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Carola Makris

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Beschreibung

Diebstahl, Intrigen und Mord - Privatdetektiv Nick Hamlet zwischen der modernen Großstadt-Welt und der archaischen Welt der Walfänger! Fayal / New York 1932. Auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik findet ein alter Walfänger einen Toten. Die Angst vor den Geistern der Vergangenheit kehrt auf die Insel zurück. In New York zieht der Privatdetektiv Nick Hamlet einen großen Auftrag an Land: Für die Transatlantische Telegrafengesellschaft fliegt er auf die Azoren-Insel Fayal, wo die Pläne und der Prototyp einer bahnbrechenden Erfindung auf mysteriöse Weise verschwunden sind. Bei seinen Nachforschungen findet er schnell heraus, dass es nicht nur um Diebstahl und Intrigen geht, sondern auch um Mord. Nicks Gratwanderung zwischen der modernen Großstadt-Welt und der archaischen Welt der Walfänger-Insel wird immer riskanter. Eine junge Frau, die ihm mehr bedeutet als er sich anfangs eingestehen will, gerät nur allzu bald in den gefährlichen Strudel der Ereignisse ...

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Carola Makris

Todesinsel

Historischer Kriminalroman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Fayal / New York 1932. Auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik findet ein alter Walfänger einen Toten. Die Angst vor den Geistern der Vergangenheit kehrt auf die Insel zurück. In New York zieht der Privatdetektiv Nick Hamlet einen großen Auftrag an Land: Für die Transatlantische Telegrafengesellschaft fliegt er auf die Azoren-Insel Fayal, wo die Pläne und der Prototyp einer bahnbrechenden Erfindung auf mysteriöse Weise verschwunden sind. Bei seinen Nachforschungen findet er schnell heraus, dass es nicht nur um Diebstahl und Intrigen geht, sondern auch um Mord. Nicks Gratwanderung zwischen der modernen Großstadt-Welt und der archaischen Welt der Walfänger-Insel wird immer riskanter. Eine junge Frau, die ihm mehr bedeutet, als er sich anfangs eingestehen will, gerät nur allzu bald in den gefährlichen Strudel der Ereignisse …

Inhaltsübersicht

Rückkehr

Kapitel 1

Kapitel 2

Schmerz

Kapitel 3

Schuld

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Begegnung

Kapitel 8

Kapitel 9

Befehl

Kapitel 10

Kapitel 11

Loyalität

Kapitel 12

Kapitel 13

Vertrauen

Kapitel 14

Siegerin

Kapitel 15

Hass

Kapitel 16

Kapitel 17

Tiefe

Kapitel 18

Kapitel 19

Verdacht

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Allein

Kapitel 24

Wahrheiten

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Danke …

Rückkehr

Pedro Medeiros war auch an diesem Morgen der Erste, der mit regelmäßigem Tap-tok, Tap-tok, Tap-tok durch die durchlässig werdende Dunkelheit stapfte. Er war stolz darauf, dass er in seinem Alter noch immer früher auf dem Weg zur Arbeit war als die Jungen. Er hatte es nicht weit. Seine Straße führte direkt auf den Hafen von Porto Pim zu. Dann ein Stück die Kaimauer entlang, zum Strand hinunter und den kurzen Weg zur Walfabrik hinauf. Außer seinen Schritten und dem Schmatzen und Gurgeln des Meeres störte kein Geräusch die morgendliche Stille. Der Monte da Guia war in tiefes Schwarz getaucht, nur am Horizont trennte sich langsam der Himmel vom Meer.

Der Walfang war Pedros Kraft, sein Leben. Früher war er mit hinausgefahren. Er würde das, gegen den Widerstand seiner Frau, auch jetzt noch tun, wenn da nicht das verdammte Holzbein wäre.

Seine Augen allerdings waren so scharf wie früher. Diesem glücklichen Umstand hatte er es zu verdanken, dass er in der Finsternis nicht über das liegen gebliebene Gerät stolperte.

»Meu deus – und dabei habe ich ihm hundert Mal gesagt, dass erst alles weggeräumt sein muss, bevor er Feierabend machen kann. Dieser Junge … so ein Leichtsinn. Wie schnell man sich da verletzen kann!« Er bückte sich ächzend und hob den schweren Haken auf. »Wenn ich nicht alles selber mache … ist doch nur ein Handgriff …« Er spuckte aus. »So was hätte mir früher nicht passieren dürfen. Da hätte mir der alte Capitan was erzählt.«

Er öffnete die unverschlossene Tür zu dem länglichen Geräteschuppen, machte die Lampe an und hängte den Haken an seinen Platz. Wenigstens hatten diese verdammten Amerikaner für elektrisches Licht gesorgt. Wenn er sie auch sonst nicht mochte und alles Neue, besonders wenn es aus Amerika kam, ablehnte – die Glühbirne würde er nicht mehr mit der Sturmlampe tauschen wollen.

Als er die feuchten Finger an seiner Hose abwischen wollte, blickte er entsetzt auf seine rauen, schwieligen Handflächen. Obwohl er an den Anblick von Blut gewöhnt war, stellten sich ihm jetzt die Nackenhaare auf. Er fühlte den Tod, aber nicht den der Wale.

 

Schweigend standen Pedro Medeiros und die anderen Walfänger im Licht der Morgendämmerung am Rand der steinernen Rinne. Normalerweise wurden hier die Wale über eine Seilwinde nach oben gezogen, um sie in der Fabrik zu zerlegen und zu verarbeiten. Auf halber Höhe lag ein verkrümmter Körper, das Gesicht nach unten, die Kleidung dunkel durchtränkt. Hortensienblüten waren auf und um ihn herum gestreut. Der alte Pedro schüttelte unablässig den Kopf. »Jetzt geht das wieder los!« Ein paar brummten zustimmend, andere wagten es nicht, auch nur den Blick zu heben. Die Schatten der Vergangenheit waren zurückgekehrt und mit ihnen die Angst.

Kapitel 1

New York im März 1932

Als ich an der langen Schlange vor »Reverend Daugherty’s Suppenküche« vorbeiging, blies mir ein kalter Wind entgegen. Kaum zu fassen, dass es schon März war. Der Schnee war in Regen übergegangen. Meine leichten Schuhe waren ungeeignet für dieses Schmuddelwetter. Durch die glatten Sohlen kam ich auf den Resten von Schneematsch und Eis hin und wieder ganz schön ins Rutschen. Und kalte Füße bekam ich auch. Aber ich hatte allen Grund, gut gelaunt zu sein, denn ich war auf dem Weg zu einem neuen Job. Um ehrlich zu sein, war es die erste richtige Anfrage überhaupt, seit ich auf eigene Rechnung arbeitete. Ein professionelles Auftreten war mir da wichtiger als ein bequemer Fußweg. Nach meinem spektakulären Abgang bei Pinkerton war das Geschäft so schlecht gelaufen, dass ich schon befürchtet hatte, mich demnächst der grauen Reihe der Hungrigen anschließen zu müssen. Kleinaufträge waren spärlich gesät, denn die Leute hatten andere Sorgen als untreue Ehepartner oder durchgebrannte Töchter. Wer rannte in diesen Zeiten schon freiwillig von zu Hause weg. Oder gestohlene Autos. Die meisten hatten ohnehin kein Geld für Benzin. Und wirklich große Aufträge, die zog man sowieso nicht alle Tage an Land. Eine lukrative Abwechslung war genau das, was ich im Moment dringend brauchte. Ich musste endlich mal wieder aus meinen vier Wänden rauskommen. Das würde Heizkosten sparen, und vom frisch Verdienten könnte ich die eine oder andere Rechnung zahlen. Heute kam’s drauf an.

Als ich endlich das Gebäude der Transatlantischen Telegrafengesellschaft erreichte, nahm ich schnell die Stufen zu dem breiten gläsernen Eingang hinauf, immer zwei auf einmal. Hier war die Welt plötzlich wieder in Ordnung. Wenn ich in Ordnung sage, dann meine ich, wie vor sieben oder acht Jahren. Damals hatte ich mir meinen Kühlschrank gekauft und sogar mal mit einem Auto geliebäugelt. Bei der Trans-Tele schien die Zeit genau da stehen geblieben zu sein.

Ein livrierter Pförtner wies mir den Weg zum Fahrstuhl. Durch meine dünnen Schuhsohlen drang bei jedem Schritt die Kälte des Marmors. Fühlte sich auch nicht besser an als das eisige Straßenpflaster. Während ich auf den Aufzug wartete, der sich im achtzehnten Stock befand, nutzte ich die Zeit, um vor den komplett verspiegelten Fahrstuhltüren mein Äußeres kritisch zu überprüfen. Ich klopfte meinen Hut mehrmals auf die Hand, dass die Wassertröpfchen nur so spritzten, und kämmte mit den Fingern durch meine Haare. Ein feines Klingeln, der Fahrstuhl hielt im fünfzehnten Stock an. Ich setzte den Hut wieder auf. Die Schulterpolster meines schweren grauen Mantels ließen mich bullig erscheinen. Ich sah aus wie Jack Dempsey, bevor er seine Karriere nach dem letzten Kampf gegen Gene Tunney beenden musste. Da ich jedoch meine Karriere hier beginnen wollte, zog ich den Mantel lieber aus. Auch ohne Schulterpolster konnte ich mich durchaus sehen lassen. Ein erneutes Klingeln und ein Blick auf die Stockwerksanzeige. Der verschnörkelte Messingpfeil rutschte langsam über die Acht, der Sieben entgegen. Mein sommerlicher Anzug passte, genau wie meine Schuhe, eigentlich nicht zu Matschwetter und Schneeregen, aber er war mein bestes Stück. Ich rückte die Krawatte zurecht und trat einen Schritt zurück. Der Messingpfeil über der Fahrstuhltür näherte sich der Drei. Nicht übel, was mir da entgegenblickte. Die Fahrstuhltür öffnete sich, und mein Spiegelbild verschwand. Stattdessen erschien ein Knabe in Livree, der zwei Fahrgäste entließ, bevor er mich hereinbat. Im letzten Stockwerk öffneten sich die Türen, der Liftboy ging einen Schritt zur Seite, und ich betrat die Etage der Mächtigen.

Die kühle Schönheit hinter dem Empfangstisch musterte mich mit betont auffälligem Desinteresse, bevor sie mich zu einer etwas entfernt stehenden ledernen Sitzgarnitur bat und mich dann anmeldete. Ich sank tief in das genarbte Leder ein, schloss die Augen und lauschte den hohen Absätzen, die sich klackend entfernten. Ein anmaßendes, reiches Geräusch, das schon bald von dicken Teppichen verschluckt wurde. Das Klopfen an die hohe schwere Holztür drang von weitem zu mir herüber, bevor die Frau dahinter verschwand, um kurze Zeit später wieder im Empfangsbereich aufzutauchen.

»Die Herren lassen bitten.« Mit einer vornehmen Geste und einem nicht ganz so vornehmen Augenaufschlag deutete sie auf die geöffnete Tür.

»Danke … Lady«, raunte ich ihr im Vorbeigehen zu, gerade so laut, dass es außer ihr niemand hören konnte. Ihre dunkelrot geschminkten Lippen öffneten sich, aber ihr fehlte die Art Schlagfertigkeit, die man für eine schnelle Reaktion braucht. Und die ich bei Frauen so liebte.

Ich erwartete, hinter dem riesigen Mahagonischreibtisch einen Zigarre rauchenden wohlbeleibten Herrn mit goldener Uhrkette über der Weste vorzufinden, doch ich wurde enttäuscht. Ein kleiner dünner Mann, der eine Zigarette in den überfüllten Aschenbecher drückte, erhob sich und kam um den Tisch herum auf mich zu.

»Mr. Hamlet, guten Tag, ich bin Wilbur Smithon, Direktor der Transatlantischen Telegrafengesellschaft …« Sein Händedruck war entgegen meiner Erwartung recht kräftig. »… und das ist Mr. Loy, unser Sicherheitschef.« Er stellte den eleganten Herrn vor, der sich aus einem der beiden Ledersessel erhob, die vor dem Schreibtisch standen.

»Wir kennen uns bereits.« Während ich Loy noch die Hand schüttelte, sprach Smithon weiter.

»Richtig, wir haben ja vor einiger Zeit schon einmal Ihre Dienste über die Pinkerton-Agentur in Anspruch genommen. Deshalb wenden wir uns auch in dieser Sache an Sie.«

Ich war überrascht. Warum wandte sich ein so renommiertes Unternehmen wie die Trans-Tele nicht auf dem üblichen Weg an eine Agentur wie Pinkerton? So spektakulär war der Fall, den ich damals übernommen hatte, nun auch nicht gewesen, dass nur ich für einen neuen Auftrag in Frage kam. Bevor ich mich weiteren Spekulationen hingeben konnte, fuhr Smithon mit seinen Ausführungen fort.

»Es ist eine delikate Angelegenheit … und natürlich streng geheim.« Smithons Feuerzeug flammte auf, und er zog hastig an seiner Zigarette. Seine etwas geröteten Augen verschwanden ganz kurz hinter einem Rauchschleier. Als ich ihn wieder besser sah, fiel mir seine ungesunde Gesichtsfarbe auf, und die Ringe unter seinen Augen deuteten auf schlaflose Nächte hin. Entweder verbrachte er diese mit einer anstrengenden Frau, oder der Fall, mit dem er mich betrauen wollte, ging mit ihm ins Bett.

»Mr. Loy war aus diesem Grund auch dafür, Sie direkt zu kontaktieren, damit diese Angelegenheit nicht unnötig … publik wird.« Er nickte seinem Sicherheitschef zu. »Loy, ich darf Sie bitten!«

»Selbstverständlich, Herr Direktor.« Loy wandte sich mir zu. Er war das ganze Gegenteil von Smithon: ruhig, nüchtern und geschäftsmäßig distanziert. Er bot keinerlei Angriffsfläche. Mit wenigen klaren Worten setzte er mich ins Bild. »Es geht um unsere Tochtergesellschaft, die American Telephone and Telegraph Company. Sie hat ihren Sitz auf der Azoren-Insel Fayal mit dem Schwerpunkt Forschung. Die ATTC steht kurz vor einem revolutionären Durchbruch: ein Fernschreibsystem für private Teilnehmer. Gestern erreichte uns ein Kabel aus Fayal – der entscheidende Teil unseres Prototyps ist verschwunden.«

Ich stieß einen leisen Pfiff aus. »Das ist allerdings brisant. Haben Sie einen Verdacht?«

»Nun, auf der Insel gibt es noch einige andere internationale Telegrafen- und Telefongesellschaften. Italiener, Deutsche, Engländer … Deren Interesse an unserer Forschung liegt klar auf der Hand.«

Also kein konkreter Verdacht, aber jede Menge Möglichkeiten. Hinter dem Schreibtisch räusperte sich Smithon, während er seine halb gerauchte Zigarette ausdrückte.

»Danke, Loy«, nickte er seinem Sicherheitschef zu und sprach mich erneut an. »Wir können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sich der Prototyp noch auf der Insel befindet und auch dort den Besitzer wechseln wird. Deshalb möchten wir, dass Sie nach Fayal fliegen. Bringen Sie uns den Prototyp zurück, bevor die Konkurrenz das System entschlüsselt hat.« Er zündete sich die nächste Murat an. »Sie sprechen nicht zufällig Portugiesisch?« Die Frage klang resigniert und keinesfalls so, als würde er darauf eine positive Antwort erwarten.

»Doch … ja, ich spreche Portugiesisch.« Zum Glück konnte ich lügen, ohne dabei rot zu werden. Nun, ganz gelogen war es nicht. In jugendlichem Alter hatte ich die Muttersprache des Menschen lernen wollen, der zwar für meine Existenz verantwortlich war, sich jedoch nach meiner Geburt einen Teufel darum geschert hatte. Portugal, seine Eroberer und Kolonien waren mir damals eine innere Insel geworden, auf die ich mich zurückziehen konnte, wenn mir das Leben in den schmuddeligen Straßen von Brooklyn zu anstrengend wurde. Dass von meinen damaligen Sprachstudien nur noch kümmerliche Fragmente übrig geblieben waren, würde ich Smithon nicht auf die Nase binden.

»Gut. Sehr gut.« Smithon klang, als wäre mit meinen Sprachkenntnissen der Fall schon halb gelöst. Ich war sein Strohhalm und er meiner. »Können Sie gleich morgen Abend aufbrechen?« Erwartungsvoll blickte er mich an.

»Nun, bevor ich ans Kofferpacken denke, wäre noch die Frage meines Honorars zu klären …« Ich wusste zwar von früher, dass die Transatlantische Telegrafengesellschaft großzügig war, aber Gelddinge klärte man besser vorab.

»Selbstverständlich. Wir sind bereit, zusätzlich zu Ihrem üblichen Satz noch fünfzig Prozent Erfolgsprämie zu zahlen.«

Ich nickte langsam, bemüht, mir meine freudige Überraschung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. »Hundert pro Tag plus Spesen.«

Loy grinste unangenehm, sah jedoch zur Seite, als ich seinem Blick begegnete.

Erleichtert zog Smithon an seiner Zigarette. »Geht in Ordnung, Hamlet.«

Ich stand auf. Auch Smithon und Loy erhoben sich.

»Übrigens, unser Mann vor Ort, Generaldirektor P. H. Dabney, wird Sie selbstverständlich bei Ihren Ermittlungen unterstützen und Ihnen vor allem die bürokratischen Wege ebnen. Er ist ein einflussreicher Mann.«

Das war zwar gut gemeint, aber ich beschloss insgeheim, so zu arbeiten wie immer – allein und ohne Hilfe von Dritten. Damit machte ich gewöhnlich die besseren Erfahrungen.

Kapitel 2

Ich schlug den Kragen hoch, versenkte die Hände in den Taschen meines Mantels und machte mich mit langen Schritten auf den Weg. Die Straßen, durch die ich ging, wirkten plötzlich so geschäftig, als hätte ein neuer Wirtschaftsboom eingesetzt. Es war inzwischen dunkel geworden und noch um einige Grad kälter. Vermummte Menschen hasteten an mir vorbei. Jeder ein Einzelkämpfer auf dem Weg Gott weiß wohin. Nasskalte Dunkelheit verschluckte die Gestalten, die sich in Hauseingänge drückten, um dem schneidenden Wind zu entgehen. Die Bettler, die mit angezogenen Knien auf dem kalten Pflaster saßen und vor sich hin starrten, waren nur noch stumme Schatten, ohne erkennbare menschliche Form.

Ich war froh, als ich endlich bei Smitty ankam, und ging schnell die acht Stufen hinunter. Ich war der erste Gast an diesem Abend. Noch war es kühl in dem niedrigen Kellergewölbe. Es roch nach kaltem Rauch. Das würde sich schnell ändern, wenn die Bar, wie jeden Abend, von Smittys Stammkundschaft erobert würde. Wenn, in aller Heimlichkeit natürlich, Gin und Scotch flossen und das steigende Stimmungsbarometer auch die Temperaturen klettern ließ.

»’n Abend, Nick. Wie immer?«

Ich nickte und sah zu, wie Smitty seine beste Kreation, den Corky-Lime mixte. Er goss Orangen- und Limettensaft zusammen mit einem Schuss Grenadine-Sirup in den silbernen Shaker und schüttelte das Ganze mit einem Löffel zerstoßenem Eis zu einem Cocktail.

»Ein Strohhalm oder zwei?« Smitty blickte mich fragend an.

»Zwei – zur Feier des Tages.«

Er nahm die kleine Gießkanne, die zwischen seiner Kakteensammlung auf dem schmalen Sims vor dem Kellerfenster stand. Aus der zierlichen Tülle goss er eine hellgelbe Flüssigkeit in zwei dicke Trinkhalme, die am unteren Ende mit einem Zuckerpfropfen verschlossen waren. »Wozu darf ich dir denn gratulieren?«

»Zu einem neuen Job.« Ich nahm mein Glas entgegen und rührte mit den beiden Strohhalmen darin herum. Von der anderen Seite des Raumes drangen leise Klaviertöne an mein Ohr. Der Pianist, der kurz nach mir eingetroffen war, saß im Mantel, mit hochgeschlagenem Kragen vor den Tasten. Er spielte die ersten Töne eines Blues rauf und runter, um die von der Kälte steifen Gelenke aufzuwärmen.

Smitty begann, Gläser abzutrocknen. »Was Größeres?«

»Hm-m. So ziemlich der größte Auftrag, den ich je an Land gezogen habe.« Smitty hielt kurz mit dem Abtrocknen inne und schaute mich interessiert an, ohne jedoch eine einzige Frage zu stellen. Die Diskretion in Person. Neugieriges Aushorchen oder unerwünschte Kommentare waren für ihn undenkbar. Diese Tugend würde ihm sicher ein langes Leben bescheren.

»Wenn ich diesen Fall gelöst habe, wird sich mein berufliches Dasein in anderen Dimensionen abspielen als bisher. Genau so einen Auftrag habe ich gebraucht.«

»Du hast es verdient, Nick. Sid wäre stolz auf dich.«

Sid. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals.

»Hey, Smitty«, rief es vom Klavier herüber. »Wie findest du das? Soll ich’s in mein Repertoire aufnehmen? Hör mal!«

Der Pianist begann zu spielen. What did I do to be so black and blue? Wie passend!

Ich sog versuchsweise an einem Strohhalm, um den Kloß wegzuspülen, doch der Zuckerpfropfen hatte sich noch nicht aufgelöst.

Junge, hatte Sid immer gesagt, in dir steckt ein ganz Großer. Musst ihn nur rauslassen. Er musste es wissen, denn schließlich hatte ich es ihm zu verdanken, dass ich in diesem Job endlich gefunden hatte, was ich immer gesucht hatte: Abenteuer, Abwechslung, und denken durfte ich auch. Ich war gleichzeitig Polizist, Beichtvater, Schauspieler und bei Bedarf auch Scotch-Tester und Gigolo. Es war wie Schachspielen im Urwald, und der Urwald hieß New York.

Sid hatte mir viel mit auf den Weg gegeben. Wir waren ein Spitzenteam gewesen. Und dann war’s vorbei. Von einer Sekunde auf die andere. Unwiederbringlich.

Die Tür flog auf, und ein kalter Luftschwall kündigte die nächsten Gäste an. Zwei Pärchen, die sich einen Tisch in einer Nische suchten. Der Klavierspieler zog den Mantel aus, dehnte seine Finger durch, so dass ich das Knacken bis hierher hörte, und begann zu spielen. Ich testete erneut, ob sich der Zuckerpfropfen aufgelöst hatte. Dieses Mal mit Erfolg. Das altvertraute Brennen stieg mir bis in die Nase, während ich die edle Flüssigkeit in kleinen Schlucken meine Kehle hinabfließen ließ.

Sid war der Detektiv schlechthin gewesen. Doch trotz seiner untrüglichen Instinkte hatte er einen großen Fehler gehabt – er hatte Frauen grundsätzlich keine wirklich schlimmen Verbrechen zugetraut. Die Kugel, die ihn am helllichten Tag auf einer belebten Straße niedergestreckt hatte, war von einer rachsüchtigen Frau abgegeben worden. Und ich … Ich atmete tief ein, doch die Luft schien meine Lungen nicht mehr zu erreichen.

»Noch einen, Smitty.«

Smitty wirbelte mit einem weißen Tuch durch ein frisch gespültes Glas. Er schaute mich nur kurz an und mixte mir dann einen weiteren Drink. Er stellte das Glas vor mich hin, ohne sich jedoch gleich wieder seiner Arbeit zuzuwenden.

»Er könnte noch leben, verstehst du! Er könnte noch leben, wenn ich nicht … Ich hätte ihm wenigstens sagen müssen, dass ich seit der Sache mit Mikey …«

Smitty schüttelte den Kopf. Was sollte er auch anderes tun. An seiner Theke endeten viele Geschichten. Und in dieser war ich der Einzige, der die ganze Wahrheit kannte.

Dann kam die Wut. Wieder einmal. Wut, die mich immer wieder auf die Beine gebracht hatte, die mich vor dem Untergang gerettet hatte. Wut auf alles und jeden. Angefangen mit Sids früherem Partner, diesem schmierigen Schnüffler. Ich sehe noch heute das Grinsen und höre den überheblichen Ton in der Stimme dieses unrasierten Geiergesichtes: »Pech für Sid. Naiv das Ganze. ’nem wirklich guten Detektiv passiert so was einfach nich. Und wenn dann noch der Partner, auf den man sich blind verlässt, nich fähig is, mit ’ner Waffe …« Ihm seinen abgekauten Zahnstocher aus dem Mund zu schlagen und den Kinnhaken zu platzieren, war eins gewesen. Ich war mindestens so überrascht wie er, als er da vor mir auf dem Boden lag. Er war so perplex, dass ausgerechnet ich die Beherrschung verloren hatte, dass er sich gegen den Hagel von Schlägen und Tritten, die meinem Kinnhaken folgten, kaum zur Wehr gesetzt hatte.

Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte er mit schmerzverzerrtem Gesicht gegrinst. »Kannst deinen letzten Lohn abholen, Hamlet. Aus isses mit der Karriere bei Pinkerton.« Ich hatte bereits gekündigt, ehe mir jemand zuvorkommen konnte. Ich baute mich vor meinem ehemaligen »Kollegen« auf und musterte ihn mitleidig. »Meinen letzten Lohn, Geier, den habe ich Reverend Daugherty vermacht. Ich arbeite nur, wenn mir mal langweilig ist.« Zur Unterstützung meiner Hochstapelei warf ich ihm meinen letzten Dollar zu. Trotz seiner gebrochenen Rippen kroch er auf dem schmutzigen Boden herum, um ihn aufzuheben. Ich empfand eine zweifelhafte Genugtuung, die sich jedoch nur allzu schnell in Ekel verwandelte.

Ein bitteres Lachen entfuhr meiner Kehle. Fremd, so als würde ein anderer lachen. Und ausgerechnet ich hatte heute einen Riesenauftrag an Land gezogen. Ich nahm die Strohhalme aus dem Glas und kippte meinen Drink in einem Zug hinunter. Die anfänglich empfundene Freude war dahin.

Ich drehte mich um und versuchte, meine düsteren Gedanken abzuschütteln. Die Bar war mittlerweile ganz gut besucht. Am Klavier lehnte Billie. Ich hatte sie noch gar nicht bemerkt, so sehr war ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit hängen geblieben. Ihr Kleid aus weinroten Pailletten glitzerte sanft bei jeder Bewegung. Weinrot auf schwarzer Haut. Der Blues legte sich über das allgemeine Stimmengemurmel. »In my solitude you hug me …«

Neben mir arbeitete sich eine massige, schwer atmende Gestalt auf den Barhocker hinauf.

Mit einem Blick auf seinen neuen Gast füllte Smitty erneut den Shaker und schwang ihn unter leichten Drehungen auf und ab.

»Hey, Nick, wie geht’s denn immer so?« Das Atmen neben mir wurde zu einem Pfeifen, das sich mit Billies Stimme mischte.

»… in my solitude you talk to me …«

Ich war froh über die Ablenkung und grüßte mit dem erhobenen Glas.

»Na, Joe, lange nicht gesehen. Wie laufen die Geschäfte?«

»Für mich auch ’nen Corky-Lime«, röchelte Joe Morelli über die Theke, »mit zwei Strohhalmen.« Sein Grinsen präsentierte die unverkennbare Lücke zwischen seinen Schneidezähnen.

Joe Morelli hatte den Spitznamen »Der Macher« – nicht etwa, weil er tatsächlich eine große Nummer gewesen wäre; für ihn war einfach nur alles machbar. Was auch immer schwer zu bekommen war, von der vertraulichen Information bis zum kubanischen Rum, Morelli fand einen Weg und machte das Unmögliche möglich. In Zeiten der Prohibition eine wahre Wohltat für alle, die es sich aus beruflichen Gründen nicht leisten konnten, auf dem Trockenen zu sitzen. Sein guter Geschäftssinn kam jedoch durch sein weiches Herz nie richtig zur Geltung. »Un cuore come una casa«, pflegten seine Landsleute ihn mit wenigen Worten treffend zu beschreiben. Vielleicht tingelte er ja deshalb noch immer zwischen Smittys Bar und Bettys Motel hin und her, statt sich potentere Kunden im Plaza oder bei Lobsters zu suchen. Nach meinem furiosen Abgang bei Pinkerton hatte er mir gratuliert: »Gut gemacht! Sind doch keine Leute für dich, Nick. Wenn du willst, ich besorg dir ’nen neuen Job.« Damals hatte er keinen blassen Schimmer, was in mir vorging. Wie sollte er auch.

»… I sit in my chair, filled with dispair …« Billie sang mir mal wieder aus dem Herzen. Ich würde ihr später in der Pause einen »Blue Night« spendieren.

Damals hatte ich mir vorgenommen, weiterhin als Privatdetektiv zu arbeiten, allerdings auf eigene Rechnung, und hatte Morellis gut gemeintes Angebot abgelehnt. Wie schwer das in den Zeiten der Depression werden würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen. Seitdem waren fast zwei Jahre vergangen, und eine Menge Leute waren aus Verzweiflung von der Brooklyn-Bridge gesprungen. Aber ich hatte nicht einen Tag mit dem Gedanken gespielt, mich wieder bei einer großen Agentur zu bewerben. Das Warten hatte sich gelohnt. Mit dem Auftrag der Transatlantischen Telegrafengesellschaft war meine Stunde gekommen.

Das Schlürfen neben mir riss mich aus meinen Gedanken. Joe hatte seinen Corky-Lime zusammen mit dem hochprozentigen Inhalt der beiden Strohhalme genüsslich inhaliert. »Na, Nick«, pfiff es leicht feucht in mein linkes Ohr, »wie läuft’s denn immer so? Schon lange keine Bestellung mehr von dir gehabt – bist wohl wunschlos glücklich?«

»… in my solitude you talk to me, with memories that never die …«

Joe gluckste und lachte so, dass sein Barhocker beängstigend ins Schwanken geriet. Es gab mir allerdings zu denken, dass die Vorstellung, ich sei wunschlos glücklich, jemanden derart erheitern konnte. Und trotzdem liebte ich ihn heute für seine schnoddrige Art.

»Hm-m. Da hast du heute voll ins Schwarze getroffen. Es gäbe da schon etwas.«

Joes Augen glänzten, während er auf dem Barhocker so lange herumrutschte, bis er mir endlich richtig gegenübersaß.

»Du weißt ja, für Morelli is nix unmöglich«, grinste er.

»Eilt allerdings. Ich hab ’nen Auftrag und muss schon morgen weg …«

»Hey, Mensch, Nick, herzlichen Glückwunsch!« Morelli schlug mir mehrmals seine kräftige Hand auf die Schulter. Noch nie war ich jemandem begegnet, der sich so begeistert mit anderen mit freuen konnte wie Morelli. Zu seinem Schulterschlag gesellte sich das Klatschen vieler Hände. Billie hatte ihr Lied beendet und genoss sichtlich ihren Applaus.

Ich rieb mir die Schulter. »Ich brauche ein paar Hintergrundinformationen: erst mal über die Azoren-Insel Fayal ganz allgemein und dann …«

»Moment, Moment!« Joe zog einen angekauten Bleistift und einen kleinen Schreibblock mit Eselsohren aus der Tasche seines Jacketts. »So …« Er blätterte noch geraume Zeit, bis er eine freie Seite gefunden hatte. »Welche Informationen brauchst du?«

Ich zählte auf: »Azoren-Insel Fayal; Telekommunikationszentren auf der Insel – aus welchen Ländern kommen sie und so weiter; Familie Dabney, vor allem der jetzige Generaldirektor der Transatlantischen Telegrafengesellschaft …«

»Nich so schnell, Nick! Meine Sekretärin musst ich entlassen, und ich kann nich stenografieren … also … Dabney … Te-le-gra-fen-ge-sell-schaft. Ja, weiter.«

»Hmm, wenn möglich noch eine kurze Kriminalitätsstatistik des letzten Jahres.«

Morelli stöhnte auf.

»Ich weiß, Joe, keine leichte Sache. Hoffe, du kriegst das so schnell hin. Und … da wäre noch was …«

»Na, das denk ich mir fast.« Er blickte mich erwartungsvoll und irgendwie altklug an.

»Meinst du, du könntest mir schnell noch einen Lederkoffer besorgen?«

Er schaute mich unverwandt an und senkte dann den Blick. Bedächtig trommelte er mit den Fingern seiner Rechten auf die Theke. Was hatte er wohl jetzt noch auf Lager?

»Weißt du, Nick, ich will ja nich … also, so’n Koffer, das is überhaupt kein Problem, überhaupt nich …«

»Gut. Dann war’s das. Mehr brauche ich nicht.«

»Bist du sicher? Also … ich könnt dir auch noch was anderes besorgen …«

»Na, komm schon, Joe, spuck’s aus. Worum geht’s?«

Joe beugte sich zu mir herüber und flüsterte fast: »’ne Knarre, Nick. Du brauchst ’ne Knarre!«

Ich hätte es mir ja fast denken können. Seit der Sache mit Sid hatte ich keine Waffe mehr getragen. Ich hatte sie damals weggeschlossen und nie mehr angerührt. Was nützt eine Waffe, wenn man es nicht schafft, im richtigen Moment abzudrücken. Abdrücken, verletzen, töten. Das musste man draufhaben. Ich hatte es aber nicht drauf. Das Bild von Mikey und der Blutlache, die langsam um ihn herum wuchs, drängte nach vorne. Ich versuchte, die Erinnerung abzuschütteln.

Morelli nahm besorgt meinen Arm. »Hey, Nick, alles klar?«

»Geht schon, Joe.«

Morelli war nur einer meiner Freunde, die von Zeit zu Zeit versuchten, mich eines Besseren zu belehren. Vielleicht sollte ich doch … Nein, ich schüttelte den Kopf.

»Vergiss es, Joe!«

»Aber Nick, hör mal …«

»Nein, tu ich nicht! Das Thema ist durch. Ein für alle Mal.«

Joe hob beschwichtigend die Hände. »Okay, okay, geht klar, Nick. Aber ich sag dir, da machst du ’nen Fehler.«

»Den Fehler, von dem du sprichst, den habe ich schon vor langer Zeit gemacht.«

Schweigend blickte Joe mich eine ganze Weile an. »Morgen hast du deinen Lederkoffer. Hey Smitty, noch mal zwei Corkies. Nick und ich müssen was feiern.«

Ich war erleichtert, dass er das Thema wechselte. Die Drinks waren rasch gemixt und fast genauso schnell getrunken. Joe und ich sprachen nur noch über belanglose Dinge. Obwohl es ihm sicher nicht leichtfiel, wagte er keinen zweiten Versuch, mir eine Waffe anzudrehen.

Die Bar war mittlerweile fast so gut besucht wie die Jobvermittlung. Die Luft roch nach Zigarettenrauch und Alkohol. Das gekonnte Spiel des Pianisten war zur Hintergrundmusik geworden. Zeit für mich zu gehen. Morgen war mein Tag.

»Vergiss meinen Koffer nicht, Morelli.« Ich grüßte Smitty und warf Billie, die neben dem Klavier den nächsten Song zum Besten gab, eine Kusshand zu. Unter den Klängen von I’ll get by machte ich mich auf den Weg.

Der kalte Messingtürgriff ließ sich nur schwer drehen. Draußen erwartete mich die feuchtkalte New Yorker Nacht. Es schien mir wie November, nicht wie März. Mich fröstelte. Ich zog den Hut tiefer in die Stirn und schlug den Mantelkragen hoch. Ein schöner Gedanke, dieser Kälte für zwei Wochen entfliehen zu können. Meine Schritte hallten auf dem schwarz glänzenden Asphalt, und wie ein Echo setzte sich das leisere Geräusch anderer Schritte dazwischen. Ich dachte an die Knarre, die Morelli mir hatte verkaufen wollen. Als ich die Hände tief in die Manteltaschen grub, ertastete ich das Zigarettenpäckchen. Ich blieb stehen, nahm die letzte Murat heraus und suchte nach meinem Feuerzeug. Neben mir kamen die Echo-Schritte zum Stehen. Meine Hand griff das Feuerzeug. Noch bevor ich es herausholen konnte, flammte ein Streichholz auf. Zum Schutz vor dem Wind legte ich meine Hände um die blasse behaarte Hand, die das Streichholz hielt, und zündete meine Zigarette mit einem tiefen Zug an. Das kurz erleuchtete Gesicht des Mannes verschwand mit dem Erlöschen der Flamme wieder im Schatten seiner Hutkrempe, als ich mich bedankte und weiterging. Nein, ich würde nie wieder eine Waffe tragen.

Schmerz

Die junge Frau war ganz in Schwarz gekleidet. Ein dünnes Spitzentuch verbarg nicht nur ihr Haar, sondern auch den größten Teil ihres Gesichtes, so tief hatte sie es heruntergezogen. Sie stand im Halbdunkel des kühlen, hohen Flurs. Eine zusammengesunkene Figur auf einem steinernen Schachbrett. Die Kälte der Fliesen kroch langsam durch ihre dünnen Schuhsohlen. Doch sie spürte nichts.

Auch als sich eine Tür öffnete und diffuses Licht in den Flur drang, stand sie weiterhin unbeweglich in der Mitte. Starr und leblos schien sie förmlich aus den Fliesen herauszuwachsen. Ein Mann, der im Gegenlicht der geöffneten Tür wie ein übermächtiger schwarzer Schatten wirkte, kam langsam auf sie zu. Er zögerte kurz und legte dann seinen Arm um ihre Schultern. Widerstandslos ließ sie sich von ihm in den Raum führen, aus dem er gekommen war.

»Maria.« Er berührte sacht ihren Arm. Plötzlich begann sie zu zittern, ein Schluchzen erschütterte ihren Körper. Es war, als hätte der Klang seiner Stimme sie von weit her zurückgeholt. Er führte sie behutsam zu einem der hohen Lehnstühle, die um den Tisch in der Mitte des Raumes standen. Sie setzte sich auf die Stuhlkante und weinte. Ihre Hände wischten unablässig über ihre Augen und ihre heiße Stirn. Schweigend und aufrecht wartete er, bis das Weinen abebbte und schließlich ganz aufhörte. Als sie ihr Gesicht hob, sah sie ihren eigenen Schmerz in seinen Augen. Und noch etwas anderes. Furcht, einen Abgrund. Dennoch setzte er sich ihr gegenüber, ohne ihrem Blick auszuweichen. Zögernd, fast linkisch legte er seine Hände über ihre Finger. Kinderfinger, trotz ihrer einundzwanzig Jahre, fiebrig und nass geweint.

»Maria, du bist stark.« Er sprach langsam, betonte dabei jedes Wort.

Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie schüttelte heftig den Kopf und wollte aufstehen. Der alte Mann drückte ihre Hände und hielt sie mit sanfter Gewalt zurück.

»Er wollte immer, dass du stark wirst.« Sie konnte sich seinem Blick und seinen Worten nicht entziehen. Ein winziger Hauch der Stärke, die darin lag, übertrug sich auch auf sie. Sie wollte das nicht, sie wollte weinen, schreien, irgendetwas zerreißen … sie wollte aufwachen aus diesem Albtraum. Doch seine Gegenwart gab ihr ein Stück Boden unter den Füßen zurück. Der Wirbel in ihrem Inneren wurde langsamer, kam zur Ruhe.

»Geh nach Hause und schlafe. Ich werde alles regeln. Morgen komme ich und sehe nach dir.«

Sie erhob sich langsam. Der alte Mann nahm neben seinem Stuhl Aufstellung. Er wirkte wie ein General in Zivil, der Stärke und Selbstdisziplin ausstrahlte. Wie immer. Und doch schien es ihr, als wäre es diesmal nicht echt, nicht er. Sie sollte ihm danken, brachte jedoch kein Wort hervor. Ohne sich noch einmal umzuwenden, verließ sie den Raum.

Kapitel 3

Das monotone Dröhnen der Propeller wirkte einschläfernd auf mich, obwohl ich mir vorgenommen hatte, von diesem Flug nicht eine Minute zu verschlafen. Dass alle anderen Passagiere bereits in ihren Kojen träumten und schnarchten, machte es nicht leichter für mich. Gähnen und Schlafen sind ja bekanntlich ansteckend. Außer mir wachte nur noch der nervöse Herr, der mir gegenübersaß.

Allein der Flug war den Auftrag schon wert. Ich hatte die Ehre, am Jungfernflug eines Sleeper-Planes teilzunehmen, und war aufgeregt wie ein Junge, der versehentlich über Nacht bei »Candyman & Sons« eingeschlossen war. Das Flugzeug war mit allem nur erdenklichen Komfort ausgestattet: Sitz- und Schlafplätze für zwölf Personen, größer und bequemer als in der Eisenbahn; für allen Luxus war gesorgt – Kleidernetze und -aufhänger, Stauraum für das Reisegepäck, individuell einstellbare Ventilation, Zeitschriftentaschen und Aschenbecher an jedem Sitz. Aber das Beste war ein Klingelknopf in Kopfhöhe, der nicht etwa einen brummigen Bordstewart herbeirief, sondern eine Traumfrau, die umgehend nach den Wünschen der Passagiere fragte. Bisher hatte ich der Versuchung widerstanden, aufs Knöpfchen zu drücken, aber ich hatte plötzlich das Gefühl, dass mir ein Kaffee verdammt gut tun würde. Wer so reiste, hatte eine Suppenküche sicher noch nicht mal von weitem gesehen. Erstaunlich, dass es Leute gab, die sich das heute noch leisten konnten. Ich lehnte mich zurück und streckte die Beine aus. In solchen Momenten liebte ich meinen Job. Dies war mein erster Flug überhaupt, aber irgendwie spürte ich, dass noch viele weitere folgen würden.

Langsam merkte ich, dass meine Kraftreserven auf den Nullpunkt zuliefen, denn auch die Nacht davor war durch Billies späte Gesellschaft und das frühe Auftauchen Morellis gnadenlos verkürzt worden.

Ich hatte nicht schlecht gestaunt, als ich zu unchristlich früher Stunde schlaftrunken die Tür öffnete und in das grinsende Gesicht von Joe Morelli blickte. Er hatte Sturm geklingelt und war schnurstracks an mir vorbeigegangen, in mein Wohnzimmer, wo er einen dunkelbraunen Lederkoffer in die Mitte des Raumes stellte.

»Na, was sagst du?«, fragte er stolz mit einer gewichtigen Handbewegung in Richtung des Koffers.

»Erst mal guten Morgen«, erwiderte ich gähnend.

Joe strahlte über das ganze Gesicht, bückte sich schwer atmend und ließ nacheinander die beiden Schlösser des Koffers aufschnappen. Als er den Deckel hochklappte, sah ich auf dem Boden des ansonsten leeren Koffers einen dünnen Stapel zusammengehefteter Blätter liegen. Und ein paar nagelneue Schuhe. Meinen fragenden Blick quittierte Joe mit einem Achselzucken.

»Die waren im Preis mit drin. Ist doch deine Größe, oder?«

Morelli war unbezahlbar. Ich hatte mit beiden Händen mein unrasiertes Gesicht gerieben und beschlossen, diese kurze Nacht mit zwei, drei Tassen starken Kaffees endgültig zu verabschieden. Die Aufzeichnungen würde ich in Ruhe während des Fluges lesen. Während ich den Duft des Kaffees einatmete, nahm ich eine angenehme Frauenstimme neben meinem linken Ohr wahr. Billie war das nicht …

»… einen Drink, oder haben Sie einen anderen Wunsch?« Jetzt war ich doch eingenickt! Ich sah in zwei hellgrüne Augen mit unglaublich langen wie Halbmonde geschwungenen Wimpern. Schnell setzte ich mich auf.

»Ich, danke, … gerne. Ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige!« Sie lächelte, und ich blieb an ihren grünen Augen hängen. Die Maschine sackte plötzlich ab, fing sich jedoch gleich wieder.

Der Herr mir gegenüber hielt die Augen krampfhaft geschlossen und krallte seine Hände in die Armlehnen des Sitzes, als die Maschine in ein schier unerträgliches Schlingern geriet, das nicht mehr aufhören wollte. Besorgte Köpfe mit Lockenwicklern, Haarnetzen oder wirren Locken tauchten aus den Schlafkojen auf. Die Halbmondfrau kam mit aufmunterndem Nicken den Gang entlang, in den Händen ein Tablett mit frischem Kaffee, Sahne, Zucker.

»Keine Sorge. Ich weiß, dass die Turbulenzen bald vorüber sein werden.« Sie sagte das mit absoluter Sicherheit und servierte lächelnd meinen Kaffee.

Ich lehnte mich verschwörerisch zu ihr. »Kristallkugel oder Karten?«

Ihre schlagfertige Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie beugte sich so nah zu mir heran, dass ihr Atem mein rechtes Ohr streichelte, und flüsterte: »Zauberstab.«

In meinem Nacken kribbelte es angenehm. »Was können Sie denn noch so alles – mit Ihrem Zauberstab?«

Ein Rattern ging durch das Flugzeug. Mein Sitznachbar stöhnte auf.

»Geht es Ihnen nicht gut?« Sie beugte sich zu ihm hinab.

Er sah bleich aus. »Wie um alles in der Welt kann es einem hier gut gehen!«

»Kann ich Ihnen irgendetwas bringen? Einen Kaffee, einen Cognac?«

»Nein, nein. Mein Magen …«, fügte er erklärend hinzu.

Ich konnte ihn verstehen, denn trotz zauberkundigem Flugpersonal war auch mir etwas mulmig zumute. Morellis Aufzeichnungen würden mich vielleicht die Luftlöcher und Schwankungen vergessen lassen. Ich nahm also die etwas angeschmuddelten Papiere zur Hand, lehnte mich zurück und begann zu lesen. Wie immer erstaunte mich auch dieses Mal Morellis schöne Handschrift. Ordentliche Buchstaben, sauber nebeneinandergesetzt. Es hatte fast etwas Buchhalterisches. Nach einem ersten Blick auf sein eher nachlässiges Äußeres würde man ihm das nie und nimmer zutrauen. Wer aber schon einmal mit ihm gearbeitet hatte, wusste, wie zuverlässig und gewissenhaft er war. Und schnell. Im Beschaffen dringlicher Informationen hielt er den Rekord. Am Anfang meiner Detektivlaufbahn hatte ich es öfter mal über Bekannte bei der Polizei versucht. Die waren entweder zu langsam oder zu pingelig, wenn es darum ging, Einblick in irgendwelche Akten zu gewähren. Bei Morelli wurde ich prompt und sehr detailliert informiert. Die Quellen all seines Wissens lagen in tiefem Dunkel verborgen. War vielleicht auch besser so.

Ich schlug die erste Seite auf und las: Hey Nick, habe für dich eine Nachtschicht eingelegt. In bocca al lupo. J. M. Nach diesem persönlichen Gruß kam die erste der von mir gewünschten Informationen.

Fayal – eine von den neun Inseln, die die Azoren bilden; Lage: 38°32’N, 28°38’W; vulkanischen Ursprungs; ca. 7.000 Einwohner; Hauptstadt ist Horta; bis 1890 ausschließlich Walfängerinsel; es gibt dort eine riesige Walfabrik, die jedoch an Bedeutung verloren hat und nicht mehr im großen Stil genutzt wird; die Insel gewann nach dem Weltkrieg große Bedeutung bei Transatlantik-Flügen – mehrmals wöchentlich Zwischenlandung von Flugbooten und Wasserflugzeugen; seit 1890 Sitz amerikanischer und europäischer Telegrafengesellschaften; (womit wir schon beim nächsten Thema wären – das wird dich interessieren!) Treffpunkt internationaler Kreise, vor allem vor und während des Weltkrieges; Standardtreff von Agenten, Kurieren, sogenannten Geschäftsleuten, Politikern, oder solchen, die sich dafür halten, und ähnlichem Spionage-Gesocks. (Hey, Nick, du weißt, was ich meine … Pass bloß auf, die gehen über Leichen!)

Klarer Fall. Die Insel lag strategisch günstig und war noch dazu mit modernster Übermittlungstechnik aus verschiedenen Ländern geradezu überfrachtet. Wie hieß es doch so schön: das Ohr am Nachrichtenfluss. Da war der Boden fruchtbar für alle möglichen Geschäfte – mit Informationen genauso wie mit neuen Erfindungen, wie etwa einem Telegrafensystem für private Nutzer. Ich las weiter.

Die erste Kabelgesellschaft wurde 1893 von den Engländern gegründet, die aber nicht mehr an erster Stelle stehen; die meisten Mitarbeiter hat heute die Deutsch-Atlantische Telegrafengesellschaft (gegründet 1900), noch vor unserer Transatlantischen Telegrafengesellschaft; die Italcable (gegründet 1922) legt sich mächtig ins Zeug und wird bald unseren Stand erreicht haben; Spannungen zwischen Einheimischen und Ausländern (Hey Nick, wenn’s auf der Insel hübsche Mädchen gibt, kann ich mir schon denken, warum … also, halt dich zurück …); unsere Trans-Tele beschäftigt hauptsächlich Kanadier, Neufundländer, Iren und Schotten, die in der Regel nur Jahresverträge bekommen (sind meistens junge Männer, die sich, bevor sie eine Familie gründen, noch mal ausleben wollen … ist doch bei dir auch so, oder??); lediglich die leitenden Ingenieure kommen mit Kind und Kegel; wohnen zum Teil sehr luxuriös in Kabelkolonien außerhalb des Hauptortes; es gibt vereinzelte Übergriffe auf ausländische Mitarbeiter der Gesellschaften, Diebstähle von Material usw.; in Verbindung hiermit fällt der Name »Irmãos de Horta« – eine Art Verein zur »Pflege alter Traditionen« …

Das war interessant. Auf der Insel fand anscheinend ein Kampf zwischen Tradition und Fortschritt statt. Ich konnte mir gut vorstellen, dass der Diebstahl des Prototyps auf deren Konto ging. Eine gute Gelegenheit, den »feindlichen Ausländern« eins auszuwischen und gleichzeitig durch den Verkauf Geld zu machen.

Ich blätterte weiter und stellte erfreut fest, dass Morelli mir zwei Lichtpausen besorgt hatte – eine Karte der Insel Fayal sowie einen Stadtplan der Hauptstadt Horta. Als Nächstes kam er zu P. H. Dabney.

P. H. Dabney, Generaldirektor der Transatlantischen Telegrafengesellschaft: kommt aus einer alten Familie, die schon seit 1795 auf Fayal ansässig ist; waren alles hohe Tiere, Diplomaten, mit besten Kontakten in politische Kreise, auch zu europäischen Königshäusern; blieben immer unter sich, kein Dabney hat jemals eine Frau von der Insel geheiratet; den Reichtum der Familie haben alle vermehrt, bis auf den letzten Dabney, der jetzt Generaldirektor der TA ist; schwarzes Schaf der Familie; einziger Erfolg in seinem Leben: war mit dreiundzwanzig amerikanischer Vizemeister im Kunst- und Turmspringen; unverheiratet, hoch verschuldet; hat schon zwei der Familienanwesen, »Fredonia« und »Bagatelle«, verkaufen müssen; lebt in der letzten ihm verbliebenen Villa »The Cedars«.

Das nächste Luftloch ließ uns erneut absacken, und selbst mir krampften sich dieses Mal die Eingeweide zusammen. Mein Gegenüber saß nach wie vor stocksteif da, als hätte er ein Brett im Jackett. Sein Gesicht war kreidebleich, die Augen waren geschlossen. Einzig durch die steile Falte zwischen seinen dunklen buschigen Augenbrauen, die je nach Bewegung des Flugzeuges mehr oder weniger stark hervortrat, war zu erkennen, dass er überhaupt noch lebte.

Ich gab unserer hüftschwingenden Betreuerin ein Zeichen.

»Kann ich etwas für Sie tun?« Ihr Lächeln war reizend, aber es zeigte auch eine Spur von Überlegenheit.

»Ein Scotch wär nicht schlecht – fürs Erste …«

Sie senkte lächelnd den Blick und goss mir kräftig ein. Als ich ihr das Glas abnahm, berührten sich unsere Finger. Langsam zog sie ihre kühle Hand zurück. Und noch langsamer ging sie den schmalen Gang entlang, bis sie hinter dem Vorhang verschwand. Ich schüttelte ein kurz aufwallendes Verlangen ab und wandte mich erneut Morellis Notizen zu.

Thema Kriminalstatistik: Kriminalität gibt’s dort kaum; höchstens Kleinkram, mal ein Diebstahl, eine Schlägerei unter Seeleuten oder so was. (Erstaunlich, dass bei den brisanten Geschäften, die dort abgewickelt werden, nicht ab und zu mal ein kleiner Mord passiert …?!)

Ich nahm einen kräftigen Schluck. Hörte sich alles sehr gut an – fast ein bisschen zu gut. Wieder stieg ein flaues Gefühl in mir hoch. Warum hatten die ausgerechnet mich ausgewählt, um diesen Fall zu lösen? Morellis heiser geflüsterte Worte kamen mir wieder in den Sinn: Du brauchst ’ne Knarre, Nick. Vielleicht sollte ich endlich mal aufhören zu unken und mich über so einen Superauftrag freuen. Das ungute Gefühl in der Magengegend kam vom Flug. Basta. Ich leerte mein Glas und nahm mir Joes Notizen erneut vor, um sie ein weiteres Mal zu studieren und darüber nachzudenken, was mich wohl erwartete. Nach dem zweiten Durchlesen beschloss ich, mir bis zur Landung noch eine Ruhepause zu gönnen.