmitten einer Lache aus Kaffee und Kuchenbrösel. Die Gemüter sind erhitzt, die Wellen der Empörung schlagen hoch. Wer unter ihnen ist ein Mörder – und auf wen hat er es als Nächstes abgesehen? Tod unter Deck ist ein herrlich charmanter britischer Cosy Krimi, der mit Humor und Urlaubsflair punktet. Ein klassischer Whodunit aus England zum Miträtseln – sowohl an Land, als auch auf hoher See zu genießen. »Ein unterhaltsamer, temporeicher Rätselkrimi! Das Setting der Luxusyacht ist unwiderstehlich, und die Schreibe ist so fesselnd, dass die Wellen mich regelrecht ins Schaukeln gebracht haben! Ich war überwältigt von der lebhaften Darstellung der glamourösen, skurrilen und überraschend düsteren Welt der Schönen und Reichen.« Jessica Bull, Autorin der Miss Austen ermittelt-Krimis
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2025
Orlando Murrin
Eine mörderische Kreuzfahrt
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Kristina Koblischke
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eine Luxusjacht auf dem Weg in die Karibik, ein aufziehender Sturm und eine Leiche zur Tea Time
Paul Delamare, Koch und Food Writer für ein Lifestyle-Magazin, begleitet eine Freundin an Bord eines Luxuskreuzfahrtschiffs mit Kurs in die Karibik. Doch statt wohltuender Stunden auf See ist es um Ruhe und Erholung schnell geschehen: Eine Halskette verschwindet, dann zieht über dem Atlantik ein Sturm auf, der die Jacht vom Kurs abbringt, und wäre das nicht Aufregung genug, gibt es auch noch eine Leiche zum Dessert!
Die Gemüter sind erhitzt, die Wellen der Empörung schlagen hoch. Wer ist der Mörder – und auf wen hat er es als Nächstes abgesehen?
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Ansichten und Lagepläne der Jacht
Schiffsmanifest
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Zehn Wochen später
Anmerkungen des Autors
Danksagung
Schiffsmanifest
Hafenbehörde London, Ablegeformular
Name Jacht: M/Y Maldemer
Liegeplatz: Tower Millennium Pier, Tower Bridge, London
Datum: Sonntag, 06.10.2024
Zielhafen: St Boniface, bei Anguilla, Karibische Inseln
NAME
BERUF
STAATSANGEHÖRIGKEIT
WOHNORT
Sir Billy Hardcastle und Lady Hardcastle (Xéra de Sully)
CEO
und seine Ehefrau
GB
Frankreich
Belgravia London, SW1
Mrs Marje Mayham
CEO, MM Filmagentur
GB/USA
Sunset Blvd, LA, USA
Mr Blue Aspray
Vorstandsassistenz Mrs Mayham
USA
Elm St., LA, USA
Mr Shane Hudson und Mrs Elise Hardcastle-Hudson
Führungskräfte-Coach
Innenarchitektin
GB
Knightsbridge, London, SW1
Mr Russell Tate und Mrs Judith Tate
Finanzberater und seine Ehefrau
GB
Hurley, Bucks
Ms Karol-Kate Bunting-Jones
Hundesitterin
GB
Isleworth, Middlesex
Mr Paul Delamere
Koch/Food-Writer
GB
Belgravia, London, SW1
RANG
NAME
STAATSANGEHÖRIGKEIT
Kapitän
ROMER
EU
1. Offizierin
ADNEY, Aimee
Barbados
Chefstewardess
ROGERS, Challis
Australien
Küche
(N.N.)
(über Agentur: Elite Yacht Chefs, London, E1)
Zum hundertsten Mal wünsche ich mir, ich hätte mich nie darauf eingelassen. Es klang nach einer hervorragenden Idee – eine Atlantik-Kreuzfahrt, volle Kostenübernahme –, und natürlich verbringe ich gerne Zeit mit Xéra, meiner lieben, wunderbaren Freundin. Aber schon als ich den ersten Fuß an Bord setzte, wurde mir klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Weder verfüge ich über die angemessene Garderobe noch über die richtigen Gesprächsthemen oder auch nur über die richtige Einstellung für eine Superjacht. Und was meine Mitreisenden angeht – sie sind nicht unbedingt mein Menschenschlag. Überhaupt nicht.
Wahrscheinlich hilft es auch nicht, dass sie alle wissen, dass ich erst in letzter Minute auf die Gästeliste gerutscht bin, eingeladen von Xéra, aus, seien wir ehrlich, einer Laune heraus. Die offizielle Version lautet, dass ich sie bei ihrem derzeitigen Projekt unterstütze, aber ich vermute, sie hatte einfach das Bedürfnis nach einem Verbündeten, einem vertrauten, freundlichen Gesicht. Die anderen Mitreisenden gehören alle zur Familie ihres neuen Mannes, inklusive mehrerer gesellschaftlicher Anhängsel.
Die Hochzeit war eine kleines High Society Event – ich war nicht eingeladen –, und ich bin mir noch nicht sicher, was ich von Sir Billy halten soll. Noch dazu handelt es sich bei besagtem Projekt um eine Denkschrift von Xéras Familienunternehmen, was normalerweise auch nicht mein Metier ist. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Food-Writer. Rezepte für den Guy Fawkes Day oder eine Anleitung für den Schmetterlingsschnitt von Hühnchen wären vertrauteres Terrain. Andererseits ist es ihr ein echtes Anliegen, und ein großes Verlagshaus hat bereits Interesse angemeldet. Wir schweigen über den großzügigen Vorschuss für mich. Dieser wird offenbar von Billy gezahlt (Xéra spricht es sehr charmant als Bee-yee, mit französischem Akzent), auch wenn ich bislang noch keinen Penny zu Gesicht bekommen habe.
Nervös ziehe ich mich an und schaue dabei alle paar Sekunden auf die Uhr. Ich will nicht als Erster zum Abendessen erscheinen, sonst sieht es so aus, als sei ich nur heiß auf die Drinks, aber ich will auch nicht zu spät kommen und alle Blicke auf mich ziehen (so wie gestern). Vor allem nicht, weil ich dieselben Kleider trage wie am Vorabend, während die anderen sich vermutlich alle aufgetakelt haben.
Ohne die Katastrophe zu Hause wäre ich gar nicht hier. Mein Haus stand unter Wasser, und die Versicherung hat diese riesigen Trocknungsgeräte aufstellen lassen, die Tag und Nacht ohne Unterlass vor sich hin dröhnen.
Als Xéra davon hörte, hat sie sofort angerufen. Ob ich nicht Lust hätte, sie und ihren Mann auf einer Privatkreuzfahrt in die Karibik zu begleiten – eine Art Hochzeitsreise, zusammen mit ein paar engen Freunden? Sie würden mir eine hübsche kleine Kabine reservieren, und wir könnten uns ohne viel Ablenkung dem Schreiben widmen.
Normalerweise hätte mich die Vorstellung mit Entsetzen erfüllt – eingesperrt mit einer Bootsladung eingebildeter Oberschicht –, aber in dieser Situation erschien ihr Angebot mir wie die Antwort auf meine Gebete. Außerdem sagte Julie – meine beste Freundin und Kollegin bei der Escape –, ich sei verrückt, so eine Einladung abzulehnen. Ich vertraue ihrem Urteil. Also treibe ich jetzt auf der Motorjacht Maldemer vor der Küste Cornwalls und wünsche mir nichts mehr, als irgendwo anders zu sein.
Jedenfalls wenn Xéra nicht wäre. Gesellschaftlich betrachtet sind wir so verschieden wie Tag und Nacht: sie eine Pariser VIP, die man normalerweise auf den Klatschseiten der HELLO!, auf den Pisten in Aspen oder bei der Eröffnung des neuesten Mayfair-Restaurants antrifft, während ich mich mühsam mit schlecht bezahlten Zeitschriftenjobs über Wasser halte und es gerade so schaffe, über die Runden zu kommen.
Trotzdem verbindet uns eine lange und liebevolle Freundschaft. Sie ist eine alte Freundin von Marcus, meinem verstorbenen Partner. Außerdem war sie der erste Mensch seines Freundeskreises, dem er mich vorgestellt hat. Er war Anwalt und sie ursprünglich seine Klientin. Als ich in Marcus’ zuvor heterosexuelles Leben geplatzt bin, wurde die Neuigkeit allgemein eher mit peinlichem Schweigen, sozialer Kälte oder – viel, viel schlimmer – glühenden Regenbogensolidaritätserklärungen aufgenommen. Xéra dagegen begrüßte mich schlicht mit einem Achselzucken und einem Lächeln und hielt mir freundschaftlich die Hand hin. Sie war so warm wie ihr Herz und perfekt manikürt.
Seit Marcus’ Tod vor einem Jahr und elf Monaten hat sie den Kontakt treu aufrechterhalten, oft angerufen und umsichtige Karten geschickt. Und jedes Mal, wenn wir uns treffen, besteht sie darauf, mir ein erlesenes, teures Geschenk zu überreichen. Als ich gestern Abend in meiner Kabine eintraf, fand ich eine kleine, mit Schleife versehene, orangefarbene Schachtel vor, die eine Trillerpfeife an einem Lederband enthielt – achtzehn Karat Gold, von Hermès.
Als ich mich bei ihr bedankte, sagte Xéra, sie sei »zum Taxi rufen«. Wahrscheinlich hat sie mehr gekostet als meine monatliche Honorarpauschale der Escape. Der Tonlage nach ist sie auch eher zum Abrufen von Jagdhunden gedacht.
Ein Ping meines Laptops reißt mich aus meinen Tagträumen. Seit wir gestern Nachmittag abgelegt haben, ist das WLAN frustrierend unzuverlässig, aber jetzt blinkt meine Inbox. Ich weiß sofort, von dem die Nachricht sein muss, weil ich für die Reise eine eigene E-Mail-Adresse angelegt habe, die nur eine einzige Person kennt: Julie. Sofort erfüllt mich ein warmes Gefühl der Zuneigung.
Ich öffne die Nachricht und sehe das Bild einer Tarotkarte (ihre neueste Besessenheit), gefolgt von einer Reihe Fragezeichen. Schuldbewusst erinnere ich mich daran, dass ich ihr einen vollständigen Bericht versprochen hatte, sobald wir abgelegt haben, und tippe eine schnelle Antwort. Dabei bemühe ich mich, fröhlicher zu klingen, als ich mich tatsächlich fühle.
Von: Paul Delamare/An Bord der M/Y Maldemer
Montag, 19:21Uhr
Betreff: Sorry!
An: Julie Johnson
48°08'06.0"N 10°50'51.9"W (ungefähr 320 Seemeilen westlich der Scilly-Inseln)
Hi Julie,
hier geht es drunter und drüber, und ich muss mich auch gleich schon wieder entschuldigen – mir bleiben noch genau sechs Minuten, bis ich zum Abendessen erscheinen muss.
Vielen Dank für die Verabschiedung am Pier – dein nautisches Outfit war perfekt! Ich wünschte, du wärst dabei gewesen, als sich die Tower Bridge für uns geöffnet hat und wir hindurchgefahren sind. Das war sogar im strömenden Regen unvergesslich. Die Jacht! Keine Fotos erlaubt … aber sie ist unglaublich. Ich habe noch keine Führung bekommen, aber alles ist voller Baccarat-Kronleuchter, Marmortreppen und unbezahlbarer Kunst, einschließlich eines echten Mirós im Speisesalon.
Xéra ist wie immer ein Engel, und es ist wunderbar, sie um sich zu haben. Ich wünschte, du könntest die umwerfende Halskette sehen, die ihr frischgebackener Ehemann ihr geschenkt hat. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich von Sir Billy halten soll. Er scheint mir etwas, na ja, ungehobelt.
Alle Gästekabinen sind belegt, also ist mir ein Schlafplatz im Crewbereich zugewiesen worden. Ein bisschen eng, aber gut für die Gerüchteküche unter Deck. Die Stimmung in der Crew ist nicht gerade gut – sie jammern, dass die Fahrt so kurzfristig gebucht wurde und sie furchtbar unterbesetzt seien. Aber keine Sorge, ich biete nicht an, mit anzufassen. Bei dieser Reise bleibe ich streng auf der anderen Seite der Servicetür.
Eine kleinere Katastrophe ist, dass beim Übersetzen auf die Jacht meine Reisetasche ins Wasser gefallen ist. Sie haben es geschafft, sie wieder rauszufischen, bevor sie untergegangen ist, aber natürlich war alles völlig durchnässt. Ich warte immer noch darauf, dass meine Sachen aus der Wäscherei zurückkommen.
Abgesehen davon bin ich hier absolut sorgenfrei. Vierzehn glorreiche Tage Meer und Sonnenschein in Xéras reizender Gesellschaft … Es wird ein solcher Genuss! Danke, dass du mich überredet hast, die Einladung anzunehmen.
Alles Liebe,
Paul
PS: Ich nehme an, die Karte des Gehängten ist die Strafe dafür, dass ich dich hab hängen lassen?
Das Dinner wird heute am Platz serviert, und ich finde mich ganz am Ende des Tisches wieder. In mir steigt der Verdacht auf, dass ich nicht nur als moralische Unterstützung für Xéra eingeladen wurde, sondern auch, um die Gästezahl auszugleichen. Zudem ist die junge Dame zu meiner Rechten, deren Platzkarte den Schriftzug »Karol-Kate« trägt, nicht wirklich Teil der geladenen Gesellschaft, sondern eine Hundesitterin, die nur an Bord ist, um sich um das kleine flauschige Tier zu kümmern, das neben ihrem Stuhl sitzt.
»Bichon Frisé?«, frage ich. Sie grunzt bestätigend.
Ich mag keine verwöhnten Hunde – auch wenn es ihnen gegenüber nicht fair ist – und bemerke anerkennend, dass dieser hier keine Reste vom Tisch bekommt. Sein Name ist Colefax. Zwischen den Gängen verlassen die beiden den Speisesaal für eine Toilettenpause. Zumindest vermute ich das, da bei ihrer Rückkehr aus der Tasche der Hundesitterin die Ecke eines schwarzen Hundekotbeutels ragt. Igitt!
Ich folge den Unterhaltungen am Tisch – nicht besonders schwer, da alle mit erhobener Stimme reden – und werfe, so gut ich kann, Kommentare ein. Irgendjemand macht eine abfällige Bemerkung über den Lachs – der, man kann es nicht leugnen, tragisch übergart ist –, und ich schlage großmütig vor, wir sollten der Küche ein, zwei Tage zugestehen. Es ist immer eine Herausforderung, mit unbekannten Geräten zu kochen. Die anschließende Zitronentarte sieht vertraut aus – die Edelmarke von Marks and Spencers, wenn ich mich nicht irre –, dann, zum Abschluss, eine überraschend anständige Käseplatte. Nachdem die verputzt ist – die Männer säbeln sich unansehnliche Stücke herunter, ohne darauf zu achten, wie guter Käse eigentlich geschnitten werden sollte –, beobachte ich, wie Sir Billy Xéra etwas zuflüstert, woraufhin sie verschwindet.
In seinem Gebaren liegt etwas Herrisches – er wirkt wie ein Mann, der es gewohnt ist, andere Menschen herumzukommandieren. Kaum dass Xéra verschwunden ist, steht er abrupt auf und marschiert in den angrenzenden Salon, in dessen blumigem Interieur man uns in zarten vergoldeten Tassen Kaffee serviert.
Das Geplauder geht weiter. Man merkt, dass sich alle gerne verabschieden und ins Bett gehen würden, aber in Gesellschaft von Mitgliedern des Königshauses wäre das unhöflich, bevor nicht Gastgeber und Gastgeberin das Signal dazu geben. Mit gelockertem Hemdkragen sieht Sir Billy sich immer wieder um. Offensichtlich wartet er ungeduldig auf die Rückkehr seiner Ehefrau.
Eine Minute darauf vernehmen wir einen fernen Schrei. Mir ist schon aufgefallen, dass eine gecharterte Superjacht nicht so leise und diskret ist, wie man vermuten würde, aber das hier klingt nicht nach dem Schrecken darüber, dass es kein Light-Tonic an Bord gibt oder der Lieblingslippenstift verschwunden ist. Es ist ein Schrei aufrichtigen Entsetzens.
Die Gäste entscheiden sich trotzdem vorerst, ihn zu ignorieren, und setzen ihre Unterhaltung fort. Aber dann erklingt ein zweiter Schrei. Jetzt senkt sich Stille über den Raum, und wir sehen einander alarmiert an. Sir Billy springt auf, als Xéra durch den Türrahmen platzt.
»Mon dieu! Zu Hilfe!« Die Kristalle des Kronleuchters klirren misstönend, als sie durch den Raum taumelt: aschfahl, das glänzend schwarze Haar in wirren Strähnen. »C’est disparue! Wo ist sie hin?« Sie hält eine korallenrote Schmuckschachtel aus Veloursleder hoch, schüttelt sie theatralisch und lässt sie, unter Tränen schluchzend, zu Boden fallen.
Ich weiß, was in dieser Schachtel sein sollte, weil sie es mir vor nur ein paar Stunden gezeigt hat: ihr Hochzeitsgeschenk von Sir Billy – eine antike Halskette, bekannt als der Schatz von De Lage.
Ich springe auf, um sie zu trösten, werde aber sofort von Sir Billy abgedrängt, der mit violettem Gesicht auf sie zustürmt.
»Was zum Teufel?«, dröhnt er und ergreift sie am Arm. »Wo ist sie hin?«
Mit stummem Flehen sieht sie den Kreis ihrer Gäste an – die in erstauntem Schweigen dasitzen, als wären sie plötzlich zu Stein erstarrt. Sie legt eine Hand auf ihr Herz: »Heute Nachmittag war sie noch da, chéri – ich habe sie Paul gezeigt, in meinem Ankleidezimmer.«
Sir Billy wirft mir einen giftigen Blick zu und fährt dann mit tiefer Stimme und drohendem Unterton fort: »Sag mir, dass du sie zurück in den Safe gelegt hast, Darling, so wie wir es besprochen hatten.«
Auch wenn ihre Verkündung besorgtes Gemurmel hervorgerufen hat, sehen meine Mitreisenden überraschend unbewegt aus. Zweifellos der Botoxeffekt, diese Geißel der hochgezogenen Brauen und erschrocken aufgerissenen Augen. Nicht jedoch bei Xéra, die plötzlich zehn Jahre gealtert scheint. Neben dem Schreck des Verlustes spiegelt sich noch etwas anderes in ihren Augen: Könnte es Angst sein?
»Nun gut«, knurrt Sir Billy und lässt den Blick langsam durch den Raum schweifen. »Diese Halskette taucht wieder auf, und wenn wir die Jacht in Stücke schlagen müssen. Wenn ich herausbekomme, wer sie gestohlen hat …« Sein Blick landet unmissverständlich auf mir. »Werde ich ihn kielholen lassen.«
Über die Sprechanlage wird der Kapitän gerufen, und eine Minute später schreitet er mit der Chefstewardess im Schlepptau und einem geübten Schwenk seines glänzenden schwarzen Haares in den Raum.
»Bitte erklären Sie das Geschehnis«, sagt er mit ruhiger Autorität trotz seines etwas hölzernen Englischs. Seine Kollegin, ein auffälliger Rotschopf, deren Brusttasche mit dem Schriftzug Challis – Chief Stewardess bestickt ist, hebt die leere Schmuckschachtel auf und zeigt sie ihm.
»Die Halskette der Madame?«, fragt der Kapitän mit einem Stirnrunzeln und einem weiteren Schwenk seines Haares. »Wann ist das passiert?«
»Ich habe sie Paul heute Nachmittag gezeigt, als gerade der Tee serviert wurde, Kapitän Romer«, stammelt Xéra. Alle Augen richten sich anklagend auf mich – einschließlich der schwarzen Knopfaugen des Bichon Frisé auf dem Schoß der Hundesitterin. »Dann habe ich sie in die oberste Schublade meiner Frisierkommode gelegt – da war sie, als wir zum Abendessen gegangen sind.«
»Der erste Ort, an dem ein Dieb nachsehen würde«, wirft Sir Billy ein.
Xéra ignoriert ihn. »Alle wollten sie sehen, und ich hatte vor, sie nach dem Abendessen vorzuführen.«
»In der Kabine gab es keinerlei Anzeichen einer Durchsuchung«, protestiert Challis mit breitem australischem Akzent. »Ehrenwort – jedenfalls nicht, als ich vor einer Stunde drinnen war.«
»Was haben Sie dort getrieben?«, blafft Sir Billy.
»Ich habe das Bett aufgeschlagen.«
»Mitten während des Abendessens?«
»Wann soll ich es denn sonst tun?«, gibt sie zurück. Ihre glasgrünen Augen blitzen auf. Dann besinnt sie sich ihrer Stellung. »Wenn immer es eine Pause gibt – zum Beispiel, wenn Sie alle beim Essen sitzen –, kümmere ich mich um die Kabinen.«
»Unsere war wohl abgeschlossen?«
»Selbstverständlich. Ich habe sie mit meiner General-«
Der Kapitän hebt eine Hand und stellt einen auffälligen Klumpen Tantal und Gun Metal an seinem Handgelenk zur Schau. Eine Urwerk – wie viel verdient ein Superjachtkapitän, um Himmels willen? »Ich ordne hiermit eine sofortige Durchsuchung der Jacht an. Wir sind kein großes Schiff und werden nicht nachlassen. Bei Bedarf die ganze Nacht, ohne Unterlass, bis das Schmuckstück gefunden wird.«
»Was ist mit der Polizei?«, fragt Sir Billy. »Diese Angelegenheit muss genau nach Vorschrift behandelt werden. Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen.«
»Wenn Sie die britische Polizei meinen, Sir, wir befahren derzeit internationales Gewässer. Natürlich kann die Maldemer zum Hafen zurückkehren, sollten Sie dies wünschen. Der nächstgelegene –«
»Worauf er eigentlich hinauswill, ist, dass wir uns nicht unter britischer Jurisdiktion befinden«, unterbricht ihn eine wichtigtuerische männliche Stimme – Sir Billys Finanzberater, Russell. Er hat etwas Abstoßendes an sich mit seinem überhängenden Bauch, der teigigen Gesichtsfarbe und der schmierigen randlosen Brille. »Außerdem sind wir auf einem Billigflaggenschiff unterwegs, was die Sache noch komplizierter macht.«
»Wenn du dir da sicher bist«, sagt Sir Billy, »dann müssen wir gründlich sein. Die Suche soll sofort beginnen. Sie gehen voraus, Kapitän, und Russell und ich folgen Ihnen und machen dabei Notizen. Ich möchte nicht, dass jemand sagen kann, das Boot wurde nicht von oben bis unten durchforstet.«
»Sollen die Gästekabinen ebenfalls untersucht werden, Sir?«, fragt Challis.
»Die durchsuchen wir zuallererst«, erwidert Sir Billy mit einem offensichtlichen Blick in meine Richtung. »Bis wir diese verfluchte Halskette gefunden haben, geht hier niemand ins Bett.«
Der Suchtrupp stürmt davon, Sir Billy vorneweg. Die anderen bleiben zurück, um sich um Xéras aufgerüttelten Gemütszustand zu kümmern. Vom Honeymoon-Spirit ist nicht mehr viel übrig.
Ich trete an die Bar, suche eine Flasche Rémy Martin Lois XIII Age Inconnu aus und gieße Xéra ein Glas ein. Unter normalen Umständen würde ich mich ihr anschließen – exotische Cognacsorten sind genau mein Ding –, aber im Moment ist es wohl besser, einen wachen Verstand zu behalten.
Bestohlen zu werden ist einer der Nachteile des Reichtums, und es ist beileibe nicht das erste Mal für Xéra: In den fünfzehn Jahren unserer Bekanntschaft wurde ihr bereits in Barcelona die Handtasche entwendet, in Monaco ist ein brandneuer Mini verschwunden, und in der Tiefgarage unter ihrem Wohnkomplex in der Avenue Foch wurde sie sogar einmal mit einer Pistole bedroht. Aber etwas so Unbezahlbares und historisch Wertvolles wie den Schatz von De Lage zu verlieren, spielt in einer anderen Liga.
»Dieser riesige rosa Diamant«, sagt Sir Billys Tochter mit gedehnter Stimme, während sie sich aufs Sofa fallen lässt. Elise ist aschblond und Anfang dreißig, mit cremeweißem Teint und kühlen blauen Augen. Sie nennt sich selbst Innenausstatterin, aber ich kann sie mir nicht dabei vorstellen, wie sie einen Bilderhaken in die Wand nagelt oder auf einer Leiter steht, um Vorhänge aufzuhängen.
»Es ist kein Diamant«, erwidere ich nüchtern. »Es ist ein Padparadscha-Saphir.«
Die anderen starren mich an, aber genau das hat Xéra mir erzählt: ein überaus seltener und exotischer lotus-rosafarbener Saphir aus Sri Lanka.
»Eines dieser Teile, die in ein Museum gehören«, fährt Elise fort und pflückt eine unsichtbare Staubflocke von ihrer Seidenhose. Kaum ein Kommentar, um ihre tief erschütterte Stiefmutter zu trösten, aber es stimmt wohl: Sir Billy hat das Schmuckstück privat über einen dubiosen Mittelsmann gekauft, sehr zum Ärger des Victoria and Albert Museums. Dann fügt sie wie einen nachträglichen Gedanken hinzu: »Aber ich bin mir sicher, er hat ganz wunderbar an dir ausgesehen, liebe Xéra.«
Danach ist Elises Mann Shane an der Reihe. »Heutzutage ist man nirgendwo mehr sicher«, sagt er leicht verwaschen. Shane Hudson ist ein berühmter und gerade in den Ruhestand eingetretener Tennisspieler, den Marcus und ich einst in Wimbledon gesehen haben, wie er (äußerst elegant) verlor. Wie es sich für jemanden geziemt, der sein Leben von Fans bewundert an der frischen Luft verbracht hat, ist er durchtrainiert, sonnengebräunt und selbstbewusst, mit rotblonden Bartstoppeln – jene ungewöhnliche Farbe, die man Erdbeerblond nennt. Unter all diesen gut aussehenden Menschen fühle ich mich furchtbar farblos und gewöhnlich. »Aber mach dir trotzdem keine Sorgen, Xéra. Bestimmt kann man über die Überwachungskameras herausfinden, wer es war«, sagt er und unterdrückt ein Gähnen, während er sich zurücklehnt.
Xéra bleibt stumm und starrt mit eingefrorener Miene vor sich hin.
Shane gießt sich einen weiteren Brandy ein (sein dritter, wenn ich mich nicht verzählt habe), zaubert aus dem Nichts einen Stapel Karten hervor und legt eine Runde Solitaire. Währenddessen geht ein anderer Gast, ein gepflegter Amerikaner Ende zwanzig namens Blue, zum aufgestellten Flügel hinüber und nestelt an seinen Manschettenknöpfen.
Schon gestern Abend ließ dieser junge Mann, dessen Vorbild ganz offensichtlich Jake Gyllenhaal ist, durchblicken, dass er spielt, woraufhin die anderen ihn natürlich »überreden« mussten, etwas vorzuspielen – ein sehr durchsichtiges Manöver. Auch heute ist er wieder overdressed – diesmal trägt er einen mitternachtsblauen Smoking mit aufgeknöpftem Hemd, das eine glatte, gebräunte Brust entblößt.
»Spiel doch mal etwas Beruhigendes«, schlägt Elise vor. »Du weißt schon – weich und jazzig.«
Shane wirft seiner Frau einen Blick zu, dann schnaubt er und klatscht eine Karte auf den Tisch.
»Könnte das nicht, nun ja, ein wenig unangemessen wirken?«, frage ich. Die Darbietung des gestrigen Abends war ausgesprochen beschwingt und gipfelte in einem hochtrabenden Arrangement von »One« aus A Chorus Line, inklusive Hand-Übersetzen und mitreißender Glissandi.
»Ach, mach einfach«, sagt Elise. »Wir können schließlich nicht einfach nur hier herumsitzen und den Teppich anstarren.«
Mehr Aufforderung braucht der Jake-Gyllenhaal-Doppelgänger nicht, um mit einer leichten, stimmungsvollen Auswahl zu beginnen. Er ist kein Bill Evans, aber es ist wohl besser, als einander beim Atmen zuzuhören. Eine halbe Stunde später spielt er immer noch. Ich erkenne »Three Times a Lady« und sehe, wie er seinem Kreis weiblicher Bewunderer ein charmantes Lächeln zuwirft.
In diesem Moment taucht Shane aus seinem Brandy-Schlummer auf, starrt den Pianisten mit glasigen Augen an und formt mit den Lippen das Wort »Schwuchtel«.
Es ist schon nach eins, als die Suche schließlich abgebrochen wird und man uns gestattet, in unsere Kabinen zurückzukehren. Chefstewardess Challis hält mich an der Tür auf, um mir mitzuteilen, dass Sir Billy und der Kapitän wünschen, nach dem Frühstück mit mir zu sprechen.
»Das ist unerhört!«, erwidere ich. »Warum ausgerechnet mit mir?«
»Sie waren der Letzte, der das Schmuckstück gesehen hat. Neben Madame, natürlich.«
Müde und erschöpft laufe ich durch endlose schmale Gänge zu meiner winzigen Kabine, die im Bug des Schiffes liegt. Offiziell bin ich vielleicht ein Gast, aber gerade fühlt es sich nicht so an.
Auf dem Weg rufe ich mir in Erinnerung, was während des Essens passiert ist, als der Diebstahl stattgefunden hat. Nur drei Leute haben den Speisesalon verlassen: Elise, um »sich die Nase zu pudern«; Blue, der junge Amerikaner, um einer der Damen, die sich über den Wind beschwerte, einen Überwurf zu holen; und die Hundesitterin Karol-Kate, damit der Hund sein Geschäft erledigen konnte. Niemand war länger als fünf Minuten weg, sehr wenig Zeit, um in die Hauptkabine einzubrechen, die Juwelen zu finden, sie zu verstecken und seelenruhig wieder an den Tisch zurückzukehren.
Was die Crew angeht, so wirken alle vollkommen professionell. Ich habe keinen Zweifel, dass sie alle aufs Gründlichste überprüft werden, bevor man sie auf eine solche Gesellschaft loslässt. Falls jemand von ihnen so dumm war, die Kette zu stehlen, wird die Person bestimmt gefasst.
Als ich um die letzte Ecke biege, kollidiere ich mit einem großen Hindernis, das an der Wand lehnt. Etwas daran sieht vertraut aus, und die Buchstaben »CC II FS«, inklusive eines Klebezettels mit meinem Namen – falsch geschrieben natürlich –, bestätigen meinen Verdacht. Es ist tatsächlich meine Kabinentür, die jemand gewaltsam aus den Angeln gerissen und in den Flur geworfen hat.
Ich weiß nicht, warum es mich so aufregt, dass niemand jemals meinen Namen richtig schreiben kann: Ich heiße Delamare, nicht Delamere (das ist eine Autobahnraststätte auf der M4). Ich hatte Glück, dass mich die Wasserschutzpolizei an Bord gelassen hat, weil die Bordpapiere nicht mit meinem Pass übereinstimmten. Pure Achtlosigkeit.
Es wird noch schlimmer. Ich schalte das Licht an und entdecke, dass alles durchwühlt wurde. Beide Betten wurden abgezogen, und die Matratzen stehen in der Duschkabine. Noch schlimmer, mein Laptop – mein einziger Kontakt zur Außenwelt – liegt in seltsamem Winkel aufgeklappt auf dem Boden (als hätte jemand versucht, ihn entzweizubrechen) und blinkt verzweifelt.
Ungläubig blinzelnd befreie ich ihn behutsam aus den Trümmern meiner Kabine, wie ein Archäologe, der ein wertvolles Artefakt freilegt, und verfrachte das angeschlagene Gerät auf das freie Bett. Irgendwie hat es eine E-Mail durchgeschafft und füllt jetzt den zersplitterten Bildschirm.
Von: Julie Johnson
Montag, 21:12 Uhr
Betreff: Unfreiwilliges Bad
An: Paul Delamare/An Bord der M/Y Maldemer
Wie entsetzlich, das mit deinem Gepäck-Albtraum! Ich bin mir nicht sicher, ob du das hören willst, aber nachdem ich dich am Pier verabschiedet habe, hätte ich schwören können, JONNY gesehen zu haben, als er in einen Bus einstieg. Du denkst doch nicht …?
Auf dem Rückweg habe ich kurz im Jubilee Cottage vorbeigeschaut. Der Geldbaum hat ein paar Blätter verloren. Mach dir keine Sorgen – Declan sagt, das sei normal um diese Jahreszeit. Er schickt liebe Grüße. Habe auch dein Konto überprüft, leider kein Zahlungseingang.
Die Tarotkarte des Tages verrät mir, dass du in den Orbit einer mächtigen, möglicherweise skrupellosen Frau geraten bist. Wenn ich die Sterne richtig deute, könnte sie eine Waage sein.
J.X.
PS: Woher kennst du eure Koordinaten? Cool.
PPS: Lass dich nicht dazu verleiten, in der Küche auszuhelfen. Du bist als Xéras Gast an Bord, nicht als Kombüsensklave.
PPPS: Was soll das heißen, keine Fotos? Ich dachte, der einzige Zweck, auf einer Superjacht zu verreisen, bestünde darin, es auf ganz Instagram zu verbreiten?
Declan ist der neue Beau meiner besten Freundin, ein Rugby spielender Polizist, der sich über die letzten paar Monate in ihr Leben eingeschlichen hat. Es hat alles ganz unschuldig angefangen, ein paar Drinks und Kinofilme, aber jetzt heißt es ständig Declan hier, Declan da. Mittlerweile kann ich den Namen nicht mehr hören. Zugegeben, er ist schön anzusehen und äußerst charmant, wenn ich dabei bin, aber nie im Leben ist er gut genug für Julie – und seit wann ist er Experte für Zimmerpflanzen?
Für dieses Gebiet interessiere ich mich sehr, seit ich letzten Herbst eine Klettertopfpflanze geschenkt bekommen habe – eine Hoya. Die Sache hat sich schnell verselbstständigt, und mittlerweile wächst auf jedem Fensterbrett etwas. Ich mache mir Sorgen, dass sie bei meiner Rückkehr alle tot sind, und habe Julie strikte Anweisung gegeben, sie nicht zu überwässern.
Und es ist wirklich ein allzu großer Zufall, dass Jonny an der Tower Bridge herumhing, als mein Gepäck baden gegangen ist. Jonny Berens ist mein Stiefsohn, nur ein paar Jahre jünger als ich, aber ein Quell andauernden Unglücks, der mein sonst so ruhiges Leben vergiftet. Ich habe keinen Zweifel daran, dass er hinter diesem neuesten Akt der Niedertracht steckt.
Julie drängt mich immer, mich von ihm loszusagen, aber ich habe Marcus, seinem verstorbenen Vater, versprochen, ich würde zu ihm halten. Und dann ist da noch seine Mutter: Wenn möglich, ist Olinda sogar noch anstrengender als Jonny. Ich verstehe, warum sie mich ablehnt, aber ich habe ihr nicht »den Mann gestohlen«, und schon gar nicht, weil ich es auf sein Geld abgesehen hatte.
Das ist eine weitere Komplikation – eine rechtliche. Ich wohne in einem winzigen Haus an der Bourne Street namens Jubilee Cottage, das den Spitznamen »kleinstes Haus Belgravias« trägt und das Marcus mir hinterlassen hat.
Ich sage »hinterlassen«, aber aufgrund eines Versäumnisses seinerseits habe ich nur lebenslanges Wohnrecht. Danach fällt es zurück an die Familie Berens. Sie haben ihr Bestes gegeben, um mich zu vertreiben, und ich habe es mit so viel Geduld und Würde ertragen, wie ich aufbringen konnte. Die versuchten Brandstiftungen, die zugeklebten Türschlösser, die eingeworfenen Fensterscheiben … ich bin mir sicher, es war Jonny, der die Überschwemmung in meinem Keller verursacht hat, auch wenn ich es nicht beweisen kann.
Was mich am traurigsten macht, ist, dass ich nicht weiß, wie lange ich noch durchhalte. Sogar ein so kleines Gebäude wie das Jubilee Cottage zu erhalten, übersteigt mit der endlosen Flut aus Gebühren und Rechnungen meine finanziellen Mittel. Momentan ist es sogar noch schwieriger als sonst, und ich muss mich auf meinen Vorschuss für meine Arbeit an Xéras Buch verlassen, um über die Runden zu kommen. Ich beschließe, Julie zu erzählen, was heute Abend passiert ist.
Von: Paul Delamare/An Bord der M/Y Maldemer
Dienstag, 01:31 Uhr
Betreff: Drama
An: Julie Johnson
47°50'43"N 14°00'22"W (ungefähr 360 Seemeilen westlich der Bretagne)
Katastrophe: Xéras Halskette – die, von der ich dir erzählt habe – ist verschwunden. Gestohlen.
Angeblich ist sie eine Million Pfund wert! Sir Billy hat sie von einem seiner zwielichtigen Kumpel namens Luiz Mateus (wie der Rosé) gekauft, den sie immer »Big Lew« nennen (klingt wie der Name eines Boxers). Wer auch immer dafür verantwortlich ist, wird niemals damit durchkommen – es ist absurd zu denken, man könne das Ding auf einer Jacht verstecken, um Himmels willen … wobei ich nach einem ganzen Tag mit den Hardcastles nicht mehr überrascht wäre, wenn jemand von ihnen die Kette aus purer Boshaftigkeit geklaut und über Bord geworfen hätte.
Da nun also unser Reisegefährt offiziell zum Tatort geworden ist, darf ich dich um deine Recherchequalitäten bemühen? Zuallererst Sir Billys Finanzberater – Russell Tate. Alles, was ich weiß, ist, dass er früher mal Fondsmanager bei einer Bank war, und jetzt »Kopf der Hardcastle-Familien-Unternehmung« ist, was auch immer das heißen soll. Dann gibt es noch einen herausgeputzten jungen Amerikaner, der mich misstrauisch macht. Er heißt Blue Aspray – wie in Haarspray, mit dem er offensichtlich eine enge Freundschaft pflegt. Er ist der Personal Assistant von Sir Billys Schwester Marje Mayham – ist mit ihr aus LA eingeflogen – und spielt Klavier. (Und wie die meisten Amateurstars weiß er nicht, wann er aufhören muss.)
Die Koordinaten verdanke ich einem Wunder der modernen Technologie: Sie erscheinen, wenn man die Kompass-App auf dem Handy antippt. Wir haben auch GPS, wenn du also eine Linie zwischen der untersten Ecke von Irland und dem oberen Rand Spaniens ziehst und ein bisschen nach links schaust, da sind wir. Die Sache mit der Pflanze macht mir ein wenig Sorgen, aber ich würde Declan nicht involvieren. Ich nehme ihn nicht als Person mit grünem Daumen wahr.
Du fehlst mir. XXX
PS: Ich habe bemerkt, dass Aspray mit seinem Handy heimlich Fotos macht, wenn er denkt, niemand guckt. Ich bin versucht, ihn zu melden.
Die abendlichen Katastrophen lassen noch immer das Adrenalin in meinen Adern kreisen, sodass ich lange nicht einschlafen kann. Als ich es doch tue, weckt mich ein Geräusch über meinem Kopf. Nicht schon wieder! Genauso wie letzte Nacht: Bumm. Pause. Bumm bumm. Pause. Bumm. Ich bin der einzige Gast mit einer Koje im Bug des Schiffes – ist es irgendetwas Mechanisches?
Ich drehe mich zur Seite und versuche, das Geräusch zu ignorieren, aber dann muss ich an diese alberne Geschichte denken, mit der wir uns in der Schule immer Angst eingejagt haben: über das Mädchen, das bemerkt, dass aus der ortsansässigen Psychiatrie ein Serienmörder ausgebrochen ist, der jetzt mit dem abgetrennten Kopf ihres Freundes auf ihr Autodach klopft.
Ich sehe auf die Uhr. Drei Uhr nachts. Die Stunde, die Horatio Hamlet als »in toter Stille tiefer Mitternacht« beschreibt. Wenn das morgen noch mal passiert, stehe ich auf und schaue nach.
Nach einigen unruhigen Stunden Schlaf werde ich durch einen Ruck in der Bewegung des Bootes geweckt – wir haben beschleunigt. Dank des GPS kann ich sehen, dass wir ein tiefes Stück Ozean erreicht haben, das den Namen Porcupine Abyssal Plain trägt, Stachelschwein-Tiefseeebene. Zwei Meilen unter uns schlagen sich Seegurken, Seesterne und Anemonen in düsterem Dämmerlicht durch. Mir fällt auch auf, dass wir eine neue Zeitzone erreicht haben, und gerade als ich meine Uhr auf halb sieben zurückstelle, höre ich ein Klopfen an der Tür. Da ich sie nur an den Rahmen angelehnt hatte, fällt sie um und gibt den Blick auf eine gestärkte weiße Uniform frei – es ist die Erste Offizierin, Aimee Adney.
Ich bin nicht daran gewöhnt, dass hübsche junge Frauen mich im Bett ansprechen, und ziehe mir instinktiv die Bettdecke bis zum Kinn. Nach dem Kapitän ist Aimee das wichtigste Crewmitglied. Sie strahlt eine Aura des Selbstvertrauens und der Kompetenz aus. Sie ist so hübsch, dass allein ihr Anblick eine Freude ist, aber ihre bestechendste Eigenschaft ist ihr strahlendes Lächeln – es ist unmöglich, sich nicht davon erwärmen zu lassen.
»Sie haben doch erwähnt, dass Sie Koch sind, nicht wahr?« Auch wenn Xéra mich als Food-Writer vorgestellt hat, haben die anderen Reisenden es geschafft, mir zu entlocken, dass ich viele Jahre in verschiedenen Sternerestaurants gearbeitet habe. Natürlich haben sie sofort vorgeschlagen, ich könnte doch vielleicht einmal das Abendessen kochen. Auf gar keinen Fall.
»Wir hoffen, Sie können uns einen großen Gefallen tun.« Sie legt charmant den Kopf schief. »Ich frage wirklich ungern, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, sich heute ums Frühstück zu kümmern? Unsere Irin ist krank, und weil wir so unterbesetzt sind, haben wir keinen Ersatz an Bord.«
Diese »Irin« habe ich noch nie getroffen, aber ich weiß vom Tratsch unter Deck, dass sie gar keine richtige Köchin ist: Die Reise war als »Lieferung« geplant – um die Jacht für die Wintersaison in die Karibik zu überführen –, und sie ist nur für die Grundversorgung der Crew angestellt worden, nicht um für die Reisegesellschaft zu kochen. Den beiden Mahlzeiten nach zu urteilen, die ich bislang eingenommen habe, hat sie einen geheimen Vorrat an teuren Fertiggerichten im Kühlraum entdeckt. Was passieren wird, wenn die aufgebraucht sind, weiß niemand.
»Nur dieses eine Mal?«, fügt Aimee hinzu und weitet flehend die Augen.
»Aber meine Kleider sind noch gar nicht da«, sage ich verzweifelt. »Ich habe nichts zum Anziehen.«
»Machen Sie sich keine Sorgen – ich kümmere mich darum. Wir sehen uns in zehn Minuten in der Kombüse.«
Während ich dusche, kreisen mir unangenehme Gedanken durch den Kopf. Was, wenn das zur Gewohnheit wird und ich den Rest der Reise vor dem Herd verbringen muss? In der Küche braucht man eine stählerne Konstitution – man kann sich nicht einfach hinlegen, weil man Kopfschmerzen hat oder sich nicht danach fühlt.
Ich rasiere mich schnell und versuche vor dem Spiegel ein widerstrebendes Lächeln, wobei ich mir in Erinnerung rufe, dass ich das Ganze hier genießen soll. Als ich aus der Dusche trete, ist wie durch ein Wunder ein Wäschekorb auf dem unteren Bett aufgetaucht. Meine Sachen sind endlich wieder da.
Aber … was zum Teufel?
Eine Sekunde lang hoffe und bete ich, dass man mir aus Versehen die Kleider eines anderen gebracht hat, dann erkenne ich hier und da ein bekanntes Muster. Hier sind meine liebsten Streifensocken – ein Weihnachtsgeschenk von Julie – auf die Größe von Babyhandschuhen geschrumpft. Ein Stapel T-Shirts, in die sich auch ein Kleinkind nur mit Mühe hineinquetschen könnte. Und nein, das darf nicht sein! Mein bester Cashmere-Pullover – das teuerste Stück meiner Garderobe, so weich, so leicht, so luxuriös – passt jetzt höchstens noch einem Teddybären. Die Wolle ist verfilzt und knotig.
Es ist entsetzlich: Mit sinkendem Mut wühle ich mich durch den Haufen ruinierter Kleidungsstücke. Gibt es noch irgendetwas, das ich retten kann? Ich probiere eines meiner Baumwollhemden an – die hinterlistig ganz oben im Korb platziert wurden, um das Auge zu täuschen. Wenn ich den Bauch einziehe und die Luft anhalte, bekomme ich die Knöpfe zu. Dann schnappe ich mir eine Jeans und lege mich auf den Boden – keine einfache Aufgabe in einer so kleinen Kabine. Irgendwie schaffe ich es, den Reißverschluss zu schließen, und verdecke so viel wie möglich mit dem Pullover von gestern.
Ich habe mir Mühe gegeben, den Crewmitgliedern, die ich bislang kennengelernt habe, freundschaftlich und auf Augenhöhe zu begegnen, also laufe ich in der Hoffnung auf eine Tasse Tee und etwas Mitleid in Richtung der Kombüse. Mein Weg führt mich durch den Speise- und Aufenthaltsraum der Crew: ein niedriges, fensterloses Zimmer neben der Küche, das in Kindergartenfarben gestrichen und mit Bänken ausgestattet ist. Auch wenn es als Ort zum Zusammenkommen und Relaxen gedacht ist, wirkt es eher wie ein Fast-Food-Restaurant: Darauf ausgelegt, dass man so schnell wie möglich wieder geht. Ich treffe auf Challis, die eine Schüssel Müsli isst. Sie sieht auf und pfeift. »Sehr Harry Styles«, sagt sie. »Aimee, komm und guck. Paul hat einen neuen Look.«
»Wie lustig«, sage ich. »Jemand müsste vielleicht mal die Waschmaschine überprüfen.«
Aimee taucht in der Tür auf und winkt mich in die Küche.
»Normalerweise sehe ich nicht so aus«, versichere ich ihr und frage mich, wie ich die nächsten zehn Tage überleben soll.
»Sie sind Gast hier, Sie können sich anziehen, wie Sie wollen.« Dann fügt sie mit einem Lächeln hinzu: »Und machen Sie sich nichts daraus, was Poison sagt: Unter der Oberfläche ist sie harmlos.«
Es dauert einen Moment, bis der Groschen fällt. Poison – Challis. Ha! Ein Wortspiel zum poisoned chalice, dem sprichwörtlichen vergifteten Kelch.
»Sie verstehen nicht«, protestiere ich. »Meine gesamte Garderobe ist ruiniert. Irgendjemand muss sie zu heiß gewaschen haben.«
Ihr Lächeln schmilzt dahin, als sei plötzlich die Sonne untergegangen. »Wie meinen Sie das?«
»Äh, ich will niemanden in Schwierigkeiten bringen …«
»So etwas gibt es nicht an Bord der Maldemer. Ich werde herausfinden, was passiert ist, und Ihnen etwas zum Anziehen organisieren.«
»Danke, Aimee.« Ich fühle eine Welle der Erleichterung über mich hereinbrechen. Alles kommt wieder in Ordnung.
Auch wenn ich geschworen hatte, mich nicht zum Kochen überreden zu lassen – sowohl mir selbst als auch Julie –, verspüre ich unwillkürlich einen Adrenalinschub, als ich die Kombüse betrete. Tatsächlich habe ich schon einmal auf einer Jacht gekocht, aber nicht in einer solchen Küche: zwei Doppelöfen plus Mikrowelle, zwei amerikanische Kühl-Gefrier-Kombinationen, Dreifachspülbecken mit eingebautem Abfallzerkleinerer, Spülmaschine und eine Müllpresse (ich kann es kaum abwarten, die auszuprobieren). Eine dieser schlauen Thermomix-Maschinen, die gleichzeitig kocht und rührt, sowie ein Bamix Blender, das Profimodell mit allen Accessoires. Jede Menge Schränke und Schubladen mit stylischen kleinen Sperrknöpfen, damit sie während eines Sturms geschlossen bleiben. Eine kleine Kücheninsel, hell erleuchtet, mit sechs Induktionskochfeldern und einem Edelstahlgeländer, damit nichts herunterrutschen kann.
Ich weiß noch, wie Furcht einflößend das Gefühl zu Beginn meiner Karriere war, in einer fremden Küche voller Equipment zu stehen, das man noch nie gesehen hat, aber das ist etwas, an das man sich gewöhnt. Jetzt, wo überall Supper-Clubs und Pop-up-Restaurants aus dem Boden schießen, werden wir alle anpassungsfähiger.
»Koche ich einfach, was ich will, oder gibt es eine Speisekarte?«, frage ich.
Aimee sieht mich überrascht an. »Die Gäste können alles bestellen, was sie möchten. Werfen Sie mal einen Blick ins Gästepräferenzbuch – die Köchin wird es irgendwo verwahrt haben.« Ich entdecke es in der Messerschublade – ein ganzer Ordner voll laminierter Seiten – und blättere mich hindurch. Himmel! Endlose Seiten voller Kästchen zum Ankreuzen, Listen und Bewertungen: die persönlichen Vorlieben, Launen, Marotten, Unverträglichkeiten und Allergien jeder einzelnen Person, bis ins Kleinste seziert.
Elise isst rote Paprika, aber keine grüne. Sir Billy mag keine Zwiebeln. Blue mag keinen Zimt in herzhaften Gerichten. Zwei Gäste haben eine Nussallergie, und Sir Billys Schwester fordert »keine versteckten Nüsse«, was wohl eher auf ein Zahnproblem hinweist. Et cetera, et cetera, et cetera. Wie soll ich mir das denn alles merken?
Eine schnelle Inspektion der Kühl- und Vorratsschränke verrät mir, dass es zumindest keinen Mangel an Zutaten gibt. Ich fange damit an, ein Blech Pekan-Ahornsirup-Granola in den Ofen zu schieben, dann schneide ich Melone, Birnen, Erdbeeren, Trauben und ein paar Kiwis zu einem bunten Obstsalat. Auf mehreren Backblechen verteile ich eine Auswahl gefrorener Backwaren – Croissants, Mandelcroissants, Rosinenbrötchen –, schiebe sie bei 180 Grad Umluft in den zweiten Ofen und stelle den Timer ein. Während ich auf Hochtouren durch die Küche renne, stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass es mir Spaß macht. Ich habe seit einer ganzen Weile nicht mehr gekocht, aber es ist genauso aufregend wie immer.
Das Frühstück wird im Hinterschiff serviert, in einem Bereich, der sich Beach Club nennt. Es ist ein bemerkenswertes Technikfeature – auf Knopfdruck fährt der hintere Teil des Schiffes aus und senkt sich auf die Wasseroberfläche hinab, sodass ein von Pontons eingefasster schwimmender Pool entsteht.
Die Transformation wird von zahllosen Kabeln, Winden, Schlagleisten und Antriebsrollen zuwege gebracht. Die Mechanik ist äußerst faszinierend für jemanden, der sich für technische Spielereien interessiert (so wie ich), aber für das bloße Auge unsichtbar, so schlau ist sie hinter dem auffälligen Tiki-Theme-Dekor versteckt: Man stelle sich Bambuswände behängt mit hölzernen Masken, Ukulelen und Surfbrettern vor, dazu gläserne Fischerkugeln, die von der abgehängten Decke baumeln. Das Zentrum bildet ein in der Wand eingelassenes Aquarium mit allem Drum und Dran. Darin lugen mehrere Hummer trübselig zwischen den Schiffswracks aus Plastik und dem neonfarbenen Seegras hervor.
Es ist ziemlich weit von der Küche entfernt, die sich in der Mitte der Jacht und zwei Decks weiter unten befindet, und Challis und die unglückliche Hilfskraft, die ihr zur Hand geht, rennen mit Tabletts und Trolleys voller Eier Benedikt, Wildpilzomelette (kein Salz, kein Pfeffer) und Bacon-Sandwiches hin und her.
Zwischen in den Raum gerufenen Essensbestellungen und dem Blubbern der Espressomaschine schafft Challis es sogar noch, die Klatschspalte weiterzuführen. Gestern Nacht hat man sie wegen eines weiteren Notfalls aufgeweckt. Eine der Mitreisenden beschwerte sich über ein brummendes Insekt in ihrer Kabine, das man nach langer Suche in ihrem Badezimmerschrank ausfindig machen konnte – in Form einer elektrischen Zahnbürste, die sie nicht ausgeschaltet hatte.
»Lass mich raten – Sir Billys Tochter«, sage ich. Wenn man auf so engem Raum zusammenarbeitet, ist man schnell beim Du.
»Nein – die Schwester!«
Sir Billys Schwester – und Ehrengästin der Reise – ist niemand anders als Marje Mayham. Als Xéra mir die Passagierliste geschickt hat, kam mir der Name bekannt vor. Ein schneller Online-Check hat bestätigt, dass sie eine (extrem) erfolgreiche Hollywoodagentin ist. Wie alle anderen ist sie makellos gestylt, mit stahlgrauem Bob und glänzenden Nägeln. Ganz offensichtlich ist sie daran gewöhnt, in anstrengendem amerikanischem Akzent Leute herumzukommandieren.
»Das ist aber noch nicht alles«, erzählt Challis weiter und fährt sich mit der Zunge über die Lippen. »Willst du hören, wie sie schläft? Dieser junge Mann, den sie dabeihat –«
»Wenn du den Amerikaner meinst, er ist ihr Personal Assistant«, sage ich steif. »Und ich denke nicht, dass es uns etwas angeht, wie –«
»Sei doch nicht blöd – sein Herz ist definitiv anderweitig vergeben. Alles, was ich sage, ist, dass er eine Stunde vor ihr in die Kabine geschickt wird, um alle Jalousien und Oberlichter mit Verdunklungstape abzukleben, damit kein einziger Lichtschlitz mehr zu sehen ist. Dann zieht sie sich diesen Schlafanzug an – wie ein gefütterter Seiden-Onesie – mit Kopfteil und Löchern für Nase und Mund. Wie in diesem Film, in dem die Tussi von der Garagentür in zwei Hälften geschnitten wird.« Das war Scream, wenn ich mich nicht irre. Ab und zu sehe ich ganz gerne einen Horrorfilm. Allerdings ist das keiner meiner Favoriten.
»Aber zurück zum Wesentlichen. Challis, glaubst du, Sir Billy hat es ernst gemeint, als er sagte, ich solle wegen des gestrigen Diebstahls befragt werden?«
»Oh ja«, antwortet sie mit einer Spur Boshaftigkeit. »Sie werden nach dir schicken, wenn es ihnen passt. Währenddessen sollst du in der Nähe bleiben.«
»Ähm … wir sind auf einer Jacht. Ich habe nicht viele Ausweichmöglichkeiten, oder?«
Um zehn Uhr schallt ein durchdringendes Läuten aus dem Lautsprechersystem, das uns darüber in Kenntnis setzt, dass es Zeit für die Seenotrettungsübung ist. Die war eigentlich für gestern geplant, aber Sir Billy und Russell haben sie aufgrund eines wichtigen Zoom-Meetings verschieben lassen. Als ich auf dem Rasendeck ankomme, wo die Übung stattfinden soll, bin ich der Erste.
Die Maldemer hat mehrere Freiluftbereiche, in denen die Reisenden die frische Meeresbrise und die Aussicht genießen können. Am Heck befindet sich das Achterdeck, mit niedrigen Tischen und Liegen, auf dem man lesen, ein Sonnenbad nehmen oder auch einfach nur ins Kielwasser der Jacht blicken kann, während wir über den Ozean gleiten. Dann gibt es den Gallery Walk, der zwischen Panorama- und Beach-Club-Deck einmal um die Jacht herumführt. Auch dort gibt es Sitzbänke und Aussichtspunkte.
Aber nicht viele Superjachten können eine echte Rasenfläche mit blühenden Gänseblümchen und Krockettoren vorweisen. Ich setze mich aufs Gras, das sich weich und elastisch anfühlt. Ich frage mich, wie es hierhergekommen ist. Haben sie es ausgesät oder Rollrasen verlegt? Wer gießt und mäht es? Wir Menschen sind ein verrücktes Volk.
Der Himmel ist heute azurblau – beinahe wolkenlos –, und das Meer hat die Farbe von Mitternacht, übersät von Tupfen aus weißem Schaum. Ich lasse den Blick über den Horizont schweifen. Wir sind vollkommen allein: kein Land, kein Boot, kein gar nichts. Ich spüre die leichte Brise auf den Wangen und lausche dem sanften Plätschern der Wellen. Die Luft riecht hier draußen so viel sauberer und süßer. Jetzt verstehe ich, warum sich die Leute Superjachten kaufen.
Mir fällt auf, dass der Rasen mit weißen Linien versehen ist, wie auf einem Schulsportplatz. Zuerst frage ich mich, ob sie für eine Art Schiffsdeckspiel gedacht sind – kann man auf Gras Ringewerfen oder Shuffleboard spielen? –, aber dann erkenne ich, dass die Linien ein riesiges H formen. Ich mag Hubschrauber nicht besonders, aber ich verstehe, warum sie ein praktisches Fortbewegungsmittel für die Superreichen sind, wenn ihnen mal die Schuhe oder Handtaschen ausgehen.
So lasse ich meine Gedanken schweifen, als etwas meine Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ein riesiger Vogel gleitet achtern dahin und scheint der Jacht zu folgen. Seine Schwingen sind lang und schlank, in zwei verschiedenen Grautönen und mit fast einem Meter Spannweite, sein Körper ist weiß, der Schnabel gelb. Sein Flug wirkt mühelos und vollkommen ruhig.
Vögel erfüllen mich immer mit Staunen und Bewunderung. So viele Jahrmillionen gibt es sie schon – die einzigen bekannten Nachfahren der Dinosaurier –, und trotzdem wissen wir so wenig über sie. Von welch fernem Ort kommst du, und wo liegt dein Ziel? Das Horn von Afrika? Die Falklandinseln? Wie verzaubert sehe ich zu, bis die Kreatur plötzlich beidreht und dann in die Richtung verschwindet, aus der wir gekommen sind.
Mit zehnminütiger Verspätung treffen meine Mitreisenden ein. Ich begutachte sie im enthüllenden Morgenlicht. Marje Mayham sieht blass und klebrig aus, wahrscheinlich dank ihrer großzügigen Anwendung von LSF-100-Sunblocker. Ihr silberner Bob jedoch ist wie immer makellos. Der Klavier spielende Assistent zieht seine Lederloafer aus –Marke Tod’s nehme ich an – und entblößt zwei sockenlose, perfekt gepflegte Füße, was mich daran erinnert, dass Julie mir empfohlen hat, in eine Pediküre zu investieren. Ich wünschte mir, ich hätte auf sie gehört.
Elise hat ihr langes blondes Haar unter einen ausladenden Strohhut gesteckt, und Shane trägt eine Baseballkappe. Unter seiner Bräune hat er die helle Haut eines typischen Engländers, die schnell verbrennt. Dank seiner Zeit auf dem Tennisplatz weiß er das wohl genau. Er nestelt mit den Händen. Wahrscheinlich fragt er sich, wann die Bar öffnet. Der Bichon Frisé springt ohne Leine auf dem Deck herum.
Ebenfalls anwesend ist Russells Frau, bei den anderen (ohne ihr Wissen) als Kleines Graues Kaninchen bekannt. Heute Morgen sieht sie mit Regenmantel und Kopftuch noch deplatzierter aus als sonst (als wolle sie nur kurz zum Supermarkt springen). Zur Überraschung aller tritt sie vor und stößt ein kleines Hüsteln aus, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine Sekunde lang denke ich, sie will mir für das Frühstück danken, aber nein: Entweder sie sind ein undankbarer Haufen, oder niemand hat es ihnen gesagt. Stattdessen verkündet sie mit verzagter Stimme, dass es Sir Billy und ihrem Ehemann auch diesmal nicht möglich sei, an der Übung teilzunehmen, und wir ohne sie weitermachen sollen.
Auch von Xéra ist keine Spur zu entdecken. Das hätte ich vorhersehen können. Man bekommt sie nie vor dem späten Vormittag zu Gesicht.
Wir stehen befangen herum, während wir auf die Erste Offizierin warten. Derweil bemühe ich mich, den Namen des Kleinen Grauen Kaninchens aus den Untiefen meines Gedächtnisses hervorzukramen.
»Können Sie ein Schiff am Horizont erkennen, Judith?«, frage ich, lade sie mit einer Geste zu mir an die Heckreling ein und zeige nach steuerbord. »Sie wirken auf mich wie jemand mit guten Augen.« Es ist ein Trick, aber ich kann sehen, dass sie sich genauso fehl am Platz fühlt wie ich und erleichtert ist, aus dem Kreis ausbrechen zu können.
»Woran machen Sie das fest?«, fragt sie mit einem schüchternen Lächeln.
Im hellen Sonnenlicht betrachte ich sie genauer. Für Anfang sechzig ist sie in guter Form, schlank und mit reiner, faltenloser Haut – eine »Englische Rose«, hätten meine Eltern wohl gesagt. Mit ihrem wippenden, grau-braunen Haar und dem eifrigen Gesichtsausdruck ähnelt sie eigentlich eher einem Eichhörnchen als einem Kaninchen.
»Schön zu sehen, dass Sie für eine Seereise gekleidet sind«, sage ich kameradschaftlich. »Immerhin befinden wir uns auf einer Atlantiküberquerung, nicht beim Inselhopping in der Ägäis.«
Sie lächelt erneut. »Danke, dass Sie das sagen. Russell meinte, ich hätte mir für die Reise ein paar neue Sachen kaufen sollen. Er hat recht – ich fühle mich ein wenig altbacken.«
»Überhaupt nicht. Meine Mutter war grandios, was Kopftücher anging – darf ich?« Bevor sie sich wehren kann, trete ich vor, löse den Knoten unter ihrem Kinn und arrangiere das Tuch so, dass es ein wenig höher auf ihrem Kopf sitzt.
»Ach, bitte, Paul«, sagt sie kichernd.
Ich trete einen Schritt zurück, um die Wirkung in Augenschein zu nehmen. »Versuchen wir es mal mit ein bisschen Jackie O.« Ich ziehe den Schal zurück, sodass er ihr Gesicht oval umrahmt. »Und das hier.« Ich schlage ihren Kragen hoch und schnüre den Gürtel ihres Mantels enger. Auch wenn man sich nicht selbst loben soll, der Effekt ist ziemlich überwältigend: Ich zeige auf ihr Spiegelbild im Fenster des Ruderhauses, und sie lacht.
»Wie haben Sie das gemacht? Sie sind ein Zauberer.«
»Ach, ich habe es nur so oft bei meiner Mutter gesehen. Und wenn ich wirklich zaubern könnte, würde ich mir eine neue Garderobe heraufbeschwören.«
»Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass Sie etwas ungewöhnlich … nun ja, dass Sie sich in Ihrer Kleidung nicht besonders wohlfühlen. Ist etwas geschehen?«
»Es gab wohl ein Missverständnis mit der Waschmaschine – nichts, das man nicht in Ordnung bringen könnte«, füge ich hinzu, auch wenn mir nicht einfällt, wie. Sie drückt kurz meine Hand, und ich habe das Gefühl, eine Freundin gefunden zu haben.
Auf einmal werden wir von einem unheiligen Krächzen über unseren Köpfen unterbrochen. Es ist nicht der majestätische Vogel, den ich vorhin gesehen habe, sondern eine riesige, knopfäugige Möwe, die absichtsvoll über dem Bichon Frisé kreist.
Irgendjemand versucht, sie zu vertreiben, was aber nur den Hund anstachelt, der bellend herumspringt. Vögel haben eine bemerkenswert gute Farbwahrnehmung. Wahrscheinlich ist es nicht hilfreich, dass der kleine Kerl in einer fluoreszierend orangefarbenen Schwimmweste steckt.
Plötzlich stößt der Vogel mit aufgerissenem Schnabel und fokussiertem Blick herab. Ein entsetztes Keuchen geht durch die Gästeschar, und der Hund stößt ein markerschütterndes Jaulen aus. Der Schnabel der gnadenlosen Kreatur ist nur noch zwei Zentimeter von dem armen Kerl entfernt, als eine grün gekleidete Gestalt vorspringt – niemand anderes als die Hundesitterin – und die Angreiferin mit bloßen Händen aus der Flugbahn stößt.
»Da hat der Hund aber Glück gehabt«, sagt Blue, als die Katastrophe abgewendet ist. »Der hätte auch weg sein können. Oder ein Auge verlieren.«
»Passen Sie auf, dass er nicht über Bord fällt«, kommentiert Marje mit ihrem lauten amerikanischen Akzent. »Gäbe einen guten Haileckerbissen ab.«
Nach der Übung bleibe ich zurück, um Karol-Kate dafür zu gratulieren, Colefax’ Leben gerettet zu haben, und ein bisschen zu plaudern. Der Stil der Hundesitterin entspricht dem, was man wohl früher als Tomboy bezeichnet hätte: Gestern war es ein burschikoser Overall, heute trägt sie ein grellgrünes Poloshirt und weiße Jeans. Noch ein Kleeblatt, und sie hätte gut in eine Parade zum St Patricks Day gepasst.
»Du weißt schon, dass es Unglück bringt, auf See Grün zu tragen, oder?«, frage ich, um ein Gespräch in Gang zu bringen. »Das war natürlich nur ein Scherz.«
Sie grunzt – kein unfreundliches Geräusch – und folgt dem Hund, während er schnüffelnd und mit geschäftig wedelndem Schwanz das Deck umkreist. Ich laufe ein paar Schritte hinter ihr und lasse nicht von meinem Versuch einer Unterhaltung ab. Nachdem Sir Billy mich unter Verdacht gebracht hat, finde ich, es kann nicht schaden, ein paar Informationen über meine Mitreisenden in Erfahrung zu bringen. Vielleicht kann ich so die wirkliche Elster identifizieren.
»Ich frage mich, ob es schon etwas Neues über die Halskette gibt«, sage ich. »Entsetzlich, sich vorzustellen, dass es passiert sein muss, während wir beim Abendessen saßen und uns unterhalten haben.«
Sie beschleunigt ihre Schritte, aber ich halte mit. »Vielleicht sollte man Colefax auf die Suche ansetzen«, sage ich. »Jedenfalls, wenn man sie noch nicht gefunden hat.« Der Hund sieht zu mir und wedelt mit dem Schwanz.
»Bichons sind Wasserhunde, keine Spürhunde«, erwidert sie knapp und treibt ihn voran.
»Habt ihr es eilig? Ich dachte, Hunde bleiben gerne in Ruhe stehen und schnüffeln.«
»Es ist alles genau geplant«, sagt sie und deutet auf ihre Uhr. Mit Smartwatches kenne ich mich aus, weil Julie eine besitzt und ständig darauf besteht, mir mitzuteilen, wie viele Schritte sie geschafft hat. »Dreimal rund ums Boot am Morgen, dann andersherum am Abend.«
So mürrisch sie auch scheint, Karol-Kate nimmt ihre Aufgabe ernst. Gestern Abend beim Essen hat sie mir das ausgeklügelte Alarmsystem erklärt, das sie auf ihrem Handy eingerichtet hat. Wenn es yip yip! macht, ist es offenbar Zeit für eine Pinkelpause; grrrr! bedeutet Trainingseinheit; wau wau wau! heißt Happa-happa, und awUUUU! bedeutet Gassi.
»Gehen Elise und Shane auch manchmal mit ihm – oder überlassen sie alles dir?«
»Sie spielen lieber, als dass sie spazieren gehen. Shane mag ihn gern, aber Elise … Sie nimmt nur die Leine in die Hand, wenn sie eine Ausrede für eine Zigarettenpause braucht.« Ziemlich ungeschminkt, aber das ist mir lieber als Falschheiten. »Aber wir verstehen uns gut, nicht wahr, junger Mann?« Das Tier blickt mit seinen glänzenden Knopfaugen auf und nickt, auch wenn ich mir das möglicherweise nur einbilde.
»Vermisst er seine Schwester?«, frage ich. Anscheinend ist Colefax Teil eines Geschwisterpaares.
»Fowler ist nächstes Mal dran«, erwidert sie. Ich verstehe, warum die Namen eines berühmten Herstellers hochwertiger Tapeten und Wohntextilien einer Innenarchitektin zusagen, aber für eine Hündin ist es doch ziemlich unglücklich.
Ich wechsle das Thema. »Was ist mit dem Rest der Reisegesellschaft? Verstehst du dich gut mit ihnen?«
Grunzen. »Ich habe nicht viel mit ihnen zu tun.«
Hund und Sitterin drehen eine weitere Runde – noch einmal zweiunddreißig Schritte – und wollen gerade unter Deck gehen, als ich sie aufhalte.
»Ich wollte die ganze Zeit schon fragen, Karol-Kate, ist das eigentlich dein Beruf? Hunde auf Seereisen zu betreuen?«
Sie lacht. »Natürlich nicht! Für mich ist das eine Art bezahlter Urlaub, genau wie für dich. Ich habe keinen eigenen Hund, also ist das hier eine gute Lösung. Und während wir schon dabei sind, ich halte es für Leute wie uns für das Beste, im Hintergrund zu bleiben. Wenn ich du wäre, würde ich also aufhören, Privatdetektiv zu spielen.«
Angemessen geläutert mache ich mich auf den Weg zu Xéra. Wir haben uns darauf geeinigt, jeden Morgen und jeden Nachmittag zwei Stunden an ihren Memoiren zu arbeiten. Da Sir Billy und Russell die große Kabine für ihre dringenden Geschäftsgespräche brauchen, treffen wir uns heute im Salon.
Sie trifft mit höflicher Verspätung ein, umhüllt von einer Duftwolke und mit einer antiken Aktentasche aus weichem hellbraunem Leder. Wie immer trägt sie einen »privaten« Chypre-Duft von Guerlain, den das Parfümhaus exklusiv erst für ihre Mutter hergestellt hat und jetzt für sie. Aus dem Nichts materialisieren sich eine Kanne Tee – Lapsang Chinbara, eine kleine Aufmerksamkeit aus dem Hause Mariage Frères – und ein Teller mit Macarons, die man passend zum Dekor mit schimmerndem Puderzucker bestäubt hat. Xéra streift sie mit einem geringschätzigen Blick.
Ihr makelloses Make-up kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine ruhelose Nacht hatte. Schatten liegen unter ihren Augen, und ihr sonst so strahlendes Braun ist heute beinahe schwarz vor Anspannung und Kummer.
»Bee-yees wunderbares Geschenk – dieser unbezahlbare Schatz. Der Wert interessiert mich nicht, aber die Schönheit, die Geschichte … Wer würde uns so etwas antun?«, fragt sie.
Die Padparadscha-Halskette als Prunkstück des Schatzes von De Lage gehörte einst Xéras Großtante zehnten Grades – niemand anders als Madame (später Marquise) de Pompadour, die Geliebte Louis des XV. In einem weniger bekannten Boucher-Gemälde kann man das Schmuckstück an der gepuderten Brust ebenjener Dame sehen, der »Marquise-Schliff« (elliptisch mit abgerundeten Ecken) geschaffen in Nachahmung ihrer wunderschönen geschwungenen Lippen.
Die größte Tragödie ist jedoch – auch wenn ich das Xéra gegenüber nicht erwähne –, dass die Halskette, wenn man sie nicht schnell findet, zweifellos in ihre Bestandteile zerlegt und der Pompadour-Padparadscha neu geschliffen werden wird. Schließlich kann er so nie wieder ins Licht der Öffentlichkeit gelangen.
»Bee-yee war so stolz auf sein Geschenk! Er wollte, dass die ganze Welt davon erfährt. Ich hatte vor, ihn im Mai zur Met Gala zu tragen. Aber Paul, chéri, ich verrate dir ein Geheimnis, ganz unter uns: Ich habe die Hälfte bezahlt. So macht man es heutzutage, n’est-ce pas?«
Es gab Gerüchte, Liz Taylor hätte etwas zu den Diamanten dazugegeben, die Richard Burton ihr »gekauft« hatte, aber mir gefällt diese Vorstellung nicht – ganz und gar nicht. Taktvoll wechsle ich das Thema.
