Tödliche Gedanken - Marcus Johanus - E-Book

Tödliche Gedanken E-Book

Marcus Johanus

4,6
3,99 €

oder
Beschreibung

"Ich glaube weder an Gott, noch an das Schicksal - aber heute musste es einfach eine höhere Macht geben, die gegen mich arbeitete."

Patricia Bloch, hochbegabte 18-Jährige in einem brandenburgischen Kaff, will die Provinz endlich hinter sich lassen, als Merkwürdiges geschieht: In einer rätselhaften Vision wird sie vor einem Amoklauf gewarnt. Kurz darauf erlebt sie vor ihrem geistigen Auge einen grauenhaften Mord. Hat Lias etwas damit zu tun – der einzige Mensch, dem sie sich nahe fühlt? Was ist sein Geheimnis? Und ehe sie begreift, was eigentlich geschieht, warnt sie eine innere Stimme erneut: Jemand hat es auf ihr Leben abgesehen. Hochintelligent, gerissen und in großer Gefahr: Patricia Bloch auf ihrem Weg, ein altes Rätsel zu lösen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
4,6 (58 Bewertungen)
41
11
6
0
0


Sammlungen



Der AutorMarcus Johanus, Jahrgang 1972, ist Vater, Ehemann und Lehrer für Psychologie, Deutsch und Politikwissenschaft in Berlin. Seit seiner Kindheit hat ihn die Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben spannender Geschichten gepackt. Am liebsten sind ihm Autoren wie Stephen King, Sebastian Fitzek oder Wulf Dorn, da ihre Storys gleichermaßen fesselnd wie auch psychologisch fundiert sind. Wann immer er kann, schreibt er selbst Thriller. Auf seinem Blog www.marcus-johanus.de veröffentlicht er immer samstags neue Artikel über das Schreiben. Zusammen mit dem Thriller-Autor Axel Hollmann (bekannt durch seine Julia-Wagner-Romane) moderiert er jede Woche eine neue Folge des Podcasts und Vlogs Die SchreibDilettanten. Man kann Marcus auf Facebook, Lovelybooks, Goodreads und auf Twitter folgen. Oder auch auf Google+ und tumblr.

Das BuchPatricia Bloch, hochbegabte 18-jährige in einem brandenburgischen Kaff, will die Provinz endlich hinter sich lassen, als Merkwürdiges geschieht: In einer rätselhaften Vision wird sie vor einem Amoklauf gewarnt. Kurz darauf wird sie vor ihrem geistigen Auge Zeugin eines grauenhaften Mordes. Hat Lias etwas damit zu tun – der einzige Mensch, dem sie sich nahe fühlt? Was ist sein Geheimnis? Und ehe sie begreift, was eigentlich geschieht, warnt sie eine innere Stimme erneut: Jemand hat es auf ihr Leben abgesehen.

Marcus Johanus

Tödliche Gedanken

Er kennt dein Geheimnis. Wie kannst du ihm vertrauen?

Thriller

Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Originalausgabe bei Midnight.Midnight ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinSeptember 2015 (2)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015Umschlaggestaltung:ZERO Werbeagentur, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © Thore Wetzel 2013

ISBN 978-3-95819-047-4

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.

Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Widergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

1.

»Das ist das Lächerlichste, was ich je gehört habe«, keifte Herr Doktor Gründorf mit seinem ätzenden sächsischen Dialekt.

Der Lehrer meines Philosophie-Wahlpflichtkurses war in seinem Element: uns Schüler runtermachen.

Ein knappes Dutzend Schülerinnen und vier Schüler starrten auf ihre Tische, die Wände oder die Decke, während Gründorf Viktors Nietzsche-Präsentation in der Luft zerriss.

Da wollte ich lieber nicht auffallen. Um noch kleiner zu erscheinen, als ich sowieso schon war, rutschte ich auf meinem Stuhl so weit nach vorne, dass ich halb unter dem Tisch verschwand.

»Nietzsche als geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus zu bezeichnen ist kompletter Unfug«, ätzte Gründorf. »Das kann nur jemand behaupten, der lieber Internetvideos schaut, anstatt ordentlich seine Hausaufgaben zu machen. So ein Blödsinn kommt dabei heraus, wenn Sie nur noch auf Wikipedia surfen und keine richtigen Bücher mehr lesen.«

Doktor Gründorf sprach surfen wie »sörfen« aus, mit einem weichen »s«.

Er verschränkte seine kurzen Arme hinter dem Rücken, wodurch sein Jackett auseinanderklaffte und den Blick auf seinen gewaltigen Bauch freigab. Jetzt sah er wie ein Basketball mit Armen aus.

Ich zwang mich, auf den Boden zu starren und nicht zu kichern. Es juckte mir einfach zu sehr in den Fingern, Gründorf zu widersprechen. Aber ich durfte jetzt nicht ausrasten.

In Philosophie war ich echt super. Eigentlich war ich in jedem Fach super. Meistens langweilte ich mich allerdings so sehr im Unterricht, dass ich patzig wurde, wovon die meisten Lehrer natürlich nicht begeistert waren. Ich hatte deswegen schon ein paarmal Stress bekommen. Ein paarmal zu viel. Wenn ich jetzt etwas sagte, konnte mich das Kopf und Kragen kosten.

»Nietzsche ist einer der einflussreichsten Denker der deutschen Philosophie. Aber Sie lassen ihn durch Ihre unhaltbaren Thesen zu einer Karikatur werden. Sein Konzept des Übermenschen haben Sie überhaupt nicht verstanden. Nennen Sie mir einen Grund, wieso ich Ihnen für diese Beleidigung der Kulturgeschichte mehr als eine Sechs geben sollte. Hier so eine Präsentation abzuliefern, ist eine Frechheit. Hören Sie? Eine Frechheit! Was haben Sie sich bei dem Murks nur gedacht?«

Viktor wurde vorne noch kleiner und wirkte noch mickriger als sonst, was schon eine echte Leistung war. Schweiß perlte auf seinem bleichen Gesicht. Er öffnete immer wieder den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Es sah ganz danach aus, als würde er jeden Moment aus den Latschen kippen.

Das konnte ich nicht länger mit ansehen.

»Sie sollten Viktor lieber eine Eins geben. Er hat nämlich recht.«

Für ein paar Augenblicke hielt der gesamte Kurs den Atem an, und die Aufmerksamkeit richtete sich geschlossen auf mich. Auch Gründorf wirbelte herum und starrte mich an. Seine stoppeligen Wangen schlabberten in seinem runden Gesicht.

»Patricia«, blaffte er, »ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich Sie aufgerufen habe.«

Noch war nicht viel passiert. Ich musste mich einfach nur zusammenreißen und die Klappe halten. Aber mein Mund war einfach schneller als mein Verstand.

»Na, da müsste ich ja auch lange warten. Sie nehmen mich nie dran – weil Sie Angst haben, die anderen könnten merken, dass Sie gar keine Ahnung haben.«

Ich fühlte mich auf einmal erstaunlich gut, obwohl ich wusste, was mir als Nächstes blühte.

»Was?«, schrie Doktor Gründorf und wankte kurz.

Ich war in Fahrt, zog meine Ausgabe von Nietzsches Also sprach Zarathustra aus dem Rucksack und hielt das Buch wie einen Schild vor mich.

»Härte, Mut zum Krieg, Kompromisslosigkeit und das Ganze gepaart mit einem übertriebenen Männlichkeitskult – steht alles hier drin. Also, wenn das keine Naziideologie ist, dann weiß ich auch nicht …«

»Sie haben das Buch gar nicht gelesen, Patricia. Ich diskutiere nicht mit Ihnen.«

»Wie kommen Sie dazu, das zu behaupten? Weil es nicht in Ihr Weltbild passt, dass eine Zwölftklässlerin lieber Bücher liest, als den ganzen Tag im Internet zu surfen? Und überhaupt – wenn Sie Nietzsche und seine Zeit wirklich studiert hätten, würden Sie hier nicht so einen Blödsinn reden. Aber Sie haben schon lange keine Lust mehr, sich gründlich auf den Unterricht vorzubereiten. Damit wir das nicht merken, machen Sie uns runter. Dabei haben Sie doch in Wirklichkeit nur Angst vor uns.«

Klasse. Genau der richtige Weg zu einem guten Abitur.

Bis zu den Prüfungen war es gerade mal ein halbes Jahr hin. Eigentlich hatte ich es fast schon geschafft. Sich jetzt noch Ärger einzuhandeln war wirklich dumm.

Doch es gab für mich kein Halten mehr. »Wenn Ihre Frau Sie nicht vor Kurzem verlassen hätte, würden Sie vielleicht gar nicht das Bedürfnis verspüren, so auf uns herumzuhacken. Früher waren Sie nur ein mieser Lehrer. Jetzt sind Sie ein mieser Lehrer, der uns dafür leiden lässt, dass er kein Privatleben mehr hat.«

Gründorf wurde plötzlich steif wie ein Brett. »W-woher wissen Sie das?«

»Wusste ich nicht, war nur geraten. Ihr Style war noch nie besonders schick, nur waren Sie früher wenigstens korrekt gekleidet. Seit ein paar Wochen aber sind Ihre Hemden nicht mehr gebügelt und diese Krawatte – in welchem Universum passt die zu dem Hemd?«

Im Kurs wurde getuschelt. Manche Schüler warfen mir verständnislose Blicke zu und schüttelten den Kopf, die meisten aber starrten die Uhr über der Tafel an und versuchten offensichtlich, das Pausenklingeln zu beschwören.

Gründorfs Stoppelbart zuckte, während er mit dem Kiefer mahlte. Eine Angewohnheit, die immer zutage trat, wenn er sich zu beherrschen versuchte. Er kniff die Augen zusammen. »Die moderne Forschung spricht einhellig von einer fälschlichen Vereinnahmung Nietzsches durch den Nationalsozialismus. Nur Amateure verwechseln den Herrenmenschen der nationalsozialistischen Ideologie mit Nietzsches Übermenschen. Doch Sie als Nietzsche-Kennerin werden uns bestimmt gleich mit Ihrem Fachwissen erleuchten können.«

»Wollen Sie sich jetzt wirklich auf eine inhaltliche Diskussion mit mir einlassen, Herr Doktor Gründorf? Ich weiß nicht, ob ich das Ihrem Ego antun kann.«

Gründorfs Stimme nahm einen quietschenden Ton an, ähnlich dem Geräusch eines Luftballons, aus dem man langsam die Luft entweichen lässt. »Ich schließe den Kurs vorzeitig. Gehen Sie alle nach Hause. Sie, Patricia, kommen mit mir zur Schulleitung.«

Ich ließ mein Buch auf den Tisch knallen.

Großartig. Ich hab’s mal wieder geschafft. Jetzt bekomme ich Stress mit von Waldensbach. Und dann Ärger mit Diana. Als ob wir uns nicht schon genug zoffen würden.

Wie sehr sehnte ich mich danach, das alles hinter mir zu lassen. Und ich hatte mein Ziel schon fast erreicht. Das hier war nicht klug. Wieso nur mussten immer wieder die Pferde mit mir durchgehen?

Die anderen Schüler rafften schnell ihre Sachen zusammen, rappelten sich auf und schlichen auf dem Weg nach draußen an meinem Tisch vorbei. Manche warfen mir verstohlene Blicke zu, andere schüttelten einfach nur den Kopf. Die Mehrheit der Feiglinge ignorierte mich einfach.

Daran hatte ich mich mit den Jahren gewöhnt. Ich tat so, als würde ich sie nicht bemerken und starrte auf meine Nietzsche-Ausgabe. Viktor ging als Letzter und blieb vor mir stehen.

»Danke«, hauchte er und legte seine Hand auf meine. Es fühlte sich irgendwie komisch an. Ich spürte so was wie ein elektrisches Kribbeln. Aber wahrscheinlich bildete ich mir das ein, weil ich selbst gerade so unter Strom stand. »Das war cool. Du bist die Einzige, die mir geholfen hat. Alle anderen haben nur zugesehen. Tut mir sehr leid, dass du jetzt meinetwegen Stress kriegst.«

»Ja, schon gut«, beschwichtigte ich ihn und zog meine Hand zurück. Das Kribbeln verschwand. »Muss dir nicht leidtun, das habe ich mir selbst eingebrockt. Ich hätte ja auch meine Klappe halten können.«

»Eben«, antwortete Viktor. »Tja, wir zahlen wohl beide unseren Preis dafür, nicht so zu sein, wie die anderen.«

»Hä?«

»Ich mein ja nur.« Er hob die Achseln. »Hast du Schiss?«

»Was glaubst du denn?«

»Mann, das ist echt unfair.«

Ich flüsterte. »Hör mal, Viktor, Gründorf ist ein Trottel und du hast es nicht verdient, von ihm runtergemacht zu werden. Das hat niemand. Aber er hat leider recht. Du hast mies recherchiert: Nietzsche war kein Nazi, er hat Nationalisten total abgelehnt. Nur weil die ihn damals für ihre Zwecke einspannten und er ein paar seltsame Ideen hatte, heißt das noch lange nicht, dass er ein Vorläufer der Nazis war. Und das Konzept vom Übermenschen hast du gar nicht verstanden. Das tun die meisten nicht, die nur mal oberflächlich reinlesen. Wenn du sorgfältiger gearbeitet hättest, hätten wir jetzt beide keine Probleme.«

»Was? Aber du hast doch gesagt …«

»Ja, na ja, ich konnte Gründorf schließlich nicht gewinnen lassen. Zum Glück hat er wirklich so wenig Ahnung, dass er mir nicht widersprechen kann. Darauf kommt es mir nicht an. Mach es das nächste Mal besser, dann bekommen wir keinen Ärger. Wenn du willst, helfe ich dir in Zukunft bei den Präsentationen.«

Viktor starrte mich an. Er murmelte etwas und wurde wieder so seltsam blass. Nach einem kurzen Blick auf Gründorf verließ er den Klassenraum.

Doktor Gründorf stellte sich vor meinen Tisch und verschränkte die Arme über dem Bauch. Er brauchte dazu nur zwei Versuche. »Nun, ich warte!«

Ich packte meinen Kram Stück für Stück ein, stand auf und schulterte meinen Rucksack, der mir vorkam, als würde er Tonnen wiegen. Grünberg deutete auf die Tür.

»Danke, ich kenne den Weg zum Büro von Herrn von Waldensbach«, entgegnete ich.

»Nach Ihnen.«

Das Dilthey-Gymnasium war ein Plattenbau mit dem Grundriss eines Labyrinths. Die Gänge zogen sich unendlich hin. Wie in einem Sanatorium. Oder einem Gefängnis.

Ich hasste jeden Millimeter dieses Gebäudes und fieberte den Tag herbei, an dem ich es nie wieder betreten musste.

Mit jeder Treppe, die wir hinaufstiegen, mit jeder Glastür, die wir passierten, wuchs mein Bedürfnis wegzurennen. Ein Wirbelsturm braute sich in meinem Magen zusammen und verursachte Wellen der Übelkeit, die durch meinen Körper schwappten.

Endlich waren wir im vierten Stock. Hier, dicht unter dem Dach, hatte Herr von Waldensbach sein Büro, von dem aus er den gesamten Schulhof überblicken konnte. Eigentlich hatte unser Rektor nie Zeit, wenn man was von ihm wollte. Aber uns ließ die Sekretärin nur kurz warten.

Schnaufend setzte sich Dr. Gründorf an den sogenannten Kommunikationstisch, der so lang war wie eine Tafel in einer Ritterburg, und wischte sich mit einem Taschentuch über die hohe Stirn. Von Waldensbach und Grünberg saßen an einem Ende, ich am anderen, gute zwei Meter von ihnen entfernt. Ich rieb mir unter der Tischplatte meine Hände. Sie waren feucht und kalt.

Von Waldensbach setzte seine Brille ab und polierte sie seelenruhig mit einem Tuch. Hinter ihm konnte ich durch das Fenster erkennen, wie der Himmel immer dunkler wurde. Es würde bald regnen. Ich war – wie immer – mit dem Fahrrad in der Schule. Toll!

»Eigentlich«, brummte von Waldensbach und putzte seine Brille weiter, »muss ich gar keine Einzelheiten hören.« Er prüfte sein Werk, indem er die Brille ins Licht hielt. »Ich kann mir denken, wieso Sie hier sind, Patricia. Sie sind eine ausgezeichnete Schülerin. Wenn sie die Prüfungen nicht vermasseln, machen Sie das beste Abitur, das hier je -«

»Na, ist doch super«, unterbrach ich ihn. »Wir sind uns einig. Dann kann ich doch nach Hause. Auf mich wartet die Arbeit an der Präsentationsprüfung fürs Abi. Die ist noch lange nicht fertig.«

Gründorf schnappte nach Luft. »Sie hat sich mit diesem Viktor verbündet.«

»Ausgerechnet?« Von Waldensbach warf seinem Kollegen einen vielsagenden Blick zu.

Gründorf deutete ein Nicken an.

Von Waldensbach lächelte gefährlich. Er machte eine lange Pause, in der er zur Decke sah.

»Patricia, obwohl Sie zweifellos intelligent sind, haben Sie die neunte Klasse wegen Ihres rebellischen Verhaltens wiederholen müssen. Seitdem bewältigen Sie zwar jeden Kurs – außer Sport -, sitzen aber in regelmäßigen Abständen in meinem Büro. Sehen Sie, die Schule soll Ihnen nicht nur Wissen vermitteln. Es geht auch darum, soziale Kompetenzen zu entwickeln. Leider sehe ich da bei Ihnen sehr, sehr große Defizite. Und Ihr Umgang macht mir Sorgen.«

»Früher haben Sie sich immer darüber beschwert, dass ich mich von den anderen Schülern absondern würde.«

»Das ist auch so. Sie drücken sich vor schulischen Veranstaltungen, wo es nur geht, und haben unter Ihren Mitschülern keine Freunde.«

»Ivo ist mein Freund.«

»Ivo Olsen ist Ihr einziger Freund, und Sie kannten ihn schon, lange bevor sie eingeschult wurden. Sie haben es in fast sechs Jahren auf unserer Schule nicht geschafft, sich zu integrieren. Das ist, gelinde gesagt, besorgniserregend.«

»Moment mal, ich war immerhin in der AG für die Schülerzeitung, aber die haben Sie nach der ersten Ausgabe dichtgemacht.«

Von Waldensbachs rechte Augenbraue zuckte für den Bruchteil einer Sekunde.

»Mich an diese Episode zu erinnern, ist im Moment nicht besonders klug, Patricia.«

Draußen dröhnte der Donner durch die Luft wie ein Bulldozer, der große schwarze Wolken auftürmte. Unter dem Tisch ballten sich meine Hände zu Fäusten, sodass ich in den Unterarmen beinahe Krämpfe bekam. Ich schloss die Augen und wünschte mich nach Hause, in mein Zimmer unter dem Dach. Als ich die Augen wieder öffnete, war ich beinahe enttäuscht darüber, dass ich immer noch an diesem verfluchten Tisch saß.

Von Waldensbach legte seine Fingerspitzen aneinander und die Daumen an die Unterlippe. Er atmete ein paarmal hörbar aus und ein.

»Sie werden mit Ihrer momentanen Haltung am Wilhelm-Dilthey-Gymnasium nicht zum Abitur kommen, ganz gleich wie intelligent Sie sind. Nicht, solange ich hier Schulleiter bin. Ich werde morgen mit Ihrer Tutorin reden. Zusammen mit ihr werden ich einen detaillierten Sozialplan für Sie aufstellen.«

»Einen Sozialplan?«

»Ja, bestehend aus einem Vertrag, in dem Pflichten und erwünschte Verhaltensweisen festgelegt werden, die Sie fortan erfüllen werden, und einem Kontrollbogen für Ihr Betragen, den jeder Lehrer nach jeder Stunde zu unterschreiben hat, um zu bestätigen, dass Sie sich regelkonform verhalten haben.«

Von Waldensbach machte eine Pause, in der er mich anstarrte. Ich sah weg. Dann senkte er seine Stimme. »Falls auch nur eine einzige Unterschrift nur eines einzigen Lehrers fehlen sollte, fliegen Sie von der Schule. Wir sind weit und breit das einzige Gymnasium der Region, Sie würden also in Zukunft einen sehr langen Schulweg haben, wenn Sie überhaupt noch das Abitur machen könnten. Ich habe gute Kontakte zu vielen Schulleitern. Es wird Ihnen nicht leichtfallen, in Brandenburg eine neue Schule zu finden.«

»Aber, das ist unfair. Ich habe doch nur -«

Von Waldensbach beugte sich vor. Seine Stimme schnitt die Luft über der langen Tischplatte zwischen uns. »Sie haben was?«

»I-ich …« Mein Herz klopft so wild, dass ich schlucken musste, um das Zittern in meiner Stimme in den Griff zu bekommen. »Ich habe das Richtige getan, ich habe einen Schüler, der sich nicht wehren konnte, verteidigt. Wenn das keine soziale Kompetenz ist, dann können Sie sich -«

»Patricia!«, schrie Gründorf und schnappte nach Luft.

Von Waldensbachs Faust knallte auf den Tisch. Ich zuckte zusammen.

»Ich werde es nicht zulassen, dass Sie mich oder meine Lehrkräfte verunglimpfen! Solche Dinge haben Sie nicht zu beurteilen. Wenn es ein Problem im Unterricht gibt, kommen Sie gefälligst zu mir! Ich bin mir sicher, dass Ihre unangemessene Kritik an Herrn Doktor Gründorf gegenstandslos ist.«

Meine Lippen bebten, als ich sie aufeinanderpresste.

Es hat keinen Zweck. Ich komme hier nur noch halbwegs heil raus, wenn ich die Klappe halte.

Wenn das nur nicht so verdammt schwer gewesen wäre.

Herr von Waldensbach lehnte sich zurück, steckte die Hände in die Hosentaschen und rang mit seinen Gesichtszügen, bis sie die Plastikversion eines Lächelns bildeten.

»Natürlich bin ich auch Pädagoge, Patricia. Ich glaube daran, dass junge Menschen stets eine Chance verdient haben.«

Er holte seinen riesigen Schlüsselbund aus der Tasche und spielte mit dem herzförmigen Anhänger. Ein Dreizack wäre passender gewesen. »Wenn Sie sich jetzt aufrichtig bei Herrn Doktor Gründorf entschuldigen, verzichten wir auf weitere Erziehungs- oder Ordnungsmaßnahmen. Dann bekommen Sie nur einen Tadel und können hier ihr Abitur machen, natürlich nur, wenn Sie sich keine weiteren Eskapaden leisten.«

Gründorf schnappte nach Luft. »Was? Aber -«

Von Waldensbach brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

Ich wusste, welches Spiel er spielte, konnte aber nicht aus meiner Haut. Vor Anstrengung knirschte ich mit den Zähnen. Ich versuchte, meine ganze Willenskraft darauf zu verwenden, in meiner Kehle die richtigen Worte zu formen, die mir den ganzen Ärger ersparen würden, aber ich brachte kein Wort heraus.

Gefühlte zehntausend Stunden ließ mich von Waldensbach so schmoren. Sein Grinsen wurde immer breiter. In der Stille hörte man nur das Klimpern seiner Schlüssel und den Regen.

»Das dachte ich mir.«

Ich strampelte auf dem Fahrrad die Landstraße entlang, auf der stellenweise zentimeterhoch das Wasser stand, sodass ich von allen Seiten durchnässt wurde.

Eigentlich verabscheute ich das Fahrradfahren genauso wie jede andere Form von Sport, aber in einem Kaff wie Kelltin blieb einem, wenn man keinen Führerschein hatte, kaum eine andere Möglichkeit, sich fortzubewegen. Auch bis zu meiner Fahrprüfung waren es nur noch wenige Wochen. Das schien das Leitmotiv meines Lebens zu sein. Es kam mir so vor, als stünde ich auf einem Nebengleis und wartete immer nur darauf, dass es richtig losging.

Ich fluchte vor mich hin, während ich gegen den Sturm anfuhr. Eiskalte Regentropfen prasselten auf meine Haut und nahmen mir die Sicht.

»Wieso kann ich meine verdammte Klappe nicht halten? Und warum kann ich verflucht noch mal nicht so sein wie alle anderen? Ich habe nie darum gebeten, schlau zu sein. Wieso hat Diana nicht darauf geachtet, dass ich ganz normal aufwachse? Ich hasse sie, ich hasse mich, ich …«

Durch mein lautes Fluchen überhörte ich beinahe das Geräusch. Es war erst sehr leise, sodass ich gar nicht genau sagen könnte, wann es einsetzte, aber auf einmal war es dann deutlich zu hören. Langsam schwoll es an, wie der rückwärts abgespielte Klang einer Stimmgabel, die mir gegen die Stirn gepresst wurde. Lauter und lauter und lauter – bis es das Tosen des Regens übertönte und ich nichts anderes mehr hörte.

Nein, ich hörte es gar nicht … Es war in meinem Kopf und brannte wie Lava. Was war das? Ein Tumor? Tinnitus? Ich hatte davon gelesen.

Sterbe ich hier und jetzt?

Ich keuchte und spürte, wie unter mir der Lenker zu schlingern begann. Aber ich war unfähig, etwas dagegen zu tun.Ich hörte mich stöhnen und ächzen und hatte das Gefühl, außerhalb meines Körpers zu stehen.

Bremsen quietschten, Lichter blendeten mich. Ich war auf die Gegenfahrbahn geraten, ohne es zu merken. Eine alte, schmutzig weiße Mercedeslimousine geriet vor mir ins Schleudern. Ich konnte mich nicht konzentrieren und nahm alles wie aus weiter Ferne wahr, als würde ich gar nicht selber auf dem Fahrrad sitzen. Dann riss ich den Lenker herum und bremste. Dummerweise zuerst mit der vorderen Bremse. Es gab einen Ruck, und ich sah unter mir den Lenker davonfliegen.

Rasend schnell kam der Straßengraben auf mich zu.

2.

Instinktiv streckte ich die Hände aus, um meinen Sturz abzufangen, musste mich aber irgendwie in der Luft gedreht haben. Ich schlug mit der Schulter auf. Rutschte auf der rechten Seite in den Graben. Und platschte Kopf voran in eine mit brackigem Wasser gefüllte Kuhle. Als wäre das alles noch nicht genug, blitzte unvermittelt ein grelles Licht vor meinen Augen auf.

FUMP!

Für einen Sekundenbruchteil sehe ich nur eine weiße Leere. Dann schält sich ein Bild aus dem Licht. Verschwommen. Nein, eine Bewegung. Milchig. Ein Schatten. Stöhnen, Grunzen. Ein Geräusch. Ein Schmatzen, aber irgendwie metallisch.

FUMP!

Wieder ein Blitz. Eine dunkle Flüssigkeit spritzt in einem düsteren, niedrigen Raum durch die Luft. Ich rieche Kupfer. Blut.

FUMP!

Ächzen. Keuchen. Wie von schwerer Arbeit.

FUMP!

Schreie explodieren in meinem Kopf. Schreie, wie ich sie noch nie gehört habe. Ein verwackeltes Bild. Arme, Körper, Kopf. Ein schattiger, enger Raum. Neonlicht. Dann sehe ich das Messer. Ein verdammt großes Messer. Voller Blut. Es sirrt durch die Luft und trifft den Mund eines blutüberströmten, männlichen Gesichtes, sodass zwischen blutigen Fleischfetzen nur ein groteskes Grinsen übrig bleibt.

FUMP!

Diesmal blendete mich der Blitz noch stärker als zuvor, begleitet von einem mörderischen Stechen in meiner Stirn. Für ein paar Sekunden konnte ich nicht atmen. Panisch riss ich den Kopf hoch und keuchte. Wenigstens bekam ich wieder Luft, auch wenn mir jeder Atemzug wehtat.

Auf einmal war wieder alles normal. Zumindest so normal, wie es eben möglich ist, wenn man im Straßengraben liegt und seinen Kopf aus dem fauligem Wasser ziehen muss, um nicht zu ertrinken. Ich würgte, hustete und spuckte die brackige Brühe aus.

Es fiel mir schwer, mich zu orientieren. Eben hatte ich alles aus der Ich-Perspektive eines anderen gesehen. Als wäre ich derjenige gewesen, der das Messer geschwungen hatte. Jetzt war ich wieder ich selbst.

Was war das? Ein besonders heftiger Tagtraum? Hatte sich mein stressgeplagtes Hirn gerade ausgemalt, wie ich Doktor Gründorf erstach? Oder von Waldensbach?

Nein, zu real für einen Tagtraum.

Etwas stimmte ganz und gar nicht mit mir. Dissoziative Störungen. Meine Wahrnehmung und die Realität stimmten nicht mehr überein. Ein schizophrener Schub. Ein Anfall von Wahnsinn.

Jetzt erwischte es mich wie meinen Vater damals.Psychische Krankheiten waren vererbbar. Das hatte ich nachgelesen.

Der Regen und die Kälte rissen mich endgültig aus meiner Gedankenwelt.

Der Mercedes, der oben auf der Straße stand, gluckerte vor sich hin, Scheibenwischer quietschten auf seiner Windschutzscheibe. Im lauten Prasseln des Regens dröhnte eine tiefe, raue Stimme, die eindeutig einem starken Raucher gehörte. Klang ein wenig wie Darth Vader.

»Ich sag’s Ihnen doch, die hatte die Spur nicht … Ja, ja, ich bin schneller als hundert gefahren, aber ich konnte noch rechtzeitig bremsen, hab’s ja kommen sehen, nur nicht damit gerechnet, dass … Quatsch, ich werde nicht die Polizei rufen. Bin doch nicht bescheuert. Beruhigen Sie sich … Auf Sie wird kein schlechtes Licht – Ja, ja. Versprochen.«

Ich rappelte mich langsam auf und stand bis zu den Waden im Wasser. Zum Glück wurden die Schmerzen, die durch meinen Körper sickerten, schnell wieder schwächer. Allerdings fühlte ich mich so ausgelaugt wie noch nie in meinem Leben. Schlagartig wurde mir bewusst, dass es verflixt kalt in der Pfütze war. Ich sah an meinem Körper herunter und tastete mich ab. Nur Dreck und Nässe, kein Blut. Es war auch nichts gebrochen.

Noch mal Glück gehabt.

Der Straßengraben stieg ziemlich steil an. Vorsichtig kletterte ich nach oben, wobei ich mich an Grasbüscheln festklammerte, um nicht wieder hinabzurutschen. Dort angekommen spähte ich vorsichtig über den Rand und sah mein Fahrrad, das vor der veralteten Mercedeslimousine lag. Da ich noch wacklig auf den Beinen war, krabbelte ich auf allen vieren auf dem Asphalt weiter. Langsam richtete ich mich auf, wobei ich mich mit einer Hand abstützte.

Ein kurzes Taumeln, dann gewann ich den Kampf gegen die Erdanziehungskraft und fand meine Balance wieder.

Ein hünenhafter Typ im Trenchcoat kniete vor der Motorhaube seines Mercedes. Noch ein bisschen größer, und er hätte Monde in seiner Umlaufbahn gehabt. In seinem kurz geschorenen graublonden Haar sammelten sich Regentropfen, die im Scheinwerferlicht wie Glasscherben funkelten. An seinen Lippen klebte ein Zigarettenstummel. Er tastete mit der einen Hand den Kühler ab und presste sich mit der anderen ein Handy gegen das Ohr, das in seiner Pranke lächerlich klein wirkte.

»Nee, die Karre hat nix abgekriegt, da können die mir auch nichts nachweisen … hab sie nicht mal berührt. Ich bin doch gar nicht schuld.«

Er bemerkte mich und drehte sich zu mir um. Meine Zähne klapperten.

»Na also, da isse ja. Is‘ noch ganz. Wie gesagt, konnte ja rechtzeitig abbremsen. Ging alles noch mal gut. Die Schlampe ist in Schlangenlinien gefahren. Ich konnte ihr gar nicht ausweichen … Sie müssen sich keine Sorgen machen. Bin jetzt in Kelltin angekommen.«

Das ging noch mal gut? Hier ist gar nichts gut. Du Mistkerl hast mich beinahe überfahren und entschuldigst dich nicht eimal.

Dummerweise schaffte ich es nicht, diese Dinge auch laut zu formulieren. Ich konnte noch nicht sprechen. Meine Knie zitterten. Im Moment wusste ich nicht, was mich mehr beunruhigte. Dass ich über den Haufen gefahren worden war oder dass ich Geräusche hörte, die nicht da waren, und von unerklärlichen Visionen geplagt wurde.

Die dröhnende Stimme des Mercedes-Fahrers riss mich aus meinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Oder das, was ich dafür hielt. Wahnsinn hin oder her. Bevor ich in die Klapse käme, würde er für das hier büßen müssen.

Ich wischte mir das faulige Gras aus dem Gesicht, konzentrierte mich auf das, was vor mir lag, und sammelte die Fakten: ein alter Mercedes, wahrscheinlich ohne jede Chance, durch den nächsten TÜV zu kommen.

Der weite Trenchcoat von dem Typen war mindestens genauso überholt wie sein Auto. Sonst wirkte der Mann einfach massiv, aber weniger wie ein Bodybuilder, eher wie ein Wrestler oder Gewichtheber. Ich veränderte meine Position, um ins Wageninnere spähen zu können.

»Ja, bewegt sich auch ganz normal, die Kleine … Ach was, hier ist weit und breit keiner, jetzt machen Sie doch aus ‘ner Mücke keinen Elefanten. Da stände Aussage gegen Aussage. Außerdem wissen die Landeier hier bestimmt nicht mal, was ein Anwalt überhaupt ist.«

Ich sah auf dem Beifahrersitz einen Laptop, der auf einem Haufen Zeitungen ruhte. Müll lag auf dem Wagenboden, hauptsächlich leere Plastikflaschen und McDonald’s-Verpackungen mit Essensresten. Auf der Ablage war eine Brandenburg-Karte aufgeschlagen. In der Fahrer-Sonnenblende klemmte ein Presseausweis. Ich kniff die Augen zusammen, um erkennen zu können, was darauf stand: Frank Fulgur.

Auf dem Rücksitz lag eine schmuddelige graue Decke, die eine Handvoll Benzinkanister nur halb verbarg.

Was machte jemand mit so vielen Benzinkanistern auf seinem Rücksitz?

Ich räusperte mich. »Ich wäre mir nicht so sicher, dass du ungeschoren davonkommst, Frank.«

»… das ist doch keine Fahrerflucht. Sie ist mir schließlich vors Auto geradelt …«

Der Hüne unterbrach sein Gespräch nicht einmal ansatzweise, sondern kam ein, zwei Schritte auf mich zu. Mist! Ich klang einfach nicht selbstsicher genug.

Ich schob mein Kinn vor und wollte etwas sagen, da erwischte eine Windböe Fulgurs durchnässten Trenchcoat und drückte ihn gegen seinen Körper. Neben den Muskeln zeichnete sich an seiner Seite ein Gegenstand ab. Kantig. Ziemlich groß.

Eine Pistole.

Fulgur zog den rechten Mundwinkel hoch, woraufhin sich sein teigiges Gesicht in tiefe Falten legte. Dann stieß er mich vor die Brust.

Der Schubs war kurz und heftig. Ich war viel zu schockiert, um zu reagieren, verlor sofort das Gleichgewicht und torkelte nach hinten. Der Boden rutsche unter meinen Füßen weg, ich fiel – und landete wieder in derselben Pfütze wie zuvor.

Um nicht wieder Brackwasser in den Mund zu kriegen, hob ich rasch den Kopf und wischte mir zitternd die Haare aus dem Gesicht.

Über mir hörte ich Fulgurs schwere Stiefel durch die tiefen Pfützen auf dem Asphalt platschen.

»Schwamm drüber – wo waren wir? Ja, ich bin hier richtig. Vertrauen Sie mir.«

Das kann doch nicht wahr sein!

Ich rappelte mich hoch, stürmte – so gut es ging – den Graben hinauf, stoppte aber in letzter Sekunde und lugte nur ein kleines Stück aus dem Straßengraben hervor. Fulgur schlug die Autotür zu. Selbst im großen Mercedes musste er den Kopf einziehen. Der Wagen hatte Schlagseite, wo er saß.

Unsere Blicke trafen sich. Fulgur telefonierte weiter. Er schenkte mir lediglich ein kurzes Zwinkern mit dem linken Auge, imitierte mit der freien Hand eine Pistole und zielte lässig in meine Richtung. Dann drückte er ab und brauste davon.

Ich spürte den Regen kaum noch, merkte aber, dass ich zitterte. Ob vor Kälte oder vor Aufregung, konnte ich nicht sagen.

Wer war der Kerl? Wieso war er in Kelltin? Was hatte er mit den Benzinkanistern vor? Und warum zum Geier trug er eine Waffe?

Hinter meiner Stirn tobte ein Tornado. Ich war völlig durchnässt und fror wie eine Natter am Nordpol.

Mein Körper schrie nach einer warmen Dusche, frischer Kleidung und einer Mütze voll Schlaf. Ich wollte nur noch in mein Zimmer, in mein Bett und so lange in Brysons Eine kurze Geschichte von fast allem lesen, bis mir die Augen zufielen.

Ich ließ mein Fahrrad in der Auffahrt fallen, schleppte mich bis zur Haustür und schloss sie auf. Die Tür knallte hinter mir von alleine zu, und den Rucksack ließ ich achtlos auf die Fliesen klatschen.

Die Tür zum Chakra-Zimmer, wie Diana den Raum gegenüber von ihrem Büro nannte, war angelehnt. Indische Musik schwebte durch den Spalt, zusammen mit schwerem Zimtgeruch. Das bedeutete, dass Diana gerade Yoga machte. Die Chancen standen also gut, unbemerkt in mein Zimmer zu kommen.

Ich glaube weder an Gott noch an das Schicksal – aber heute musste es einfach eine höhere Macht geben, die gegen mich arbeitete. Kaum war ich ein paar Schritte den Flur hinabgestolpert, fauchte Diana wie eine Bibliothekarin, die einen dabei erwischt, dass man die Bücher verkehrt herum ins Regal stellt.

»Patricia, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du den Hintereingang benutzen sollst, wenn es regnet! Du tropfst den ganzen Flur voll, und in einer halben Stunde kommt ein Patient!«

Ich wandte meinen Kopf in ihre Richtung. Durch den Türspalt konnte ich erkennen, dass sie ein dunkelrotes, enges Tanktop und weiße Leggins trug. Für Mitte vierzig war sie gut in Form. Wenn man mal davon absah, dass sie ihre Haare so blond färbte, dass man eine Sonnenbrille brauchte, wenn man bei ihrem Anblick keine Migräne kriegen wollte.

Unter mir hatte sich bereits eine schmutzige Pfütze gebildet. Eine schlammige Spur aus Fußabdrücken zeichnete meinen Weg nach.

Wenn Diana das sah, war ich erledigt. Und wenn sie erfuhr, was in der Schule los war, vierteilte sie mich.

Ich holte tief Luft, um das Zittern unter Kontrolle zu kriegen, und stieß die Tür ganz auf. »Danke der Nachfrage, ich hatte einen tollen Tag in der Schule und wäre auf dem Weg nach Hause beinahe ertrunken. Und du? Wieder ein paar leichtgläubigen Hypochondern ihr Geld aus der Tasche gezogen?«

Diana wechselte gerade die Position. Ihre Arme bildeten hinter dem Kopf ein Dreieck, sie ließ sich im Schneidersitz auf der Matte nieder und musterte mich kurz aus dem Augenwinkel.

»Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen. Warum bist du überhaupt so schmutzig? Seit wann spielst du im Dreck, wenn es regnet? Das hast du als kleines Kind nicht gemacht, wieso fängst du jetzt damit an? Warte mal, hast du dich etwa geprügelt?«

»Tja, du solltest mal den anderen sehen. Der war viel größer als ich und hatte ein Auto.«

»Wovon redest du?«

Sie drückte sich in die Höhe, zog den linken Fuß an den rechten Oberschenkel und presste die Handflächen vor ihrer Brust aneinander.

»Seit wann interessiert es dich, wovon ich rede? Du willst ja nicht einmal wirklich wissen, was passiert ist, sondern nur deinen Frust an mir ablassen. Ich kann doch auch nichts dafür, dass kein Mann in diesem Kaff Interesse an dir hat, egal, wie viele Gemüseshakes du trinkst und wie sehr du dich folterst.«

Jetzt sah sie mir zum ersten Mal ins Gesicht.

»Was fällt dir ein! Wann fängst du endlich an, mich und meine Arbeit zu respektieren! Ich bin eine alleinerziehende Mutter, habe ein Psychologie-Diplom der Kaplan University … Und falls du es vergessen hast, ich bin hier immer noch diejenige, die die Brötchen verdient! Ich bin deine Mutter, verdammt noch eins!«

Nein, bist du nicht, auch wenn du das immer wieder behauptest.

Aber das war eine andere Baustelle. Jetzt war nicht der Moment, um dieses heikle Thema anzusprechen.

»Du behandelst in deiner …« Ich formte mit meinen Zeige- und Mittelfingern unsichtbare Gänsefüßchen. »… Praxis Menschen, die unter eingebildeten Krankheiten leiden, mit Bachblütentherapien und Zuckerkügelchen. Wenn du so ein tolles Diplom hast, wieso musst du dann dein Geld mit Hokuspokus verdienen?«

»Du sitzt ja moralisch auf einem verdammt hohen Ross!« Diana schaltete mit der Fernbedienung die Musik aus, schnappte sich ein kleines weißes Handtuch, tupfte sich trocken und patschte mit den nackten Füßen den Flur hinab zur Küche. Gleich würde sie eine Flasche Rotwein öffnen, das kannte ich schon.

»Mag sein. Aber du behauptest, mit dem Universum in Einklang zu sein, und bist mit deiner Scharlatanerie in Wirklichkeit schlimmer als ein Hütchenspieler in der Fußgängerzone.«

Diana machte einen Schritt aus der Küche auf den Flur, einen Korkenzieher in der Hand, und fuchtelte mit ihm durch die Luft. Eine weißblonde Haarsträhne löste sich aus ihrem Pferdeschwanz und blieb an ihrer verschwitzten Stirn kleben.

»Ich helfe vielen Menschen und zahle damit die Hypothek, Schulsachen, Kleidung und auch deine ganzen verdammten Bücher, in die du dich Tag und Nacht vergräbst. Ich sorge gut für dich. Daran ist nichts verkehrt. Und überhaupt, ich muss mir von einer altklugen Achtzehnjährigen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung nicht die Welt erklären lassen!«

»Du wirfst mir Selbstverliebtheit vor? Dabei steckst du doch in einer narzisstisch geprägten Analfixierung fest! Sieh dich doch mal an: Dein Körper ist so zwanghaft aufgeräumt und gestylt wie das ganze verfluchte sterile Hexenhaus, in dem du mich nur als Fremdkörper erträgst, den dein hyperaktives Immunsystem noch nicht zerquetschen konnte. Freud würde -«

»Ausgerechnet du wagst es, mir mit Freud und seiner Kaffeesatzleserei zu kommen?«, unterbrach sie mich aufgeregt. »Wer sich auf Freud beruft, sollte nicht über ganzheitliche Medizin lästern, meine Liebe. Du musst noch lernen, dass es im Leben einfach mehr gibt als die Weisheiten aus ein paar Büchern. Die Wirklichkeit ist komplexer und komplizierter, als sie sich auf dem Papier darstellt.«

Diana drehte sich wieder um, ging zurück in die Küche und machte sich am Korken der Weinflasche zu schaffen. Ich folgte ihr.

»Quatsch, du bist nur nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung. Wie solltest du auch? Hirnforscher wie Antonio Damasio und Vilayanur Ramachandran haben längst nachgewiesen, dass Freuds Theorien zutreffend sind. Wenn du ab und zu mal eine echte Fortbildung besuchen würdest, statt nur Fernkurse in modernem Schamanismus zu belegen, dann wüsstest du das!«

Diana ließ den Korken ploppen.

»Nur weil Freud ein paar Glückstreffer gelandet hat, heißt das noch lange nicht, dass er ein seriöser Forscher war. Du willst mir doch nicht erzählen, dass wilde Theorien über Penisneid oder einen Kampf zwischen Ich, Es und Über-Ich mehr sind als die Märchenerzählungen eines kokainabhängigen, sexuell frustrierten Außenseiters. Aber ich verstehe, dass du dich mit so jemandem identifizieren kannst.«

»Ich -«, setzte ich an, aber Diana war so in Fahrt, dass sie mich nicht mehr zu Wort kommen ließ.

»Hör gefälligst auf, dieses Gespräch auf eine andere Ebene zu ziehen, um von dem abzulenken, worum es hier eigentlich geht!«

Diana hielt die Flasche über das Glas, kurz davor, den Wein einzugießen, verharrte dann aber.

»Also, wenn du dich nicht geprügelt hast, wieso kommst du dann so spät aus der Schule?«

Etwas in ihrem Tonfall ließ mich aufhorchen und jagte mir eine Gänsehaut über den Körper.

»Ich …«

»Was?«

»Ich hatte einen Unfall, das habe ich dir doch schon gesagt. Hörst du mir denn gar nicht zu?«

Etwas ruhiger fragte sie: »Aber du bist nicht verletzt?«

»Nein.«

»Dein Fahrrad ist kaputt?«

»Ein paar Kratzer, denke ich. Fährt noch.«

»Hat dich ein Auto angefahren?«

»Nicht ganz. Ich konnte noch rechtzeitig ausweichen und bin im Straßengraben gelandet.«

Sie nickte. »Dann gibt es also nichts, was eine heiße Dusche nicht kurieren könnte. Und das ist der Grund dafür, dass du so spät kommst?«

Sie hatte es geschafft, mich in die Ecke zu drängen. Ich hatte genug Ärger für heute. Mir standen bereits die Tränen in den Augen, aber ich würde mir vor ihr nicht die Blöße geben. Ich wollte, dass das alles endlich vorbei war, dass dieser Tag ein Ende nahm. Ich wünschte, der Tag wäre schon gekommen, an dem ich das Abitur in der Tasche hatte und das alles hinter mir lassen konnte.

»Ja. Ich -«

Diana hob nur die Hand, senkte das Kinn auf die Brust, fixierte mich aber trotzdem mit ihren Augen und brachte mich damit zum Schweigen. Dass sie plötzlich so ruhig war, machte den Augenblick noch gruseliger.

»Patricia, für wie blöd hältst du mich? Herr von Waldensbach hat längst angerufen. Ich weiß Bescheid. Was hast du dir dabei gedacht? Was sollen wir denn machen, wenn du hier nicht mehr zur Schule gehen kannst? Willst du eine Lehre als Autoschlosserin anfangen?«

»Ich will doch nur -«

»Es ist mir egal, was du willst. Ich habe das alles so satt. Was ist nur mit dir in den letzten Jahren geschehen? Du warst so ein braves Kind, als du klein warst. Kannst du nicht einfach heimlich rauchen und einen Freund haben, der mir nicht passt? Oder etwas anderes Normales machen, was junge Frauen sonst so in deinem Alter tun?«

»Aber -«

»Ich bin ja selbst schuld. Die Schulpsychologin hat damals schon gesagt, dass wir irgendwohin ziehen sollten, wo es eine Schule für Hochbegabte gibt.« Leiser fügte sie hinzu: »Ich wollte hier nur einfach nicht weg.«

»Wenn ich mal -«

Diana schreckte hoch. »Ich rede jetzt nicht mehr mit dir. Du hast den Fußboden dreckig gemacht, und du wirst ihn jetzt sofort wieder sauber machen, bevor mein Patient kommt. Basta!«

»Du fragst nicht einmal …«

»Still!« Ihre Stimme überschlug sich. Sie hielt sich die Hand vor Augen, atmete ein paarmal durch. Dann fuhr sie wieder etwas leiser fort: »Ich will kein Wort mehr von dir hören! Reinige den Boden, und dann verschwinde aus meinem Haus und komm erst wieder, wenn du bereit bist, dich zu entschuldigen!«

Ich konnte es nicht vermeiden, für einen Lidschlag die Treppe hochzublicken. Dort oben, gleich unter dem Dach, war mein Refugium, der einzige Platz in meiner kleinen Welt, an dem ich mich wirklich wohlfühlte – zwischen meinen Büchern.

»Du kannst mich doch nicht einfach rausschmeißen«, sagte ich. »Ich bin erwachsen, verdammt! Und Mütter verdonnern ihre Kinder normalerweise zu Hausarrest und zwingen sie nicht dazu, nach draußen zu gehen.«

»Hältst du mich für total bescheuert? Du bist ein notorischer Stubenhocker. Hausarrest wäre für dich keine Bestrafung. Und ich bin halt nicht wie andere Mütter. Überraschung! Solange ich für dich alles bezahle, kann ich auch das Hausrecht durchsetzen. Warte mit deinem Protest, bis du eine eigene Wohnung hast.«

Ich biss mir auf die Unterlippe, um nichts Unvernünftiges zu sagen.

Ohne ein weiteres Wort wandte sich Diana von mir ab.

Ich machte ein paar Schritte in Richtung Küche und blieb im Türrahmen stehen.

»Ich wollte mich ja raushalten, aber -«

»Das glaube ich dir nicht, verflucht noch mal!«

Sie drehte sich wieder zu mir um. Die Ränder ihrer Augen waren wässrig. »Patricia, mit allem, was du tust, versuchst du deinen Dickkopf durchzusetzen. Aber nicht mehr mit mir, verstehst du? Du bist ja nicht einmal bereit, dich zu entschuldigen!«

Sie machte eine Pause und sah mich auffordernd an.

»Ich …«

»Na?«

»Also …«

Diana schüttelte den Kopf, wobei sich eine weitere Haarsträhne aus ihrem Pferdeschwanz löste. »Na bitte! Weißt du was? Ich habe keine Lust mehr. Mein Patient kann jeden Moment kommen, und ich muss mich noch umziehen und den Flur wischen. Ich will nicht, dass du zu Hause bist, wenn ich arbeite. Also hau ab! Sofort.«

»Aber -«

»Kein Aber. Verschwinde!«

»Wo soll ich denn hin?«

3.

»Meine Güte, Patty, wie siehst du denn aus?«

Rebecca schlug vor Schreck die Hand vor den Mund. An ihrer Miene erkannte ich sofort, dass es eine gute Idee gewesen war, meinen besten Kumpel Ivo und seine Mutter, die im Nebenhaus wohnten, zu besuchen. Ich versuchte zu lächeln und spürte, wie meine Mundwinkel zuckten. Aber ich hatte sie nicht mehr so richtig unter Kontrolle.

»Komm erst mal rein!« Rebecca zog mich am Ärmel in den Flur, obwohl ich Schmutz und Wasser auf ihr Parkett tropfte. Unser Flur hatte weiße Kacheln auf dem Boden, weiße Wände und eine schwarze Garderobe. Rebeccas Flur hingegen besaß dunkelroten Parkettboden, der bei jedem Schritt in einer anderen Tonlage knarrte. Eine große Kommode aus dem 19. Jahrhundert, die sie selbst restauriert und in Hellblau und Lindgrün gestrichen hatte. Einen Kleiderständer, einen Schuhschrank, mehrere Illustrationen aus ihren Kinderbüchern waren an den Wänden. Ein halbes Dutzend Türen führte vom Flur in angrenzende Zimmer, von denen jede eine andere Farbe besaß.

Rebecca hatte ihre feuerrot getönten und von schwarzen Strähnchen durchzogenen Haare hochgesteckt. Ein wenig grüne Farbe in ihrem Gesicht verriet mir, dass ich sie beim Arbeiten gestört hatte.

Sie musterte mich.

»Wieder Streit mit Diana?«

»Wieder Streit mit Diana.«

»Ach, ihr beiden … Und der ganze Dreck? Wo kommt der her? Was ist passiert? Geht es dir gut?«

»Ja, alles halb so schlimm. Kleiner Fahrradunfall.«

Rebecca ließ ihren Blick noch mehrmals über meinen Körper wandern und seufzte. »Na komm, du springst erst einmal schnell unter die Dusche, und ich mache dir und Ivo in der Zwischenzeit Kaffee. Ach, du magst ja lieber Tee, richtig? Nimm dir meinen Bademantel, ich werde deine Sachen schnell waschen und in den Trockner packen. Ivo wird sich freuen, dass du ihn besuchst. Er schläft gerade, aber während du duschst, werde ich ihn mal vorsichtig wecken. Krank oder nicht – irgendwann muss man sich auch mal von der Couch lösen.«

Ich schlug mir mit der Hand gegen die Stirn.

Ich hatte vergessen, dass Ivo heute nicht in der Schule gewesen war, weil er sich eine Grippe eingefangen hatte. Ivo war häufig krank. Eigentlich war er fast ein Jahr älter als ich. Wegen einer heftigen Angina in der Grundschule, die ihn zu viel Unterricht verpassen ließ, waren wir trotzdem im gleichen Jahrgang.

Mir war gar nicht aufgefallen, dass Ivo heute in der Schule gefehlt hatte.

Die Dusche wusch mir nicht nur den Dreck von der Haut, sondern vertrieb auch meine trüben Gedanken. Die blutigen Bilder und die Schreie perlten langsam an mir runter und wurden zusammen mit dem Schlamm durch den Ausguss gespült.

Vielleicht waren diese Visionen nur die Folge von zu wenig Schlaf. Eine Art Tagtraum. Stress und Schlafentzug. Das musste es sein.

Aber diese Erklärung beruhigte mich nur im ersten Moment. Ich kramte in meinem Gedächtnis nach allem, was ich zu diesem Thema bislang gelesen hatte.

Tagträume treten auf, wenn innere Vorgänge die Oberhand über das Bewusstsein gewinnen. Unaufmerksamkeit und körperliche oder mentale Erschöpfung sind mögliche Gründe. Freud und Breuer sind der Meinung, dass sie sich aus unbewussten Wünschen und Ängsten heraus entwickeln, die das Bewusstsein auf eine andere Weise nicht lösen kann.

Dazu passten die Bilder, die ich vor meinem inneren Auge gesehen hatte, sehr gut. Wünsche und Ängste … Lebte ich etwa wirklich Gewaltfantasien auf diese Weise aus?

Trotz der warmen Dusche lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich drehte den Hahn zu und schüttelte das Wasser aus meinen Haaren.

Dann stieg ich aus der Dusche und trocknete mich ab. Der Anblick von Rebeccas Badezimmer brachte mich in die Wirklichkeit zurück und beruhigte mich.

Ich mochte die selbst gemalten Bilder, die hier wie überall im Haus hingen, den schmiedeeisernen Ofen und die bauchige Messingbadewanne auf dem Parkett. Mehrere Schränke und Ablagen und ein wirklich großer Spiegel rundeten das Bild ab. Rebeccas Badezimmer war gemütlicher als unser riesiges Wohnzimmer, in dem es außer einer Couch, einem Tisch, einem Fernseher und einem kleinen Beistelltisch fürs Telefon nichts gab. Nichts Persönliches … Nicht einmal ein Foto von Thomas hatte Diana aufgestellt.

Sie hatte keine Bücherregale im Haus. Lieh sich alles, was sie brauchte, in der Bibliothek. Besitz verderbe den Charakter, meinte sie immer und redete deswegen ständig gegen meine Sammelwut an. Außerdem war sie der Ansicht, dass eine minimalistische Einrichtung das Chi besser fließen ließe. Ich interpretierte ihre Ablehnung von allem, was auch nur den Hauch von Gemütlichkeit erzeugen konnte, als Bindungsangst. Wahrscheinlich eine Reaktion auf Thomas‘ Tod.

Als ich mir Rebeccas Bademantel überstreifte, der mir zu groß war, und mit der Kapuze meine Haare trocken rieb, fiel mein Blick in den Spiegel.

»Ach du Sch…!«

Mit der Hand wischte ich die feinen Wassertropfen von dem Glas und hoffte, dass dadurch mein Ebenbild nicht mehr einem Geist ähneln würde. Aber ich wurde enttäuscht: Mein Gesicht war blass, die Wangen sahen noch hohler aus als sonst, das Kinn noch spitzer, unter den Augen hatte ich schwarze Ringe, und meine schwarzen Haare wirkten stumpf. Ich schnitt ein paar Grimassen und schlug mir mit den Händen ins Gesicht, um Farbe zu kriegen, aber das brachte nur wenig.

Das konnte doch nicht nur die Folge des Unfalls sein. Oder doch? Vielleicht hatte ich es mit dem langen Lesen abends in letzter Zeit übertrieben. Oder ich bekam auch die Grippe, die Ivo schon hatte. Was ungewöhnlich war, denn ich werde nie krank. Kein Scherz. Wahrscheinlich hat die vegetarische Diät, auf die mich Diana setzte, doch was Gutes.

Ich schlüpfte in ein paar Badelatschen und schlurfte durch den Flur. Die Tür zum Wohnzimmer – zartrosa – stand offen. Schon von Weitem hörte ich Explosionsgeräusche, Schüsse und Schreie.

Ivo lag auf der Couch, mit einer Decke bis zu seinem blassen Doppelkinn eingemummt. Er hatte nur die Hände frei, um mit ihnen den Controller seiner Playstation oder Xbox zu bedienen. Ich hatte den Unterschied zwischen beiden noch nie kapiert, obwohl Ivo ihn mir schon ein Millionen Mal erklärt haben musste.

Das flackernde Licht des Fernsehers spiegelte sich hektisch in seinen Brillengläsern. Er starrte wie gebannt auf den Bildschirm.

»Schick«, begrüßte er mich und zog den Rotz hoch. »Pink steht dir.« Seine Augen wichen dabei nicht vom Bildschirm, wahrscheinlich hatte er mich nur als Reflexion gesehen. Ivo wusste genau, wie sehr ich alles typisch Mädchenhafte hasste. Und dazu gehörten Pferde, Ponys, Plüsch und natürlich alles, was rosa oder pink war.

»Muss ich mir nicht von jemandem sagen lassen, der am späten Nachmittag im karierten Schlafanzug vor der Glotze hängt«, konterte ich.

Ivo grinste schief, wodurch sein Gesicht wie ein missglückter Eierkuchen wirkte. »Tja, wenn du dich einfach mal per Handy angemeldet hättest, hätte ich mich für dich in Schale geworfen. Ach nee, du weißt ja nicht mal, wie man ein Handy von einer Fernbedienung unterscheidet.«

»Handys verderben den Charakter und sind schlecht für das Konzentrationsvermögen.«

»Ja, ja, ich weiß, sie machen abhängig und pfuschen im Gehirn rum.« Er hustete feucht und schluckte den Schleim runter. »War aber trotzdem lustig, als du gestern versucht hast, mit meinem Handy den Fernseher auszuschalten.«

»Alle haben doch heute diese Smartphones. Die sehen ganz anders aus. Mit so einem wär mir das nicht passiert. Du hast doch sonst jeden Technikschnickschnack. Wieso läufst du noch mit einem schwarzen Plastikteil rum, das genauso aussieht wie diese Fernbedienungen?«

Ivo zuckte mit den Schultern, ohne mich anzusehen. »Wozu ein neues Handy kaufen? Mich ruft eh keiner an.«

Seine Stimme klang so ernst, dass es mir die Kehle zuschnürte. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Also setzte ich mich in den Sessel neben der Couch und zeigte auf den Bildschirm.

Ivos Spielfigur jagte in einer futuristischen Umgebung gerade mit einer Handgranate einen Panzer in die Luft. »Wann siehst du endlich ein, dass virtuelle Gewalt Abdrücke in deinem Bewusstsein hinterlässt, die dich verrohen lassen?«

»Sagt wer?«

»Inhibitionstheorie, Simulationstheorie, Spitzer, Möller … such dir jemanden aus.«

»Hä?«

»Gewaltdarstellungen in den Medien erzeugen Angst und erhöhen die Aggressionsbereitschaft. Ein Wunder, dass du noch kein Amokläufer bist.«

»Ich kann mich aber gut dabei entspannen. Außerdem lebe ich in einer liebevollen Umgebung ohne echte Waffen. Die töten nämlich Menschen, keine Konsolenspiele.«

»Was für ein Irrtum! Der kathartische Effekt virtueller Gewalt ist ein Gerücht. Der konnte wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen werden.«

»Kathar…?«

»Kathartischer Effekt, kommt von Katharsis, das bedeutet so viel wie Reinigung. Die Theorie besagt, dass durch das Ausleben von Gewaltfantasien mittels eines Platzhalters wie einem Computerspiel das Bedürfnis nach realer Gewalt abreagiert wird. Stimmt aber nicht.«

Ivo zuckte mit den Schultern und sah mich das erste Mal richtig an. Er bekam einen Hustenanfall.

»Meine Fresse, wie siehst du denn aus?«, keuchte er.

Ich rang mir ein Lächeln ab und befürchtete, dass es so müde aussah, wie ich mich fühlte. »Ich hatte ein Date mit einer Motorhaube.«

»Was? Was ist passiert?«

»Mich hat auf der Landstraße ein Typ mit seinem Mercedes von der Fahrbahn in den Straßengraben gedrängt.«

Okay, das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber die Version gefiel mir besser als »Ich hatte unerklärliche Visionen, die mich in den Gegenverkehr torkeln ließen, ohne es zu merken«.

»Und? Er hat dir nicht geholfen? Den Notarzt gerufen oder so?«

Ich schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Er hat mich noch ein zweites Mal in den Graben geschubst und ist dann einfach weggefahren.«

»Bis du verletzt?«

Die Sorge, die Ivo und Rebecca an den Tag legten, bildete einen angenehmen Kontrast zu Dianas Gleichgültigkeit. Endlich fühlte ich mich nicht mehr wie der letzte Mensch.

»Nur mein Stolz. Aber das ist schon mehr, als mir lieb ist.«

Ivo wischte sich mit dem Handrücken über die Nase und schniefte dabei laut und feucht. »Wieso liegst du jetzt nicht zu Hause in deinem Bett und lässt dich von Diana pflegen? Warum bist du nicht gleich zur Polizei gefahren?«

»Machst du Witze? Diana hat mich rausgeschmissen, weil ich es gewagt habe, in ihren heiligen Flur zu tropfen. Wahrscheinlich habe ich das Chi durcheinandergebracht oder so.«

Ivo legte den Kopf schief. »Ihr hattet schon wieder Zoff.«

Ich seufzte. »Wir haben uns gegenseitig als Narzissten beschimpft, und ich habe ihr eine Analfixierung vorgehalten.«

Ivo kicherte. »Anal … krch, rch, rch …«

Ich verdrehte die Augen. »Oh Mann, du surfst zu viel auf Pornoseiten. Das hat nichts mit Analverkehr zu tun, das ist Psychoanalyse. Analfixierte Menschen sind krampfhaft sauber und ordentlich und klammern sich an Materielles.«

»Wieso könnt ihr statt mit psychologischen Fachbegriffen nicht mit Geschirr werfen oder so? Das machen normale Menschen nämlich so.«

Ich zuckte mit den Schultern und dachte kurz nach. Eigentlich wollte ich gar nicht über Diana reden, mir brannte ein ganz anderes Thema auf der Zunge.

»Was hältst du davon: Mein Verstand und dein gutes Aussehen – wir bilden ein Team und zeigen es diesem Frank Fulgur.«

»Hä? Wem? Ich versteh nicht …«

»Ich will dem Typ, der mich beinahe überfahren hat, auf den Zahn fühlen.«

»Was? Wozu? Zeig ihn an, wenn du ihm eins auswischen willst. Was soll ich denn machen?«

Ivos Spielfigur wurde gerade vom gegnerischen Maschinengewehrfeuer durchlöchert. Das rote Pulsieren auf der Mattscheibe erfüllte das Wohnzimmer, aber Ivo achtete nicht darauf, sondern starrte mich erwartungsvoll an.

»Ich brauche dich als Hacker.«

Ivo musste wieder husten, griff sich keuchend ein Taschentuch und schnaubte hinein. »Wie oft soll ich dir das noch sagen? Ich bin kein Hacker. Für dich ist jeder ein Computergenie, der weiß, wie eine Maus funktioniert.«

»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Jedenfalls brauche ich jemanden, der mit Computern umgehen kann. Und da sonst gerade niemand hier ist …«

Ivo ächzte und schlug die Decke zur Seite. »Ich kann deinem Charme einfach nicht widerstehen.«

Wir gingen gemeinsam den Flur entlang in Ivos Zimmer. Es war so ziemlich das Gegenteil von meinem Labyrinth aus Bücherregalen unterm Dach: klein und leer – abgesehen von einem Schreibtisch mit einem Computer, einem Kleiderschrank und einem Bett. Ich ließ mich auf das Bett plumpsen, Ivo in den Bürostuhl vor seinem Schreibtisch.

Während der Computer knarzend und piepend hochfuhr, drehte sich Ivo zu mir um. »Dir ist schon klar, dass normale Menschen jetzt zur Polizei gehen würden?«

»Willst du damit andeuten, ich sei verrückt?«

»He, Mann, beruhige dich. Ich wollte nur sagen, dass du den Typ auf jeden Fall anzeigen sollst. Hast du dir das Nummernschild gemerkt?«

»Besser. Ich kenne seinen Namen. Und ich weiß, dass er Reporter ist.«

Ivo hustete. »Das reicht für eine Anzeige. Was willst du noch?«

»Ich will mehr über ihn wissen. Er telefonierte mit seinem Handy – der beste Beweis übrigens, dass Handys schlechte Menschen hervorbringen. Schmeiß deins weg, sonst wirst du noch genauso.«

»Komm zum Punkt.«

»Ich konnte hören, wie er mit jemandem darüber redete, dass er wegen einer Story hier in Kelltin ist. Wenn wir herausfinden, worüber er schreiben will, könnten wir ihm vielleicht in die Suppe spucken.«

»Oh ja, wir beide können mehr ausrichten als eine Anzeige wegen Fahrerflucht.«

Ich schüttelte den Kopf. »Hör doch mal mit der Leier auf. Wenn ich ihn anzeige, steht nachher Aussage gegen Aussage. Du weißt doch, wie Erwachsene auf mich reagieren. Lass mich zehn Minuten mit einem Polizisten allein, und er schlägt Fulgur als nächsten Papst vor.«

»Selbst schuld, wenn du dich immer mit allen anlegst.«

»Der Typ hatte auf seinem Rücksitz mehrere Benzinkanister.«

Sollte ich Ivo auch noch von der Pistole erzählen? Eigentlich hatte ich sie ja nicht richtig gesehen. Vielleicht hatte ich sie mir auch nur eingebildet. Und Ivo würde dann wahrscheinlich sogar selbst die Polizei anrufen. Oder er würde mich endgültig für durchgeknallt halten.

»Und?«

»Wie und? Was macht einer mit Benzinkanistern auf dem Rücksitz? Normalerweise hat man doch einen im Kofferraum, nicht mehrere auf dem Rücksitz. Der hat doch was vor. Vielleicht will er Brandstiftung begehen und darüber berichten. Wäre nicht das erste Mal, dass ein Reporter seine eigene Story inszeniert.«

»Deine Fantasie geht mit dir durch. Wahrscheinlich hat der nur billig in Polen getankt und sich ‘ne Reserve zugelegt, um Geld zu sparen.«

Für einen Augenblick brachte mich diese simple Erklärung, auf die ich im Leben nicht gekommen wäre, aus dem Konzept. »D-das glaube ich nicht.«

»Und warum nicht?«

Ich schnaufte. »Bist du jetzt mein Freund oder nicht?«

»Schon gut, schon gut … Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.« Ivo drehte den Bürostuhl so, dass er vor seinem Computer saß und klackerte mit den Fingern über die Tastatur. Ich stand auf und stellte mich neben ihn.

»Hey, pass auf, was du tust, der Bademantel klafft auseinander.«

»Mach dich mal frei von deinem Schamgefühl. Das ist eine nutzlose, anerzogene Konvention, die dich im Leben nicht weiterbringt. In welche Hacker-Datenbank loggst du dich da gerade ein?«

Ivo stöhnte. »Die nennt sich Google. Mann, wo hast du nur deine Computerkenntnisse her?«

»Ich habe Neuromancer gelesen. Angeblich ein Klassiker. War aber ein beknacktes Buch voller oberflächlicher Figuren, die psychologisch kaum durchdacht waren.«

»Also, wie hieß der Typ noch mal?«

»Frank Fulgur.«

»Echt? Klingt nicht wie ein richtiger Name, eher wie ein Comic-Bösewicht.«

»Nun mach schon.«

Wieder tippte Ivo, dann erschienen haufenweise blaue Überschriften auf dem Monitor. Ivo und ich überflogen sie. Der Name Frank Fulgur tauchte nicht auf. Es gab ein paar Einträge für Fulgur, die allerdings nichts mit einem Frank zu tun hatten. In einem Online-Wörterbuch für Slang lasen wir auf Englisch die Erklärung, die frei übersetzt so viel bedeutete wie:

Fulgur – jemand, der unkontrollierbar wütend über etwas oder jemanden ist, dabei aber seine eigene Schuld ignoriert.

»Nichts. Wenn es den Typen gibt, dann kann er kein bekannter Journalist sein«, meinte Ivo.

Ich überflog die Einträge auf dem Monitor. »Es muss doch etwas geben. Kannst du noch woanders suchen?«

»Es gibt noch andere Suchmaschinen. Aber ich denke nicht, dass wir da mehr finden.«

»Such bitte!«

Für eine ganze Weile surfte Ivo über verschiedene Seiten in einem Tempo, dass mir schwindelig wurde. Aber ich wusste, dass er trotz der Geschwindigkeit alle Einträge auswerten konnte. Ivo war gut in so was. Ich hingegen las zwar viel, aber in der Regel langsam und dafür umso gründlicher. Den Umgang mit Computern war ich wirklich nicht gewohnt. Offensichtlich war ich doch erkennbar Dianas Tochter, denn sie verteufelte Computer und Handys ebenfalls. Beides besaß sie zwar, benutzte sie aber nur äußerst ungern und deswegen selten. Also musste ich darauf vertrauen, dass Ivo mir zeigen würde, wenn er etwas fand.

Irgendwann lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Nichts«, stellte er fest. »Entweder den Typ gibt’s gar nicht, oder es handelt sich vielleicht um ein Pseudonym.«

»Oder er ist wirklich einfach unbedeutend.« Ich ließ mich wieder aufs Bett fallen. »Denken wir nach: Was kann ein unwichtiger Lokalreporter aus Berlin bei uns in Kelltin wollen?«

»Bist du dir denn sicher, dass er in den Ort reingefahren ist? Vielleicht will er ja ganz woandershin.«

»Erstens gibt es keinen Grund durch Kelltin zu fahren, wenn man irgendwo anders hinwill, und zweitens hat er am Telefon gesagt, dass hier sein Ziel ist. Er hat von einer Exklusivstory gesprochen. Was könnte das sein?«

Ivo zuckte mit den Schultern, nahm sich ein Taschentuch und rotzte hinein. »Ist doch wurst. Vielleicht schreibt er einen Artikel über die Trinkwasserqualität in Brandenburg.«

»Wieso? Was ist denn mit dem Trinkwasser?«

Ivo schniefte. »Schmeckt komisch.«

»Du spinnst!«

Oder bin ich diejenige, die Hirngespinsten nachjagt?

Der Gedanke rauschte wie ein Schwall Eiswasser durch meine Blutbahn.

Ich konnte nicht leugnen, auf der Landstraße Trugbilder gesehen zu haben. Was, wenn ich mir diesen Fulgur auch nur eingebildet hatte?

Das Holz knarrte laut unter jedem Schritt, als ich die Treppe zum Keller hinabging. Meine Beine fühlten sich schwer an. Ich wollte nur noch mein Bett und ein Buch. Wahrscheinlich würde ich keine Seite mehr lesen können, bevor mir die Augen zufielen, aber allein schon die Vorstellung, ließ in meinem Bauch eine angenehme Wärme entstehen.

»Na, Patty, du willst bestimmt deine Sachen wieder anziehen«, rief Rebecca durch den großen Raum. Ihre Stimme wurde von den Regalen zwischen uns beinahe verschluckt und klang dumpf.

Sie saß unter einer Tageslichtlampe an einem Zeichentisch.

»Stimmt!«

Ich begann mir einen Weg durch das Labyrinth aus Regalen zu bahnen, in denen allerhand lagerte: Skulpturen, sehr viele Gemälde, eine alte Uhr, ein großes, uraltes Radio, alte Fernseher, mehrere Kaffee- und Küchenmaschinen aus verschiedenen Jahrzehnten, Farbtöpfe, Werkzeug und noch viele andere Dinge in großen Kartons. Viele davon waren noch aus DDR-Zeiten.

Rebecca thronte inmitten ihrer Regale, mit dem Rücken zum Zeichentisch. Offensichtlich hatte sie ihre Arbeit unterbrochen. In dem Regal vor ihr war vieles ausgepackt und lag lose herum. Sie hielt ein uraltes Rührgerät, strich mit dem Finger vorsichtig darüber und lächelte mich an.

»Hat sich so angehört, als wäre der Trockner gerade fertig. Ich hol sie dir«, murmelte sie abwesend, blieb jedoch sitzen und wog das antike Küchengerät in der Hand. »Damit habe ich Ivo früher immer seinen Brei angerührt.« Sie sah zu mir hoch. »Du hast auch ab und zu eine Portion abbekommen.«

»Du tust dich schwer damit, Dinge wegzuwerfen«, stellte ich fest und ließ meinen Blick über die Regale streifen. »Wow, was für ein Monster ist das denn?«

Ich zeigte auf das alte Radio, das so groß war wie ein Reisekoffer und viele Drehknöpfe, Anzeigen und eine Hülle aus glänzendem Metall hatte. Zumindest vermutete ich, dass das Ungetüm ein Radio war.

Rebecca legte den Mixer weg und stand auf. »Ach, ein altes Gerät.« Sie seufzte. »War ein Eigenbau und hat wahrscheinlich nie funktioniert. Aber es erinnert mich an alte Freunde.«

»Du sammelst echt alles, hm?«

»Ja, schrecklich, nicht wahr?«

Ich hob den Mixer auf und wog ihn auf die gleiche Weise in der Hand wie zuvor Rebecca. »Nein, gar nicht. Bei uns zu Hause ist alles vollkommen minimalistisch eingerichtet. Steril. Diana schmeißt alles weg, was wir nicht jeden Tag brauchen.«

Rebecca nickte. »Ich weiß. Was das angeht, waren wir uns noch nie einig. Sie meint, dass alte Sachen nicht gut sind – für die Seele.«

»Das Chi muss fließen«, imitierte ich Dianas Tonfall.

Rebecca prustete. »Das kannst du gut.«

»Ich hör‘s ja auch oft genug.«

»Na ja, wir haben halt alle so unsere Macken. Sieh dir das hier alles an, das ist auch nicht normal.«

»Ich fänd‘s toll, wenn Diana mehr aus unserer Vergangenheit aufgehoben hätte. Ich denke, dass sie alles wegschmeißt, damit sie sich nicht zu sehr mit mir beschäftigen muss.«

»Ach, Patty, das ist doch Quatsch.«