Todestanz in Pont L´Abbé - Helmut Hucker - E-Book

Todestanz in Pont L´Abbé E-Book

Helmut Hucker

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Beschreibung

Seit beinahe einem halben Jahrhundert findet in Pont-l´Abbé das Fest der Stickerinnen statt, auf das sich die Musik- und Tanzgruppen intensiv vorbereiteten. Gwenaëlle Drennec wartet an diesem Abend vergeblich auf ihren Tanzpartner, Marc Henan. Marc hat noch nie einen Trainingsabend verpasst, ist ihm etwas zugestoßen? Die Gendarmerie von Pont-l´Abbé findet eine Leiche am Straßenrand. Schnell stellt es sich heraus, dass es sich bei dem Toten um den Schweinezüchter Marc Henan handelt. Anaïk Bruel, die neue Leiterin der Mordkommission von Quimper, die die Nachfolge von Ewen Kerber angetreten hat, wird zum Tatort gerufen. Ihr erster Mordfall im neuen Amt.

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Helmut Hucker

Todestanz in Pont L´Abbé

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Epilog

Glossar

Andere Kriminalromane des Autors:

Kinderroman des Autors:

Vorankündigung

Impressum neobooks

Kapitel 1

Jean-Pierre Kermanchec

Todestanz in Pont-l´Abbé

Todestanz in Port L´Abbé

Jean-Pierre Kermanchec

Impressum

© 2018 Jean-Pierre Kermanchec, Ulrike Müller

Covergestaltung: Atelier Meer Kunst, Oetrange/Luxembourg

Seit beinahe einem halben Jahrhundert fand in Pont L`Abbé das Fest der Stickerinnen statt. Mehr als 30.000 Besucher kamen regelmäßig zu den Festlichkeiten, die vier Tage lang die Traditionen des PaysBigouden und der Bretonen in den Mittelpunkt stellten. Hier konnten die Besucher die Reichtümer der bretonischen Kultur kennenlernen, bei der die Musik und der Tanz eine zentrale Rolle spielten.

Die Bagadou, die Musikgruppen und die cercles celtiques, die Tanzgruppen, beherrschten das Straßenbild. Der absolute Höhepunkt und das Finale des Festes war die Ehrung der Königin der Stickerinnen. Auf dieses Fest hin wurde in den diversen cercles das ganze Jahr über geprobt. Auch die Tanzgruppe Kelc´h Vigoudenn, der Bigouden Kreis, traf sich regelmäßig, um die alten bretonischen Tänze einzustudieren und während der Festtage eine fehlerfreie Darbietung abgeben zu können und vielleicht sogar einen Preis einzuheimsen. Die Tanzgruppen, in der sich jeweils über vierzig begeisterte Anhänger der bretonischen Tänze versammelten, waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Zweimal in der Woche trafen sie sich am Feierabend und studierten die Tänze. Die Teilnehmer kamen aus allen Bevölkerungsschichten. Da tanzte der Bankangestellte neben dem Bauern, die Putzfrau neben der Vorstandssekretärin aus dem Agrobetrieb, der Unternehmer neben seinem Angestellten, geeint durch die Liebe zum bretonischen Tanz und zu den Trachten der Region. Letztere war der Stolz eines jeden Teilnehmers. Häufig waren es Kleidungsstücke, die seit Generationen weitergereicht worden waren. Wer es sich leisten konnte, ließ sich auch eine neue Tracht anfertigen. Für die Frauenkleider durften die Stickerinnen Unmengen an Stickereien anfertigen. Vor allem die Spitzenhaube, la coiffe, verschlang unzählige Arbeitsstunden in der Herstellung. Diese Spitzenhauben zeugten vom Selbstbewusstsein ihrer Trägerinnen. Wenn die Gruppe bei den Proben in der Tracht zusammenkam, ähnelte der Übungsraum dem Trachtenmuseum der Stadt.

Das Museum, im Château de Pont-l’Abbé, beherbergt eine große Sammlung von coiffes, Kostümen und Möbeln aus dem PaysBigouden (bretonisch Bro-Vigoudenn), wie sich die Gegend auch zu nennen pflegt.

Es war 20 Uhr, und die Teilnehmer des Kelc´h Vigoudenn waren beinahe vollzählig erschienen und begannen mit dem ersten Tanz. Lediglich Gwenaëlle stand immer noch am Rande der Gruppe und wartete auf ihren Partner. Gwenaëlle Le Drennec gehörte dem Kreis schon seit mehr als 15 Jahren an. Sie war eine der Stützen der Tanzgruppe. Ihr Tanzpartner, Marc Henan, ein Schweinezüchter, war heute noch nicht erschienen.

„Marc wird bestimmt bei den Protestaktionen sein“, meinte Kathan Mauden, der Trainer der Gruppe.

„Dann hätte er mir eine Nachricht zukommen lassen, Kathan“, antwortete Gwenaëlle und schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, er ist bestimmt nicht beim Protest.“

Seit Tagen protestierten die Milchbauern, die Schweine- und die Geflügelzüchter gegen die niedrigen Preise, die sie von den Schlachthöfen und den Molkereien erhielten. Besonders drastisch waren die Preise in den letzten Monaten für das Schweinefleisch gesunken. Nachdem die Europäische Union ein Embargo gegen Russland ausgesprochen hatte, und die Russen im Gegenzug den Import von landwirtschaftlichen Produkten untersagt hatten, gab es ein Überangebot von Geflügel und Schweinefleisch auf dem Markt. Die Preise pro Kilo Lebendgewicht sanken auf einen neuen Tiefststand und erreichten bei den wöchentlichen Auktionen gerade einmal 1,05 € /Kg. Eine gewisse Rentabilität war erst bei einem Mindestpreis von 1,40 €/Kg. erreicht. Die Züchter gingen auf die Straßen und forderten, dass die Regierung intervenierte. Die großen Supermarktketten sollten sich bereit erklären, zu höheren Preisen einzukaufen. Die Verbraucher sollten möglichst nur noch französisches Fleisch kaufen, und vom Staat erwarteten sie eine Absenkung der Mehrwertsteuer und sonstige finanzielle Erleichterungen. In der gesamten Bretagne wurden die Straßen durch hunderte von Traktoren blockiert. Die Zu- und Abfahrten zu den Schnellstraßen waren durch Unmengen von Müll, Altreifen und Strohballen, die in Brand gesetzt wurden, versperrt, zum Schaden der Umwelt. Die Gendarmerie schien entweder ohnmächtig oder unschlüssig zu sein, etwas gegen den Bauernsturm zu unternehmen.

Gwenaëlle war sicher, ihr Partner Marc beteiligte sich nicht an den Protesten. Nicht, dass er überhaupt nicht dabei wäre, aber er würde immer einrichten, zum Tanzabend zu erscheinen. Gwenaëlle setzte sich an die Stirnseite des Saales und sah den anderen bei der Probe des ersten Tanzes zu.

Gwenaëlle war seit drei Jahren geschieden. Ihr ehemaliger Mann, Jean, betrieb eine Landmaschinenhandlung in Combrit. Sie hatten sich voneinander entfernt. Nicht dass ihr Mann ein bösartiger Mensch gewesen wäre, das war er wahrlich nicht. Aber er ging derart in seiner Firma auf, dass er keine Zeit mehr für seine Frau erübrigen konnte. Sie fühlte sich schlichtweg vernachlässigt und hatte sich in ein Abenteuer gestürzt, das aber auch nur wenige Wochen andauerte. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, war sein Interesse an ihrer Person wieder deutlich größer geworden. Jetzt meldete er sich einmal in der Woche und fragte wie es ihr ging, oder ob er etwas für sie tun könne. Gwenaëlle wusste nicht so richtig wie sie damit umgehen sollte. Einerseits hatte sie sich einmal in den Mann verliebt, andererseits war sie nicht sicher, dass er, bei einer Fortsetzung der Beziehung, nicht doch wieder in das frühere Verhalten zurückfallen würde.

„Gwenaëlle, komm, übernimm den nächsten Tanz, dann sitzt du nicht den ganzen Abend hier herum“, meinte eine Teilnehmerin der Gruppe nach dem ersten Tanz und setzte sich zu ihr auf die Bank. Gwenaëlle war ihr dankbar und trat sofort in die Runde. Nach jedem Tanz pausierte eine andere Frau, so dass jede der Frauen nur einen Tanz ausließ.

Die zwei Übungsstunden waren schnell vorbeigegangen. Marc Henan war nicht erschienen. Außerhalb der Trainingsabende hatte Gwenaëlle keinerlei Kontakt zu Marc, so dass sie auch nicht beabsichtigte, ihn nach dem Training zu kontaktieren. Vielleicht war er ja doch bei den Protesten gewesen. Pont-l´Abbé war von den Protestaktionen nur an einem Tag betroffen gewesen. In Quimper hatten die Bauern die Supermärkte von Leclerc, Intermarché und Super U schon mehrfach abgeriegelt, so dass die Kunden auf andere Geschäfte ausweichen mussten. Gwenaëlle war froh, dass Pont-l´Abbé davon verschont geblieben war.

Kapitel 2

Anaïk Bruel war in Quimper angekommen. Seit drei Wochen leitete sie jetzt die Mordkommission in der Stadt. Ihr Vorgänger, Ewen Kerber, ihr großes Vorbild seit vielen Jahren, hatte seine wohlverdiente Pension angetreten, nachdem er bei einer Geiselnahme angeschossen worden war. Sein ursprünglich designierter Nachfolger, Paul Chevrier, hatte Quimper auf eigenen Wunsch verlassen und eine Stelle in Brest angetreten, um bei seiner Verlobten wohnen zu können. Mit Pauls und Ewens Unterstützung hatte Anaïk sich daraufhin damals auf die Stelle beworben.

Nourilly war von der Frau sofort angetan und hatte dem Gesuch der Kommissare stattgegeben. Madame Bruel hatte exzellente Zeugnisse und Empfehlungsschreiben vorlegen können und war zudem eine attraktive Frau. Anaïk bekam die Stelle und erhielt freie Hand bei der Besetzung des Arbeitsplatzes ihres Stellvertreters. Sie brauchte einen Partner oder eine Partnerin, das stand fest. Die Stelle wurde ausgeschrieben, und es trafen zahlreiche Bewerbungen in Quimper ein. Ihr Augenmerk fiel auf eine Bewerbung aus Paris. Eine junge Kriminalbeamtin, die sich zur Bretagne hingezogen fühlte, wie sie sich ausdrückte, hatte ausgezeichnete Referenzen und konnte eine solide Ausbildung nachweisen. Monique Dupont schien Anaïk genau die Richtige zu sein. Zudem betrieb sie Kampfsport. Anaïk war sicher, dass eine Frau, die diese Sportart betrieb, Durchsetzungsfähigkeit besaß. Genau das schätzte sie an einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin. Sie entschied sich für sie. Bei den männlichen Bewerbern las sie immer wieder die Floskeln, möchte mich verändern, die Stelle entspricht meinen Vorstellungen, fühle mich bereit für neue Aufgaben und so weiter, Bemerkungen, die wenig Aussagekraft enthielten.

In wenigen Stunden sollte Monique Dupont in Quimper eintreffen. Nach längeren Diskussionen hatte Anaïk erreicht, dass Nourilly einwilligte, die Unterbringungskosten für die neue Mitarbeiterin in den ersten beiden Wochen zu übernehmen. Die Frau musste schließlich zuerst eine Wohnung suchen, finden und Zeit haben, sich entsprechend einzurichten.

Anaïk war damals in den ersten Wochen zwischen ihrer Wohnung in Lorient und ihrem Arbeitsplatz in Quimper hin und her gependelt. Bei einem ersten Ausflug an die Küste war sie auf ein kleines Haus aufmerksam geworden, das zur Vermietung angeboten war. Schnell war sie mit dem Vermieter handelseinig geworden und hatte ihren Wohnsitz von Lorient nach Sainte-Marine verlegt. Jetzt brauchte sie nur noch 20 Minuten bis ins Kommissariat. Ihr neues Zuhause, in der Rue des Glénan, in Sainte-Marine, lag ideal. Das Haus lag nur 150 Meter vom Strand entfernt, so dass sie regelmäßig am Meer entlang joggen konnte. Mal entschied sie sich über den Strand zu laufen, mal nahm sie den herrlichen sentier côtier, der sich an der gesamten bretonischen Küste entlangschlängelte. Für sie war dieser Wohnort genau der Richtige, Lebensqualität pur.

Sie hatte im Osten des Landes gearbeitet, in Grenoble, da war die Nähe zum Kommissariat von größerer Wichtigkeit. In den Wintermonaten lagen dort Berge von Schnee, so dass jeder froh war, wenn die Anfahrt zur Arbeitsstätte nicht lange dauerte. Hier in der Bretagne, zumal im Finistère, gab es keinen Schnee. Sollte es ausnahmsweise doch einmal schneien, dann fielen selten mehr als einige Flocken. Eine Ausnahme machte lediglich ihre Heimat rund um die Monts d´Arrée. Dort konnte es durchaus zu winterlichen Straßenbedingungen kommen.

Anaïk sah auf die Uhr und stellte fest, dass der TGV aus Paris in einer viertel Stunde in Quimper eintreffen würde. Sie wollte ihre neue Kollegin persönlich am Bahnhof abholen. Sie verließ ihr Büro, das sie bereits während des gemeinsamen Falls, den sie mit Paul Chevrier gelöst hatte, benutzt hatte. Damals war es noch die Arbeitsstätte von Ewen Kerber gewesen. Sie ging hinunter zu ihrem Dienstwagen. Sie kannte sich in Quimper schon recht gut aus. Die Fahrt über den Boulevard Dupleix bis zum Bahnhof dauerte nur wenige Minuten. Sie stellte den Wagen auf einem Parkplatz vor dem Bahnhof ab, der einige Minuten für die an- oder abreisenden Fahrgäste kostenlos war, und betrat die Bahnhofshalle. Schon nach drei Minuten lief der TGV aus Paris im Bahnhof ein. Eine echte Seltenheit, dachte sich Anaïk, die schon oft im Ouest-France über die regelmäßigen Verspätungen des Zuges gelesen hatte. Die Verbindung gehörte zu den Strecken, auf der wohl die meisten Selbstmörder ihrem Leben ein Ende bereiteten und dem Zug damit Verspätungen bescherten.

Anaïk betrachtete die Fahrgäste, die dem TGV entstiegen und zum Ausgang eilten. Zur Bewerbung von Monique Dupont hatte ein Passbild gehört, das durchaus auf der Titelseite der Vogue hätte erscheinen können. Eine verdammt gutaussehende Frau, war ihr durch den Kopf gegangen, als sie die Bewerbungsunterlagen durchgesehen hatte. Es hatte sie für einen Moment zögern lassen. Nicht weil sie keine schöne Frau um sich haben wollte, sondern vielmehr, weil sie überzeugt war, dass die Männer im Kommissariat von einer so schönen Frau eher von der Arbeit abgelenkt würden. Andererseits wusste Anaïk auch, dass sie ebenfalls nicht zu den hässlichen Frauen gehörte und dass auch sie vor einer solchen Herausforderung gestanden hatte.

Sie hielt Ausschau nach der Frau. Dann sah sie sie auf sich zukommen. Sie musste wohl in einem der hinteren Wagons gesessen haben. Anaïk ging auf Monique Dupont zu.

„Bonjour Madame Dupont, Anaïk Bruel, ich heiße Sie herzlich willkommen in Quimper.“

„Bonjour Madame Bruel, vielen Dank, dass Sie mich persönlich abholen. Ich freue mich, hier sein zu können.“

„Hatten Sie eine gute Reise?“

„Absolut, ich bin nur in Paris etwas spät dran gewesen und musste daher den letzten Wagon besteigen. Vom Bahnhof Paris Montparnasse bis nach Rennes fuhr der Zug mit voller Geschwindigkeit, aber auf den letzten 200 Kilometern ging es deutlich langsamer.“

„Tja, das Finistère ist eben das Ende der Welt, hier ist die Hochgeschwindigkeit noch nicht angekommen.“

Monique musste lachen, zog ihren Trolley-Koffer hinter sich her und folgte Anaïk zu ihrem Wagen.

„Ich habe für Sie ein Zimmer in einer Pension reserviert. Die ersten vierzehn Tage übernimmt das Kommissariat die Kosten. Damit haben Sie Zeit, sich eine Wohnung zu suchen.“

„Das ist ja ganz phantastisch! Ich habe meine Möbel in Paris erst einmal eingelagert, bis ich hier etwas gefunden habe. Ich werde versuchen, schnell eine Wohnung zu finden. Ist es schwierig in Quimper oder Umgebung?“

„Nicht wirklich, bestimmt kein Vergleich mit Paris. Auch die Mietpreise sind hier in einem vernünftigen Verhältnis. Ich habe mir gerade ein Haus gemietet, nur 150 Meter vom Strand entfernt und bezahle lediglich 700 Euro im Monat.“

„Da habe ich deutlich mehr für mein Studio in Paris bezahlt!“

„Vielleicht kann ich ja dann auch nach einem kleinen Haus Ausschau halten.“

Sie trafen vor dem Kommissariat ein, und Anaïk parkte den Dienstwagen auf dem für sie reservierten Parkplatz. Monique schnappte sich ihren Koffer und folgte Anaïk hinauf in die zweite Etage. Vor dem Büro, das bis jetzt Paul Chevrier belegt hatte, blieb Anaïk stehen. Das Namensschild vor der Tür hatte sie bereits auswechseln lassen, so dass dort jetzt Monique Dupont zu lesen war. Sie öffnete die Tür und ließ Monique in den Raum treten.

„Mon Dieu, mein Chef in Paris hatte ein deutlich kleineres Büro“, rief sie begeistert aus.

„Das habe ich auch das erste Mal gesagt, als ich die Räume hier gesehen habe. Mein Vorgänger, Paul Chevrier, hat mir daraufhin geantwortet, dass die Räume so waren, als das Kommissariat hier eingezogen ist. Unser Chef, Nourilly, hätte sonst bestimmt für kleinere Zimmer gesorgt. Wir sollten uns an diesen Räumen erfreuen.“ Anaïk lächelte ihre neue Kollegin an.

„Richten Sie sich hier jetzt erst einmal gemütlich ein. Es ist für den Moment sehr ruhig in Quimper, so dass Sie richtig ankommen können. Sie treffen mich im Büro nebenan.“

Anaïk verließ ihre neue Kollegin und ging in ihr eigenes Büro. Die Neue machte einen sympathischen Eindruck auf sie. Sie würden einige Wochen zusammenarbeiten, in denen Monique Dupont ihre Qualitäten zeigen konnte.

Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Anaïk Bruel nahm ab und meldete sich.

„Ewen Kerber hier, Bonjour Madame Bruel. Ich wollte nur einmal hören, wie es Ihnen geht, und ob Sie noch immer alleine sind.“

„Bonjour Monsieur Kerber, schön, dass Sie anrufen. Mir geht es ausgesprochen gut, und seit wenigen Minuten habe ich auch eine Assistentin. Nachdem Nourilly mir freie Hand gelassen hat, die Stelle von Paul Chevrier zu besetzen, habe ich mich für eine junge Kommissarin aus Paris entschieden. Ihr Name ist Monique Dupont.“

„Oh, Monique Dupont. Mein Ausbilder in der Akademie pflegte immer zu sagen: Fromage, Baguette, Dupont, das ist Paris.“

„Das kannte ich noch nicht. Das bedeutet, dass ich eine echte Pariserin zur Kollegin habe?“

„So kann man es wohl sehen. Ich freue mich, wenn es Ihnen gut geht und die Mordabteilung wieder voll besetzt ist. Ich will nicht weiter stören, wenn ich etwas für Sie tun kann, dann wissen Sie ja, wie Sie mich erreichen können. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

„Das wünsche ich Ihnen auch, aber bevor Sie wieder auflegen, sollten Sie mir erzählen, wie es Ihnen geht.“

„Mir geht es den Umständen entsprechend gut.“

„Den Umständen entsprechend, klingt nicht so, als ob Sie wirklich zufrieden sind?“

„Doch, doch, ich bin ganz zufrieden…, nur…, nun ja, das Kommissariat fehlt mir ein wenig. Aber ich habe mein Augenmerk jetzt auf die Suche nach Fotomotiven verlegt und schreibe Kriminalromane. Ich habe früher gedacht, dass es für mich nicht in Frage kommt, meine Tätigkeit als Kriminalkommissar in Romanen zu verarbeiten. Aber jetzt stelle ich fest, dass es ein wunderbarer Ersatz sein kann. Ich schreibe also an meinem ersten Roman. Es hapert noch etwas beim Schreibstil und bei der Interpunktion, aber ansonsten macht es mir durchaus Vergnügen.“

„Schreibstil und Interpunktion, das ist nicht weiter dramatisch. Dafür gibt es Lektoren, die einem jeden Text in entsprechende Form bringen.“

„Ich habe mich noch nicht dazu durchgerungen, meine Romane später zu veröffentlichen. Vielleicht überlege ich es mir ja.“

„Dann gehöre ich zu ihren ersten Lesern, versprochen!“

„Da freue ich mich. Ich wünsche Ihnen jetzt weiterhin gutes Arbeiten. Au revoir.“

Ewen Kerber legte auf, und Anaïk Bruel wandte sich wieder den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch zu. Noch lagen dort lediglich Formblätter, die Nourilly in seiner unendlichen Fürsorge seiner neuen Leiterin der Mordkommission zur Verfügung gestellt hatte. Die Formblätter beinhalteten das, was Kerber früher reine Zeitverschwendung nannte. Anaïk sah sich jedes Formblatt an. Sie vermutete, dass es sich dabei um Nourillys Kreationen handelte. Sie sah sich die einzelnen Blätter an, deren Inhalt sich ausschließlich um die Fragen der Kosteneinsparung drehte. Langsam begann sie den Kollegen Paul Chevrier zu verstehen, der Nourilly als den größten Sparfuchs unter der bretonischen Sonne bezeichnet hatte. Sie legte die Formulare zur Seite und gedachte, die Inhalte, so es sich machen ließ, geflissentlich zu vergessen.

Das Telefon klingelte.

„Anaïk Bruel, police judiciaire“, meldete sie sich.

„Madame Bruel, Gendarm Ewen Mégrit hier. Wir haben vor einer halben Stunde einen Anruf erhalten. Ein Autofahrer hat eine leblose Person auf der Strecke zwischen Pont-l´Abbé und Quimper gefunden. Wir sind sofort hingefahren und haben eine Männerleiche vorgefunden. Ich gehe davon aus, dass der Mann überfahren worden ist. Allerdings sieht es so aus, als sei die Leiche mehrfach überrollt worden. Ich denke, dass wir hier von einem Mord ausgehen müssen.“

Anaïk hatte sich nebenher Notizen gemacht und fragte nach dem genauen Tatort.

„Wir befinden uns im Impasse de Ménez Bijigou.Wenn Sie die Schnellstraße nach Pont-l´Abbé nehmen und am Ende der Schnellstraße den Kreisverkehr in Richtung Combrit verlassen, dann ist es die dritte Straße rechts.“

„Ich werde in wenigen Minuten bei Ihnen sein. Bitte sperren Sie die Straße, damit wir eventuelle Spuren sichern können. Ich informiere unsere Spurensicherung. Bis gleich.“

Anaïk legte den Hörer auf, informierte Dustin Gourand von der Spurensicherung und Yannick Detru, ihren Pathologen. Dann ging sie zu ihrer neuen Kollegin.

„Madame Dupont, wir haben einen ersten Fall.“

Sie verließen gemeinsam das Kommissariat und eilten zu ihrem Dienstwagen.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns duzen“, fragte Anaïk und sah Monique an.

„Ganz gerne, ich hätte mich nicht so schnell getraut, meiner Chefin das Du anzubieten.“ Sie lächelte zufrieden.

Anaïk kannte einen Teil der Region noch aus ihrer Kindheit. Sie bedauerte ein wenig, dass die Halbinsel Crozon nicht zu ihrem Kommissariat gehörte. Dort hatte sie als Kind viel Zeit verbracht. Diese Erinnerungen gingen ihr durch den Kopf, als sie jetzt mit Blaulicht durch Quimper und zur Schnellstraße nach Pont-l’Abbé fuhren. Sie erreichten den Tatort bereits nach einer viertel Stunde. Die Gendarmerie hatte die Zufahrt gesperrt und eine Umleitung eingerichtet. Anaïk brauchte den Ausweis nicht zu zeigen, das Blaulicht reichte aus, um durch die Sperre fahren zu können. Von der Abzweigung bis zum Tatort waren es 400 Meter. Die Stelle, an der der Mann überfahren worden war, lag auf einem schlecht einsehbaren Abschnitt der Straße. Auf der linken Seite öffnete sich der Blick auf ein großes Weizenfeld, verdeckt durch einige wenige Bäume, rechts lag ein kleines Wäldchen, mit undurchdringlichem Gestrüpp von Brombeerhecken.

Die Leiche des Mannes lag halb auf der Straße und halb auf dem unbefestigten Seitenstreifen. Yannick Detru kniete neben der Leiche und untersuchte den Mann.

In den wenigen Wochen, in denen sie jetzt in Quimper arbeitete, hatte sie sich mit vielen Kollegen angefreundet und die förmliche Anrede des Sie durch ein Du ersetzen können. Zu diesen Kollegen gehörten unter anderem Dustin Goarant und Yannick Detru. Anaïk war schon etwas Besonderes. Eine Kommissarin, die ohne große Probleme auf der Titelseite einer großen Modezeitschrift hätte abgelichtet sein können und es gleichzeitig im Polizeisportverein mit beinahe jedem Kollegen bei den Kampfsporttrainings aufnehmen konnte.

„Bonjour Yannick, was kannst du mir zu unserem Unfalltoten sagen?“

Yannick hob den Kopf und sah Anaïk an. Sein Blick glitt zu Monique Dupont.

„Also, bevor ich dir etwas über den Toten sage, solltest du mir deine nette Begleiterin vorstellen!“

„Ach, entschuldige Yannick, ich darf dir Monique Dupont vorstellen, die Nachfolgerin von Paul Chevrier und damit meine Assistentin. Monique kommt aus Paris und hat beste Referenzen.“

Yannick überlegte, wie er mit der Aussage, beste Referenzen, umgehen sollte. Auch die neue Kollegin gehörte zu den gut aussehenden Frauen, was keine Rückschlüsse auf ihre Ermittlungsarbeit zuließ. Er begrüßte die neue Kollegin mit einem bienvenue chez nous undwandte sich dann Anaïk zu.

„Also, der Mann ist wohl mit Absicht überfahren worden. Das Auto ist mehrfach über ihn hinweggerollt. Ich bin mir sicher, dass du von Mord ausgehen kannst. Weitere Details nach der Obduktion.“

„Danke Yannick, kann ich mir den Toten schon ansehen?“

„Wenn du keine Spuren verwischt, Dustin hat ihn noch nicht in Händen gehabt.“

„Der wollte gerade damit beginnen“, ertönte die Stimme von Dustin hinter den beiden Kommissarinnen.

„Ja, wen haben wir denn hier?“, fragte Dustin und sah dabei auf Monique.

„Meine neue Kollegin, Dustin, Monique Dupont. Frisch aus Paris.“

„Hmmm, aus Paris, na da wollen wir doch mal sehen, ob die Pariser uns Bretonen etwas voraushaben.“ Dustin grinste und reichte Monique die Hand zur Begrüßung.

„Wenn ihr mir etwas Zeit gönnt, dann sichere ich hier zuerst einmal die Spuren. Anaïk, du kannst dir ja schon die Reifenspuren dort hinten ansehen. Ich gehe davon aus, dass der Wagen stark beschleunigt hat, und es deswegen zu den Abriebspuren gekommen ist. Unser Opfer hat wohl versucht, dem Auto auszuweichen und sich zum Seitenstreifen bewegt. Die Fahrzeugspuren dort hinten gehen in die gleiche Richtung. Dadurch, dass das Tatfahrzeug ebenfalls auf den Seitenstreifen gefahren ist, haben wir zwei Abdrücke auf dem weichen Untergrund sichern können. Ich habe sonst keine weiteren Spuren von dem beteiligten Fahrzeug finden können. Es ist denkbar, dass der Wagen eine verstärkte Stoßstange hat, weder Lackspuren noch Bruchstücke eines Scheinwerfers sind zu finden gewesen.

Ich habe mich gefragt, weshalb der Mann hier zu Fuß auf der Straße unterwegs gewesen ist. Dann habe ich das Fahrzeug dort hinten gesehen, ungefähr zweihundert Meter entfernt. Ich habe es mir noch nicht angeguckt, bin mir aber auch nicht sicher, ob es zu dem Toten gehört. Sollte es sein Wagen sein, könnte ich mir vorstellen, dass er eine Panne hatte und ein Auto anhalten wollte.“

„Dann kommt ein Autofahrer vorbei und hat nichts Besseres zu tun, als ihn sofort umzubringen? Zuerst müssen wir wissen wer der Mann ist und ob das Fahrzeug dort hinten tatsächlich ihm gehört“, meinte Anaïk.

„Die Antwort auf die Identität kann uns bestimmt sein Ausweis geben“, meinte Yannick und deutete auf das Portemonnaie, das in der Innentasche seines Jacketts steckte.

Dustin langte in die Tasche und holte das Portemonnaie heraus. Dann öffnete er die Geldbörse und sah nach, ob darin ein Personalausweis steckte.

„Marc Henan, aus Combrit, Quillien“, las er den Namen und die Adresse laut vor.

„Sozusagen um die Ecke“, meinte Monique und erntete großes Erstaunen aus der Runde.

„Woher wissen Sie, wo Combrit und der Lieu dit Quillien liegen?“, fragte Dustin verwundert, und auch Anaïk sah ihre neue Kollegin verblüfft an.

„Ich habe eine Tante, die ein Maison secondaire in Bénodet besitzt. Ich habe viel Zeit in der Region verbracht. Nicht nur als Kind, sondern auch später bin ich öfter hier gewesen. Mit dem Fahrrad habe ich die ganze Umgebung erkundet.“

„Unsere neue Kollegin ist für Überraschungen gut“, meinte Dustin und lächelte Monique an.

Anaïk nahm den Ausweis von Dustin entgegen und sah ihn sich genau an.

„Sobald wir hier fertig sind, fahren wir zu seiner Wohnung und informieren die Angehörigen“, sagte sie an Monique gerichtet.

„Hier haben wir auch noch sein Handy“, sagte Dustin, steckte es in eine Plastiktüte und gab es Anaïk, die einen kurzen Blick darauf warf und es Dustin zurückgab.

„Ich sehe mir in der Zwischenzeit schon einmal das Fahrzeug dort hinten an“, meinte Monique, zog Handschuhe über und machte sich auf den Weg. Ein Renault Megan, schwarz, mit deutlichen Gebrauchsspuren und rundherum mit Schlamm bespritzt, stand auf dem Seitenstreifen. Das hintere Kennzeichen war so verdreckt, dass nur noch drei Ziffern zu erkennen waren. Monique ging um das Fahrzeug herum und betrachtete es ganz genau. Sie konnte keine jüngeren Schäden an dem Fahrzeug feststellen. Die Kratzer, die das Fahrzeug in großer Zahl besaß, hatten alle schon Rost angesetzt. Jetzt ging sie zur Fahrertür und versuchte sie zu öffnen. Das Auto war unverschlossen, und die Tür ließ sich sofort öffnen. Der Fußraum war übersät mit kleinen Kieselsteinen, Boden, Sand und feuchten Blättern. Der Besitzer schien keinen großen Wert auf Sauberkeit zu legen. Auf dem Beifahrersitz lagen zahlreiche Notizzettel, eine Zigarettenpackung, halb voll, eine leere Plancoët Flasche. Monique berührte keinen Gegenstand, sie wollte die Sicherung der Spuren Dustin überlassen. Sie schloss die Tür und öffnete die hintere Wagentür. Auf dem Rücksitz lag eine große Plastiktüte. Vorsichtig hob sie die Tüte an und sah hinein. Säuberlich zusammengefaltet lag ein Kostüm darin, das Monique unschwer als ein bretonisches einstufen konnte. Auch ein Paar saubere Schuhe steckten in einem Leinensack. Zweifelsohne war der Mann unterwegs zu einem Tanzabend gewesen oder einem Training. Monique ging zurück zu den anderen.

„Der Renault muss genauer angesehen werde“, meinte sie an Dustin gerichtet.

„Jawohl Madame“, antwortete Dustin und lächelte schelmisch.

„Ich gehe davon aus, dass es sein Wagen ist. Der Mann ist wahrscheinlich auf den Weg zu einem Tanzabend oder einem Tanztraining gewesen. Auf dem Rücksitz liegt sein bretonisches Kostüm“, sagte sie zu Anaïk gewandt.

Anaïk Bruel hatte sich den Toten angesehen, mit ihrem Handy ein Foto gemacht und die Reifenspuren auf dem Asphalt genau betrachtet.

„Ich bin soweit fertig hier, wir können zu seiner Wohnung fahren, Monique.“

Monique nickte und folgte Anaïk zum Dienstwagen. Anaïk wendete das Fahrzeug und fuhr die schmale Straße zurück. Combrit lag nur knappe drei Kilometer von dem Tatort entfernt. Das Haus von Marc Henan, in Quillien, war bereits nach vier Minuten erreicht. Es handelte sich um einen größeren Bauernhof, mit zahlreichen Nebengebäuden, die sich bei näherer Betrachtung als Schweineställe herausstellten. Marc Henan war Schweinezüchter, das stand fest. Nachdem sie den Dienstwagen vor dem Haus abgestellt hatten und ausgestiegen waren, wurde Monique sofort klar, warum das Auto von Marc so verschmutzt war. Der gesamte Vorplatz ähnelte einer Schlammgrube. Obwohl die beiden Frauen darauf achteten, wohin sie traten, waren die Schuhe im Nu verschmutzt. Sie klingelten an der Haustür und warteten. Sie konnten nichts hören. Anaïk betätigte die Klingel ein zweites Mal und wartete erneut auf eine Reaktion. Nichts!

Monique griff zur Klinke und drückte sie nach unten. Die Tür gab nach und öffnete sich.

„Hallo, ist jemand Zuhause?“, rief sie mehrfach in den Eingang. Das Haus schien leer zu sein. Die beiden Kommissarinnen betraten den Flur und gingen weiter ins Innere. Rechts vor der Eingangstür lag die Küche. Monique trat ein und sah sich um, während Anaïk auf der anderen Flurseite ins angrenzende Wohnzimmer ging. Keinerlei Anzeichen eines Einbruchs waren zu erkennen. Das Haus war nicht durchsucht worden. Der Mörder von Henan war nicht auf der Suche nach etwas Wichtigem gewesen.

Entgegen des ersten Eindrucks, den Monique von dem Fahrzeug erhalten hatte, war hier im Haus alles sauber und ordentlich. So wie es aussah, lebte der Mann alleine. Weder Monique noch Anaïk konnten ein Foto entdecken, dass auf eine Frau oder andere Familienmitglieder hindeutete. Im Schlafzimmer fand Monique auch nur Männerkleider im Kleiderschrank.

„Hallo, ist da jemand?“, vernahm Anaïk plötzlich eine Männerstimme, die von draußen zu kommen schien. Sie verließ das Haus und sah einen jungen Mann vor dem Haus stehen, der mit einem Traktor vorgefahren sein musste. Sie hatte nichts gehört. Bekleidet mit einem karierten Hemd, einer Latzhose, Gummistiefeln, Gummihandschuhen bis zum Ellbogen und einer Schirmmütze, stand er vor dem Haus und sah die beiden Kommissarinnen an, die jetzt beide aus dem Haus kamen.

Monique verstand schlagartig, warum es vor dem Haus so aussah. Der Traktor, ein Riesengefährt, durchwühlte den Vorhof bei jedem Überqueren des Platzes.

Anaïk zog ihren Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn hoch, während sie den Mann ansprach.

„Anaïk Bruel, police judiciaire Quimper, wer sind Sie ?“ 

Der Angesprochene sah auf den Ausweis und dann auf Monique und wieder auf Anaïk, so als wollte er sagen, das kann ich kaum glauben, ihr zwei seid von der Polizei?

„Police judiciaire? Suchen Sie unseren Chef?“

„Wer ist denn Ihr Chef?“, fragte Anaïk zurück.

„Monsieur Henan, der Besitzer der Zuchtanlage.“

„Und wer sind Sie?“

„Mein Name ist Julien, Julien Le Goff. Ich arbeite für Monsieur Henan.“

„Wann haben Sie den Chef zuletzt gesehen?“, fragte Anaïk weiter.

„Das war gestern am Spätnachmittag. Danach ist er nach Pont-l´Abbé gefahren. Er ist Mitglied in der Tanzgruppe Kelc´h Vigoudenn, und die hatte gestern einen Trainingsabend.“

„Seitdem haben Sie nichts mehr von ihm gehört?“

„Nein, aber was ist denn mit meinem Chef?“

„Monsieur Henan ist tot, er ist Opfer eines Verkehrsunfalls geworden.“

„Eines Unfalls? Marc ist immer sehr vorsichtig und nie schnell gefahren!“

„Es ist auch kein normaler Unfall gewesen, er ist überfahren worden.“

Julien wurde bleich im Gesicht und starrte die beiden Kommissarinnen an.

„Marc, überfahren? Von wem?“

„Das wissen wir noch nicht. Hat ihr Chef in den letzten Tagen von einer Bedrohung gesprochen?“

„Nein, wenigstens hat er mir gegenüber nichts erwähnt, er hat keine Feinde. Er ist ein absolut ruhiger und netter Mensch… gewesen.“, setzte er nach einer kurzen Pause hinzu.“

„War ihr Chef bei den Protestaktionen der letzten Wochen aktiv dabei?“

„Das dürfen Sie annehmen! Es ist doch eine Sauerei, was die großen Lebensmittelketten mit den Bauern machen. Wissen Sie, was wir für ein Schwein noch bekommen? Keinen Euro pro Kilo! Wie sollen die Züchter da überleben? Da bleibt nicht einmal genug übrig, um das Futter für die Tiere oder mein Gehalt zu bezahlen.“

„Monsieur Le Goff, wir sind nicht hergekommen, um mit Ihnen über die Schweinefleischpreise zu diskutieren. Meine Frage geht in die Richtung, ob Monsieur Henan, vielleicht bei den Protestveranstaltungen, jemandem so auf die Füße getreten ist, dass der hinter dem Anschlag stecken könnte.“

„Marc hat keine Aktion gegen eine Person gerichtet, sondern immer nur gegen die großen Unternehmen. Außerdem ist er ja nicht alleine bei den Protesten aufgetreten. Es waren immer eine große Anzahl von Bauern vertreten.“

„Danke für Ihre Auskunft, wir sehen uns noch weiter im Haus um. Die Spurensicherung der police judiciaire wird sich später auch noch umsehen müssen.“

Anaïk und Monique verließen Monsieur Le Goff und gingen zurück ins Haus. Nachdem sie zuvor bereits das Wohnzimmer und die Küche angesehen hatten, traten sie jetzt in ein kleines Büro. Der Schreibtisch war überfüllt von verschiedensten Papieren. Rechnungen, Bestellscheine, Lieferscheine, Gutachten von Veterinären, einem Antrag auf Anerkennung als Biobauer. Gehaltsvordrucke und persönliche Briefe stapelten sich auch.

Mitten in dem Chaos stand der Laptop von Henan, nicht ausgeschaltet, nur im Ruhemodus. Kaum hatte Anaïk die Maus berührt, als auch schon das Bild auf dem Bildschirm aufleuchtete. Marc Henan war wohl dabei gewesen, einen Brief zu schreiben. Gerichtet war der an einen Mitarbeiter der Firma Gall Bouric, ein Unternehmen, das landwirtschaftliche Maschinen verkaufte. In der Anrede stand der Name eines gewissen Serge Coustumer, bei der Firma Le Séquer, Névez, einer Industriezone am Rande der Stadt Pont-l´Abbé. Anaïk sah sich den Brief an.

Betr.: Ihre Mahnung vom 27.04.17

Monsieur Le Coustumer,

wie ich Ihnen bereits mehrfach geschrieben habe, werde ich meinen Verpflichtungen sofort nachkommen, sobald Sie die von mir monierten Nachbesserungen an dem Fahrzeug akzeptieren und diese Arbeiten ausgeführt ….

Weiter war Monsieur Henan nicht gekommen. Anaïk wühlte in den Unterlagen auf dem Schreibtisch und suchte nach der erwähnten Mahnung. Nach einigen Minuten hatte sie zwei Mahnungen gefunden. Die erste war auf Ende Februar datiert, und die zweite war vom 18. April. Es ging dabei um die Anschaffung eines Traktors für 170.000 Euro. Mit der zusätzlichen Bestellung eines Frontladers belief sich die Rechnung auf knappe 185.000 Euro. Von dieser Summe hatte Henan lediglich 50.000 bezahlt, und der Rest von 135.000 Euro stand noch aus. Der Händler scheint langsam ungeduldig geworden zu sein, dachte Anaïk, nachdem sie auch noch ein Begleitschreiben zu den Mahnungen gefunden hatte, mit dem der Mann seine Forderungen unterstrich.

Anaïk legte alles wieder auf den Schreibtisch und griff zu ihrem Handy. Sie informierte Dustin, dass er sich das Haus von Henan genau ansehen sollte. Monique hatte die Etage in Augenschein genommen. Sie kam jetzt die Treppe herunter und schüttelte bereits auf den obersten Stufen den Kopf.

„Da war nichts zu finden, was uns weiterhelfen könnte“, sagte sie, während sie die Treppe herunterkam.

„Ich habe hier auch nichts gefunden, außer einen angefangenen Brief auf seinem Laptop und eine Mahnung über einen enormen Betrag. Henan hat einen neuen Traktor gekauft und dafür über 180.000 ausgegeben. Allerdings stehen davon noch 135.000 Euro zur Zahlung aus. Solche Summen könnten schon ein Motiv sein, aber es macht keinen Sinn, seinen Schuldner zu ermorden, dann kommt man erst recht nicht an sein Geld.“

„Höchstens, wenn man den Erben die Rechnung präsentieren kann“, meinte Monique und nahm die letzte Stufe der Treppe.

„Dustin wird bestimmt gleich hier sein, dann kann er sich das Haus noch einmal vornehmen. Vielleicht findet er ja noch etwas. Lass uns ins Kommissariat zurückfahren.

Kapitel 3

Gwenaëlle Le Drennec verließ den Übungsraum in guter Stimmung. Sie war zwar verärgert über Marc, weil er nicht zum Training erschienen war, aber dadurch, dass die Kolleginnen der Gruppe reihum einmal ausgesetzt hatten, hatte sie dennoch beinahe den ganzen Abend mittanzen können. Sie setzte sich in ihren kleinen Fiat 500 und fuhr zurück in ihre Wohnung, unweit der Île Chevalier, an der gleichnamigen Straße. Ihr Haus im bretonischen Stil, vor ungefähr 100 Jahren erbaut, war im Laufe der Jahre von den diversen Vorbesitzern immer wieder geschmackvoll umgebaut worden und konnte so, was den Komfort betraf, mit einem neuerbauten Haus mithalten. Im punkto Charme war es den neuen Häusern allerdings weit überlegen. Die dicken Mauern, von über 60 cm Stärke, die pittoresken Sprossenfenster mit den blauen Fensterläden, das mit Reed gedeckte Dach, der große offene aus Granit errichtete Kamin im Wohnzimmer, die alte Holztreppe, die mit viel Liebe zum Detail von ihrem Erbauer erschaffen worden war, und der wunderbare Garten mit allen Pflanzen die die Bretagne so unvergleichlich machen, verliehen dem Haus etwas ganz besonderes.

Gwenaëlle liebte ihren Garten. Sie musste sich nur um die Pflege kümmern. Neues anzupflanzen war nicht nötig. Der Garten besaß unzählige Rhododendren, Hortensien in allen denkbaren Farben, Callas, mehrere Palmen, wobei die größte bestimmt schon vom Erbauer des Hauses gepflanzt worden war, denn ihre Höhe war inzwischen beachtlich. Darüber hinaus schenkte der Garten, der Jahreszeit entsprechend, Blütenmeere von Narzissen, Tulpen und Maiglöckchen. Letztere pflegte Gwenaëlle am ersten Mai eines jeden Jahres zu pflücken und zu kleinen Sträußchen zu binden. Gemeinsam mit einer Freundin verkauften sie die kleinen Sträuße auf dem Markt von Pont-l`Abbé. Dieser Markt zählt zu den schönsten in der Bretagne. Den Erlös aus dem Verkauf spendeten sie regelmäßig für einen guten Zweck. Mal erhielt das Rote Kreuz den Erlös, mal das örtliche Kinderheim, auch das Tierasyl wurde hin und wieder bedacht.

Gwenaëlle spielte leidenschaftlich gerne Tennis. Der Tennisclub lag keine 300 Meter entfernt von ihrem Haus, so dass sie dieser Leidenschaft leicht nachgehen konnte. Man sah der Frau ihre 42 Jahre nicht an. Sie besaß einen durchtrainierten Körper und achtete sehr darauf, dass sie fit blieb.

Sie fuhr in den Hof ihres Hauses und stellte den Motor des Wagens ab. Vorsichtig stieg sie aus. In den letzten drei Wochen hatte sie schon mehrfach das Gefühl gehabt, dass sie beobachtet wurde. Sie sah sich um, betrachtete jeden Schatten und ging dann zur Haustür, schloss auf und betrat ihre Festung, wie sie ihr Haus nannte. Sobald die schwere Eichentür ins Schloss fiel und von innen mehrfach gesperrt war, fühlte sie sich sicher. Die Eingangstür war ein wahres Prachtstück. Sie bestand aus acht Zentimeter dicken Eichenbohlen, die mit Eisenbeschlägen verstärkt waren. Die Zarge entsprach der Tür, so dass das enorme Gewicht gut getragen wurde. Trotz ihres Gewichtes ließ sich die Tür ganz einfach öffnen. Jeder Einbrecher hätte viel zu tun, um diese Tür aus den Angeln zu heben.

Seit ihrer Scheidung lebte Gwenaëlle alleine. Eine erneute Bindung einzugehen, kam ihr zurzeit nicht in den Sinn. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie seit Jahren als Kulturbeauftragte der Stadt, und das nicht erst seit ihrer Scheidung. Sie kümmerte sich um Ausstellungen, Veranstaltungen, Stadtfeste, Tanzabende, ja sogar ein Rock-Konzert plante sie regelmäßig ein. Sie arbeitete sehr gerne mit dem örtlichen Office de Tourisme zusammen und hatte es in den letzten Jahren geschafft, dass der Besucherstrom kontinuierlich anstieg.

Immerhin besitzt Pont-l´Abbé eine der seltenen, bewohnten Brücken. In ganz Frankreich gibt es lediglich neun davon. Daneben gab es noch das Schloss der Barone von Pont-l´Abbé, das heute das Rathaus und das Bigouden Museum beherbergt, die sehenswerte Kirche, Notre Dame des Carmes, mit ihrer herrlichen Rosette aus dem 15. Jahrhundert, eine alte Gezeitenmühle und vieles mehr. Diese Sehenswürdigkeiten zogen die Touristen an, neben den herrlichen Wanderwegen rund um die Anse de Pouldon, die bis nach Loctudy oder auf der anderen Seite zur Halbinsel von Île-Tudy führten. Der Markt, der an jedem Donnerstag in der Stadt abgehalten wurde, gehörte zu den weiteren, absoluten Highlights der Stadt. Den Markt schätzte auch Gwenaëlle sehr, nicht nur weil sie einmal im Jahr ihre Maiglöckchen dort feilbot.

Gwenaëlle hing ihre Handtasche an die Garderobe, sowie die leichte Strickjacke, die sie sich übergezogen hatte. Dann ging sie in ihr Wohnzimmer, öffnete den Schrank, holte ein Weinglas heraus und stellte es auf das Tischchen neben ihrem Sessel. In der Küche stand noch eine halb volle Flasche Bordeaux, von dem sie sich jetzt ein Glas gönnen würde, während sie den Spätfilm vom heutigen Abend ansah.

Sie saß jetzt schon eine Stunde vor dem Fernseher, ihr Weinglas war bereits geleert, und der Film hielt nicht, was die Voranzeige ihr gestern versprochen hatte. Sie beschloss ins Bett zu gehen, stellte den Fernseher ab und brachte das Weinglas in die Küche, stellte es in die Spülmaschine und löschte das Licht.

Gwenaëlle wollte gerade die Treppe zum Schlafzimmer hochsteigen, als sie ein seltsames Geräusch aufschrecken ließ. Vorsichtig ging sie zum Fenster im dunklen Wohnzimmer, stellte sich hinter den Vorhang, so dass sie von außen nicht zu sehen war, und sah in den Garten.

Zuerst war nichts zu erkennen gewesen. Es gab keinen Wind, und auch die Bäume bewegten sich nicht. Die hohen Rhododendren, die rechts und links neben der Einfahrt standen, waren deutlich auszumachen. Zwischen dem Haus und diesen Büschen bewegte sich nichts. Gwenaëlle blieb trotzdem wie angewurzelt hinter dem Vorhang stehen. Sie hatte sich nicht geirrt, es musste jemand dort draußen sein. Für eine Katze oder einen Hund war das Geräusch nicht typisch gewesen. Sie hatte eher den Eindruck, als ob ein dickerer Ast abgebrochen, oder ein Schlag mit einem Hammer ausgeführt worden war. Aber sie konnte auch nach längerem Warten nichts erkennen. Vielleicht konnte sie von der Etage aus einen besseren Überblick über das Terrain erhalten. Sie verließ das Wohnzimmer und ging nach oben. Ohne das Licht anzuschalten, betrat sie ihr Schlafzimmer, trat ans Fenster und versuchte, sich einen Überblick über den Garten zu verschaffen.

Hatte sie gerade einen Schatten neben ihrem Auto gesehen? Gwenaëlle war unsicher, ob sie etwas Reelles gesehen hatte oder einer Sinnestäuschung erlegen war. Sie fixierte die Stelle und ließ ihren Blick darauf ruhen. Da! Da war schon wieder ein Schatten. Es sah aus, als ob ein Mensch in gebückter Haltung um das Fahrzeug schlich. Jetzt bekam Gwenaëlle Angst. Die Haustür war solide, aber durch ein Fenster könnte jemand einbrechen. Sie rannte aus dem Schlafzimmer und lief die Treppe hinunter. Beinahe wäre sie die Treppe hinuntergestürzt, sie hatte in der Dunkelheit eine Stufe übersehen. Ihr Ziel war das Telefon. Sowohl ihr Festnetzanschluss als auch das mobile waren unten. Ihr Handy steckte in der Handtasche, und die hatte sie an der Garderobe abgelegt. Das Festnetzgerät lag näher. Sie griff nach dem Telefon und tippte die Notrufnummer ein.

„Gendarmerie Pont-l´Abbé, was kann ich für Sie tun?“, fragte die Stimme am anderen Ende.

„Ein Einbrecher schleicht um mein Haus, ich habe Angst, können Sie schnell kommen?“

„Wie heißen Sie? Und wo befinden Sie sich genau?“

„Mein Name ist Gwenaëlle Le Drennec, ich wohne in der Rue Chevalier. Ich halte mich in meinem Haus auf.“

„Bleiben Sie bitte im Haus, ich schicke Ihnen sofort einen Streifenwagen vorbei. Öffnen Sie keinesfalls die Tür.“

Gwenaëlle legte das Telefon auf und versuchte, unbekannte Geräusche wahrzunehmen. Geräusche, die auf die Anwesenheit eines Einbrechers hindeuten könnten.

Da! Ein leises Knacken, diesmal kam es aber von der Rückseite des Hauses. Hatte sie die hintere Ausgangstür verschlossen? Gwenaëlle wusste, dass sie schon des Öfteren vergessen hatte, die Tür zu verschließen. Sie rannte in den Flur, stieß gegen einen abgestellten Besen, den sie nicht aufgeräumt hatte, lief weiter und erreichte den rückwärtigen Zugang zum Haus. Sie drückte die Klinke nach unten. Die Tür gab nicht nach, sie war verschlossen. Gwenaëlle atmete tief durch und rieb sich ihr Schienbein. Der Besenstiel war hart gewesen. Sie wollte gerade zurück ins Wohnzimmer gehen, als sie bemerkte, dass die Türklinke langsam nach unten gedrückt wurde.

Eiskalt lief es ihr über den Rücken, sie starrte gebannt auf die Klinke. Kein Zweifel, vor der Tür stand jemand und versuchte ins Haus zu gelangen. Sie betete, dass die Gendarmerie rasch erscheinen möge.

So als sei ihr Stoßgebet erhört worden, vernahm sie jetzt die Motorgeräusche eines Wagens, der auf ihr Grundstück gefahren sein musste.

Sie lief zur Frontseite des Hauses und sah durchs Fenster hinaus. Vor der Tür stand ein Fahrzeug der Gendarmerie, und zwei Gendarmen verließen den Wagen. Gwenaëlle riss die Tür auf und rief den beiden Gendarmen entgegen:

„Auf der Rückseite, gerade hat jemand versucht, an der Rückseite die Tür zu öffnen.“

Die beiden Gendarmen zogen ihre Waffen und gingen ums Haus, der eine rechts, der andere links herum. Nach einigen Minuten waren Sie wieder an der Haustür.

„Wir haben niemanden sehen können, aber die Person könnte über die Nachbargrundstücke entkommen sein. Es ist zu dunkel, um nach Spuren zu suchen, Madame, wir sehen uns noch vor dem Haus um.“

Die beiden Gendarmen durchstreiften den Garten, konnten aber nichts Auffälliges entdecken.

„Ich glaube, Sie sind fürs Erste sicher, es hält sich hier niemand mehr auf“, meinte einer der Gendarmen, bevor sie sich von Gwenaëlle verabschiedeten.

Gwenaëlle war sich dessen nicht so sicher, trat ins Haus zurück, verriegelte die Tür sehr sorgfältig und ging zu Bett.

Kapitel 4

Anaïk Bruel stand vor der Pinnwand und betrachtete die gesammelten Spuren und Erkenntnisse. Dustin war mit den ersten Auswertungen zu ihr gekommen. Die gefundenen Reifenspuren stammten von einem größeren Wagen, einem Wagen der gehobenen Mittelklasse, denn die Reifen hatten eine Breite von 245 mm. Außer es handelte sich um ein Fahrzeug, dass von seinem Besitzer nachträglich mit breiteren Felgen ausgestattet worden war. Es war ein Reifenabdruck der Marke Uniroyal, ein sogenannter Laufrichtungsreifen. Anaïk hatte noch nie von einem solchen Reifen gehört.

„Was ist ein Laufrichtungsreifen?“, fragte sie Dustin und war gespannt auf die Antwort.

Dustin, hocherfreut, dass er Anaïk sein Wissen offenbaren konnte, begann sofort mit seinen Erklärungen.

„Laufrichtungsreifen können nur in eine Richtung montiert werden, sie haben eine vorgeschriebene Drehrichtung. Werden die Reifen irrtümlich falsch montiert, dann verlieren sie an Bodenhaftung, das Aquaplaning nimmt zu, und die Unfallgefahr erhöht sich. Bei dem gefundenen Reifenabdruck handelt es sich um das V-Profil eines Uniroyal.“

„Damit wissen wir aber noch nicht, um was für ein Fahrzeug es sich genau handelt?“

„Nein, das können wir nicht sagen. Aber wenn wir ein verdächtiges Fahrzeug finden, dann können wir an Hand unseres gefundenen Abdrucks den Reifen identifizieren.“

Monique Dupont trat zu ihnen und hörte dem Gespräch zu. Dann wandte sie sich an Dustin.

„Monsieur Goarant, haben Sie etwas im Haus von Monsieur Henan gefunden?“

„Nennen Sie mich einfach Dustin, alle nennen mich so. Also wir haben im Haus nichts weiter gefunden. Der Mann hat keine Geheimnisse, wenigstens haben wir keine entdeckt. Abgesehen von den Mahnungen und dem begonnenen Brief auf seinem Laptop.“

„Und habt ihr schon seinen Wagen untersuchen können? Mich würde interessieren, ob er eine Panne hatte.“

„Wir sind noch dabei, aber ich kann bereits sagen, dass das Fahrzeug betriebsbereit gewesen ist. Eine Motorpanne können wir ausschließen.“

Anaïk sah Monique fragend an.

„Wieso deine Frage?“