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Eine demente Wiener Pensionistin, eine rumänische Bettlerin … oder gar der Teufel, wie eine Zeugin behauptet? Bis auf die Knochen zerfleischt sind die Beine, die im Währinger Schubertpark von einer Babyschaukel baumeln. Und ausgerechnet Matthias Frerk Gradoneg stolpert in dieses Grauen: ein berufliches Desaster am Hals, eine humanistische Rabiatperle zur Frau und völlig mit seinen Kindern überfordert, muss er nun auch noch ein Verbrechen aufklären. Wer hat Gradoneg mit einer anonymen SMS in den Schubertpark gelockt, und weshalb leugnet die Wiener Polizei diesen Mord so hartnäckig? "Den Tod haben die Wiener immer schon perfekt beseitigt. So wie im Schubertpark. Ist ja eigentlich der alte Währinger Ostfriedhof. Hier trampeln alle noch auf den Toten herum. Aber mich führen sie nicht hinters Licht. Ich lass' kein Gras über den Tod wachsen, schon gar nicht über einen Mord!" Hoffentlich! Denn in Wien ist es mitunter leichter, einem Mörder auf die Schliche zu kommen, als den zuständigen Kommissar zu finden. Oder doch nicht …?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8384-2
Wilfried OschischnigTodesSchmähZweimal tot ist Mord
Über den AutorWilfried Oschischnig, geb. 1964 in Klagenfurt. Bereits die längste Zeit seines Lebens „verwienert“. So auch mit einer Wienerin liiert und den beiden gemeinsamen Töchtern in der österreichischen Bundeshauptstadt wohnhaft. Er schrieb während und nach seiner Studienzeit (Theaterwissenschaften u. Skandinavistik) mehrere Theaterstücke und Hörspiele für den Österreichischen Rundfunk / ORF und ist aktuell im PR-Bereich und Journalismus tätig.
Für Mona, natürlich!
Eins
Nicht Nacht, nicht Tag; nicht dunkel, nicht hell. Mit schwarzen Konturen und grauen Bäuchen wölbten sich ein paar Regenwolken über dem Währinger Schubertpark, im Laternenlicht tanzten Blätter und Zweige als Schatten. Aber das interessierte Gradoneg nicht, Matthias Frerk Gradoneg. Naturerscheinungen waren ihm wurscht, erst recht das Wetter. Bücher, die so begannen, klappte er rasch wieder zu. Stellte sie verkehrt ins Regal. Aus Protest gegen solch ein romantisches Wald-und-Wiesen-Geschwafel, als Warnung für andere Naturmuffel. Und an diesem Freitag, dem 30. Juni 2017, kurz vor vier Uhr morgens, hätte sogar der Mond vom Himmel fallen und durch den Schubertpark rollen können; die Drehgiraffe auf dem Spielplatz hätte nach Gradoneg ausschlagen können, das abgeblätterte Holzkrokodil sich auf ihn stürzen oder die Parkwege zu Pythons erwachen – sein Blick und vor allem seine Gedanken wären nicht von der Babyschaukel gewichen.
*
Tote hatte Gradoneg schon öfters gesehen. Mutmaßlich Verstorbene. Tote, deren Tod noch nicht amtlich bescheinigt war. Leichen, denen der offizielle Stempel fehlte. Die Arschkarte ziehen, hieß das damals beim Zivildienst. Ein letztes Spielchen mit Menschen an der Grenze zwischen Leben und Tod. Wenn Krankenhäuser und Seniorenheime verdächtig erschöpfte Omas oder Opas mit dem Rot-Kreuz-Wagen hin und her schickten, niemand eine Leiche und schon gar nicht den Papierkram im Haus haben wollte. Dann wurden halb starre Greise zum Sterben ins Seniorenheim geliefert oder umgekehrt zur Auferstehung ins Krankenhaus. Gradoneg saß hinten im Krankentransporter, füllte die Scheine für die Fahrtabrechnung aus, während sich neben ihm so manches Leben verflüchtigte. Wer dann die Nerven verlor, so verrückt war, den Puls zu kontrollieren – der zog die Arschkarte, den Schwarzen Peter für jede Menge Papierkram und Scherereien mit Verwandten. Für die Fahrtenabrechnung vom Roten Kreuz war das freilich egal. Die Versicherungsnummer musste stimmen und die Bestätigung der jeweiligen Abholstation gut leserlich sein; was zählte, war immer die Fuhr, selbst wenn es genau genommen eine Überfuhr war. Solche Toten oder Halbtoten hatte Gradoneg mehrmals erlebt. Ein erster Schreck, der im Laufe des Zivildienstes in Routine übergegangen war. Alle hatten sie ihre Jahre auf dem Buckel, die Runzeln einer fremden Lebensgeschichte im Gesicht. Diese Art von Sterben und Tod berührte ihn nicht mehr.
*
Jetzt aber auf dem Spielplatz im Schubertpark erschrak er vor dem Tod. Sogar die beiden Polizisten übersah er in seinem Schock. Zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Meter entfernt, standen sie mit dem Rücken zu ihm vor der Babyschaukel. Versteinert, als hätten sie einen Blick auf Sodom und Gomorrha gewagt. Völlig erstarrt und schockiert und hatten ebenfalls Gradoneg nicht bemerkt. Obwohl er fürchterlich keuchte.
So schnell war er noch nie durch die Kreuzgasse zur Teschnergasse gerannt, runter in den Schubertpark auf den Spielplatz gehetzt. Auch als seine Kinder auf Fahrräder umsattelten und seinem Schatten immer weiter davonstrampelten.
*
Eile mit Weile wäre dabei angebrachter gewesen. Gab ja eigentlich keinen Anlass, wie ein Notfallchirurg durch die Nacht zu sprinten: „Nichts Wichtiges. Bitte im Schubert Park/Spielplatz nachsehen, falls du wach bist“ – las sich die SMS keineswegs wie ein Weltuntergang. Noch dazu stammte sie von einer unterdrückten Nummer, ohne Absender. Selbst ein Kürzel fehlte. Kein Hinz und Kunz offenbarte sich hinter dieser nächtlichen Ruhestörung. Kryptischer und anonymer konnte sich niemand melden; entspannter und gelassener hätte Gradoneg diesen Irrläufer oder üblen Scherz nicht übergehen können. Falls du wach bist … die Ausrede wurde praktisch mitgeschickt. „Schubert Park“ war obendrein auseinander, also genau genommen falsch, zumindest antiquiert, geschrieben. Wirklich! Von einem anonymen, antiquierten Witzbold sollte sich niemand in die Nacht jagen lassen!
Blöderweise kam Gradoneg diese seltsame SMS bei einem Pinkelausflug in die Quere. Kaffee und Wein und dann noch ein Bier, mehr braucht es nicht, um ein paar Ehrenrunden durch die Wohnung zu drehen. – Und noch eine andere, blöde Angewohnheit war daran schuld: sein Handywahnsinn.
Was hat dein strahlenverseuchtes Ding neben dem Kopfpolster verloren?, hatte sich seine Ursula schon öfter beschwert, als es Geschichten in Tausendundeiner Nacht gibt. – Muss Google auch noch in unserem Schlafzimmer herumschnüffeln?! – Wenn’s für dich schon keine andere Ausstrahlung mehr gibt, dann schau’ gefälligst in die Sterne! War Gradonegs Ursula zwar noch nicht in den Wechseljahren, wechselten aber ihre Stimmungslagen in letzter Zeit immer häufiger. Vor allem Gradoneg gegenüber. Ein Alarmzeichen, das er in Freudscher Manier verdrängte, und beim Handy war er sowieso ein Pawlowscher Hund: Kaum gab es einen Piepser von sich oder blinkte auf, schon tippte und wischte seine Neugierde darauf herum. Besessen, als würde er eine Wahrsagerkugel in der Hoffnung auf ein besseres Leben streicheln. Dabei leuchtete auf seinem Gerät schon länger nichts Weltbewegendes mehr auf. Mit dem selbstständigen Anzeigenverkäufer ging es wie mit den Printmedien bergab. Die Magazine wurden immer dünner, die Anzeigenkunden immer weniger – und Gradonegs Leben immer erbärmlicher. „Akquise Manager“, was für eine hochtrabende Berufsbezeichnung! Eher war er ein vergessener Hufschmied im 21. Jahrhundert, ein Naivling, der beruflich aufs falsche Pferd gesetzt hatte und nun von den vielen, neuen digitalen Medienkanälen zertrampelt wurde. Selbst die übelsten Marketingfuzzis verzichteten nun auf ihre Sadomaso-Spielchen mit ihm, hetzten ihn nicht mehr für eine Anzeigenschaltung kreuz und quer durch Wien.
Tag und Nacht, bei Regen und Hagel, damit sie vor ihren Geliebten mit einem Anzeigenknecht rumprahlen konnten. Oft noch in Unterhosen, Spermaflecken an den Oberschenkeln und einen zufriedenen, präpotenten Testosteronblick in den Augen. Gut, der ewig notgeile Franz Schnitzer missbrauchte ihn noch manchmal als Kindermädchen für seine ständig überzuckerte, hysterische Göre. Aber selbst das war schon seit Monaten nicht mehr der Fall. Wahrscheinlich hatte auch der so einen jungen Social-Media-Deppen für seine Schaltaufträge und Kinderdienste engagiert.
Von Berufs wegen wurde also Gradoneg an diesem Freitag nicht raus in die Nacht, in den Schubertpark, getrieben. Sein schlechtes Gewissen machte ihm Beine. Die Sauferei war es, dieses fürchterliche Alkoholgelage vom letzten Dienstag in einem Wettcafé, dem „Café Carambole“ in der Kreuzgasse. Vertrottelter konnte man nicht auf seine Gesundheit eindreschen und den Gedächtnisstecker im Gehirn ziehen. Gradonegs Schweiß wäre nach dieser Nacht eine ideale Flüssigkeit gewesen, um Steaks zu flambieren. Ganze argentinische Rinderherden wären sich damit ausgegangen. Was für ein Gestank aus seinen Poren triefte! Ursula ließ bei offenem Fenster den Sommerregen über die Wand rinnen; seine beiden Kinder, Hemma und Josef, gingen ihm mit den UNO-Karten aus dem Weg, fragten sogar kein einziges Mal nach Süßigkeiten. Bloß Ursulas verächtliche Blicke besuchten ihn in seinem Exil auf der Wohnzimmercouch.
Den ganzen Mittwoch und Donnerstag quälte er sich damit ab, eine Brücke über seine Gedächtnislücke zu bauen, runter in den Krater seiner besinnungslosen Sauferei zu schauen. Dort gab es allerdings nur die brennheiße, zischende Lava des Vergessens und des schlechten Gewissens. Was hatte er nur im Suff angestellt? In diesem glücklosen Wettcafé, keine hundert Meter von seiner Wohnung entfernt? Zumindest wollte er wissen, wie und warum dieser zerknüllte 500-Euro-Schein in seine Brieftasche gekommen war. Sein erster im Leben, und er hatte keine Ahnung! Keinen blassen Schimmer von diesem Geldsegen! Ob der Schein überhaupt echt war, musste er noch herausfinden, sobald sich sein Magen und vor allem seine Frau beruhigen würden.
Was hatte er für dieses Geld nur getan – oder was sollte er noch dafür tun? Das waren die Fragen, mit denen er ständig von der Wohnzimmercouch auf die Toilette und zurück torkelte; verzweifelt in der Lava des Vergessens nach einer noch nicht ganz verkohlten Erinnerung stocherte. Nichts! Absolut nichts fand er darin. Auf den zerkratzten CDs der Städtischen Wiener Bücherei tat sich mehr als in seinem Gedächtnis. Eine ewige Schwarzblende ohne das geringste Flimmern und Surren.
Ursula? Hatte ihm Ursula das Geld wegen seines beruflichen Desasters zugesteckt? Unwahrscheinlich. Sehr sogar. Nach all den Streitereien und seinen politischen Ausrastern in letzter Zeit hätte sie das Geld wohl lieber gespendet. Der Kirche, den Mormonen, der Währinger Faschingsgilde … allen, sogar Bayern München und dem Debütantinnenverein des Wiener Opernballs … doch niemals Gradoneg. Ihr liebevolles „Frerkibääääär“ war definitiv nach seiner Sauferei verstummt. Und es sah so aus, als ob für immer – ihr kuscheliges „Frerkibääääär“ würden wohl nur noch Außerirdische in ein paar Hundert Jahren als Schallwellen hören. Leider. Ursulas Verständnis schien so erloschen zu sein wie Gradonegs Gedächtnis. Und dafür gab es keine 500 Euro.
Natürlich hatte sich Gradoneg gleich am nächsten Tag im Wettcafé über sein besoffenes Alter Ego informiert. Das schaffte er gerade noch mit seinem kaputten Magen, die paar Meter durch die Kreuzgasse. Eine völlig sinnlose Hochseetour: Der Kellner – ein Kroate, dessen tätowierten Bizeps und Geduld man nicht überspannen sollte – fühlte sich augenblicklich in seiner Ehre gekränkt, missverstand Gradonegs Gekrächze von einem 500-Euro-Schein und wähnte sich als Dieb angeprangert. Feuerte slawische Schimpfwörter auf Gradoneg ab und meinte schließlich auf Machodeutsch: Gradoneg solle verdammt froh sein, sich an nichts mehr erinnern zu können. Sonst würde er sein Leben lang an diesen Abend denken und mit einem hochroten Gesicht rumlaufen; so rot wie es sein ungeputzter Arsch nach dreißig Tagen in der Wüste wäre.
Die Vorgeschichte zu seinem Sturz ins Weinfass wusste Gradoneg wenigstens. Diese hatte ihm Ursula ja tagelang vorgeworfen. So gut konnte er sich gar nicht die schwarz-weiß karierte IKEA-Decke über den Kopf ziehen, all ihre Vorwürfe schlüpften in voller Lautstärke durch die Maschen.
Natürlich. Wieder einmal war es seine Islamophobie gewesen. Seine Hysterie gegenüber einer Islamisierung seiner heiligen Alpenrepublik, sein verzweifelter Kassandraruf – über ganz Österreich werde bald ein muslimischer Gebetsteppich ausgebreitet; die westliche Gesellschaft sei so verloren wie ein Wiener Schnitzel auf einem Kebab-Stand, und überhaupt stolpere die Demokratie einem neuen Antisemitismus entgegen. Um diese heiklen Themen drehte sich neuerdings Gradonegs Welt. Immer schneller und ängstlicher, immer irrationaler. Fast konnte er schon mehr Suren aufzählen als Wunder im Neuen Testament. Ja, während sich in Österreich seit der Flüchtlingswelle 2015 alle Einheimischen lieb hatten, sich alle vor den Schutzsuchenden fürchteten, einander näherkamen und sorgenvoll umarmten, hing ausgerechnet bei Gradoneg und seiner Ursula der Haussegen schief. Die Scheidungsrate sank laut Statistik Austria, und just die Gradonegs stritten und stritten. War doch seine Ursula eine humanistische Rabiatperle, die den Papst übertraf. Bei Weitem!
Gegen ihren lodernden Humanismus war ein Atomreaktor lediglich ein harmloses Lagerfeuer. Und dieses Mal hatte es Gradoneg mit seiner Islamophobie offenbar übertrieben. Unerträglich belehrend und gehässig wäre er gewesen, warf ihm Ursula vor. Mit Alice Schwarzer hätte er sie sekkiert, auch was von algerischen Feministinnen gefaselt … Wie die Freiheit der Frauen an den Kopftüchern des Islams erhängt würde. Und dass er, Gradoneg, nicht seine kleine Hemma in einem Tragetuch herumgeschleppt hätte, damit sie nun mit einem Kopftuch endete. Echt fies, aggressiv wie noch nie, sei er gewesen. Jedes Glas Wein hätte ein noch größeres Arschloch aus ihm gemacht. Nur er und Alice Schwarzer seien Weitblickende unter einem Haufen Kurzsichtiger. Die einzig Sehenden unter gemeingefährlichen Traumtänzern, deren Ziel ein schrecklicher Albtraum sei.
Ursula hätte sich angeblich gar nicht über seine plötzliche Liebe zu Alice Schwarzer und dem algerischen Feminismus lustig gemacht, doch wäre er plötzlich, wie von der Tarantel gestochen, aus der Wohnung gerannt. Genau genommen „getorkelt“, fügte sie hinzu.
Na ja, ganz so harmonisch und widerspruchslos wird es nicht gewesen sein, dachte sich Gradoneg unter der Decke. Er kannte seine Ursula. Er wusste, wie diese humanistische Rabiatperle losrollen konnte. Und beim Flüchtlingsthema verstand sie keine Widerrede, nicht den geringsten Muckser. Einen Burschenschaftler-Schmiss wird sie Gradoneg schon empfohlen haben. Wäre nicht der erste gewesen. Persönlich von einem FPÖ’ler geschlagen, das hatte sie ihm auch letztens angedroht. Und vielleicht hatte sie bei diesem Zwist noch was Schlimmeres aufs Tapet gebracht: den Urlaub! A la … Du kannst ja gerne mit der Alice Schwarzer und den Algerierinnen auf Urlaub fahren, wenn du’s schon mit deiner eigenen Familie nicht schaffst!
„Urlaub“. Falls sie dieses Wort in den Mund nahm, war jedes Achtel Wein gerechtfertigt. „Urlaub“, das war sein persönliches Unwort des Jahres 2017. Denn erstmals in seinem Leben als Familienoberhaupt konnte er sich keinen leisten. Plötzlich gehörte er zu den Losern, die in Wien Wurzeln schlagen und mit geröteten Chloraugen in den öffentlichen Schwimmbädern rumplanschen würden. Und das trotz einer waschechten österreichischen Staatsbürgerschaft!
Mehr wusste Gradoneg von diesem Abend und seiner Sauftour nicht. Nur die subjektiven Vorhaltungen seiner Frau. Ein Vorschlaghammer in der Dunkelheit. Von hinten und mit voller Wucht. Ansonsten garten die abenteuerlichsten Erinnerungsversuche in seinem Brummschädel: Einmal hatte er Türken am Nebentisch beim Kartenspiel um 500 Euro erleichtert; ein andermal fand er das Geld auf dem Boden, dann hatte sich wiederum der Kellner beim Abkassieren verrechnet – diese Variante gefiel ihm am besten.
Sogar ein Schwuler wollte ihm um 500 Euro an die Wäsche oder auf dem Heimweg hatte ihn ein Autofahrer angefahren und Schmerzensgeld hingeblättert. Jetzt allerdings, durch diese SMS und den Horror im Schubertpark, erschien ihm plötzlich die unsinnigste all seiner Geschichten am glaubwürdigsten. Ja! Der Typ von der Kriminalpolizei war nicht in Gradonegs Spintisiererei aufgetaucht, keine fantasierte Suffkreatur – dieser Typ, dieser Kriminalbeamte saß wohl tatsächlich mit Gradoneg an einem Tisch.
*
Gott!, starrte Gradoneg schon so versteinert wie die beiden Polizisten vor ihm zur Babyschaukel hin. Tage, hochgerechnet wahrscheinlich Wochen, hatten seine Kinder in dieser Schaukel verbracht. Klammerten sich mit ihren Händchen an das orange Plastikgitter und genossen das Kribbeln im Bauch. Höher, immer höher! Hunderte Windeln werden es bestimmt gewesen sein, die sich hier mit Apfelmus und Maiswaffel füllten. Und wie hatte er wegen dieser ellenlangen Anschubsstunden geflucht: Die Pampersarschlöcher holen sich eine goldene Nase und schlimmstenfalls einen Tennisarm und ich … ich lauf mit einer Sehnenentzündung herum, jammerte er immer den umherstehenden Eltern und Ursula vor. Gerne, wahnsinnig gerne hätte er jetzt diese Babyschaukel angeschubst! Die restliche Nacht, den ganzen Tag und das kommende Wochenende – bis in alle Ewigkeit hätte er sie angeschubst, bei Tag und Nacht, mit Hunger und Durst … immer und immer angeschubst, wäre da nur wieder Leben in diese runterhängenden Beine eingekehrt. In diese zerfleischten Stummeln! Wären da wieder die Hautfetzen über den Knochen zusammengewachsen, Zehen an den Füßen gewesen!
Bitte, bitte nicht, flüsterte Gradoneg, zitterte am ganzen Körper; verschluckte sich an seiner Keucherei und Angst. Wagte nicht, seinen Blick rauf zum Körper, zum Kopf des Opfers zu heben. War seine kleine Hemma wirklich im Bett? Die Hände und Beine von sich gestreckt, wie ein Frosch aus der Vogelperspektive? Hatte er das beim Rausschleichen tatsächlich so gesehen? Und sein Josef? Wie konnte er sich so sicher sein, dass der Junge den neuen Schlafsack am Boden unter dem Schreibtisch testete? Er hatte Josef doch gar nicht bemerkt! Einbildung und Realität lagen ja bei ihm oft nahe beieinander. Er hatte kein Geld und saß dennoch in Reisebüros herum, ließ sich wie ein Krösus über die teuersten Fernreisen informieren. Mindestens einmal in der Woche. Und dann gab es ja auch noch die vielen anderen Kleinen aus dem Kindergarten und der Schule. Was, falls sein Blick auf Michaela, Anita … auf Antonio oder Konrad fiel?! Eigentlich musste er das Opfer schon gesehen haben, als er den Spielplatz betrat. Beim Eingang, die Babyschaukel lag ja direkt gegenüber. Hatte er das Kind längst erkannt und ertrug er dessen Anblick kein zweites Mal?! Diese zerfleischten Beine, die Hautfetzen und Sehnen, die Fleischklumpen mit den abgerissenen Zehen – waren diese verstümmelten Gliedmaßen noch das Erträglichste für ihn?!
Gradoneg lachte kurz auf. Kicherte hysterisch in den Rücken der Polizisten. Zwei taube Pappkameraden auf Rindenmulch. Jetzt lachte er sogar laut, herzhaft und befreit. So glücklich, wie er sich seit Monaten nicht mehr angehört hatte.
Über dem orangen Plastikgestell der Babyschaukel hingen zwei Brüste aus einem zerrissenen Kleid. Alt und schlaff. Fremd. Eine Greisin starrte ihn im schwachen Schein einer Laterne an. Fettes, zerzaustes, graues Haar hing ihr links und rechts vom Kopf, als hätte sie sich in einem dichten, großen Spinnennetz verfangen. Um ihren Hals zog sich eine Schlinge – möglicherweise ein Seil, ein Gurt, Stück Stoff oder sonst was, das oben am Schaukelbalken befestigt war und so ihren Oberkörper einigermaßen aufrecht hielt. Jedenfalls war es eine Gradoneg völlig unbekannte Person. Und an Fremden wird das Unerträgliche zumindest zum erträglichen Wahnsinn. Gott sei Dank!, lachte er glücklich und fischte in seiner Hosentasche nach dem Handy: nichts Wichtiges! …, gluckste er vor sich hin … Der Tod ist nichts Wichtiges!, schüttelte er den Kopf und wollte sich vergewissern, ob er die SMS richtig gelesen hatte oder inzwischen vielleicht eine weitere eingetroffen sei. Wenn’s nicht der Tod ist, was dann?!
„Na, leidet da noch jemand an seniler Bettflucht?“, griff plötzlich jemand von hinten nach seinem Handy. Packte ihn am Arm und zwang Gradoneg zu einer schmerzhaften Kehrtwendung. „Sieht man doch, wie ungesund schlaflose Nächte sind. Wer sich durch die Nacht schleicht, ist schnell seine Haxen los“, beugte sich ein ziemlich missglücktes Holzschnittgesicht zu Gradoneg runter. Zumindest die große, krumme Nase mit den beiden asymmetrischen Flügeln schien noch in Arbeit zu sein. Obendrein dampfte ein übler Leberkäsegeruch aus dem Mund des Polizisten.
Gradoneg erschrak, fasste instinktiv nach seinem Handy.
„He …!“
„‚He‘, was?! ‚He‘ Amtsbeleidigung oder ‚He‘ Widerstand gegen die Staatsgewalt?!“, drückte ihm der Polizist den Oberarm fest zu – fester als es bei einem Schlangenbiss nötig gewesen wäre.
„Ich, ich …“, stotterte Gradoneg.
„Einen ICH gibt es nicht! Schon gar nicht bei der Polizei!“
„Gradoneg. Matthias Frerk Gradoneg …“
„Frerk-Gradoneg?“
„Ja …“
„Gleich zwei Zungenbrecher als Doppelname.“
„Nein, Frerk ist mein zweiter Vorname.“
„Nicht frech werden, ja?!“
„Ich sag’ ja nur meinen Vornamen …“, ging Gradoneg wegen eines weiteren Armdrucks des Polizisten beinahe in die Knie. Verfluchte sich, dass er bei dieser groben Identitätskontrolle überhaupt mit seinem „Frerk“ rausgerückt war. Eine berufliche Angewohnheit von ihm, denn „Frerk“ merkten sich alle, selbst der dümmste Marketingfuzzi. „Meinem Vater, dem ist der ‚Frerk‘ eingefallen. Ich hatte bei meiner Geburt einen Charakterkopf …“
„Da hat also ein besonders hässlicher Zwerg geplärrt“, ließ sich der Polizist mit dem Holzschnittgesicht nicht beirren. „Charakterkopf ist immer ein Synonym für schiach …“
„Und das ist jetzt keine Beleidigung?! Hässlich? Oder wird in Österreich nur noch nach Amtsbeleidigungen gefahndet?“
„Aufpassen! Immer aufpassen! Das ist jetzt schon die zweite Verwarnung!“
Gradoneg schluckte. Hatte schon ein … Du beschissener Holzklotz mit Nasenlöchern … auf der Zunge, eine durchaus angebrachte Metapher, die allerdings gleich zu Sägemehl zerfiel. Schade.
„Schiach“ ist ja wirklich kein menschenwürdiger Ausdruck. Selbst das hässliche Entlein wird eines Tages zum Schwan. Und Gradoneg war alles andere als hässlich. Wenn er auch kein Fernsehwerbung-Baby war, so hatte sich zumindest niemand vor einem Blick in den Kinderwagen gefürchtet – und man tut dies bis heute nicht vor seinem Äußeren. Der Haaransatz rutscht ihm zwar an den Schläfen kontinuierlich nach hinten, was bei Endvierzigern normal ist. Dafür war sein restliches, braunes, im Sommer fast blondes Haar dicht und nicht angegraut. Absolut keine Selbstverständlichkeit beim Glatzkopfgetümmel in der heutigen Männerwelt. Und seine Stupsnase war weder zu lang noch zu kurz und trennte die dunklen, grünen Augen nicht mit einem gekrümmten, ungehobelten Nasenrücken. Clownesk wäre für diese Nase das falsche Wort, eher zierte sie wie ein Jungbrunnen Gradonegs Gesicht, machte ihn um ein paar Jahre jünger und harmonierte mit den fein geschwungenen Lippen; war er unrasiert, verlieh sie ihm eine Mischung aus ruppiger Männlichkeit und spitzbübischer Lebensfreude. Zwerg? Nein, mit seinen 1,76 Metern war Gradoneg kein Wolkenkratzer, doch gewiss kein Zwerg. Ursula überragte ihn zwar um einen halben Kopf, aber Gradoneg brauchte kein Stockerl, um sie zu küssen.
Besser, man ist kein Humphrey Bogart und küsst dafür ohne Stockerl, witzelte er manchmal, wenn er auf Zehenspitzen Ursulas Lippen erklomm. Gut, diese Höhenflüge würden ihm zukünftig wohl verwehrt sein.
„Muss ja nicht gleich jede Identitätserhebung unter der Gürtellinie stattfinden …“, murmelte Gradoneg beleidigt. Dieses „Schiach“ steckte ihm mehr in die Knochen als der Schraubengriff des Polizisten.
„Ich hab’ gesagt, nicht frech werden!“, brüllte dieser nun auf, blies Gradoneg beinahe mit einem Leberkäsesturm aus den Schuhen: „Ich hab’ mich hier nicht für ein Faschingsfest verkleidet, falls du das endlich kapierst!“ Dann schickte er auch gleich seine Wut zu den versteinerten Kollegen zur Babyschaukel rüber. Die beiden hatten sich zwar kurz umgedreht und den Vorfall registriert, doch der Mund stand ihnen noch immer offen. „Depperter geht’s nicht!“, schrie das Holzschnittgesicht seine Kollegen an. „Ihr observiert eine Leiche, und ganz Wien schaut euch zu! Wahrscheinlich sind wir schon auf Facebook und im chinesischen Fernsehen.“
„Was …?“, fand einer der Steine doch noch seine Sprache.
„Ihr habt seit einer halben Stunde einen Zaungast und bemerkt das gar nicht!“
„Um den kümmerst doch du dich gerade.“
„Und bei der Mordkommission heißt es dann wieder, wer mit einem Streifenwagen herumfährt, hat auch einen Streifen in der Unterhosen.“
Gradoneg witterte bei diesem Polizeidisput eine Chance auf sein Eigentum.
„Könnte ich jetzt bitte wieder mein Handy …“
„Nicht dazwischenreden, wenn sich Erwachsene unterhalten!“, riss ihn das Holzschnittgesicht am Arm in die Knie.
„Jetzt scheiß’ dich nicht gleich an, der ‚Friedhof‘ ist schon in Ordnung …“, maulte der Stein zurück. „Der ‚Friedhof‘ läuft zu keinem Kommandanten.“
„Wer sagt denn, dass der ‚Friedhof‘ kommt?!“
„Jeder andere wär’ schon da und die Spurensicherung auch. Die rechnen auch mit dem ‚Friedhof‘. Ein Kaffee und zwei, drei Zigaretten gehen sich bei dem immer locker aus.“
„Übernimm’ dich bloß nicht beim Kombinieren …“
„Angeblich ist der ‚Friedhof‘ in letzter Zeit ein bisschen durch den Wind, erzählt man sich im LKA. Hat bei einer Sitzung plötzlich Rotz und Wasser geplärrt, dabei ging’s bloß um den Belag bei der Pizzabestellung …“
„Keine Interna in der Öffentlichkeit, Kollege!“, maßregelte das Holzschnittgesicht den aufmüpfigen Stein, wandte sich dann umso verärgerter wieder Gradoneg zu: „Wir heißen also Frerk und haben einen Charakterkopf. ,Herumfrerken‘ … Sagt man nicht ‚herumfrerken‘, wenn ein Kind beim Brotschneiden lauter Brösel fabriziert?“
„Nicht dass ich wüsste …“, hätte nun Gradoneg doch noch gerne Du beschissener Holzklotz mit Nasenlöchern gesagt.
„Egal. Wir sind ja nicht zum Philosophieren hier. Viel wichtiger ist, warum sich unser Herr Frerk im Schubertpark herumtreibt? Ausgerechnet neben einer Leiche?! Und noch ein guter Tipp, bevor du den Mund aufmachst: Joggen ist eine ganz blöde Ausrede. Ja! Joggen ist saublöd! Vor allem, wenn man dabei ein frisch gebügeltes Eselskostüm anhat.“
Jetzt erst bemerkte Gradoneg, was er zu all dem Wirrwarr auch noch angerichtet, vielmehr angezogen hatte: das schwarze Prada-Sakko, die leider nicht ganz exakt sitzende tiefgrüne Gucci-Hose, das Trussardi-Hemd mit dem sensationellen gold-ockernen Muster … all diese Prachtstücke hatte er in ein Schweißbad getaucht. Die Jahresausbeute vom Humana-Laden auf der Währinger Straße, mit der er bei der Schulabschlussmesse so richtig protzen wollte. In seiner Blödheit hatte er diese um Stunden zu früh angezogen. Seine Rache an die Schnöseleltern sinnlos aufs Spiel gesetzt!
„‚Joggen‘ sollte um diese Zeit nicht einmal dem Marcel Hirscher einfallen. Obwohl ich’s dem sogar glauben würde“, wartete der Uniformierte ungeduldig auf eine Antwort. „Vielleicht auch noch diesem Tennisspieler … na, wie heißt der? Thiem-irgendwas …, aber bestimmt nicht dir und dem Wiener Bürgermeister.“
„Meine Frau …“, stammelte Gradoneg.
„Weiber sind zwar auch saublöd, aber immer noch besser als joggen …“
„Wir hatten tatsächlich einen Streit …“
„Was bei einem Charakterkopf leicht vorkommen kann“, ließ der Polizist endlich Gradonegs Arm los. Tippte und wischte nun neugierig auf dessen Handydisplay herum, meinte zufrieden: „Wieder einer, der noch nichts von einer Sicherung gehört hat. Gut, unsere IT’ler knacken es sowieso.“
„Ich hab’ nichts fotografiert, ehrlich …“
„Der ICH und der EHRLICH sind längst ausgestorben, hab’ ich doch schon gesagt!“
„Reiner Zufall. Ehrl… Echt, das ist alles ein reiner Zufall. Ich wohn’ oben in der Kreuzgasse. Ich brauch’ nur mein Handy und bin schon weg …“
Hinten kam wieder ein Stein in Bewegung.
„Jetzt könnten der ‚Friedhof‘ und die Spurensicherung endlich auftauchen. Sonst haben wir beim Sonnenaufgang noch einen Kindergarten am Hals.“
„Sind ja alle auf Urlaub“, brachte wie durch ein Wunder auch der zweite Stein seinen Mund auf.
„Dann kümmert euch gefälligst darum! Ruft ihn an und das Kaffeekränzchen von der Spurensicherung auch!“, schrie das Holzschnittgesicht. „Bin ich der Einzige in Wien, der noch arbeitet?!“
„Kannst du dir eigentlich vorstellen, dass der ‚Friedhof‘ plötzlich losplärrt? Wie ein kleines Kind, weil’s Salami statt Schinken auf der Pizza gibt? Der hat doch das Begräbnis von seiner eigenen Mutter fünfmal verschoben, bis er einen Mörder überführt hat“, kamen die beiden Steine vor der Schaukel ins Gespräch.
„Vergewaltiger. Das war damals ein Vergewaltiger.“
„Halt ein Seelenmörder.“
Hinter ihnen nahm das Holzschnittgesicht Gradoneg weiterhin ins Visier.
„Ist das Beweisstück brav angemeldet?!“
„Beweisstück …?“, schwante diesem Böses.
„Ja oder nein?!“
„Sie möchten doch nicht mein Handy als Bewei…“
„Die Fragen stellen immer noch wir! Ich! Ich bin das ‚Fragezeichen‘, du die ‚Antwort‘.“
„T-Mobile“, stammelte Gradoneg.
„Na, geht doch. Ist ja so einfach wie bei Tarzan und Jane – Ich ‚Fragezeichen‘, Du ‚Antwort‘“, schob er zufrieden das Handy in seine Uniformtasche.
„Bitte, Herr Inspektor. Ich brauche mein Handy unbedingt beruflich …“
„Dann sind wir schon zwei, die das Ding beruflich brauchen … Und jetzt ab nach Hause mit dir!“
„Wie komm’ ich denn wieder an meinen Besi…“
So schnell konnte Gradoneg das Wort „Besitz“ gar nicht aussprechen, schon spürte er den spitzen Holzzinken auf seiner Stupsnase. Spürte, wie das raue Holzschnittgesicht zu einem Funkenflug von Spänen und Schiefern ansetzte: „Besitzstörung gibt’s auf privaten Parkplätzen und in Vorgärten, du Vollkoffer! Und jetzt schleich dich! Hörst du! Schleich dich!“
„Bitte …“
„Soll ich meine Uniform vergessen und ein richtiger Mensch werden?!“
Das hasste Gradoneg an sich. Ein Uniformfurz, schon ging er in die Knie. Ein Furz, und sein Mut war von autoritären Gasdämpfen benebelt. Kaum riss Papa Staat sein Maul auf, biss sich Gradoneg die Zunge ab. Das Gras links und rechts am Weg, den er nun untertänig hinaufschlich, stand aufrechter da, als er es je tat. Ein Gartenzwerg hätte mehr Zivilcourage. Sämtliche Kundenkontakte und Termine, die Quickmemos für die Rechnungslegungen, die Urlaubstage seiner Ursula, der Scan mit der Liste fürs Pfadfinderlager, die Schließtage im Kindergarten – sein komplettes Navigationssystem für diesen Sommer, ohnehin der beschissenste Sommer seines Lebens, ließ er sich widerstandslos abnehmen. Ein Systemabsturz sondergleich! Ein paar bewaffnete Steuerschlucker reichten, schon kroch er durch das Dickicht seiner Feigheit.
Bewaffnete Steuerschlucker, solche Begriffe fielen ihm auch immer erst hinterher ein. Nach seinem Hofknicks vor der Macht.
Dieser … Friedhof?…, zog er schon oben bei der Staudgasse an der dritten verzweifelten Zigarette. Dieser Friedhof …?, fragte er sich immer wieder, hoffte, mit dem Rauch auch ein paar Erinnerungen zu inhalieren. Das muss er gewesen sein. Bestimmt. Mit dem hab’ ich mich am Dienstag in dieses Schlamassel gesoffen. Die SMS … freilich, die SMS kann nur von diesem „Friedhof“ stammen. Kurz hielt er inne und wollte umkehren. Er bräuchte doch nur dem diebischen Bullenarsch die SMS zeigen. Angewurzelt wie die Bäume im Schubertpark sollte er sich vor ihn hinstellen und auf sein Recht pochen. Los, schnell … umdrehen!, befahl er sich, dem einzig klaren Gedanken in seinem Kopf zu folgen, wieder runter in den Park zu gehen. Doch „sich umzudrehen“ gehörte auch nicht zu Gradonegs Stärken. Schon gar nicht, wenn es um bewaffnete Typen ging.
Immerhin hing an diesem frühen Morgen doch noch ein erhellender Stern über seiner besoffenen Dienstagnacht: Er hatte diesen ominösen „Friedhof“, diesen Kriminalbeamten, tatsächlich getroffen – ihm wohl sein Leben und seine Phobien auf den Tisch gekotzt; das Urlaubsdesaster, die sadistischen Marketingfuzzis, die muslimischen Kopftuchtheorien, bestimmt auch seinen Zorn auf die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft, die SVA, die sich ja in Gradonegs Wutranking ganz oben mit dem Islamismus matchte. Seine Hassliste war ja so lang wie die Nacht, und er hatte sie bestimmt Punkt für Punkt vor diesem „Friedhof“ abgearbeitet. Ein erbärmlicher Seelenstriptease für 500 Euro Lohn, bei dem er sich dann auch noch als kostengünstiger – spottbilliger – Assistent beim Kripomann angedient hatte.
In Gedanken sah sich jetzt Gradoneg, wie er sturzbetrunken und bettelnd auf allen vieren vor diesem Typen herumkroch. Er hatte zwar noch immer kein Bild von diesem im Kopf, aber ein umso schlimmeres von sich. Wie er im Wettcafé um sein Leben winselte, sich unterm Tisch an den Beinen des Kommissars festhielt, links und rechts die Gläser vom Tisch purzelten, der Boden wankte und das ganze Lokal grölte. Einfach nur scheußlich. Wen wundert es, dass er stets gedemütigt wurde, wenn er sich doch selbst immer am meisten demütigte, fragte er sich bei seiner letzten Zigarette schon vor dem Haustor in der Kreuzgasse. Dämpfte diese angewidert aus, wäre dabei am liebsten auf sich selbst getreten. Nein, das musste sich ändern! Alles! Alles muss sich ändern! Das ganze Leben! Gleich morgen!, kletzelte er den verkohlten Zigarettenstummel von der Schuhsohle. Verlor dabei das Gleichgewicht und kippte rücklings auf den Gehsteig. Gleich morgen! Alles! Die ganze verdammte Scheiße…, fluchte er. Nach der Schulabschlussmesse würde er sich um sein Smartphone kümmern, dem Polizisten eines auf die Diebesgriffel geben und diesen „Friedhof“ zur Rede stellen. Mordkommission und Suff hin oder her!
Zwei
Geschafft! Die letzte Prozession in die St.-Gertrud-Kirche. Der Segen für vier Jahre Volksschule. Der letzte Weg der Klasse 4a und ihrer 1A-Eltern. Wie immer die Gene in Zweierreihen voran, danach die Superschnösel und Supermamis, die stolze Währinger Elite, dahinter ein kurzer, aufmüpfiger „Rattenschwanz“ mit Polen, Italienern, Tschechen, sogar ein aufmüpfiges türkisches Paar und als Spitze des Frevels eine nigerianische Migrantenmutter. – Die Eltern, die sich wirklich für ihre Kinder abschuften. Jede Klasse ein ähnliches Bild – die bürgerliche Elite mit ein paar sozialen Ausreißern im Schlepptau. Währing, das ist wie Döbling und Hietzing, eine der letzten Wiener Bildungsenklaven. In Währing halten die Reichen ihre Kinder im Himmel fest, und die Armen versuchen, die ihrigen himmelwärts zu schubsen, in ein besseres Leben. Andernorts versinken Tausende Kinder erbarmungslos im Wiener Bildungssumpf, ohne Zukunft und Perspektive, allerdings stets mit einer fachkundigen, gescheiten Evaluierung. Doch in Währing dreht sich noch das soziale Rad – verzweifelt festkrallen und verzweifelt hochschubsen ist sein Mechanismus.
Gradoneg marschierte meist in der Mitte. Er war die Bruchstelle zwischen Aufstieg und Abstieg. An diesem Freitag schaffte er es gerade noch, sich neben der Nigerianerin einzureihen. Am Ende der Maynollogasse, fast schon im Schatten der Kirche. Das aber gut gelaunt: Vor ein paar Minuten hatte man ihm anstandslos in der Bank Austria auf der Währinger Straße den ominösen 500-Euro-Schein in Hunderter gewechselt; Ursula hatte nichts von seinem nächtlichen Ausflug bemerkt und redete sogar beim Frühstück ein paar Sätze mit ihm. Was von einem Abschlussgeschenk für Josef in der Schublade unter dem Fernseher und dass er auch Hemma am Nachmittag vom Kindergarten abholen sollte. Zwar kein „Frerkibääääär …“, aber immerhin. Gut, dass er die Schweißflecken auf dem Hemd mit ihrem Parfüm übertüncht hatte. Frauen können oft ihre Männer nicht riechen, aber meistens ihr eigenes Parfüm. Alles in allem war es also kein schlechter Start in die Sommerkatastrophe, in die Herkulesaufgabe, neun Wochen Ferien zu überstehen, vielleicht doch noch eine Airbnb-Wohnung mit einem Hauch Meeresluft zu ergattern. Denn im Geiste sah er sich schon wegen seines Handys auf der Polizeiinspektion toben, hörte sich, wie er diesem „Friedhof“ die Leviten las und dabei seinen Sold als Kripoassistent in die Höhe trieb. Schließlich würde er sich höchstens noch in einer Kirche ‚hinknien’ und nie und nimmer vor einem Menschen. Mit so vielen Sternen und Orden konnte ihn eine Uniform nicht mehr blenden, das hatte er vor ein paar Stunden gelernt.
Nimm endlich deinen Alten an die Kandare, legte sich Gradoneg gleich in der St.-Gertrud-Kirche mit dem Gekreuzigten vor ihm am Hauptaltar an. Eine Marotte, die sich bei ihm in letzter Zeit zu einem bedenklichen Wahn auswuchs:
Er dachte sich ängstlich, Luzifer und Gott würden wie damals bei Hiob ihr sadistisches Spielchen mit der Menschheit treiben. Ja, Luzifer würde durch sein Loch in der Milchstraße zum Allmächtigen in den Himmel schlüpfen und dem erschöpften Schöpfer alle Grausamkeiten dieser Welt ins Ohr rülpsen: würde Krieg und Hass rülpsen, Mord und Totschlag, Dürre und Hunger, Krankheit und Verwüstung … und der Allmächtige wäre nur noch ein viel zu gutmütiger, leicht dementer Greis, der die Menschen vergessen hatte, vor seinem einstigen Schatz erblindet war. Dies erschien Gradoneg als triftiger Grund für die Brutalitäten der Menschheit – zwei Greise mit Allmachtsfantasien beim blutigen Kaffeekränzchen. Und Jesus sollte diesem gefährlichen Treiben Einhalt gebieten, was eben Gradoneg zu manch seltsamem Zwiegespräch veranlasste.
Senile, widerwärtige Dummheiten! Was heißt, Gott ist ‚unergründlich‘? ‚Unerträglich‘! Die Welt ist ‚unerträglich‘! Dein Alter sollte Luzifer endlich wieder zum Teufel jagen! …, sinnierte Gradoneg vor dem Hauptaltar. Voll Sehnsucht nach etwas göttlich Gutem, voll Angst vor dem satanisch Bösen – voll spirituellem Unvermögen.
Wie schon in den letzten Jahren verzichtete Gradoneg darauf, sich mit den Kindern und Eltern im Erweiterungsbau der Kirche um einen Platz zu balgen, nahm stattdessen bei den friedfertigeren Omas und Opas im spätbarocken Hauptbau der Kirche Platz. Besser schlechtes Barock als ein unästhetischer, klassizistischer Ziegelkropf aus der Zwischenkriegszeit – besser „Echt Kölnisch Wasser“ als ätzendes Chanel, dachte er bei dieser Entscheidung immer. Dabei hatte er von Architektur keine Ahnung. Alles nach dem Barock und der Renaissance war für ihn klassizistisch oder modern – und damit unästhetisch und schlecht.
Blöde Spielchen! Alles nur blöde Spielchen …, grollte er wiederum Gott und suchte in Jesus einen Verbündeten … Die reinste Katastrophe, sobald die beiden zusammenkommen! Nebenan läutete der Priester bereits mit der Wandlung das große Finale der Schulmesse ein. Noch wenige Minuten, dann würden zehn Schulklassen frenetisch in die Hände klatschen und lauthals „Wir haben Ferien“ trillern. Klatsch, klatsch! Wir haben Ferien! Klatsch, klatsch! Wir haben Ferien! … Der Schlachtruf der Jugend an die Eltern.
Schmeiß Luzifer raus, bevor euch die Menschen aus ihren Leben rausschmeißen, gab sich Gradoneg so kämpferisch wie die nun klatschenden Kinder – und doch wurde er nach der Messe gleich wieder weich und ließ sich von ein paar feierlaunigen Schulpapis und Schulmamis, den Göttern Währings, rüber zum Kutschkermarkt, zu einem Abschiedstrunk in den Gastgarten vom „Himmelblau“, entführen.
Vom Banker-Oberaffen und seiner Kreativ-Tussi, dem Immofritzen und der Stöckelschuhtante, der Boutiquen-Mami und dem Tesla-Angeber … schließlich ging es mit den Kindern Richtung Gymnasium, und man darf sich nach vier gemeinsamen Schuljahren nicht so trocken den Rücken zukehren. Spätestens im Herbst würden ohnehin mit den Blättern auch die Freundschaften der Kinder und Eltern welken.
*
Hoch und heilig hätte es Gradoneg schwören können. Bei seinen Hunderterscheinen in der Brieftasche, eine Darmspiegelung mitsamt einer Tollwutspritze hätte er über sich ergehen lassen. Ausgeschlossen! Das konnte nicht sein! Er war doch die ganze Zeit am Tisch gesessen, gelangweilt und gedemütigt wie eh und je, von diesen bürgerlichen Protzern.
In ganz Währing hätte es für sein Sakko keinen besseren Wachhund gegeben. Hundertprozentig, tausendprozentig. Er hatte es nicht aus den Augen gelassen. Keinen Moment, keine Millisekunde oder welchen physikalischen Flügelschlag es sonst noch gab. Stolz und demonstrativ hatte er es über die Stuhllehne gebreitet, damit alle das Prada-Etikett sehen konnten. Und wie es sich auf der seidenen Innentasche über dem Portemonnaie wölbte! Mehrmals strich er den feinen Zwirn zurecht. „Cola für alle“, rief er stolz zum Kindertisch rüber. „Wenn’s geht bio, oder sonst eine echte, so eine grauslich Gute.“
Selbstverständlich ließ sich der Oberaffen-Banker nicht den höchsten Ast nehmen. „Das Eis und die Torten gehen auf mich“, plärrte er schmierig zu den Kindern rüber.
Was soll’s, dachte sich Gradoneg. Prada ist Prada, und ein Affe ist und bleibt ein Affe.
Dass ihm dann der Oberaffen-Banker schon nach dem ersten Achterl auf der Liane daherkam und hundsgemein in die Magengrube trat, verfinsterte allerdings seine Prada-Glückseligkeit: Erst vor wenigen Wochen hätte der Oberaffen-Banker ein frappant ähnliches Sakko in einer Altkleidertonne versenkt, meinte dieser süffisant. Laut und unüberhörbar und zwinkerte wie ein kopulierender Orang Utan Richtung Gradoneg.
„Klar!“, sprudelte seine Frau, die Kreativ-Tussi, mit ihrem Sektglas um die Wette: „Du und eine Mülltonne. Dort bringst du höchstens einen Obdachlosen hin.“
Zum Glück verstand niemand am Tisch, dass „frappant ähnlich“ nichts anderes als „dasselbe“ heißt. Auf den Punkt gebracht: Gradoneg war ein jämmerlicher Müllstierler!
„Die Drecksarbeit bleibt immer an mir hängen“, trat die Kreativ-Tussi nochmals nach.
Ausgerechnet diese beiden Arschlöcher musste Gradoneg noch ein paar Jahre ertragen, ging doch die kleine Hemma mit deren jüngstem Sohn in den Kindergarten.
Immerhin konnte er sich schon nach ein paar Gesprächsfetzen rächen.
„Mit vierzig wird das Leben seltsam …“, nippte sie bereits an ihrem zweiten Glas Sekt – und: „… da kann man nach einer langen Nacht nicht einmal mehr richtig speien …“
„Ja, stimmt …“, frohlockte Gradoneg über seinem Achterl Rotwein, „… dabei möchte man bei manchen Menschen nach einer langen Nacht besonders gerne speien.“ Doch dieser Pfeil war zu stumpf und juckte den Oberaffen nicht. So hämisch Gradoneg auch in die Runde grinste, niemand reagierte. Die anderen waren schon bei ihren Urlaubsprahlereien: „Die Griechen sind die sanfteren Italiener“, argumentierte die Boutiquen-Tussi mit einem Sektrülpserchen ihre diesjährige Entscheidung für Rhodos. Das kam bei den Schuleltern schon weitaus besser an: „Die portugiesischen Kellnerinnen sind auch nicht für’n Arsch“, grölte der Immofritze in die Runde. „In Madrid werden mir die Damen hoffentlich nicht spanisch vorkommen …“, ächzte und krächzte ein anderer Papi.
Der Vormittag war jedenfalls für Gradoneg gelaufen, so abgelutscht wie die Eiswürfel bei den Kindern am Tisch nebenan. Die Gespräche plätscherten zäher als der Wein und Sekt dahin und mündeten immer in einem unerträglichen Urlaubsgeprotze: Spanien, Portugal, Griechenland, ein Abstecher in die USA, eine Bootsfahrt durch Irland, Cabriotouren durch Frankreich, weißer Sand auf Sardinien und erfrischende Regentage an der deutschen Ostsee … Wie bei einer Filmvorführung von Charlie Chaplins „Großem Diktator“ kam sich Gradoneg vor, alle am Tisch schienen mit einem Hitlerbärtchen vor einem Globus zu sitzen und besessen auf ihr Sommerterritorium zu deuten. Beim Gruppensex hätten sie nicht so viel Spaß, dachte sich Gradoneg.
Weg! Er wollte nichts wie weg. Wenn er es schon nicht aus Österreich rausschaffte, dann wollte er zumindest rasch von diesem Tisch weg. Immer ungeduldiger knackste er mit seinen Fingern. Den gerade gebrachten Wein trank er schneller als die Kellnerin wieder im Lokal verschwinden konnte. Josef sollte doch endlich seine Torte unter dem Schlag finden. Nein! Eine zweite Cola gab es auf keinen Fall. „Zahlen!“, rief er ungeduldig der Kellnerin nach. Griff beleidigt und genervt in die Innentasche des Prada-Sakkos, dessen Seidenfutter sich nun rau wie Schmirgelpapier anfühlte, was nach der Mülltonnengeschichte ja verständlich war – und dann sprang Gradoneg plötzlich verdattert von seinem Stuhl auf und funkelte mit immer zornigeren Augen die Eltern rings um den Tisch an:
„Verdammt noch einmal!“, schrie er in die Runde. „Verscheißert ihr mich nun völlig?“
„Was ist denn bitte?!“, lallte die Oberaffen-Frau, also die Kreativ-Tussi: „Jetzt sei nicht beleidigt, du kannst ja gleich von eurem Urlaub erzählen.“
„War da jemand an meinem Sakko?!“, zischte Gradoneg.
„Also wirklich!“, raunten einige empört auf.
„Ich will sofort wissen, wer da an meinem Sakko war!“
Der Oberaffe grinste breit und schlug sich innerlich auf die Brust.
„Das nehme ich dir schon nicht wieder weg …“
„Wehe …“, verschluckte sich seine Tussi am Sekt. „Diesen Fetzen schleppe ich kein zweites Mal zur Mülltonne …“
„Ist da wo ein Polizist?!“, schrie Gradoneg.
„He, jetzt reicht’s aber!“, wurde nun auch die Empörung am Tisch lauter.
„Verdammte Scheiße! Habt ihr einen Polizisten gesehen?!“
Nun hüpfte auch der Oberaffe vom Stuhl, baute sich breitbeinig vor Gradoneg auf.
„Spinnst du? Sind wir vielleicht Diebe, oder was?!“
„Natürlich war da jemand mit seinen Griffeln am Sakko!“
„Du! Ich ruf’ gleich selbst einen Polizisten, wenn du nicht sofort mit deinen Beschuldigungen aufhörst!“, beugte sich der Oberaffe zum Angriff über den Tisch. „Prada ist out, kapierst du! Ich nehm’s dir schon nicht wieder weg. Mich interessiert das nicht mehr. Deshalb hab’ ich’s ja im Müll versenkt.“
„Da sieht man’s wieder …“, mischte sich seine Tussi ein. „Einen Dreck schickt die Caritas unsere Sachen nach Afrika, sonst würden wir jetzt nicht streiten …“
„Und das hier?!“, zog Gradoneg völlig außer sich sein Handy – ja, sein Handy! – aus der Innentasche des Sakkos. Fuchtelte damit wutentbrannt vor aller Augen herum: „Wer hat mir dieses Handy ins Sakko gesteckt?! Ich will sofort wissen, woher dieses verdammte Ding kommt?!“
„Ist das nicht dein Handy?“, räusperte sich die Boutiquen-Tussi erschrocken.
„Klar ist das mein Handy!“, schrie Gradoneg sie an.
„Du stellst uns da also als Verbrecher hin, weil du dein eigenes Handy in deinem Sakko findest?! Geht’s noch bescheuerter?!“, ließ der Oberaffe einen Brüller los, der im ganzen Urwald, sprich am Kutschkermarkt, zu hören war.
„Bitte, Matthias. Wir sind doch alle gereizt“, bemühte sich eine Mami um Besänftigung. „So ein Schuljahr kostet Nerven, viele, viele Nerven. Uns alle, glaub’ mir … Aber jetzt fahren wir ja alle auf Urlaub.“
Die Kinder schauten längst auch schon zum Erwachsenentisch rüber, zwei, drei wagten sich mit neugierigen Schritten in die Nähe der Streithähne.
„Das glaubt mir ja niemand! Der Typ dreht wegen seinem eigenen Handy durch und will die Polizei rufen!“, brüllte der Oberaffe weiter.
„Dich erwisch’ ich schon noch!“, deutete Gradoneg mit dem Handy auf ihn. „Das lass’ ich mir nicht bieten! Du steckst doch mit diesen Bullenschweinen unter einer Decke und hast mir das Ding in die Tasche gesteckt!“
„Weißt du was, Matthias, ich zahl’ jetzt alle Getränke, und wir gehen dann alle nach Hause …“, schlug die sanftmütige Mami vor.
„Ich brauch’ keine Almosen!“, nahm Gradoneg einen Hunderter aus der Brieftasche, zerknüllte den Schein und warf ihn auf den Tisch, genau genommen landete er im Sektglas der Oberaffen-Tussi. „Heeee …! Den Sekt zahlst du! Und alles wegen diesem verdammten Fetzen. Der Prada-Dreck hat bei uns auch nur Unglück gebracht. Das ist aus Unglück gewebt …“
Verrückt vor Wut riss nun Gradoneg das Sakko vom Stuhl und warf es dem Oberaffen an den Schädel.
„Du blödes Arschloch!“, ging dieser in Deckung, griff sich das Sakko vom Boden und warf es Gradoneg erbost zurück. Der ging allerdings ebenfalls in Deckung, wodurch es gegenüber am Obststand auf einer Kiste landete. Münzen fielen aus den Seitentaschen, klimperten über den Asphalt, und ein paar Kinder versuchten, sich damit ihr Taschengeld aufzubessern. Gradonegs Josef war nicht dabei – der stand schon ganz oben am Ende des Kutschkermarktes, hielt sich die Zeugnismappe vors Gesicht und weinte.
Drei
Nicht nur die Mittagssonne machte Gradonegs Augen glasig. Er hatte Angst. Panische Angst, verrückt zu werden. Mit Josef brüllte er grob herum, weil dem Buben mehr Tränen über die Wangen liefen, als Pipi Langstrumpf Sommersprossen hatte. „Vielleicht schämst du dich ja zumindest nicht für mein Geld.“, warf er dem Jungen einen zerknüllten Geldschein hin und ließ ihn oben am Kutschkermarkt an der Straßenecke stehen.
Dann saß er plötzlich im Reisebüro Gersthof und hörte sich verdutzt zu, wie er einen Griechenlandurlaub reservierte. Das teuerste Crecotel auf Kreta. Nuschelte dem Angestellten was von einer vergessenen Bankomatkarte vor, selbst Ursula raunzte er am Telefon wegen der Bankomatkarte an und vergaß, ihr Josefs Zeugnisnoten mitzuteilen. Gut, die hätte er ohnehin nicht gewusst.
*
Logisch war die SMS gelöscht. Sooft er sein Handy auch drehte und wendete, darauf rumtippte und sogar daran roch: Alles war da! Die Kontakte, die Termine, die E-Mails, die Scans, die Kratzer am Display, Hemmas fettiger Fingerabdruck vom letzten Liptauerbrot … Alles wie gehabt – nur das Wichtigste fehlte, sein Beweis, die SMS.
Und auch im Schubertpark, wo er alsdann so schnell wie in der Nacht hinhetzte, schienen die Gräuel gelöscht, von der Sonne versengt worden zu sein. Nichts! Als wäre er vor ein paar Stunden bloß seinen Wahnvorstellungen nachgelaufen.
Jetzt bin ich endgültig verrückt geworden, fürchtete sich Gradoneg vor sich selbst. Sah sich ängstlich im Park um, als würden jeden Moment die Leute lauthals über ihn loslachen.
Oben beim Hundeauslaufplatz hing ein paar Vierbeinern und Zweibeinern die Zunge raus. Hunde wie Menschen schienen ihn anzuknurren, damit er seinen verrückten Blick von ihnen ließe. Von den Polizisten der Nacht, oder sonst wem von der Kriminalpolizei, gab es nicht die geringste Spur. Niemand bückte sich über einen Strauch, saß mit einem Notizblock auf einer Bank, telefonierte zu leise oder knipste mit dem Handy verdächtig herum. Einzig und alleine Gradoneg fiel wohl seltsam auf, wie er ständig seinen Hals um 360 Grad reckte, alles und jeden anstarrte, vor jeder Bank eine Ewigkeit verweilte und seine Ohren spitzte; wie er mit seinem wirren Blick in fremden Taschen wühlte, immer knieweicher wurde, immer mehr zitterte und schwitzte, je weiter es runter zum Spielplatz ging.
Bitte, bitte nicht!, flüsterte er dabei, ich will nicht verrückt sein!
David Copperfield ließ 1983 die Freiheitsstatue verschwinden – in Währing verschwand am 30. Juni 2017 der Tod. Quietschvergnügt freute sich ein Kleinkind in der Babyschaukel, jauchzte vor Bauchkribbeln, „Ja, ja, ja! Du, du, du!“, lachte eine Omi dahinter.
Die Drehgiraffe ratterte wieder im Kreis, das Holzkrokodil schnappte nicht nach den Kindern, in der Sandkiste wurden Kuchen gebacken, und niemand verfing sich im Spinnennetz beim ersten Kletterversuch. Ein Idyll wie eh und je, Währing, wie es schöner und friedlicher nicht sein konnte.
„Vorsicht!“, kam nun doch der Omi ihr Herzschrittmacher ins Stocken, als Gradoneg ungeniert unter die Schaukel kroch und den Rindenmulch inspizierte. „Jetzt passen Sie doch auf, sonst passiert noch ein Unglück!“
Die haben sogar den Rindenmulch ausgetauscht, dachte Gradoneg.
„Jetzt kommen Sie doch da unten raus!“, bremste die Omi ängstlich die Schaukel mit ihrem Enkelkind.
„In Währing gibt’s leider kein Unglück“, kroch Gradoneg unter der Babyschaukel hervor.
Absolut nichts! Keine Absperrbänder, wie sie in jedem Film flattern, kein einziger Blutstropfen auf dem Rindenmulch, keine übersehenen Kleidungsreste oder gar Hautfetzen. Ein Nichts, von dem wohl jeder buddhistische Mönch während seiner Meditationen träumt – ein absolutes Nichts, das sich nun in Gradoneg als pure Angst ausbreitete.
Verzweifelt schlurfte er hoch zur Liegewiese, setzte sich dort ins Gras.
Den Tod haben die Währinger ja immer schon perfekt beseitigt, riss er wütend ein Grasbüschel aus. So wie da im Park! Lauter Tote, und allen ist das wurscht, erinnerte er sich, dass der Schubertpark ursprünglich der Währinger Ostfriedhof war. Jeder hopst hier mit seinem Arsch auf Toten rum! Aber mich führen die sicher nicht hinters Licht!
Ungeduldig rutschte er mit seinem Hintern hin und her, bugsierte sich möglichst unauffällig zu den beiden Studenten links neben ihm. Gerade so weit, dass er noch als Hetero durchging und doch ein paar Wortfetzen aufschnappen konnte. Wäre ja nicht zum ersten Mal, dass die Kripo inkognito ausschwärmen würde.
