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Im Keller eines Autohauses findet man die Leiche einer Frau. Sie ist die Gattin eines reichen Unternehmers, mit dem sie eine offene Zweierbeziehung geführt hat. Ihr Mann kann daher einige Verdächtige nennen, deren Alibis überprüft werden. Enttäuscht stellt Inspektor K. fest, dass keiner als Täter infrage kommt. Da taucht ein kleines Büchlein mit dem Titel »Alle meine Lieben« auf. Die Tote hat darin ihre Liebhaber fein säuberlich verzeichnet. Eine heiße Spur führt zu einem Psychiater, bei dem Inspektor K. seit Längerem selbst in Behandlung ist.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Wilhelm Huch ist ein österreichischer Autor. Bisher hat er zwei Kriminalromane, ein Kinderbuch und eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlicht: »Tödliches Nickerchen am Mondsee« (2016), »Tödliches Heckenschneiden am Mondsee« (2023), »Die Rettung der Zauberkirschen« (2024) und »Goethe, Brodyberg und andere Traumgestalten« (2024). Er schreibt und lebt am Mondsee im Salzkammergut.
Mehr über den Autor auf Instagram unter @wilhelm_huch
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EPILOG
Als Inspektor K. vor Jahren versuchte, den Mord an seinem Freund Waagner aufzuklären, war er beim Skifahren in Kärnten einer mysteriösen Frau begegnet. Sie schien völlig aus der Zeit gefallen zu sein. Sie hatte keine Ahnung von Musik, Literatur oder anderen Themen, mit denen Inspektor K. sich krampfhaft bemühte, ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Die Fremde interessierte sich einzig und allein für die Untersuchung von Waagners Mord. Auch das gemütliche Abendessen im Anschluss an einen stürmischen Skitag brachte nicht viel Licht in ihr geheimnisvolles Wesen. Immerhin konnte Inspektor K. Frau Marlene ohne Skibekleidung und ihren alles verbergenden Skihelm kennenlernen. Dass Marlene nicht ihr echter Name war, stand von Beginn an fest. Schließlich hatte sie Inspektor K. gebeten, einen Namen für sie auszuwählen.
»Geben Sie mir einen Namen, mit dem Sie etwas Schönes verbinden!«
Was lag für einen Verehrer Marlene Dietrichs näher, als die geheimnisvolle Frau »Marlene« zu nennen? Aus einem weiteren Grund war Marlene der passende Name. Die Fremde hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der berühmten Schauspielerin. Vielleicht nicht so sehr in ihrem Aussehen als in der Art, wie sie an jenem Abend gekleidet war. Schwarzer Smoking, weiße Bluse, weiße Masche und weißes Stecktuch, cremefarbige Stöckelschuhe und schwarzer Zylinder. Inspektor K. traute seinen Augen nicht. Welche Verwandlung! War er in der Zeit zurückgereist und Marlene Dietrich in den 1930er-Jahren begegnet? Das hätte ihre Unwissenheit erklärt. Er ließ seinen Blick ihre Beine hinabgleiten. Nein, die echte Marlene hätte keine cremefarbigen High Heels zum schwarzen Smoking getragen.
»Es tut mir leid, aber als ich hierher zum Skifahren kam, war ich nicht darauf vorbereitet, mit einem netten Polizisten ein Date zu haben. Ich habe nur meinen kleinen Kostümkoffer mitgebracht.«
Marlene sah in diesem Abendessen ein Date? Kostüme? War sie Schauspielerin, die Inspektor K. den ganzen Tag über zum Narren gehalten hatte? Probte sie für eine Rolle? Inspektor K. war verwirrt. Ohne den altmodischen Skianzug fand er sie noch sympathischer und das Marlene-Dietrich-Kostüm hatte seinen Reiz. Wie hatte sie erraten, dass er ein Dietrich-Fan war? Hatte er es während einer der Liftfahrten erwähnt? Oder hatte sie sich bloß zufällig so gekleidet, dass sie der Dietrich ähnlichsah? Inspektor K. war mit sich im Widerstreit. Durfte die Zuneigung, die er langsam für die falsche Marlene entwickelte, so stark werden, dass er sich in sie verliebte? Nein, das konnte nicht sein! Welches Licht würde das auf seine Liebe zu Catherine werfen? Noch war die Erinnerung an die geliebte Französin, die von ihrem Mann umgebracht worden war, zu frisch. Es war viel zu früh, wieder seinen Kopf zu verlieren.
»Sind Sie Schauspielerin?«
Nicht unerwartet bekam Inspektor K. auch in der warmen Stube eines Kärntner Haubenlokals keine direkte Antwort. Zum Glück wich Marlene nicht wieder durch eine Gegenfrage aus. Kokett schlug sie die Augen nieder, widmete sich der Vorspeise und überließ es Inspektor K., die Frage selbst zu beantworten. Insgesamt blieben Marlenes Wortspenden an jenem Abend sehr karg. Inspektor K. hatte das Gefühl, Teil eines Kammerspiels für zwei zu sein. Die Frau gab die Stichworte und der Mann übte sich in einem nicht sonderlich wortgewaltigen Monolog. Dieser drehte sich um K.s vergebliche Versuche, über Catherines und Waagners Tod hinwegzukommen, um K.s musikalische Vorlieben und die immer gleiche Frage: Wer war die fasche Marlene?
Als sie für einen Moment die Hand auf seinen Arm legte, durchzuckte Inspektor K. der Gedanke, dass es mehr als bloße Sympathie war, die er für sie empfand. War diese gegenseitig? Oder war die achtlose Berührung nur Teil von Marlenes Rollenspiel? Wahrscheinlich machte sie sich einen Spaß daraus, den netten Polizisten ein wenig aus der Reserve zu locken.
Seit Waagners – ich könnte auch sagen meinem – Tod waren fünf Jahre vergangen. Inspektor K. hatte einige simple und auch ein paar kompliziertere Mordfälle aufgeklärt und meine – wie soll ich sagen? – Ex-Frau, Witwe oder meine Gerti hatte sich an das Leben ohne mich gewöhnt. Nach meinem Begräbnis, bei dem sie unter Inspektor K.s gestrengem Auge noch einige meiner Direktiven befolgen musste – als Abschiedsmusik hatte ich mir The Negative Man von On the Final Fence gewünscht –, begann für sie mehr oder weniger ein Leben in absoluter Freiheit. Kein Mann war mehr da, der ihr irgendwelche Restriktionen erteilte, der sich über dies und jenes ständig beklagte und der gewiss kein Ausbund an Lebensfreude war. Insofern verdenke ich es Gerti nicht, dass sie mich vergiftet hat. Aus ihrer Sicht war ich im Lauf der Jahre eine schwere Belastung geworden. Immerhin hat sie an mir nur eine einzige positive Eigenschaft festgestellt: meine Zuverlässigkeit. Das ist schon ein bisschen wenig für eine lang andauernde glückliche Ehe. Allerdings hätte sie bei ihrer Gerichtsverhandlung nicht unbedingt alle meine negativen Eigenschaften in einer solchen Ausführlichkeit darlegen müssen. Wahrscheinlich hat ihr das aber ohnehin ihr Verteidiger empfohlen.
Wenn man mich hier im Jenseits gelegentlich fragt, ob ich Gerti um ihr neues Glück beneide, sind die Fragesteller immer erstaunt, dass ich gegen sie keinen Groll hege. Gerti musste viel ertragen. Ich hoffe nur, dass sie das von mir geerbte Vermögen nicht zu schnell in den Wirtschaftskreislauf pumpt. Es war eine nicht unbeträchtliche Summe Geld, zu der sich wie aus heiterem Himmel der schöne Tantiemenregen aus dem Verkauf meiner beiden Bücher gesellte. Es tut weh, dass ich erst sterben musste, bevor meine Bücher die Regale der Buchhandlungen füllten. Ich bin mir nicht sicher, ob die plötzlich explodierenden Verkaufszahlen etwas mit der Qualität der Bücher zu tun haben, was ich mir gerne zugutehielte, oder nur Ergebnis einer raffinierten Verkaufsstrategie waren. Letzteres wollen mich ein paar Kollegen im Club der toten Dichter glauben machen. Ich gebe gerne zu, dass Slogans wie »Der Autor, der seinen Tod vorhersah!« oder »Ein toter Schriftsteller und vier Mörder!« die Neugierde der Menschen entfacht haben könnten. Letztlich werden die Bücher aber wohl auch spannend gewesen sein.
Sei es, wie es war. Ein typisches Künstlerschicksal eben. Zu Lebzeiten wurde ich verlacht und nicht ernst genommen. Jetzt fallen die finanziellen Früchte Gerti in den Schoß. Vermutlich ist dies ausgleichende Gerechtigkeit. Wie die Entdeckung des Cœur de la mer. Als ich den Edelstein im Keller unseres Sommerhauses in Mondsee vergraben habe, dachte ich, dass er dort für alle Ewigkeit gut aufgehoben sein würde. Denn zu meinen Lebzeiten hat sich Gerti kein einziges Mal in den extrem niedrigen, aus dem 17. Jahrhundert stammenden Keller gewagt. Dass sie eines Tages die Forscherneugier erfassen und einem Feuersalamander nachstellen würde, der im Keller überwinterte, konnte ich nicht voraussehen. So hat sie den wertvollen Cœur de la mer gefunden.
Hier im Jenseits haben wir einen wunderschönen Blick auf die Erde und können alle Schritte unserer zurückgelassenen Lieben verfolgen. Wir können sogar ihre Gedanken live miterleben. Leider kann ich mich nicht gleichzeitig um all meine Verwandten und Bekannten kümmern. Wenn ich ein bisschen in das Leben meiner Jugendflamme Marla hineinblinzle oder mich für ein paar Minuten in das Gehirn Henriettes, meiner ersten Frau, einhacke, entgehen mir manch wichtige Momente in Gertis Leben. Selbst wenn ich die neueste App »Event Alert« verwende, die mich auf interessante Situationen meiner Lebensmenschen aufmerksam macht. Zurzeit stehen vier Personen unter himmlischer Überwachung: Gerti, mein Sohn Elias, Marla und Henriette. Das reicht aus, um einige spannende Ereignisse im Leben der Genannten zu versäumen. Dass auch im Jenseits die Datenspeicherung und das nachträgliche Ansehen einzelner Lebenssituationen verboten sind, ist irgendwie absurd. Aber man muss es akzeptieren.
Kurz und gut, Gerti genießt das Leben in vollen Zügen, seit das alte Scheusal Waagner im Jenseits ist. Ob sie manchmal an mich denkt? Seltsam, bisher habe ich sie noch nie dabei ertappt. Das ist jedoch nicht so überraschend, weil ich sie meistens beobachte, wenn sich in ihrem Leben etwas bewegt und die Realität ihre ungeteilte Aufmerksamkeit benötigt. Da verwundert es nicht, dass sie nicht an mich denkt. Während ihrer ruhigen Stunden, wenn sie liest, fernsieht oder mit altem Enthusiasmus an ihren Übersetzungen arbeitet, bin ich selten live dabei. Ob sie von mir träumt? Das könnte ich nur erfahren, wenn sie jemandem davon erzählt. Wir können hier oben zwar die Gedanken der Menschen auf der Erde lesen. Aus unerklärlichen Gründen sind uns ihre Träume allerdings nicht zugänglich. Diese Zensur! Ob sie mich vermisst? Warum stelle ich mir solche Fragen? Ich bin froh, dass alles so geendet hat, wie es eben war. Gerti wird mir kaum Arsen ins Essen gemischt haben, wenn sie Angst davor hatte, mich eines Tages zu vermissen.
Interessieren würde mich allerdings, wie sie auf mein Verhältnis mit Henriette reagiert hat. Daran konnte sie nach Hartmut Grünwalds Aussagen vor Gericht wohl nicht mehr zweifeln. Falls Sie vergessen haben sollten, wer Grünwald ist: Er ist – noch immer – Henriettes Ehemann, der mich in Mondsee erschossen hat. Er hegte den Verdacht, dass ich ein Verhältnis mit ihr hatte. Dass Henriette tatsächlich etwas mit mir angefangen hat, gestand sie ihm aber erst nach meinem Tod. Ich bin mir nicht sicher, ob er es während des Strafprozesses bereits wusste. Gerti hielt meine Affäre damals noch für ein Gerücht, für das es keinen Beweis gab. Ob sie später Henriette oder Hartmut getroffen hat? Ich weiß es nicht. Ist das wichtig? Ich könnte daraus lediglich ableiten, ob Gerti von meinem Verhältnis mit Henriette weiß oder nicht. Neben Henriette und ihrem Mann wissen von unserem Techtelmechtel jedenfalls Inspektor K. und Henriettes Vater, Hofrat Magreiter, auch Kommissar Maigret genannt. Schon verrückt, dass Henriette Inspektor K. gebeten hat, ihr bei der Suche nach dem Cœur de la mer zu helfen. Bisher war ihr mein lieber K. jedoch keine allzu große Hilfe!
Als Inspektor K. die Stufen zu Professor Kellas Villa hinaufstieg, dachte er unwillkürlich an seine ersten Therapiestunden vor vielen Jahren. Sein damaliger Psychiater hatte keine so imposante Ordination. Inspektor K. war enttäuscht gewesen, dass im seinerzeitigen Behandlungszimmer inmitten der kalten Spitalsumgebung nichts an den guten, alten Sigmund Freud erinnerte. Das lag wohl daran, dass Inspektor K. bei einem sehr jungen Therapeuten in Behandlung war. Im Gegensatz hierzu war Professor Kella einer der renommiertesten Psychiater, was sich deutlich in den Honorarnoten niederschlug. Die Vielzahl solcher die Patienten höchst erschreckenden Rechnungen war die Ursache für das äußerst beeindruckende Ambiente, in dem Kella seine traumdeutenden Stunden abhielt. Inspektor K. war auf Hofrat Magreiters Empfehlung Kellas Patient Nummer 769 geworden, nachdem er selbst Jahre nach Catherines Tod nicht über ihren Verlust hinweggekommen war. Uneingedenk der horrenden Kosten der regelmäßigen Besuche bei Professor Kella genoss Inspektor K. die Sitzungen in dessen Villa. Das Behandlungszimmer lag im Mezzanin des Prachtbaus und war erst nach Durchqueren der imposanten Eingangshalle und eines nicht minder beeindruckenden Salons zu erreichen. In diesem Salon, so hatte er von Magreiter gehört, gab Kella für einen erlauchten Kreis von Musikliebhabern regelmäßig Kammermusikabende mit jungen Talenten der Anton Bruckner Privatuniversität. Auf einem Podium, das genügend Platz für weitere Musiker hatte, stand ein riesiger Flügel. Dieser dominierte den Raum, an dessen Seiten sich mehrere langgezogene Anrichten im Empire Stil befanden. Dazwischen boten mehrere Sitzecken ungefähr fünfzig Personen Platz, um unter den drei mächtigen Lustern der Musik von Mozart, Bittermann und Chopin zu lauschen.
Jedes Mal, wenn Inspektor K. den Salon durchquerte, hoffte er, dass auch er einmal einen der berühmten Musikabende erleben durfte. Davor musste er noch seine hundert Therapiestunden hinter sich bringen, nach deren ordnungsgemäßer Bezahlung Kella ihm wenn schon nicht Heilung, so doch Linderung seines Leidens in Aussicht gestellt hatte.
»Na, mein lieber Herr Inspektor, wie geht es Ihnen heute? Wieder einmal von Ihrer geliebten Catherine geträumt?«
Inspektor K. fand es befremdlich, dass ihn Kella stets mit derselben Frage begrüßte. Ob dies zur berühmten »Kella-Therapie« gehörte? Im Grunde wollte er Catherine doch vergessen oder sie wenigstens so weit aus dem Unterbewusstsein vertreiben, dass er wieder offen für eine neue Beziehung würde. Wie oft hatte er sich seit Catherines Tod schon mit aussichtsreichen jungen und älteren Damen getroffen, die gehofft hatten, den berühmten Inspektor bei sich zu Hause bekochen zu dürfen. So weit kam es nie. Inspektor K. empfand eine seltsame Hemmung, seine Flammen nach dem ersten Rendezvous an einem öffentlichen Ort in intimerer Umgebung wieder zu treffen. Seine zaghaften Versuche, nach Catherine eine neue Liebe zu finden, waren bisher auch aus einem weiteren Grund gescheitert. Aus unerklärlichen Gründen war jede neue Bekanntschaft verheiratet. Sein Freund Waagner hätte Inspektor K. wahrscheinlich darauf hingewiesen, dass gewisse Dating-Apps vornehmlich von verheirateten Frauen genutzt wurden. Aber Wolfgang Waagner war seit Langem tot und konnte ihm nicht mehr zur Seite stehen. Vielleicht lag Inspektor K. auch deshalb auf Doktor Kellas Couch. Der Psychiater zückte seinen Bleistift, um sich Notizen von Inspektor K.s Seelenbeichte zu machen.
»Nein, ich habe schon mehrere Monate nicht mehr von Catherine geträumt. In meinem letzten Traum bin ich einer umwerfend schönen jungen Frau begegnet. Es muss auf einer Seine-Brücke gewesen sein. Sie lehnte an der Brüstung und schaute traurig in den unter uns vorüberziehenden Fluss. Zuerst dachte ich, es wäre Catherine …«
»Ah! Da haben wir’s! In Ihrem Traum haben Sie an Catherine gedacht«, unterbrach ihn Kella.
Anfangs hatten Inspektor K. die oftmaligen Unterbrechungen seiner Erzählungen sehr gestört, weil sie ihn aus dem Erzählfluss brachten. Gelegentlich vergaß er auch wichtige Details seiner Träume. Inzwischen hatte er sich an die dialogische Aufarbeitung seiner Träume jedoch gewöhnt. Das führte manchmal sogar dazu, dass er seine Berichte unterbrach, wenn Kella längere Zeit schwieg, und sich versicherte, dass der Psychiater nicht heimlich das Zimmer verlassen hatte.
»Richtig. Warum soll ich in meinen Träumen weniger oft an Catherine denken als im wirklichen Leben? Aber es war nicht Catherine. Das Mädchen hieß Florence und erzählte mir von ihrem Liebeskummer. Verschmitzt fragte sie mich – gar so traurig konnte sie wohl nicht gewesen sein –, ob ich sie nicht in die Gastwirtschaft ihrer Mutter begleiten wolle, um ein Glas Rotwein zu trinken. In Wahrheit war die Gastwirtschaft ein Bordell in einem entsprechenden Pariser Bezirk, in dem die nobelsten Herren der Gesellschaft verkehrten.«
»Wie fanden Sie heraus, dass dort die Crème de la Crème von Paris ihr Vergnügen fand? Sind Sie Fachmann in diesen Dingen? Oder haben Sie mit Catherine seinerzeit eine kleine Tour d’horizon durch die Pariser Vergnügungsetablissements gemacht?«
Professor Kella verstand es, Catherine in regelmäßigen Abständen ins Spiel zu bringen. Inspektor K. ignorierte die Frage und fuhr fort: »Florence stellte mich ihrer angeblichen Mutter vor und meinte, dass ich wegen meiner verlorenen großen Liebe ein wenig Aufheiterung brauchte. Die ›Mutter‹ schickte uns mit einer Flasche Champagner in eines der geschmackvoll eingerichteten Séparées. Wir gingen an einem Tisch vorbei, an dem Adalbert von Eichmann, Catherines ehemaliger Ehemann, saß. Daraus schloss ich, dass ich in ein überdurchschnittlich nobles Bordell geraten war. An einem weiteren Tisch entdeckte ich meinen ehemaligen Chef, Kommissar Maigret …«
»Ist das nicht der Vater Ihrer Jugendliebe Henriette?«
»Ja. Auch seine Anwesenheit ließ mich glauben, in einem besonderen Lokal gelandet zu sein. Im Gegensatz zu Eichmann hatte Magreiter keine Damenbegleitung. Er unterhielt sich mit dem deutschen Filmschauspieler Harald Petermann. Mir war es sehr unangenehm, auf Magreiter zu treffen. Es gelang mir allerdings, mich unbemerkt an ihm vorbei zu schwindeln. Im Séparée warf sich Florence sofort an meinen Hals. Sie schien nicht besonders interessiert zu sein, den Champagner-Umsatz zu steigern. Als ich sie fragte, wie viel mich diese Nacht mit ihr kosten würde, erinnerte sie mich lächelnd daran, dass sie die Tochter des Hauses war …«
»Heißt das, Sie konnten alle Genüsse der französischen Liebe kostenlos konsumieren? Sie Glückspilz!«, rief Kella aus und notierte in Erwartung erotischer Abenteuer die wesentlichen Fakten aus Inspektor K.s Traum. Wenngleich dieser Mühe hatte, die weiteren Stunden in den Armen der Französin detailgetreu zu berichten, füllte der Psychiater mehrere Seiten seines Notizblocks.
»Das klingt sehr vielversprechend, mein lieber Inspektor. Soweit ich mich erinnere, ist es Ihnen im wirklichen Leben seit Catherines Tod nicht gelungen, einer Frau so nahe zu kommen wie unserer süßen, kleinen Florence. Sehen Sie, manchmal helfen Träume, mit Ereignissen aus der Vergangenheit besser fertig zu werden. Manchmal aber, und ich glaube, das ist hier der Fall, könnte Ihr Traum schon ein Blick in die Zukunft sein.«
»Sie meinen, dass ich wieder für eine Beziehung bereit wäre?«
»Nein, nein! Übertreiben wollen wir nicht! Für eine echte Beziehung ist es entschieden zu früh! Aber Sie könnten sich wieder einmal in das Bett einer Frau wagen.«
›Das dachte ich mir. Noch habe ich wohl nicht genug zu Ihrem luxuriösen Lebensstil beigetragen! Da brauche ich noch einige Couch-Stunden, bevor ich geheilt bin‹, dachte sich Inspektor K. und sah seinen Therapeuten enttäuscht an.
»Ich gehe davon aus, dass Sie in Ihrem Leben etwas gravierend ändern müssen, ehe ich Sie als geheilt entlassen kann«, fuhr Kella fort.
Inspektor K. blickte verlegen weg. Konnte es sein, dass Kella seine Gedanken gelesen hatte? War es möglich, dass Psychiater die Gedanken ihrer Patienten lesen konnten, wenn sie lang genug deren Träume analysiert hatten und damit quasi in das Innerste ihrer Patienten hinabgestiegen waren? Eine unangenehme Furcht beschlich Inspektor K.
»Bei unserer ersten Sitzung haben Sie mir erzählt, dass Sie oft an Selbstmord denken, wenn Sie über eine Donaubrücke gehen. Ich stelle jetzt eine, zugegeben, gewagte These auf: Sobald Sie auf der Nibelungenbrücke Ihre Aufmerksamkeit nicht mehr den dunklen Fluten unter Ihnen schenken, sondern mit Freude die schneebedeckten Bäume am Ufer der Donau und die im morgendlichen Sonnenlicht gegen den blauen Himmel emporragenden Türme des Alten Doms betrachten, können Sie eine neue Beziehung starten. Bis es so weit ist, wird es allerdings noch dauern. Trotzdem, mein lieber Inspektor: Wir sind auf dem richtigen Weg! Um Ihnen diesen Weg besonders kurzweilig zu machen, möchte ich Ihnen ein äußerst gelungenes Buch zur Lektüre empfehlen. Meine Wenigkeit hat vor Kurzem ein Werk über das Geheimnis der Frauen und deren Charakter geschrieben. Es ist zwar ein wissenschaftliches Buch. Dennoch bin ich überzeugt, dass es Ihnen auch als Laie viel Vergnügen bereiten wird. Es heißt Die siebzehn Seelen der Frau und Sie können es bei meiner Ordinationshilfe käuflich erwerben. Ich habe gestern die ersten Exemplare erhalten! Auf Wiedersehen, bis nächste Woche!«
Inspektor K. wunderte sich nicht mehr über die sukzessiv kürzer werdende Stunde, die eine Therapiesitzung dauerte. Kella hatte seit zwei Jahren seinen Stundensatz nicht mehr erhöht, weshalb in der verkürzten Stunde so etwas wie eine Inflationsabgeltung zu sehen war. Diese war bei seinen Patienten leichter durchzubringen als eine reale Honorarerhöhung. Da Inspektor K. seinen Therapeuten kurz vor der bevorstehenden Heilung bei guter Laune halten wollte, kaufte er Kellas Buch. Wenn ihm dieses schon nicht bei der Suche nach der Frau fürs Leben helfen konnte, war es nicht ausgeschlossen, dass es ihm bei der Lösung von Mordfällen gute Dienste leistete. Vorausgesetzt, der Mörder war eine Frau.
Die Nymphomanin
(aus Die siebzehn Seelen der Frau von Prof. Manfred Kella, 1. Auflage, Heidelberg, 1979)
Die Nymphomanie geht auf die schönen altgriechischen Begriffe νύμφη nýmphē (»Braut«), μανία manía (»Wahnsinn«, »Raserei«) und nýmphē (»Klitoris«) zurück. Andere Bezeichnungen für diese ausschließlich bei Frauen auftretende Krankheit sind Hysteromanie, Andromanie, Klitoromanie oder Mannstollheit. Ein extrem übersteigertes nymphomanes Verhalten wird in der Wissenschaft auch Metromanie genannt.
Hauptsymptom der Nymphomanie ist ein stark gesteigertes sexuelles Verlangen der Frau (Hypersexualität), das sich nicht nur innerhalb der gesetzlichen und moralischen Grenzen der Ehe zu verwirklichen trachtet, sondern und hauptvornehmlich mit einem sehr häufigen, zumindest wöchentlichen Partnerwechsel einhergeht. Für die Nymphomanin wird die Sexualität zum alles bestimmenden Lebensbereich. Ihre Gedanken kreisen ununterbrochen und zwanghaft um die nächste Eroberung, worunter ihre zwischenmenschlichen Beziehungen wie auch das alltägliche Leben leiden. Soziale und berufliche Pflichten werden vernachlässigt, Freundschaften und Ehen zerbrechen, weil die Nymphomanin von allen Fesseln gesellschaftlichen und ethischen Anstands befreit ihr Leben ausschließlich einem Ziel unterordnet: Den nächstbesten Mann zu verführen und in ihr (oftmals Ehe-)Bett zu locken.
Die Krankheit weist alle Kriterien einer Sucht auf und galt jahrhundertelang als unheilbar. Wie die meisten Frauenkrankheiten ist auch die Nymphomanie eine psychische Abnormität. Über die Ursachen der Nymphomanie gibt es in der Literatur einige Querelen. So meinen manche »Fachkollegen«, dass die Fixierung auf zwischengeschlechtliches Verhalten aus tiefenpsychologischer Sicht oft Ausdruck einer psychisch tiefsitzenden Bindungsangst sei. Dem kann ich nur entschieden widersprechen. Meine jahrzehntelange praktische Erfahrung mit einschlägigen Patientinnen haben mich zur festen Überzeugung geführt, dass es vor allen Dingen romantische Musik und Filme sind, die die Krankheit auf das Entschiedenste fördern. Auch die Lektüre unangemessener Romane, ich erinnere in diesem Zusammenhang an Autorinnen wie E. L. James oder Charlotte Roche, war mehr als einmal Auslöser für das Abtauchen völlig normaler Frauen in die Dunkelheit der Nymphomanie.
Gefährlich wird Nymphomanie nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für ihre Umgebung, wenn das ungehemmte Ausleben sexueller Träume und Wünsche zu Schwachsinn und Hysterie, manchmal sogar zu Alkoholismus und Epilepsie führt. Die der Volkswirtschaft durch zerrüttete Ehen entstehenden Schäden seien nur am Rande angemerkt, zeigen jedoch eindringlich die weitumfassenden Folgen der Nymphomanie. Obwohl die schon vor Jahren praktizierte Klitorisbeschneidung signifikante Besserungen bei den Patientinnen zeigte, wurde sie zuletzt wegen angeblicher Barbarei verboten, sodass heute nur mehr Zuflucht bei der psychotherapeutischen Sitzung gesucht werden kann. Hier sind die Mitglieder meiner Berufszunft gefordert. Aber nur wenige weisen die charakterliche Stärke und das übermenschliche Durchhaltevermögen auf, um den persönlichkeitsgestörten Patientinnen stundenlang zuhören zu können, wie sie von ihren obsessiven, perversen und monströsen Fantasien erzählen.
(Meine Kontaktdaten können interessierte Leser der vorletzten Seite dieses Werkes entnehmen!)
Astrid Wirstlhuser war eine attraktive junge Frau gewesen, die schon früh wusste, was sie wollte: Ein Leben in Luxus und einen Mann, der ihr alles bieten konnte. In Arthur Wirstlhuser hatte Astrid diesen Mann gefunden. Er war ein erfolgreicher Unternehmer, dem man seine sechzig Jahre dank eines gut trainierten Körpers nicht ansah. Da Arthur äußerlich durchaus etwas hergab, war es Astrid nicht schwergefallen, ein wenig Liebe zu heucheln, um als dritte Frau Wirstlhuser vor das Standesamt zu treten. Die Morgengabe in Form eines blitzblauen Porsches zeugte von Arthurs Großzügigkeit und von Astrids Vorlieben. Leider war es ihr nicht vergönnt, mehr als drei Porsche in ihrem Leben zu fahren. Dann war ihr Traum vom luxuriösen Leben zu Ende geträumt.
Anders als seine Lieblingsfernsehdetektivin Kate Beckett wurde Inspektor K. nicht per Telefon über den neuen Fall informiert. Als er am Montagmorgen in sein Büro kam, fand er auf dem Schreibtisch eine kurze schriftliche Notiz. Im Autohaus »Fischer & Sohn« hatte man eine Leiche gefunden. Das Autohaus war Inspektor K. aus zwei Gründen ein Begriff. Sein Freund Waagner hatte vor Jahren dort gearbeitet und Fischers Sohn hatte vor knapp drei Jahren unter großem Medienrummel die Porsche-Vertretung in Linz übernommen. Letzteres hatte viele Menschen erstaunt, weil Fischer Senior über Jahrzehnte ausschließlich japanische Fahrzeuge verkauft hatte. War der Wechsel von japanischer Qualitätsarbeit zu deutscher Motorenstärke an sich schon außergewöhnlich, so grenzte die neue Vertretung beinahe an ein Wunder, weil die österreichische Porsche Holding noch nie den Vertrieb ihrer Fahrzeuge an andere Fahrzeughändler vergeben hatte. Bei der Eröffnung des neuen Porsche-Zentrums in Linz wurde daher gemunkelt, dass diese Sensation wohl der Ehe von Fischer Junior mit einer Tochter des Salzburger Porsche-Clans geschuldet war. Es ging eben nichts über familiäre Beziehungen.
Inspektor K. wurde am Tatort von zwei Kollegen empfangen. Sie begleiteten ihn in den Keller des Autohauses, wo sich noch einige Relikte aus der japanischen Vergangenheit von »Fischer & Sohn« befanden. Neben einem Mazda MX-5 aus 1991 standen zwei Honda Civic XR, einer in schwarz, der andere in hellgrün, die ebenfalls aus den beginnenden 1990er-Jahren stammen mussten. Außerdem sah Inspektor K. mehrere Türme aufgestapelter Felgen, einige Windschutzscheiben, Ersatztüren und Motorhauben. Für Autofreaks und Liebhaber japanischer Autos musste es ein Eldorado sein, hier nach Ersatzteilen für ein in die Jahre gekommenes Spielzeug zu suchen. An einer Wand standen sogar fabrikneue Autositze und Rückbänke. Obwohl das Alter der hier gelagerten Autos und Ersatzteile für ein modriges Ambiente gesprochen hätte, roch es im Keller überraschend frisch. Auch der verflieste Boden glänzte so sauber, als ob er jeden zweiten Tag geschrubbt wurde. Fischer Junior, der die Polizisten in den Keller begleitet hatte, deutete Inspektor K.s fragenden Blick richtig und klärte ihn auf: »Das hier unten ist die Spielecke meines Vaters, die er sich nach Übergabe des Betriebs zurückbehalten hat. Zweimal wöchentlich schicke ich den Reinigungsdienst herunter, damit es mein Vater so schön sauber wie zu Hause in der Küche hat.«
Inspektor K. wollte sich gerade erkundigen, was Fischer Senior im Keller machte, als einer der Polizeibeamten mit der Taschenlampe in eine Ecke leuchtete. Sie war durch den Mazda MX-5 vom Rest des Kellers abgeschirmt. Auf zwei zueinander gekehrten Autobänken lag die tote Astrid Wirstlhuser. Inspektor K. ließ sich von dem Kollegen berichten, woran sie gestorben war. Alles deutete darauf hin, dass sie zunächst vergewaltigt und anschließend erwürgt worden war. Inspektor K. beschlichen bei genauerer Untersuchung der Leiche Zweifel, ob sie tatsächlich vergewaltigt worden war. Unzweifelhaft hatte sie vor ihrem Tod Sex. Aber es gab keine Spuren einer Auseinandersetzung. Weder beschädigte Kleidungsstücke noch irgendwelche Verletzungen. Auch Wirstlhusers Gesichtsausdruck zeigte keine Spur von Angst oder Gewalteinwirkung. Inspektor K. hatte den Eindruck, dass ein Hauch von Verzückung zu erkennen war. Deutete das nicht eher auf ein einvernehmliches Sexspiel hin? Die Würgespuren rührten offenbar von einem Draht her.
»Kennen Sie die Tote?«, wandte sich Inspektor K. an Fischer Junior.
»Natürlich, das ist Frau Wirstlhuser. Wir haben ihr erst vor einigen Wochen einen Panamera verkauft. Sie oder vielmehr ihr Gatte, Sie wissen schon, der Besitzer von Arthur Wirstlhuser Industries, sind langjährige Kunden unseres Autohauses. Als mein Vater noch japanische Autos führte, hat Herr Wirstlhuser bei uns zahlreiche Mazda- und Honda-Sportwägen gekauft. Den letzten Japaner bekam, glaube ich, Wirstlhusers Tochter Clara.«
Inspektor K. nickte und notierte sich die Namen. Er hatte nicht gewusst, dass das bekannte Firmenlogo »AWI« für Arthur Wirstlhuser Industries stand. Man lernte nie aus. Vom alten Wirstlhuser hatte er bereits einiges gehört. Wenn man in Linz lebte, konnte man ihm fast kaum entgehen. Wirstlhuser musste einen unheimlichen Drang haben, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. In fast jeder Gratiszeitung lachte er von einem Foto, das ihn bei der Eröffnung eines neuen Kindergartens, einer Vernissage, einer Weinverkostung oder einem Benefizkonzert zeigte. Inspektor K. hatte sich des Öfteren gefragt, wie man so viele gesellschaftliche Termine wahrnehmen und gleichzeitig ein international erfolgreiches Unternehmen führen konnte.
»Haben Sie eine Ahnung, was Frau Wirstlhuser hier im Keller gemacht hat? Ich meine, abgesehen von dem wohl Offensichtlichen«, setzte er die Befragung des Autohändlers fort.
Fischer Junior hatte nicht die geringste Ahnung. Es war ihm vor allem unerklärlich, wie sie in den Keller gelangt war. Die Tür zum Kellerabgang war laut Fischer immer verschlossen, ebenso das Garagentor zur Abfahrtsrampe, über die man von außen direkt in den Keller fahren konnte. Die Schlüssel zur Tür und dem Garagentor befanden sich beim Informationsschalter des im Erdgeschoss liegenden Schauraums. Wie eine Befragung der Angestellten von »Fischer & Sohn« zuvor ergeben hatte, waren die Schlüssel das letzte Mal am Freitag dem Reinigungspersonal ausgehändigt und von diesem ordnungsgemäß retourniert worden. Danach sollten sie laut Schlüsselbuch den Schlüsseltresor nicht mehr verlassen haben. Inspektor K. wollte wissen, ob Fischer Senior einen Zweitschlüssel hatte, was sein Sohn bejahte. War das eine erste Spur? Nicht, wenn man Fischer Senior glaubte. Inspektor K. rief ihn nach dem Ortsaugenschein aus seinem Büro an. Nein, er hatte den Zweitschlüssel niemandem gegeben und war seit mehr als einer Woche nicht mehr im Keller des Autohauses gewesen, teilte Fischer Senior am Telefon mit.
»Hallo, Egon, hast du schon die Ergebnisse der Obduktion der Autohausleiche?« Inspektor K. hatte in der Gerichtsmedizin angerufen, wo ein alter Schulfreund Dienst hatte.
»Grüß dich, K.! Du meinst die arme Astrid Wirstlhuser? Ja, ich bin soeben mit der Untersuchung fertig geworden. Du kriegst den Bericht morgen auf deinen Tisch.«
Inspektor K. fragte sich, warum alle Astrid Wirstlhuser kannten. Jeder, mit dem er bisher im Polizeipräsidium über den Mord gesprochen hatte, war mit ihrem Namen vertraut. Das war umso erstaunlicher, da sie im Gegensatz zu ihrem scheinwerferaffinen Ehemann selten, wenn nicht überhaupt nie, an seiner Seite bei gesellschaftlichen Großereignissen auftrat und daher auf keinem Zeitungsfoto zu sehen war. Inspektor K. hatte bis zum berufsbedingten Zusammentreffen mit ihrer Leiche in »Fischer & Sohns« blitzblankem Autokeller noch nie von ihr gehört, geschweige denn sie persönlich kennengelernt.
»Kannst du mir nicht wenigstens die wichtigsten Erkenntnisse sagen? Kanntest du die Tote auch?«, fragte Inspektor K. den Gerichtsmediziner.
»Aber, geh’, mein lieber K.! Wer kannte Astrid nicht?«
Eine stadtbekannte Frau, die aus keiner Zeitung lächelte und dennoch alle Welt, außer Inspektor K., kannte. Er fragte nicht nach. Er war froh, wenn ihm Egon etwas über die Umstände ihres Todes mitteilen konnte.
»Soweit ich es beurteilen kann, dürfte Astrid vor ihrem Tod Verkehr gehabt haben. Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass dieser erzwungen war. Eine Vergewaltigung kann ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen. Ich habe eine Menge Sperma in ihr sicherstellen können, sodass wir ihren Liebhaber sehr leicht überführen können. Das setzt natürlich voraus, dass du einige in Frage kommende Verdächtige ausfindig machst. Dass ihr Lover der Mörder war, ist möglich, wäre für mich aber nicht nachvollziehbar. Zuerst ein bisschen Liebe machen und anschließend das Liebesobjekt kaltschnäuzig erwürgen? Was auch eigenartig ist: Warum hat der Liebhaber sein Sperma so sorglos am Tatort zurückgelassen und gleichzeitig den Mord mit einem Draht begangen? Ich nehme an, ihr habt den Draht noch nicht gefunden, richtig?«
Inspektor K. verneinte. Er fand es ebenfalls merkwürdig, dass Astrids Liebhaber sie nicht mit den Händen erwürgt hatte, wenn er tatsächlich ihr Mörder war. Wenn er Teile seiner Männlichkeit zur freien Analyse in der Leiche zurückließ, hätte es ihn kaum mehr in die Bredouille gebracht, wenn auch seine Handabdrücke um Astrids Hals zurückgeblieben wären. Weshalb der Aufwand mit einem zusätzlichen Mordwerkzeug, das man erst einmal spurlos verschwinden lassen musste?
»Auf eines möchte ich noch hinweisen. Das Opfer ist mit großer Wahrscheinlichkeit vor seinem Tod mit Chloroform um das Bewusstsein gebracht worden. Vielleicht hat Astrid den Anschlag auf ihr Leben gar nicht mehr bewusst erlebt.«
›Das würde erklären, weshalb die Tote ihn mit so verklärtem Gesichtsausdruck angestarrt hat‹, dachte sich Inspektor K. Er dankte Egon für die Informationen und legte den Telefonhörer auf. Mitten im Liebesspiel zu sterben, war das ein wünschenswerter Tod? Die meisten Menschen wünschten sich, im Schlaf zu sterben. Auch Inspektor K. hatte diese Todesform bisher als die erstrebenswerteste angesehen. Wie Astrid Wirstlhuser zu sterben, hatte aber auch etwas für sich. Abgesehen davon, dass sie der Tod um einige Jahrzehnte zu früh ereilt hatte.
Wolfgang Waagner im Jenseits war nicht der Einzige, der wusste, dass Gerti den Cœur de la mer gefunden hatte. Obwohl sie durch das Erbe und die Lebensversicherung ihres Ehemanns finanziell abgesichert war, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, den Edelstein von einem Juwelier schätzen zu lassen. Das Ergebnis – das Juwel war mehrere hunderttausend Euro wert – versetzte Gerti zunächst in große Begeisterung, die aber bald der Ernüchterung wich. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sich der Saphir gewiss nicht so leicht verkaufen ließ. Noch schwieriger war zu erklären, wie er in ihren Besitz gelangt war. Würde man ihr glauben, dass sie ihn im Keller ihres Feriendomizils ausgegraben hatte? Als sie sich mit dem Gedanken eines allfälligen Verkaufs – über Sotheby’s oder Christie’s? – beschäftigte, tauchten zwangsläufig weitere Fragen auf. Wie war der Cœur de la mer nach Mondsee gelangt und wo sollte sie ihn künftig aufbewahren? Die zweite Frage ließ sich leicht beantworten. Am sichersten schien Gerti der Safe in ihrem Ferienhaus zu sein. Dieser war sehr gut versteckt und war nur mit größter Mühe zu öffnen, weshalb ihn Wolfgang nie benutzt hatte.
Die Herkunft des Edelsteins blieb Gerti hingegen noch längere Zeit ein Geheimnis. Natürlich hatte sie ihren verstorbenen Gatten im Verdacht, den Cœur de la mer im Keller vergraben zu haben. Aber wie war Wolfgang an den historischen Saphir gekommen? Hätte sich Gerti nicht nur über die Tantiemen der Buchverkäufe gefreut, sondern das Tödliche Heckenschneiden am Mondsee ein einziges Mal aufmerksam gelesen, so hätte sie darin die Antwort gefunden. Stattdessen fand sie etwas anderes, als sie den Safe öffnete. Sie musste feststellen, dass ihre Annahme falsch gewesen war.
