6,99 €
Ein Mord verbindet – oder trennt.
Privatdetektivin Mel Tillman weiß das nur zu gut. Gemeinsam mit ihrer sechszehnjährigen Freundin Chloe Harper hat sie vor vielen Jahren den Kleingangster Toby Dunne im Wald begraben. Toby hatte Mel terrorisiert, doch schlaflose Nächte bereitet ihr nur Chloe – das Mädchen, das sie liebte und das inzwischen spurlos verschwunden ist.
Als Chloes Familie Mel bittet, sie zu finden, folgt sie der Spur bis in die kanadische Wildnis – und stößt auf eine bewaffnete Chloe, die dort in einem mit Fallen gesicherten Gebiet lebt. Nicht ohne Grund, denn was sie damals im Wald zurückließen, war mehr als eine Leiche: Toby hatte etwas gestohlen, und eine mächtige Familie will es um jeden Preis zurück.
Ein hochemotionaler, rasant erzählter Thriller über Schuld, Liebe und Rache – und zwei Frauen, die sich nie hätten wiedersehen dürfen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Tess Sharpe
Tödliche Freundinnen
Thriller
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Herausgegeben von Thomas Wörtche
Suhrkamp
Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.
Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.
Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 5532.
Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026Copyright © 2025 by Tess Sharpe
Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Umschlagfotos: FinePic©, München (Frau links, Schaufel, Wald), Westend61/Getty Images (Frau rechts), Scott MacBride/Getty Images (Grab-/Grubenwände)
eISBN 978-3-518-78664-2
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
1
DER CRASH
1
MEL. Vierzig Minuten nach dem Flugzeugabsturz
2
CHLOE. Zwölf Stunden nach Chloes Sweet-Sixteen-Party
3
MEL. Eine Woche vor dem Flugzeugabsturz
4
CHLOE. Eine Woche nach Chloes Sweet-Sixteen-Party
5
MEL. Zwei Tage vor dem Flugzeugabsturz
6
MEL. Einen Tag vor dem Flugzeugabsturz
7
MEL. Einen Tag vor dem Flugzeugabsturz
8
CHLOE. Zwölf Stunden vor dem Flugzeugabsturz
9
CHLOE.
Acht Monate vor Chloes Sweet-Sixteen-Party
2
DIE PARTY
10
MEL. Acht Stunden vor dem Flugzeugabsturz
11
RICK. Sechs Stunden vor dem Flugzeugabsturz
12
MEL. Vier Stunden vor dem Flugzeugabsturz
13
MEL. Drei Stunden vor Chloes Sweet-Sixteen-Party
14
MEL. Drei Stunden vor dem Flugzeugabsturz
15
CHLOE. Die Sweet-Sixteen-Party
16
CHLOE. Der Flugzeugabsturz
17
MEL. Die Sweet-Sixteen-Party
18
GIGI. Am Morgen des Flugzeugabsturzes
3
DAS PROBLEM
19
RICK. Nach dem Flugzeugabsturz
20
MEL. Nach dem Flugzeugabsturz
21
MEL. Zwei Monate nach Chloes Sweet-Sixteen-Party
22
CHLOE. Nach dem Flugzeugabsturz
23
CHLOE. Zwei Jahre nach Chloes Sweet-Sixteen-Party
24
MEL. Nach dem Flugzeugabsturz
25
MEL. Nach dem Flugzeugabsturz
26
MEL. Drei Monate nach Chloes Flucht
27
MEL. Nach dem Flugzeugabsturz
IV
DIE LEICHE
28
MEL. Drei Jahre nach Chloes Flucht
29
RICK
30
MEL
31
CHLOE
32
CHLOE
33
MEL
V
DIE WAHRHEIT
34
CHLOE. Zweieinhalb Jahre nach Chloes Flucht
35
CHLOE. Zwanzig Minuten nachdem Junior auf Whitney geschossen hat
36
MEL
37
. Vor wenigen Stunden
38
GIGI. Vor wenigen Stunden
39
CHLOE
40
CHLOE
41
MEL
42
RICK
43
CHLOE
44
MEL
45
MEL
46
MEL
47
CHLOE
Danksagung
Informationen zum Buch
Tödliche Freundinnen
Für meine Freundinnen und Freunde bei Trifecta.Ich bin euch so dankbar. Für eure Freundschaft, euren Rat und eure Perspektiven aufs Leben und aufs Schreiben.Außerdem bitte ich um Entschuldigung dafür, dass ich zwei Jahre lang nonstop über wildlebende Pfauen geredet habe.
Vierzig Minuten nach dem Flugzeugabsturz
Mels erster Gedanke ist: Das ist nicht die Decke des Flugzeugs.
Sie starrt hinauf in den blauen Himmel und auf die Kiefern, die nicht da sein sollten, und versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Ihre Ohren klingeln, ihr Kopf schmerzt, als wäre ihre Schläfe mit einem Baseballschläger attackiert worden.
Was um alles in der Welt ist hier los? Sie blinzelt langsam, dann schneller, ihre Augen stechen, aus den Winkeln sickern Tränen.
Qualm. Es ist Qualm. Erstickend, schwarz, dicht, in Mund und Nase beißend. Sie hustet, hebt den Arm, um ihr Gesicht zu schützen.
Es brennt.
Nein. Das stimmt nicht ganz.
Noch ein paar Mal heftig blinzeln. Ihre Nase ist verstopft von der giftigen schwarzen Wolke, die sie umgibt und von vorn wie durch einen Trichter eindringt. Noch keine Flammen.
Aber der Qualm. Das Flugzeug …
Oh, Scheiße.
Das Flugzeug ist abgestürzt.
Dann denkt Mel nichts mehr.
Sie überlebt einfach, will sich mühevoll aus ihrem Sitz kämpfen, bloß um von dem immer noch angelegten Sicherheitsgurt zurückgerissen zu werden. Sie befreit sich und registriert, wie der Boden der Maschine sich auf dramatische Weise nach links neigt und unter ihrem Gewicht wackelt.
Komm auf die Füße, Tillman. Im Kopf hört sie deutlich die Stimme ihrer alten Highschool-Trainerin. Sie gibt sich einen Ruck, torkelt zur Seite, ihre Beine zittern unkontrolliert.
Mel schaut nach unten, ihr Puls schlägt in den Ohren wie das Klappern einer Schlange. Dunkles Blut fließt über ihre Wade. Je länger sie daraufstarrt und sich bemüht, zu begreifen, desto deutlicher spürt sie das dumpfe Pochen in ihrem Bein. Sie neigt den Kopf nach rechts und … oh!
In ihrem Bein steckt ein Steakmesser. Vom Mittagessen. Sie haben gerade gegessen, als …
Das Hühnchen. Etwas muss in dem Hühnchen gewesen sein.
Aber sie hat keine Zeit, um Ordnung in die Dinge zu bringen. Sie hat ein Messer im Bein und wurde unter Drogen gesetzt. Das Cockpit brennt. Das Flugzeug hat kein Dach mehr – oder keine Decke oder wie immer man das Oberteil eines Flugzeugs nennt.
Warum zum Teufel lebt sie noch?
Und wo sind all die anderen?
Pilot. Co-Pilot. Flugbegleiterin. Chloe. Vor dem Betreten der Privatmaschine hat sie durchgezählt. Eine siebensitzige Cessna. Knapp dreizehn Meter. Fünf Personen, sie selbst eingerechnet.
Chloe. Als ihr der Name verschwommen durchs Hirn geistert, beginnt ihr Herz zu hämmern.
»Chloe!«, ruft sie. »Chloe! Bist du hier drin?«
Keine Antwort.
Hat sie es nach draußen geschafft? Mel schaut sich fieberhaft um. Während des Mittagessens war sie zur Toilette gegangen. Das ist Mels letzte Erinnerung …
Scheiße. Was war in dem Hühnchen, das ihnen serviert wurde?
Atme, Tillman!
Sie muss sich das Messer aus dem Bein ziehen. Zuerst und vor allem anderen. Dann muss sie Chloe suchen. Der Rauch wird immer dichter. Wenn das Feuer den Treibstofftank erreicht …
Mel starrt auf das knapp drei Zentimeter tief in ihrem Bein steckende Messer … Ihre Finger schließen sich um das Heft. Sich auf den Schmerz gefasst zu machen, hilft nicht, also reißt sie es einfach heraus. Ihr Schrei wird durch die zusammengebissenen Zähne ein wenig gedämpft, frisches Blut läuft ihr Bein hinunter. Auf den stechenden Schmerz folgt ein dumpfes Pochen.
Sie wird die Wunde später verbinden. Erst muss sie hier raus. Sie steckt das Messer in den Bund ihrer Jeans und taumelt in den Gang, Richtung Toilette. Aber als sie die Tür erreicht, ist der Raum leer.
»Chloe!«, schreit sie und wankt den Gang wieder zurück, an ihrem Sitz vorbei, Richtung Notfallhebel. Er befindet sich rechts, sie hat es sich beim Einsteigen gemerkt. Sie muss nur bis dorthin kommen …
Ihr Fuß bleibt irgendwo hängen. »Schei…« ist alles, was sie herausbringt, bevor sie zu Boden kracht. Ihr Ellbogen stößt schmerzhaft gegen einen Sitz, aber auch darüber kann sie sich keine Gedanken machen, denn jetzt – so knapp über dem Boden – sieht Mel, worüber sie gestolpert ist. Ein menschlicher Körper. Blonde Haare.
Bitte lass es nicht Chloe sein. Bitte lass es nicht Chloe sein.
»Chloe?« Mel berührt die Schulter der Frau und zieht sie näher zu sich heran. Sie hasst sich selbst für den Schwall der Erleichterung, als sie die Flugbegleiterin erkennt. Über die Stirn der Frau rinnt Blut. Offenbar hat sie sich nicht rechtzeitig auf ihrem Notsitz angeschnallt.
Mels Finger gleiten zu ihrem Hals. Kein Puls. Mel rutscht das Herz bis in die Kniekehlen, ein allzu vertrautes Gefühl.
Dies ist nicht ihre erste Leiche. Allerdings ihr erster Flugzeugabsturz, was wahrscheinlich erklärt, warum sie hier kniet und viel zu lange verzweifelt nach einem Puls tastet.
Rappel dich auf, Tillman.
Sie kann die Frau hier nicht verbrennen lassen. Mel kennt den Schmerz nur zu gut, wenn man keine Leiche zum Beerdigen hat. Wenn Steine über leeren Gräbern stehen. Also packt sie die Flugbegleiterin unter den Armen und zerrt sie nach vorn. Um sie herum wabert der Qualm, vor lauter Tränen kann sie kaum sehen, bis sie entdeckt: Der Qualm dringt nach draußen.
Der Notfallhebel wurde schon umgelegt. Die Tür ist offen.
Chloe. Sie ist draußen. So muss es sein.
»Komm schon«, sagt sie halb zu sich selbst und halb zu der Leiche, während sie erst sich selbst und dann die Tote aus der Maschine hievt. Es geht ein Stück nach unten. Nicht schön. Kurz vor dem Kotzen versucht sie, sich zusammenzureißen. Sie muss weg vom Feuer und von dem Wrack.
Fünf Meter. Weiter kann sie die Tote nicht zerren, bevor sie würgend zu Boden fällt, den schrecklichen Geschmack von Treibstoff, Rauch und Blut im Mund.
»Chloe!«, ruft sie.
Aus dem Cockpit steigt eine Rauchfahne zum Himmel. Mel starrt hilflos hin und versucht, durch den Qualm irgendetwas zu erkennen. Hat es sonst noch jemand nach draußen geschafft? Der Pilot? Der Co-Pilot?
Ist sie als Einzige übriggeblieben?
Nein. Chloe geht es gut. Es muss so sein.
»Chloe!« Wieder müht sie sich auf die Beine, die Welt dreht sich, neigt sich träge zur Seite, sodass sie alles um sich herum wie in einem Zerrspiegel wahrnimmt. Aber sie beißt sich auf die Innenseite der Unterlippe, der plötzliche Schmerz hilft ihr, sich zu konzentrieren und einen Moment lang klar zu denken.
Ganz langsam schlurft sie los. Einen Schritt, dann zwei, dann entfernt sie sich von dem Wrack.
Ringsum sind nur Kiefern. Sie sind mitten in den Bäumen gelandet. Wahrscheinlich fehlt deshalb der obere Teil der Maschine, er ist einfach abgerissen worden.
Die Bäume hier sind alt und atemberaubend hoch. Sie ist in einer Gegend, in der schon lange nicht mehr abgeholzt wurde. Langsam humpelnd dreht sie sich einmal im Kreis, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wo sie sich befindet. Sie hat beim Start die Jalousie vor ihrem Fenster geschlossen, weil ihr immer mulmig wird, wenn sie die Landschaft auf Briefmarkengröße schrumpfen sieht.
Wie lange waren sie in der Luft? Drei, vier Stunden? Dann mussten sie jetzt … wo genau sein? In welchem Wald? In welchem Staat? Waren sie überhaupt schon aus Kanada heraus?
Ihr Kopf pocht, während ihre Gedanken sich überschlagen, ohne dass sie einen Anhaltspunkt oder irgendwelche Antworten findet.
»Chloe!« Diesmal formt sie die Hände vor dem Mund zu einem Trichter und hofft, dass ihre Stimme weiter trägt. Sie muss Chloe finden.
Mel wirft einen Blick zum Flugzeug. Hat sie sie möglicherweise übersehen? Sie muss nachschauen. Um sicherzugehen.
Sie taumelt auf das brennende Wrack zu.
»Hey!«
Mel bleibt reglos stehen. Die plötzliche Anspannung lässt sie unwillkürlich die Augen schließen und schnell wieder öffnen. Das Adrenalin scheint ihre Augäpfel hervortreten zu lassen.
Sie ist das Kaninchen in der Falle. Lauf, Rotkäppchen, bevor der böse Wolf dich schnappt.
Nat Parker, die Privatdetektivin, die Mel alles beigebracht hat, was sie weiß, hat immer gesagt, Angst sei ein Geschenk. Sobald man echte Angst verspürt habe, bleibe eine Narbe zurück, die zu schmerzen beginne, wenn man in irgendwelche Scheiße hineinstolpert. Ihr Körper ist erfahren genug, um diese Narbe zu spüren, sobald es losgeht. Nicht erst, wenn sie mittendrin steckt.
Wenn man die Gefahr vom ersten Moment an spürt, kann man sich wehren. Wenn man sie erst später merkt, ist man am Arsch.
»Hey«, sagt die Stimme noch einmal.
Eine Männerstimme. Nicht die von Chloe.
Der Pilot? Nein. Er war Brite. Der Co-Pilot auch.
Sie hat beide überprüft. Sie hat ihren Job gemacht. In diesem Job ist sie richtig gut. Sie hat sich mit der Besatzung getroffen. Sich ihre Gesichter und Stimmen und Eigenheiten eingeprägt. Sie hat das Flugzeug gesichert, bevor Chloe es überhaupt betreten hat.
Mel schließt die Finger um das Steakmesser im Bund ihrer Jeans.
Angst ist ein Geschenk, Tillman. Jetzt klingt die Stimme in ihrem Kopf nach einem Mix aus ihrer alten Highschool-Lehrerin und Nat Parker. Diese Stimme wird das Letzte sein, was sie jemals hört.
Sie hält das Messer in der Faust. Eng an ihrer Seite. Als Wurfmesser taugt es nicht, das Gewicht stimmt nicht.
Verdammt noch mal, die letzten achtzehn Stunden waren wirklich beschissen.
Mel dreht sich langsam um, und ja, da steht tatsächlich ein Kerl. Ein Kerl, der definitiv nicht im Flugzeug war.
Ihr Hirn tut das, was es immer tut. Maschinengewehrartig hakt es eine Liste ab, während ihr Blick alles von seiner Mütze – gestrickt und fest über die Ohren gezogen – über seine Jacke – auf dem Arm ist ein dunkler Fleck, er hat vor Kurzem einen Aufnäher abgerissen – bis zu seinen Schuhen registriert – Sneakers, keine Wanderschuhe, eine Ausbuchtung am Sprunggelenk.
Wie Eiswürfel, die in ein Glas gekippt werden, fallen sämtliche Informationen blitzschnell an Ort und Stelle: Er hat irgendwo ein Fahrzeug versteckt. In dieser Umgebung entweder ein Auto mit Vierradantrieb oder ein Geländemotorrad. Ansonsten würde er geeignetere Schuhe anhaben. Das Fahrzeug steht ein gutes Stück entfernt, sonst hätte sie den Motor gehört. Die Ausbuchtung an seinem Fußgelenk ist eine Pistole. Normalerweise benutzt man hier Gewehre oder Schrotflinten. Mit einer Pistole lässt sich gegen Bären wenig ausrichten.
Wer mitten im Wald mit einem Knöchelholster herumläuft, ist entweder ein Krimineller oder ein Cop. Und die Gesichtsbehaarung dieses Typen schließt einen Cop aus.
»Hey, alles in Ordnung?«, fragt er und zieht die dunklen Brauen besorgt zusammen. Mels Puls hämmert Lauf, Rotkäppchen, lauf, aber ihre Füße bleiben wie angewurzelt stehen, denn: Chloe. Wo ist sie? Hat er sie?
»Ich hab von meiner Jagdhütte aus den Rauch gesehen. Scheiße. Sind Sie … sind Sie abgestürzt? Sind Sie verletzt? Gibt es noch mehr Überlebende?«
Eine halbplausible Geschichte. Sie würde sie glauben, aber für Jagdhütten sind sie zu tief im Wald. Außerdem sucht sein Blick die Umgebung ein bisschen zu gründlich ab.
Auf die Leiche der Flugbegleiterin hat er nicht reagiert.
Das sagt ihr alles. Hilfe zu leisten ist nicht sein Ziel. Es geht ihm um etwas anderes. Sein Blick zielt über Mels Kopf hinweg, streift an den Bäumen entlang.
Die Einzelheiten passen nicht zusammen, und Mels Verstand arbeitet bemerkenswert klar. Sie verspürt den Impuls zu lachen und gibt ihm nach, denn das alles ist irgendwie absurd. Nicht mal ein Flugzeugabsturz bringt ihr Hirn zum Innehalten. Als Kind hat sie ihren Vater mit der Art, wie sie alles bemerkt und immer wieder Fragen gestellt hat, zur Verzweiflung getrieben. Dann schnellte Bobs Faust in ihre Nieren – einmal, zweimal oder vielleicht dutzende Male. Irgendwann ging sie nur noch dann nach Hause in den Trailerpark, wenn sie sicher war, dass er schlief.
»Ich bringe Sie in Sicherheit«, verspricht der Mann, während sie immer noch lacht. »Soll ich vielleicht …«
Er macht einen Schritt nach vorn und schiebt die rechte Hand hinter den Rücken.
Lauf.
Ihre Muskeln spannen sich an, dann zuckt ihr ganzer Körper, als etwas unmittelbar an ihr vorbeisaust. So schnell und so nah, dass sie den Luftzug an ihrem Ohr spürt. Ein Zischen in der Luft, das sie erschreckt zurückweichen lässt.
Es folgt das dumpfe Geräusch eines Pfeils, der sein Ziel trifft.
Mel kennt dieses Geräusch gut. Selbst nach all den Jahren ohne sie.
Ein zweiter Pfeil rauscht vorbei und landet sauber ganz dicht neben dem ersten in der Brust des Mannes.
Chloe wusste immer, wie sie ihre Pfeile zu setzen hatte.
Zitternd geht der Mann in die Knie. Als er vornübersackt, fällt ihm die Waffe, nach der er gegriffen hat, aus der Hand. In Mels Hirn klingelt es wie bei einem Hau-den-Lukas-Stand auf dem Jahrmarkt.
Ding, ding, ding. Und wieder hat Angst ist ein Geschenk gewonnen.
Mel dreht sich um.
Da ist sie, endlich. Von Flammen angestrahlt vor qualmendem Hintergrund wie eine scheiß Actionheldin. Ihre blonden Haare bilden einen wüsten Heiligenschein. Auf ihrer Wange ist eine klaffende Wunde zu sehen, aber sie lebt. Sie hat gerade einen Mann erschossen – Himmel, Chloe! –, aber sie lebt.
Mel würde sich am liebsten an sie klammern, als kämen sie gerade aus dem Krieg zurück. Denn tun sie das nicht? Aber Chloe ist ganz geschäftsmäßig. Sie hat einen dritten Pfeil in ihren Compoundbogen eingespannt – wo zum Teufel hatte sie den versteckt? Zusammengefaltet in ihrem Rucksack, oder was?
»Alles in Ordnung?« Chloe senkt den Blick. »Du blutest.« Ihre Stimme wird weicher. Fast dringt sie durch Mels Zorn hindurch. Fast.
»Das Flugzeug ist abgestürzt«, sagt Mel. »Ich bin mit einem Steakmesser im Bein zu mir gekommen. Mit ziemlicher Sicherheit war irgendetwas in dem Hühnchen, das uns serviert wurde. Und du hast gerade irgendeinen Typen erledigt. So gesehen ist nicht alles in Ordnung, Chloe.«
Chloe ignoriert Mels zunehmend aggressiveren Ton und geht dicht an ihr vorbei zu der Leiche.
»Er hat mich aus dem Flugzeug gezerrt. Er war nicht hier, um uns zu retten.«
»Chloe …« Mel macht einen Schritt auf sie zu, aber Chloe dreht den Mann mit einem Fuß unsanft auf den Rücken. Mel spürt, wie ihre Angst schwächer wird, denn – ja! – der Typ ist supertot, was wahrscheinlich gut ist, wenn man alle Umstände in Betracht zieht. Aber die Angst kommt gleich zurück, als Chloe einen Fuß auf die Brust des Mannes setzt, die Pfeile mit einer Hand packt und sie mit einem schmatzenden Geräusch herauszieht, sodass Blut und kleine Teilchen aufspritzen. Mel verzieht das Gesicht und versucht, die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken.
»Wir müssen hier weg«, sagt Chloe, steckt die blutigen Pfeile in den Köcher, kniet sich neben den Toten und steckt die Hände in die Taschen, um ihn zu durchsuchen. Außer einem Reservemagazin findet sie nichts, also schnappt sie sich die Pistole und das Holster. Dann steckt sie die Patronen in die Tasche, steht auf und streckt Mel erwartungsvoll die Pistole entgegen.
Mel starrt erst sie, dann die Waffe an. Dann wieder Chloe.
Sie zieht die Augen zu Schlitzen zusammen, ihr Kopf pocht.
Mein Gott, was für eine beschissene Woche.
»Melanie.« Chloe wackelt mit der Waffe. »Nimm sie. Wir müssen hier weg.«
»Willst du mich verarschen?«
Chloe runzelt die Stirn. Und dann! Sie knurrt! Als wäre sie der verdammte Wolf und Mel wollte sie nicht an ihre Mahlzeit lassen.
Das bringt Mel endgültig aus der Fassung.
»Du« – sie deutet auf Chloe – »wirst jetzt die letzten achtzehn Stunden erklären. Anschließend erklärst du die letzten sechs Jahre.«
»Ich …«, setzt Chloe an.
»Neeiiin.« Mel zieht das Wort in die Länge, teils, weil sie wahrscheinlich eine Kopfverletzung hat, aber auch, weil sie richtig sauer ist. »Vor achtzehn Stunden musste ich einen Fluss durchqueren wie eine Pionierin auf dem Oregon Trail. Dann hab ich herausgefunden, dass dein Grundstück bis zum Gehtnichtmehr mit Fallen bestückt ist wie eine Cannabisplantage in den Siebzigerjahren. Als ich mich durch alles durchgekämpft habe, stelle ich fest, dass du gar kein Cannabis anbaust, nicht mal ein kleines bisschen. Nein, da bist nur du! Mitten in Kanada, am Arsch der Welt wie Nell in diesem Jodie-Foster-Film. Du weigerst dich, Kontakt mit deiner Familie aufzunehmen, die daraufhin eine Privatdetektivin anheuert, um dich aufzuspüren!«
Chloe zieht die Augen zusammen und reibt sich die Stirn, wodurch Blut und Ruß noch weiter verteilt werden.
»Unglaublich, dass sie ausgerechnet dich angeheuert haben.«
Mel funkelt sie an und wünscht, sie könnte mit purer Gedankenkraft Dinge in Brand setzen. »Haben sie nicht. Sie haben Nat Parker angeheuert, meine Chefin.«
Chloe legt die Stirn in Falten. »Du arbeitest für Nat Parker?«
Mel beißt die Zähne zusammen und bohrt ihre Stiefelspitze in den Erdboden. »Nachdem du abgehauen bist, wurde alles kompliziert.«
»Nat Parker hat dich des Mordes beschuldigt!«
»Wie gesagt: kompliziert.«
»Das war nicht der Plan, als ich verschwunden bin«, sagt Chloe. »Mel, ehrlich, das ist das Letzte, was ich …«
Knack.
Sie zuckt zusammen. Das Geräusch macht ihr eine Gänsehaut. Chloe hebt den Bogen und spannt ihn in einer einzigen flüssigen Bewegung. Von der Spitze des Pfeils tropft Blut. Sie bewegt sich langsam im Kreis und versucht, die Quelle des Geräuschs auszumachen.
Bis auf das wilde Knistern des brennenden Flugzeugs ist nichts zu hören.
»Wir müssen hier weg«, sagt Chloe wieder. »Ich erkläre es dir. Unterwegs.«
Als Mel siebzehn war, kannte sie Chloes Gesicht besser als ihren eigenen Handrücken. Jede Kurve, jede Sommersprosse, den Glanz ihrer Augen, die rasiermesserscharf funkelten, wenn sie auf Mel ruhten.
Man fühlte sich von Chloe auf eine Weise gesehen, die schmerzte, wenn man ihr zu nahe kam.
Und Mel kam ihr zu nahe, wieder und wieder. Sie schnitt sich an Chloes süßer Schärfe in Fetzen, aber sie wollte immer mehr. Bettelte darum. Liebte sie dafür.
Chloe war diejenige, die davonkam. Nicht nur mit Mels Herzen. Mit allem.
»Mel«, sagt Chloe. »Du musst mir vertrauen. So wie ich dir vertraut hab, als ich zugestimmt hab, nach Hause zu kommen.«
Wieder streckt sie ihr die Pistole entgegen.
Schneid mich. Nimm mich. Lieb mich.
»Ich bin dieselbe, die ich immer war«, sagt Chloe.
Mel nimmt die Waffe.
Sie denkt: Genau davor habe ich Angst.
Als sie die Hand zurückzieht, streifen sich ihre Finger.
Sie denkt: Deine Haut ist so weich, wie ich sie in Erinnerung habe.
Mel nimmt das Magazin heraus, überprüft die Patronen und steckt es wieder ein.
Sie denkt: Ich hätte niemals auf Chloe Harpers Sweet-Sixteen-Party gehen sollen.
Zwölf Stunden nach Chloes Sweet-Sixteen-Party
Es ist noch immer unter ihren zerfetzten Fingernägeln, ein dunkler Schatten unter den Resten des pinken Lacks. Chloe sieht es, wenn sie die Hand umdreht: Blut, das sich bräunlich färbt.
Sie dachte, sie hätte alles entfernt. Also steckt sie die Hände wieder in den Fluss und scheuert wie wild, obwohl ihre Fingerspitzen schon wund sind. Der Nagel, den sie sich fast ausgerissen hätte, pocht unter den verbliebenen Resten ihrer Haut.
Vor zwei Tagen hat ihre Mom sie mitgenommen, um sich die Nägel machen zu lassen. Es war ein besonderes Geschenk für ihre Party. Mom lässt sich zweimal im Monat zusammen mit Olivia die Nägel machen, aber Chloe hat sie selten mitgenommen. Es wäre nicht nötig, sagte Mom, weil sie sich die Politur immer abstieße – in den Ställen oder auf der Bogenschießanlage, die ihr Daddy gebaut hatte. Mit solchen Dingen verschwendete Olivia keine Zeit, also bekam sie Maniküren und Termine im Spa.
Chloe sieht das Wasser zwischen ihren Fingern fließen und wünscht sich, es könnte auch sie mit forttragen.
Was jetzt kommt, ist fast so beängstigend wie das, was sie gerade überlebt hat. Aber sie kann nicht mehr weglaufen.
Sie hört Mels Schritte auf dem glatten felsigen Ufer. Die vom Wasser geglätteten Steine prallen unter ihren Füßen dumpf aneinander. Chloe steht auf und schüttelt sich das Wasser von den Händen.
»Das Auto ist bereit«, sagt Mel. »Wir müssen es zu zweit über die Kante schieben.«
Chloe schaut über Mels Schulter. Dort steht ihr, Chloes, brandneuer BMW direkt am Steilufer. Er ist mit Schlamm verschmiert und schon halb ruiniert, einer der Scheinwerfer und die Windschutzscheibe sind zerbrochen.
»Mein Dad bringt mich um.« Etwas anderes fällt ihr nicht ein.
»Na ja, da wäre er heute nicht der Erste, der es probiert«, erwidert Mel.
Erschreckt hebt Chloe den Blick und schaut in Mels goldbraune Augen. Die Worte stehen für einen Moment zwischen ihnen. Mels Mundwinkel zuckt, als sich das Schweigen hinzieht. Dann wird es zu viel, in Chloes Brust baut sich die Spannung immer weiter auf, bis sie in prustendes Gelächter ausbricht. Es erhebt sich in den grauen Himmel vor der Morgendämmerung, begleitet von Mels irrem Kichern. Vom Fluss steigt Kühle hoch, Chloes Körper bebt vor Lachen, Gänsehaut überzieht ihre verletzte Haut.
Als Mels Finger sich um ihre Handgelenke schließen, ebbt Chloes Lachen ab. Mels Berührung ist so sanft, dass es für ihre Gänsehaut plötzlich noch einen zweiten Grund gibt.
»Wir halten uns an die Geschichte. Ich hab dich überredet, den Wagen zu nehmen. Als ich mir die Hand verletzt hab, wollten wir zur Notaufnahme fahren.« Sie macht eine Pause. Chloe braucht einen Moment, bis ihr klar wird, dass sie den Rest erzählen soll.
»Auf dem Weg dorthin bin ich einem Reh ausgewichen«, sagt sie mit ungewohnt heiserer Stimme – kein Wunder, wenn man zuvor gewürgt wurde. »Wir sind ins Schleudern geraten, die Böschung hinuntergerast und irgendwo gegengekracht. Als wir zu uns kamen, waren wir aus dem Auto geschleudert worden. Irgendwann haben wir den Fluss entdeckt und sind ihm bis zur Straße gefolgt.«
Mel nickt, aber sie kaut auf ihrer Unterlippe herum, die schon knallrot ist. »Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden«, sagt sie. »Irgendwann fällt auf, dass Toby nicht mehr da ist, dann stellen die Leute Fragen. Wir müssen wieder zurück zur Normalität.«
»Ich weiß«, sagt Chloe. »Ich weiß«, sagt sie noch einmal. Nicht um es real werden zu lassen, sondern um die Bitterkeit in ihrem Mund zu schmecken. Es zu begreifen. Sie wird sich daran gewöhnen müssen.
Der Druck von Mels Händen wird stärker. Er fühlt sich nicht mehr wie eine Andeutung an, sondern wie eine Realität. Mels Wärme auf ihren Wunden. Mit dieser Wärme könnte sie eine ganze Stadt durch den Winter bringen.
Es ist das letzte Mal, dass sie mich berührt. Chloe starrt auf Mels Finger hinunter und macht sich klar, wann das erste Mal war – vor gerade mal ein paar Stunden. Da sollte es nichts ausmachen, dass jetzt das letzte Mal ist.
Aber das tut es.
So sehr.
»Alles wird gut«, versichert ihr Mel.
Aber das kann nicht sein, weil sie hier endet, die schreckliche, endlose, ihr Leben verändernde Nacht.
Sie ist nicht mehr das Mädchen, das sie gestern Nachmittag um fünf war. Als die ersten Partygäste kamen, war sie nur eine Ahnung dessen, was sie jetzt ist.
Aber dass sie sich in so kurzer Zeit so stark verändert, fühlt sich vertraut an. Das ist ihr im letzten Jahr auf der Straße passiert, bei der Tragödie, die dies alles in Gang, die sie in Tobys Umlaufbahn gebracht hat. Und jetzt ist sie hier. Schon wieder eine ganz neue Person.
Jetzt ist sie ein Mädchen, das etwas Gutes bekommen hat, während es gejagt wurde.
Jetzt muss sie es wieder loslassen.
Es ist der einzige Weg, sie beide zu retten.
»Bist du bereit?«, fragt Mel.
Chloe möchte von ganzem Herzen Nein sagen. Sie muss den Grund erfahren. Sie muss immer wissen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Hier und jetzt steht sie vor dem größten Warum ihres Lebens. Weil sie es nicht mal ansatzweise begreift.
Warum zum Teufel hat Melanie Tillman alles riskiert? Für sie?
Sie öffnet den Mund, um zu fragen, aber Mel löst den Griff von Chloes Händen, und sie … schafft es einfach nicht. Es darf nicht vorbei sein. Chloes Hände tasten, wollen die Verbindung verzweifelt aufrechterhalten. Ihre Finger berühren und verschränken sich. Vorsichtig, weil Mels Haut verbrannt ist und Chloe sich die Fingerspitzen wundgerieben hat.
Das Gefühl raubt ihr den Atem: Handfläche auf Handfläche, Kratzer auf Schnittwunde, Quetschung auf Brandblase.
Dieses Mädchen hat für sie geblutet. Für sie gekämpft. Ihretwegen Finger gebrochen.
Jetzt soll sie sich von ihr trennen. Für immer.
Sag mir, warum. Ich muss es wissen. Warum bist du nicht einfach weggegangen?
Chloe leckt sich die Lippen und schmeckt Kupfer. Dann nimmt sie allen Mut zusammen.
»Mel, ich …«
Zu fragen ist zu viel. Zu wissen ist zu viel.
Alles in dieser Nacht ist … zu viel.
Sie macht einen Schritt nach vorn, dringt in Mels Raum ein, ihre verschränkten Hände heben sich, bilden die einzige Grenze, die zwischen ihnen noch bleibt. Ihre Zunge fühlt sich wie Baumwolle an, ihr Herz hämmert unter den misshandelten Knochen. Wenn sie jetzt noch irgendetwas denkt, wird sie schreien.
Also hört sie mit Denken auf.
Ihr Daumen streicht über Mels Handgelenk, weil die Haut dort nicht verletzt ist. Mel senkt den Blick, folgt der Bewegung. Als sie wieder aufschaut, hält Chloe ihrem Blick stand.
Sie bewegt sich vorwärts, bis sie glaubt, dass sie Mel nicht mehr näher kommen kann, aber als ihre Lippen sich berühren, merkt sie, dass es tatsächlich noch näher geht. Dass es mehr gibt.
Es gibt sie.
Es ist nur dieses eine Mal, sagt Chloe sich. Danach dürfen wir nicht mehr miteinander reden. Ich werde sie nie mehr berühren.
Ihr Atem dringt in Mels Mund, ein wütendes Schluchzen über die hässliche Wahrheit in der Schönheit von dem hier.
Es ist nur dieses eine Mal.
(Aber das ist es nicht. Es ist das erste Mal. Von vielen Malen.)
Das ist das Verrückte an einem Mord.
Er schafft eine Verbindung wie nichts sonst.
Eine Woche vor dem Flugzeugabsturz
Mel hat die Textnachricht bei einem Spaziergang im Miller Park bekommen, noch vor dem morgendlichen Kaffee.
Es ist Zeit.
Sie ist sofort ins Krankenhaus gefahren. Es ist ihr allererster Besuch. Sie hat sich gefragt, ob sie dorthin gehört.
Zwischen ihr und der Parker-Familie herrschte schon immer ein gewisses Unbehagen. Nats jüngste Tochter Tiffany ist in der Schule in Mels Jahrgang gewesen. Sie hat Toby gekannt. War sogar ein paar Monate mit ihm zusammen. Tiffany hat alles den Bach runtergehen gesehen. Nat hat ihrer Tochter erklärt, warum sich ihre Haltung Mel gegenüber um hundertachtzig Grad gedreht hat. Dabei hat es bei ihnen zu Hause sicher Fragen zu dem Thema gegeben. Eine Menge Fragen. Nat ist keine, die Antworten gibt. Es sei denn, man bezahlt sie dafür, diese Antworten aufzuspüren. Das weiß Mel nur zu gut. Sie hat das Gefühl, dass Tiffany und ihre ältere Schwester Claire es auch wissen.
»Das Zimmer von Nat Parker, bitte«, sagt Mel zu der Frau am Empfang.
»Zimmer 245.«
»Danke.«
Mel nimmt die Treppe, vielleicht, um es etwas hinauszuzögern. Sich der Front der um Nats Bett gruppierten Parkers gegenüberzusehen, ist keine angenehme Perspektive. Aber wenn sie gerufen wird, kommt sie. Das war der Deal zwischen Nat und ihr.
Früher hat Mel Angst vor ihr gehabt, sie vor allem gehasst. Dann hat sie sie geliebt, und jetzt verliert sie Nat.
Gott, Krebs ist ein derartiger Scheißkerl. Er nimmt der Welt eine Frau, die in ihrer Übellaunigkeit einzigartig ist, aber gleichzeitig keine Sekunde zögert, auf jeden Kindesmisshandler und Frauenschläger mit dem Baseballknüppel loszugehen.
Sie greift nach der Klinke der Treppenhaustür und merkt, dass ihre Hand zittert. Vor dem Öffnen muss sie dreimal tief durchatmen. Nats Zimmer liegt auf der Mitte eines weißen Gangs, auf dem Wagen mit medizinischen Geräten stehen. Viele Zimmertüren stehen offen, aber die Vorhänge um die Betten herum sind zugezogen.
Vor Nats Zimmer hält Mel zögernd inne. Ein Blick hinein zeigt, dass überraschenderweise niemand aus der Parker-Familie zu Besuch ist.
»Nat?«, ruft sie leise, tritt ein und reißt den Vorhang zurück.
Sie hat Nat seit sechs Wochen nicht gesehen und ist entsprechend schockiert. Es ist wie ein Hieb in den Magen, nur mit Mühe kann sie ihre Miene neutral halten. Nat hat so viel Gewicht verloren, dass ihr das Krankenhaushemd schlaff von den Schultern hängt. An der Nase ist eine Sauerstoffkanüle befestigt, Schläuche führen in Zugänge an ihrer Brust und im Bauchbereich.
Mel nähert sich vorsichtig dem Bett, um sie nicht zu wecken, falls sie schläft. Aber sobald sie das Fußende erreicht hat, öffnen sich Nats Augen. Ihre geschärften Sinne funktionieren noch.
»Kind«, sagt sie, wobei die rissigen Lippen sich zu einem Lächeln verziehen. »Du bist gekommen.«
Mel eilt an ihre Seite, schaut sich um. Auf dem Nachttisch steht eine Schale mit halb geschmolzenen Eiswürfeln, aus denen sie einen herausfischt und damit sanft über Nats Lippen streicht.
»Wo ist deine Familie?«, fragt Mel.
»Ich hab die Mädels Essen holen geschickt. Hatte keine Lust, dass Tiff deinetwegen rumzickt. Sie wird sowieso sauer sein, wenn das Testament verlesen wird und sie hört, dass ich ihrer Schwester den Mustang vermacht hab.«
Mel runzelt die Stirn. »Red nicht so«, sagt sie. »Du wirst …«
»Morgen bringen sie mich ins Hospiz«, fällt Nat ihr ins Wort. »Endstation, Kind.«
Mel wagt es nicht, sich auf die Bettkante zu setzen. Sie will Nat nicht zu nahe rücken. Also schnappt sie sich den Stuhl aus der Ecke und zieht ihn dicht ans Bett.
»Ich denke, ich hab noch eine Woche, vielleicht ein bisschen mehr. Aber ich will nicht, dass du mich dort besuchst, klar?«
Mel verkneift sich den Protest und nickt einfach.
»Es ist okay so«, sagt Nat. Mel schnieft und hält wütende Tränen zurück, denn es ist nicht okay. »Ich musste dich hier sehen«, fährt Nat langsam fort. Jedes Wort kostet sie Mühe, aber weil es wichtig ist, reißt sie sich zusammen. »Die Kombination für den Safe ist 2319. Er enthält die Portokasse und all meine offenen Fälle. Außerdem die Besitzurkunde für das Haus.«
»Ich bin sicher, dass deine Töchter sich ums Geschäft kümmern …«, setzt Mel an, um sie zu beruhigen.
»Die Agentur bekommen sie nicht. Die geht an dich.«
Mel ist froh, dass sie sitzt, ansonsten würde sie vor Schreck umkippen. »Nat, nein …«
»Widersprich einer sterbenden Frau nicht«, blafft Nat sie an. Ihr gereizter Ton ist so vertraut, dass Mel einen trockenen Hals bekommt.
Tiffany Parker wird sie umbringen. Zuerst bekommt ihre Schwester den Mustang, und jetzt soll Mel das Unternehmen ihrer Mutter erben? Mel kann von Glück sagen, wenn Tiffany ihr nur die Reifen aufschlitzt und ihr einen Drink ins Gesicht kippt. So ist sie drauf.
Scheiße, Mel wird für den Rest ihres Lebens mit einem offenen Auge schlafen müssen.
»Ich hab noch mehr zu sagen«, beharrt Nat, atmet aber erst tief durch, als brauche sie ausreichend Luft. Sanft nimmt Mel ihre Hand und drückt sie aufmunternd.
»Weißt du noch, wie es mit meiner Chemo losging?«
Mel nickt. Nat hat sie draußen warten lassen, um sich anschließend nach Hause fahren zu lassen. Mel saß dann draußen auf dem Parkplatz und erledigte Papierkram. Sie wollte Nat nicht allein lassen.
»Ich hab mich in der Klinik mit jemandem angefreundet. Mit Jackson Harper.«
Strenges Gesicht. Ein harter Kerl, der an den Marlboro-Mann erinnerte und am Lauf seines Gewehrs entlangstarrte. Was hast du auf meinem Land zu suchen, Mädchen?
Mel ist Chloes Eltern nur einmal begegnet – damals hat Jackson sie erwischt, als sie an der Bogenschießanlage auf Chloe wartete, an einer abgelegenen Ecke der Ranch. Sie gab sich als Anhalterin aus, die bloß einen Schlafplatz suchte. Ob Jackson ihr glaubte, ist ihr nie klar geworden. Aber er führte sie am Haus vorbei und ließ sie gehen. Chloes Mutter sah von der Veranda aus zu.
Danach mussten sie noch vorsichtiger sein.
»Jackson hat mich gebeten, Chloe für ihn aufzuspüren.«
Mel zieht sich innerlich zurück, als sie das hört. Ihr Herz rast wie ein galoppierendes Pferd.
Das war nicht der Deal.
Aber Deals haben nicht mehr viel zu bedeuten. Nur die Wahrheit.
»Du …« Mel leckt sich die Lippen. »Das hast du nicht getan.«
Nats blaue Augen leuchten im Kontrast zu ihrer blassen Haut. »Ich bedaure den Weg nicht, den ich mit dir gegangen bin, Mel.«
»Du hast mich beschützt«, sagt Mel. »Du hast mir alles beigebracht, was du wusstest.«
»Das hab ich«, stimmt Nat ihr zu. »Aber ich hab acht Jahre lang herauszufinden versucht, was an Chloe Harpers Geburtstag mit euch beiden passiert ist.«
Irgendwie ist Mel klar gewesen, dass Nat dieses Gespräch hat führen wollen. Ihre Beziehung hat mit einem Verhör angefangen, jetzt würde sie mit einem enden. Es passt. Nat hat sich nie mit einem ungelösten Fall abfinden können. Und Mel war ihr letztes Rätsel.
»Wir haben darüber gesprochen«, sagt Mel langsam und vorsichtig. Ihr Part dieses Gesprächs ist ihr so vertraut wie ihr Handrücken. »Chloe und ich hatten einen Autounfall. Wir sind an der Straße entlang zurückgegangen. Es hat die ganze Nacht gedauert, weil wir verletzt waren und im Dunkeln die Orientierung verloren haben. Das ist alles.«
Nat lacht leise, ihre Augen fallen zu. »Du warst schon immer eine großartige Lügnerin. Ich dachte immer, der Fluchtplan müsste auf dein Konto gegangen sein, aber wenn man bedenkt, wie schwer Chloe aufzuspüren war, ist sie vielleicht das Hirn gewesen.« Sie öffnet die Augen, die vor Neugier leuchten. »Warst du nur die Handlangerin, Melanie?«
Mel starrt sie an. »Willst du das wirklich durchziehen? Nachdem wir all die Jahre zusammengearbeitet haben? Willst du unsere letzte Begegnung mit diesem Spiel zubringen?«
»Ursprünglich warst du es, die gekommen ist und wollte, dass ich Chloe suche.«
Himmel, Nat hatte schon immer einen brutalen Zug.
»Ich war ein Kind.« Nat lächelt, ihre Miene verrät Zuneigung. »Weißt du, so hab ich begriffen, wie klug du bist. Dein Verstand … Wenn mein Gehirn so funktionierten würde wie deins, hätte ich die Welt erobern können.«
»Die Weltbeherrscherin Parker wäre definitiv eine Nummer für sich gewesen«, sagt Mel. Nat lacht so heftig, dass ihre Sauerstoffkanüle verrutscht.
»Alles gut«, sagt Mel beruhigend und hilft ihr mit zitternden Händen, die Kanüle wieder an Ort und Stelle zu bringen. »Das kriegen wir hin.«
»Mir war nicht klar, dass du so eine gute und gleichzeitig so eine schlechte Lügnerin bist«, stößt Nat zwischen schweren Atemzügen hervor.
Mel presst die Lippen zusammen. Für einen Moment spürt sie den Schmerz so stark, dass sie kein Wort herausbringt. »Vermutlich hab ich Talent«, sagt sie schließlich. Mehr hat sie Nat nicht zu bieten. Krümel, und noch dazu armselige. »Du musst dich ausruhen«, sagt sie. »Ich bleibe hier, bis die Mädels zurückkommen.«
»Ich könnte es zu meinem letzten Wunsch machen«, sagt Nat. »Dass du es mir erzählst.«
»Ein beschissener letzter Wunsch wäre das«, sagt Mel und macht sich an den Decken zu schaffen, die irgendwie nach oben gerutscht sind und Nats Füße nicht mehr zudecken.
»Diesmal hab ich Chloe gefunden.«
Mel erstarrt.
»Du hast nicht gefragt«, fährt Nat fort. »Da wusste ich nicht, ob es dich interessiert.«
»Es interessiert mich nicht«, lügt Mel. Ihre steifen Finger klammern sich an die Decke.
»Leicht war es nicht. Das Mädel weiß, wie man sich unsichtbar macht. Ich hab mich immer gefragt, ob du die ganze Zeit wusstest, wo sie ist. Aber wenn ja, wärst du inzwischen sicher bei ihr, oder?«
»Du bist hier die Einzige, die weiß, wo Chloe Harper ist«, sagt Mel. Diesmal lügt sie nicht. Seit sie damals bei Nat aufgetaucht ist und sie gebeten hat, Chloe zu finden, hat sie keinen weiteren Versuch mehr unternommen. Damals hat Nat sie ausgelacht. Erst als Mel in Tränen ausbrach, hörte Nat zu lachen auf, führte sie ins Haus und bot ihr zum ersten – aber definitiv nicht zum letzten – Mal an, sich an ihren angestoßenen Resopaltisch zu setzen. Nat machte ihr Tee und brachte Mel dazu, ihn zu trinken, auch wenn sie das Gesicht verzog.
Damals erklärte sie Mel, sie habe die Wahl. In ihrem Verlust zu versinken oder ihn zu nutzen.
Dann bot sie Mel einen Job an.
Obwohl sie für Nat arbeitete und zur Privatdetektivin wurde, machte Mel sich nie auf die Suche nach Chloe. Sie hätte es nicht ertragen, Bescheid zu wissen und ihr dann nicht zu folgen. Hätte Chloe aber vor all den Jahren gewollt, dass sie ihr folgt, hätte sie irgendwelche Hinweise hinterlassen. Ganz sicher.
»Willst du wissen, wo sie ist?«
Ja. Nein. Immer schon.
Schließlich schaut Mel von der Decke auf und begegnet Nats Blick.
»Warum tust du das?«, fragt sie. »Wir beide haben einen Deal …«
»Damals konnte ich nicht wissen, was aus dir werden würde«, unterbricht Nat sie erneut. »Ich wusste auch nicht, dass ich …« Sie hält inne. »Ich liebe dich, Kind. Als wärst du eine meiner Töchter. Ich hab dich all die Jahre beobachtet.«
»Und?«, fragt Mel zitternd.
»Du hast viel durchgemacht und es geschafft. Aber du bist nicht glücklich«, sagt Nat in einfachen Worten. Hätte sie es irgendwie aufgehübscht, hätte Mel vielleicht darüber hinweggehen können. Aber man kann nicht darüber hinweggehen, wenn so viel Wahrheit in einem knappen Satz steckt.
Sie kann Nats mitleidigen Blick nicht ertragen. Mit einem zittrigen Durchatmen wischt sie sich die zurückgehaltenen Tränen aus den Augen. Vom Flur dringt eine bemerkenswert piepsige Stimme herein, die mit einer Krankenschwester spricht. Zweifellos Tiffany. Nats Töchter kommen zurück.
Sie muss gehen. Sie gehört nicht zur Familie. Nicht richtig.
»Deine Töchter sind wieder da«, sagt Mel, beugt sich vor und drückt einen sanften Kuss auf Nats Stirn. »Ich muss los.«
Nat greift mit überraschender Kraft nach Mels Arm.
»Die Informationen liegen in meinem Safe. Was du damit anfängst, ist deine Sache. Aber Jackson würde sich wirklich freuen, seine Tochter zu sehen, bevor er abtritt. Und ich würde mich freuen, wenn du glücklich bist. Das ist er. Das ist mein wirklicher letzter Wunsch.« Tränen laufen über Nats Gesicht. »Wenn er nicht in Erfüllung geht, werde ich dir hinterherspuken.«
Mel beugt sich hinunter und drückt ihre Stirn sanft an Nats Wange. »Ich liebe dich, alte Frau«, flüstert sie trotz Kloß im Hals. »Du hast mein ganzes Leben verändert.«
Nat legt die Hand auf ihren Kopf und hält ihn einen Moment fest, Mel beginnt zu weinen. »Das hast du ganz allein geschafft, Kind. Jetzt mach, was ich gesagt hab. Ein letztes Mal.«
»Momma – oh, Melanie. Du bist es.«
Mel räuspert sich und löst sich von Nat. »Hi, Tiffany«, sagt sie. »Ich wollte gerade gehen.«
Tiffany würdigt sie keines weiteren Blickes und eilt zu ihrer Mutter. Claire schenkt ihr immerhin ein Nicken und die Andeutung eines Lächelns.
Mel geht zur Tür und dreht sich noch einmal um. Die Parker-Töchter haben sich auf beiden Seiten ihrer Mutter postiert. Wie Ritter, die bereit sind, den Kampf mit dem Sensenmann aufzunehmen.
»Bye, Nat«, sagt Mel und spürt, dass sie es zum letzten Mal sagt.
Womit sie recht hat. Sechs Tage nach ihrem Umzug ins Hospiz ist Nat tot.
Zu diesem Zeitpunkt hat Mel mindestens zwanzigmal die komplette Harper-Akte durchgearbeitet. Sie unterbricht die Lektüre nur, um ein schwarzes Kleid zu kaufen und zur Beerdigung zu gehen.
Anschließend schaut sie nach ihrem Bruder Teddy und erklärt ihm, dass sie wegen eines Jobs unterwegs sein werde. Sechs Stunden später ist sie im Privatjet der Harpers auf dem Weg nach British Columbia. Sie hat nur eine simple Karte dabei, Nats komplette methodisch angelegte Notizen und ein unscharfes Foto der vierundzwanzigjährigen Chloe Harper, von dem sie den Blick nicht abwenden kann.
Eine Woche nach Chloes Sweet-Sixteen-Party
Alles wird wieder wie immer.
Da liegt das Problem.
Chloe hat ein Paralleluniversum zu ihrem eigenen Leben betreten, ohne dass jemand davon weiß. Sie kann nur darauf hoffen, dass die übrige Realität wieder auf null gestellt wird.
Ihr Großvater würde sagen, sie wartet auf die nächste Katastrophe.
Ihr Dad ist absolut wütend wegen des gecrashten BMW, aber zum Glück wird dieser Zorn durch die Sorge um sie ausgeglichen. Sogar ihre Mom macht einen ziemlichen Wirbel um Chloe, und Olivia reist eine Woche später zurück nach Stanford. Im Moment weicht sie Chloe kaum von der Seite.
Wir hatten solche Angst, als wir dich nicht finden konnten, sagt ihre Schwester und klopft ihr dabei sanft auf die Fußrücken, als wären es die einzigen Stellen, an denen Chloe nicht verletzt ist.
Was nicht stimmt: Auch die Fußrücken sind nicht heil davongekommen. Wie auch, wenn man in Cowboystiefeln durch den Wald rennt?
Ihre Eltern behalten sie eine Woche zu Hause, bevor sie wieder in die Schule darf. Nach drei Tagen wird sie kribbelig, am Ende der Woche verliert sie den Verstand.
Aber als sie zurückkehrt, ist es noch schlimmer. Gigi und Whitney hängen an ihr wie Zwillingskletten. Und schließlich ist Mel da – auf den Fluren, in den Klassenzimmern, im Innenhof, wo alle zu Mittag essen. Mel ist dort, wo sie immer war, nur dass Chloe sie früher nicht bemerkt hat und ihr jetzt nicht ausweichen kann.
Tief im Innersten will sie das auch nicht.
»Chloe, hörst du mir überhaupt zu?«, fragt Gigi.
Widerwillig löst Chloe den Blick von Mel, die in einer Ecke des Hofs ihr Buch liest. »Ja«, sagt sie. »Sorry, was hast du gerade gesagt?«
Gigi schnauft verärgert und wirft die weißblonden Haare über ihre Schulter. Die einzelnen Strähnen werden von einem blass-pinken Haarreif aus Tweed zusammengehalten, der farblich zu ihrem Rock passt. Um den Hals trägt sie einen goldenen Anhänger in Form einer Eichel. »Ich hab gesagt, du hast Glück, dass der Unfall jetzt war und nicht in einem Monat. Sonst müsstest du grün und blau zum Homecoming gehen.«
