Tödliche Aida. Kreuzfahrtkrimi Teil 3 (Aida Krimi) - Krinke Rehberg - E-Book

Tödliche Aida. Kreuzfahrtkrimi Teil 3 (Aida Krimi) E-Book

Krinke Rehberg

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Beschreibung

EINE TÖDLICHE KREUZFAHRT VON MAURITIUS NACH VENEDIG Krimispannung auf der AIDAaura Schon beim Einchecken in Port Louis auf Mauritius spürt Frieda Olsen, dass sie beobachtet wird und bereits in der ersten Nacht auf der AIDAaura wird eine Passagierin Zeuge eines Mordes. Doch niemand an Bord des Ocean-Liners ist gestorben. In einem Astrologie-Workshop auf der Reise sagt eine Teilnehmerin in einer Vision einen blutigen Mord voraus und während Frieda Olsen an ihrem Verstand zweifelt, ob sie verfolgt wird oder es sich um einen Wahn handelt, ist das Entsetzen groß, als im Theater eine blutüberströmte Leiche entdeckt wird. Außerhalb der 12-Meilen-Zone entscheidet sich der Kapitän dafür, nicht den nächsten Hafen auf den Seychellen anzulaufen, sondern die Angelegenheit an Bord zu klären. Friedas Hilfe in diesem Fall an der Aufklärung teilzunehmen, lehnt er jedoch kategorisch ab. Der 70-jährigen Hobbydetektivin bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust zu ermitteln. Schnell enden die Ermittlungen an Bord in einer Sackgasse, als sich Frieda völlig unverhofft ein geständiger Mörder präsentiert. Doch Frieda zweifelt und je tiefer sie in diesen Fall eintaucht, desto verwirrender werden die Fakten. Hat sie etwa selbst mit dem Fall zu tun oder ist sie auch nur eine Figur in einem perfiden Plan? Ein Kreuzfahrtkrimi vor der Ostküste Afrikas »TÖDLICHE AIDA« ist der dritte Band in der AIDA-Krimi-Reihe rund um Frieda Olsen. Jeder Fall ist in sich abgeschlossen.

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Seitenzahl: 219

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ISBN: 978-3-98510-215-0

© 2023 Kampenwand Verlag

Raiffeisenstr. 4 · D-83377 Vachendorf

www.kampenwand-verlag.de

Text: Krinke Rehberg

Umschlagfotos: ©Oleg_Yakovlev/shutterstock, ©Busara/shutterstock, ©andrejs polivanovs/shutterstock, ©Gordan/shutterstock

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

AUCHWICHTIG!

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Dieses Buch steht in keinem Zusammenhang mit der AIDACruise und der Carnival Maritime GmbH.

Lediglich die Handlung spielt auf einem der AIDA Kreuzfahrtschiffe.

Für Sabine

Ohne sie wäre alles nix!

ACHJA: NIEMANDISTPERFEKT!

Daher bitte ich eventuelle Rechtschreibfehla zu entschuldigen ...; )

PROLOG

Schuld und Angst sind zwei grausame Gefühle, die unerbittlich Glück und Geborgenheit aus der Seele verbannen.

Sie treten so facettenreich auf, dass der begrenzte, menschliche Geist die Auswirkungen nicht erahnen kann.

Erst die Anerkennung der Schuld und das Ergründen der Angst, geben die Seele frei aus der Umklammerung.

Frieda Olsen

Vor zehn Tagen

Die Schublade leuchtete grünlich, als ob Smaragde darin lagerten.

Sie nahm ein Messer und spürte den Griff kalt und fremd in ihrer Hand liegen. Im geschliffenen Stahl der Klinge spiegelte sich der grüne Schimmer wider.

Irgendetwas stimmte nicht.

Woher kam dieses Licht?

Hinter sich vernahm sie ein leises, kratzendes Geräusch und fuhr wie ein gehetztes Tier herum. Ein Schauer jagte durch ihren Körper. Sie fror.

Im selben Moment entglitt das Messer ihrer Hand.

In dem Bruchteil der Sekunde, in der es mit der Klinge voran zu Boden fiel, spürte sie den Schmerz, noch bevor die Klinge sich in ihren Fuß bohrte. Dann hörte sie sich schreien.

Und plötzlich war ihr bewusst, weshalb sie mitten in der Nacht in ihrer Küche stand.

Jemand war im Haus und suchte nach ihr.

Kiew, 4. Oktober 1957 

Es dämmerte bereits im Westen von Kiew. Nikita Chruschtschow saß im Politbüro der KPdSU und blickte auf den Dnjepr.

Seine Augen schweiften über die Darnytskyi- Brücke, die die kleine Insel im Fluss mit der Stadt verband.

Kiew hatte sich zu einer großen und mächtigen Stadt entwickelt. Er erinnerte sich an die Zeit nach dem Bürgerkrieg. Vor 36 Jahren war Galina vor seinen Augen gestorben. Sie war völlig entkräftet zusammengebrochen und hatte nicht mehr aufstehen wollen. Verhungern war ein grausamer, langsamer Tod.

Er sah die kargen Felder und leeren Ställe wieder vor sich. Die verhungerten Alten, deren Angehörige keine Kraft gehabt hatten, Gräber für sie auszuheben. Die hervorstehenden Rippen der Kinder, die zu schwach zum Spielen gewesen waren.

Schon damals hatte er sich geschworen, es eines Tages besser zu machen. Besser als Stalin.

Der Weg zum obersten ZK-Sekretär war steil und beschwerlich gewesen und trotz seiner hehren Ziele war auch er über Leichen gegangen.

Jetzt saß er in seinem Büro und wartete auf den Anruf aus Baikonur.

Im Vorfeld hatte er nichts darüber verlauten lassen. Die Überraschung würde umso größer sein, wenn der Start nach Plan verliefe.

Aus einem der anderen Zimmer hörte er das Klingeln eines Telefons. Dann Schritte, die sich eilig näherten und schließlich ein Klopfen an seine doppelflügelige Bürotür.

Wenig später betrat er den Konferenzraum, in dem die lokalen Politiker warteten und verkündete:

»Heute haben wir Weltgeschichte geschrieben! Unser Sputnik wurde erfolgreich auf seine Umlaufbahn ins Weltall geschossen!«

Auch wenn der Name Sputnik, zu Deutsch Reisegefährte, harmlos und friedlich klang, so war die Botschaft an die Welt eindeutig.

Die unscharfen Bilder von der Startrampe in der Steppe Kasachstans, der Countdown und der grelle Feuerschweif versetzten den Westen in Staunen und Schrecken.

Knapp 90 Kilogramm, die ein Weltgefüge ins Wanken brachten und Hermann Seitz wieder einmal deutlich vor Augen führten, dass der Iwan nicht zu unterschätzen war.

Hermann Seitz hatte nach einem Wirtschaftsstudium seine Arbeit bei einer Bank in Schleswig-Holstein angetreten. Wie fast alle Menschen auf der Welt, hatte er gebannt im Fernsehen die Bilder aus der UdSSR gesehen.

Noch immer sprach er vom Iwan, wenn er über die Sowjets redete. Die Erinnerungen an die letzten Tage des Krieges waren ständig präsent.

Der Iwan hatte der ganzen Welt gezeigt:

Seht her! Unsere Raketen können jedes Ziel erreichen.

Als Hermann Seitz in den Nachrichten Nikita Chruschtschow hörte, wie er die sowjetische Vormacht im Weltall verkündete, war ihm sofort schmerzlich bewusst, dass er dies mitzuverantworten hatte. Würden sich die Machtverhältnisse im Kalten Krieg verschieben? Was würde das für die BRD bedeuten?

Hermanns Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg hatten die tiefe Abscheu gegenüber Nazis und Russen nachhaltig geprägt.

Er blickte gedankenverloren auf das Bild des fußballgroßen Satelliten mit seinen Antennen.

Die Wege, die er in seinem Leben eingeschlagen hatte, beeinflussten nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern das einer ganzen Epoche. Das wurde ihm mit jedem Lebensjahr deutlicher!

Würde der Iwan unter Nikita Chruschtschow mit seiner Raketenvormachtstellung einen dritten Weltkrieg ausrufen?

Welche Auswirkungen seine Taten auf die Welt haben würden, hatte er nicht vorausgesehen.

Konnte er mit einer solch epochalen Schuld überhaupt leben? Und wen würde er um Verzeihung bitten können? Gott?

Hermann Seitz zahlte jeden einzelnen Tag den Preis dafür!

Tief im Inneren hoffte er, dass es keine Hölle gäbe.

Vor 3 Wochen

Mord?«

Im hinteren Teil des Cafés befanden sich weder weitere Gäste noch Personal und dennoch biss sie sich bei dem Wort auf die Lippen, als ob sie auf frischer Tat ertappt worden wäre.

Damit hatte sie nicht gerechnet.

Sie starrte die beiden Personen ihr gegenüber am Tisch an.

»Das war so nicht abgemacht!«, zischte sie.

»Wir hatten noch gar nichts vereinbart, aber das ist der Deal. Ein Mord an Bord des Schiffes wird die Passagiere in Unsicherheit und Zweifel stürzen.«

»Und darauf kommt es Ihnen an?«, fragte sie irritiert.

Beide nickten stumm und nachdrücklich.

Nicht, dass sie den Eindruck hatte, die zwei sähen wie eiskalte Mörder aus, aber hieß es nicht immer, es sei einem Menschen nicht anzusehen, zu welchen Taten er fähig sei?

»Und wieso ein Mord? Gibt es keine andere Möglichkeit?«, fragte sie verunsichert.

»Wir würden das gleich zu Beginn der Reise hinter uns bringen, dann können Sie den Rest der Kreuzfahrt in vollen Zügen genießen!«

Gedankenverloren blickte sie in ihre Kaffeetasse und rieb ihre schweißnassen Hände an dem Jeansstoff ihrer Hose trocken.

»Sie haben nichts zu befürchten. Niemand wird je etwas davon erfahren!«, versuchte der Mann ihre Zweifel zu zerstreuen, während die Frau sie argwöhnisch musterte.

Der Tod gehörte nun einmal zum Geschäft und brachte am meisten ein. Hier ging es um Geld. Es ging immer um Geld.

Sie waren lange genug im Geschäft, um die Risiken zu kennen. Aber eben auch die Chancen. Anders als die junge Frau, die nervös vor ihnen saß und der sie die Zweifel im Gesicht ablesen konnte.

Auch wenn sie sich im Laufe der Jahre eine gewisse Menschenkenntnis erarbeitet hatte, war sie nicht sicher, ob sie in ihr die Richtige gefunden hatten. Aber war man das je?

Allerdings drängte die Zeit, denn die AIDAaura würde in 3 Wochen von Le Port auf Mauritius aus in See stechen.

Peenemünde-West, Versuchsstelle der Luftwaffe Karlshagen, 1945 

Hermann Seitz saß auf dem Kutschbock eines gummibereiften Pferdekarrens. Die Strecke vom Hafen zum Flughafengelände war nicht weit, aber die beiden Gäule ächzten unter der Last der 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe.

Seit Tagen wurden die Bomben von einem Kran auf die Fuhrwerke geladen und in die vier Kilometer entfernten Hangars und ehemaligen Werkstätten transportiert. Das Gelände würde gesprengt werden, damit der Iwan nur Schutt und Asche vorfände.

Die Befehlshaber hatten bereits vor Wochen wie Ratten das sinkende Schiff verlassen und waren in den Westen geflüchtet. Allen war bewusst, dass der Iwan ganz nah war.

Die Gräueltaten der einfallenden Sowjets verbreiteten sich schneller als der Wind und die Hoffnung auf eine Rettung starb mit jedem neuen Tag.

Mit seinen 15 Jahren wäre Hermann eigentlich an die Front zum Ostwallschippen abkommandiert worden, aber sein Onkel war der Kommandant der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde und hatte ihn als Kriegsfreiwilligen für die Flughafenlandwirtschaft eingeteilt.

Jetzt wuchs auch für Hermann die Gefahr mit jedem Kilometer, den der Iwan näher kam.

Seine Mutter arbeitete seit 1936 in der Verwaltung und sie wohnten in einem der neuerrichteten Reihenhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft von Erich Warsitz und Wernher von Braun.

Hermanns Schule lag direkt hinter den Dünen. Im Sommer liefen sie jeden Tag nach Unterrichtsende zum Strand und sprangen in die erfrischende Ostsee.

Als unbedarfter und nichtsahnender Junge glaubte er fest daran, dass die Deutschen von hier aus zu den Sternen fliegen und das Weltall erobern würden. Schließlich arbeiteten alle in Peenemünde an Raketen und Düsenflugzeugen und der charismatische Flugkapitän Warsitz erzählte den staunenden Jungen manchmal von dem Rausch des Fliegens und der Kraft der Düsentriebwerke. Für Hermann bedeutete das Heranwachsen auf einem Flughafen ein großes Abenteuer und erst im August 1943, als die britische Luftwaffe mit der Operation Hydra den Flughafen bombardierte, wurde er mit den Schrecken des Krieges konfrontiert.

Der Bombenteppich der Royal Air Force verfehlte den Flughafen und das Testgelände und traf große Teile der Siedlung sowie das Arbeitslager Karlshagen 1.

In dieser Nacht hallten im Schein der brennenden Gebäude die Schreie der Häftlinge durch die Dunkelheit.

Bis dahin hielt Hermann sich strikt an die Weisung seines Onkels, nicht mit Häftlingen und Gefangenen zu reden, da es sich um Kriminelle handele. Sein Schulweg führte an den streng bewachten Baracken hinter den Stacheldrahtzäunen vorbei und er eilte jedes Mal erschrocken weiter, wenn er einen Inhaftierten sah.

Nach dieser Nacht wurden viele der Gefangenen zum Wiederaufbau und für die Verdunklungsmaßnahmen der Siedlungshäuser eingesetzt und Hermann hatte erstmalig Kontakt zu den Gefangenen.

Im Lager Karlshagen 1 unterschied man die Insassen durch umgedrehte Dreiecke, die an der Brust getragen wurden. Ein rotes Dreieck stand für Kriminelle, ein grünes für politisch Verfolgte und ein schwarzes für Gefangene mit religiösen Hintergrund.

Als Hermanns Mutter einem kleinen Trupp Fremdarbeiter Brot und Speck geben wollte, lehnten diese die Gabe mit der Begründung ab, dass sie hart bestraft würde, sollte ein Aufseher die Lebensmittel entdecken. Trotz des offensichtlich großen Hungers war ihnen die Sicherheit seiner Mutter ein Anliegen.

Daraufhin gab sie den Gefangenen bei der Arbeit etwas zu essen. Seine Mutter wurde von den Menschen im Fremdarbeiterlager wie eine Heilige verehrt.

In den KZ und Arbeitslagern der Nationalsozialisten gab es Kapos, die aus den Reihen der Häftlinge rekrutiert wurden, um ihre Mithäftlinge zu befehligen.

Bevorzugt wurden Kriminelle, die sich durch besondere Brutalität hervorhoben. Sie bekamen Vergünstigungen in Form von Alkohol, Essen und Besuchen in dem Lagerbordell.

Hermanns Mutter schleuste monatelang erfolgreich ihre Hilfen an den Kapos vorbei.

Nach und nach wurde Hermann bewusst, welcher Unmenschlichkeit und Härte die Häftlinge ausgesetzt waren.

Geprägt von der Hilfsbereitschaft und Güte seiner Mutter, geriet Hermann kurz vor Kriegsende in eine Situation, dessen Ausgang ihn ein Leben lang mit Schuldgefühlen und Albträumen plagte.

Heute – Mauritius, Port Louis

Als Frieda die Bugsuite der AIDAaura auf Deck 7 betrat, fühlte sie sich sofort sicher. Hier war alles vertraut. Die typischen Farben und Möbel, die sie von den anderen Schiffen der AIDA-Flotte kannte, ließen sie tief durchatmen. Das Blau und Gelb harmonierte sehr gut mit den Brauntönen. Augenblicklich stellte sich ein Gefühl von zuhause ein.

Schon beim Einchecken wurde sie mit dem obligatorischen AIDA-Spruch Sie haben Urlaub! begrüßt. Für Frieda war der Partyaspekt der AIDA-Schiffe uninteressant, sie suchte Entspannung und Ruhe in ihrer Suite mit der kleinen Terrasse am Bug. Und wenn sie mit ihren 70 Jahren das Bedürfnis hatte, als Zuschauerin bei den Mottoparties, die immer irgendwo stattfanden, dabei zu sein, konnte sie das bunte Treiben aus sicherer Entfernung beobachten.

Mit der 26-tägigen Seereise von Mauritius nach Venedig stand ihr eine Traumreise bevor. Die Fahrt führte über den Indischen Ozean, um die arabische Halbinsel herum und durch den Suezkanal in die Ägäis, bis sie schließlich in Venedig ankommen würden. Voller Vorfreude sah sie den nächsten Wochen entgegen.

So aufregend hatte sie sich ihre Seniorenjahre nicht vorgestellt. Natürlich liebte sie Kriminalfälle und als Hobbydetektivin waren die Ermittlungen auf der AIDAbella und der AIDAluna für sie von höchstem Interesse gewesen.

Aber ein Verbrechen aus den Akten zu lösen oder aber Opfern und Tätern persönlich nahe zu sein, waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Mord war kein wünschenswerter Reisebegleiter, das war ihr deutlich bewusst geworden.

Zum Dank für die Aufklärung an den Verbrechen, hatte die Maritime-Cruise-GmbH sie auf die AIDAaura von Mauritius nach Venedig eingeladen.

Besonders schätzte man ihre Verschwiegenheit bei dem letzten Fall an Bord der Luna. Man wollte die Ereignisse nicht in der Öffentlichkeit breittreten.

Frieda hatte, schon aus ureigenem Interesse, den Kontakt zu den Medien abgeblockt. Der Rummel um ihre Person hatte absurde Züge angenommen.

Sie war gezwungen gewesen, eine neue und geheime Handynummer zu beantragen und ihre E-Mail-Adresse zu ändern. Wenn es nach ihrem Sohn Klaas gegangen wäre, hätte sie sogar umziehen sollen. Aber ihre Wohnung im Niemansweg in Kiel hatte sie nicht aufgeben wollen.

Klaas hatte versucht, sie auf der AIDAbella einzubuchen, da er seinen 3-monatigen Kapitänsdienst dort antreten würde.

Er machte sich ernsthafte Sorgen um seine Mutter. Doch Frieda hatte diese Besorgnis mit einer Handbewegung abgetan.

Natürlich wusste sie, dass Klaas es nur gut mit ihr meinte, aber sie war nicht gewillt, ihre Selbstbestimmung aufzugeben. Waren die Kinder jung, entschieden die Eltern in bestem Wissen und Gewissen für sie und im Alter kehrte sich dies um. Welch Ironie!

Doch so weit war es bei ihr noch nicht! Frieda blickte gedankenverloren auf den frischen Obstteller, der auf dem kleinen Beistelltisch stand. Daneben hatte der Steward einen Sektkühler mit Eis und Champagner bereitgestellt.

Sie aß ein paar dunkle Trauben, die süß und verboten gut schmeckten.

Nach Champagner stand ihr jetzt noch nicht der Sinn. Es war erst 13 Uhr und auch wenn ein Glas Champagner am Morgen den Kreislauf in Gang bringen mochte, so zog Alkohol bei ihr unweigerlich Müdigkeit nach sich. Sie wollte an diesem ersten Tag jede Stunde genießen.

Durch die geöffnete Terrassentür humpelte sie hinaus auf ihren 20qm großen Balkon mit Blick über den Bug. Der Fuß bereitete ihr bei Belastung Probleme und sie zwang sich, das Gewicht zu verlagern und den Schmerz zu verdrängen. Sie würde sich davon nicht diese Reise verderben lassen!

Ihre Suite war eine von zwei Premiumsuiten an Bord der Aura und bot ihr jetzt einen wunderbaren Blick auf die modern anmutende Skyline von Port Louis. Im Hintergrund befanden sich die bewaldeten Hänge und über allem ragte der Le Pouce, der Daumen. Das Felsmassiv mit seinen 812 Metern schien, weit oberhalb der Gebäude, am blauen Himmel zu kitzeln.

Es herrschten fast 30 Grad, die dank einer leichten Brise viel erträglicher waren, als Frieda es aus Kiel kannte.

Ganz im Kontrast zu der modernen Hafenstadt lagen mitten im Hafenbecken mehrere, vom Rost zerfressene Fischtrawler auf Reede. Frieda versuchte, sich die Arbeit auf diesen Fischerbooten vorzustellen. Der Vergleich zu dem Kreuzfahrtriesen machte ihr schlagartig deutlich, wie privilegiert sie lebte.

Unweit der AIDAaura lag ein Boot der mauritischen Küstenwache am Pier.

Frieda hatte sich vor Beginn der Reise über die Inselgruppe vor Ostafrika belesen und als ihr Flieger gestern zum Landeanflug auf Mauritius ansetzte, waren ihr die Worte von Mark Twain in den Sinn gekommen:

Zuerst wurde Mauritius erschaffen, dann das Paradies. Aber das Paradies war nur eine Kopie von Mauritius.

Sie konnte Mark Twain nur zustimmen. Schon der Anblick dieser Inselgruppe im türkisblauen Indischen Ozean, mit ihren weißen Sandstränden und den aus der Luft zu erkennenden Korallenriffen, war atemberaubend. Hier trafen die verschiedensten Kulturen, Religionen und Bräuche aufeinander und all dies schien von der kreolischen Lebensfreude zusammengehalten zu werden.

Hinter der verrosteten Trawlerflotte erhob sich ein, im Kolonialstil erbautes Shoppingcenter auf einer Insel mitten im Hafenbecken.

Gestern hatte sie den kleinen Ort Chamarel und den einzigartigen Geopark besucht.

Aus der üppigen Vegetation rauschten dort zwei Bäche 100 Meter in die Tiefe und bildeten einen beeindruckenden Doppelwasserfall. Die Luft, erfüllt von kleinsten Tröpfchen und das Rauschen des Wassers hatten ihr die gewaltige Kraft des Elements verdeutlicht.

Den schönsten Anblick aber boten die Sieben Erden in Chamarel. Ein Naturphänomen vulkanischen Ursprungs, das die Basaltlava rot und violett bis hin zu blau, grün und gelb leuchten ließ. Ganz so, als ob Van Gogh seine Farbpalette anmischte. Der Blick über die bunten Hügel ließ sie all die Ereignisse der letzten Wochen vergessen.

Jetzt schoben sich die Bilder wieder in den Vordergrund, aber Frieda wischte sie beiseite. Sie befand sich im Paradies, also würde sie das Schiff erkunden, auch wenn sie es wegen ihres verletzten Fußes langsam angehen lassen musste. Sie kannte die AIDAaura noch nicht. Das 2002 gebaute Schiff war das älteste und kleinste der AIDA-Flotte mit dem Kussmund und dem langen Lidstrich. Frieda ging ins Bad und ließ sich zur Abkühlung etwas kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, als es an der Kabinentür klopfte. Sie öffnete und erkannte an den vier Streifen der Uniform den Kapitän.

»Frau Olsen«, erklang die tiefe und sonore Stimme hinter dem Vollbart.

»Es freut mich außerordentlich, Sie an Bord begrüßen zu dürfen! Ich bin Kapitän Krasnici. Zoltan Krasnici!«

Frieda ergriff die dargebotene Hand und bemerkte den festen und entschlossenen Händedruck. Sie bat ihn lächelnd, einzutreten.

»Ich fühle mich geehrt, Kapitän, aber Sie hat doch nicht etwa mein Sohn geschickt, um nach mir zu sehen, oder?«

Seine graugrünen Augen, der dunkle Teint und der Vollbart ließen nicht viel von seinem Gesicht erkennen. Er strahlte eine große Autorität aus.

»Ich muss gestehen, ich bin Ihrem Sohn noch nicht begegnet. Es ist mir allerdings ein Bedürfnis, Sie persönlich zu begrüßen.«

Der Akzent des Kapitäns war stark von seiner kroatischen Muttersprache geprägt, aber sein Deutsch war perfekt. Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen schaute er auf ihren rechten Fuß.

Bevor er den Mund öffnen konnte, beantwortete Frieda die unausgesprochene Frage.

»Ein dummer Unfall, nicht weiter schlimm, nur unangenehm!«

Der Kapitän nickte.

»Sie sind mittlerweile auf unseren Schiffen eine richtige Berühmtheit.«

Frieda erahnte hinter seinem Vollbart den Anflug eines Lächelns.

»Ich wäre lieber weniger berühmt!«, kommentierte sie ehrlich. Unbewusst seufzte sie.

»Und ich muss ehrlich gestehen, dass es mir recht wäre, wenn Sie auf meinem Schiff nicht als Ermittlerin in Erscheinung treten würden!«

Kapitän Krasnici sah sie ernst an. Das Lächeln war verschwunden.

»Wie darf ich das verstehen, Kapitän Krasnici?«

»Bitte interpretieren Sie es nicht falsch, aber nach den Vorfällen auf der Bella und der Luna eilt Ihnen ein gewisser Ruf voraus.«

»Ein Ruf?«

»Aberglaube und Mystizismus haben in der Seefahrt eine lange Tradition und einige Mitglieder meiner Crew sehen in Ihrer Anwesenheit an Bord ein böses Omen.«

»Ein böses Omen?«

Friedas Augen weiteten sich vor Staunen und sie runzelte verärgert die Stirn, als sie bemerkte, dass sie wie ein Papagei die Worte des Kapitäns nachplapperte.

»Bitte seien Sie versichert, dass ich nicht dazu gehöre!«

Jetzt war das Lächeln hinter dem Bart wieder zu erkennen.

»Wieso erzählen Sie mir das?«

»Ich möchte, dass Sie sich nicht wundern, wenn Sie von der Crew angestarrt oder gemieden werden.«

Frieda sah Krasnici einige Sekunden stumm an. »Glauben Sie mir, die beiden letzten Reisen haben mich emotional sehr mitgenommen und Mord ist NICHT mein Hobby!«

Sie klang aggressiver, als es ihre Absicht war. In den letzten Wochen hatte sie unzählige Presseanfragen abgelehnt und sich mit übergriffigen Fans abmühen müssen. Außerdem hatte der Vorfall vor 10 Tagen in ihrer Wohnung nicht zu ihrem allgemeinen Wohlbefinden beigetragen.

Frieda spürte, dass die Rolle, in die sie ungewollt hineingedrängt worden war, ihr mehr und mehr missfiel. Sie war nach dem ersten Mord auf der AIDAbella noch begierig gewesen, an den Ermittlungen teilzuhaben. Aber die bleibenden Eindrücke bedeuteten für sie eine nicht vorhergesehene, seelische Belastung.

Wahrscheinlich reagierte sie deswegen extrem dünnhäutig auf derartige Bemerkungen.

»Man kann es aber auch als glückliche Fügung sehen, dass ich gerade dann an Bord war, da beide Male die Reisen fortgesetzt werden konnten! Das war doch sicherlich im Interesse Ihres Arbeitgebers!«

»Mich müssen Sie nicht überzeugen, Frau Olsen! Ich weiß um Ihre Verdienste und kann mir vorstellen, dass Ihre beiden letzten Reisen auf unseren Schiffen wahrlich kein Vergnügen waren.«

Frieda glaubte, einen versöhnlichen Ton herauszuhören.

»Die Aura ist ein kleines Schiff, fast familiär im Vergleich zum Rest unserer Flotte. Sie werden hier eine ruhige und erholsame Zeit genießen, dafür werde ich mich persönlich einsetzen.«

Krasnicis Augen verströmten Wärme und Trost. Frieda fiel es schwer, den kroatischen Kapitän einzuschätzen.

»Ich danke Ihnen!«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an.

»Und Klass hat Sie ganz sicher nicht geschickt, um nach mir zu sehen?«

Der Kapitän neigte seinen Kopf und warf ihr einen Blick zu, den sie nicht deuten konnte.

»Als Kapitän bin ich gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen und wie ich bereits sagte, bin ich Ihrem Sohn bisher nicht begegnet.«

»Verzeihen Sie!«

Krasnici nickte verständnisvoll.

»Wenn Sie irgendetwas benötigen, zögern Sie nicht, mich oder meine Crew darum zu bitten!«

Frieda bedankte sich nochmals und als der Kapitän ihre Suite verlassen hatte, lehnte sie sich mit dem Rücken an die Kabinentür. Ihr Herz pochte und ließ das Adrenalin in die Höhe schießen. Plötzlich war alles wieder da!

Aus den verborgenen Kammern ihres Gehirns schob sich ein Bild vor ihr geistiges Auge und unmittelbar darauf befiel sie nackte Panik.

Er war hier, suchte sie, um sie zu holen. Sie sah schemenhaft eine Hand, die ein Messer fallen ließ und eine blitzende Klinge, die sich in ihren Fuß bohrte. Wieder spürte sie den stechenden Schmerz.

Sie hatte gedacht, das Erlebte verarbeitet zu haben, aber das Wissen, in ihrer Erdgeschosswohnung jemandem ausgeliefert gewesen zu sein, verursachte nach wie vor Panikattacken. Sie zwang sich zur Ruhe, doch das Herzrasen wollte nicht vergehen. Sie spürte kalten Schweiß auf der Stirn und tastete sich an der Wand entlang zum Bad.

Übelkeit stieg in ihr auf und sie ließ erneut kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen. Langsam normalisierte sich der Puls und die Übelkeit ging zurück.

Frieda ärgerte sich über sich selbst. Ihre Ärztin hatte sie gewarnt, dass sich die Attacken fortsetzen konnten und der nächtliche Einbruch in ihre Wohnung all das hervorbringen könnte, was sie die letzten Monate nicht verarbeitet hatte.

Sie würde sich professionelle Hilfe holen müssen, um diese Panikattacken verhindern zu können!

Warum war sie bei der Begegnung mit Kapitän Krasnici in Panik geraten? Hatte es mit seiner Stimme zu tun oder mit der Autorität, die er ausstrahlte? Im Grunde genommen wirkte er freundlich und aufrichtig besorgt.

Frieda erinnerte sich mit Schrecken an die Gestalt in ihrer dunklen Wohnküche. Sie ging davon aus, dass es sich um einen Mann handelte, obwohl nur der Umriss einer Person zu sehen gewesen war. Es war die Größe und die Ausstrahlung von Macht gewesen, die sie einen Mann vermuten ließ.

Letzten Endes war die Verletzung am Fuß ihre eigene Schuld. Sie hatte sich ungeschickt mit dem Messer angestellt. Die eigentliche Verletzung befand sich allerdings nicht an ihrem Fuß, sondern in ihrem Kopf. Es war dieses ohnmächtige, hilflose Gefühl des Ausgeliefertseins, als dieser Fremde in der Dunkelheit vor ihr gestanden und sie angestarrt hatte.

Seine Waffe war ihre Angst gewesen und auch wenn Frieda eine resolute Frau war, so bedeutete der Einbruch einen Angriff auf ihre Psyche, der ihr das Gefühl von Sicherheit und Schutz genommen hatte. Sie war in den Tiefen ihrer Seele verletzt und ihr war beim besten Willen nicht klar, wie sie sich davon erholen sollte.

Das war jetzt zehn Tage her und immer noch stellte sie sich die Frage, was der Einbrecher in ihrem Kühlschrank gesucht hatte.

Die Diagnose war ein Schock gewesen und es hatte gedauert, die Hiobsbotschaft zu akzeptieren. Jetzt hatte der Tod an Schrecken verloren und sie genoss die lang ersehnte Freiheit.

In Port Louis ging Karin Mehdorn in Begleitung ihres Ehemannes Armin an Bord der AIDAaura.

Für beide bedeutete die 26-tägige Reise über den Indischen Ozean nach Venedig den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Sie würden die Vergangenheit hinter sich lassen, den Schmerz, die Entbehrung und das Selbstmitleid. Statt sich zu ergeben, hatten sie beschlossen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Jeder für sich!

Karin Mehdorn war eine kleine, zierliche Person. Das Kopftuch, die blasse Haut und das eingefallene Gesicht ließen sofort auf eine Krebserkrankung schließen. Die Augen waren von einer großen, dunklen Sonnenbrille verdeckt und die aufrechte Haltung verriet, dass sie sich nicht hatte brechen lassen.

Als Frieda das Ehepaar auf der Terrasse der Anytime-Bar auf Deck 10 sitzen sah, bewunderte sie das offensichtliche Selbstbewusstsein der von Krankheit gezeichneten Frau und wandte schnell den Blick ab. Sie wollte ihr nicht das Gefühl vermitteln, angestarrt zu werden.

Sofort besann sie sich eines Besseren. Ausgrenzung begann mit der verstohlenen Musterung und Vermeidung eines Blickkontaktes!

Also sah Frieda die Frau direkt an und nickte ihr freundlich zu.

Dann setzte sie sich an einen der Tische unter den schattenspendenden Sonnensegeln, die quer über die Terrasse gespannt waren und genoss den weiten Blick über das Heck der Aura auf den Indischen Ozean. Die Panikattacke hatte sie mit Atemübungen und kaltem Wasser überstanden. Sie musste herausfinden, was genau diese Attacken auslöste!

Sie sah sich um. An diesem ersten Reisetag schaute sie sich die Gesichter der Mitreisenden interessiert an. Hier waren die unterschiedlichsten Menschen bunt zusammengewürfelt und Frieda liebte es, die Gäste zu beobachten. Sie teilte diese in zwei Kategorien ein: Die Ersttäter, die sich aufgeregt umsahen und viele Fotos mit ihren Handys schossen und die Wiederholungstäter, die wie sie die Schattenplätze suchten und den Blick auf das Wasser richteten.

Trotz des Sonnensegels und der leichten Brise bedeutete die Klimaumstellung eine Herausforderung. Frieda hatte mit einem luftigen Seidenensemble genau die richtige Bekleidung gewählt.

Keiner der Kellner war bisher zu ihr gekommen und während sie Ausschau nach einem hielt, registrierte sie irritiert, dass sie tatsächlich gemieden wurde. Trotz der Warnung des Kapitäns fühlte Frieda Tränen der Enttäuschung aufsteigen. Glaubte das abergläubische Personal tatsächlich, sie würde das Verbrechen oder Unglück anziehen? Bisher hatte sie über Abergläubige verständnislos den Kopf geschüttelt und die Ansicht vertreten, dass Aberglauben nur Unglück bringe.

Natürlich wusste sie, dass die Mitarbeiter der Bordcrew größtenteils von den Philippinen kamen, wo zwar der Katholizismus weit verbreitet war, aber ein traditioneller Aberglaube fest verwurzelt in den Köpfen saß. Ganz sicher waren die Ereignisse auf der AIDAbella und AIDAluna innerhalb der Crew von Schiff zu Schiff verbreitet worden.

Frustriert und in Gedanken versunken saß Frieda an ihrem Tisch, als sie überraschend angesprochen wurde.

»Miss Olsen! Es freut mich sehr, Sie hier zu sehen!«, vernahm sie eine ihr bekannte Stimme mit starkem Philippino-Akzent.

»Ernesto!«, rief sie freudig.

»Was machen Sie hier?«

Der Suitensteward, den sie von der AIDAbella kannte, verbeugte sich entschuldigend.

»Sie müssen Entschuldigung, Kollegen glauben, Sie bringen Unglück und so haben Angst vor Ihnen!«