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Seine Freundin Julia liebt Rügen, bei Stefan Wolff hingegen kommt am Strand von Binz noch lange keine Urlaubsstimmung auf. Der Lehrer interessiert sich viel mehr für die illustren Dauergäste - allesamt älter und äußerst wohlhabend - die im Hotel für allerhand Streitigkeiten sorgen. Als dann Katharina von Berg tot in ihrer Suite gefunden wird, erwacht in Wolff der Detektiv. Kann er in dem Gewirr von Lügen und Intrigen den Mörder der Millionärsgattin stellen?
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bernhard Spring
Todesnacht auf Rügen
Kriminalroman
Urlaub, Meer und Mord Stefan Wolff verbringt mit seiner Freundin Julia ein paar Tage in Binz. Doch mehr als Ostsee und Strand interessieren den Lehrer die Intrigen um die betuchten Hotelgäste. Unter ihnen sorgt vor allem Katharina von Berg für Aufregung. Die Millionärsgattin kokettiert mit ihrem Liebhaber und provoziert damit nicht nur ihren nachgereisten Ehemann. Als sie tot aufgefunden wird, steht für Kriminalkommissar Steinhagen der Täter schnell fest. Doch Wolff weiß, dass nahezu jeder Hotelgast ein Mordmotiv hatte. Schon begibt er sich auf die Jagd nach dem wahren Täter. Doch seine Nachforschungen stoßen nicht nur bei Steinhagen auf Missfallen. Auch Julia sieht es gar nicht gern, dass Wolff im Urlaub zum Hobbydetektiv avanciert. Entsprechend vorsichtig muss Wolff seine Ermittlungen anstellen. Dabei drängt die Zeit, denn mit jedem neuen Tag neigt sich der Urlaub seinem Ende zu …
Bernhard Spring, 1983 in Halle (Saale) geboren, ist promovierter Germanist und Krimiautor. Für seine Kurzgeschichten und Romane erhielt er diverse Literaturpreise. Nachdem er mehrere erfolgreiche Krimis um den Dichter Joseph von Eichendorff und den Merseburger Kommissar Till Thamm veröffentlicht hat, legt er mit »Todesnacht auf Rügen« den ersten Krimi um den Lehrer und Hobbydetektiv Stefan Wolff vor. Spring lebt in Leipzig.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2023 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © refresh(PIX) / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-7596-2
Für Aino, der mir geholfen hat, diesen Fall zu lösen
Wolff drehte sich erwartungsvoll zu der Uhr um, die über der Tafel hing. Der große Zeiger unter dem vergitterten Milchglas schob sich allmählich zur Zwölf hinauf. Noch sieben Minuten, dann konnte er gehen.
Vor ihm lag das Klassenbuch. Er tippte mit dem Kugelschreiber auf die leeren Zeilen. Er hatte keine Ahnung, was er in der vergangenen Woche unterrichtet hatte. In der 4b war er mit dem Stoff weiter gekommen als in der 4c, das wusste er genau. Und in der zweiten Klasse ging es um die Zahlen bis 100 – das ganze Schuljahr schon. Aber die 4c?
Nervös trommelte er mit dem Stift auf das Papier. Der Direktor erwartete das Klassenbuch nachher im Lehrerzimmer auf dem neusten Stand, da war er penibel. Aber wenn Wolff heute nicht pünktlich aus der Schule fortkam, würde zu Hause Julia einen Aufstand machen. Immerhin wollte sie noch bestimmen, was Wolff in die Koffer packen sollte. Und sie wollte ihn abfragen, ob er den Wagen getankt hatte, ob er Frau Keller an die Post und die Blumen erinnert hatte, ob er im Hotel angekündigt hatte, dass sie vor 14 Uhr kommen würden, und – das Wichtigste – ob er daran gedacht hatte, doch wirklich gleich für den ersten Morgen eine Massage zu buchen.
Noch fünf Minuten. Hatte er mit den Viertklässlern multiplizieren oder dividieren geübt? Es wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen. Es wurde wirklich Zeit, dass er Ferien bekam. Er vergaß ja alles. Lag das vielleicht daran, dass er im letzten Jahr die Vierzig geknackt hatte? Aber nein, beruhigte er sich. Er brauchte einfach nur dringend Erholung! Und wen interessiert es überhaupt, was da im Klassenbuch stand? Wie wollte der alte Direktor das überprüfen? War es nicht letztlich egal? Noch zwei Minuten. Wolff atmete tief ein. Es war nur eine kleine, harmlose Lüge. Er lehnte sich zurück und setzte den Kugelschreiber an: Am Mittwoch, in der zweiten und dritten Stunde, hatte er mit der 4c also …
Da klopfte es.
Es klopfte so zögerlich, als ob die Person vor der Tür eigentlich gar nicht auf sich aufmerksam machen wollte. Und doch schreckte Wolff wie ertappt auf. »Ja!«, rief er und räusperte sich. Schnell legte er den Kugelschreiber beiseite, als könnte er ihn verraten. »Ja!«, rief er noch einmal, diesmal etwas lauter, weil sich an der Tür nichts tat. Da trat ein Mann ein, den Wolff noch nie gesehen hatte. Trotz seiner Massigkeit huschte er gelenkig wie eine Katze durch den offenen Spalt und schloss die Tür auch schon lautlos hinter sich, alles im selben Augenblick. Der Mann sah Wolff aus gehetzten Augen an. Das verlegene Lächeln auf seinem Mund wirkte wie angeklebt. »Entschuldigen Sie – Herr Wolff? Haben Sie noch Sprechstunde?«
Wolff sah zu der Uhr hinauf. Zwei Minuten nach vier. Er lächelte säuerlich und nickte.
»Es geht um meinen Sohn«, erklärte der Mann und kam mit eiligen Schritten näher. Wolff versuchte, in dem teigigen Gesicht eine Ähnlichkeit zu irgendeinem seiner Schüler auszumachen, doch umsonst. Unter dem Zuviel an Fett und Haut konnten die Konturen eines jeden Jungen verborgen liegen, den Wolff unterrichtete.
»Aber zuerst: meine Frau!«, hastete der Mann. Er zog einen der Stühle heran und nahm auf ihm Platz. Der Stuhl verschwand unter seinen ausladenden Hüften. »Ich weiß, dass Sie normalerweise mit meiner Frau über den Jungen reden, natürlich. Da will ich mich auch gar nicht einmischen. Und gerade deshalb – Sie verstehen sicher. Man ist ja auch nur ein Mensch, nicht wahr? Also, nun ja, unterm Strich: Ich will keinen Ärger, Sie verstehen? Deshalb wäre es mir ganz lieb, wenn Sie unser Gespräch – nun ja – meine Frau muss ja nicht unbedingt wissen, dass ich hier war. Deshalb möchte ich Sie bitten, die ganze Sache …« Sein gequälter Blick wandte sich von Wolff ab und schweifte die Tafel entlang. Ganz offensichtlich suchte er nach dem passenden Wort. Doch die Tafel war leer, und wenn sie es nicht gewesen wäre, wäre sie mit Zahlen statt mit Wörtern beschrieben gewesen. Wolff unterrichtete schließlich Mathematik.
»Ich werde das Gespräch natürlich vertraulich behandeln«, half der Lehrer aus. Der Mann atmete erleichtert aus, und Wolff wusste nicht, ob es wegen des gefundenen Wortes oder wegen seiner zugesicherten Verschwiegenheit war.
»Wissen Sie, der Friedrich …«, setzte der Mann an, da hob Wolff schon den Zeigefinger wie sonst seine Schüler. »Lange oder Marek?«
»Marek natürlich! Friedrich Marek, Klasse 4c – ach ja.« Der Mann lachte in kurzen Stößen auf. »Sie kennen ja nur meine Frau. Und deshalb bin ich ja jetzt auch da. Weil mich das ja normalerweise auch alles gar nichts angeht. Welche Hefte für das neue Schuljahr gebraucht werden und wohin die Klassenfahrt geht und wer von den Eltern beim Wandertag als Begleiter mitfährt – Sie wissen schon, das ganze Zeug eben.« Er straffte den Rücken durch, indem er sich auf den Knien abstützte. »Ich würde mich da ja auch einbringen, bei den Wandertagen, meine ich. Aber ich bin berufstätig, selbstständig sogar. Da kann ich nicht alle Wochen auf Klassenfahrt gehen. Ich muss arbeiten.« Er dachte kurz über seine Worte nach, dann beugte er sich vertraulich Wolff entgegen. »Das soll nicht heißen, dass Sie nicht auch arbeiten würden. Aber Sie wissen ja, was ich meine, nicht wahr?«
Wolff nickte ungeduldig. Ohne sich nach der Uhr umzudrehen, spürte er, dass es jetzt sicher schon zehn nach vier war. »Friedrich Marek also«, führte er zum vermeintlichen Anlass des Gesprächs zurück. »Ich weiß eigentlich gar nicht, worüber Sie da mit mir sprechen wollen. Friedrich gehört zu den Besten des ganzen Jahrgangs, ich habe auch eine Empfehlung geschrieben …«
»Ja, genau!«, fiel ihm Marek ins Wort. »Darum geht es ja, um Ihre Empfehlung. Gerade Sie, als Klassenlehrer – und wo Sie doch auch noch Mathe unterrichten und nicht so ein Nebenfach wie Ethik oder Gestalten oder was es da noch so gibt – Sie wissen schon. Da zählt doch Ihre Meinung ganz besonders. Und was machen Sie? Meine Frau hat’s mir brühwarm erzählt. Ich hatte ja keine Ahnung!«
Wolff legte die Stirn in Falten. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich nur gute Worte über Ihren Sohn verloren habe.«
»Ja, und wie!«, verschluckte sich Marek. »Ich höre sie ja jetzt noch: ›Hochbegabt, hat der Lehrer gesagt. Hörst du, Thomas, hochbegabt ist unser Sohn. Er soll aufs Gymnasium. Alles andere wäre ein Fehler. Und wir sollten ihn testen lassen, die Uni hat da so ein Programm für talentierte Kinder. Hochbegabt, Thomas, hättest du das gedacht – unser Sohn. Ich sag dir, das hat er von mir!‹ So ging das den ganzen Abend. Und am nächsten Tag wusste es das ganze Viertel. Da haben Sie mir ja was Schönes eingebrockt!«
Wolff versuchte, einen milden Blick aufzulegen. »Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen«, sagte er schließlich. »Aber das muss Ihnen wirklich keine Angst machen. Auch wenn Ihr Sohn intellektuell vielleicht irgendwann einmal in anderen Sphären unterwegs sein sollte als Sie – und so genau kann man das ja in diesem Alter noch nicht wissen. Ich meine, wer kann schon sagen, was aus diesen kleinen Kerlchen wird? – selbst dann wird er Sie immer auf der sozialen Ebene gehörig brauchen. Glauben Sie mir, Sie werden als Vater immer eine wichtige Bezugsperson für ihn sein, egal, was wird.«
»Aber das will ich doch gar nicht!«, brach es aus Marek heraus. »Darum geht es doch. Denken Sie doch mal an mich! Ich bin selbstständig, ich habe eine Firma. Sanitäranlagen Marek – kennen Sie doch sicher! Den ganzen Laden habe ich aufgebaut, praktisch aus dem Nichts. Und wer soll denn das alles mal übernehmen, wenn ich nicht mehr kann? Verstehen Sie? Was soll ich denn mit einen Sohn, der hochbegabt ist und irgendwas studiert, was keiner braucht – und wenn er den Nobelpreis dafür bekäme! Ich brauche einen Sohn, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und nach der Ausbildung seinem alten Herrn unter die Arme greift.«
Der Mann schien nach diesem Ausbruch erschöpft zu sein. Mühsam fingerte er ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich damit die Stirn ab. »Ich brauche einen Nachfolger, kein Genie«, meinte er kläglich.
Wolff überlegte. »Ich nehme an, dass Sie keinen weiteren Sohn haben – oder vielleicht eine Tochter?«
»Friedrich ist unser Einziger. Und das war schwer genug, sage ich Ihnen! Deshalb schwirrt ja seine Mutter über ihm wie so ein Polizeihubschrauber überm Fußballfeld. Und deshalb hört sie ja so genau hin, wenn Sie oder irgendwer was über ihn sagt. Schon als damals unser Kinderarzt, der alte Huber, keine drei Monate nach der Geburt wegen Friedrichs Leisten meinte …«
Wolff hatte das ungute Gefühl, dass der Mann drauf und dran war, elf Kinderjahre in Echtzeit nachzuerzählen. Die vergitterte Uhr in seinem Rücken fiel ihm ein. Und Julia. Und der Direktor, dazu das Klassenbuch. Was hatte er am Mittwoch unterrichtet: Multiplikation, Division – oder ganz allgemeine Bruchrechnung? Himmel, er war wirklich urlaubsreif! Je länger er darüber nachdachte, umso mehr mögliche Themen fielen ihm ein. Aber es war zumindest etwas Mathematisches, versuchte er sich zu beruhigen. Da hatte er eine Idee.
»Herr Marek«, fiel er mitten in den Bericht über die Windpocken kurz vor Friedrichs drittem Geburtstag. »Ihr Sohn hat doch am letzten Donnerstag eine Leistungskontrolle bei mir geschrieben, nicht? Freitag hat er sie doch zurückbekommen – wieder ein Einser.«
»Ja«, meinte Marek zerknirscht. »Schon wieder.«
»Sie wissen nicht zufällig, worum es in dem Test ging – Multiplikation vielleicht? Oder Bruchrechnung?«
Der Mann sah ihn irritiert an. Wolff erkannte, dass Marek genauso wenig wie er wusste, was er in der vergangenen Woche unterrichtet hatte. »Schade«, meinte der Lehrer mit einem Anflug von Enttäuschung.
Für einen kurzen Moment schüttelte Marek den Kopf wie ein Hütehund, der sich wachrüttelt. »Ja, schade. Sehen Sie, das ist ja genau das, was ich meine. Schon wieder eine Eins. Geben Sie ihm doch mal eine Drei. Seit wann ist denn eine Drei eine schlechte Note? Und schreiben Sie doch Ihre Laufbahnempfehlung bitte in Richtung Mittelschule. Ich will Ihnen weiß Gott nicht reinreden, aber ließe sich nicht zumindest die Sache mit der Hochbegabung vermeiden? Das ist doch nur ein Wort …«
»Andere Eltern wären stolz darauf«, warf Wolff teilnahmslos ein. Er sah, dass dieses Gespräch zu nichts mehr führte. Und sein Klassenbuch bekam er davon auch nicht voll.
»Ja, aber andere Eltern haben auch keine Firma aufgebaut.« Marek erhob sich schwer. »Bei uns gibt es Punkt um sechs Essen«, meinte er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Und da komme ich nie zu spät. Meine Frau denkt, ich bin bei einem Lieferanten. Wenn ich jetzt nicht fahre, gibt’s Ärger.« Er reichte Wolff seine breite Hand. »Und Sie vergessen nicht mein kleines Anliegen? Es muss ja nicht gleich ein Vierer sein. Aber vielleicht kommen wir zum Halbjahreszeugnis irgendwie noch auf eine Zwei in Mathe?«
»Man weiß nie«, meinte Wolff unbestimmt und ergriff die ihm dargebotene Hand. Marek nickte bekräftigend. »Hoffen wir das Beste!«, erklärte er zuversichtlich. »Und wie gesagt: bitte kein Wort zu meiner Frau. Ich war nie hier. Sie verstehen.« Damit ging er und zog die Tür ebenso schnell wie lautlos hinter sich zu.
Wolff hatte sich zur Verabschiedung erhoben, jetzt nahm er wieder Platz. Er schlug das Klassenbuch auf. Marek hatte alles nur schlimmer gemacht, wie Wolff mit einem Blick auf die Uhr feststellte. Nicht nur, dass es auf fünf zuging. Jetzt war Wolff ganz sicher der Letzte im Haus und musste überall die Lichter ausmachen und die Schule abschließen. Der Direktor war da eigen, weil doch der Sicherheitsdienst erst um zehn kam. Und noch immer wusste er nicht, was er am Mittwoch unterrichtet hatte: Multiplizieren oder Dividieren? Doch nun hatte er keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Julia wartete sicher auf ihn, und schlimmer: Bestimmt hatte sie schon angefangen, seinen Koffer zu packen. Und er müsste dann eine Woche lang tragen, was sie ausgesucht hatte!
Wolff griff zum Kugelschreiber. Multiplizieren oder Dividieren? Sein Blick überflog die übrigen Eintragungen. Alle Kollegen hatten den Mittwoch fleißig befüllt, nur die Zeile für die beiden Mathestunden war noch leer. »Was ich unterrichtet habe?«, murmelte er vor sich hin und setzte den Stift hinter dem freien Feld an. »Rechnen«, schrieb er kurzerhand, dann klappte er das Klassenbuch zu.
»Ist es nicht schön hier?«
»Es zieht.«
»Aber schau dir doch nur mal den Strand an!«
»Da zieht’s auch.«
Wolff schlug den Kragen hoch. Schon als sie durch die menschenleere Hauptstraße gegangen waren, hatte sich ihm die Frage aufgedrängt, warum sie ausgerechnet im November nach Binz gefahren waren. Ganz Rügen schlummerte in der Außersaison. Nur die Möwen waren noch da.
Es war Julias Idee gewesen. »Den Herbst in Binz!«, hatte sie geschwärmt, und was auch immer sie sich darunter vorgestellt hatte, es hatte sie geradezu befallen wie eine fixe Idee. Und Wolff hatte den Moment verpasst, in dem er noch Einfluss auf die gemeinsame Urlaubsplanung hätte nehmen können. Oder hatte es diesen Moment in Wahrheit nie gegeben?
Und so standen sie nun auf der Seebrücke, wo ihnen der Wind nasskalt um die Ohren wehte. Das Geländer, an das sich Julia lehnte, glitzerte nass. Vor ihr bauschte die Ostsee grün und dunkel um die Pfeiler der Brücke. Graue Gischt spritzte auf die Holzplanken und machte sie rutschig. Wolff fühlte eine unangenehme Kälte unter seine Jacke dringen. Er sah hinaus auf das offene Meer, das fast nahtlos in den wolkendichten Himmel überging. Er sah nichts. Trotzdem starrte Julia ganz gebannt in das Dunkel des Nachmittags.
Vom Strand her schimmerten die Lichter des Kurhauses über das Wasser. Da ist noch Leben, dachte Wolff, dort gibt es etwas zu trinken. Er hatte die Anreise noch nicht verdaut: Sechs Stunden Autofahrt quer durch die Republik, dann Julia, die unbedingt sofort zum Strand musste, um das Meer zu begrüßen, wie sie gesagt hatte. Und das noch vor dem Auspacken! Und zur besten Kaffeezeit!
»Wollen wir langsam zurück?«, fragte Wolff sehnsüchtig. Aber Julia reagierte nicht. Erst nach schier endlos erscheinenden Minuten meinte sie: »Nur noch kurz.« Wolff ging unruhig auf und ab. Im Herbst an die Ostsee! Er verstand noch immer nicht, was er hier machte.
Auf dem Heimweg bekam er es schließlich erklärt. »Natürlich ist im November kein Sommerwetter«, holte Julia aus und hakte sich bei ihm unter. »Aber dafür kriegen wir auch keinen Sonnenbrand, oder? Siehst du. Und überleg mal, wie voll es hier im Sommer ist. Jetzt haben wir den ganzen Strand für uns.«
»Aber dafür können wir hier nichts machen«, warf Wolff ein.
»Wir sind doch aus dem Alter raus, in dem man Sandburgen baut und Muscheln sammelt! Weißt du eigentlich, was für herrliche Wellnessangebote Binz hat? Ich hatte dir doch diese Broschüre aus dem Reisebüro mitgebracht. Und wolltest du nicht auch im Internet noch ein bisschen recherchieren? Hier gibt es sogar Yogakurse. Und Sauna! Hast du übrigens die Massage für morgen früh gebucht?«
Wolff nickte. Wellness! Fast wünschte er sich in sein staubiges Klassenzimmer zurück. Julia schien seine Gedanken lesen zu können. »Aber ganz ruhig, Tiger«, säuselte sie lachend. »Du wirst dich schon entspannen. Du musst es nur zulassen.«
Am Ende der Seebrücke blubberte ein Brunnen vor sich hin. In der Hauptstraße hatte eine Konditorei den halben Fußweg mit runden Tischen und Korbstühlen bestellt. Julia wählte einen Platz unter den Markisen. Es gab Himbeerschnitte und Café Crème. Julia beobachtete aufmerksam, wie Wolff zwei Stück Zucker in Herzform in seiner Tasse verrührte.
»Du solltest mehr Sport treiben«, sagte sie nachdenklich.
»Aber nicht jetzt«, gab Wolff zurück. »Wir sind im Urlaub.«
»Sag das mal deinem Gesicht«, meinte sie schalkhaft und lehnte sich genüsslich in ihrem Stuhl zurück. »Wir sollten Fahrräder ausleihen. Vielleicht kann man uns im Hotel sagen, wo es welche gibt. Gleich für die ganze Woche?«
Wolff legte die Stirn in Falten. »Wie soll denn das Wetter werden?«
»Spielverderber!«, rief Julia. »Wenn du so weiter machst, ertränke ich dich im Moorbad!«
»Die Moorleiche von Binz«, lachte Wolff. »Das wäre ja ein grandioser Abgang.«
Später schlenderten sie zum Hotel zurück und gingen dabei durch die Paulstraße, die Wandastraße und die Margaretenstraße. Die Hotels, an denen sie vorbeikamen, hießen Villa Seeblick, Meersalz, Strandgut, Düne und Sanddorn, Annegret, Augusta, Hanna und Viktoria. Ihr eigenes Hotel hieß Villa Doris und war wie die übrigen Häuser in der Straße in der Bäderarchitektur erbaut worden: Das eigentliche Gebäude verschwand hinter hölzernen Balkonen und Verzierungen, alles in Weiß gehalten. Zu beiden Seiten der zweiflügeligen und doch unscheinbaren Eingangstür lagen jeweils zwei beinah ebenerdige Balkone. Darüber erhoben sich zwei weitere Etagen mit je fünf Balkonen, die von einem flachen Dach bedeckt wurden.
Hinter der Eingangstür mündete ein kurzer Flur in einem runden Foyer, in dem eine große, blassgrüne Palme den Tresen der Rezeption beschattete. Daneben schraubte sich eine Wendeltreppe zu den oberen Stockwerken empor. Links und rechts führten flache, marineblaue Läufer aus dem Foyer hinaus in die Räume des Erdgeschosses.
»Guten Tag und herzlich willkommen in der Villa Doris!«, rief der Mann hinter der Rezeption, als würde er das eintretende Paar zum ersten Mal in seinem Leben sehen, dabei hatten sie doch schon vor dem Strandspaziergang hier eingecheckt. »Sie haben also das Meer begrüßt und möchten nun Ihr Zimmer beziehen?«, erkundigte er sich und gab damit zu verstehen, dass er Julia zuvor durchaus sehr aufmerksam zugehört hatte.
»Ja, bitte«, bestätigte Wolff, stellte die Koffer ab und drückte vorsichtig den schmerzenden Rücken durch. Was hatte Julia nur alles eingepackt?
»Das Zimmer Nummer 204 ist das Ihre«, erklärte der Portier förmlich und reichte zwei Schlüssel mit einem breiten Messingschild über den Tresen. »Es befindet sich in der zweiten Etage. Einen Fahrstuhl gibt es leider nicht im Haus, aber gern bin ich Ihnen mit dem Gepäck behilflich, wenn Sie mögen.«
Wolff lehnte freundlich ab. Er konnte die Augen nicht von dem Portier lassen. Alles an dem Mann glitzerte und funkelte. Der schüttere, mit Pomade akkurat auf Linie gebürstete Haarkranz, die vollkommen faltenfreie, glänzende Stirn, die sich bis zum Hinterkopf erstreckte, die rahmenlosen Brillengläser, die strahlend weißen Zähne: Der ganze Mann leuchtete und blendete wie das blank polierte Namensschild an seinem Sakko, das den Portier als Herrn Ehrenstein auswies. Er war weder alt noch jung, weder schlank noch dick, weder schön noch hässlich. Überhaupt fiel es Wolff schwer, an Ehrenstein irgendetwas Besonderes auszumachen. Nicht einmal die Farbe seiner Augen konnte er feststellen, so sehr blinkte das Brillenglas. Fast schien es, als hätte Ehrenstein mehr mit einer Stehlampe als mit einem Mensch gemein: Er leuchtete und glänzte, und wovon dieses Strahlen ausging, war nicht zu erkennen.
»Zimmer 204?«, wiederholte Julia. »Sie haben doch aber hier nicht über 200 Zimmer?«
Der Portier lächelte sein glitzerndes Lächeln. »Natürlich nicht«, räumte er ein. »Das Hotel verfügt über genau 32 Zimmer, allerdings befinden sich die meisten davon im Seitenflügel der Villa, der außerhalb der Hauptsaison verschlossen ist. Da haben Sie aber auch nichts verpasst, wenn Sie mich fragen, denn der Seitenflügel liegt fernab der Straße. Wenn man es ruhiger mag, ist man dort sicher gut aufgehoben, die Aussicht ist allerdings weniger schön.« Er machte eine nachsichtige Miene. »Man schaut halt nur in die Hinterhöfe der anderen Hotels. Hier im Haupthaus befinden sich zehn Zimmer, jeweils fünf in den beiden oberen Etagen, wobei die mittleren Räume etwas komfortablere Suiten sind. Die Zwei zu Beginn der Zimmernummer bezieht sich auf die Etage«, fügte er hinzu.
»Sind noch andere Gäste im Haus?«, fragte Wolff nach.
»Natürlich!«, erklärte Ehrenstein. »Wir sind sehr gut besucht dieser Tage. Direkt neben Ihnen, im Zimmer 205, wohnt Frau Tiberius, eine ganz reizende Person und Witwe eines hessischen Regierungsrats. In der Suite Nummer 203 logiert seit einer Woche Frau von Berg und daneben Frau Neuss. Sie wissen schon, die Keksfabrik. Sie sehen, unser Hotel ist ein Magnet für sehr ausgesuchte Gäste.«
Wolff nickte langsam. »Und offenbar für vorrangig weibliche Besucher. Wie erklärt sich dieser doch etwas einseitige Magnetismus?«
Ehrenstein verzog keine Miene. Sein beharrliches Lächeln überstrahlte das ganze Gesicht. »Nun, Binz ist ein bekannter Luftkurort. Das gilt auch für die Außersaison. Neben den genannten Damen hat unser Haus auch Doktor Gruber und Herrn Nimrod zum Gast, beide in der dritten Etage. Und erst gestern traf Herr von Berg ein und bezog das Zimmer 201. Ich kann Sie also beruhigen, Herr Wolff: Sie sind unter all den Damen nicht auf sich allein gestellt. Des Weiteren …« Ehrenstein rückte sich ein wenig zurecht und fuhr tonlos fort: »Das Frühstücksbüfett steht ab sieben im Speisesaal bereit. Einen Mittagstisch bieten wir leider nur am Wochenende an, allerdings können Sie ab 18 Uhr bei uns zu Abend essen. Wir führen eine umfangreiche Karte mit saisonalen Speisen aus der Region«, führte er aus. »Natürlich können Sie auch im Ort speisen. Einen gastronomischen Führer finden Sie auf Ihrem Zimmer, ebenso eine Übersicht zu allen Freizeitangeboten in Binz und auf Rügen überhaupt. Die Rezeption ist bis 21 Uhr besetzt. Hier stehe ich Ihnen gern für alle möglichen Fragen zur Verfügung.« Wie zur Bestätigung verneigte er sich leicht.
Wolff bedankte sich und schlängelte die beiden Koffer die enge Wendeltreppe hinauf. Im oberen Flur kicherte Julia: »War der nicht absolut komisch?« Wolff konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, trotz Julias schweren Koffers.
Das Zimmer hatte den Komfort eines Dreisternehotels, die Einrichtung wandelte im Grenzbereich zum Kitsch. Alles erinnerte nachdrücklich daran, dass man sich am Meer befand. Die Bilder an den Wänden zeigten Seefahrtsmotive, ein Buddelschiff zierte den Schreibtisch und ein scheinbar vom Strand aufgelesener, längst ausgetrockneter Ast lag im Fensterbrett. Auf der Tagesdecke fanden sich zwei kleine Päckchen mit Sanddornbonbons, im Bad waren Muscheln auf dem Fensterbrett und allen möglichen Flächen ausgebreitet. Bettwäsche, Handtücher und Wände waren in einem zarten Orange gehalten.
Julia schwor darauf, dass man vom Fenster aus beinah die Ostsee sehen konnte, obwohl sich Wolff sicher war, dass das Zimmer nach Süden ging, das Meer aber im Osten lag.
»Woher willst du das wissen!«, wischte sie mit einer flüchtigen Handbewegung seinen Einwand weg.
Während er die Anordnung der Fernsehkanäle überprüfte, räumte sie die Koffer aus. Lange Zeit war sie damit beschäftigt, ihre Waschtasche zu leeren und alle Fläschchen und Bürstchen um das Waschbecken herum zu drapieren. Später nahm sie eine Tablette gegen aufziehende Kopfschmerzen. »Hoffentlich wird es keine Migräne«, sagte sie und massierte sich sanft die Schläfen. Zur Sicherheit verschoben sie das geplante Abendessen in dem Fischrestaurant, das sie in der Hauptstraße ausgemacht hatten, und blieben im Hotel.
Sie waren nicht die ersten Gäste im Speisesaal, der sich im Erdgeschoss befand. Eine ältere Dame saß im hinteren Teil des Raumes und nickte dem eintretenden Paar zu, das am Fenster Platz nahm. Die Dame mochte wohl in ihren Siebzigern sein. Alles an ihr wirkte beigefarben: ihre üppigen Locken, unter denen ein blasses Gesicht aus den unzähligen Falten und Rüschen ihres Kleides ragte. Routiniert zog sie immer wieder ihre Handtasche auf ihren Schoß, um eine Tablette hervorzuholen. Wenn sie nach dem Wasserglas griff, um das Medikament hinunterzuspülen, klickten die Perlen ihrer ausladenden Halskette, die ihr dreifach über dem Dekolleté hing.
Mit behandschuhtem Finger rief sie wortlos die Kellnerin zu sich und gab mit schwacher Stimme ihre Bestellung auf. Wolff hörte vage heraus, dass sie ein weiteres Mineralwasser zum Essen orderte.
»Schau mal, jetzt regnet es«, meinte Julia. »Haben wir ein Glück, dass wir hier geblieben sind.«
»Fällt der Urlaub gerade ins Wasser?«, fragte Wolff und sah hinaus. Von ihrem Tisch aus konnte man in den Vorgarten und noch weiter schauen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saßen andere Menschen im Speisesaal der Villa Rosamunde und schauten wie sie auf die leere Straße hinaus. Wolff überlegte, ob er ihnen winken sollte.
»Doch nicht wegen so einem bisschen Regen!«, sagte Julia bestimmt.
»Und deine Kopfschmerzen?«, erinnerte Wolff.
»Schauen wir mal.« Damit verschwand sie hinter der Speisekarte und bestellte kurz darauf einen gemischten Salat. Wolff nahm die griechische Bohnensuppe. Beides wurde bald serviert. Zu der Suppe gab es ein sehr blasses Baguette.
»Du«, sagte Wolff, während er das Brot abbrach. »Zwischen Massage und Sauna würde ich aber auch gern ein bisschen was sehen von der Gegend hier.«
Julia arbeitete sich durch die Unmengen von Rucola in ihrem Salat.
»Woran hast du gedacht?«
»Na ja«, holte Wolff aus. »Ich würde gern mal die Kreideküste sehen. Natürlich vom Wasser aus. Ich glaube, es fahren auch jetzt noch ein paar Schiffe von der Seebrücke aus ab. Und dann vielleicht eine kleine Fahrt mit dem Rasenden Roland runter auf diese Halbinsel, Mönchgut. Wir könnten zum Jagdschloss Granitz oder nach Prora. Ich würde gern den Hafen von Sassnitz sehen. Putbus muss nicht unbedingt sein, weil es das Schloss dort ja eh nicht mehr gibt. Aber wer weiß, an einem sonnigen Tag gefällt es uns dort vielleicht trotzdem? Und wenn uns gar nichts mehr einfällt, fahren wir einfach runter von der Insel nach Stralsund oder weiter nach Rostock. Was meinst du?«
Julia lächelte ihn an. »Du hast dich also doch schlaugemacht über Binz. Ich wusste doch, dass du nicht einfach so ins Blaue Urlaub machen kannst!«
»Ja, aber, was sagst du zu meinen Vorschlägen? Womit wollen wir anfangen? Was zum Beispiel machen wir morgen?«
Sie ergriff seine Hand. »Nichts von alledem.«
Er zog die Stirn kraus. »Was dann?«
»Keine Ahnung«, meinte sie leichthin. »Einen Urlaub kann man doch nicht so einfach durchplanen wie eine Unterrichtsstunde. Kannst du denn nicht wenigstens hier ein bisschen spontan sein? Außerdem weiß ich ganz genau, was du mit diesen Ausflugszielen bezweckst«, erklärte sie triumphierend. »Du willst dich vor der Sauna drücken. Aber damit kommst du mir nicht durch. Hier wird sich entspannt – und wenn ich dich dazu zwingen muss!«
Ehe Wolff etwas entgegnen konnte, betrat ein weiterer Gast den Speisesaal. Die Frau sah sich kurz um und eilte, kaum dass sie das Paar am Fenster erblickt hatte, auf Wolff und Julia zu. Sie wirkte in allem recht unauffällig, hübsch und gut gekleidet und doch etwas unscheinbar. Wenn nicht ihre übermäßig freudig strahlende Miene gewesen wäre.
»Ich darf doch?«, fragte sie höflich und nahm am Nebentisch mit dem Rücken zu Wolff Platz. Umgehend schob sie den Stuhl zur Seite, sodass sie den ganzen Raum im Blick hatte.
»Sie sind neu hier?«, erkundigte sie sich. Wolff bejahte.
»Das wäre ich auch gerne!«, seufzte sie theatralisch und kicherte gleich darauf. »Neu ankommen, alles noch einmal von Anfang an erfahren und erleben. Was würde man anders machen, was intensiver erleben? Ich beneide Sie fast ein wenig.«
Wolff wusste nicht recht, was er darauf entgegnen sollte. So legte er ein unsicheres Lächeln auf.
»Oh, es wird Ihnen hier gefallen, da bin ich sicher«, fuhr die Frau fort. »Allein die Luft! Ich komme fast nur deshalb hierher. Diese herrliche Mischung aus Salz und Nadelholz. Aber wie leicht hier das Atmen fällt, werden Sie erst bemerken, wenn Sie wieder daheim sind. Woher kommen Sie denn?«
»Aus Leipzig«, meinte Julia.
»Ach Leipzig, wunderbar! Die Frauenkirche, der Zwinger, das Grüne Gewölbe«, schwärmte die Frau verzückt.
»Nein, das ist Dresden«, korrigierte sie Wolff. »Bei uns steht nur das Völkerschlachtdenkmal.«
»Na, das macht doch nichts. Das ist sicher auch schön. Wissen Sie, ich kenne Sachsen nur aus der Zeitung.«
Die Kellnerin kam, nahm die Bestellung der Frau auf und räumte Wolffs Suppenteller ab. Julia arbeitete noch an ihrem Salat. Wolff warf einen kurzen Blick auf die Karte.
»Oh, nehmen Sie ja nicht den Heilbutt! Der hat sich bei mir zwei Tage später noch bemerkbar gemacht«, riet ihm die Frau, und zur Kellnerin gewandt: »Nichts für ungut.« Die junge Frau zuckte teilnahmslos mit der Schulter.
Wolff bestellte schließlich das Schnitzel Hamburger Art und die Kellnerin verließ den Raum. An den beiden Tischen am Fenster entstand eine unangenehme Pause. Die Frau lächelte Wolff aufmunternd zu, sodass er glaubte, etwas sagen zu müssen.
»Sie sind also schon länger hier?«, fragte er unsicher.
»Jeden Herbst«, erklärte die Frau. »Ich bin geradezu süchtig nach Rügen. Mal ist es Baabe, mal Binz, mal Göhren. Diese Ostseebäder – dieses herbe Klima, diese raue Männlichkeit. Alles hier ist wie der Sanddorn. Es schmeckt bitter, aber man weiß, dass es gesund ist. Oder zumindest bildet man sich das ein. Wenn Sie Ihren Tag auch jetzt im November mit einem Fußbad in der Ostsee beginnen, werden Sie verstehen, was ich meine. Antonia Neuss«, schob sie nach und reichte erst Wolff, dann Julia die Hand. »Neuss wie die Kekse. Das hat Ihnen der schwatzhafte Empfangschef sicher schon verraten. Wahrscheinlich kennen Sie schon Gott und die Welt! So ein herrlich loses Plappermaul!«
»Eigentlich nicht«, gestand Julia. »Um ehrlich zu sein, sind Sie der erste Gast, mit dem wir ins Gespräch kommen.«
»Ist es die Möglichkeit!« Frau Neuss winkte ab. »Das wird sich schnell legen. Es ist langsam Zeit für das Abendessen, und die meisten Besucher speisen im Hotel. Es haben ja auch fast alle Restaurants im Ort geschlossen. Spätestens in ein, zwei Stunden werden Sie wohl einen Großteil von den anderen Gästen kennen. Und dann gehören Sie quasi mit zur Familie.« Sie rempelte Wolff ihren weichen Ellenbogen in die Seite. »Ob Sie wollen oder nicht!«
Wolff rutschte den Stuhl etwas von ihr weg, auch wenn er damit seinen Bauch unter der Tischplatte einklemmte. Frau Neuss schien das nicht zu bemerken. »Fragen Sie ruhig, was Sie wissen wollen! Nach all den Jahren kenne ich hier jeden und alles.«
Julia schien sie auf die Probe stellen zu wollen. »Wer ist denn diese ältere Dame dort beispielsweise?«, fragte sie neugierig und deutete mit einem kleinen Nicken auf die einzige andere Person im Raum.
»Das da?« Frau Neuss sah sich um. »Ach, ich vergesse immer, dass sie da ist. Sie heißt Tiberius, Rahel Tiberius. Ihr Mann war irgendein hohes Tier in Wiesbaden oder Darmstadt. Er ist schon lange tot. Sie hat so ziemlich jedes Altersleiden, das man sich vorstellen kann. Diabetes, Arthrose, Osteoporose, Gicht und irgendwas an der Schilddrüse. Sie schluckt den ganzen Tag Tabletten und wundert sich wahrscheinlich, dass sie trotzdem noch lebt.«
»Die Arme!«, entfuhr es Julia. Frau Neuss lächelte spöttisch. »Wir haben alle unsere kleinen Geheimnisse«, meinte sie. »Und auch diese kleine zierliche Person dort hat es faustdick hinter den Ohren. Glauben Sie bloß nicht, dass da tatsächlich Wasser in ihrem Glas ist. Sie spült die Tabletten den lieben, langen Tag mit purem Gin runter. Es ist alles nur für den guten Schein.«
Die Kellnerin brachte Frau Neuss eine Minestrone, wodurch das Gespräch unterbrochen wurde. Frau Neuss entschuldigte sich, immer noch lächelnd, und widmete sich ihrer Suppe. Die Kellnerin nahm bei Frau Tiberius im Vorbeigehen eine Bestellung auf und stieß in der Tür beinah mit zwei Gästen zusammen, die in diesem Augenblick den Speiseraum betraten.
»Aber wir bleiben doch nicht lange«, rief der Mann seiner Begleiterin zu. Sie würdigte ihn kaum eines Blickes. »Und wenn wir nur eine Sekunde blieben, Joachim, so wäre mir trotzdem kalt. Ich bestehe auf meinen Kaschmirschal! Oder willst du, dass ich mir den Tod hole?«
Frau Neuss lehnte sich leicht zu Wolff hinüber. »Das ist Frau von Berg mit ihrem Mann«, raunte sie ihm zu. Er nickte mechanisch.
Der Mann in der Tür diskutierte mit seiner Frau. »Lass uns doch erst mal in Ruhe essen, Schatz, dann …«
»Wenn du Ruhe haben möchtest, suche dir ein Grab!«, fuhr sie ihn giftig an. »Aber vorher bestehe ich auf meinen Schal.«
»Ja, Liebes«, gab er sich geschlagen. Sie reichte ihm einen Zimmerschlüssel und er trottete mit hängenden Schultern davon. Frau von Berg aber ließ ihren Blick durch den Saal schweifen und ging auf die neuen Gesichter am Fenster zu. Ihr schulterfreies Kleid unterstrich mit jedem Schritt ihre wunderbare Figur. »Sie müssen die Familie Wolff sein, von der im Haus die Rede ist. Na ja, zumindest wird dieser lächerliche Portier nicht müde, von dem Paar aus Sachsen zu sprechen. Ein furchtbar langweiliger Mann. Überhaupt« – sie blickte Frau Neuss direkt an – »tummeln sich hier überaus langweilige Personen. Wenn Ihnen einmal nach etwas gehobener Gesellschaft ist, kommen Sie gern auf mich zu.«
Damit zwinkerte sie Wolff aufreizend zu und zog sich an einen größeren Tisch in der Mitte des Raums zurück. »Charlotte oder wie Sie auch heißen«, rief sie der Kellnerin zu. »Bringen Sie mir einen Grünlack-Riesling von Schloss Johannesberg, aber möglichst bald, wenn ich bitten darf.« Die Kellnerin nickte und hatte nun einiges zu tun. Julia bekam ihre Tintenfischringe, Wolff sein Schnitzel. Frau Neuss bestellte einen Haussalat und Frau Tiberius ein weiteres Mineralwasser. Mittendrin erschien ein Mann im Saal. Mit federndem Gang schritt er zu einem Tisch im Halbschatten und setzte sich mit eleganter Bewegung. Sein gepflegtes Auftreten und seine maßgeschneiderte Kleidung zeugten von Stil. Er schien das Altern zu genießen, weil er noch nicht ernsthaft von ihm betroffen war. Bei der Kellnerin bestellte er einen Cappuccino. So saß er bald mit seiner Kaffeetasse zwischen den übrigen Gästen, die mit dem Abendessen beschäftigt waren, als hätte er sich in der Tageszeit geirrt.
»Das glaubst du nicht«, flüsterte Julia Wolff zu, während sie ihre Tintenfischringe zerschnitt. »Schau nicht rüber. Aber der flirtet die ganze Zeit mit dieser unmöglichen Frau von Berg. Nicht rüberschauen, hab ich gesagt!«
Wolff wagte trotzdem einen Blick. In diesem Moment kam Herr von Berg mit dem gewünschten Schal zurück, den er seiner Frau um die nackten Schultern legte. »Lass das, Joachim!«, wehrte sie ab. »Wenn du jemanden zum Bemuttern brauchst, dann adoptiere doch ein Waisenkind.«
Damit stieß sie den Schal von sich und reckte ihre Schulter aufreizend nach vorn. Der Mann ein paar Tische weiter lächelte. Herr von Berg bemerkte den Blickwechsel und setzte sich mit gerunzelter Stirn an den Tisch. »Ich dachte, dir wäre kalt«, meinte er leise.
»Du denkst zu viel, mein Guter«, lächelte sie über seine Schulter den anderen Mann an. »Pass auf, dass du dir dabei nicht noch wehtust.«
»Katharina, ich verstehe dich nicht. Ich bin durch halb Deutschland gefahren, nur um dich zu überraschen. Und jetzt bist du so … ich weiß nicht, wie.«
»Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt, Joachim«, meinte sie mit süßlicher Stimme und kraulte ihn am Kinn. »Wie lange kennst du mich jetzt schon? Du weißt doch, dass ich Überraschungen hasse – genau wie dieses vorwurfsvolle, traurige Gesicht, das du da machst. Das verdirbt mir jedes Mal den Appetit.« Sie leerte ihr Weinglas und erhob sich. »Nein, nein, iss du man ruhig. Ich werde schlafen gehen und möchte keinesfalls gestört werden, ja?« Er nickte schwermütig.
Kurz nachdem Frau von Berg gegangen war, verließ auch der andere Mann den Raum. Herr von Berg sah ihm traurig nach, dann verkroch er sich hinter die Speisekarte.
»Also, diese Frau von Berg«, meldete sich Frau Neuss mit gedämpfter Stimme vom Nachbartisch. »Eine ganz furchtbare Person! Sie bewohnt die Suite im zweiten Stock, das größte Zimmer im Hotel. Deshalb glaubt sie wohl, dass ihr alles gehört. Eine wirklich unverschämte Person, wenn Sie mich fragen.«
Weder Wolff noch Julia hatten sie gefragt, und doch berichtete Frau Neuss immer weiter, während sie noch aßen. Zwischendurch bestellte sie sich einen Prosecco. »Sie ist mit Joachim von Berg verheiratet. Ihm gehört jeder zweite Baum in Niedersachsen. Zur Hochzeit soll er ihr eine Jacht geschenkt haben. Wie man hört, gefällt es ihm offenbar, sein Geld in aussichtslosen Aktiengeschäften zu verlieren und seiner Gattin hinterherzureisen. Nizza im Frühling, Portofino im Sommer, Rügen im Herbst, St. Moritz im Winter – gehobener Jetset, gewissermaßen. Es ist sicher nicht der größte Reichtum, aber wenn man bedenkt, dass sie bei ihm als einfache Sekretärin angefangen haben soll. Wie es heißt, hat sie sich für ihn scheiden lassen. Wenn das nicht die wahre Liebe ist!«
»Aber warum haben sie getrennte Zimmer?«, fragte Julia.
Frau Neuss grinste hämisch. »Wenn Sie das den Portier fragen, würde er sagen, dass sie sein Schnarchen nicht verträgt. Tatsächlich – nun, Sie haben es ja gesehen. Frau von Berg bewahrt sich gewisse Freiheiten.«
»Sie sind ja gut informiert«, meinte Wolff sarkastisch, während er sich über die Reste seines Schnitzels hermachte.
»Ach ja, man hört halt so dies und das«, wehrte Frau Neuss ab. »Ich selbst habe ja kaum Interesse an solchem Klatsch, aber so ganz drum herum kommt man ja doch nicht. Gerade wenn man so viel unterwegs ist wie ich. Apropos, was machen Sie eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?«, wandte sie sich an Julia.
»Ich leite eine Sozialstation der Caritas.«
»Wie interessant!«, erklärte Frau Neuss. »Sie glauben gar nicht, wie viele Frauen erfolgreicher Männer ihre Zeit nur so vertun mit einem kleinen Teeladen oder Yogakursen. Es gibt nichts Langweiligeres als Frauen, die sich nur reich geheiratet haben und sonst nichts. Da ist es ja geradezu erfrischend, einmal einer Ausnahme zu begegnen. Und Sie«, fragte sie Wolff, »in welcher Branche sind Sie tätig?«
»Ich bin Grundschullehrer«, sagte Wolff.
Frau Neuss sah ihn ungläubig an. »Ja, aber«, versuchte sie sich zu sammeln. »Was hat Sie denn da hierher verschlagen?«
»Die Herbstferien.«
Wolff konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Auch Julia sah leicht spöttisch zu der Frau hinüber. Die rang um Worte.
»Ich wollte nicht …«
»Haben Sie nicht!«
»Es tut mir sehr leid.«
»Muss es nicht.«
Eilig zog sich Frau Neuss zu ihrem Prosecco zurück. Wolff warf Julia einen vielsagenden Blick zu, sie lächelte. Sie aßen schweigend weiter, auch einen Nachtisch. Anschließend verließen sie den Speisesaal, da war Frau Neuss schon kaum merklich verschwunden.
Im Foyer bei Herrn Ehrenstein stand ein zweiter Herr hinter dem Tresen der Rezeption, der war groß und breit und sah mit seinem kantigen Kurzhaarschnitt geradezu martialisch aus. Wild gestikulierend wedelte er mit ein paar Zetteln vor dem eingeschüchterten Portier. Dabei redete er mit kaum unterdrückter Wut auf ihn ein. Als er Wolff und Julia aus dem Speisesaal treten sah, senkte er seine zur Faust geballten Hände und zwang sich zu einem freundlichen Gesicht.
»Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt in unserem bescheidenen Haus«, presste er in der tiefsten Bassstimme hervor. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich von den Gästen ab. »Sehr schön, sehr schön«, murmelte er vor sich hin. Er raffte die Zettel zusammen und trat vor den Tresen. »Wir sprechen uns später noch«, knurrte er Ehrenstein zu, dann marschierte er mit eiligen Schritten den Gang entlang. Sein harter Tritt war noch zu hören, als er längst um eine Biegung des Flurs verschwunden war. Wenig später knallte eine Tür.
»Wer war denn das?«, fragte Julia fassungslos.
»Oh, das«, wiegelte Ehrenstein ab. »Das war nur unser Direktor, Herr Hansen.«
»Ist er immer so gut gelaunt?«, hakte Wolff nach.
»Nun ja, der Direktor ist eine Seele von Mensch«, versicherte der Portier. »Nur kann er eben Unzuverlässigkeiten nicht ausstehen. Aber deswegen müssen Sie sich nicht den Kopf zerbrechen. Eine Bagatelle, nicht mehr«, fügte er eilig hinzu. »Nebenbei, ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt?«
Julia lächelte matt. »Sie haben sehr interessante Gäste.«
»Nicht wahr?«, freute sich der Portier. »Frau von Berg, natürlich. Eine Sensation.« Er warf Wolff einen prüfenden Blick zu. »Aber vielleicht etwas zu impulsiv für manches Gemüt. Ihr Gatte hingegen ist recht umgänglich und sehr gebildet. Ein feiner Mensch! Doktor Gruber übrigens auch. Den haben Sie, glaube ich, noch nicht kennengelernt. Er kommt meist später zum Essen, er macht endlos lange Spaziergänge an der Promenade. Dafür bleibt er dann auch länger. Vielleicht, wenn Sie nachher noch einmal hereinschauen mögen …?«
»Vielleicht«, meinte Wolff vage. Sie grüßten und gingen die Wendeltreppe hinauf und den Flur entlang. Aus dem Zimmer der Berg war Gekreische zu hören. Türen wurden zugeschlagen und das so oft, dass Wolff vermutete, dass die Suite nicht nur aus einem Raum nebst Bad bestand.
»Ich glaube, jetzt kriege ich doch noch eine Migräne«, murmelte Julia und schloss ihr Zimmer auf. Kaum hatte sie ihre Halbschuhe ausgezogen, ließ sie sich ein Bad ein und zündete zwei Duftkerzen an, die vor dem Badspiegel von Sand umgeben auf einem Stück Rinde standen. Sie bat Wolff, im Schlafzimmer das Licht zu dimmen. Als er zu ihr in das Bad kommen wollte, trat sie ihm in der Tür entgegen und legte sanft ihre Hand auf seine Brust. »Geschlossene Gesellschaft, es tut mir leid«, sagte sie leise und verschloss die Tür vor Wolffs Nase.
Er blieb im Halbdunkel zurück. Langsam schritt er durch das Zimmer und ließ sich in einen Sessel fallen. Wohin hatte es ihn nur verschlagen? Von draußen fiel das Licht zweier Laternen schwach durch die Vorhänge. Nebenan wurde eine Tür zum letzten Mal zugeworfen. Der Streit bei Frau von Berg hatte sein Ende gefunden.
Als Julia später aus dem Bad kam, legte sie sich ins Bett und schaltete die Nachttischlampe aus. »Unser Urlaub fängt ja gut an«, seufzte sie. »Was sind das nur für verrückte Menschen! Diese Diva – wie sie ihren Mann herumgescheucht hat! Und dann flirtet sie ganz unverfroren mit diesem Mann am Nachbartisch. So was von dreist!«
Wolff lächelte. »Das war wohl sicher etwas mehr als ein Flirt. Der Kerl ist punktgenau mit ihr gegangen – und mit wem sonst sollte sie sich jetzt in ihrem Zimmer streiten? Alle anderen sind unten im Speiseraum, inklusive ihres Mannes.«
»Du meinst, ein Kurschatten? Das wird ja immer besser.«
»Vielleicht sogar noch mehr«, sagte Wolff und streichelte ihr sanft den Nacken. »Ist dir eigentlich aufgefallen, dass die Neuss über jeden etwas zu berichten hatte – nur über diesen Mann nicht?«
»Das glaubst du doch selbst nicht!«, entfuhr es Julia.
»Warum nicht? Die von Berg und die Neuss dürften doch etwa gleich alt sein. Und was, wenn die eine der anderen den Gigolo ausgestochen hätte?«
»Dann wären wir mitten in eine Schlangengrube geraten«, murmelte Julia schlaftrunken. »Die Neuss war überhaupt die Schrecklichste von allen. Wie kann man nur so schwatzhaft sein? Aber die Tiberius hat mich einfach nur traurig gemacht. Sitzt da in der Ecke und trinkt und nimmt Tabletten. So ein erbärmlicher Lebensabend.«
»Immerhin in Binz«, warf Wolff ein.
»Versprich mir eins«, sagte Julia, »bitte stirb, bevor ich so eine traurige Witwe werde. Ich möchte nicht, dass du mich so siehst.«
Wolff überlegte. »Ich denke, das lässt sich einrichten.«
Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann streifte sie ihre Schlafmaske über die Augen. »Morgen geht es mir wieder blendend, versprochen«, sagte sie noch. »Du wirst sehen, ich brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Und du hast den Masseur auch wirklich gebucht? Ich hatte vorhin vergessen, den Portier danach zu fragen.«
