Todeskäfig - Ellison Cooper - E-Book

Todeskäfig E-Book

Ellison Cooper

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Beschreibung

Aus diesem Käfig gibt es kein Entkommen

In Washington, D.C. wird ein totes Mädchens gefunden. Ihr Mörder ließ sie in einem Tierkäfig verdursten. Ein Fall für FBI Special Agent Sayer Altair. Endlich bekommt sie die Chance, sich zu beweisen. Aber der öffentliche Druck ist enorm, denn bei dem Opfer handelt es sich um die Tochter eines hochrangigen Senators. Als ein weiteres Mädchen verschwindet, beginnt eine wilde Jagd durch die Stadt – auf den Spuren eines erbarmungslosen Killers, der sein Werk um jeden Preis vollenden will.

Der erste Fall für Sayer Altair – Brillante Wissenschaftlerin und schonungslose FBI-Agentin

»Düster und mitreißend. Sie werden bis zum bitteren Ende lesen.« Lisa Gardner

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Todeskäfig

Die Autorin

Ellison Cooper promovierte in Anthropologie. Sie spezialisierte sich dabei im Bereich kulturelle Neurowissenschaften und Archäologie. Ihre wissenschaftlichen Publikationen erschienen in zahlreichen anerkannten Zeitschriften. Sie studierte außerdem Jura an der Georgetown University, und arbeitete als Mordermittlerin beim Washington, D.C. Public Defender Service, wo sie Einblick in das System der Kriminaljustiz erhielt. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie in der Bay Area.

Das Buch

Um Abstand vom Tod ihres Verlobten zu gewinnen, stürzt sich FBI Agent Sayer Altair in ihre Forschung. Als Neurowissenschaftlerin untersucht sie die Gehirne von Serienkillern. Ihr Ziel: den Ursprung des Bösen zu finden.Doch dann wird sie zu einem Einsatz in Washington, D.C. gerufen: Ein Mädchen wurde in einem Käfig gefangen gehalten und ist dort verdurstet. Bei dem Opfer handelt es sich um die Tochter des einflussreichen Senators Van Hurst. Der mischt sich schon bald mit aller Macht in die Ermittlungen ein und gefährdet diese damit ernsthaft. Als klar wird, dass ein weiteres Mädchen in einem Käfig an einem unbekannten Ort zu sterben droht, wird die Zeit knapp. Sayer Altair setzt alles daran, den Killer rechtzeitig zu stoppen. Aber dieser ist ihr stets einen Schritt voraus.

Ellison Cooper

Todeskäfig

Thriller

Thriller

Aus dem Amerikanischen

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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage August 2018© für die deutsche AusgabeUllstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018 © 2018 by Ellison CooperTitel der amerikanischen Originalausgabe: Caged(Minotaur Books, St. Martin's Press, New York)Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: Arcangel / © Claudia HolzforsterE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com.Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-8437-1864-6

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Anacostia, Washington, D. C.

Justizvollzugsanstalt Coffeewood, Virginia

Washington, D. C.

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Alexandria, Virginia

Kriminaltechnisches Labor, Quantico, Virginia

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Tatort in der P Street, Washington, D. C.

Unbekannter Ort

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Rock Creek Parkway, Washington, D. C.

Anwesen von Senator Van Hurst, Nordwesten von Washington, D. C.

Capitol Hill, Washington, D. C.

Büro der stellvertretenden Direktorin Holt, FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Haus von Hal Dillinger, Blue Ridge Mountains, Virginia

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Smithsonian Museum Support Center, Suitland, Maryland

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Alexandria, Virginia

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Unbekannter Ort

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Constitution Avenue, Washington, D. C.

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Katakomben unter Mount St. Sepulcher, Washington, D. C.

Besprechungsraum, FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Capitol Hill, Washington, D. C.

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Unbekannter Ort

Nationalheiligtum Basilika der Unbefleckten Empfängnis, Washington, D. C.

Haus Zuflucht, Washington, D. C.

Straße nach Quantico, Virginia

Hunter Street, Washington, D. C.

Georgetown Hospital, Washington, D. C.

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Vernehmungsraum, FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Ezras Zimmer, Georgetown Hospital, Washington, D. C.

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Georgetown Hospital, Washington, D. C.

Ezras Zimmer, Georgetown Hospital, Washington, D. C.

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Haus Zuflucht, Washington, D. C.

Unbekannter Ort

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Ezras Zimmer, Georgetown Hospital, Washington, D. C.

Smithsonian Museum Support Center, Suitland, Maryland

Anwesen von Senator Van Hurst, Nordwesten von Washington, D. C.

Straße nach Alexandria, Virginia

Unbekannter Ort

Büro der stellvertretenden Direktorin Holt, FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Viks Haus, Nordwesten von Washington, D. C.

Ezras Zimmer, Georgetown Hospital, Washington, D. C.

Viks Haus, Nordwesten von Washington, D. C.

Unbekannter Ort

Straße nach Alexandria, Virginia

Georgetown, Washington, D. C.

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Bergstraße in Virginia

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Berge von Virginia

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Unbekannter Ort

Straße in den Bergen, Virginia

Georgetown Hospital, Washington, D. C.

Danksagung

Social Media

Cover

Titelseite

Inhalt

Anacostia, Washington, D. C.

Justizvollzugsanstalt Coffeewood, Virginia

FBI Special Agent Sayer Altair beobachtete den Mörder durch einen schmalen Schlitz in der Tür. Dugald Tarlington saß, den Kopf tief über etwas in seinem Schoß gebeugt, auf einem verschlissenen orangefarbenen Sofa im Wartebereich des Krankenflügels. In dem kleinen Raum wirkte der Mann groß wie ein Felsmassiv. Seine fleischigen Hängebacken sahen aus wie dicke Steaks, und auf seinem Kopf spross verfilztes Blondhaar wie ein Vogelnest. Doch am furchterregendsten fand Sayer die Hände des Mehrfachmörders mit Fingern, die aussahen wie muskulöse Aale.

Sie erschauerte und zog sich ins Halbdunkel des Untersuchungszimmers zurück. Dann widmete sie sich wieder Tarlingtons Akte. Die Seite, die sie zufällig aufschlug, enthielt das Foto von einem seiner Opfer. Der Hals der Frau war übersät mit Würgemalen, weil Dugald sie wieder und wieder bis zur Bewusstlosigkeit stranguliert hatte. Es war ein dicker Stapel Fotos, den Sayer nun herausnahm und zwischen den Fingern hielt, und die Motive darauf ähnelten sich: Bilder von vier jungen Frauen, die Dugald Tarlington auf unvorstellbar grausame Weise ermordet hatte.

Draußen, im kalten Neonlicht des Warteraums, begann der massige Leib des Mörders plötzlich zu zittern. Die zwei uniformierten Schließer, die sich bei ihm befanden, blickten zwar kurz hoch, wandten sich jedoch gleich darauf gelangweilt wieder ab. Sayer hingegen beugte sich neugierig nach vorn, um erkennen zu können, was Tarlington da gerade betrachtete. Durch die Gewichtsverlagerung knarrte der Fußboden, und als Tarlington den Kopf hob, um nach der Ursache des Geräuschs Ausschau zu halten, sah Sayer auf seinen geröteten Wangen Tränen schimmern.

Auf seinen Knien lag ein alter JC-Penney-Katalog. Die aufgeschlagene Seite zeigte das Bild einer glücklichen Familie beim Grillen im Garten. Sayer kam die Galle hoch. Für einen Killer, der so unmenschlich war wie Dugald Tarlington, hatte sie keinen Funken Mitleid übrig.

Sie setzte einen neutralen Gesichtsausdruck auf und trat durch die Tür.

»Mr Tarlington. Danke, dass Sie sich zu der Untersuchung bereit erklärt haben. Haben Sie verstanden, was gleich passieren wird?«

Tarlington wischte sich die Tränen ab, während er weiterhin das Katalogfoto betrachtete. »Meine eigenen Kinder reden nicht mehr mit mir. Der Älteste ist zwölf. Er braucht seinen Vater«, sagte er mit einem ausgeprägten, leicht näselnden Südstaaten-Akzent.

Sayer lag eine Erwiderung auf der Zunge: Wenn ihm seine Kinder so sehr am Herzen lagen, hätte er vielleicht nicht vier unschuldige Menschen ermorden sollen.

Stattdessen sagte sie bloß: »Mr Tarlington, ich brauche eine mündliche Bestätigung von Ihnen, dass Sie verstanden haben, was eine funktionelle Magnetresonanztomografie beinhaltet.«

Erst jetzt schenkte er ihr seine volle Aufmerksamkeit. »Sie sind diese Frau vom FBI, die Gehirne von Mördern untersucht?«

»Ja, die bin ich.«

»Aber …« Er hielt inne und musterte sie. »Sie sind ja schwarz.«

»Danke für den Hinweis.« Sayer sparte sich jeden weiteren Kommentar dazu. »Soll ich Ihnen den Vorgang noch einmal im Einzelnen erläutern?«

»Nein, Ma’am, ich habe alles verstanden. Sie wollen sehen, wie das Gehirn eines Mörders von innen aussieht. Darf ich fragen, wonach genau Sie da eigentlich suchen?«

»Meiner Theorie zufolge müsste der vordere Teil Ihres Gehirns, der sogenannte präfrontale Cortex, deutlich weniger aktiv sein als bei einem normalen männlichen Gehirn. Außerdem vermute ich, dass Ihre Amygdalae, die Drüsen, die für Empathie zuständig sind, unterdurchschnittlich stark entwickelt sind.«

Der Mörder überlegte eine Zeit lang, dann nickte er kurz. »Gut. Und wenn Sie das bei mir nicht finden, steht dann fest, dass ich unschuldig bin?«

»Ganz so einfach ist das nicht, Mr Tarlington.« Sein Blick war so aufrichtig, dass man beinahe Angst bekommen konnte. Aber Sayer hatte seine Akte gelesen. DNA-Beweise, Fingerabdrücke – das ganze Paket. Forensisch betrachtet, bestand nicht der geringste Zweifel an seiner Schuld. Aber echte Psychopathen verstanden sich sehr gut darauf, mit den Emotionen ihrer Mitmenschen zu spielen. Und sie blickte gerade in die Augen eines echten Meisters seiner Zunft, so viel war klar.

Er legte enttäuscht die Stirn in Falten und strich mit seinen Aalfingern den Rand des Katalogs entlang. »Sie dürfen mein Gehirn scannen, wenn ich den hier behalten kann.«

Sayers Magen machte einen unangenehmen Satz, als sie sich vorstellte, wie er sich an den Bildern der jungen Frauen aufgeilen würde. Andererseits: Der Mann saß lebenslänglich hinter Gittern. Sollte er den verdammten Katalog doch haben. Sie nickte.

»Danke«, wisperte er mit versagender Stimme. Fast hätte man glauben können, dass Dugald Tarlington zu echten menschlichen Regungen fähig war.

Einige Minuten später glitt der verurteilte Mörder in die MRT-Röhre, und Sayers Blick ruhte auf dem kleinen Computermonitor, der ihr Aufnahmen seines Gehirns liefern würde, während er sich eine Reihe verschiedener Bilder anschaute. Sie holte ihre Perlenschnur aus der Tasche und ließ die glatten Bernsteinkugeln durch ihre Finger gleiten. Der Techniker, der mit dem fMRT-Gerät von der Georgetown University hergekommen war, stand hinter ihr und schaute ihr über die Schulter, während sich auf dem Monitor langsam die ersten Bilder materialisierten.

»Und? Was ist so los in seinem Gehirn?«, fragte er nach einer ganzen Weile.

Sayer runzelte die Stirn. Natürlich würde sie noch einen Vergleichstest vornehmen müssen, aber da sie bereits Tausende ähnlicher Aufnahmen gesehen hatte, konnte sie eins schon jetzt mit Gewissheit sagen: Dugald Tarlington hatte recht gehabt, sein Gehirn machte einen absolut unauffälligen Eindruck. Sie wollte den Techniker gerade mit einer knappen Antwort abspeisen, als ihr Handy klingelte.

»Sayer Altair.«

»Sayer, wir haben einen Tatort, und ich will, dass Ihre Abteilung das übernimmt. Ich habe bereits die Kollegen von der Spurensicherung und das Bombenräumkommando hingeschickt. Machen Sie sich sofort auf den Weg, ich will Sie so schnell wie möglich vor Ort haben.« Die stellvertretende Direktorin des FBI, Janice Holt, klang gereizt. Gereiztheit war gewissermaßen ihre Werkseinstellung.

»Stellvertretende Direktorin Holt, ich bin gerade mitten in meiner MRT von Tarlington. In maximal einer Stunde müsste ich fertig sein.«

»Interessiert mich nicht. Wenn ein Fall reinkommt, muss Ihre Forschung warten, das war die Abmachung.«

Sayer schluckte ihren Protest hinunter. »Ist ja schon gut«, presste sie in annähernd höflichem Ton hervor. »Worum handelt es sich denn?«

»Um Mord. Mindestens eine Leiche im Keller eines Hauses in D. C. Der Tatort war mit einer Selbstschussanlage präpariert, zwei Polizisten wurden verletzt, einer von ihnen befindet sich in kritischem Zustand.«

»Oh nein.« Sayers Mund wurde trocken. Sie wusste nur zu gut, wie sich die Familien der beiden Polizisten jetzt fühlen mussten.

»Ja. Eine Schrotflinte, ausgelöst durch einen Stolperdraht. Der Tatort ist vollkommen verwüstet. Notärzte, D. C. Police Department – alle sind munter durchs Haus getrampelt. Dann hat irgend­wann die Vernunft gesiegt, und wir wurden eingeschaltet.«

»Warum?«

»Man hat mir nur gesagt, der Tatort sei, Zitat, ›gruselig‹. Ich ernenne Sie zur Ermittlungsleiterin«, fügte Holt hinzu.

Trotz ihres Ärgers darüber, so unvermittelt von ihrem Forschungsprojekt weggeholt zu werden, schlug Sayers Herz schneller.

»Ich will Sie bei dem Fall an vorderster Front sehen. Ich gebe Ihnen Vik Devereaux aus der Abteilung für Verbrechen gegen Kinder als Partner. Wir wissen noch nicht, wie alt das Opfer war. Verbocken Sie’s bloß nicht.« Mit diesen Worten legte die stellvertretende Direktorin Holt auf.

Sayer wies den Techniker an, Dugald Tarlingtons fMRT selbstständig abzuschließen, dann verließ sie das Gefängnis und trat hinaus in den frischen Frühlingsabend. Sie atmete tief den Duft von Geißblatt ein, der von den Hügeln im Südwesten heranwehte. Ihr Handy klingelte schon wieder. »Nana« stand auf dem Display – ihre Großmutter. Sayer beschloss, dass sie im Moment nicht die Nerven hatte, sich mit der menschlichen Naturgewalt namens Sophia McDuff auseinanderzusetzen. Sie drückte den Anruf weg und genoss stattdessen die zu Kopf steigende Mischung aus Nervosität, Beklommenheit und freudiger Erregung, die sich zu Beginn eines neuen Mordfalls immer bei ihr einstellte. Nach einem raschen Blick auf ihr Navi setzte sie sich den Helm auf, ließ den Motor ihrer Maschine aufheulen und röhrte vom Parkplatz.

Washington, D. C.

Hinter dem Absperrband hatte sich bereits eine kleine Schar von Schaulustigen zusammengefunden, deren neugierige Gesichter in der Abenddämmerung im Licht der Einsatzfahrzeuge abwechselnd blau und rot aufleuchteten.

FBI Special Agent Vik Devereaux erwartete sie auf der Veranda des Hauses. Aufgrund seiner hellen Haut wirkte sein Gesicht beinahe wie ein weißer Ballon, der über einem zerknitterten schwarzen Anzug schwebte. Der Mann hatte dunkle Ringe unter den Augen und ging mit leicht gebeugten Schultern, doch trotz seiner Totengräber-Aura gelang es ihm irgendwie, das Klischee des verlotterten, aber zugleich attraktiven Ermittlers perfekt zu bedienen.

Sayer duckte sich, um unter dem Flatterband hindurchzuschlüpfen, und hob die Hand zum Gruß. »Tja, Vik, so wie’s aussieht, arbeiten wir bei diesem Fall wohl zusammen.«

»Hey, Intelligenzbestie.« Vik nickte mit düsterer Miene. Seine Begrüßung war nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Genau wie Sayer war auch Vik ein Special Agent in der zentralen Kriseninterventions-Einheit des FBI. Die einzelnen Abteilungen innerhalb dieser Einheit ermittelten in Fällen von Serienmördern oder entwickelten Strategien für Krisenereignisse wie Heckenschützen oder Amokläufe an Schulen. Zwar gab es bei der Behörde jede Menge Mitarbeiter mit Doktortitel, allerdings waren die meisten von ihnen Psychologen, und nur wenige sahen einen konkreten Nutzen darin, eine promovierte Neurowissenschaftlerin im Team zu haben. Dass Sayer noch dazu die FBI-interne Karriereleiter schneller hinaufstieg als mancher Kollege, war ihrer Popularität auch nicht gerade zuträglich. Aber Vik besaß einen guten Ruf und galt bei den Kollegen als extrem stressresistent. Er würde also hoffentlich damit klarkommen, bei ihrer Ermittlung die zweite Geige zu spielen.

»Was haben wir?«, fragte Sayer, während sie sich aus ihrer Lederjacke schälte und dann auf einem niedrigen Stuhl Platz nahm, um sich für das Betreten des Tatorts auszurüsten.

»Einen Albtraum«, antwortete er mit seinem leichten Cajun-Akzent. »Die Kampfmittelbeseitigung musste anrücken und das Gebäude durchsuchen, und die Jungs sind natürlich überall rumgelaufen – dann kamen noch die Notärzte, die die verletzten Kollegen von der Streife versorgen mussten. Ich habe schon überlegt, ob wir nicht vielleicht noch eine Tanztruppe einladen sollten, damit sie drinnen einen Stepptanz aufführt. Wenn wir schon mal dabei sind.« Er fuhr sich mit den Fingern durch die etwas zu langen dunkelbraunen Haare. »Wie auch immer, die Tote liegt noch drinnen. Wir warten darauf, dass Joan fertig wird und uns das Okay für den Transport gibt.«

»Die Tote?«

»Ja, das Opfer scheint weiblich zu sein. Möglicherweise noch ziemlich jung.«

»Ach du Scheiße«, sagte Sayer und stopfte ihre Locken unter ein eng anliegendes Kopftuch.

»Wem sagst du das? Das Haus ist praktisch leer, die ganze Show findet unten im Keller statt. Ziemlich übel. Falls du irgendwelche Tricks kennst, um nicht kotzen zu müssen, sei froh.«

»Ach was.« Während ihres Studiums hatte Sayer oft mit Leichen gearbeitet. Der Anblick von Blut und Eingeweiden machte ihr nichts aus. Wie jeder, der von Berufs wegen mit dem Tod zu tun hatte, konnte sie in ihrem Kopf einen Vorhang zuziehen, der ihr emotionales Empfinden von dem Grauen, mit dem sie konfrontiert wurde, abtrennte. Das war furchtbar, aber notwendig, wenn man sein seelisches Gleichgewicht erhalten wollte. Sie hatte hautnah miterlebt, was aus Menschen wurde, deren Abwehrmechanismen nicht stark genug waren. Ohne sie konnte man einen Job wie ihren nicht ausüben – es sei denn, man war ein Psychopath.

»Also«, fuhr Vik fort und klappte sein Notizbuch auf. »Vor zwölf Tagen ging bei der Polizei ein Notruf ein. Ein junges Mädchen. Sie sagte, sie wisse nicht, wo sie sei, und dann brach die Verbindung plötzlich ab. Der Anruf konnte nicht exakt zurückverfolgt werden, aber er schien irgendwo hier aus der Nähe gekommen zu sein. Man hat also eine Streife hingeschickt, und die Kollegen haben sich umgesehen und an ein paar Türen geklopft. Sie dachten, es sei vermutlich bloß irgendein verstrahltes Junkiemädel, das auf einem schlechten Speedtrip die Cops gerufen hat. Das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, deswegen sind sie wieder abgefahren und haben nichts weiter unternommen.«

»Oh Mann.« Sayer vergewisserte sich, dass sie keine losen Gegenstände am Körper trug, erst dann zog sie sich ein Paar Latexhandschuhe über.

»Ich weiß!«, sagte Vik gedehnt. »Und heute meldet sich dann ein Anwohner, weil es stinkt. Dieselben Kollegen von der Streife kommen zum zweiten Mal vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, und treten die Tür ein. Der Gestank kommt aus dem Keller. Einer der beiden berührt auf der Kellertreppe einen Stolperdraht, und ein Gewehr geht los, erwischt den armen Teufel frontal aus nächster Nähe. Der andere hat auch ein paar Schrotkugeln abgekriegt, aber ihm geht es so weit gut – was man von seinem Partner weiß Gott nicht behaupten kann. Im Krankenhaus hieß es, sein Zustand sei bedenklich.«

Sayer und Vik gingen langsam den Flur entlang bis in die Küche, die sich im hinteren Teil des Hauses befand. Zwei Mitarbeiter der Kriminaltechnik knieten auf dem Boden und sicherten Spuren.

Oben an der Treppe zum Keller blieben sie stehen. Sayer spähte nach unten. Das Gewehr hing noch an der Decke, es würde später heruntergenommen werden. Flutlichter strahlten die hölzernen Stufen hinauf und warfen Sayers langen Schatten auf den blutigen Küchenfußboden. Der Geruch von Tod hing in der Luft wie altes Teeröl.

»Aber warum hat man uns um Hilfe gebeten? Ich hätte vermutet, dass das DCPD in so einem Fall lieber selbst ermitteln will, erst recht nachdem einer ihrer Kollegen schwer verletzt wurde.«

»Das wirst du gleich sehen. Es wurde noch nichts bewegt. Nicht mal der Hund«, sagte Vik.

»Der Hund?«

»Ich weiß! Sie haben da unten allen Ernstes einen Hundewelpen gefunden.«

»Einen Hundewelpen«, wiederholte Sayer, als sie den Fuß auf die Kellertreppe setzte.

Unten angekommen, fanden sie sich in einem großen, fensterlosen Raum wieder, dessen Betonfußboden und nackte Ziegelwände das Licht der Tatortleuchten zurückwarfen. Am hinteren Ende des Raums stand Joan Warren, die leitende Rechtsmedizinerin des FBI, neben einem großen, von der Decke hängenden Käfig, den man eher in der Folterkammer unter dem Tower von London vermutet hätte als im Keller eines Reihenhauses. Er bot ausreichend Platz für ein großes Tier und bestand aus geschwärzten Eisenstäben, was ihm eine altertümliche, leicht schaurige Optik verlieh. Er hing an einer dicken schwarzen Eisenkette, die mit einem glänzenden neuen Haken an der Decke befestigt war.

Joan lehnte sich in den geöffneten Käfig und beugte sich über etwas am Käfigboden. Obwohl Sayer die Rechtsmedizinerin nur von hinten sehen konnte, vermutete sie, dass Joan dasselbe aufgeräumte Lächeln im Gesicht hatte wie an jedem Tatort. Von all ihren Kollegen in Quantico war Joan die Einzige, die keinen mentalen Vorhang zu benötigen schien, um mit Leichen zu arbeiten. Joan glaubte fest daran, dass Menschen nach ihrem Tod an einen besseren Ort kamen, und dementsprechend strahlte sie bei jeder Autopsie die heitere Zufriedenheit eines Menschen aus, der wusste, dass er lediglich die vergängliche Hülle des Mordopfers vor sich hatte, während dessen unsterbliche Seele längst in den Himmel oder ins Nirwana oder wohin auch immer aufgestiegen war. Sayer wünschte, sie hätte dieser Idee etwas abgewinnen können, dann wäre das alltägliche Grauen ihres Jobs vielleicht etwas leichter zu ertragen gewesen.

Fürs Erste ignorierte sie Joan sowie den Käfig und nahm stattdessen den Raum in Augenschein. Sie legte stets Wert darauf, sich zunächst einen Gesamteindruck vom Tatort zu verschaffen, ehe sie sich näher mit dem Opfer befasste. Ganz still stand sie da, nur ihre Finger glitten über die Schnur mit Bernsteinperlen in ihrer Tasche. Bis auf den Käfig war der Keller leer.

Zwei Kriminaltechniker kauerten nebeneinander am Fuß der Treppe. Als sie die Köpfe hoben und Sayer mit einem angespannten Lächeln begrüßten, erkannte sie Ezra, einen jungen Mann mit blauen Haaren und mehreren Dutzenden von Piercings im Gesicht. Er hielt einen jungen Hund auf dem Arm, der bis zum Hals in einem Asservatenbeutel aus Stoff steckte und zappelte, während sein Kollege versuchte, das Gesicht des Tiers mit einer Fusselrolle zu bearbeiten.

Das Hündchen stieß ein spitzes Jaulen aus und wedelte trotz des Beutels wie wild mit dem Schwanz.

Ezra stöhnte genervt. »Hi, Special Agent Altair. Ich kann den Hund hier unmöglich weiter auf Spuren untersuchen. Ich hab ihn eingetütet, aber für den Rest müsste er ins Labor.« Der Hund winselte leise. Er hatte aufgehört zu zappeln, dafür versuchte er nun andauernd Ezras Hand zu lecken.

»Von mir aus, Ezra. Sie sind der Experte. Vielleicht kann einer von Ihnen ja mit dem Hund schon mal vorfahren, und die anderen machen hier weiter.«

Ein dritter Kriminaltechniker ging mit einer Kamera durch den Raum und machte Fotos. Immer wieder flammte sein Blitzlicht auf.

Mit einem tiefen Atemzug trat Sayer schließlich auf den Käfig zu. Damals, als sie noch ein Frischling an der FBI-Akademie gewesen war, hatte sie sich über jeden neuen Serienmörder-Fall, der ihres Weges kam, gefreut – ja, sie hatte regelrecht einen Kitzel der Erregung verspürt, die dunkle, unwiderstehliche Verlockung der Brutalität in all ihrer Entsetzlichkeit. Doch was früher ein Faszinosum gewesen war, rief inzwischen nur noch Abscheu hervor. Jedes neue Opfer riss ein kleines Loch in den Vorhang in ihrem Kopf, und so fiel es ihr zunehmend schwerer, ihre Gefühle auszublenden und die toten Frauen und Kinder, die den Weg der von ihr gejagten Monster pflasterten, mit analytischer Distanz zu betrachten.

»Ungewöhnlich.« Sie deutete auf den Käfig.

Vik ließ ihr den Vortritt. Er selbst hielt sich fürs Erste im Hintergrund. »Ja. Vielleicht lässt sich feststellen, wo er herkommt.«

Dies hier war ihr erster gemeinsamer Tatort, und Sayer war heilfroh, dass Vik nicht zu sehr an ihr klebte oder zu viel redete. Aufgrund ihres laufenden Forschungsprojekts hatte sie keinen festen Partner, daher wusste sie nie genau, was sie erwartete, wenn ihr jemand für einen Fall zugeteilt wurde. Es gab nichts Schlimmeres als Kollegen, die im Angesicht einer Leiche ohne Punkt und Komma quatschten.

»Jetzt weißt du, warum man uns gerufen hat.« Viks Stimme klang gepresst.

Sayer nickte, ohne ihn anzusehen, und trat neben die Rechtsmedizinerin.

»Ich habe schon gehört, dass du den Fall übernimmst.« Vom Aussehen her, fand Sayer, verkörperte Joan immer ein bisschen den Typ der perfekten Ehefrau: dunkelblond, akkurat frisiert, Strickjacken und knielange Röcke.

»Ja, sieht ganz danach aus.«

Die Rechtsmedizinerin hob den Kopf. »Gut.«

Sayer zwang sich dazu, ihren Blick auf die Tote zu richten. Obwohl der Verwesungsprozess schon weit fortgeschritten war, verrieten Kleidung und Haare eindeutig, dass es sich um eine Frau handelte. Sie trug schlichte Sneaker, die früher einmal weiß gewesen waren, eine verdreckte Jeans und ein violettes T-Shirt mit der Aufschrift Diese Prinzessin rettet sich selbst in grünen Druckbuchstaben. Sie hatte blondes, leicht verfilzt aussehendes Haar, von dem einige Strähnen durch die Gitterstäbe hingen. In einer Ecke des Käfigs lag ein Haufen modriger Zeitungen, dort hatte das Mädchen offenbar ihre Notdurft verrichten müssen.

»Also, was haben wir?«

»Na ja, unter dem üblichen Vorbehalt …«

»Ich weiß, dein endgültiger Bericht kommt noch.«

»Genau. Also, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich lediglich um eine allererste Einschätzung handelt … würde ich sagen, sie ist zwischen sechzehn und zwanzig Jahre alt. Guter allgemeiner Gesundheitszustand. Vermutlich an Flüssigkeitsmangel verstorben.« Mit geübten Bewegungen stülpte Joan Asservatenbeutel über die Hände des Mädchens.

Sayer schwieg. Sie wusste, dass Joan von sich aus fortfahren würde, falls sie noch etwas hinzuzufügen hatte.

»Sieh dir die Bissspuren an ihren Armen und Beinen an.«

»War der Hund mit ihr im Käfig eingesperrt?«

»Ja – obwohl ich noch nicht abschließend sagen kann, ob es sich tatsächlich um Hundebisse handelt.«

Sayer verzog die Lippen zu einer Grimasse.

Joan redete weiter. »Ich würde schätzen, sie ist seit circa sechs Tagen tot.«

Sayer rechnete zurück. »Was meinst du, wie lange wäre sie ohne Essen und Trinken ausgekommen?«

Joan zuckte die Achseln. »Ohne feste Nahrung hätte sie problemlos mehrere Wochen überleben können. Was sie getötet hat, ist der Flüssigkeitsmangel. Wie lange es dauert, bis man verdurstet, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Welche Temperatur hier unten herrschte, wie ihre Konstitution war – da gibt es zu viele Variablen, als dass ich irgendwas Genaues sagen könnte. Meine –«

»Schon klar: deine vorläufige Einschätzung.«

»Wahrscheinlich knapp eine Woche. Fünf Tage, maximal sieben.«

Sayer rieb sich mit der Hand das Kinn. Also sechs Tage plus eine Woche. »Vor zwölf Tagen hat die Polizei den Notruf bekommen. Vielleicht wurde der Kidnapper ja durch das Auftauchen der Streife verscheucht und hat sich danach nicht mehr getraut zurückzukommen.«

»Vom Timing her würde es passen.« Joans schmales Gesicht war angespannt.

Nach abgeschlossener Inspektion des Tatorts verließen Sayer und Vik das Haus und standen zusammen draußen auf der Veranda. Sayers Handy klingelte, und sie warf einen schnellen Blick darauf. Schon wieder ein Anruf von ihrer Großmutter. Die Frau ließ einfach nicht locker. Bestimmt wollte sie, dass Sayer zum nächsten Familienessen kam. Doch statt sich von ihr ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, schaltete Sayer den Klingelton kurzerhand aus.

»Wir sollten zurück ins Büro fahren«, meinte sie dann zu Vik. »Holt will ein Update, und ich wette, sie ist schon dabei, eine Sondereinheit zusammenzustellen.«

»Soll ich mir die Zeugenaussage von dem Cop besorgen?« Vik deutete zu Wilson Tooby hinüber, der, umringt von einem Krankenwagen sowie einem halben Dutzend Einsatzfahrzeugen, an der Stoßstange seines Autos lehnte. Selbst von der Veranda aus konnte Sayer sehen, dass seine Hände zitterten. Sein Gesicht war zu einer traurigen Maske verzerrt. Es war das Gesicht eines Mannes, der sich verzweifelt bemühte, nicht zu weinen.

»Nee, lass mal, ich rede schon mit ihm. Wir treffen uns dann in Quantico.«

Als Ermittler musste man vor allem eine gute Menschenkenntnis besitzen. Wilson stand unter Schock, daher war die Chance, dass er sich ihr öffnen würde, größer, als wenn Vik sein Glück versucht hätte.

»Officer Tooby?«

Der Mann unternahm den Versuch, die Hand zum Gruß zu heben, doch die Bewegung war kaum wahrnehmbar. »FBI?«

»Ganz genau, Sir. Special Agent Sayer Altair. Ich brauche noch Ihre Zeugenaussage, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen.«

»Sicher, sicher.« Es klang, als wollte er sich selbst bestärken.

Sayer lehnte sich neben ihm gegen den Streifenwagen, damit er sie beim Reden nicht anschauen musste.

»Sie haben also vor zwölf Tagen einen Notruf reinbekommen …«, begann sie.

»Genauso war’s. Ich hab gehört, da drinnen wurde ein totes Kind gefunden.« Er verstummte und blickte zu dem Reihenhaus empor.

Sayer schwieg eine Zeit lang, ehe sie ihm antwortete. »Ja, das stimmt. Das Opfer ist weiblich, nach den jetzigen Erkenntnissen knapp unter zwanzig.«

Danach war es mit Toobys Beherrschung endgültig vorbei. Die Tränen in seinen Augenwinkeln liefen über. »Das arme kleine Ding. Sie hat uns um Hilfe gerufen, und es wäre mein Job gewesen, sie zu retten. Sie saß die ganze Zeit da drinnen im Keller und hat gehört, wie wir an die Tür geklopft haben. Vielleicht hat sie schon geglaubt, dass ihr Albtraum endlich vorbei wäre. Dass wir runterkommen und sie befreien würden. Stattdessen bin ich einfach umgedreht. Ich hab das arme Mädchen sterben lassen, weil ich unbedingt nach Hause zu meinem Kind wollte.« Er ließ die Schultern hängen. »Und mein Partner. Er war ein Arsch, der mieseste Cop, den ich je als Partner hatte. Und dann rettet er mir aus Versehen mein gottverdammtes Leben.« Er lachte. »Beschissener geht’s doch gar nicht.«

Sayer legte ihm eine Hand auf den Unterarm. »Möchten Sie jetzt von mir hören, dass es nicht Ihre Schuld war? Dass Sie es schließlich nicht wissen konnten? Wenn Sie wollen, kann ich Sie gern mit ein paar hohlen Phrasen trösten.«

Erneut lachte er kurz auf. »Nein, ich brauch keine aufmunternden Worte, danke.«

Sayer und Wilson hockten nebeneinander auf der Motorhaube und schwiegen, bis sein Zittern sich wieder gelegt hatte. »Ich fürchte, ich hab Ihnen nicht viel zu erzählen«, sagte er.

»Als Sie zum ersten Mal hergekommen sind, ist Ihnen da nichts Verdächtiges aufgefallen?«

»Nichts. Wir haben mit dem Nachbarn und einem Käufer gesprochen.«

»Käufer?«

»Ja, da war so ein Typ, der die ganze Zeit um uns rumgeschlichen ist. Wirkte ziemlich nervös, aber ich wette, der war bloß in der Gegend, um sich irgendwo Stoff zu beschaffen.«

Sayer dachte nach. Dass mit Drogen gedealt wurde, war für die Gegend nichts Ungewöhnliches. Sie würde der Spur trotzdem nachgehen.

»Wir bräuchten ein Phantombild von dem Mann. Ich schicke Ihnen morgen unseren Zeichner vorbei. Sonst noch was?«

Wilson knetete zweimal seine Hände, ehe er sie sinken ließ. »Tut mir leid, Agent Altair, aber sonst hab ich nichts mehr zu bieten. Nur einen riesengroßen Haufen Schuldgefühle, den ich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens mit mir rumschleppen werde.«

Sayer reichte ihm ihre Visitenkarte. »Okay, wenn Ihnen doch noch was einfällt, melden Sie sich.«

»Agent Altair«, rief er ihr nach, als sie sich bereits zum Gehen gewandt hatte.

Sie drehte sich um.

»Sagen Sie es mir? Ich meine, sagen Sie mir Bescheid, wenn … wie?« Er zeigte in Richtung Haus.

»Ich nenne Ihnen gern die Einzelheiten, wenn Sie sicher sind, dass Sie sie hören wollen.«

Er schloss die Augen und nickte. »Ich bin mir sicher.«

FBI-Hauptquartier, Quantico, Virginia

Sayer donnerte auf ihrer Maschine die Route 95 entlang in Richtung Quantico. Das FBI-Hauptquartier beherbergte die Trainingsakademie für angehende Agenten und daneben das Nationale Zentrum für die Analyse von Gewaltverbrechen, in dem Einsätze auf den Gebieten Terrorismusbekämpfung, Risikomanagement, Serienverbrechen sowie Verbrechen gegen Kinder koordiniert wurden. Sayer selbst gehörte der Einheit für Verhaltensanalyse an, wo sie unter anderem über die neurologischen Ursachen von Gewalt forschte.

Während der Fahrt drifteten ihre Gedanken immer wieder zu ihrer Forschungsarbeit ab. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, in den Gehirnen verurteilter Mörder eindeutige neurologische Defizite nachzuweisen. Bisher hatte sie die Gehirne von zwölf männlichen Versuchspersonen per fMRT untersucht, und zwei von ihnen widersprachen ihrer Theorie – wenn man Dugald Tarlington mitzählte, waren es womöglich sogar schon drei. Oder anders ausgedrückt: Ein Viertel ihrer Stichproben ließ sich nicht mit ihrer Arbeitshypothese in Einklang bringen – was vermutlich bedeutete, dass sie mit besagter Arbeitshypothese vollkommen auf dem Holzweg war.

Aber ihre Forschungen spielten im Moment keine Rolle. Sayer besann sich wieder auf den Fall des toten Mädchens und wurde vom Zorn der Gerechtigkeit erfasst wie von einem inneren Feuer, das sie zu verschlingen drohte.

In Quantico passierte sie die Sicherheitskontrollen am Eingang und stellte ihr Motorrad auf dem halb leeren Parkplatz ab, dann machte sie sich auf den Weg zu Holt, die ihr Büro im obersten Stockwerk der Einheit für Verhaltensanalyse hatte. Holts Assistentin war gerade nicht an ihrem Platz, also steckte Sayer kurzerhand den Kopf durch die Tür.

»Na endlich.« Janice Holt hielt sich nicht lange mit höflichem Geplänkel auf. Ihre barsche Art, in Verbindung mit den kurz geschnittenen grauen Haaren, ihrem Raubvogelgesicht und den strengen Hosenanzügen aus den Achtzigern, führte dazu, dass Kollegen sie oft als alten Drachen bezeichneten – ein Spitzname, den sie mit Stolz trug.

»Also?«

»Eine Leiche, unter zwanzig, weiblich. Todesursache vermutlich Flüssigkeitsmangel. Sie wurde zusammen mit einem Tier in einen Käfig gesperrt und dort sich selbst überlassen.«

»Mit einem Tier?«

»Einem Hundewelpen.«

»Was sagt Ihr Bauchgefühl? Serienmörder?«

»Ich denke schon. Auf jeden Fall gibt es rituelle Elemente.« Sayer zögerte. »Es könnte sein, dass der Täter von den Streifenpolizisten verscheucht wurde, die nach einem eingegangenen Notruf beim Haus vorbeigefahren sind und sich umgesehen haben.«

»Notruf?«

»Ja, das Mädchen muss irgendwie an ein Telefon gekommen sein. Sie hat die Polizei gerufen, aber das Gespräch wurde unterbrochen. Die Kollegen von der Streife konnten bei ihrer Kontrolle nichts Ungewöhnliches entdecken, deshalb haben sie die Sache nicht weiterverfolgt.«

»Scheiße.«

»Sie sagen es. Wir glauben, dass er danach aus Angst nicht wieder an den Tatort zurückgekommen ist. Womöglich ist Töten also gar nicht sein primäres Ziel.«

»Selbst wenn, wäre das auch nicht gerade beruhigend«, konterte Holt. »Heute Abend können Sie nicht mehr viel tun. Ich stelle eine Sondereinheit zusammen, morgen um sechs findet das erste Meeting statt. Schließen Sie sich mit Joan und dem Labor kurz. Sagen Sie denen, ich will morgen früh erste Ergebnisse sehen. Und dann legen Sie sich ins Bett. Sie werden ab jetzt längere Zeit ohne Schlaf auskommen müssen.« Holt lächelte, was aufgrund ihrer faltigen Wangen jedoch eher so aussah, als würde ein Raubtier die Zähne blecken.

Sayer überquerte das weitläufige Gelände, tippte ihren persönlichen Zugangscode in eine Sicherheitstür ein und betrat das riesige, mit Spiegelglas verkleidete Gebäude, in dem das modernste forensische Labor der Welt untergebracht war.

Ihr erstes Ziel war der Trakt der Rechtsmedizin. Mehrere Sektionssäle säumten den schmalen, gelb gestrichenen Flur, der irgendwann einen Knick nach links machte. Sayer öffnete aufs Geratewohl die erste Tür und stieß sogleich auf Joan, die sich in der Mitte des sterilen Raums zusammen mit zwei Assistenten an einem verschlossenen Leichensack zu schaffen machte.

»Gibt’s schon was Neues?«, fragte Sayer vom Türrahmen aus.

Joan machte eine abweisende Bewegung mit ihrer behandschuhten Hand. »Nein, wir sind gerade erst angekommen.«

»Holt hat gesagt, ihr sollt die Nacht durcharbeiten. Morgen um sechs ist die erste Besprechung der Sondereinheit.«

Joan schnaubte. »Als müsste man mir das bei so einem Fall noch extra sagen.«

Sayer lachte leise und ging dann weiter zur Kriminaltechnik. Sie bahnte sich ihren Weg durch das unübersichtliche Gewirr aus Laborräumen, bis sie Ezra gefunden hatte, der gerade damit beschäftigt war, eine Reihe Plastikbeutel auf einem großen Tisch aus Edelstahl anzuordnen. Mit seinen zahlreichen Augenbrauenpiercings und kobaltblauen Haaren hätte man ihn auf den ersten Blick niemals für einen Techniker der Spurensicherung gehalten, eher für einen Alternativen aus dem Szeneviertel Adams Morgan unten in D. C. – wobei sich Sayer natürlich bewusst war, dass dunkelhäutige Frauen Mitte dreißig in den Augen vieler Menschen auch nicht gerade dem typischen Bild eines FBI-Mitarbeiters entsprachen.

»Hi, Ezra. Schon Neuigkeiten?«, rief sie.

»Agent Altair«, grüßte sie der junge Kriminaltechniker mit einem breiten Lächeln. »Ich hab gerade damit angefangen, die Spuren vom Hund zu analysieren. Der Rest des Teams ist nebenan, falls Sie da mal nachfragen wollen, aber ich glaube nicht, dass schon irgendwelche Ergebnisse vorliegen.«

»Okay, richten Sie ihnen einfach aus, dass sie die Nacht durchmachen sollen, Anweisung von Holt. Morgen früh um sechs ist das erste Meeting der Sondereinheit, schreiben Sie also unbedingt alles auf, was Sie bis dahin rausfinden.«

»Wird gemacht.«

Sayer wandte sich zum Gehen.

»Ach, übrigens«, sagte Ezra noch. »Was soll ich eigentlich mit dem Hund machen?« Er deutete neben sich auf den Boden, wo das kleine Tier, zusammengerollt und an Ezras Füße gekuschelt, auf einem Handtuch lag. »Er ist ein bisschen dehydriert, aber ansonsten putzmunter. Wir müssen ihn bis zum Prozess behalten, nur für alle Fälle. Oben in D. C. gibt es eine Auffangstation für beschlagnahmte Tiere, aber ich schaffe es heute nicht mehr, da hinzufahren, und er kann unmöglich die ganze Nacht über hierbleiben. Während ich ihn auf Spuren untersucht hab, war es noch okay, aber jetzt kann ich ihn hier nicht mehr brauchen. Er könnte die Proben verunreinigen. Sie müssen sich um ihn kümmern.«

»Ich?«

»Es sei denn, Sie wollen Holt darum bitten?« Er zwinkerte ihr zu.

Sayer verzog das Gesicht. »Also gut, von mir aus, Sie Klugscheißer. Dann nehme ich das Vieh eben mit nach Hause und bringe es morgen zur Auffangstation.« Sie näherte sich dem Hund. »Äh … ist er auch brav?«

»Lammfromm.«

»Muss ich irgendwas zu ihm sagen oder …«

Ezra hielt in seiner Arbeit inne und sah sie an. »Sie hatten wohl noch nie einen Hund, was?«

»Nein.«

»Er braucht auf alle Fälle viel Wasser und wahrscheinlich auch noch was zu fressen. Ich hab ihm was von meinem Sandwich abgegeben, aber er ist ziemlich stark unterernährt. Und ein Bad würde ihm bestimmt auch nicht schaden.«

»In Ordnung. Ach, haben Sie eigentlich auch einen Abdruck von seinen Zähnen genommen? Joan hat Bissspuren am Opfer festgestellt, vielleicht kann die jemand abgleichen.«

»Klar. Aber ich glaube nicht, dass der Hund das Mädchen gebissen hat. Ich hab Haare in seinem Maul gefunden. Sahen nach Rattenhaaren aus, obwohl ich sie erst noch genauer untersuchen muss. Ich gehe jede Wette ein, dass der Hund das Mädchen gegen die Biester verteidigt hat. Deswegen hat er wahrscheinlich auch so lange überlebt. Viele leckere Rattennährstoffe.«

Sayer verdrehte die Augen, dann nahm sie etwas unbeholfen den schlafenden Welpen hoch. Er räkelte sich kurz und schmiegte sich in ihre Arme. Seine schlaksigen Glieder und die übergroßen Pfoten verliehen ihm das Aussehen einer schnarchenden Handpuppe.

Draußen auf dem Parkplatz legte sie den schlafenden Hund in den Beiwagen ihres Motorrades. Hoffentlich würde er ruhig liegen bleiben.

»Hey, Hund, das hier ist eine todschicke Vintage Silver Hawk, also bitte nicht zu viel sabbern.«

Daraufhin erwachte der Welpe, gab ein schläfriges, aber zugleich freudiges Fiepen von sich und setzte sich, den Blick geradeaus gerichtet, aufrecht hin, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht, als Motorrad zu fahren. Ein dünner Speichelfaden troff langsam aus seinem Maul auf den dunkelblauen Ledersitz. Mit einem Seufzen ließ Sayer den Motor an und lenkte ihre Maschine in Richtung Highway. Die Schlappohren des Hundes flatterten im Wind, und seine Zunge hing ihm aus dem Maul. Sayer hätte schwören können, dass er grinste.

Alexandria, Virginia

Der Mond schien auf den Bergen. Wie so oft hatte Sayer sich entschieden, für den Heimweg die einspurigen Straßen über Land zu nehmen. Hohe, mit Kudzu- und Geißblattranken bewachsene Bäume tauchten die Landschaft in verschiedene Schattierungen von Rauchblau. Das Dröhnen des alten Motorrads und das Pfeifen des Windes um ihren Helm übertönten alle anderen Geräusche und waren Balsam für ihre Nerven.

Sie hasste diesen Punkt in einer Ermittlung – wenn man unbedingt loslegen wollte, es aber noch nichts zu tun gab. Echte Ermittlungsarbeit hatte nur sehr wenig mit dem gemein, was in Fernsehserien gezeigt wurde. Dort brauchte man nur irgendetwas in einen Apparat zu stecken, und zehn Sekunden später hatte man wasserdichte forensische Beweise. Oder der Nachbar verfügte über ein lückenloses Gedächtnis und konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wie der unbekannte Verdächtige beim Opfer an die Tür geklopft hatte. Oder eine Überwachungskamera hatte rein zufällig das Konterfei des Täters perfekt eingefangen. In Wahrheit brauchten die meisten Fälle ein oder zwei Tage, ehe sie überhaupt in Gang kamen. Bis dahin hatte man keine Hinweise, denen man nachgehen, und keine Zeugen, die man befragen konnte – schon gar nicht, wenn es wie jetzt mitten in der Nacht war. Stattdessen war man zur Untätigkeit verdammt. Man konnte nichts tun, außer Däumchen zu drehen und abzuwarten, bis die ersten Ergebnisse eintrudelten. Das machte sie jedes Mal wahnsinnig.

Mit vor Müdigkeit brennenden Augen bog Sayer endlich in ihre Einfahrt ein. Ihr Apartment lag im ersten Stockwerk eines historischen Reihenhauses in einer der wenigen noch erhaltenen Kopfsteinpflasterstraßen der Stadt Alexandria.

Der Hund blieb kurz stehen, um sich in ihrem kleinen Garten zu erleichtern, dann folgte er ihr vergnügt die Treppe hinauf bis zu ihrer Wohnungstür.

Drinnen angekommen, warf Sayer zunächst eine Packung Hotdogs, die sie in ihrer ansonsten leeren Küche gefunden hatte, in die Mikrowelle. Dann sprang sie schnell unter die Dusche, während der Hund die Wohnung erkundete und halb ausgepackte Kartons sowie den schmalen, zerschlissenen Futon im Wohnzimmer beschnüffelte. Irgendwann steckte er die Nase auch in die Dusche, und nachdem er die Situation eine Weile mit schief gelegtem Kopf begutachtet hatte, sprang er mit einem begeisterten Satz zu ihr in die Kabine.

»Mensch, Hund, raus hier!«

Doch der Welpe wuselte ihr so aufgeregt um die Beine, dass er sie beinahe umwarf.

Schließlich gab Sayer nach, zumal der Hund dringend eine Wäsche nötig hatte. Sie seifte ihn gründlich mit Shampoo ein, und unter der Schmutzkruste kam sein silbergraues Fell zum Vorschein.

Sie trocknete sich und das Tier ab und aß eines der Hotdogs. Die restlichen warf sie dem Hund hin. Nachdem dieser alles restlos verschlungen hatte, sperrte sie ihn mit einer Schüssel Wasser für die Nacht ins Badezimmer.

Kaum hatte sie sich ins Bett gelegt und das Licht ausgeknipst, begann der Hund kläglich zu jaulen und an der Tür zu kratzen.

Kratz, kratz. Winsel, winsel.

Sayer schaute zu dem gerahmten Foto, das auf der Kiste neben ihrem Bett stand. Im Dunkeln konnte sie das Bild nicht erkennen, aber natürlich wusste sie, dass es Jake und sie bei einer Wanderung im Yosemite Nationalpark zeigte. Es schien ihr, als wären seitdem eine Million Jahre vergangen. Einen Augenblick lang gab sie sich der Erinnerung daran hin, wie es gewesen war, so tief mit einem anderen Menschen verbunden zu sein.

Das war vor der Nacht gewesen, in der sie den Anruf bekommen hatte, den jeder Angehörige eines Polizisten fürchtete – Agent tot. Jake war in Ausübung seines Dienstes ums Leben gekommen.

Sie schob die quälenden Gefühle beiseite und verbannte sie zurück hinter die Wand, die sie nach dem Tod ihrer Eltern in ihrem Herzen errichtet hatte. Die Wand, die sie vor gefährlichen Emotionen wie Liebe und Vertrauen schützte.

Sayer schloss die Augen und wartete auf den Schlaf.

Winsel. Kratz.

Zehn Minuten lang lauschte sie dem armen Tier, ehe sie frustriert die Bettdecke beiseitewarf. Sie setzte sich auf und ließ den Kopf in die Hände sinken. »Okay, Sayer. Dein Forschungsprojekt geht den Bach runter. Ein junges Mädchen wurde ermordet. Ein Officer ringt mit dem Tod. Du hast heute nicht einen, sondern gleich zwei erwachsene Männer weinen sehen. Und jetzt hast du auch noch diesen nervtötenden Köter am Hals, der dich um deinen wohlverdienten Schlaf bringt. Genau das Leben, das du dir immer erträumt hast.«

Sie stapfte zum Bad und riss die Tür auf.

»Also schön, du hast gewonnen, du blödes Viech.«

Mit einem aufgeregten Jaulen sprang der Hund auf ihre schmale Matratze. Nachdem er sich ein paarmal hin und her gedreht hatte, machte er es sich mit einem zufriedenen Knurren gemütlich.

Sayer rollte sich um seinen kleinen, warmen Körper zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Kriminaltechnisches Labor, Quantico, Virginia

Ezra saß immer noch im Labor, schüttete bitteren Kaffee in sich hinein und sah sich am Computer die Tatortfotos an. Mehr als einhundert Aufnahmen vom Käfig, vom leeren Keller und von dem toten Mädchen. Irgendwann warf er einen Blick zur Uhr. Schon fast vier, und er musste noch alles aufschreiben. Um sich wach zu halten, klopfte er mit seinem Zungenpiercing einen Rhythmus gegen seine Zähne, während er weiterhin auf den Monitor starrte.

Da sein Gehirn auf Autopilot geschaltet hatte, dauerte es eine Sekunde länger, bis ihm etwas auffiel. Kopfschüttelnd klickte er sich zum vorherigen Bild zurück und betrachtete es mit zusammengekniffenen Augen, um nachzuvollziehen, was genau ihm daran ungewöhnlich vorkam. Der Käfig nahm etwa die Hälfte des Bildausschnitts ein, aber an der Wand dahinter konnte man in der Fuge zwischen zwei Ziegelsteinen einen kleinen Lichtfleck erkennen. Ezra vergrößerte das Bild. Tatsächlich: Irgendetwas an der Wand reflektierte das Blitzlicht der Kamera, das hatte den Fleck verursacht.

»Hey, Cindy, komm her und sieh dir das an«, rief Ezra so laut, dass die Kollegen im Nebenraum ihn hören konnten.

Cindys Kopf erschien im Türrahmen. »Was gibt’s denn?«

»Komm und schau dir mal das Foto hier an. Ich glaube, der Fotoblitz wurde von irgendwas an der Kellerwand zurückgeworfen.«

Sie beugte sich über seine Schulter, um besser sehen zu können, und Ezra musste unwillkürlich an die vergangene Nacht denken. Seit Kurzem schliefen sie miteinander, und er fragte sich, ob aus ihnen beiden womöglich mehr werden konnte. Sie roch nach abgestandenem Kaffee und Chemikalien, und er lächelte.

Er hob die Hand und strich ihr eine Strähne ihres dünnen blonden Haares hinters Ohr. Sie schlug seine Finger beiseite. »Nicht auf der Arbeit!« Dann widmete sie sich wieder dem Foto. »Ich glaub, du hast recht. Lass uns hinfahren und nachschauen.«

»Jetzt?«

»Na klar. Wir müssen heute im Laufe des Tages sowieso noch mal zum Tatort, da können wir genauso gut sofort fahren. Wenn wir was finden, nehmen wir es gleich in unseren Bericht für das Sechs-Uhr-Meeting mit auf. Es könnte doch wichtig sein.«

Nachdem sie Sayer eine kurze Nachricht auf die Mailbox gesprochen hatten, fuhren die beiden in ihrem Van zurück nach D. C.

Die Wohnstraße lag in tiefem Schlaf, als sie ankamen. Am Horizont waren bereits die ersten Vorboten des Sonnenaufgangs zu sehen.

Ein Polizist des DCPD saß in seinem Wagen und bewachte den Tatort. Er erkannte sie und nickte zum Gruß, als sie Kurs auf das Haus nahmen.

Ezra schob das herausgebrochene Türblatt beiseite, das im Eingang lehnte. Eine Ratte huschte über den Fußboden. Der Geruch von Tod hing noch in der Luft.

Im Licht ihrer Taschenlampe stiegen sie die knarrenden Stufen in den Keller hinab. Unten angekommen, schalteten sie die Tatortleuchten ein, die nach wie vor im Keller standen. Ezra hielt das ausgedruckte Foto in die Höhe, und gemeinsam gingen sie den Raum ab, bis sie die Stelle gefunden hatten, an der es aufgenommen war. Eilig trat Cindy an die Wand heran und entdeckte ein kleines Loch.

»Da ist wirklich was.« Obwohl sich außer ihnen niemand im Haus aufhielt, flüsterte sie.

»Was glaubst du, was es ist? Das Objektiv einer Kamera oder so? Aber wo sollte die installiert sein?« Ezra sah sich um. »Ich hab mir die Grundrisspläne angeschaut, das Nachbarhaus hat keinen Keller. Also, was ist dahinter? Vielleicht ist die Kamera drahtlos, aber selbst dann müsste sich irgendwo in der Nähe ein Empfängergerät befinden.«

»Ein Hohlraum in der Wand? Oder vielleicht gibt es von irgendwo anders im Haus einen Zugang?« Cindys Stimme kiekste vor Aufregung. Das hier war der Traum eines jeden Kriminaltechnikers – die große Entdeckung, die alle anderen übersehen hatten. Erneut machten sie eine Runde durch den Raum, diesmal in entgegengesetzter Richtung.

Neben der Sperrholzwand, mit der die Rückseite der Treppe verkleidet war, ging Cindy in die Hocke.

»Hey, schau dir das mal an.« Sie fuhr mit den Fingern den Spalt zwischen zwei Sperrholzplatten entlang.

Ezra hob den Kopf, gerade als sie gegen die Platten drückte.

»Nein, nicht!«, rief er.

Ein Paneel schwang nach innen auf.

Ezra hielt den Atem an.

Nichts geschah.

Er schnaufte. »Gott, Cindy, hast du vergessen, dass der Typ eine Selbstschussanlage auf der Treppe installiert hat? Sei bloß vorsichtig!«

»Ja, tut mir leid.« Cindy sah kein bisschen so aus, als täte es ihr leid. Im Gegenteil, ihre Augen funkelten vor Aufregung über die von ihr gemachte Entdeckung. »Und jetzt komm her und sieh dir das an.«

Ezra zwängte sich neben sie in die Öffnung und spähte in den niedrigen Verschlag unter der Treppe. Im Betonboden war eine Falltür eingelassen.

Einen Moment lang starrten sie sie einfach nur an und überlegten, was sie als Nächstes tun sollten.

»Wir müssen Holt und Sayer anrufen«, sagte Ezra schließlich.

Gerade als er sein Handy zückte, hörten sie von unter der Falltür drei kurze Klopfgeräusche. Darauf folgten drei lange, dann wieder drei kurze. Das Ganze wiederholte sich mehrere Male.

»Was ist das?« Cindy legte den Kopf schief.

»Ist vielleicht jemand da unten und schlägt gegen ein Metallrohr oder so? Für Leitungsknacken ist es zu regelmäßig.«

Sie horchten eine Weile angestrengt, dann traf es Ezra wie ein Blitz. »Das ist SOS im Morse-Alphabet!«

»Was?«

»Ja, genau, SOS. Da unten ruft irgendjemand um Hilfe!«

Cindy kroch in den Verschlag und trat mit dem Fuß einmal kräftig gegen die Falltür. Der Widerhall hörte sich an, als würde eine tiefe Trommel angeschlagen.

Eine gedämpfte Mädchenstimme schallte durch den Fußboden zu ihnen herauf. »Ist da jemand? Bitte, helfen Sie mir!«

Cindy sah Ezra mit großen Augen an. »Sag du den anderen Bescheid, ich gehe runter.«

Bevor er ihr eine Warnung zurufen konnte, hatte Cindy bereits die Falltür aufgerissen.

Die Welt explodierte.

Sayers Wohnung, Alexandria, Virginia

Wumm, wumm, wumm!

Sayer setzte sich kerzengerade im Bett auf. Der Hund sprang hoch und schoss knurrend in Richtung Wohnungstür davon.

Wumm, wumm!

»Sayer?«, kam Viks Stimme von draußen.

Sie stapfte zur Tür und riss sie auf. Der Hund stand mit gesträubtem Nackenfell neben ihr.

»Was?«, blaffte sie.

Vik zögerte einen Moment lang. Er betrachtete ihre zerzausten Haare, den roten Flanellschlafanzug und schließlich den Hundewelpen, der sich knurrend gegen ihre Wade drückte.

»Äh.« Er musste sich ein Schmunzeln verkneifen. »Das Meeting der Sondereinheit fängt in vierzig Minuten an. Du bist nicht ans Telefon gegangen, da dachte ich mir, ich komme auf dem Weg nach Quantico schnell vorbei, um mich zu vergewissern, dass du wach bist. Und um dich zu fragen, ob du eine Mitfahrgelegenheit brauchst.«

Das Adrenalin, das durch ihre Adern rauschte, hatte sie hellwach gemacht. Sie blinzelte ein paarmal. »Ganz ruhig, Junge.« Sie legte dem Hund die Hand auf den Kopf. »Wie spät ist es denn?«

»Zwanzig nach fünf.«

»Was?« Seit Jake ums Leben gekommen war, hatte sie nie länger als bis vier Uhr geschlafen. Sie besaß nicht einmal einen Wecker. Ihr Handy zeigte sieben verpasste Anrufe und zwei empfangene Sprachnachrichten an – eine von Ezra, die andere von ihrer Großmutter. Zwar hatte sie den Klingelton ausgeschaltet, aber der Vibrationsalarm funktionierte einwandfrei. Sie konnte sich nicht entsinnen, jemals von einem Anruf nicht aufgewacht zu sein.

»Dann muss ich wohl verschlafen haben.« Sie trat beiseite und bedeutete Vik, hereinzukommen. »Das Angebot mit der Mitfahrgelegenheit nehme ich gerne an. Wir müssen ja nicht beide fahren. Magst du einen Kaffee?«

»Sicher.« Zögerlich betrat er ihre Wohnung.

»Super, dann kannst du schon mal einen aufsetzen, während ich mich anziehe.«

Sayer schloss die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Vik sah ihr ungläubig nach, ehe er sich murrend in ihre Küche trollte und die Kaffeemaschine anwarf.

»Wann bist du eigentlich hier eingezogen?«, wollte er von ihr wissen, während er die halb ausgepackten Kisten und das kahle Wohnzimmer beäugte.

Aus dem Schlafzimmer kam Sayers Antwort: »Ich wohne seit fast drei Jahren hier.«

»Seit drei Jahren?«

Sayer kam ins Wohnzimmer. Sie trug jetzt schwarze Stiefel, enge Jeans, ein weißes Top und eine bordeauxfarbene Lederjacke.

»Sayer, dir ist schon klar, dass Erwachsene nicht so leben, oder?« Vik machte eine ausladende Handbewegung. »Ich bin eingefleischter Junggeselle, und selbst ich besitze mehr Möbel als du.«

»Na und? Nimm dir einen Kaffee, und dann nichts wie los.«

»Willst du vorher nicht wenigstens noch kurz den Hund rauslassen, damit er sein Geschäft verrichten kann?«

»Ach Mist, was mache ich bloß mit dem Vieh? Die Auffangstation ist doch bestimmt noch nicht geöffnet.« Sie öffnete die Wohnungstür, und der Hund flitzte hinunter in den Garten.

»Guten Morgen!«, kam eine Stimme von unten. Sayer trat auf den Balkon hinaus und winkte dem leicht untersetzten Mann mittleren Alters zu, der auf ihrer gemeinsamen Terrasse am Tisch saß. Es war Antonio de la Vega, ihr Nachbar aus dem Erdgeschoss. Er hatte eine Brille mit Drahtgestell auf der Nase und einen schwarzen Kaffee vor sich stehen. In der einen Hand hielt er ein Buch, die andere war in das Fell des kleinen Hundes vergraben.

»Seit wann haben Sie denn einen Hund?« Tino zauste dem Tier liebevoll die Ohren.

»Das ist nicht meiner. Hat mit einem Fall zu tun, an dem ich gerade arbeite. Ich bringe ihn heute noch in die Auffangstation des FBI.«

Ihr Nachbar schnappte entsetzt nach Luft. »Oh nein, nein, Sie können dieses entzückende kleine Geschöpf doch nicht einfach ins Tierheim abschieben!«

»Wir brauchen ihn noch für den Fall. Möchten Sie ihn vielleicht behalten?«

»Oh nein, tut mir leid, ich bin nicht … Will sagen: Meine derzeitigen Lebensumstände erlauben es mir nicht, aber …«

»Meine mir auch nicht.« Sayer pfiff den Hund zu sich, was dieser jedoch geflissentlich ignorierte.

»Warum lassen Sie ihn nicht hier unten bei mir? Heute kann ich mich gerne um ihn kümmern«, schlug Tino vor.

Erleichtert zwang sich Sayer zu einem Lächeln. »Das wäre fantastisch. Ich bin Ihnen was schuldig. Ich versuche, gleich heute Nachmittag jemanden herzuschicken, der ihn abholt.

Ihr Nachbar rümpfte missbilligend die Nase. »Ich kümmere mich gerne um ihn, also ziehen Sie los, und retten Sie die Welt, Dr. FBI.«

Sayer und Vik stiegen in Viks alten Nissan und machten sich auf den Weg nach Quantico. Die Fahrt verlief schweigend – bis zu dem Zeitpunkt, als das Klingeln ihrer beiden Handys die Stille zerriss.

Tatort in der P Street, Washington, D. C.

Sayer stand inmitten der verkohlten Überreste des Kellers und hörte kaum, was der Mann von der Kampfmittelbeseitigung zu ihr sagte. Sayer und Vik waren sofort an den Tatort gefahren. Bei ihrer Ankunft lagen Ezra und Cindy bereits im Krankenwagen und waren kurz vor der Abfahrt in die nächstgelegene Klinik.

Immer wieder wurde Sayers Blick von den Blutschlieren auf dem Betonfußboden angezogen, und sie dachte an Ezra. Sie mochte den jungen Mann wirklich gern.

»Der Sprengsatz war mit der Falltür gekoppelt, sodass er hochgeht, sobald jemand sie öffnet. Eine kleine, aber starke Ladung«, erklärte der Mann von der Kampfmittelbeseitigung gerade.

»Aber Sie haben den Raum unten gesichert?« Sayer beugte sich nach vorn und starrte in das Loch. Es war schwarz vom Ruß des Feuers, das dort nach der Explosion gebrannt hatte.

Noch ehe der Mann antworten konnte, sprang erneut die Audioaufzeichnung an. Erst mehrmals hintereinander das gegen ein Metallrohr geklopfte SOS, dann die verzweifelte Mädchenstimme. »Ist da jemand? Bitte, helfen Sie mir!«

»Und das läuft immer weiter?«, fragte Sayer.

»Ja, das Band war so geschaltet, dass es von selbst anspringt, sobald jemand die Sperrholzpaneele zum Hohlraum unter der Treppe öffnet. Alle zwanzig Minuten geht es wieder von vorne los.«

»Was wohl auch der Grund ist, weshalb Ezra und Cindy die Falltür überhaupt erst geöffnet haben.« Abermals wanderte Sayers Blick zu dem Blut. »Also, was erwartet mich da unten?«

»Ziemlich kleiner Raum. Sieht aus wie ein alter Luftschutzkeller aus dem Kalten Krieg. Verfügt über einen verriegelbaren Durchgang zur Kanalisation. Zwei unserer Kollegen sind unten in den Röhren und schauen sich um, aber bislang deutet alles darauf hin, dass unser Täter auf diesem Weg kommen und gehen konnte, ohne von jemandem gesehen zu werden.«

Vik tauchte neben ihr auf. »Schauen wir uns das doch mal an.«

Er stieg mit tief zerfurchter Stirn die Leiter hinunter. Sayer folgte nur widerstrebend. Enge, unterirdische Räume behagten ihr nicht besonders.

Unten angekommen, bot ihnen der winzige Raum kaum ausreichend Platz, um nebeneinanderzustehen. Er war nur etwa drei Meter breit und hatte Wände und einen Boden aus Beton. Auf einer Seite war ein einzelner Abluftventilator installiert, und im Boden befand sich eine geöffnete Luke, bei der es sich nur um den kurz zuvor erwähnten Einstieg in die Kanalisation handeln konnte. In einer Ecke des Raums stand ein Klapptisch mit allerlei elektronischem Gerät.

An der Wand über dem Tisch hing ein Foto. Sayer erkannte auf den ersten Blick, dass darauf eine junge Frau in einem Käfig zu sehen war.

»Ich habe mit dem Techniker gesprochen, er meinte, das da seien Geräte zur Video- und Audioaufzeichnung«, klärte Vik sie auf. »Sie waren weit genug vom Feuer weg und wurden nicht beschädigt. Ziemlich teures Zeug, aber nicht so außergewöhnlich, dass man es bis zu einem bestimmten Händler zurückverfolgen könnte. Von hier aus hat er den oberen Kellerraum überwacht. Die Aufnahmen wurden auf der Festplatte da gespeichert, allerdings hätte der Täter sie auch von jedem beliebigen Ort aus streamen können.«

Sayer trat zur Wand und beugte sich vor, um das Foto aus nächster Nähe zu betrachten. Es war nicht die junge Frau, deren Leiche sie oben im Keller gefunden hatten. Andere Umgebung, andere Person. Ein zweites Opfer. Ein Mädchen mit eher dunklem Teint, in schwarzem T-Shirt und Jeans. Auf dem Foto machte sie noch einen halbwegs gesunden Eindruck. Sie schaute nicht direkt in die Kamera, doch bei genauem Hinsehen konnte Sayer die Tränen erkennen, die ihr die Wangen hinabliefen. Im Arm hielt sie ein kleines getigertes Kätzchen.

Angesichts ihrer zusammengesunkenen, kraftlosen Körperhaltung krampfte sich Sayers Magen schmerzhaft zusammen.

»Verdammt«, sagte sie. »Es gibt also mindestens noch ein weiteres Opfer.«

Unter dem Foto waren eine Reihe verschiedener Symbole in dunkelbrauner Farbe an die Wand geschmiert. Runen, japanische Kanji vielleicht? Womöglich mit getrocknetem Blut geschrieben?

»Was ist das hier, irgendwas Kultisches?« Sie zeigte auf die Symbole.

»Keine Ahnung«, antwortete Vik, der intensiv auf seiner Unterlippe herumkaute.

Sayer nickte bedächtig, während sie weiterhin das Foto und die rätselhaften Zeichen betrachtete.

»Lass uns die Spurensicherung holen. Ich will wissen, wie es Ezra und Cindy geht, und dann müssen wir zur Besprechung der Sondereinheit, damit wir diesen Kerl an die Wand nageln können. Mit echten Nägeln.«

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Anacostia, Washington, D. C.

Der Streifenwagen des D. C. Police Departments parkte mit laufendem Motor in einer menschenleeren Wohnstraße. Officer Wilson Tooby schlürfte seinen kochend heißen Kaffee und blinzelte ins grelle Morgenlicht. Die Zweige blühender Kirschbäume bogen sich über die Straße und warfen ihre langen Schatten auf gepflegte Rasenflächen und adrette Eigenheime.

Im Gegensatz zu anderen Ecken im Südosten von Washington, D. C. wirkte diese Gegend ruhig, ja geradezu idyllisch.

Nur ein einziges Haus stach durch seine Baufälligkeit hervor. Und vor genau diesem Haus parkten Wilson und sein Partner Mike.

Wilson reckte sich in Richtung Beifahrersitz, um einen besseren Blick auf das leer stehende Einfamilienhaus erhaschen zu können. Zugenagelte Fenster und eine verfallene Veranda stellten in D. C. weiß Gott keine Seltenheit dar, allerdings war er sich ziemlich sicher, das rostige goldgrüne Schild mit der Aufschrift Zu verkaufen, das vorn im Garten stand, schon einmal gesehen zu haben.

»Waren wir nicht letzte Woche schon hier?«, fragte er seinen Partner.

»Was?« Mike hatte nur Augen für sein Handy – und für die SMS, die er gerade an seine neue Freundin schrieb.

»Weißt du nicht mehr? Da kam doch dieser Notruf rein. Eine junge Frau, klang total verwirrt, als wäre sie auf Droge oder so.«

»Ja, kann schon sein.« Mike zuckte die Achseln.

Mike gehörte zu der Sorte Mann, die wie besessen Gewichte stemmte, aber keine halbe Meile am Stück laufen konnte. Nicht gerade der beste Cop, mit dem Wilson je zusammengearbeitet hatte.

Auf dem Bordcomputer ihres Streifenwagens rief Wilson den Bericht des Vorfalls auf und las den Vermerk, den er zwölf Tage zuvor dazu geschrieben hatte. »Tatsächlich, es ist genau dasselbe Haus. Beim letzten Mal war ja alles ruhig.«

»Und worum geht’s diesmal?« Mike beugte sich nach vorne, um den Text am Monitor besser lesen zu können.

»Schlechter Geruch.«

Erneut gingen ihre Blicke zum Haus. Das verhieß nichts Gutes.

Wilson tippte den Monitor an, um noch einmal den Mitschnitt des Notrufs abzuhören. Ein Hoch auf die moderne Technik. Er drückte auf »Play«, und wenig später erfüllte die Stimme eines jungen Mädchens das Innere ihres Einsatzfahrzeugs.

»Hallo?«, kam ihr zaghaftes Flüstern aus den Lautsprechern.

»Neun eins eins, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich die Disponentin der Notrufzentrale in recht schroffem Ton.

»Ha…hallo? Bitte, jemand muss mir helfen.«

»Um was für einen Notfall handelt es sich denn, Liebes?«, fragte die Disponentin daraufhin etwas sanfter.

»Ich weiß nicht, was hier los ist. Da ist …«

»Wo sind Sie denn gerade, Liebes?«

»Ich weiß nicht.« Das Mädchen brach in Tränen aus. »Ich weiß es nicht …«

Ein jähes Geräusch ließ die Lautsprecher im Streifenwagen erbeben, dann brach die Verbindung ab.

»Hat da ein Hund gebellt?«

»Keine Ahnung.« Wilson überflog den Bericht. Der Anruf war von einem alten Festnetzanschluss gekommen, der offiziell gar nicht mehr in Betrieb war. Deshalb hatte man ihn auch nicht exakt lokalisieren, sondern lediglich dem näheren Umkreis einer Adresse zuordnen können.

Wilson und Mike waren zu besagter Adresse gefahren und hatten mehrmals an die Haustür geklopft. Sie hatten eine Runde ums Grundstück gemacht und sich mit einem Nachbarn unterhalten, der sie darüber aufgeklärt hatte, dass das Haus leer stehe und man nie jemanden ein- oder ausgehen sehe. Es hatte keinerlei Einbruchsspuren gegeben, Türen wie Fenster waren fest verschlossen gewesen, und da sie nicht einmal gewusst hatten, ob sie überhaupt am richtigen Ort waren, hatten sie den Vorfall zu den Akten gelegt. Wilson erinnerte sich noch, dass es der Geburtstag seiner Tochter gewesen war. Er hatte so schnell wie möglich Feierabend machen wollen, um rechtzeitig zu ihrer Party zu Hause zu sein.

Und jetzt hatte sich jemand über schlechten Geruch beschwert.

»Ach, verdammt«, fluchte Wilson, als er sich aus dem Sitz hievte. Hoffentlich würden sie drinnen keinen toten Junkie finden. Langsam stiegen die beiden Cops die buckligen Stufen zum Haus hoch. Oben angekommen, klopfte Wilson mit Nachdruck an die Tür.

»Hallo? Polizei, machen Sie bitte auf!«

Bereits während er klopfte, nahm er den unverkennbaren Gestank von verwesendem Fleisch wahr, der durch die Ritzen der Tür ins Freie drang.

»Ach, verdammt«, brummte er erneut.

»Das ist gar nicht gut.«

»Meinst du?« Wilson hatte allmählich die Nase voll von seinem Partner. »Gib die Infos durch, ich breche die Tür auf.«

Während sein Partner die Zentrale anfunkte, versetzte Wilson der alten Haustür einen beherzten Fußtritt. Er zielte auf die Stelle unmittelbar oberhalb des Schlosses. Das Holz splitterte gleich beim ersten Mal, und trotz der Umstände konnte sich Wilson ein triumphierendes »Ha!« nicht verkneifen. Eine Tür einzutreten konnte sehr peinlich werden, wenn die Tür nicht mitspielte.

Er betrat das Haus und schluckte die Galle hinunter, die ihm sogleich in die Kehle schoss. Trotz des kühlen Frühlingstags war die Luft im Haus muffig und abgestanden.