Tödliche Transparenz - Lilia Hassaine - E-Book

Tödliche Transparenz E-Book

Lilia Hassaine

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Beschreibung

Frankreich im Jahr 2049. Der Fall Royer-Dumas bedeutet eine harte Bewährungsprobe für die ehemalige Polizistin Hélène und ihren Kollegen Nico: Der Schüler Milo und seine Eltern sind spurlos verschwunden. Ein unvorstellbares Ereignis in einer harmonischen Gesellschaft, die sich der absoluten Transparenz verschrieben hat. Zwanzig Jahre zuvor hatte ein Mehrheitsbeschluss in den sozialen Medien zu einer Revolution geführt. Städte wurden umgebaut, alle Hausmauern durch Glas ersetzt. Konsequent geschaffene Transparenz sollte Sicherheit und Schutz für alle garantieren und sämtliche Arten von Verbrechen und häuslicher Gewalt verhindern. Die gemeinsam gelebte soziale Kontrolle verfolgte das Ziel, für Glück und Wohlbefinden zu sorgen. Hélène und Nico lassen sich in ihren intensiven Bemühungen um Aufklärung des mysteriösen Verschwindens nicht beirren. Ihre Ermittlungen in Milos Schule und der wohlhabenden Nachbarschaft der Familie führen in die Abgründe der Beziehungswelt der Menschen. Die Brüchigkeit des brutalen gläsernen Paradieses wird entlarvt.

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lilia Hassaine

Tödliche Transparenz

Roman

Aus dem Französischen von Anne Thomas

Lenos Verlag

Titel der französischen Originalausgabe:

Panorama

Copyright © 2023 byÉditions Gallimard, Paris

E-Book Ausgabe 2025

Copyright © der deutschen Übersetzung

2025 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Coverfoto: Kirill Neiezhmakov / Shutterstock

eISBN 978 3 03925 724 9

www.lenos.ch

»Die sichtbaren Dinge enden nicht im Dunkel oder im Schweigen, sondern sie verflüchtigen sich in dem, was sichtbarer als das Sichtbare ist: in der Obszönität.«

Jean Baudrillard,

Die fatalen Strategien*

* Aus dem Französischen von Ulrike Bockskopf und Ronald Voullié. München: Matthes & Seitz 1991, S. 12.

Prolog

Hinter der Glaswand liegt eine Frau auf der Seite und schläft. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich wie morgendliche Dünung. Nico schmiegt sich von hinten an sie und küsst ihr offenes Haar. Eine Blondine habe ich bisher noch nicht in seinem Bett gesehen.

Nico hat beschlossen, zu vergessen und zu leben. Mir gelingt das nicht, und ich frage mich immer noch, wie die Dinge derart aus dem Ruder laufen konnten.

Es ist knapp ein Jahr her.

Eine Familie war verschwunden, hier, wo nie jemand verschwindet.

Man hatte mich mit den Ermittlungen betraut, und was ich im Laufe der Wochen entdeckt habe, hat all meine Gewissheiten erschüttert. Es war nicht nur ein banales Verbrechen, sondern eine unvermeidliche Tragödie, ein Übel, das ein ganzes Viertel, eine ganze Stadt, ein ganzes Land vergiftete, ein plötzlicher Ausbruch, Gewalt, die wir eingeschlafen glaubten.

Aber ehe ich Ihnen diese Geschichte erzähle, muss ich weiter ausholen. Denn man kann keines der Ereignisse vom 17. November 2049 verstehen, wenn man nicht weiß, was zwanzig Jahre zuvor passiert ist,

als unsere Städte, ehemals Dschungel, zu Zoos wurden.

Erster Teil

I

2029

Die Szene spielt sich im Sendesaal von Radio France ab. GabrielleBoca, eine äußerst zielstrebige junge Frau, tritt ans Rednerpult und wirft feierlich ihre Robe von sich. Die Menge applaudiert. Hunderte Bürger, auch ich bin darunter, wurden per Los ausgewählt, um diese Rede zu hören, die live im Fernsehen und im Internet übertragen wird. Es ist ein historischer Tag. An jenem 26. Oktober 2029 wird der Justiz der Prozess gemacht.

»Liebe Freunde, ich war die Erste, die Reue gezeigt hat. Ich habe meinen Anwaltsausweis abgegeben, die Robe abgelegt, um Verzeihung gebeten. Euch, die ihr an die Institution Justiz geglaubt habt, euch, die man zwar angehört hat, aber denen nicht zugehört wurde, euch möchte ich noch einmal sagen: Die Justiz hat Verrat begangen. Diese Justiz von früher, als Richter und Staatsanwälte von den Mächtigen ernannt wurden, diese Justiz, in der die Unschuldsvermutung und die Verjährung galten, diese Justiz hat versagt. Sie war unfähig, die Schwächsten zu schützen, und hat sich in Zugeständnissen und Effekthascherei verheddert. Wie viele Verbrechen wurden ignoriert? Wie viele Geschädigte mussten darunter leiden? Aufgrund unserer allzu großen Nachgiebigkeit haben wir die Opfer dazu verurteilt, lebenslang für die Täter zu büßen. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei.«

Hinten im Saal ertönt Musik. Der Hauch einer Oboe und der schmerzliche, seelenvolle Klang einer Geige. Ich schließe die Augen. Immer schneller, immer lauter schlägt ein Mann auf eine gespannte Tierhaut. Ich meine, Pauken zu hören, mein Atem wird schneller, ich bekomme Kopfschmerzen. Beim Dingdingding der Zimbeln schalte ich ab. Ich erinnere mich an den Hass bei Tag, die Rohheit bei Nacht, an Frauen mit Erinnyenflügeln und an den bitteren Geschmack ihrer Rache. Ich erinnere mich, dass ich wie gelähmt war. Sieben Tage lang. Sieben Tage hat es gedauert.

Alles hatte damit begonnen, dass ein bekannter Influencer mit einer Million Abonnenten namens Julian Gomes seinen Onkel anzeigte. Er erzählte seinen Followern, dass dieser Mann ihn als kleinen Jungen vergewaltigt hatte und wie ein solches Geheimnis in seinem Leben nachwirkte. Trotz des Medienechos, der Interviews, der Zeitungsartikel war das Verfahren eingestellt worden: Die Tat war verjährt.

Julian Gomes postet eine Umfrage in seiner Community. Soll er Selbstjustiz üben? Die Antwort lautet Ja, zu 87 %. Am nächsten Morgen begibt er sich mit einer GoPro zum Boulevard Arago 6 in Paris, erklimmt die sechs Etagen, die zwischen ihm und seinem Schicksal liegen, klopft an die Tür seines Onkels und rammt ihm ein Messer in den Hals. Julian richtet die Kamera auf sich selbst und bricht in Tränen aus.

Nach seiner Verhaftung treffen Supportnachrichten aus aller Welt ein, die seine Freilassung fordern. Weil die Regierung nicht reagiert, kommt es fast überall in Frankreich zu Protesten. Fotos freigelassener Täter werden hochgehalten, Gesichter von »Arschlöchern«, die nie verurteilt wurden. Immer mehr Menschen teilen Erfahrungen: Alle klagen über den Justizapparat, bemängeln seine Behäbigkeit und Ineffizienz. Die Website des Justizministeriums wird gehackt und in »Ministerium der Scheinjustiz« umgetauft.

Eines Nachts wird der Pariser Justizpalast von ein paar hundert Frauen gestürmt, sie sind Mitglieder eines Vereins für Opfer häuslicher Gewalt; der Innenminister ordnet eine Zwangsräumung an. Die Frauen weigern sich, Folge zu leisten, und eine wird von einem Polizisten niedergeknüppelt. Die Szene kommt ins Fernsehen und heizt den Zorn der Demonstranten an. Hunderte Jugendliche planen in den sozialen Medien gezielte Anschläge. Sie wollen Julian Gomes’ Tat nachahmen, alle zusammen, zur gleichen Zeit.

Der Hashtag »Revenge Week« – Woche der Vergeltung – geht viral. Ein aufrührerisches Klima erfasst ganz Frankreich. Opfer bestrafen Täter. Eine junge Angestellte aus Mulhouse stößt ihren Chef aus dem Fenster, er hatte sie jahrelang belästigt. Ein Student aus Amiens schubst seinen Nachbarn, einen ehemaligen Soldaten, vor einen Zug, weil der seinen Hund misshandelt hatte. Der Chef eines Konzerns, der eine Ölkatastrophe verursacht hatte, wird von militanten Umweltschützern vergiftet. Gewalttätige Eltern, pädophile Priester, übergriffige Polizisten, alle »Schweine« auf freiem Fuß werden nacheinander eliminiert. Die Verbrechen werden gefilmt, geteilt und von Hunderttausenden gelikt. In Béziers geht ein alter Mann zur Polizei und zeigt sich selbst an: Er hat seinerzeit als sportlicher Leiter eines Fußballvereins Kinder begrapscht. Er weiß, dass seine ehemaligen Schützlinge hinter ihm her sind, sie haben sein Foto gepostet und wollen seine Adresse herauskriegen. Er fürchtet um sein Leben und besteht darauf, in Gewahrsam genommen zu werden. Die Polizisten bitten ihn, später wiederzukommen, können nicht garantieren, dass dann eine Zelle frei ist. Die Schockstarre ist so groß, dass niemand – auch in meiner Einheit nicht – es wagt, einen Finger zu rühren.

Der Staatspräsident – der ebenfalls bedroht wird – flüchtet ins Fort de Brégançon und hinterlässt ein Machtvakuum.

Nach sieben Tagen Terror wird Julian Gomes freigelassen.

GabrielleBoca, die äußerst medienwirksame Anwältin des Influencers, gründet die Bewegung Bürgertransparenz, um denen zu helfen, die sich in der gleichen Lage befinden wie ihr Mandant. Gemeinsam mit anderen Reuigen aus Legislative und Exekutive schlägt sie eine Amnestie für alle während der Revenge Week begangenen Verbrechen vor, vorausgesetzt, die Gewalt hört auf: »Es muss ein Ausnahmeverfahren eingeleitet werden, um diejenigen zu verschonen, die in der Vergangenheit nicht von der Justiz geschützt wurden. Die einmaligen Rächer sollten angehört und erfasst werden, denn in einer Demokratie sind und bleiben Racheakte absolut inakzeptabel, dennoch schlage ich vor, dass wir von Bestrafungen absehen. Wir sollten Nachsicht walten lassen mit diesen schuldig gewordenen Opfern, diesen Rächern, die keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen.«

Ihre Petition erhält in nicht einmal vierundzwanzig Stunden drei Millionen Unterschriften. Angesichts eines solchen Volksbegehrens geht Bürgertransparenz noch weiter. GabrielleBoca beruft online die »Generalstände« ein, damit die Bürger eine neue Regierungsform entwerfen. Innerhalb von ein paar Monaten zerschlägt die Bewegung Behörden und reduziert sie auf schlichte Verwaltungsorgane. Gesetze werden nunmehr, genau wie gerichtliche Entscheidungen, im Internet diskutiert und direkt vom Volk verabschiedet. Ministerielle Unterlagen (außer die des Verteidigungsministeriums) werden öffentlich gemacht. Die als korrupt eingestufte politische Klasse wird abgewählt.

Als ich die Augen aufmache, ist die Rede zu Ende. Um mich herum Erwachsene und Kinder mit den Farben der Trikolore auf den Wangen. ViktorJouanet, ein junger Architekt und aktives Mitglied der Bewegung, wird von GabrielleBoca nach vorn geholt. Er räuspert sich, streicht sich mit einer Hand eine Haarsträhne aus der Stirn. »Innerhalb weniger Monate haben wir eine Revolution angestoßen: Frankreich zu einer echten Demokratie machen, die Macht an das Volk zurückgeben. Dennoch, wenn die Transparenz von Dauer sein soll, muss sie vor allem für uns selbst gelten. Vergewaltigungen, Misshandlungen, Missbrauch, Überfälle, sämtliche gegen Menschen oder Tiere gerichteten Gewalttaten haben eins gemeinsam: Sie geschehen hinter verschlossenen Türen, hinter Mauern, in den Schlafzimmern der Häuser, den Aufzügen der Unternehmen. Geschlossene Räume sind gefährlich. Mauern sind bedrohlich. Wir alle sollten, und zwar zum Wohle aller, auf einen Teil unserer Privatsphäre verzichten; der soziale Frieden hängt davon ab.«

An jenem Tag besiegelt der Architekt mit der Zustimmung der Bürger neue Normen für den Städtebau. Im 19. Jahrhundert hatte Baron Haussmann zugunsten von mehr Hygiene und Sicherheit das Stadtbild von Paris verändert. ViktorJouanets Umbauten streben nun eine »moralische Sanierung« und eine »Sicherheitsoptimierung« an. Die neuen Gebäude sind transparent. Kultstätten und denkmalgeschützte Objekte werden, sofern möglich, renoviert: Steinmauern durch Glasscheiben ersetzt. Wohnungen, Schulen, Gefängnisse, Krankenhäuser, Geschäfte werden abgerissen, stattdessen baut man Vivarien, in denen jeder zum Garanten für die Sicherheit und das Glück seiner Nachbarn wird.

»Was haben wir eigentlich zu verbergen? Wenn wir uns nichts vorzuwerfen haben, können wir doch genauso gut alles zeigen, oder?«

Die Menge applaudiert und stimmt die Marseillaise an.

II

2050

Innerhalb von zwanzig Jahren hat Frankreich sich verwandelt. Nachts brennt in den Häusern Rotlicht. Tagsüber verlässt man sich auf die Wachsamkeit der Nachbarn. Der Industrie ist es gelungen, ein bahnbrechendes Material zu entwickeln, XPUR-Glas, hoch isolierend, kaum verspiegelt und mit schwarzen Mikrokerben, damit kein Vogel dagegenfliegt. Die Riefelung ist mit bloßem Auge kaum zu sehen, aber die Vögel bemerken sie – meistens.

Meine Tochter Tessa, mein Mann David und ich leben auch in so einem Glashaus. Niemand hat uns gezwungen. Kein Diktator, kein Despot. Die Gesellschaft reguliert sich selbst, dank Kapillarwirkung. Das neue demokratische System in Frankreich ist keine Diktatur: Es steht einem frei, ob man sicher in den transparenten Vierteln leben will oder in den rechtsfreien Räumen am Stadtrand. Die Transparenz ist ein »auf gegenseitiger Wertschätzung und Eigenverantwortung basierender Bürgerpakt«, so die Präambel der Verfassung von 2030.

Anfangs war David nicht begeistert von der Idee, in ein modernes Viertel umzuziehen, aber unsere Freunde kriegten ihn klein. Immer wieder gaben sie ihre Anekdoten zum Besten, zitierten Statistiken, brachten Argumente vor: Und die Kriminalität in Les Moulins in Nizza ist drastisch gesunken, der Wahnsinn, die Polizei sitzt den ganzen Tag draußen im Café, weil die nichts mehr zu tun haben, hast du’s schon gesehen, das Foto von den Polizisten im Café? Sogar ich tippte »Foto Polizisten Café« ins Handy und zeigte es ihm. Ich war überzeugend, Feuer und Flamme. Vor allem hatte ich Angst, dass man mit dem Finger auf mich zeigen würde. Im Kommissariat beglückwünschte man manche Kollegen (wenn sie die neuen Regeln des Städtebaus akzeptiert hatten), während andere wegen ihres egoistischen Verhaltens schlechtgemacht wurden. Es schallte durch die Flure: Für wen hältst du dich eigentlich, Nico, mal ehrlich, für was Besseres, oder wie? Deine »Privatsphäre« ist dir wichtig? Dein Leben ist uns scheißegal, Nico, kein Mensch schert sich einen Dreck um dein kleines Scheißleben!

Nico und sein kleines Scheißleben sind irgendwann eingeknickt. Zufällig wohnt er direkt gegenüber von uns, und wir laden ihn abends oft zum Essen ein, wenn wir sehen, dass er alleine ist.

Die Transparenz hat auch gute Seiten.

Wir achten jetzt mehr aufeinander. Wenn man einsam, traurig oder krank ist, gibt es stets einen Nachbarn, der bei einem klingelt. Die Seniorenheime sind aufgeblüht, die Hygiene ist tadellos, das Personal herzlich.

Die nun gläsernen Heime für Minderjährige schützen die Kinder vor Misshandlungen, vor sexuellem Missbrauch. Ganz zu schweigen von den Schlachthöfen, die einer nach dem anderen zugemacht haben, weil niemand den Anblick der am Fließband gemetzelten Tiere ertrug. Viele Franzosen haben aufgehört, Fleisch zu essen, nachdem sie Zeuge der Massentötungen geworden waren. Ziemlich oft schaffte es die Transparenz, die blinde Distanz aufzuheben, die zwischen den Menschen und ihrer Menschlichkeit stand.

Was mich angeht, das gebe ich gerne zu, bestand meine größte Befriedigung darin, dass David zahm wurde. Ja, das mag egoistisch und lächerlich sein, aber ich bin schließlich keine Heilige. Damals, bevor das alles passierte, war mein Mann untreu. Seit drei Jahren waren wir verheiratet, und häufig kam er nachts nicht nach Hause, wobei er vorgab, er habe Überstunden gemacht und sei im Büro eingeschlafen. An solchen Abenden fand ich keinen Schlaf. Ich tigerte auf und ab und hörte traurige Musik, ich machte eine Flasche Wein auf, sang lauthals schluchzend, suhlte mich in meinem Schmerz. Ich setzte meinen Kummer in Szene wie ein Schulmädchen, und das Einzige, was mir blieb, damit ich mich lebendig fühlte, war die Wut und die Eifersucht. Das Gesicht seiner Geliebten hatte ich mir ausgemalt, natürlich war sie alles, was ich nicht war. Sie war keine Polizistin (eine Polizistin betrügt man nicht mit einer anderen Polizistin). Und besser im Bett. Vielleicht konnte sie kochen, David ist so ein Feinschmecker. Dafür hatte ich noch nie Talent, genauso wenig wie für Gefühle; ich wusste nicht, wie man zärtlich ist oder sanft oder verletzlich. Meine Rivalin stellte ich mir als hochgewachsenes kleines Mädchen mit Porzellanteint vor, die immer nur lachte und liebte, ich stellte mir vor, sie sei heimtückisch genug, sich sogar nach mir zu erkundigen, sich verlegen auf die Lippen zu beißen: Und wie geht’s deiner Frau? Er: Ach, du weißt doch, Hélène ist eiskalt, an der perlt alles ab. Ich hasste ihn. Ich schwor mir, ihm eine Szene zu machen, theatralisch wie eine Operettengeliebte zu verkünden, ich würde sterben, wenn es sein müsse. Aber sobald er nach Hause kam – wenn er denn nach Hause kam –, huschte ich wie der Blitz ins Bett, atemlos, die Augen fest geschlossen, erhoffte mir eine Liebkosung, einen Kuss. Er fiel einfach neben mich. Ich drehte mich zu ihm und wurde endlich ruhig, so verliebt, dass ich nicht wagte, ihn anzusprechen. Ich wollte ihm keine Gelegenheit geben, mich zu verlassen.

Nach der Revolution und mit den neuen Regeln haben die Dinge sich geändert. David konnte mir nichts mehr verheimlichen. Er übernachtete nicht mehr auswärts und kam jeden Abend um die gleiche Zeit nach Hause. Das, was ich mir sehnlichst gewünscht hatte, war eingetreten. Er kam meinen Fragen zuvor und behauptete, sein Chef habe ihm jetzt verboten, im Büro zu übernachten, weil es nicht gern gesehen werde, wenn die ganze Nacht Licht in den Büros brenne, schlecht für die Umwelt, und überhaupt, Arbeitszeiten einhalten, die Gewerkschaft, die Arbeitsinspektion … kurz, Ausreden. Aber ich hatte gegen die Gourmetköchin gewonnen.

Die Befriedigung, das kann ich heute sagen, hielt nicht lange an. Ich fürchtete nicht mehr, ihn zu verlieren, aber wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Ich wurde sehr schnell schwanger, als sei das ein Heilmittel gegen die Monotonie. Tessa ist ein Kind der Transparenz. Heute ist sie sechzehn, sie kennt nichts anderes. Für sie ist Liebe ein Projekt. Für mich, das weiß ich inzwischen, ist Liebe eine stürmische Fuge. Einen kurzen Augenblick lang kommen die Stimmen harmonisch zusammen, dann trennen sie sich im Kontrapunkt. Nie habe ich meinen Mann so sehr geliebt wie in seiner Abwesenheit. Seine Freiheit war meine Phantasiewelt, das Land meiner Hirngespinste und Ängste. Ich liebte ihn, weil es ihn nicht gab. Ich liebte ihn, weil ich ihn ständig neu erfinden konnte, in jedem Frühling jedes neuen Tages; weil ich ihn in meine Träume rufen, ihm alle möglichen Geheimnisse zuschreiben konnte. Ich liebte ihn, weil ich auf ihn wartete.

Als die Familie Royer-Dumas verschwand, das ist jetzt ein Jahr her, lebte ich bereits im trüben Wasser – Altwasser. Meine Arbeit hatte jeden Sinn verloren, und glaubte man meinen Kollegen, war das ein Grund zur Freude: Die Angriffe auf Personen waren zurückgegangen, die Kriminalität zusammengebrochen. Ich war nicht mehr Polizistin – der Begriff galt als pejorativ –, sondern Sicherheitsbeauftragte. Meine Arbeit bestand darin, aufs Fahrrad zu steigen und mich zu vergewissern, dass bei den Leuten alles in Ordnung war, vorbeugende Maßnahmen zu treffen, wenn ich ein Vergehen bemerkte, und gegebenenfalls einzugreifen. In jedem Viertel organisierten Freiwillige – Nachbarschaftspatrouillen – regelmäßige Rundgänge und vergewisserten sich, dass keine Glaswand in irgendeinem Haus verdunkelt war. Beim geringsten Versuch von Gewalt bei einem Nachbarn, oder wenn auch nur ein Verdacht bestand, wurden wir verständigt. In den allermeisten Fällen passierte nichts … Bis zum Mittwoch, 17. November 2049.

III

17. November 2049

Das Haus wurde von oben bis unten durchsucht.

Keine versteckte Falltür unter dem Parkett, kein verbotener Keller, kein Geheimgang.

Auf dem Küchentisch ein beinahe intakter Geburtstagskuchen.

Kerzen.

Drei Teller.

Die Royer-Dumas wurden zum letzten Mal um 17 Uhr 07 von der Nachbarschaftspatrouille gesehen. Wie sonst auch kam Milo zu Fuß aus der Schule nach Hause. Seine Eltern warteten auf ihn. Ansonsten steht nichts im Bericht. Nichts Ungewöhnliches jedenfalls. Aber eine Stunde später, um 18 Uhr 22, alarmierte eine Nachbarin meine Einheit. Die Glaswände des Hauses waren eingeseift worden, was per Gesetz ausdrücklich verboten ist.

Als die Sicherheitsbeauftragten eintreffen, sind die Mutter, der Vater und ihr kleiner achtjähriger Sohn bereits nicht mehr da. Ihre Handys sind unauffindbar, und niemand hat sie weggehen sehen, was unmöglich scheint. In einer Welt, wo ständig jeder jeden beobachten kann, ist Verschwinden gleichbedeutend mit Flucht. Vor allem wohnen sie in Paxton, dem reichsten Viertel der Stadt. Als Einwohnerin vom nicht ganz so betuchten Bentham kann ich Ihnen versichern, dass das Sicherheitsprotokoll dort optimal ist. In Paxton ist Transparenz eine Religion. Die Nachbarn sind wachsam und die Glasfronten riesig. Niemand hat ein Auto; eine Straßenbahn, natürlich transparent, fährt Tag und Nacht, und sie ist immer brechend voll. Die Zugänge zum Viertel werden von privater Security kontrolliert, sie vermerken das Kommen und Gehen der Einwohner und die Identität der Besucher. Sogar die Pflanzen wachsen schön gerade, dank hölzerner Spalierstangen. Es ist das Viertel der Orchideen und Blumen ohne Dornen. Dort ist alles Luxus, Stille, schwelgender Schutz.

Schon am nächsten Tag wurde ich von meinem Vorgesetzten LucBoiron mit der Ermittlung betraut.

HélèneDubern, der Fall ist Ihrer. Die anderen sind alles Luschen, hatte er mit dem für ihn typischen Taktgefühl gesagt. Und außerdem war ich fast die Einzige, die Ermittlungen führen konnte, weil ich die Dienstälteste war. Ich hatte die alte Welt noch gekannt, die, in der man verkohlte Leichen von Joggerinnen im Wald fand und von Kugeln durchlöcherte Jugendliche in den Kellern der Vorstädte. Nach Jahren in der Versenkung war ich etwas aus der Übung, aber die alten Reflexe waren noch da.

Ich hatte sofort begriffen, dass es sich um einen besonderen Fall handelte. Nichts passte zusammen. Erste Unstimmigkeit: Nach einer Überprüfung stand fest, dass kein Mitglied der Familie Royer-Dumas im November Geburtstag hatte.

IV

18. November 2049

7 Uhr 30. Ich habe kein Auge zugetan. Dieses Haus quält mich. David schläft nur noch, seit sein Leben dem eines Hamsters ähnelt. Er verbringt seine Tage in einem virtuellen Rad, kompiliert und kategorisiert elektronische Daten, als sortiere er Samenkörner. Abends ist er völlig fertig. Tessa hat gefrühstückt und schon eine Stunde Gymnastik im Wohnzimmer gemacht. Ich würde sie ja dafür loben, wenn die tägliche Sporteinheit nicht ein Vorwand wäre, ihren Körper den Feuerwehrmännern zu präsentieren. Die joggen jeden Morgen durch unsere Straße, und sie macht leicht bekleidet ihre Dehnübungen vor der Glaswand. Die können doch einfach weggucken, Maman, ich muss mich nicht verstecken.

Meine Tochter ist ein Showtalent, und die Show ist sie selbst. Wenn sie könnte, würde sie mit einem Scheinwerfer über dem Kopf herumlaufen, damit sie stets in vorteilhaftem Licht erscheint. Ich komme Ihnen wahrscheinlich rückständig vor, aber mir ist bewusst, dass diese Tendenz schon vor langer Zeit begonnen hat, als jedes Instagram-Foto ein Fenster zu unserem Leben war. Wir haben unsere Wohnungen, unsere Körper und unsere Meinungen enthüllt. Diskretion wirkte schnell schrecklich prätentiös. Sich nicht zu zeigen hieß, dass man etwas verheimlichte.

Im beruflichen Kontext hatten viele Unternehmen bereits die Wände abgeschafft. Ein Mensch, der allein in einem Büro saß, stellte ein Risiko dar: Wenn er nun nicht mehr arbeitete? Wenn er nun während der Arbeitszeit private Angelegenheiten erledigte oder am Computer zockte? Indem sie Trennwände abschafften, sparten die Firmenchefs Fläche ein, aber vor allem bekamen sie mit, wer wann eintraf, konnten sich vergewissern, dass alle wirklich mit ihrer Arbeit beschäftigt waren, und vermieden so nebenbei noch zwei, drei Sittenskandale. All das wurde einem dann als Zugewinn an Miteinander verkauft. Alle gemeinsam, wir sind ein Team. Das Miteinander bestand also darin, Claras Telefongespräche mit anzuhören, Michels Kaugeräusche zu ertragen und mitzukriegen, wie Sylvain jeden Tag um 11 Uhr auf die Toilette ging. Die Gesellschaft schlug die gleiche Richtung ein. Sie verwandelte sich in einen riesigen Open Space.

Die sozialen Netzwerke hatten ihren Höhepunkt zur Zeit der Revolte von 2029. Die Tendenz ging Richtung Metaversum, man versprach uns, dass der Mensch der Zukunft dank Virtual-Reality-Headsets der realen Welt entfliehen würde. Niemand hatte das gegenteilige Szenario vorausgesehen: eine Gesellschaft, in der man ganz ohne vernetztes Headset oder Brille täglich seinen eigenen Avatar verkörperte.

Tessa kommt aus der Dusche – die Duschen, genau wie die Toiletten, befinden sich in Kabinen mit halbhohem Sichtschutz, der den Blick auf den Körper verwehrt. Nur der Kopf guckt heraus. Während ich mir Butter aufs Brot schmiere, gibt sie mir einen Kuss auf die Wange:

Hab ich eigentlich schon die New-York-Fahrt erwähnt?

(Keine Ahnung.)

Unser Englischlehrer MonsieurBeagle sollte jemanden zum Delegierten für die UN-Schülerversammlung bestimmen … Wir mussten einen Test machen. Ich hatte die beste Note, wie du eigentlich wissen müsstest …

(Ich wusste es nicht.)

Aber du und Papa seid ja die Einzigen, die nie in die Lehrersoftware reingucken.

(Ich halte überhaupt nichts von diesem System, bei dem die Noten vor Bekanntgabe an die Kinder den Eltern mitgeteilt werden.)

Aber darum geht’s auch gar nicht. Es wäre logisch gewesen, und sogar gerecht, dass MonsieurBeagle mich auswählt. Aber er hat lieber Baptiste genommen.

(Der morgendliche Monolog nimmt kein Ende.)

Und warum? Einfach nur weil er ein Junge ist.

(Na bitte, da haben wir’s. Godwins Gesetz für Gymnasiasten.)

Ich weiß schon, was du sagen willst. Aber bei seinem Argument ist allen die Luft weggeblieben. Er hat gesagt: »Tut mir leid, Tessa, die Direktorin hat mir verboten, ein Mädchen zu nehmen, aus Sicherheitsgründen. Sie will keinerlei Risiko eingehen. Es gab zu viele Fälle … blablabla.« Die Direktorin vertraut Männern nicht. Und so werde ich also im Namen des Feminismus diskriminiert. Ist das nicht zum Brüllen?

Ehe ich lachen kann, presst Katie ihren violetten Mund an die Küchenscheibe. Ich zucke zusammen. Katie ist Tessas beste Freundin und ihr unheilvoller Gegenpart. So klein und proper meine Tochter ist, so feingliedrig und lang ist Katie. Erstere ist eine Art Lolita-Karikatur, Letztere vom Tod fasziniert: »Sie leiten also die Ermittlung? Im Bad wurden angeblich Blutspuren gefunden?«

Ich gab keine Antwort. Tessa knallte zum Abschied die Tür hinter sich zu.

Aufgrund der Transparenz sickern sehr schnell Informationen durch.

Die Spurensicherung hatte in der Nacht einen winzigen Blutstropfen gefunden. Das beweist gar nichts, aber er stammt wohl von der Mutter: RoseRoyer-Dumas.

V

Rose

Wie alle Vivarien ist das Haus der Royer-Dumas ein ebenerdiger, durchsichtiger Kasten, die Zimmer sind mit Glaswänden voneinander abgetrennt. Im Winter speichern sie die Wärme des Sonnenlichts. Im Sommer werden die Dächer lichtundurchlässig und lassen die kühle Nachtluft herein. Die Vivarien haben alle einen gewissen Standard, aber jeder kann sie nach seinen persönlichen Vorlieben gestalten. In den ärmeren Vierteln sehen alle Häuser gleich aus – die neuen Normen des Städtebaus haben die Klassenunterschiede nicht abgeschafft. In Paxton dagegen konnten die Architekten sich austoben. Eiswürfelhäuser, auch Kubushäuser genannt, stehen neben Kugelhäusern und Aquahäusern mit Innenpools. Ein Besuch in Paxton ist wie ein Besuch in einem Museum für moderne Kunst. Jeder stellt dort seine Werke, seine Designereinrichtung, seinen guten Geschmack aus.

Das Haus der Royer-Dumas fällt wegen seiner Schlichtheit auf. Ein einfacher Klotz ohne Schnörkel oder Kunstsammlung. Die Natur hat sich darin niedergelassen. Im Wohnzimmer ranken Stauden, Sternjasmin und Wilder Wein über die Möbel. Rose schnitt sie täglich, damit nicht alles zuwucherte. Sie kümmerte sich um ihr Zuhause, wie man ein Geheimnis hütet, hatte Freude daran, ihre Wohnung zu verschönern, arbeitete Kommoden vom Flohmarkt auf, bemalte Leinwände.

Meine Schwester hat ihr Haus geliebt. Man fühlt sich hier irgendwie geborgen, nicht wahr?

Olga hatte gesehen, wie ich die Sachen ihrer kleinen Schwester durchwühlte, und war dazugekommen. Ich habe Mühe, ihr Alter zu schätzen. Die ergrauten Schläfen passen nicht zu ihrer Art, sie gibt sich verlegen, hat eine leise Stimme. Olga wohnt im Haus nebenan.

Sie beteuert, nichts zu wissen: »Ich bin gegen 16 Uhr eingeschlafen … ja, doch, genau, 16 Uhr. Nachmittags lege ich mich immer hin. Als ich aufgewacht bin, so um 18 Uhr, waren sie schon nicht mehr da.«

»Standen Sie Ihrer Schwester nahe?«

Mit dem Zeigefinger wischt sie den Staub vom Blatt einer Monstera.

»Ja, ich war ihre einzige Vertraute. Mit anderen hat sie wenig geredet … aber vor mir hatte sie keine Geheimnisse.«

Während Nico – mein Freund und Kollege – die Zimmer inspiziert, kauere ich vor dem Stapel Gemälde im Wohnzimmer. Alle zeigen eine Frau, immer dieselbe, in einem Wald. Ihr Gesichtsausdruck ist auf jedem Bild anders, bald sieht sie erschrocken aus, bald melancholisch, oft hilflos. Auf manchen Bildern bricht ein Lichtstrahl durchs Dunkel und erleuchtet ihr Gesicht wie ein Heiligenschein. Auf anderen ist es so düster, dass man ihre Züge kaum erkennen kann. Olga erzählt mir, dass Rose