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Unsterblicher Ruhm ... und ein mörderischer Plan!
Eine Villa in Berlin: Der US-Schauspieler Brian Williams treibt tot in seinem Swimmingpool. Kommissarin Eva Lenz ermittelt - doch die Einzelgängerin muss mit einem amerikanischen Kollegen zusammenarbeiten: Detective Nic Cassidy wird ihr aufgrund der Prominenz des Opfers zur Seite gestellt.
Die beiden Ermittler haben kaum losgelegt, da kommt auch schon der Schock: Ein Videoclip der Tat erscheint im Netz! Offenbar wurde die Mordszene eines berühmten Films nachgestellt. Lenz und Cassidy ermitteln unter Druck - denn der filmbegeisterte Mörder droht in Serie zu gehen ...
Der erste Fall für Lenz & Cassidy: Ein Killer, der die Hauptstadt in Atem hält. Und zwei Fahnder, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
LESER-STIMMEN
"Ein absolut genialer Thriller, den ich sehr gerne gelesen habe. Er hat mir eine tolle Lesezeit beschert, ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen." (Karin1966, Lesejury)
"Man rätselt bis zum Schluss. Ich habe das eBook in einem Rutsch durchgelesen, weil ich einfach nicht aufhören konnte." (Rebell, Lesejury)
"Der Stil hat mich angesprochen und die Idee mit den Filmvorlagen fand ich spannend, ich habe immer mitgeraten und war gespannt auf die nächste Szene." (Bembelchen, Lesejury)
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2019
Die Rote Burg: Ein Martin Forster Krimi
Unsterblicher Ruhm … und ein mörderischer Plan!
Eine Villa in Berlin: Der US-Schauspieler Brian Williams treibt tot in seinem Swimmingpool. Kommissarin Eva Lenz ermittelt – doch die Einzelgängerin muss mit einem amerikanischen Kollegen zusammenarbeiten: Detective Nic Cassidy wird ihr aufgrund der Prominenz des Opfers zur Seite gestellt.
Die beiden Ermittler haben kaum losgelegt, da kommt auch schon der Schock: Ein Videoclip der Tat erscheint im Netz! Offenbar wurde die Mordszene eines berühmten Films nachgestellt. Lenz und Cassidy ermitteln unter Druck – denn der filmbegeisterte Mörder droht in Serie zu gehen …
Der erste Fall für Lenz & Cassidy: Ein Killer, der die Hauptstadt in Atem hält. Und zwei Fahnder, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Oliver Schütte ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramaturg. Darüber hinaus hat er die »Master School Drehbuch« gegründet und viele Jahre geleitet. Neben weiterer Mitwirkung an Konferenzen und Filminstituten ist er Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie. Er war bereits zweimal »Writer in residence« am Grinnell College (USA) und fährt regelmäßig für mehrere Monate nach San Francisco, um dort zu schreiben.
OLIVER SCHÜTTE
Tödlicher Schnitt
Kriminalroman
beTHRILLED
»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment
Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach
Covergestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung von Motiven von© Arcangel Images: Paul Bucknall
eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-6968-7
Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erscheinenden Werkes »Blutige Zeichen« von Kerstin Hamann.
Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven © Shutterstock: gordan | STILLFX | Roobcio | Aleksey Stemmer | Ihnatovich Maryia
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Der Streifendienst hatte die Einfahrt zur Sackgasse mit gelben Bändern abgesperrt. Die blau-rot aufflackernden Lichter des Polizeiwagens warfen ihre Schatten auf die Mauern des angrenzenden Parkhauses.
Auf dem Bürgersteig warteten zwei Polizisten. Cassidy stellte seinen Wagen direkt hinter dem Fahrzeug der Kollegen vom Los Angeles Police Department ab. Die Nachricht, die der Detective erhalten hatte, sprach vom Fund einer Frauenleiche.
»Hallo, Jungs«, begrüßte Cassidy die beiden.
»Weibliche Person, weiß, um die zwanzig. Steckt in einer Mülltonne. Alles voller Blut«, sagte der ältere der Streifenpolizisten.
»Wer hat sie gefunden?«
»Wir haben einen Hund gehört, der hat ohne Unterlass gebellt. Als wir nachgeschaut haben, stand er vor der Tonne.«
Cassidy zog sich seine Latexhandschuhe an und betrat die Gasse. »Und wo ist der Hund jetzt?«
»Abgehauen«, antwortete der Kollege mit einem Schulterzucken.
Die blaue Mülltonne stand wenige Meter entfernt, direkt vor der langen Seitenwand eines Wohnhauses.
Vorsichtig öffnete Cassidy den Deckel und blickte in das Gesicht einer dunkelhaarigen jungen Frau. Das Blut war überall. In der Stirn war ein Loch zu sehen. Der Schuss war augenscheinlich aus nächster Nähe abgegeben worden. Die Tote hatte der Täter offensichtlich mit Gewalt in die kleine Mülltonne gepresst. Und sofort wusste Cassidy, dass es sich um ein weiteres Opfer der jüngsten Mordserie handelte. Die 8th Street Gang hatte schon vier Mitglieder ihrer Rivalen von der Witmer Street hingerichtet. Rache für den brutalen Mord an ihrem Chef, was der größtmöglichen Demütigung gleichkam.
Cassidy schaute sich in der Gasse um. In letzter Zeit war es Mode geworden, dass Gangmitglieder für Selfies mit ihren Opfern posierten. Die Krönung bestand darin, die Polizei bei der Entdeckung der Leiche zu fotografieren.
Auf der anderen Seite befand sich ebenfalls eine Wand und darüber im ersten Stock ein Parkplatz, der von hier aus nur durch die Laternenmasten zu erkennen war. In das Gebäude hinter der Mülltonne führte eine rote Holztür. Er musterte den Eingang, der aussah, als wäre er seit Jahren nicht genutzt worden. Cassidy drehte am Türknauf. Abgeschlossen. Wie er erwartet hatte.
Er schaute auf den Boden, denn es sah nicht danach aus, als hätte die Tonne hier schon immer gestanden. Tatsächlich waren auf dem Beton Schleifspuren zu erkennen.
Als er sich bücken wollte, um die Streifen genauer unter die Lupe zu nehmen, hörte er von oben auf dem Parkplatz das Geräusch eines fahrenden Autos. Sofort sprang sein Blick in diese Richtung. Er sah den Oberkörper eines Mannes, der sich hinter der hüfthohen Mauer im ersten Stock versteckt hatte.
»Polizei! Stehen bleiben!«, rief Cassidy.
Die Person verschwand. Eine Autotür wurde geöffnet und kurz darauf wieder zugeknallt. Ein Motor heulte auf, und Reifen quietschten.
Cassidy rannte auf die Straße zurück und sah einen Ford Mustang aus der Einfahrt schießen. Zwei Gangmitglieder in Unterhemden und mit bis zum Hals tätowierten Oberarmen saßen in dem Wagen.
»Alarmiert einen Hubschrauber!«, rief er den beiden Streifenpolizisten zu.
Er warf sich in den Fahrersitz und schaltete die blau-roten Stroboskoplichter unter dem Kühlergrill an. Die Reifen rutschten auf der Fahrbahn, als er auf das Gaspedal trat, eine Kehrtwende machte und die Verfolgung aufnahm. In der Luft sah er den Hubschrauber, der sich von vorne näherte. Der Dispatcher kam im Funkverkehr. »Air 10 hat verdächtigen Ford Mustang erfasst.« Das Funkgerät knisterte. »Fährt auf West Pico Boulevard.«
Cassidy bog in die breite Straße ein und sah den Mustang zweihundert Meter vor sich. Er gab Gas und näherte sich dem Wagen unaufhörlich. Dieser jagte in halsbrecherischem Tempo und ständig die Fahrspuren wechselnd weiter in Richtung Downtown.
Cassidy holte auf.
Der Mustang fuhr bei Rot über die Kreuzung Figueroa Street, verfehlte einen weißen Van nur knapp.
Direkt dahinter und vor einer kreuzenden dunklen Limousine überquerte Cassidy die Straße.
Eine Meile später bog das Fahrzeug vor ihm abrupt nach rechts ab. Cassidy riss in letzter Sekunde das Lenkrad herum und steuerte ebenfalls in die kleine Seitenstraße. Durch das Manöver war der Abstand wieder größer geworden. Er sah den Wagen aber immer noch vor sich.
»Verdächtige fahren Richtung Santa Monica Freeway«, meldete Air 10 über Funk.
Der Mustang bog erneut rechts ab. Noch knapp eine halbe Meile, dachte Cassidy, dann erreichen sie wieder die Figueroa Street. Der Hubschrauber flog über ihm, er hörte deutlich das Motorgeräusch nur wenige Meter entfernt.
Der Ford bog mit quietschenden Reifen auf die große Straße ein, die sie vor Kurzem erst überquert hatten. Cassidy verlor wichtige Sekunden, als er dem Wagen folgte. Aber direkt hinter ihm erschien ein Streifenwagen, der sich an ihre Fersen heftete.
Nach einer Minute bretterte der Mustang auf den Parkplatz vor dem Staples Center. Überall waren Fans, die das Spiel der LA Clippers besuchten. Hunderte, Tausende strömten über den Platz vor dem großen Gebäude. Die beiden Gangster sprangen aus dem Fahrzeug und sprinteten auf das Portal zu.
Sekunden später stoppte Cassidy neben dem Mustang, dessen Motor noch lief.
Er rannte hinter den Männern her.
Als er die Menschenmenge erreicht hatte, wurde ihm klar, dass es aussichtslos war weiterzusuchen. Sie waren entkommen.
Das Frühstücksei war wieder zu hart, und Brian Williams schob es ärgerlich beiseite. Für einen kurzen Augenblick überlegte er, es trotzdem zu essen. Nein, das wäre die falsche Botschaft an Rachel, er musste ein Zeichen setzen: kein hingepfuschter Fraß mehr.
Er hatte sie heute Morgen noch nicht gesehen. Wahrscheinlich lag sie oben auf der Couch und las auf ihrem iPad die neuesten Nachrichten aus Hollywood auf dieser Klatschseite TMZ. Obwohl er regelmäßig darin erwähnt wurde, hatte er nie verstanden, warum Rachel sich jeden Tag damit beschäftigte.
Die Hochzeit mit ihr war damals mindestens drei Wochen lang das Top-Thema gewesen. Sicherlich auch, weil seine Freunde Leonardo DiCaprio und Tom Cruise dabei gewesen waren. Zuerst hatte sein Agent in Los Angeles die einschlägigen Blätter und Internetseiten mit allen aufregenden Neuigkeiten gefüttert. Anschließend verkaufte er die Hochzeitsfotos an ein weltbekanntes Magazin — das für diese Exklusivität einiges zahlte. Erst später erhielten ausgesuchte Paparazzi die Info, wo sie das Paar in den Flitterwochen vor die Linse bekamen.
Damals war er glücklich gewesen. Doch bald stellte er fest, dass Rachel ihn nur wegen seines Ruhms geheiratet hatte. Sie war eine wenig erfolgreiche Schauspielerin, die ihre beste Zeit lange hinter sich hatte. Vor zehn Jahren hatte sie in einer Krankenhausserie mitgespielt. Die lief einige Staffeln, dann war es vorbei, und sie bekam nur noch drittklassige Angebote.
Der Sex in ihrer gemeinsamen Villa in Malibu war am Anfang aufregend und intensiv gewesen. Das hatte bald nachgelassen, und hier in Berlin nächtigten sie sogar in getrennten Zimmern, was nach einem anstrengenden Drehtag von Vorteil war. Zwar schluckte er vor dem Einschlafen eine Schlaftablette, trotzdem schaute er sich auf dem Notebook gerne noch eine Folge seiner Serie Cold War an. Ein außergewöhnlicher Volltreffer, für den er im letzten Jahr den begehrten Emmy gewonnen hatte. Er wollte immer wieder sehen, wie er in den Szenen brillierte und warum er den Preis verdient hatte.
Es loderte ein Feuer in ihm, das er Rachel nicht erklären konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Deshalb war er froh, dass sie in ihrem eigenen Bett lag: keine lästigen Gespräche zu nachtschlafender Zeit.
Die Villa in Dahlem, die sie für einige Wochen bewohnten, gehörte dem Geschäftsführer eines großen Telekommunikationsunternehmens. Die Filmproduktion hatte das riesige Haus für zwei Monate für ihn, den Star der Serie, gemietet. Natürlich hätte der Manager, der für längere Zeit in Südamerika weilte, seinen Prachtbau nie einem Fremden anvertraut. Der Produzent hatte den Deutschen damit geködert, dass Brian Williams darin wohnen würde. Außerdem hatte er am ersten Tag ein gemeinsames Essen der beiden Ehepaare im Grill Royal, einem für Starbesuche berühmten Steakhaus, organisiert. Dabei ging es nicht nur darum, sich zu unterhalten; wichtiger war, dass der Manager mit dem weltbekannten amerikanischen Schauspieler gesehen wurde. Und tatsächlich: Am nächsten Tag erschien ein Paparazzifoto von dem Dinner in der deutschen Boulevardpresse. Wahrscheinlich war das im Auftrag seines Produzenten geschehen.
Williams schnappte sich das Ei und stieg hinauf in den ersten Stock. Rachel lag, wie er es geahnt hatte, auf der Couch, per Videochat mit ihrer besten Freundin verbunden.
»Das ist ja schon wieder ein hartes Ei«, sagte er scharf.
Seine Frau schaute erstaunt zu ihm hoch.
»Du weißt, dass ich keine harten Eier mag.« Damit ließ er das Beweisstück in ihren Schoß fallen. Es verfehlte das iPad knapp.
»In zehn Minuten will ich ein weiches.« Ohne auf ihre Antwort zu warten, verließ er das Zimmer.
Ein gelungener Auftritt, fand er. Vielleicht hätte er mehr Wut in die Stimme legen sollen, aber er ging davon aus, dass der Zweck erfüllt war. Schade, dass ihre dumme Freundin in Los Angeles seine Show nur gehört und nicht gesehen hatte.
Sollte er die Zeit nutzen, ein oder zwei Runden im Pool zu drehen? Draußen war es angenehm warm, und er konnte Bewegung gebrauchen. Er entschied sich dagegen; er hatte noch den ganzen Vormittag Gelegenheit, ein paar Minuten im Wasser zu verbringen.
Wenn zu der geforderten Zeit kein weiches Ei auf dem Frühstückstisch stand, dachte er, würde er sich von Rachel trennen. Das war er sich schuldig. Er hatte sie in der Hand. Die Scheidung ginge zwar mehrere Wochen durch die Presse, doch danach wäre sie genauso uninteressant, wie sie es vor ihrer Heirat war. Es stand fest: Die nächsten zehn Minuten entschieden über Rachels Schicksal.
Aus der Ferne drang rhythmisches Klopfen in ihren Schlaf. Holz, das auf Holz schlägt. Ein dumpfes Geräusch. Sofort veränderte sich ihr Traum. Hatte sie vorher auf einer Wiese ein Wildschwein gejagt und erlegt, schlug plötzlich ein Schmied mit einem hölzernen Hammer auf einen großen Sägeblock. Ameisen krabbelten darüber, und der schwergewichtige Handwerker versuchte, mit seinem Werkzeug möglichst viele der kleinen Tiere zu treffen ... Langsam wurde ihr klar, dass der Krach real war. Sie begann den Lärm bewusst wahrzunehmen. Nicht weit entfernt knallte unablässig ein Fensterflügel gegen den Rahmen. Mit geschlossenen Augen realisierte sie, dass das Geräusch aus der Wohnung kam. Wahrscheinlich hatte sie das Fenster im Wohnzimmer offen gelassen.
Es war mitten in der Nacht. Kein Licht drang durch den Vorhang in das Schlafzimmer. Sie stand auf. Wo war die Tür? Rechts oder an der Stirnseite des Raums? Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang. Es roch nach dem Putzmittel, mit dem sie gestern Abend die ganze Wohnung gereinigt hatte. Da berührte ihre Hand einen Türrahmen. Sogar im Flur war es dunkel. Ihr fiel ein, dass das Wohnzimmer links lag. Als sie eintrat, schien ein milchig weißer Lichtstrahl auf die wenigen Einrichtungsgegenstände. Über dem Schaufenster gegenüber leuchtete die Neonreklame der Bäckerei.
Nachdem Lenz das Fenster verriegelt hatte, warf sie einen Blick auf die Uhr: 5:43. Sie würde unmöglich wieder einschlafen können. Im schlimmsten Fall kamen die Erinnerungen hoch. Das Blut, das zerfetzte Bein und das Gesicht des Obergefreiten. Es verging kaum eine Nacht, in der sie nicht davon träumte.
Müde schleppte sie sich in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein. Sie setzte sich an den Tisch und atmete durch. Es war die zweite Übernachtung in der kleinen Wohnung in Kreuzberg, die sie für drei Monate gemietet hatte. Sie betrachtete das Foto an der Wand. Ein Mann in mittleren Jahren vor einem Iglu. Er hatte einen großen Fisch in der Hand und schaute freudig in die Kamera.
Obwohl Lenz ausschließlich E-Mail-Kontakt mit dem Besitzer der Wohnung hatte, war sie sich sicher, dass er die Person auf dem Foto war. Für ein Vierteljahr arbeitete er nun in einem Forschungslabor in der Arktis; was genau, hatte Lenz nicht verstanden. Es war auch egal. Solange die Bleibe sauber und die Miete bezahlbar war, erschien es ihr unwichtig, wer in den Wohnungen, die sie für kurze Zeit mietete, lebte.
Sie hatte zwar die Chance, überall nach persönlichen Gegenständen zu suchen, es interessierte sie aber nicht. Ihr Beruf als Kommissarin brachte es zur Genüge mit sich, in den Angelegenheiten fremder Menschen herumzuwühlen. Trotzdem spürte sie in jeder Wohnung, in der sie wohnte, die Anwesenheit eines anderen. Der allerdings nicht körperlich präsent war. Das war wichtig.
Die Kaffeemaschine piepste zweimal. Langsam goss sie ihren Espresso in eine Tasse, und während sie daran nippte, schaute sie sich in der Küche um. Der Raum war bis oben hin voll mit Geschirr, Kochutensilien und Erinnerungsstücken. Wie viel überflüssiges, unnützes Zeug manche Menschen horteten. Mitunter wie in einem Museum.
Vorgestern war sie hier eingezogen. Nie nahm sie mehr mit als das, was in ihre blaue Reisetasche passte, denn nach kurzer Zeit bezog sie eine neue Bleibe. Zwei Hosen, drei Blusen, Unterwäsche, ein paar Schuhe — das reichte. Das Einzige, was sie stets dabeihatte, war eine abgegriffene Ausgabe von Fight Club. Den Roman hatte sie mit sechzehn verschlungen; inzwischen waren es mehr als ein Dutzend Mal.
Draußen dämmerte es. Sie stellte ihre Tasse in die Spülmaschine und ging unter die Dusche.
Das weiche Ei, das Rachel ihm gebracht hatte, war auf den Punkt genau gekocht. Williams beendete zufrieden sein Frühstück und legte die Serviette neben den hässlichen Teller. Der Besitzer der Villa bewies einen europäischen Geschmack, denn auf dem Porzellan war das Brandenburger Tor abgebildet. Der Amerikaner hatte das Bauwerk nur einmal für wenige Sekunden aus dem Auto heraus gesehen. Unscheinbar stand es am Ende einer Straße, die die Deutschen »breit« nannten, auch wenn sie verglichen mit Los Angeles eher schmal anmutete. Die Produzenten hatten für ihn und Rachel eine Besichtigungstour organisiert, und sie hatten es für eine gute Idee gehalten, seinen deutschen Kollegen Stefan Schelling einzuladen. Der war allerdings schrecklich arrogant, und es war klar: Freunde würden sie nie werden. Schelling hatte nur stumm herumgesessen, während eine hübsche Stadtführerin die Geschichte Berlins erklärte. Die angeblich so aufregenden Zwanziger, das Dritte Reich, die geteilte Stadt — Williams hatte mit halbem Ohr zugehört, das alles ließ ihn kalt. Interessanter fand er da schon den Ausschnitt der jungen Frau, was Rachel mit wütenden Blicken quittierte. Die weitere Stadtbesichtigung war kein Vergnügen gewesen.
Williams ging ins Arbeitszimmer hinüber. Auf seinem iPhone erschien eine Nachricht. »Hi, werde mit Jennifer Lawrence drehen. Neidisch? Leonardo.« Frustriert steckte er das Smartphone in die Hosentasche.
Auf dem Schreibtisch lag das Skript mit den Szenen für den Drehtag. Auch heute war wieder ein Nachtdreh angesetzt. Warum ließen diese Autoren so viele Handlungen im Dunkeln spielen? Er war mit Peter Hart mehrmals darüber in Streit geraten. Dieser hatte die Idee zu Cold War gehabt und war als Showrunner für die gesamte Serie zuständig. Zudem schrieb er die meisten Drehbücher, insofern wäre es leicht für ihn, dafür zu sorgen, dass die Schauspieler nicht nachts arbeiten mussten. Hart hatte mit künstlerischen Notwendigkeiten argumentiert.
Williams ging mit dem Skript nach draußen und setzte sich an den Swimmingpool. Er schlug die erste Szene auf, da kam Rachel.
»Ich geh shoppen!«, rief sie ihm zu.
Williams wusste, was das bedeutete. Sie würde auf dem Kurfürstendamm einkaufen und mit mindestens einem Kleid wiederkommen, das so viel kostete, dass andere von der Summe einen Monat sehr gut leben könnten. Wenn er Pech hatte, kehrte sie sogar mit zwei oder mehr Kleidungsstücken zurück. Dabei ging es ihm nicht ums Geld, davon hatte er genug. Dass sie so achtlos damit umging, das schmerzte ihn. Er kam aus kleinen Verhältnissen und schmiss mit den Dollars nicht einfach so um sich. Er gönnte sich den Luxus bewusst. Für Rachel hingegen war es das normale Leben.
Er schaute ihr nach. Da drehte sie sich noch einmal um und kam auf ihn zu. Für einen Moment zögerte sie, dann gab sie ihm einen Kuss auf die Wange.
»Ich liebe dich«, flüsterte sie unvermittelt.
Weder hatte sie ihn in den letzten Wochen geküsst, noch ihm gesagt, dass sie ihn liebe. Das kam einer Sensation gleich! Was hatte das zu bedeuten? Bestimmt folgte jeden Moment ein Geständnis, dass sie etwas aberwitzig Teures kaufen wollte. Oder sie bat um einen anderen Riesengefallen. Aber nichts dergleichen. Stattdessen sah sie ihn traurig an.
Wie sollte er darauf reagieren? Konnte er ihr sagen, dass er sie auch liebe? Das erschien ihm hohl und falsch. Er vermochte allerdings auch nicht das Gegenteil zu behaupten.
Beide schwiegen einen kurzen Moment. Dann drehte sie sich mit einem Ruck um und verließ den Garten, ohne noch einmal zurückzuschauen.
Williams konnte sich nicht mehr auf seine Dialoge konzentrieren. Die Sätze verschwammen vor seinen Augen, und seine Gedanken wanderten immer wieder von Cold War zu seiner Frau.
Liebte sie ihn wirklich noch? Möglicherweise sollten sie ein ernstes Gespräch über ihre Ehe führen. Meist dauerten Rachels Ausflüge auf den Kurfürstendamm jedoch stundenlang. Die Fahrerin der Produktion würde ihn bereits abgeholt haben, wenn sie wiederkam. Erneut versuchte er, sich auf seinen Text zu konzentrieren und murmelte den ersten Dialog vor sich hin: »Wir können ihn festnehmen, dann haben wir etwas in der Hand.«
Wie wollte er diesen Satz auslegen? War er als Frage gemeint oder als Behauptung? Seine Figur, Walter Johnson, wie er sie sah und interpretierte, kannte keine Selbstzweifel. Gerade das machte Cold War erfolgreich. Johnson war ein charismatischer Mann, der für eine gerechte Sache eintrat. Und Williams, da war er sich sicher, traf mit dieser Rolle den Nerv der Zeit. Wahrscheinlich liebten die Zuschauer ihn, weil sie ihn sympathisch fanden, dachte er. Dass Serien seit einem Jahrzehnt so beliebt waren, kam ihm zugute; er hatte von Anfang an aufs Fernsehen gesetzt. Nur einmal hatte er vor Jahren einen Kinofilm gedreht. The Unknown Truth war beim Publikum und bei der Kritik durchgefallen. Was allerdings nicht an ihm lag, sondern an dem untalentierten Regisseur, der keine Ahnung von Schauspielern hatte. Bei Washington, D.C., seiner ersten Serie vor vielen Jahren, war es seinem Spiel zu verdanken gewesen, dass sie fünf Staffeln erreichte. Und wie hatte er damals kämpfen müssen! Es gab ja immer jemanden, der nicht begriff, wie eine Story auszusehen hatte.
Sein Showrunner Hart war auch so einer. Obwohl dieser die Idee gehabt hatte und die meisten Drehbücher schrieb, verstand er nicht, was die Figur des Walter Johnson wirklich ausmachte. Das konnte nur Williams. Und dafür liebte ihn das Publikum.
Ein dumpfes Poltern im Haus riss ihn aus seinen Gedanken. Als wäre etwas Schweres umgefallen. Sekunden später ein weiteres Geräusch. Alarmiert stand er auf und marschierte durch die offene Glastür ins Wohnzimmer. Nichts war zu Boden gestürzt, keine Spur deutete auf den Lärm hin. Er warf einen Blick ins Arbeitszimmer, dort war ebenfalls alles in Ordnung.
Beruhigt trat er wieder nach draußen. Er hatte gerade den Pool erreicht, da hörte er einen lauten Knall. Gleichzeitig fühlte er einen stechenden Schmerz im Rücken. Erstaunt stolperte er wie von einer fremden Hand geführt weiter. Ein zweiter Schuss krachte durch die Stille, und die Qual breitete sich in seinem ganzen Körper aus.
Von der Wucht mitgerissen, taumelte er einen Schritt nach vorne, dann drehte er sich langsam um. Eine Pistole war auf ihn gerichtet.
Warum?
Gab es etwas, was er angesichts dieser erbarmungslosen Waffe im Leben anders getan hätte? Freundlicher zu seinen Mitmenschen sein? Es blieb ihm keine Zeit darüber nachzudenken, denn da traf ihn der dritte Schuss ins Herz.
Als hätte ein Regisseur die Szene in Zeitlupe gefilmt, drehte er sich um und fiel kraftlos in den Pool.
Stille lag über dem blühenden Garten.
Der Schauspieler schwamm kopfüber im Wasser, seine Arme ausgebreitet wie damals auf der Bühne, als er den Preis für die beste Hauptrolle entgegengenommen hatte.
Die Trompete klang blechern, die Töne verrutschten. Es waren weniger die mangelnden musikalischen Fähigkeiten als die Trauer, die es Captain Lockhard unmöglich machte, das kurze Lied richtig zu intonieren. Die schiefe Melodie passte zu der Stimmung der gut ein Dutzend Gäste, die vor dem geöffneten Grab standen. Es fühlte sich falsch an, dachte Cassidy, als der Sarg hinuntergelassen wurde. Warum hatte sein Kollege so früh sterben müssen? Verzweifelt suchte er nach einer Antwort, die er nie erhalten würde. Fakt war: Arturo war vor drei Tagen im Dienst erschossen worden, während er einen Einbrecher verfolgte, der zu Fuß durch den Echo Park geflüchtet war.
Seine junge Witwe stand zitternd neben dem Erdhaufen. Sie hatte darauf bestanden, dass es eine kleine Beerdigung werden sollte. Ohne die gesamte Mannschaft des Los Angeles Police Departments. Die Feier, bei der sich mehrere Hundert Polizisten von ihrem Kameraden verabschieden würden, fand erst in vier Tagen statt. Jetzt vor dieser unscheinbaren Grube trauerten Freunde und enge Kollegen. Natürlich stiegen in Cassidy wieder die Erinnerungen hoch. Vor mehr als drei Jahren war auch er an einem Grab zusammengebrochen – Lisas Grab. Sie war viel zu früh aus ihrem gemeinsamen Leben verschwunden, neun Monate nach ihrer Krebsdiagnose. Gehirntumor mit fünfunddreißig.
Der Schmerz, der Cassidy damals für lange Zeit niedergedrückt hatte, kam wieder, bohrte sich in ihn hinein. Er ertrug den Anblick des Sarges nicht mehr. Abrupt sah er in die Luft, um seine Gefühle abzuschütteln. Ein strahlend blauer Himmel. Ein Flugzeug im Landeanflug über dem Pazifik. Und Lisas Gesicht, das ihn sanft anlächelte. Zehn Jahre waren sie ein Paar gewesen. Die glücklichste Zeit in seinem Leben. Seitdem hatte sie ihm jeden Tag und jede Nacht gefehlt. Noch immer stand ihre gelbe Tasse mit der Aufschrift »Hi, it’s me« im Schrank. Nie hatte er sich getraut, sie auch nur anzurühren.
Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als Lockhard aufhörte zu spielen. Während Cassidy darauf wartete, der Witwe sein Beileid auszusprechen, dachte er an den neunzehnjährigen Einbrecher, der Arturo erschossen hatte. Er saß im Gefängnis, zeigte keine Reue, sondern brüstete sich damit, einen Cop umgelegt zu haben. Einige von Cassidys Kollegen wollten den Mörder am liebsten an einem Strick in seiner eigenen Zelle aufhängen. Selbstverständlich musste der Täter sühnen, aber die Todesstrafe hatte Cassidy nie befürwortet.
Schließlich war er an der Reihe, zu kondolieren. Er nahm die Hand der Witwe in seine und flüsterte fast unhörbar: »Es ist eine schwierige Zeit. Meine Gedanken sind bei Ihnen.« Er machte eine kleine Pause. »Arturo war mir ein Vorbild. Mit seiner Art, den Dingen auf den Grund zu gehen und immer ein Herz für die Kollegen zu haben.«
Sie drückte dankbar seine Hand. Beinahe schien es, als wolle sie nicht mehr loslassen. Cassidy verharrte, bis sie sich die Tränen mit ihrem Taschentuch abgetupft hatte.
Nachdem er den Inglewood Park Friedhof verlassen hatte, fuhr er direkt ins Büro des LAPD. Dort wartete sein aktueller Fall auf ihn. Inzwischen hatte er herausgefunden, dass es sich bei der Toten in der Mülltonne um die dreiundzwanzigjährige Nicole Kinney handelte.
Der Fall war genau das Richtige, um ihn von seinen bedrückenden Gedanken abzulenken.
Mit einem mulmigen Gefühl betrat Lenz das Büro ihres Vorgesetzten Böhmer. Was auch immer der Termin bedeutete, Positives war nicht zu erwarten. Sie hatte keine Vorstellung, was der Kriminaloberrat von ihr wollte. Weder hatte sie sich einen Fehler zuschulden kommen lassen, noch gab es bei ihren derzeitigen Fällen etwas, das seine Aufmerksamkeit erregt haben könnte.
Böhmer war bekannt dafür, dass er nicht lange fackelte. Die Gespräche mit ihm waren meist kurz und von einem grundsätzlichen Misstrauen geprägt. Niemand konnte es ihm recht machen. Die Kollegen hatten ihr erzählt, dass ein solcher Termin in seinem Arbeitszimmer einer Hinrichtung gleichkam.
Umso erstaunter war Lenz, als er ihr zuvorkommend den Platz vor dem Schreibtisch anbot.
Sein lockerer Ton hinderte ihn nicht daran, gleich deutlich zu machen, dass er ein ernstes Thema mit ihr besprechen wollte. Er ruckelte seine dunkelblaue Krawatte zurecht, bevor er anfing zu sprechen. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie zu keinem der Mitarbeiter in Ihrer Abteilung eine freundschaftliche Beziehung pflegen.«
Das war es also. Wahrscheinlich hatte sich einer der Kollegen bei ihm beschwert, nur weil sie ohne viel Gerede ihre Arbeit erledigte. Und das mit hervorragenden Ergebnissen. Darüber hinaus war sie für den Small Talk über Hertha BSC oder andere Nebensächlichkeiten nicht zu haben. Die meisten verstanden ihre Einsilbigkeit als Unfreundlichkeit, dabei war es Desinteresse. Sie erwärmte sich weder für Fußball noch für den Sonntagabend-Krimi.
Lenz lächelte Böhmer freundlich an. »Wenn Sie damit meinen, dass ich nicht stundenlang in der Kaffeeküche plaudere, dann haben Sie recht.«
»Ich meine eher, dass Sie sich an keinem privaten Gespräch beteiligen. Sie sind ja noch nicht so lange bei uns. Da wäre es hilfreich, Kontakte zu knüpfen.«
Lenz wusste, dass die Kollegen nicht mit ihrem Vornamen »Eva« von ihr sprachen, sondern ihr den Spitznamen Diogenes verpasst hatten. Vermutlich, weil sie wie der griechische Philosoph ohne festen Wohnsitz unterwegs war. Sie wohnte zwar nicht wie er in einer Tonne, aber die Kollegen hatten schnell herausgefunden, dass sie immer wieder in einer neuen Wohnung übernachtete.
»Ich mache meine Arbeit. Und ich denke, dass niemanden etwas angeht, was ich privat tue.«
Als Böhmer antworten wollte, klingelte es laut und durchdringend. Lenz schaute sich erstaunt um, und auch Böhmer war zunächst irritiert.
»Feueralarm«, sagte er schließlich und stand auf. »Sie wissen ja, was zu tun ist.«
Lenz wusste es. Alle Mitarbeiter mussten umgehend das Gebäude verlassen. Sie stand ebenfalls auf. Böhmer legte im Gehen seinen Arm auf ihre Schulter. Es war ihr unangenehm, seine fremde Hand auf ihrem Rücken zu spüren. Mit einer geschickten Bewegung drehte sie sich so, dass sein Arm für einen kurzen Moment im Leeren hängen blieb.
Im Flur kamen Lenz die Kollegen entgegen, die in Richtung Ausgang hetzten. Keiner sagte ein Wort, es herrschte angespannte Konzentration. Lenz hatte sich von Böhmer gelöst und marschierte gegen den Strom zu ihrem Büro, während das laute Klingeln andauerte.
Für einen kurzen Moment schossen ihr Erinnerungen an Shahbuddin durch den Kopf. Gerade war die Bombe vor dem Camp explodiert, und der Rauch des Feuers erfüllte den afghanischen Himmel. Hektisch rannten alle umher. Sie suchte vor allem nach Sascha, der im Einsatz draußen gewesen war. Erst als sie sah, wie er aus seinem Unimog stieg, atmete sie erleichtert auf.
Die Ruhe und die fehlende Panik gaben Lenz das Gefühl, dass es sich hier in Berlin um einen Fehlalarm handelte. In ihrem Büro schaute sie aus dem Fenster auf die Straße. Dort standen gut fünfzig Kollegen. Manche rauchten, andere unterhielten sich. Und Lenz war sich sicher: Es brannte nirgendwo. Warum also sollte sie rausgehen? Es würde mehr als eine halbe Stunde dauern, bis den Mitarbeitern wieder erlaubt würde, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Zeit, die Lenz nutzen konnte.
Sie schloss die Tür und setzte sich an ihren Schreibtisch. Während der Computer hochfuhr, dachte sie an das Gespräch mit Böhmer. Vielleicht sollte sie in der nächsten Zeit den Kollegen freundlicher entgegenkommen. Es schadete nicht, wenn sich niemand mehr über sie beschwerte. Ab und zu einmal ein Small Talk, das würde reichen.
Um 12:45 Uhr hielt Katja Hager vor der Villa in Dahlem, genau wie es in der Disposition der Filmproduktion vermerkt war.
Tag für Tag klingelte sie an der Haustür, und oft dauerte es zehn Minuten, bis Brian Williams herauskam. Auch heute wartete die Fahrerin vor der Tür und schaute gelangweilt die Straße entlang. Inzwischen hatte sie das Gefühl, jedes Haus und sämtliche parkenden Autos zu kennen.
Williams war ein schwieriger Fahrgast; er sprach kein Wort Deutsch und sie nur einige Brocken Englisch. Darum beschränkte sich ihre Unterhaltung auf ein Minimum. Meist nutzte Williams die Zeit im Auto für die Vorbereitung und war in ein Drehbuch vertieft. Er murmelte seine Dialoge vor sich hin, ohne einen Blick nach draußen zu werfen. Wahrscheinlich war es ihm egal, ob er in Los Angeles oder in Berlin drehte, jedenfalls schien ihn das Leben in der deutschen Hauptstadt wenig zu interessieren. Das war bei den übrigen Mitgliedern der US-Crew anders. Die trieben sich, kaum gab es einen Tag frei, in der Stadt herum und besuchten angesagte Klubs wie das Berghain.
Nervös schaute Hager auf die Uhr. Der Amerikaner ließ sie bereits mehr als die üblichen zehn Minuten warten, dabei gab es einen engen Zeitplan, und sie musste ihren Fahrgast pünktlich am Set abliefern. Sie klingelte ein zweites Mal.
Weiterhin rührte sich nichts.
Sie ging auf dem Bürgersteig an der mannshohen Sandsteinmauer entlang. An der rechten Seite des Grundstücks verlief ein schmaler Weg, der zu einer Straße hinter dem Garten führte. Sicherlich war von dort aus mehr zu sehen. Sie betrat den Pfad und lief an einer hohen Hecke vorbei, während sie mit ihrem Smartphone Williams’ Nummer wählte. Durch das undurchsichtige Grün hindurch hörte sie das Klingeln eines Mobiltelefons. Es war die Titelmusik von Cold War, die schätzungsweise zwanzig Meter entfernt zu vernehmen war. Niemand hob ab. Sie legte auf, die Melodie verstummte.
Langsam schlich sie weiter, bis sie die Straße hinter dem Garten erreicht hatte. Aus der Villa kam kein Geräusch. Sie wählte erneut seine Nummer. Wieder die Musik, ansonsten nichts.
Seltsam. Williams war bis auf die täglichen zehn Minuten Wartezeit zuverlässig. Etwas stimmte nicht.
Auf dem Weg zurück zum Vordereingang entdeckte sie ein kleines Loch in der dichten Hecke. Die Lücke war groß genug für ein mittelgroßes Tier. Hatte sich hier ein Hund einen Durchgang erkämpft? Hager bog die Zweige beiseite und zwängte sich hindurch. Zerkratzt und dreckig kroch sie auf der anderen Seite in den Garten. Sie schaute sich um. Die Tür zur Veranda stand weit offen. »Mr Williams?«, rief sie in die Villa hinein.
Nichts rührte sich. Sie wollte gerade in das Wohnzimmer treten, als ihr Blick auf den Pool fiel. Brian Williams lag kopfüber im Wasser. Für einen winzigen Augenblick konnte sie nicht glauben, was sie da sah. Probte der Star für seine Rolle? Vorsichtig trat sie näher. Nein, kein Zweifel, Williams lag tot im Pool. Wie fremdgesteuert holte Katja Hager ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Polizei.
Cassidy holte die Mandelmilch aus dem Kühlschrank und goss sie über die Cornflakes. Während die Kaffeemaschine arbeitete, schaute er sich verschlafen in seiner Küche um.
Die drei Zimmer seiner Wohnung waren eindeutig zu groß für ihn. Gelegentlich dachte er darüber nach, ein kleineres Apartment in einer besseren Gegend von Los Angeles zu mieten, doch er hatte es bisher nicht übers Herz gebracht. Obwohl ihn hier jedes Detail an Lisa erinnerte. Es wäre nicht nur ökonomisch, sondern auch emotional vernünftig, sich endlich ein neues Zuhause zu suchen. Stattdessen schob er die Entscheidung seit drei Jahren vor sich her.
Mit dem Kaffee und seinem Frühstück setzte er sich vor den Fernseher. Er hatte todmüde spät in der Nacht mitten in einer Folge aufgehört, die erste Staffel von Cold War anzusehen, und er wollte auf jeden Fall weiterschauen, bevor er zur Arbeit ging. Das TV-Programm ersetzte das Kino, in das er seit Lisas Tod nicht mehr gegangen war. Zwischen all den Paaren, die sich vergnügten und hinterher gemeinsam nach Hause fuhren, wollte er nicht allein sein. Kollegen hatten ihm geraten, endlich eine neue Frau kennenzulernen. Auch Lockhard hatte ihn ermuntert, zumindest ein Date zu verabreden. Er sei charmant, sehe gut aus, und es würde doch nicht allzu schwer sein, eine neue Partnerin zu finden. Aber er konnte sich nicht vorstellen, sein derzeitiges Leben mit einer Frau zu teilen.
Er hatte sowohl ein Netflix-Abo abgeschlossen als auch eines bei Amazon Prime und Serien für sich entdeckt. Es war mehr als einmal vorgekommen, dass er um zwei Uhr morgens ins Bett gefallen war, weil er nicht aufhören konnte. So hatte er den harten Überlebenskampf eines Crystal Meth kochenden Chemielehrers immer erst nach sechs Folgen unterbrochen.
Zur Begrüßung erschien auf dem Fernseher ein Startbildschirm, der ihn darauf hinwies, dass die zweite Hälfte der Episode von Cold War auf ihn wartete. Er war begeistert von der Story aus den Sechzigerjahren. Das war die Zeit, in der seine Mutter aus Deutschland in die USA gekommen war — auf der Suche nach Flower-Power und der vollkommenen Freiheit in Kalifornien. Zuerst war sie in San Francisco gelandet und hatte in der Free Medical Clinic gearbeitet; dort erhielten die Menschen kostenlose gesundheitliche Betreuung. Schon bald wusste sie, dass sie nie wieder ins spießige Deutschland zurückkehren würde. Es traf sich, dass sie auf einem Konzert von Janis Joplin im Golden Gate Park einen jungen Amerikaner kennenlernte. Sein zukünftiger Vater arbeitete als Busfahrer in Los Angeles, und auch er war angesteckt von der Bewegung. Er verbrachte den Summer of Love 1967 wie seine Mutter in Haight-Ashbury.
Cassidy drückte auf die Fernbedienung, und die Folge von Cold War begann da, wo er sie gestern unterbrochen hatte.
Die Staffel spielte im Jahr 1961, zur Zeit der Invasion in der Schweinebucht auf Kuba. Die Hauptfigur der Serie, der US-Geheimdienstoffizier Johnson, war in Guatemala eingesetzt und bereitete den Angriff kubanischer Exilanten auf ihr kommunistisches Heimatland vor. Natürlich diente der Einmarsch nur als Vorwand, um US-Truppen um Hilfe zu rufen. Johnson war für die gesamte Aktion verantwortlich und erledigte seine Aufgabe zwar heldenhaft, hatte aber ein fortwährendes Problem mit Autoritäten. Darum war der Coup in der Serie wie in der Realität gescheitert. Trotzdem oder gerade deshalb war Cold War spannend und nicht nur in den USA ein großer Erfolg.
Johnson war selbstbewusst und intelligent. Cassidy fand ihn undurchschaubar und faszinierend zugleich. Der CIA-Agent besaß Charisma, und seine Eiseskälte wirkte fesselnd. Cassidy war froh, dass ihm im wirklichen Leben kein Mann wie Johnson begegnet war.
Er holte sich gerade einen zweiten Kaffee aus der Küche, da klingelte sein iPhone, und Lockhard begrüßte ihn.
»Nic, wo auch immer du dich rumtreibst, komm sofort in mein Büro!« Sein Chef hatte die Angewohnheit, seinen Mitarbeitern Aufträge in der Befehlsform zu erteilen. Cassidy nahm ihm das nicht übel. Inzwischen kannten sie sich mehr als zehn Jahre, so lange bearbeitete er bereits Mordfälle in der Homicide Division.
