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Ein toter Kapitän. Ein Dorf voller Geheimnisse. Und eine Frau, die nicht an Zufälle glaubt.
Im beschaulichen Küstenort Sturmkap scheint die Welt noch in Ordnung – bis der pensionierte Seemann Herbert Behrens tot am Fuß seiner Treppe gefunden wird. Ein tragischer Unfall, sagen alle. Nur Buchhändlerin Maren Stüven spürt, dass etwas nicht stimmt.
Als sie beginnt, Fragen zu stellen, stößt sie auf Spuren einer längst vergessenen Vergangenheit: alte Schmuggelgeschäfte, rätselhafte Drohungen und einen Fremden, der plötzlich im Ort auftaucht. Zusammen mit der Nichte des Toten folgt Maren den Hinweisen – und gerät in ein gefährliches Spiel aus Lügen, Gier und Schuld.
Zwischen Wind, Wellen und salziger Luft muss sie erkennen: Manchmal schlägt die Wahrheit härter zu als jede Sturmflut.
Ein atmosphärischer Küstenkrimi mit norddeutschem Charme, Spannung und einer mutigen Hobbydetektivin, die den Dingen auf den Grund geht.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Tödliche Ebbe
Ein Fall für Maren Stüven
Band 1 der Reihe "Die Fälle der Maren Stüven"
Denise Jorholm
Kapitel 1: Salzige Geheimnisse
Kapitel 2: Alte Bekannte
Kapitel 3: Geheimnisse im Schreibtisch
Kapitel 4: Die Polizei schaltet sich ein
Kapitel 5: Alte Seemannsgarn
Kapitel 6: Sturm zieht auf
Kapitel 7: Konfrontation
Kapitel 8: Spuren im Sturm
Kapitel 9: Flucht durch die Klippen
Kapitel 10: Verfolgung auf der Autobahn
Kapitel 11: Gefährliche Begegnungen
Kapitel 12: Der Zug nach Kiel
Kapitel 13: Bunker 47
Kapitel 14: Die Wahrheit vor Gericht
Kapitel 15: Die Rückkehr nach Sturmkap
Kapitel 16: Das Buch entsteht
Kapitel 17: Ein Jahr später
Der Wind von der Nordsee pfiff scharf um die Ecken der reetgedeckten Häuser von Sturmkap, als Maren Stüven an diesem grauen Donnerstagmorgen im November ihre kleine Buchhandlung "Windrose" aufschloss. Die salzige Luft trug den Geruch von Tang und Fischernetzen mit sich, vermischt mit dem würzigen Duft der letzten Herbstfeuer aus den Schornsteinen des kleinen Küstenortes.
Maren war 47 Jahre alt, eine Frau mit wettergebräunter Haut und hellblonden Haaren, die sie meist zu einem praktischen Knoten gebunden trug. Sie war vor fünf Jahren aus Hamburg hergezogen, nach ihrer Scheidung und einem Nervenzusammenbruch, der sie dazu gebracht hatte, ihr Leben als erfolgreiche Verlagslektorin aufzugeben. In Sturmkap hatte sie Ruhe gesucht – und größtenteils auch gefunden.
Die Buchhandlung lag direkt am alten Hafenbecken, zwischen Hannes Mollenhauers Angelgeschäft "Zum Goldbutt" und der kleinen Pension "Meeresblick" von Grete Janssen. Das Gebäude stammte aus dem Jahr 1892 und war ursprünglich ein Kapitänshaus gewesen, erkennbar an den hohen Fenstern im Erdgeschoss und dem charakteristischen Lukenfenster im Giebel, von dem aus die Kapitänsfrauen früher nach den heimkehrenden Schiffen Ausschau gehalten hatten.
Von ihrem Schreibtisch aus konnte Maren die Krabbenkutter sehen, die in der Dämmerung ausliefen, und die Möwen, die kreischend um die Masten kreisten. An klaren Tagen reichte der Blick bis zur Insel Fehmarn, aber heute hingen graue Wolken tief über dem Wasser, und die Wellen schlugen mit weißen Schaumkronen gegen die alte Hafenmauer aus roten Backsteinen.
Sturmkap war nie ein großer Hafen gewesen – dafür war die Bucht zu klein und zu geschützt. Aber gerade deshalb liebte Maren den Ort. Er war überschaubar, mit seinen 800 Einwohnern, die sich alle kannten und die meisten Geheimnisse miteinander teilten. Als ehemalige Verlagslektorin schätzte sie die Ruhe und die Möglichkeit, endlich die Bücher zu lesen, für die sie in Hamburg nie Zeit gehabt hatte.
"Moin, Maren!" rief Fiete Cohrs, der Postbote, als er mit seinem gelben Fahrrad vor der Buchhandlung anhielt. Seine Wangen waren rot vom Wind, und Wassertropfen perlten von seiner gelben Regenjacke. "Hast du schon gehört? Bei Käpt'n Behrens ist was passiert!"
Maren schaute von ihrem Kaffee auf. Fiete war Mitte Vierzig, ein drahtiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und der unerschütterlichen Überzeugung, dass Nachrichten dazu da waren, geteilt zu werden. Er war der inoffizielle Nachrichtendienst von Sturmkap – wenn irgendwo etwas geschah, wusste er es als Erster, und binnen einer Stunde wusste es das ganze Dorf.
"Was ist denn passiert?", fragte sie, obwohl sie sich insgeheim wünschte, dass es nicht allzu dramatisch war. Sie hatte genug Drama in ihrem Leben gehabt.
"Keiner weiß es genau", sagte Fiete und stieg von seinem Rad. Er lehnte es gegen die Hauswand und kam näher, wobei er seine Stimme senkte, als ob er ein Staatsgeheimnis preisgeben würde. "Aber seine Haushälterin, die Kruse-Inge, hat heute Morgen die Polizei gerufen. Soll ein Notfall gewesen sein."
Käpt'n Behrens war eine Institution in Sturmkap. Der 72-jährige pensionierte Kapitän lebte allein in einem großen Haus direkt an der Steilküste, etwa einen Kilometer außerhalb des Dorfes. Es war ein imposantes Gebäude aus der Gründerzeit, umgeben von einem verwilderten Garten und einer hohen Backsteinmauer, die es vor den Winterstürmen schützte. Behrens war ein wortkarger Mann mit einem weißen Vollbart und blauen Augen, die aussahen, als hätten sie schon alle Stürme der Welt gesehen.
"Ein Notfall?", wiederholte Maren und stellte ihre Kaffeetasse ab. "Was für ein Notfall?"
"Das weiß keiner. Aber Doktor Prahm ist auch da, und der Krankenwagen war schon weg, als ich vorbeigefahren bin. Und die Polizei aus Rostock ist auch gekommen."
"Die Polizei aus Rostock?" Das überraschte Maren. Normalerweise kümmerte sich Wachtmeister Petersen aus dem Nachbarort um die wenigen Fälle, die in Sturmkap auftraten – meist verlorene Touristen oder gelegentliche Ruhestörungen.
"Ja, richtige Kommissare mit dunklen Anzügen und allem. Ich habe sie noch nie hier gesehen."
Maren spürte ein bekanntes Gefühl im Magen – eine Mischung aus Neugier und Sorge, die sie aus ihrer Zeit als Lektorin kannte, wenn sie ein Manuskript las, das nicht stimmte. Es war das Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas lauerte, was nicht gehörte.
"Vielleicht sollte ich mal vorbeischauen", murmelte sie und schaute durch das Fenster in Richtung der Steilküste, wo man das Dach von Käpt'n Behrens' Haus zwischen den kahlen Bäumen sehen konnte.
"Würde ich an deiner Stelle auch machen", stimmte Fiete zu und zog seine Mütze tiefer ins Gesicht. "Käpt'n Behrens ist ein guter Mann. Wenn ihm was passiert ist..." Er beendete den Satz nicht, aber Maren verstand. In einem Ort wie Sturmkap war jeder Verlust ein Verlust für die ganze Gemeinschaft.
"Hat die Kruse-Inge gesagt, was passiert ist?"
"Nein, die war ganz durch den Wind. Hat nur gerufen, dass ein Notfall ist und dass jemand kommen soll. Mein Vater kennt sie noch aus alten Zeiten – sie war schon Haushälterin bei Käpt'n Behrens' Eltern."
Das stimmte. Inge Kruse war eine Frau Ende Sechzig, die seit über vierzig Jahren für die Familie Behrens arbeitete. Sie kam dreimal die Woche, um zu putzen und zu kochen, und kümmerte sich um den Käpt'n, als wäre er ihr eigener Sohn.
"Fiete", sagte Maren, "weißt du zufällig, ob in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches bei Käpt'n Behrens war? Ich meine, ist er krank gewesen oder so?"
Fiete kratzte sich am Kinn. "Nicht dass ich wüsste. Er war letzte Woche noch beim Doktor für seine Routineuntersuchung, und der Prahm hat gesagt, er ist fit wie ein Turnschuh. Für sein Alter jedenfalls."
Das beruhigte Maren ein wenig. Käpt'n Behrens war zwar schon 72, aber er war immer noch ein kräftiger Mann, der täglich lange Spaziergänge am Strand machte und seinen Garten selbst pflegte.
"Ist dir sonst etwas aufgefallen?", fragte sie.
"Jetzt, wo du's sagst..." Fiete dachte nach. "Er war in letzter Zeit öfter als sonst in der Stadt. Normalerweise kommt er nur zum Einkaufen oder wenn er Post holen muss. Aber in den letzten Wochen hab' ich ihn öfter rumstehen sehen. Als ob er auf jemanden wartet."
"Auf wen?"
"Weiß ich nicht. Aber er hat immer auf die Uhr geschaut und war irgendwie... angespannt."
Das war interessant. Käpt'n Behrens war normalerweise ein Mann von strengen Gewohnheiten und großer Gelassenheit. Wenn er angespannt war, musste etwas Besonderes vorgefallen sein.
"Wann war das?", fragte Maren.
"So die letzten zwei, drei Wochen. Aber besonders letzte Woche ist mir das aufgefallen."
Nachdem Fiete seine Runde fortgesetzt hatte, blieb Maren in der Buchhandlung und dachte über das Gespräch nach. Sie kannte Käpt'n Behrens nicht besonders gut – er war kein regelmäßiger Kunde und nicht sehr gesprächig. Aber wenn er hier war, hatte sie ihn immer als ruhigen, bedächtigen Mann erlebt. Die Vorstellung, dass er angespannt oder nervös gewesen sein sollte, passte nicht zu dem Bild, das sie von ihm hatte.
Um zehn Uhr öffnete sie offiziell die Buchhandlung und verbrachte den Vormittag damit, eine neue Lieferung auszupacken und zu sortieren. Es waren hauptsächlich Herbstneuerscheinungen – Romane, Krimis und ein paar Reiseführer für die letzten Herbsturlauber. Während sie arbeitete, dachte sie immer wieder an Käpt'n Behrens und fragte sich, was wohl passiert war.
Gegen Mittag kam Grete Janssen herein. Grete war eine rundliche Frau Mitte Fünfzig mit roten Locken und einem Hang zu dramatischen Äußerungen. Sie führte die Pension "Meeresblick" mit der Effizienz eines Feldwebels und der Herzlichkeit einer Großmutter.
"Maren, Kind!", rief sie, kaum dass sie durch die Tür war. "Hast du schon gehört? Es ist schrecklich!"
"Was ist schrecklich?", fragte Maren, obwohl sie ahnte, dass es um Käpt'n Behrens ging.
"Der Käpt'n! Er ist tot!"
Die Worte trafen Maren wie ein Schlag. "Tot? Aber... Fiete hat gesagt, es war ein Notfall..."
"Ja, aber zu spät! Die Kruse-Inge hat ihn heute Morgen gefunden. Liegt tot in seinem Haus, der arme Mann!"
Maren setzte sich schwer auf ihren Stuhl. Käpt'n Behrens war tot. Es fühlte sich unwirklich an, wie eine Nachricht aus einem anderen Leben.
"Was ist passiert?", fragte sie mit schwacher Stimme.
"Das weiß noch keiner so genau", sagte Grete und setzte sich in den Kundensessel. "Aber die Kruse-Inge hat erzählt, dass er die Treppe runtergefallen ist. Mit dem Kopf voran auf die Fliesen im Flur."
"Die Treppe?" Maren runzelte die Stirn. "Aber er war doch so vorsichtig..."
"Das dachte ich auch. Aber du weißt ja, wie das ist mit alten Leuten. Ein falscher Schritt, und schon ist es passiert."
Maren nickte, aber etwas störte sie an der Erklärung. Käpt'n Behrens war zwar 72, aber er war geistig und körperlich noch sehr fit gewesen. Sie hatte ihn erst vor zwei Wochen beim Bäcker gesehen, wo er eine lebhafte Diskussion über die Wettervorhersage geführt hatte.
"Grete", sagte sie, "wann ist das passiert?"
"Gestern Abend, sagt die Polizei. Aber gefunden hat ihn die Kruse-Inge erst heute Morgen, als sie zum Putzen gekommen ist."
"Und sie kommt normalerweise wann?"
"Dienstags, donnerstags und samstags. Immer um acht Uhr."
Maren rechnete nach. Heute war Donnerstag, das bedeutete, Käpt'n Behrens lag mindestens seit Dienstagabend tot in seinem Haus. Das waren fast zwei Tage.
"Grete, ist dir in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches bei Käpt'n Behrens aufgefallen?"
"Ungewöhnlich?" Grete dachte nach. "Jetzt, wo du's sagst... er war letzte Woche bei mir und hat gefragt, ob ich fremde Leute in der Pension habe."
"Fremde Leute?"
"Ja, Leute, die nicht wie Touristen aussehen. Geschäftsleute oder so. Ich habe ihm gesagt, dass ich nur ein älteres Ehepaar aus Berlin habe, aber er war trotzdem nervös."
Das bestätigte Fietes Beobachtung. Käpt'n Behrens war in letzter Zeit anders gewesen.
"Hat er gesagt, warum er das wissen wollte?"
"Nein. Er hat nur gemeint, dass es wichtig ist. Und dann hat er mich gebeten, ihm Bescheid zu sagen, falls doch noch jemand kommt."
"Und? Ist jemand gekommen?"
"Nein. Nur die üblichen Herbsturlauber."
Maren machte sich gedanklich Notizen. Käpt'n Behrens hatte nach fremden Leuten gesucht, war nervös gewesen und hatte häufiger als sonst das Dorf besucht. Das klang nicht nach einem Mann, der kurz vor einem Unfall stand.
"Grete", sagte sie vorsichtig, "glaubst du wirklich, dass er einfach die Treppe runtergefallen ist?"
Grete schaute sie überrascht an. "Was soll er sonst gemacht haben?"
"Ich weiß nicht. Aber er war so vorsichtig. Und er kannte sein Haus in- und auswendig."
"Maren, du liest zu viele Krimis", sagte Grete mit einem schiefen Lächeln. "Manchmal passieren Unfälle, auch vorsichtigen Leuten."
Aber Maren war nicht überzeugt. Als Lektorin hatte sie gelernt, auf Ungereimtheiten zu achten, und hier gab es einige Ungereimtheiten.
Nach dem Mittagessen beschloss sie, einen Spaziergang zu machen. Sie schloss die Buchhandlung ab und ging in Richtung Steilküste, wo Käpt'n Behrens' Haus lag. Es war ein grauer, windiger Tag, und das Meer war unruhig. Die Wellen schlugen gegen die Felsen unter der Klippe und schickten Gischt bis hinauf zum Wanderweg.
Das Haus des Käpt'n lag etwa hundert Meter vom Klippenrand entfernt, umgeben von einem großen Garten mit alten Bäumen und einer hohen Backsteinmauer. Es war ein imposantes Gebäude aus der Gründerzeit mit einem Türmchen und verzierten Giebeln, das den Reichtum der Kapitänsfamilie Behrens aus vergangenen Zeiten widerspiegelte.
Vor dem Haus standen immer noch zwei Polizeiautos und ein Krankenwagen. Maren blieb am Gartentor stehen und beobachtete die Aktivitäten. Männer in dunklen Anzügen gingen ein und aus, und sie sah auch den örtlichen Arzt, Dr. Prahm, der gerade zum Auto ging.
"Frau Stüven?" Eine Stimme hinter ihr ließ sie sich umdrehen. Es war Kommissar Ingo Brandt, ein Mann Ende Vierzig mit grauem Haar und einem ernsten Gesicht. Sie kannte ihn flüchtig vom Wochenmarkt.
"Kommissar Brandt", sagte sie. "Ich habe gehört, was passiert ist. Das ist schrecklich."
"Das ist es", stimmte er zu. "Kannten Sie Herrn Behrens gut?"
"Nicht besonders gut. Er kam gelegentlich in meine Buchhandlung, aber er war nicht sehr gesprächig."
"Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?"
Maren überlegte. "Vor etwa zwei Wochen, glaube ich. Beim Bäcker. Warum fragen Sie?"
"Routine", sagte Brandt knapp. "Wir müssen mit allen sprechen, die ihn kannten."
"Kommissar", sagte Maren vorsichtig, "war es wirklich ein Unfall?"
Brandt schaute sie scharf an. "Was sollte es sonst gewesen sein?"
"Ich weiß nicht. Aber ich habe gehört, dass er in letzter Zeit nervös war. Als ob er Sorgen hatte."
"Sorgen haben viele Leute", sagte Brandt. "Das heißt nicht, dass sie ermordet werden."
Maren stutzte. "Ermordet? Ich habe gar nicht von Mord gesprochen."
Brandt wurde rot. "Natürlich nicht. Ich... es ist nur so, dass manche Leute gleich das Schlimmste denken."
"Und Sie denken nicht das Schlimmste?"
"Frau Stüven", sagte Brandt mit einer Geduld, die deutlich gespielt war, "Herbert Behrens war 72 Jahre alt. Er ist die Treppe runtergefallen und dabei unglücklich mit dem Kopf aufgeschlagen. So etwas passiert. Täglich."
"Natürlich" sagte Maren. "Aber trotzdem..."
"Trotzdem was?"
"Kann ich fragen, ob er allein war, als es passiert ist?"
"Soweit wir wissen, ja. Seine Haushälterin war seit Dienstag nicht mehr da, und Nachbarn haben niemanden kommen oder gehen sehen."
"Und wann ist es passiert?"
"Das wird die Obduktion zeigen. Aber wahrscheinlich Dienstagabend oder Mittwochnacht."
Maren nickte, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass etwas nicht stimmte. "Kommissar Brandt, darf ich fragen, warum so viele Polizisten hier sind? Für einen Unfall ist das doch ungewöhnlich."
Brandt zögerte. "Wir müssen gründlich sein. Herr Behrens war eine bekannte Persönlichkeit in der Gegend."
Das war eine ausweichende Antwort, und das wussten beide. Maren beschloss, nicht weiter zu bohren, aber sie merkte sich die Reaktion des Kommissars.
"Nun", sagte sie, "ich hoffe, Sie finden heraus, was passiert ist."
"Das werden wir", versicherte Brandt. "Und Frau Stüven? Falls Ihnen noch etwas einfällt, was wichtig sein könnte, rufen Sie mich an."
Er gab ihr seine Visitenkarte, und Maren ging nachdenklich zurück ins Dorf. Der Spaziergang hatte mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Warum waren so viele Polizisten da? Warum hatte Brandt so schnell das Wort "ermordet" verwendet? Und warum hatte er so ausweichend geantwortet, als sie nach dem Grund für das große Aufgebot gefragt hatte?
Zurück in der Buchhandlung setzte sie sich an ihren Schreibtisch und dachte über alles nach, was sie erfahren hatte. Käpt'n Behrens war tot, angeblich durch einen Unfall. Aber er war in letzter Zeit nervös gewesen und hatte nach fremden Leuten gesucht. Die Polizei war mit einem ungewöhnlich großen Aufgebot vor Ort. Und Kommissar Brandt schien mehr zu wissen, als er preisgab.
Maren holte ein Notizbuch hervor und begann zu schreiben:
Herbert Behrens - Todesfall
Fakten:
72 Jahre alt, pensionierter Kapitän
Tot aufgefunden am Donnerstagmorgen von Haushälterin
Angeblich Treppensturz, Dienstagabend oder Mittwochnacht
Großes Polizeiaufgebot vor Ort
Ungereimtheiten:
War in letzter Zeit nervös und angespannt
Suchte nach fremden Leuten in der Gegend
Besuchte öfter als sonst das Dorf
Kommissar Brandt sprach von selbst von "Mord"
Ungewöhnlich viele Polizisten für einen Unfall
Es waren nicht viele Informationen, aber sie reichten aus, um Marens Neugier zu wecken. Als ehemalige Lektorin hatte sie ein gutes Gespür für Geschichten, die nicht stimmten. Und diese Geschichte stimmte definitiv nicht.
Sie schaute aus dem Fenster auf das graue Meer. Draußen wurde es bereits dunkel, obwohl es erst vier Uhr war. Der November an der Nordsee war kein freundlicher Monat, aber Maren liebte die wilde Schönheit der stürmischen See.
Käpt'n Behrens hatte diesen Anblick auch geliebt. Oft war er am späten Nachmittag vorbeigekommen, nicht um ein Buch zu kaufen, sondern nur um ein paar Minuten am Fenster zu stehen und aufs Meer hinauszuschauen.
"Was ist dir passiert, alter Mann?", murmelte Maren. "Und warum will niemand darüber sprechen?"
Sie hatte das Gefühl, dass sie es herausfinden würde. Ob sie wollte oder nicht.
Der Freitag begann mit einem Telefon. Um halb acht klingelte es in Marens Wohnung über der Buchhandlung, und eine unbekannte Frauenstimme meldete sich.
"Ist dort Frau Stüven? Maren Stüven von der Buchhandlung?"
"Ja, das bin ich. Wer spricht denn?"
"Mein Name ist Dr. Andrea Behrens-Schulze. Ich bin... ich war Herbert Behrens' Nichte."
Maren war sofort hellwach. "Oh. Mein Beileid zu Ihrem Verlust."
"Danke. Ich rufe an, weil... nun, weil ich gehört habe, dass Sie meinen Onkel kannten. Ich bin gerade in Sturmkap angekommen und organisiere die Beerdigung. Aber ich kenne hier niemanden, und ich dachte..."
"Natürlich" sagte Maren sofort. "Kommen Sie doch vorbei. Ich helfe gerne."
"Das ist sehr nett. Wann passt es Ihnen denn?"
"Ich öffne um neun. Kommen Sie, wann Sie möchten."
"Ich werde gegen zehn Uhr da sein. Vielen Dank."
Maren legte auf und dachte über das Gespräch nach. Die Nichte des Käpt'n war also da. Sie erinnerte sich vage daran, dass jemand erwähnt hatte, dass Behrens Verwandte in Hamburg hatte, aber sie hatte nie jemanden gesehen.
Sie duschte, zog sich an und ging hinunter in die Buchhandlung. Draußen war es immer noch grau und windig, aber der Sturm hatte sich gelegt. Die See war ruhiger, und ein paar mutige Möwen kreisten wieder um den Hafen.
Um kurz nach zehn hörte sie einen Wagen vor der Buchhandlung halten. Durch das Fenster sah sie eine große, schlanke Frau Ende Vierzig aus einem dunklen BMW steigen. Sie trug einen teuren Mantel und hatte kurze, dunkle Haare, die perfekt frisiert waren. Alles an ihr strahlte Professionalität und Erfolg aus.
"Dr. Behrens-Schulze?", fragte Maren, als die Frau die Buchhandlung betrat.
"Ja. Und Sie sind Frau Stüven? Andrea, bitte." Sie lächelte, aber es erreichte nicht ihre Augen, die gerötet waren, als hätte sie geweint.
"Maren. Kommen Sie, setzen Sie sich. Möchten Sie einen Kaffee?"
"Gerne. Schwarz, bitte."
Während Maren Kaffee einschenkte, betrachtete sie Andrea Behrens-Schulze verstohlen. Sie war eine attraktive Frau mit intelligenten braunen Augen und einer Ausstrahlung, die darauf hindeutete, dass sie es gewohnt war, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen.
"Es tut mir wirklich leid wegen Ihres Onkels", sagte Maren und reichte ihr die Tasse. "Es muss ein Schock für Sie gewesen sein."
"Das war es", antwortete Andrea und nahm einen Schluck Kaffee. "Obwohl... nun ja, wir hatten in den letzten Jahren nicht viel Kontakt."
"Ach so."
"Es ist kompliziert. Familiensachen, Sie wissen schon." Andrea seufzte. "Ich bin Ärztin in Hamburg, Kardiologin. Vor ein paar Jahren habe ich versucht, Onkel Herbert zu überreden, näher zu mir zu ziehen. Hamburg ist nicht weit, und ich hätte mich besser um ihn kümmern können."
"Das klingt vernünftig."
"Das dachte ich auch. Aber er wollte nicht. Er war sehr... stur. Hat gesagt, er gehört hierher und wird hier sterben." Andrea lachte bitter. "Am Ende hatte er recht."
Maren spürte, dass hinter dieser Geschichte mehr steckte. "Sie haben sich deswegen gestritten?"
"Nicht wirklich gestritten. Aber er hat den Kontakt abgebrochen. Hat nicht mehr auf meine Anrufe reagiert und meine Briefe nicht beantwortet."
"Das muss schwer für Sie gewesen sein."
"Es war... frustrierend. Ich habe mir Sorgen gemacht. Ein 72-jähriger Mann, der allein in einem großen Haus lebt, ohne Familie in der Nähe..." Sie schüttelte den Kopf. "Aber er war stur wie ein Ochse."
"Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?"
"Vor etwa drei Jahren. Nach dem Streit."
"Drei Jahre?" Maren war überrascht. "Das ist eine lange Zeit."
"Zu lange", stimmte Andrea zu. "Ich habe immer wieder versucht, ihn zu kontaktieren, aber er... nun ja, es ist zu spät."
Sie schwieg einen Moment und schaute aus dem Fenster aufs Meer. Maren nutzte die Gelegenheit, um sie genauer zu beobachten. Andrea Behrens-Schulze wirkte kompetent und erfolgreich, aber auch müde und traurig. Der Tod ihres Onkels schien sie zu treffen.
"Frau... Maren", sagte Andrea schließlich, "können Sie mir von seinen letzten Jahren erzählen? War er gesund? Hatte er Freunde?"
"Soweit ich weiß, war er bei guter Gesundheit", antwortete Maren. "Er kam gelegentlich in meine Buchhandlung und wirkte immer fit und aufmerksam. Er war nicht sehr gesprächig, aber freundlich."
"Das klingt wie er. Schon als Kind war er nicht viel für Gerede."
"Sie kannten ihn als Kind?"
"Ich bin hier aufgewachsen. Meine Mutter war seine Schwester. Wir haben oft die Ferien bei Onkel Herbert und Tante Marthe verbracht."
"Tante Marthe?"
"Seine Frau. Sie ist vor zehn Jahren gestorben. Krebs." Andreas Stimme wurde weicher. "Das hat ihn sehr mitgenommen. Sie waren über vierzig Jahre verheiratet."
Das erklärte einiges. Maren hatte sich immer gefragt, warum Käpt'n Behrens so allein gelebt hatte.
"Hatte er nach ihrem Tod keine... Gesellschaft?", fragte sie vorsichtig.
"Nicht dass ich wüsste. Er ist ein treuer Mann. War ein treuer Mann. Für ihn gab es nur Marthe."
Sie schwieg wieder, und Maren überlegte, wie sie das Gespräch auf die Ereignisse der letzten Tage lenken konnte.
"Andrea", sagte sie schließlich, "was genau ist passiert? Ich meine, mit dem Unfall?"
Andreas Gesicht wurde hart. "Das weiß niemand so genau. Die Polizei sagt, er ist die Treppe runtergefallen. Aber es gibt noch keine offiziellen Ergebnisse."
"Ist das... wahrscheinlich? Ich meine, er war doch noch sehr fit."
"Das dachte ich auch. Onkel Herbert war immer sehr vorsichtig", sagte Andrea und stellte ihre Kaffeetasse ab. "Als Kind hat er uns ständig ermahnt, nicht zu nah an die Klippen zu gehen oder bei Sturm draußen zu spielen. Er war geradezu zwanghaft, was Sicherheit anging."
Maren nickte nachdenklich. Das bestätigte ihren Eindruck von Käpt'n Behrens.
"Trotzdem" fuhr Andrea fort, "Unfälle passieren. Besonders im Alter." Sie seufzte. "Ich hätte nicht so stur sein sollen. Hätte öfter versuchen sollen, ihn zu kontaktieren."
"Das konnten Sie nicht ahnen", tröstete Maren sie. "Familie ist kompliziert. Glauben Sie mir, ich weiß das."
"Haben Sie auch...?"
"Eine Ex-Familie", sagte Maren mit einem schiefen Lächeln. "Geschieden, keine Kinder, und meine Eltern sprechen nicht mehr mit mir, seit ich das Verlagsgeschäft aufgegeben habe, um Buchhändlerin zu werden. Sie hielten das für einen kompletten Nervenzusammenbruch."
"War es das?"
"Vielleicht. Aber es war der beste Nervenzusammenbruch meines Lebens."
Andrea lächelte zum ersten Mal richtig. "Das klingt wie eine interessante Geschichte."
"Für ein anderes Mal", sagte Maren. "Jetzt geht es um Sie und Ihren Onkel. Wie kann ich Ihnen helfen?"
"Ich muss die Beerdigung organisieren. Die Polizei hat gesagt, dass sie den... dass sie Onkel Herbert wahrscheinlich morgen freigeben. Ich dachte an eine Trauerfeier am Montag."
"Das ist eine gute Idee. Soll ich Ihnen bei den Arrangements helfen? Ich kenne hier alle wichtigen Leute."
"Das wäre wunderbar. Ich bin völlig überfordert. In Hamburg organisiere ich täglich komplizierte Operationen, aber hier..." Sie machte eine hilflose Handbewegung.
"Hier funktioniert alles anders", vervollständigte Maren. "Lassen Sie mich raten: Sie haben bereits versucht, den Bestatter anzurufen, aber er war beim Mittagessen. Dann haben Sie in der Kirche angerufen, aber Pfarrer Moldenhauer macht gerade sein Mittagsschläfchen. Und der Bäcker, bei dem Sie Kuchen für den Leichenschmaus bestellen wollten, hat Ihnen erklärt, dass Freitag sowieso Ruhetag ist."
Andreas Augen weiteten sich. "Woher wissen Sie das?"
"Willkommen in Sturmkap", sagte Maren lachend. "Hier läuft die Zeit anders. Nach Hamburg-Standards sind wir alle hoffnungslos ineffizient. Nach Sturmkap-Standards sind Sie hoffnungslos gehetzt."
"Das erklärt einiges. In Hamburg würde ich drei Telefonate führen und alles wäre organisiert."
"Hier führen Sie drei Telefonate und erfahren, dass Herr Krauss, der Bestatter, erstmal seine Katze zum Tierarzt bringen muss, weil sie wieder Fisch gestohlen hat. Dass Pfarrer Moldenhauer grundsätzlich keine Termine vor dem Kaffeetrinken um vier Uhr macht. Und dass Bäcker Jörgensen nur dann Kuchen backt, wenn seine Frau nicht gerade ihre Schwester in Lübeck besucht."
Andrea starrte sie an. "Sie machen Witze."
"Leider nein. Aber keine Sorge, ich kenne die Tricks. Um zwei Uhr ist Krauss wieder da – seine Katze hat nämlich nur so getan, als wäre sie krank, weil sie keine Lust auf den Tierarzt hatte. Um vier sprechen wir mit dem Pfarrer, und Frau Jörgensen ist seit gestern wieder zurück, was bedeutet, dass sie heute gute Laune hat und garantiert zu viel Kuchen backt."
"Sie kennen sich wirklich aus."
"Fünf Jahre Sturmkap machen aus jedem Großstädter einen Experten für kleinstädtische Eigenarten. Das Geheimnis ist, nicht gegen das System zu kämpfen, sondern mit ihm zu fließen."
Die Ladentür klingelte, und Brunhilde Carstens kam herein. Brunhilde war eine dünne Frau Ende Vierzig mit scharfen Augen und dem Instinkt eines Trüffelschweins für Neuigkeiten. Sie arbeitete in der Gemeindeverwaltung und wusste praktisch alles über jeden in Sturmkap.
"Moin, Maren", sagte sie und musterte Andrea neugierig. "Neue Kundin?"
