Todesrot - Jannik Winter - E-Book

Todesrot E-Book

Jannik Winter

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Beschreibung

Vortragsbilder einer Vorlesung über den Beruf Soziale Arbeit dienen ihm als Vorlage, die Opfer sucht er sich unter den Studentinnen aus. Auf der Suche nach der Ursache seiner Veranlagung wird er fündig, sie steckt in den Genen. Das wird zum Weckruf: Todesrot wird seine Lieblingsfarbe.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jannik Winter

Todesrot

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Ade

2. Mein

3. Rot

4. Kuckuck

5. Minze

6. Keller

Epilog

Nachwort

Impressum neobooks

Prolog

Exil

Luft: 34 Grad

Pool: 28 Grad

Mojito: 4 Grad

Mädchen: 36 Grad

Hautfarbe: Karamell

Anzahl: 3

Problem: Lethargie

Wie glühende Stahlschmelze prasselt es auf seinen Rücken. »Au, verflucht, es brennt! Wieso legst du die Tube in die Hitze? Unter den Glastisch in die Sonne?« Er springt auf, schüttelt sich, droht mit der Faust in ihre Richtung.

»Du … du! Ich sollte dich würgen. Oder abknallen! Tot, du bist erledigt, wenn das noch mal passiert.« Sie lächelt, bleibt tänzelnd außer Reichweite. »Grins nicht so hinterhältig!«

Er rollt mit den Augen, fällt zurück auf die Liege. Eine Ecke der Tube bohrt sich in den Bauchnabel. »Aa! Mist! Willst du mich ausrasten sehen, ist es das?«

Mit der linken Hand befühlt er die schmerzende Stelle, die rechte greift nach ihr: »Komm sofort her!« Wie Tentakel einer fleischfressenden Pflanze legt sie ihm ihre braunen Arme um den Oberkörper. Nackte Brüste reiben sich an Haut, eine Zunge gleitet ins Ohr.

Darf sie damit durchkommen?

»Jetzt zeige ich es dir ganz langsam. Sonnencreme dort hineinlegen! Hast du das kapiert? Entiendes? Tu comprends? Du sollst nicken, wenn du mich verstehst.« Sein Zeigefinger weist auf die Tube und schwenkt im Halbkreis zum Kühlschrank. Sie schüttelt so heftig den Kopf, dass die Perlen der Rastazöpfe auf ihre Augäpfel schlagen.

Widerspruch erfordert Strafe!

Er holt aus. Sie reagiert. Handflächen klatschen aufeinander. Sein Blick irrt von ineinander verschlungenen Fingern zu den wippenden Brüsten, dann zur rosa Zungenspitze zwischen Elfenbein. Die linke Hand kommt zum Einsatz. Sie zieht seinen Kopf an ihre Lippen und erstickt den Wutanfall mit einem Kuss. Er zögert zu lange, fällt und landet unter ihr auf der Liege. Sein Protest bleibt schwach. »Bitte nicht! Hör auf damit! Ich will nicht, kann nicht!«

Ihr Mund schnurrt am Hals. Die rosa Zunge gleitet von der Schulter herunter zum Bauchnabel. Am Punkt des Einstichs der mörderischen Tube verweilt sie, züngelt den Schmerz weg. Es ist vorhersehbar, wo sich ihre Lippen hinbegeben werden.

Doch heute kein Sex, zuerst wird er die Schuldige finden. Die Liege knarrt beim Aufrichten. Er darf niemals Angst zeigen, sondern muss der Glutsonne das Gesicht zuwenden.

»Warst du das? Hast du die Creme so heiß werden lassen? Absichtlich? Fast wäre ich gestorben!« Ihre Antwort kommt ohne Sprache aus. ›Daran trage ich keine Schuld. Ich verschaffe dir nur eine Atmosphäre der behaglichen Lethargie. Das ist alles, was du brauchst!‹

Ihre Strahlen blenden, er darf weder zurückweichen noch nachgeben: »Zur Hölle mit dir!« Für die Drohung lässt sie ihn zwanzig Sekunden lang erblinden. Danach wirken die Brüste des Mädchens dunkler, die Kreise in der Mitte wie aufgeklebter schwarzer Samt.

Sein Schrei hat bei ihr Gelächter ausgelöst.

»Warum lachst du, wenn du nichts verstehst? Bist du ihre Komplizin? Habt ihr euch gemeinsam gegen mich verschworen, ist es so? Ich muss, ich werde …«

Wieder kommen ihre Hände und der Mund zum Einsatz. Er stößt sie weg. Sie zuckt mit den Schultern, lässt Kopf und Oberkörper wie eine Kobra kreisen. Bei der Aktion hat sich sein Pulsschlag verdoppelt, die ersten Schweißtropfen laufen in die Augen. Mit einem warnenden Knurren fällt er zurück auf die Liege.

»Ich diskutiere mit der Sonne und sehe in jedem einen Feind. Das sind Anfänge des Wahnsinns.«

Der Kühlschrank auf der Terrasse läuft ohne Verschnaufpause. Seit einigen Tagen stottert der Kompressor und verwandelt nur unter Protest warmes Wasser in Eis. Das Ergebnis bleibt gefährlich. Jeder zusätzliche Mojito auf Crushed Ice lässt die Sonne erbarmungsloser brennen. Ein Sprung in den Pool bringt kurzfristig die erlahmten Lebensgeister zurück. »Ah, ich kann es noch.« Verbissenes Ringen mit der Kraultechnik. Zehn Sekunden. Wird langsamer. Nach zwei Runden reißt er die Arme in die Luft: »Hier seht ihr den Gewinner, er heißt Träger Geist.« Auf der Luftmatratze darf er sich treiben lassen, weitere Anstrengungen bleiben auf der Insel verboten.

Das Ergebnis betrachtet er mit Argwohn. Die Zunahme der Hüftröllchen hätte er im früheren Leben durch Jogging bekämpft. Zur Prüfung drückt er mit zwei Fingern eine Falte in das Fleisch. Sein Gesichtsausdruck bleibt zweideutig zwischen Scham und Akzeptanz hängen. Er schreit das Mädchen an: »Was ist aus mir geworden?« Seinen Zorn erstickt sie mit einem Kuss, mit Zunge und Händen.

»Ja, schon gut, es ist toll bei euch! Ich lebe im Schlaraffenland! Verstehst du den Satz?« Sie nickt, lächelt, setzt sich auf ihn. In diesem Land siegen immer die Frauen. Sie können abwarten und bleiben ohne Schuld.

Seine Lippen brennen. Rührt das von ihren hundert Küssen oder war es die Feindin am Himmel? Er entscheidet sich für die sichere Liegeposition bäuchlings auf der Liege. Als er die Stirn gegen die Auflage presst, durchzuckt ihn ein Schmerz im Nackenbereich. Eine neue Strafe? Er kennt die Antwort. »Es muss eine höhere Instanz geben, die Selbstaufgabe und Lethargie bestraft.« Kann das Mädchen die Verspannung wegmassieren? Ihre Hände sind geschickt genug. In seiner Fantasie radiert sie den Schmerz mit sanftem Druck ihrer Fingerkuppen aus. Doch wie soll er das vermitteln?

Anfangs hatte er es versucht. »English? Español? Français?« Kein Zeichen der Erkenntnis in ihrem Gesicht.

Er wurde energisch: »Welches gottverdammte Pidgin sprecht ihr auf der Insel?«

»Mista vinakata?«

Also Gebärden. Er wies auf das leere Glas, dann auf den Kühlschrank, vollführte die Pantomime der Durstigen. Sie kreischte so laut, dass er überlegte, seine SIG Sauer auch im Poolbereich zu tragen.

Gab er ihr einen simplen Wink mit der Hand, wurde der Mund breiter als der Horizont. Die Idee einer angemessenen Strafe ist ihm entfallen, nur der Gedankenblitz an einen Elektrotacker aus dem Baumarkt hat überlebt. Doch er muss sprechen, sonst rostet die Stimme. Ein Wort, Pause, den Klang wirken lassen.

»Ich … ich bin nicht der reiche Tourist, der ausgenommen werden darf. Aber du … du hast großes Glück, kennst die Wahrheit nicht. Sieh dir meine Hände an. Was erkennst du? Nichts? Schau genau hin, denn damit töte ich Frauen, junge Mädchen wie dich. Möchtest du wissen, was ich anschließend mit ihnen mache, wie ich sie verschönere und sie zum Kunstwerk werden?«

Sie strahlt sie ihn an und er lacht zurück. »Unschuldig. Du hast keinen blassen Schimmer, wer ich bin.« Ihr Lächeln vertreibt seine Sucht nach einer vernünftigen Antwort. »Fuck! Das hier ist nichts weiter als ein verlorener Fleck im endlosen Meer. Die Menschen sind ahnungslos und ich beginne, den Verstand zu verlieren!«

Insel, Villa, Dachterrasse, nackte Mädchen.

Sein Blick bleibt wachsam, gleitet vom nahen Blau des Meeres bis zu den dunkelgrünen Bergen am Horizont. Kann sie jemand beobachten? Negativ, es gibt hier im Umkreis keinen höheren Punkt. Drohne oder Satellit? Heute sollte es außer einer harmlosen Massage langweilig für sie bleiben.

Er wird durch Bewegungen auf dem Monitor der Außenkamera alarmiert. Einige Nachbarn treibt Neugier bis vor den Eingang zur Villa. Sie rufen ihn: »Mista! Mista! Shaki hands!« Sie möchten dem reichen Mann die Hand schütteln. Verärgert schreit er über den Lautsprecher: »Verschwindet! Fuck off! Desaparece! Disparaît!« Sie trollen sich, nicht ohne mehrfach nach oben zu blicken.

»Du darfst die Anonymität des Verstecks nicht aufs Spiel setzen! Alle Rollläden im Erdgeschoss bleiben verschlossen. Du gehst niemals raus, auch nicht vor die Tür, ist das klar?« Die Anweisungen von Akash sind hart. »Hör auf, mich herumzukommandieren! Das hier ist mein Leben. Ich will nicht länger, kann nicht mehr!«

Bei Anbruch der Dämmerung kommen die Jungs aus dem Dorf. Er hört an ihrem schmierigen Gelächter, dass sie die Spiele im Inneren erahnen. »Ihr wollt nackte Mädchen sehen? Habt ihr keine eigenen? Verschwindet, das hier ist Privatbesitz!« Die drei Inselschönheiten stehen hinter ihm, feixen und lachen über die zotigen Rufe auf der Straße.

»Ihr würdet gerne zu den Boys? Ja, ist es das? Geht, kommt nie wieder!«

Sie sehen auf seinen ausgestreckten Zeigefinger. Angst vor einer unbekannten Konsequenz huscht in ihre Gesichter. Er hält den Schlüssel in die Luft. Energisch schütteln die drei ihre Köpfe. Er übergibt ihn mit scharfen Worten an das Hausmädchen. »Nur du! Niemand raus oder rein, verstanden?« Ihr Nicken fällt so heftig aus, dass die Kinnspitze aufsetzt. Doch er bleibt argwöhnisch, lässt ihre Einkäufe auf dem Küchentisch ausbreiten. Sie atmet durch, als er den Daumen hebt.

Beim Reinigen von Pool und Terrasse täuschen sie Eifer vor. Empört deutet er auf ausgelaufene Reste der Barbecue-Sauce. Er schlägt mit Handflächen den Rhythmus einer Trommel, wird schneller. Sie rennen. Er zeigt auf den Kühlschrank. Die Kräftigere schleppt eine volle Kiste auf den Schultern und füllt auf. Stolz über den Erfolg der gelungenen Kommunikation nickt er ihnen zu, reibt sich den Daumen.

Was macht die Bettgemeinschaft der drei Hübschen? Nackt und erschlagen rekeln sie sich im Halbschlaf. Klatscher mit der flachen Hand auf ihre Hinterteile lassen sie aufkreischen und ins Bad stürzen. Soll er zusammen mit ihnen in die Dusche? Heute nicht, morgen auch nicht, die Lust auf Sex ist verflogen.

Er beobachtet das Hausmädchen beim Wechseln der Bettwäsche und deutet auf die befleckten Laken. Sie kennen die Anweisung: »Maschine, machine! No laundry service, wash here!« Die Spuren der Körperflüssigkeiten auf den Bezügen bleiben Geheimnisse des Hauses.

Akash bleibt unerbittlich. »Keine Fingerabdrücke oder DNA, es geht nichts nach draußen!«

Zornesfalten kann er. Mit einem leicht anklagenden Blick zieht er einen Slip und eine leere Flasche Champagner unter dem Bett hervor. Sein erhobener Zeigefinger wirkt. Nur für ihn sichtbar senken sie ihre Köpfe. Um ein Grad. Sie bleiben stolz, nur ein leichtes Nicken zeigt, dass sie ihren Job behalten möchten.

Beginnt ein sozialer Abstieg mit der Reduktion von Faktor vierzig auf acht? Schutzfaktor bleibt ein unbekanntes Wort in diesem Glutkessel. Seine Hautfarbe hat sich in den vergangenen sechs Monaten ohnehin dem Karamellton der Einheimischen angepasst. Die Creme dient ausschließlich als Vorwand, ihn verwöhnen zu dürfen. Sie sind süchtig nach einem Lächeln, erbetteln wohliges Schnauben als Bestätigung, ihr Geld wert zu sein. Keines der Mädchen zeigt es, doch er kann ihre unterschwellige Angst riechen. Es sind Signale der Sorge, nicht mehr gebraucht zu werden.

Akash kennt die Sorte Frau. »Sie sind in deiner Hand. Welche Wahl haben sie? Ohne dich fallen sie in das Elend ihrer Wellblechhütten zurück.«

»Bin ich ein Inselkönig?«

»König? Du wirst größenwahnsinnig und bleibst hoffentlich nur ein anonymer Tourist. Aber für das Dorf bist du eine wichtige Einnahmequelle. Es ist das Geld, um mehr geht es ihnen nicht.«

»Du hast recht. Ich stellte mir lange Zeit vor, hier läge das Paradies, wie es sich ein Mann wünscht. Doch im Gegenteil, mein Leben ist armselig und unerfüllt!«

Derart deprimierende Gedanken kommen, wenn ihn ein besonderes Verlangen quält. Ein Projekt ist noch nicht abgeschlossen, hängt in der Luft.

»Ich darf hier nicht verrotten, sonst verliere ich alle Ambitionen und die Fähigkeiten zur Gestaltung. Mein Genius wird verkümmern.« Im wolkenlosen Blau steht die glühende Feindin und lacht ihn aus. Er hebt seine Faust. »Es reicht! Du bist schuld. Was machst du mit mir?«

Sie versteht ihn und antwortet.

»Kümmere dich um deine Berufung!«

»Darf ich das hier auf der Insel? Genügend Mädchen sind ja vorhanden. Die Kunst kann nicht länger warten.« Akash warnt. »Lass es! Bei Polizei und Behörden hast du kein Netzwerk aufgebaut. Wir können dich dort niemals aus dem Knast holen, ohne entdeckt zu werden!« Die Argumente überzeugen, doch sein Verlangen nagt immer stärker.

Die ersten drei Monate konnte er deutlich unterhaltsamer genießen. Eine Webcam in Alexanders Wohnzimmer verschaffte Einblicke, die Lächeln in sein Gesicht zauberten. »Verzeihst du mir?« Ihre Dialoge ließen ihn laut auflachen. »Streiten! Ihr sollt euch gegenseitig die Köpfe abreißen! Nur das ist wahres Kino.«

Danach gab es den Tiefpunkt. »Eure Vereinigung sieht ekelig aus. Ein Akt der Versöhnung auf dem Teppichboden? Ach, wie harmonisch. Das schreit nach Rache.« Es wirkte so verkitscht, dass er sich die Unterlippe blutig beißen musste. Kopien der Szenen verrotten auf der Festplatte, denn er mag sie nicht mehr sehen. Sie bringen Wut zurück.

»Irina, ich brauche Kameras in ihren Büros. Es geht nicht um Voyeurismus, sondern um die Analyse der Schwachstellen.« Aus dem Exil heraus ist alles schwieriger. Er runzelt die Stirn, kann sich nicht genau erinnern.

»Warum bin ich hier?«

Die Entscheidung fiel überstürzt, die Flucht auch. Er musste Deutschland innerhalb drei Stunden spurlos verlassen. Eine Woche später konnte er die Verbindung zum Team herstellen. Ein Provider in Nigeria sorgt für einen anonymen Account. Die Verschlüsselung ist NSA-abhörsicher.

Akash kennt den Stand der Ermittlung und stimmt mit ihm das Vorgehen ab. »Sie überwachen Konten und Telefone, haben aber keine Hinweise, die zur Insel führen.«

»Lachhaft! So primitive Methoden konnte Vater schon vor zwanzig Jahren austricksen.« Mit dem Anwalt telefoniert er über eine sichere Leitung. »Die Polizei ermittelt in verschiedene Richtungen. Ohne Ergebnis. Für eine Anklage ist die Beweislage zu dürftig.« Er tänzelt aufgeregt. »Was denn? Kann ich zurück? Die Sucht nach Aktionen bohrt. Zur Hölle mit der Vernunft!«

»Nein, der Fall ist zu heiß. Bleib, wo du bist. Das erscheint mir angenehmer als U-Haft.«

»Stimmt! Sonne, Mojito und Sex. Es reicht!«

Seine Entscheidung ist gefallen. Am Telefon wird er deutlich. »Ramires? Auf dich ist Verlass. Du musst mit der Reinigung beginnen. Es gibt zwei Zeugen. Es bleibt unverzeihlich, dass die Mädchen aus dem Keller entkommen konnten. Keine Misserfolge mehr, verstanden?«

»Bueno, jefe! Alles klar, Chef.«

Die Stimmen in seinem Kopf überschlagen sich.

»Nächstes Mal müssen wir uns besser vorbereiten. Wir werden sie finden und dann … Du weißt, was ich meine. Für die Verräterin denk dir etwas Ausgefallenes aus!«

Der Gedanke an Rache bringt den Blutdruck in den positiven Bereich. Wieso ist es so mühsam, bei den Temperaturen Pläne zu schmieden? Zeit hat er genug verplempert und darf ungestraft seine Entscheidung in die Sonne schreien. »Ich bin ein Künstler mit Berufung. Die Bühne wartet auf mich. Die Körper rufen nach mir, wollen es. Ihr Platz ist vorbereitet.« Er erhält keine Antwort. »Akash, zwei Wochen werde ich das Paradies noch aushalten, dann muss ich trotz aller Risiken zurück. Besorg neue Pässe.«

Er presst die Stirn in die Auflage, hält sich die Ohren zu. »Sonne, schick mir Fantasien!«

Eine Szene der letzten gelungenen Tat schwebt plastisch im Raum. Ihren Körper hatte er besprenkelt hinterlassen. In seiner Lieblingsfarbe! Dann die rote Rose zwischen weißen Zähnen, so muss ein Kunstwerk aussehen!

Durch geschlossene Lider wirkt die Sonnenscheibe wie ein dunkelroter Fleck. Sie ist es, die Gedanken zäh wie Honig fließen lässt. Ein Strom, der langsam und stetig abwärts treibt.

Honigfluss mit Rot.

Wie damals …

Das erste Lächeln seit Monaten legt sich über sein Gesicht, diabolisch, aber ohne Zornesfalten.

»Ich komme und bringe es zu Ende.«

1. Ade

Verdächtig

Er schiebt seinen Kopf so unvermittelt nach vorne, dass ich zurückzucke. »Sie saß also in Ihrer Vorlesung?«

Die Lehne drückt ins Kreuz. Ich rutsche vor, schlage die Beine übereinander und lasse die ineinander verhakten Finger knacken. »Herr Kommissar, das fragen Sie jetzt zum dritten Mal! Es ist mir klar, was Sie vorhaben. Sie wollen mich in Widersprüche verwickeln und Fehler finden. Dann werden Sie erbarmungslos nachbohren. Funktioniert so eine Befragung eines ehrlichen Zeugen? Ich bin unschuldig! Bei mir haben Sie solche Tricks nicht nötig.«

Bilde ich mir das ein oder ziehen sich seine Mundwinkel nach oben? Wütend schlage ich mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ihr Verdacht ist empörend. Ich ein Mörder? Nur weil das Mädchen im Hörsaal saß, werde ich mit dem Tod der jungen Frau in Verbindung gebracht? Das Gespräch ist genau an dieser Stelle beendet.«

»Hatten Sie nicht versprochen, uns zu helfen?«

»Ja. Aber nicht, wenn Sie so hinterlistig fragen.«

Warum lächelt er? »Sie war also nicht in Ihrer Vorlesung?« So ein Arschloch! Ich zeige es ihm, indem ich mit den Augen rolle. Sei’s drum!

»Doch, zweimal. Zum ersten Mal habe ich sie in der Schnuppervorlesung gesehen. Das war vor vier Monaten. Die Veranstaltung wird von der Hochschule begrüßt. Angehende Studenten sollen erfahren, in welchem Tempo der Stoff vermittelt wird und wie sich die Atmosphäre in einem Hörsaal anfühlt.«

»Aber?« Heinzingers Gesicht weist Ähnlichkeit mit dem einer Bulldogge auf. Sein Adjutant Hauff will nachsetzen, öffnet den Mund. Doch der Chef winkt ab, also schweigt er.

»Klären Sie mich auf!«

Er hält Block und Stift in der Hand. Das ist psychologisches Gehabe, denn der Rekorder läuft ohnehin.

»Noch einmal von vorne. Diese Schnupperstunde unterscheidet sich wesentlich von einer normalen Vorlesung. Ich möchte aufklären und Illusionen nehmen. Sie müssen die Wahrheit erfahren, bevor es zu spät ist.«

Ich lege eine Kunstpause ein, weiß nicht, ob ihn das Thema interessiert. Heinzinger nickt Hauff zu. Diesmal darf er gnädigerweise fragen: »Dann erklären Sie uns bitte Ihre Wahrheit?« Zur besseren Konzentration lehne ich mich zurück, schließe die Augen.

»Das Studium der Sozialen Arbeit mag ethisch hochwertig klingen, die Realität kennen weder Sie noch die Studenten. Seit drei Jahren ist der Kurs zum Kult geworden. Es gibt null Vorgaben für den Stoff, nur mein eigenes Drehbuch.«

Er klopft mit dem Stift auf den Tisch, er zwingt mich, die Augen zu öffnen. »Sie halten an der Uni eine Vorlesung, die zum Kult wurde?« Sein Blick soll einschüchtern, wird jedoch durch die herausragenden Nasenhärchen ins Lächerliche gezogen.

»Da bin ich nicht der Einzige. Die begehrtesten Veranstaltungen finden in den Naturwissenschaften statt. Ein Kollege der Physik atmet Helium ein. Dann spricht er wie Mickey Mouse. Im Fach Chemie wird auch heftig geklatscht. Dort lassen sie es krachen oder die Farbe wechseln und aus Reagenzgläsern wachsen endlose Plastikschlangen.«

Heinzinger rutscht auf dem Stuhl hin und her: »Bleiben wir doch besser bei Ihrer Stunde. Was beabsichtigen Sie damit?«

Täuscht er wahres Interesse vor? Nein, das ist ein Vernehmungstrick.

»Meine Vorlesung Sozialschnuppertag möchte ich nicht als Werbung verstehen. Sie soll eher das Gegenteil bewirken. Der Vortrag zeigt ihnen die Probleme ihrer künftigen Arbeit auf. Vor drei Jahren setzte ich dafür auch zum ersten Mal Bilder ein. Die dürfen niemals in falsche Hände gelangen. Deshalb sind Fotos nicht erlaubt und die Zuhörer müssen im Foyer Kameras und Handys abgeben.«

»Sie nehmen ihnen die Handys ab?«

»Nicht ich, das macht der Hausmeister. Wider Erwarten hat diese Maßnahme den Reiz für die Teilnehmer erhöht.«

»Warum ist das nötig?«

»Es sind, lassen Sie es mich so ausdrücken, außergewöhnliche Bilder. Susanne ist der Meinung, die Szenen seien zu grausam.«

»Grausam? Sie zeigen den Studenten grausame Bilder?« Heinzinger klopft mit zwei Fingern auf den Tisch. Er erwartet eine Reaktion, die ihn weiterbringt. Es ist wichtig, exakt bei den Tatsachen zu bleiben, kein Verwechseln oder Verfälschen. Ich schüttele meinen Kopf, fasse an die Stirn.

Der Disput mit Susanne sollte die Polizei nicht interessieren. Trotzdem läuft die Erinnerung an diesen Tag wie ein Film vor mir ab.

»Susanne, da hast du die wirklich harten Fälle in unserem Beruf nicht gesehen. Die lasse ich schon aus.«

Dabei kommen mir einige Bilder in den Sinn, die ich vorsichtshalber aussortiert hatte. Sie ließ nicht locker.

»Denk bitte an die jungen Zuhörer. Manche sind erst siebzehn, die wissen damit nicht umzugehen.« Ihre Stimme klang besorgt, doch meine Einstellung war gefestigt.

»Ja, klar, sie können mit sich selbst nicht umgehen und treffen Fehlentscheidungen. Dann vergeuden sie Jahre des Lebens mit einem Studium, für das sie nicht geeignet sind. Was ich in dieser Schnupperstunde zeige, ist die vorweggenommene Zukunft. Es ist ungerecht, ihnen eine heile Arbeitswelt vorzugaukeln.« Susanne war daraufhin in die Küche gerannt.

Jetzt kommt mir in den Sinn, dass ich zu grob war. Sie wollte mir helfen. Ich habe mich angegriffen gefühlt, mich verteidigt, anstatt ihr zuzuhören. So ein Idiot hat es verdient, von einem blutrünstigen Kommissar den Kopf abgerissen zu bekommen.

»Herr Professor Adelmann, sollen wir eine Pause einlegen? Sie wirken erschöpft.«

Jeder hat einen eigenen Tick, um sich zu konzentrieren. Ich streiche mit zwei Fingern an den Nasenflügeln von oben nach unten und zurück.

»Nein, danke, es geht schon. Jemand muss es machen. Ich meine, den Studenten die Augen öffnen. Scheitern ist nicht ihr Problem, auch die Erfahrung kann wertvoll sein. Leider habe ich einige zerbrechen sehen. Sie bekamen Folgeprobleme und Scheu vor Menschen. Das möchte ich den Anfängern ersparen. Damit sie das richtig verstehen, greife ich zu drastischen Mitteln! Ja, genau diese Bezeichnung passt zur Schnupperstunde.«

Heinzinger schiebt den Kopf nach vorne. Achtung Bulldogge!

»Sie können drastisch werden?«

Jetzt darf ich lächeln. »Sehr sogar. Brauchen Sie Beispiele?«

Rot

Sein Blick schwenkt vom Foto zurück auf das Mädchen. Die Farben? Augäpfel weiß, Mund rot. Alles richtig. Er lächelt, legt den A4-Ausdruck in das Moos daneben. Breitbeinig steht er über ihr, zieht die Kamera aus der Jackentasche. Auf dem Farbdisplay blinkt der Sucherrahmen. Zwei Schritte zurück, ein Fuß nach vorne. Jetzt erscheint sie von den Zehenspitzen bis zum Haarkranz auf dem Drei-Zoll-TFT. Sogar das Foto neben ihr passt ins Bild. Ein befriedigendes Schnauben und ein dreifaches Klicken ertönen gleichzeitig.

Die Hände wäscht er im Fluss, bedächtig wie bei einer Zeremonie. Dabei lächelt er. »Rot, die einzige wahre Farbe.«

Er bückt sich, muss noch näher heran. Nahaufnahmen: erstarrte rote Bahnen von der Stirn bis in weit aufgerissene Augen. »Klick, Klick!« Die Kuppe seines Zeigefingers fährt über ihre vollen Lippen. »Die wirken dunkler als das Blut. So mag ich die Variationen von Rot. Ein geniales Bild. Und der Regisseur bin ich, ich alleine.«

Wie in der Perspektive großer Hollywoodproduktionen wandert sein Blick über die Szene. ›Meine zweite Inszenierung und es war kein Zufall, wie beim ersten Mal. Diesmal habe ich sie mir ausgesucht. Gestellt? Gekünstelt? Hmm, ihr Ausdruck? Nein, das ist authentisch. Dieses Erschrecken wird eine Schauspielerin niemals hinbekommen. Nur ein Genie wie ich vermag so ein Werk zu gestalten. Leise summt er die Melodie des Kinderliedes, das für den Akt des Dramas angemessen erscheint: »War so jung und morgenschön!« Den Vers hat sie verdient.

»Morgenschön, abendschön, niemehrschön.

Mit Worten kann auch gemalt werden.«

Küssen verboten! Ihren Mund muss er öffnen, bevor die einsetzende Leichenstarre das verhindert. Diese intime Handlung befriedigt in ähnlicher Weise wie ein Kuss. Vorsichtig schiebt er die Blüte hinein. Sie verschafft in Verbindung mit weißen Zähnen den makellosen Kontrast. Auf Details in der Kombination von Farben legt er Wert. Der Abschluss der Szene ist erreicht. Er ruft dem imaginären Filmteam zu: »Klappe die Erste: Röslein rot!«

»Klick, klick, klick!«

Auf dem Display erscheint das Bild, von dem er als Kind geträumt hatte. »Rot, meine Bestimmung.«

Soll er sich neben sie legen? Ein stiller Abschied?

Sein Blick gleitet zur Flussmitte.

»Strudel, Bewegung, niemals Stillstand.

Sie warten auf mich, es muss weitergehen!«

Drastisch

Hundert Augenpaare, erwartungsvoll auf mich gerichtet, pendeln noch zu stark. Stehe unbeweglich, brauche ihre Konzentration. Ein verhaltenes Husten in der hinteren Reihe wird durch ›Psst‹ aus drei Richtungen zum Schweigen gebracht.

Die Zuhörer stammen nur zum Teil aus unserem Fachbereich. Der Hörsaal platzt von Gasthörern aus den Nähten. Für ältere Semester ist es zum Kult geworden. Sie blicken in immer blasser werdende Gesichter der Schüler und Erstsemester.

»Sozial ist gut! Bravo, Sie haben die richtige Einstellung. Human, ethisch, tugendreich, moralisch! Vergessen Sie bitte den ganzen Quatsch. Auf Sie wird harte und unangenehme Arbeit zukommen. Ich darf verraten, mit wem Sie es zu tun haben. Es sind HIV-infizierte Junkies und entwurzelte Jugendbanden ohne Perspektiven. Vom Vater missbrauchten Mädchen müssen Sie die Idee ausreden, durch Prostitution Geld verdienen zu wollen. Aggressive Borderliner schleichen Ihnen nach und verprügeln Ihre Freunde.«

Um die Wirkung meiner Worte zu unterstreichen, sehe ich den Zuhörern direkt in ihre Augen.

»Bereits im Praktikum werden Sie das erste Drogenopfer kennenlernen. Hier haben wir den dreiundzwanzigjährigen Denis W. Er hat sich vor einer Stunde auf der Toilette des Heilpädagogischen Jugendheims den letzten Schuss gesetzt. Das fand in Ihrem Zentrum statt und Sie waren für seine Betreuung verantwortlich.«

Jetzt kommt der Moment, in dem einige Zuhörer leicht torkelnd den Saal verlassen werden. Meine Assistenten und ältere Studenten stehen am Ausgang bereit und behalten sie im Auge. Ein Kreislaufkollaps durch Schock ist nicht zu verharmlosen. Die Nahaufnahme zeigt den mit heruntergelassener Hose auf der Toilette sitzenden Denis. Einige Zuhörer im Saal halten sich ihre Hände vor das Gesicht.

Wie schlafend an die Wand gelehnt, die Nadel noch im Arm, scheint er auf den Betrachter zu warten. Aus dem Mund rinnt ein langer Faden Erbrochenes, dessen Spur sich auf dem Knie fortsetzt. Schwarze Augenbalken zur Anonymisierung des Toten verstärken den Eindruck des Bildes.

»Ihre Aufgabe ist es, ihn anzusprechen, um herauszufinden, ob er noch Reaktionen zeigt. Danach müssen Sie Atmung und Puls kontrollieren. Sie rufen die 112 und werden bis zum Eintreffen der Rettungssanitäter reanimierende Maßnahmen durchführen. Dazu sollten Sie vorsichtig die Spritze herausziehen. Sie legen Denis auf den Boden der Toilette und ziehen seine Hose hoch. Es ist keine angenehme Aufgabe mit den Fingern das Erbrochene aus dem Mundraum zu entfernen. Dreißig Kompressionen des Brustkorbs, danach zwei Atemstöße durch Mund-zu-Mund. Bei Verdacht auf HIV dürfen Sie auf Letzteres verzichten. Die Herzmassage setzen Sie bis zum Eintreffen der Sanitäter kontinuierlich fort. Das waren in diesem Fall fünfundsechzig Minuten.«

Ich erkenne schreckgeweitete Augen, offene Münder und Gesichter, die sich abwenden.

»Die Sozialarbeiterin konnte die lebensrettenden Maßnahmen nicht durchführen. Sie hatte geschockt und weinend neben Denis gehockt. Erst ein Mitbewohner entdeckte beide nach fast einer Stunde und wählte den Notruf. Die Zeit für einen sinnvollen Einsatz des Defibrillators war längst abgelaufen. Es blieb nur, die Polizei zu rufen. Die Mitarbeiterin wurde für ein Jahr psychologisch betreut. Sie gab ihren Beruf auf und arbeitet heute nur von zuhause! Ihre emotionale Reaktion war das Ergebnis mangelnder Selbstfürsorge. Zum professionellen Abstand werde ich in einem weiteren Fall noch kommen. Um Sie auf Ihre zukünftige Tätigkeit vorzubereiten, wird das Schwerpunkt eines meiner Seminare sein.«

In diesem Stil geht es weiter. Geschlagene Frauen, ausgerastete Jugendliche, Gewalt und Terror, Drogen und Prostitution. Ein Mädchen in der zweiten Reihe wankt aus dem Hörsaal. Sie hält sich die Hand vor den Mund. Das Bild eines toten Babys konnte sie nicht ertragen. Die siebzehnjährige Mutter war im Frauenhaus untergebracht, ihr Freund dort widerrechtlich eingedrungen. Sein erster Griff galt dem Baby, das er aus dem Fenster warf. Es hätte ihrer Beziehung im Wege gestanden.

»Einige von Ihnen werden in ähnlichen Einrichtungen arbeiten. Nach einem solchen Erlebnis sind die wütend auf sich selbst. Sie bedauern, diese Berufswahl getroffen zu haben.«

In den Bankreihen erkenne ich bestürzte und aschfahle Gesichter. Hände verkrampfen sich unter Tischen. Es ist nötig! Wer sich nach meinem ›Sozialschnuppertag‹ einschreibt, weiß, was auf ihn zukommt und kann es schaffen.

Einen beispielhaften Fall hebe ich bis zum Schluss auf.

»Es gibt auch Positives zu berichten. Das sind Heike und Paul. Paul ist Streetworker in Berlin und hat Heike aus der Prostitution befreien können. Vor drei Monaten haben sie geheiratet. Das gesamte Sozialzentrum war eingeladen. Sie haben Reis geworfen und geklatscht. Die beiden galten als das glücklichste Paar der Stadt.«

Ah- und Oh-Rufe sowie Beifall, als ich ein vom Fotografen aufgenommenes Hochzeitsfoto zeige. Im weißen Kleid mit langer Schleppe küsst sie ihn verliebt auf den Mund. Die Wirkung ist angekommen.

»Das ist Heike vier Wochen später. Paul hatte erfahren, dass sie nicht nur acht Freier, sondern auch ihn mit HIV und Hepatitis C infiziert haben musste. Heike hatte die Infektionen verdrängt und verheimlicht. Im Wutanfall schlug Paul ihr mit einem schweren Aschenbecher heftig auf den Kopf und in das Gesicht. An den Folgen ist sie am selben Tag verstorben.«

Etliche Zuhörer schreien und weinen, Pärchen halten sich in den Armen.

»Paul, ein engagierter Sozialarbeiter und Streetworker, war für einige Minuten ausgerastet. Dafür sitzt er drei Jahre lang wegen Totschlags im Affekt in der JVA. Job und Zukunft hat er verloren. Natürlich könnte argumentiert werden: ›Sie haben sich doch geliebt!‹ Nochmals möchte ich an die Stichworte Selbstfürsorge und Abstand erinnern. Beziehungen zu Schützlingen halte ich für einen beruflichen Regelverstoß. Die Statistiken sind eindeutig, neunzig Prozent enden tragisch! Sehe ich in Ihre Gesichter, erkenne ich, dass Sie es klüger anstellen. Sie sind stark und schaffen das. Ab morgen beginnen die Einschreibungen. Treffen Sie die richtige Entscheidung! Ich freue mich darauf, einige von Ihnen wiedersehen zu dürfen. Vielen Dank.«

Es bleibt ein eingespieltes Szenario. Zuerst höre ich einzelne verhaltene Klatscher. Dann folgt das von den Altsemestern angestimmte rhythmische Fußstampfen.

Sie machen sich selbst Mut!

Gene

Seine Nasenflügel beben. Er kann es deutlich riechen, sogar am Gaumen schmecken. Ein Duft wie warmes Eisen geht von ihr aus. »Hmm!« Ist es eine Schande, den Geruch von Blut genauso zu mögen wie dessen Farbe?

»Es geht nicht anders! So war ich schon immer!

Doch warum? Wie gelangt das Böse in den Körper? Woher stammt der Antrieb, solche Taten vollbringen zu müssen? Steckt es in den Genen? Kommt es durch die Erziehung oder sind es Erfahrungen? Welche Ursache hat meine Sucht nach roten Kunstwerken?«

Dunkel erinnert er sich daran, dass sein erstes Bild in der Mülltonne landete. Sie hatte ihm den Versuch eines Aktgemäldes weggenommen und ihn beschimpft. »Es ist eine Schande, was du mit meinen Farben und der Leinwand angestellt hast!«

Also handelte es sich um eine Freud’sche Trotzreaktion gegen die Mutter? Das wäre zu einfach. Jedoch konnte das Ereignis die Geburt heimlicher Sehnsüchte sein. Es geht immer um die Frau. Damals noch mit dem Pinsel. Zu banal! Was er zelebriert, ist alles andere als ein simpler Mord. Er verwandelt das Mädchen in ein ästhetisches Stillleben. Ohne Leinwand und Acryl.

Nur das erzeugt dieses Glücksgefühl; dem jagt er hinterher.

Bin ich gestört? Psychose, psychische Defizite, Realitätsverlust? Es ist bedauerlich, dass sie darauf keine Antwort geben darf. Also muss er es selbst.

»Nein, das trifft auf mich nicht zu! Es kommt auf die Perspektive an. Genialität ragt immer aus der Menge heraus!«

Niemals fragten ihn die Eltern nach dem Berufswunsch. Er hat es für sich behalten: Bildhauer, Maler oder Fotograf. Davon schwärmte er. Kurzzeitig träumte er, als Regisseur Weltruhm zu erlangen. »Ich erkenne, wie Kunst die Menschen bewegt. Meine Meisterwerke bleiben im Gedächtnis und ich werde noch zahlreiche Bilder kreieren.«

Die Rose wird von strahlend weißen Zähnen umrahmt. Ihnen folgt die Farbe der sinnlichen Lippen. Das ist Schöpfung! Ein progressiver Künstler würde denselben Ton für unterschiedliche Details wählen. Die kunstvollen Applikationen der Blutspuren ergänzen den Eindruck. Sie bilden auf der Stirn stilvolle Bahnen.

Pah, sein Vater hatte nie Verständnis für derartige Kunst aufgebracht. Dessen Strickmuster verlief gradlinig. Nur für Geld wird sich niemand das kaufen können, was er hier vor sich sieht. Leider kann er die optische Impression nicht ewig genießen.

Ihren Mund muss er schließen, damit die Schöpfung der Nachwelt erhalten bleibt. Die Kleidung durfte das Mädchen nicht anbehalten. Das wirkte kitschig. Für Puritaner eignet sich diese Form der Kunst ohnehin nicht. Nur nackt versinnbildlicht sie Schönheit ohne Makel. Seine Tränen bringt er unter Kontrolle, denn es ist Zeit, das Werk abzuschließen!

Jetzt muss der Stein verschwinden. Die Stelle am Fluss hat er sich ausgesucht, weil sie für die perfekte Vernichtung sämtlicher Beweise geeignet erschien. Das Lied kannte sie nicht. Sie war zu jung, um es gehört zu haben. Lächelnd hatte er ihr die Zeilen vorgesungen, wie bei ihm die Großmutter.

Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein auf der Heiden!

Das Bild ihrer letzten Sekunden: rote Lippen und vor Schreck geweitete Pupillen. Schade, davon gibt es keine Fotos.

»Der nächste Höhepunkt wird beim Wechsel der Farbe stattfinden. Die Natur kann in ihr Gesicht schreiben, deine Schönheit gehört mir.«

Das Mädchen hatte alle Eigenschaften besessen, die er suchte: Anhänglichkeit, Hinneigung und Neugier. Leider wurde dir das zum Verhängnis.

Mit der Rose im Haar wurde sie zu seiner Königin.

»Möchtest du den Ort sehen, an dem sie wachsen?«

Als sie nickte, löste sich eine Locke aus dem Haarkranz.

»Liebst du die Natur?«

Sie lächelte mit Lippen, Zähnen und Augen: »Sehr!«

»Vertraust du mir?«

Sie drückte seine Hand: »Du bist der einzige Mensch, dem ich vertraue.«

»Deswegen habe ich dich erwählt.«

Große Pupillen, gekräuselte Stirn. »Was meinst du mit ›erwählt‹? Wozu?«

»Du wirst sehen.«

»Es ist nicht meine Schuld, letztendlich ist es vorbestimmt, dass auch Rosen sterben müssen.«

Das tote Mädchen auszuziehen, wurde zum morbiden Akt. Bei ihm funktionierte das, Tränen der Ehrfurcht und gleichzeitig ein behagliches Schaudern. Das Erlebnis verlängerte er, indem er sie bewusst langsam und behutsam entkleidete. Schuhe und Söckchen waren kein Problem. Bei ihrem Rock wurde es kritisch. Er wollte nicht durch unbedachte Bewegungen die roten Streifen auf der Stirn verwischen. Beim Ausziehen der Bluse gelangte ein grünes Blättchen auf ihre Wange. Das sah nach Vorsehung aus. Doch es störte die Farben, also entfernte er es.

Nun darf er ihre Nippel befühlen. Die stehen erigiert hervor. Sieht er hier den letzten Protest der Natur kurz vor dem Tod? Ein Stupsen mit den Fingern bringt keine Steigerung. Erwartet er zu viel? Gewinn und Verlust müssen sich die Waage halten, auch beim Sturz einer Venus!

Venus? Stopp, das ist Kitsch!

Das Bild löschen, den Film an den Anfang zurückspulen! Das Mädchen ist enttarnt. In Wirklichkeit liegt am Ufer eine zickige Göre, die ihn ausgelacht hatte. Daran ändert die Tatsache nichts, dass sie noch Jungfrau ist.

»Das wird so bleiben. Niemand soll sie je besitzen.«

Seine Fingerkuppen auf ihrer Haut erzeugen ein Gefühl der Macht. »Mephisto, lenke mich!«

Das hat er schon.

»Hahaha! Ein Spiel, viele Spuren und Sackgassen.«

Die ratlosen Gesichter der Polizei, Ermittlungen in absurde Richtungen, all das gehörte zum letzten Akt. Sie hat die gerechte Strafe dafür erhalten, ein Genie auszulachen. Er wollte ihr eine angenehme Zukunft verschaffen. Sie hätte es sorgenfrei haben können, deutlich besser als bei ihren Eltern.

Es war eine Sucht, alles über sie erfahren zu wollen. In endlosen Gesprächen berichtete sie ihm freiwillig die intimsten Details.

»Ich führe ein eingeschränktes Leben.«

»Das tut mir schrecklich leid.«

Die Probleme sprudelten nur so aus ihr heraus. Psychologie hätte er auch gerne studiert. Nicht, um den Beruf später auszuüben. Es war die Neugier, ob durch dieses Studium die Kunst, Menschen zu manipulieren, optimierbar wäre. Wie perfekt war er? Der Lehrstoff für das Fach ist umfangreich. Meinetwegen, dachte er, dann bin ich ein Naturtalent. Die Manipulationen an ihr zeigten Wirkung. Gezielte Provokationen führten zum Erfolg.

»Möchtest du anders leben? Verspürst du Hass, wenn die Eltern dich bevormunden? Wünschst du deiner Mutter den Tod?«

Sie legte nach jeder Frage Sekunden des Nachdenkens ein, um sich ihm zu offenbaren.

»Das Wort ›konservativ‹ wird in meiner Familie niemals benutzt. Doch in der Schule werde ich damit gehänselt. Die Mitschüler kennen noch schlimmere Vokabeln. ›Bescheuert‹ ist eine der harmlosen. Anfangs musste ich weinen und berichtete das der Lehrerin. Heute bin ich stolz darauf, mich nicht angepasst zu haben. Von den Eltern erwarte ich keine Hilfe.«

Mit einem Finger wischte er Tränen aus ihren Augenwinkeln. Dabei nickte er ihr aufmunternd zu.

»Ich hörte, wenn sie von Freunden und Partys erzählten. Über erste Erfahrungen mit den Jungs konnten alle lachen, nur ich nicht. Montags wurde vom Besuch in der Disco geschwärmt. Da durfte ich nicht hin. Dafür gab Mutter mir Klavierunterricht.«

Ihr Tränenfluss wurde stärker, er reichte ihr ein Taschentuch.

»Siehst dir meine Hände an. Das war sie mit dem Lineal. Ich bekomme den zwölften Takt bei Chopins ›Prélude‹ einfach nicht hin.«

Er nahm ihre zartgliedrigen Finger, fuhr entlang der roten Streifen. Das verstärkte ihren Gefühlssturm. Sie warf sich an seine Brust. Das wurde der Anfang, beruhigend über vor Aufregung gerötete Wangen zu streicheln. Das ließ sie geschehen. Dabei wollte er sie nicht bedauern, auch keinen Trost spenden. Insgeheim bewunderte er die Strenge ihrer Mutter. Die hatte sie für ihn geformt und bis vor die Haustür geliefert. Eine gehorsame Geliebte hatte er sich in der Jugend immer gewünscht. Das stand nun kurz vor der Erfüllung!

So, das hatte sie von ihrer Zickigkeit!

Ist der Rückblick auf ein verpfuschtes Projekt von Bedeutung? Er sollte besser zur nächsten Aufgabe übergehen. Es ist verlockend, schon an eine Folgekandidatin zu denken. Er weiß, wo er suchen muss.

Wie in einer dichten Traube standen sie um ihn herum. Er sah überwiegend Schülerinnen und junge Studentinnen, die den Professor nach der Vorlesung ansprachen. Sie stellten Fragen und täuschten Interesse vor. Einige drängelten, rangen um Aufmerksamkeit. Sein Charisma und eine bemerkenswerte Ausstrahlung schwebten über der Szene. Er spielte mit Gesten, benutzt Arme, Beine und Mimik. Fasziniert hingen sie ihm an den Lippen. Eine Schülerin schüttelte ihm die Hand, sah ihm in die Augen. Sie schien geeignet. Aus sicherer Entfernung konnte er abwarten, später entscheiden.

Bislang hatte jede dieser Stunden einen Treffer erzielt. Fünf waren hübsch, drei zusätzlich schwärmerisch, aber nur eine genügend lenkbar. Sein Blick verweilte auf dem jungen Mädchen mit dem Handschlag und dem dankbaren Gesichtsausdruck.

Sie wird es!

Er durfte sie nicht aus den Augen verlieren, benutzte den Fahrstuhl. Als sie an ihm vorbeischlenderte, sog er ihren Duft ein. Ohne Hast folgte er, kam bis auf einen halben Meter an sie heran. Er roch an ihrem Haar, den blonden Zöpfen, die wie bei Julija Tymoschenko zu einem Haarkranz gebunden waren. Der lange Rock, der Knöchel erahnen ließ, musste von der Großmutter vererbt worden sein. Perfekt!

Diese Kleidung hat ein schwarzer Müllsack aufgenommen, der von der Strömung zur Flussmitte getragen wird. Das Gewicht der Steine drückt blubbernd Luft durch die Löcher. Als er samt Inhalt untergeht, tanzen Blasen an die Oberfläche. Wird er gefunden? Sicherlich nicht. Sie schon!

Es wird der vorletzte Akt in dem Schauspiel. Das Wasser ist an dieser Stelle so klar, dass er ihr Abtauchen längere Zeit genießen könnte. Leider ist die Strömung zu stark. So verschwindet ihr rot-weißer Schimmer hinter dem nächsten Weidenbaum des Naturschutzgebietes. Es soll der perfekte Schock werden: ein nacktes Mädchen, erschlagen, Jungfrau. Die Rosenblüte im Mund eröffnet ein Feld für Spekulationen.

Auch den finalen Akt wird er genießen. In seinen aufgewühlten Gedanken vermischen sich Zeilen der Lieder. Es hört sich kreativ an, sie damit auf ihre letzte Reise zu schicken.

Röslein ade! Scheiden tut weh!

Zunächst wird sie tiefer sinken und am Grund weitertreiben. Hoch kommt sie erst, wenn Fäulnisgase ihr ausreichend Auftrieb verliehen haben. Zu dem Zeitpunkt ist diese Stelle am Flussufer längst bereinigt. Die Natur tilgt verdächtige Spuren, wäscht Blut hinweg. Röslein wird nicht mehr schön aussehen, sondern anders.

Es wäre sein brennender Wunsch, ihre Entdeckung miterleben zu dürfen. Dann könnte er die Unterschiede bewundern, vorher und nachher! Das Verblassen der Töne aus Lippen und Augen ist ein faszinierendes Phänomen. Wie viele Tage treibt sie im Fluss? Für einen Künstler sind Farben wichtig. Grau, blaugrau? Es müsste eine Prise Grün mit hineingemischt werden, denn Algenbildung spielt in der Natur eine große Rolle.

Tiere? Nein, Krabbel- und Kriechwesen wird er auslassen, er ist nicht Hieronymus Bosch. Eher schon Miro! Der konnte das mit den Farben. Es ist nicht nötig, den Originalton zu treffen, auf die Wirkung kommt es an. Grün steht ihr! Ein Mädchen, das von den Flussgöttern geküsst wurde. Aus ihr sollte ohne sein Zutun ein neuartiges Kunstwerk entstehen.

Jetzt heißt es, diesen Fall hier am Fluss abzuschließen! Dafür darf er sich entspannt auf die kommenden Nachrichten und Spekulationen freuen. Es könnte in einigen Tagen noch einmal amüsant werden. Ein Drama muss mit dem Applaus des Publikums enden! Er kann zielstrebig in die Zukunft blicken. Unzählige Geeignete warten auf ihn.

»Ich suche mir ein Mädchen, das mich verdient hat.«

Niemals

Handschellen? Haben Kommissare die in der Jackentasche? Oder Kabelbinder? So modern ist er nicht, der bleibt bei Stahl.

»Hatten Sie ein Verhältnis mit Johanna Bora?« Mit dieser Frage geht Heinzinger mir wiederholt auf die Nerven. Es ist kein Verhör, sondern eine Zeugenbefragung. Daher muss ich noch nicht einmal antworten. Auf meiner Stirn steht jedoch ›Sozial‹ in großen Buchstaben und somit ist Helfen angesagt.

»Nein, hatte ich nicht.« Den Satz musste ich schon zweimal herausschreien.

»Wie erklären Sie sich dann, dass Sie in Ihrem Schreibtisch einen Zeitungsausschnitt aufbewahrte. Auf dem haben wir zahlreiche Kussabdrücke gefunden! Die waren auf einem Bild von Ihnen! Johanna Bora hat mehrfach ihren Mund auf Ihr Zeitungsbild gedrückt!«

»Oh!« Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Heinzinger ist der Meinung, die Wahrheit erkennen zu können, wenn er mir scharf in die Augen sieht. »Ja, mit ›Oh!‹ drücken Sie genau das aus, was wir in dem Moment auch dachten.«

Bin ich jetzt stolz darauf, eine solche Wirkung auf Mädchen auszustrahlen? Es gibt eine Erklärung, ich bin ein überzeugender Redner!

»Sie sind in mich vernarrt, weil ich ein hervorragender Dozent bin. Sie verehren meine Vorträge und die Didaktik, die dahintersteckt. Sie lieben die aufregenden Blicke, mit denen ich sie fixiere. Junge Frauen kommen am Schluss der Vorlesung zu mir und stecken mir Zettel mit Telefonnummern zu. Einige wollen von mir private Nachhilfe, andere fragen nach dem Sportverein und wo ich jogge. Prinzipiell lehne ich Beziehungen zu Studentinnen ab. Falls Sie es noch nicht wissen, ich bin glücklich verheiratet. Wenn ich ein Verhältnis haben wollte, würde ich mir niemals eine siebzehnjährige Schülerin aussuchen.«

Heinzinger brummelt: »Warum eigentlich nicht?« Er ist erst still, als er böse Blicke erntet. Hauff nickt verstehend, wobei mir unklar ist, was er kapiert haben will.