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Leipzig - drei Tage, drei Sehenswürdigkeiten, drei Opfer. Kriminalhauptkommissarin Susanne Mayer ermittelt in ihrem ersten Fall zurück in der alten Heimat. Dabei muss sie den aufkommenden Schwierigkeiten im Team und sich selbsterfüllenden Klischees trotzen. Gemeinsam mit einem Chef mit dunklem Geheimnis und einem Ermittler mit Lampenfieber begibt sie sich auf die Suche nach einem Täter, der scheinbar keine Spuren hinterlässt. Einzig geschichtsträchtige Uniformen, Mandelaroma und Streuselschnecken helfen ihnen bei den Recherchen weiter.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Monique Scharmacher
Tödliches Allerlei
Kriminalroman
Streuselschnecken mit Schuss Am Morgen des Jahrestages der Völkerschlacht zu Leipzig wird in der Krypta des Monuments eine Leiche gefunden, gekleidet in die Uniform eines französischen Soldaten. Innerhalb weniger Stunden beginnt das Team um Kriminalhauptkommissarin Susanne Mayer den vermeintlichen Tathergang zu rekonstruieren und potenzielle Tatverdächtige zu befragen. Doch trotz ihrer Ermittlungen in unterschiedliche Richtungen kommen sie der Lösung des Falls nicht näher. Wie konnte das Opfer mitten in der Nacht in das Denkmal gelangen? Und welche Rolle spielte das kulinarische Duell mit einem Widersacher am Vorabend? Nur kurze Zeit später wird ein zweiter Toter entdeckt, diesmal in einem alten Fabrikgelände. Bekleidet ist er mit den Lumpen eines Arbeiters des 19. Jahrhunderts. Während das Team versucht, die Morde aufzuklären, ermittelt der neue Kollege Gustav König inoffiziell in einem weiteren Fall, der auf eine verzwickte Art mit seinem Vorgesetzten zusammenhängt. Doch ohne Beweise muss er sich mit seinen Verdächtigungen zurückhalten und sucht Ablenkung im Nachtleben der Stadt.
Monique Scharmacher wurde 1985 in Leipzig geboren. Von jeher liebte sie es, sich kreativ zu betätigen, Texte verschiedenster Genres zu schreiben sowie Geschichten zu kreieren. Neben ihrem Beruf im Marketing und ihrer journalistischen Tätigkeit bringt sie ihre Einfälle in der Freizeit zu Papier. So entstand vor einigen Jahren die Idee zu einem Roman und ihre persönliche literarische Reise begann. Mit »Tödliches Allerlei« veröffentlicht Monique Scharmacher ihr Krimi-Debüt, das dazu einlädt, die Ermittlungen ihres Leipziger Teams zu begleiten, mit ihnen zu schmunzeln und dabei eine Führung durch die Schönheit der mitteldeutschen Metropole zu unternehmen.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © AVTG / AdobeStock
ISBN 978-3-8392-7384-5
Er hätte das nicht gewollt. Nein, er hätte es sogar verabscheut. Niemand hat Respekt, und niemand hält sich an die Regeln. Er hatte es mir damals schon versucht zu erklären. Aber ich war zu schwach, zu egoistisch, bin dem Traum hinterhergejagt, von anderen Menschen geliebt zu werden. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass jedes seiner Worte stimmte.
Nun ist es an mir, die Arbeit weiterzuführen. Ich habe einen anderen Weg gewählt als er, aber das ist schon okay. Wer Fehler macht, muss bestraft werden, und ich werde bestrafen. Sie sollen für ihre Ignoranz bezahlen. Der Anfang ist gemacht.
Sein Gesichtsausdruck war faszinierend gewesen. Der Moment, in dem ihm klar wurde, dass irgendetwas nicht stimmte, in dem sich sein herzliches Lachen zu einer hässlichen, angstvollen Fratze verzog. Wie er hastig nach Luft schnappte, so unbedingt leben wollte, aber ahnte, dass ihm dieser Wunsch verwehrt bleiben würde. Als er dann schon am Boden lag und mich mit diesen weit aufgerissenen Augen flehend ansah, empfand ich fast ein wenig Mitleid mit ihm. Doch die Genugtuung überwog. Ich wollte nicht zweifeln, und ich musste auch nicht zweifeln. Wer Fehler macht, sollte bestraft werden. Und dieser Mann hatte Fehler gemacht. Das stand außer Frage.
Erbarmungslos klingelte das Mobiltelefon auf dem kleinen rustikalen Schränkchen neben Susannes Bett. Das penetrante Geräusch hatte sich schon rücksichtslos in ihren Traum gestohlen, als sie noch glücklich unter der Sonne am Strand der französischen Riviera lag. Noch während ihre Zehen durch den warmen feinen Sand streiften, machte sich schon das nagende Gefühl breit: Jemand wollte sie ihrer Oase entreißen. Der farbenfrohe Cocktail schmeckte plötzlich fade, und das wohltuende Rauschen der sanften Wellen hatte seine Anziehungskraft verloren. Blinzelnd versuchte Susanne, ihre müden Augen zu öffnen, versuchte zu verstehen, wo sie sich gerade befand. Schlaftrunken realisierte Susanne nur langsam, dass sie nicht mehr im orange-weiß gestreiften Liegestuhl lag, und auch das Glas mit dem bunten Mixgetränk in ihrer Hand hatte sich aufgelöst. Die Realität hatte sie noch nicht wieder komplett zurück, da bohrte sich das Klingeln des Handys erneut in ihren Schädel.
Die Melodie musste sie unbedingt ändern, es gab angenehmere Klänge als ein lautstarkes Hupen, um in den Tag zu starten.
Sie streckte ihren Arm aus und tastete auf dem Nachttisch nach dem lärmenden Telefon, einige Versuche später hielt sie es endlich in den noch steifen Fingern.
Mit kratziger Stimme meldete sie sich: »Mayer.«
»Nu guten Morgen, meene Kleene.« Susanne wusste sofort, wer am Apparat war. Was war es doch für eine Freude, mit Olaf Winkler am Handy den Tag einzuläuten.
»Winkler, kannst du mir mal bitte nicht schon um diese Zeit auf den Keks gehen? Ich habe dir mindestens 1000 Mal erklärt, dass ich weder deine ›Kleene‹, noch ein ›Mäusel‹ oder ein ›Mädel‹ bin. Alles klar?«
»Okay, okay, Frau Kriminalhauptkommissarin, dann eben förmlich.« Susanne seufzte resigniert, war ja klar, dass für Winkler nur das eine oder das andere funktionierte.
»Was gibt’s, Winkler?«
»Wir haben hier eine Leiche. Fundort ist die Krypta des Völkerschlachtdenkmals. Ich bin schon auf dem Weg mit den Kollegen der Kriminaltechnik.«
»Warum weißt du denn vor mir davon?«
»Nu reg’ dich doch nicht uff, ein junger Kollege hat mich informiert, der die Kette der Verantwortlichkeiten noch nich ofm’ Schirm hat. Halb so schlimm, nu weest du’s ja och.«
»Ich bin in circa 30 Minuten vor Ort.« Susanne beendete das Gespräch. Ihren Posten hatte sie noch nicht lange in ihrer Heimatstadt inne. Viele der alteingesessenen Kollegen kannten sie noch als blutige Anfängerin im Dienst und behandelten sie auch so. Das musste sich dringend ändern. Hoffentlich gewann sie nach den ersten Ermittlungserfolgen auch hier den Respekt, den sie von der alten Dienststelle gewohnt war. Frustriert pfefferte Susanne ihr Telefon auf das Bett und ließ sich zurück in die weichen Kissen fallen. Draußen war es noch finster, und sie hörte den Regen monoton gegen die Scheiben des Schlafzimmerfensters prasseln. Unaufhörlich bohrte sich das tuckernde Geräusch in ihren Schädel und erinnerte sie einmal mehr an die Flasche Rotwein, die sie gestern Abend geleert hatte, während sie über den Notizen zu einem alten Fall brütete. Eindeutig ein Fehler.
Aber es nutzte nichts. Es gab eine Leiche, und sie musste sich darum kümmern. Mit einer schwungvollen Bewegung warf sie die dicke warme Decke von sich und sprang mit einem Satz auf den kalten Eichenparkettboden. Auch diese Bewegung fühlte sich an wie ein großer Fehler, aber ihr blieb keine Wahl. Nach einer Dusche würde es schon wieder gehen.
Es war gerade erst kurz nach 5 Uhr, auf dem Weg zum Tatort sollte sie die Straßen fast für sich allein haben.
Den Dienstwagen parkte sie vor den Stufen, die zu dem imposanten Wasserbecken am Fuß des Denkmals führten. Die Fahrt in den Süden der Stadt hatte noch weniger Zeit in Anspruch genommen als gedacht. Als Susanne aus dem Wagen stieg, durchzog sie ein Schauer. Die Kälte kroch sofort wie kleine hinterlistige Spinnen ihren Körper empor und erzeugte Gänsehaut auf ihren Unterarmen. Wie konnte sie auch Mitte Oktober ihre Jacke zu Hause vergessen? Es versprach, kein angenehmer Tag zu werden. Insgeheim nervte sie sich selbst mit ihrem Gejammer, der Mensch, dessen lebloser Körper gefunden wurde, hatte eindeutig einen schlechteren Start in den Tag gehabt.
Am Rande des Beckens hielt Susanne für einen kurzen Augenblick inne. Das raue Wetter an diesem Morgen machte Reflexionen unmöglich, aber von vergangenen Besuchen wusste sie, dass sich das Denkmal ansonsten als Spiegelbild auf der ruhigen Oberfläche des Wassers wiederfand. Der massive Bau ragte auf der anderen Seite empor. Tagsüber war dies ein Touristenmagnet, viele Besucher erklommen verbissen die 364 Steinstufen bis zur obersten Plattform. Zugegebenermaßen wurden sie nach der Anstrengung mit einem unglaublichen Ausblick auf die gesamte Stadt belohnt. Eingehüllt in Dunkelheit, ummantelt vom strömenden Regen und in der Gewissheit, dass das Leben eines Menschen in diesen Mauern kürzlich ein unwiderrufliches Ende gefunden hatte, wirkte das Monument an diesem Morgen beängstigend, fast schon bedrohlich auf Susanne. Zügig ging sie entlang der linken Flanke auf das Denkmal zu, dabei ließ sie die massiven Sandsteinbrocken nicht aus den Augen, als ob sie sich auf sie stürzen würden, sobald sie den Blick abwandte. Der aufgeweichte Boden unter ihren Füßen erzeugte bei jedem Schritt schmatzende Geräusche, ihrem Lieblingskollegen Winkler wäre dazu bestimmt ein unpassender Spruch eingefallen.
»Kannst du mir schon etwas sagen, Winkler?«
Der Gerichtsmediziner schaute sie aus müden Augen an.
»Ah, Frau Kriminalhauptkommissarin Mayer. Schön, dass Sie uns auch schon beehren. Wird auch höchste Zeit, ich möchte den Kollegen hier gerne mitnehmen und ihn mir auf meinem Tisch genauer anschauen.«
»Umso eher du aufhörst zu lamentieren und mir den aktuellen Stand darlegst, umso schneller kommst du in deine eisige Kammer.«
Susanne versuchte, unbeeindruckt und lässig zu klingen, merkte aber selbst, dass sie weit am Ziel vorbeigeschrammt war. Wie peinlich.
Olaf Winkler schaute sie noch einen Moment mit seinem bohrenden Blick an und begann dann langsam, die bereits errungenen Erkenntnisse vorzutragen, natürlich nicht ohne erneut gegen seine junge Kollegin zu sticheln.
»Unsereins war ja bisher nicht so untätig wie einige Kollegen.«
Susanne überging diese Bemerkung, es war einfach zu früh dafür.
»Der Gute hat’s anscheinend vor nicht allzu langer Zeit hinter sich gebracht, nach erster Einschätzung vor circa drei bis fünf Stunden. Näheres weiß ich, wenn wir ihn aufgeschnibbelt haben. Die Kollegen von der Spurensicherung fanden in der Tragetasche des Toten den Personalausweis. Laut Dokument handelt es sich um FranÇois Claude, 52 Jahre alt, wohnhaft in Leipzig. Die Beweisstücke sind bereits für nähere Untersuchungen mitgenommen worden.«
»Gibt es schon Hinweise auf die Todesursache?«
»Mädel, du weißt schon, dass ich es vorziehe, keine Mutmaßungen anzustellen, sondern fundierte Aussagen nach einer Obduktion zu treffen.«
»Winkler, ich bin nicht dein Mädel. Und nun zu meiner Frage. Ich weiß deine Professionalität zu schätzen, bin mir aber sicher, dass du bereits eine Vermutung hast, was die Todesursache war.«
»Man, wo sind die Zeiten hin, in denen man unter Kollegen noch scherzen konnte und sich die Frauen nicht sofort beschwert haben?«
»Die sind vorbei. Gewöhn dich dran.«
»Alles klar.« Olaf Winkler räusperte sich und legte einen professionelleren Ton in seine Stimme, als er weitersprach. »Nach bisherigem Kenntnisstand gehe ich davon aus, dass das Opfer vergiftet wurde.«
»Was bringt dich zu dieser Vermutung?«
»Neben dem Mann hat eine lederne Trinkflasche gelegen.«
»Und?«
»Unser Opfer riecht nach Bittermandel aus dem Mund.«
»Du hast an dem Mund des Toten gerochen?«
»Das ist mein Job.«
»Okay.« Susanne schüttelte es. Als Gerichtsmedizinerin hätte sie keine Chance gehabt. »Und was soll es mir sagen, wenn das Opfer nach Bittermandel riecht? Bisher kann ich dir noch nicht folgen.«
»Och nee, stell dich doch bitte nich so an.« Olaf Winkler machte eine lange Pause, um die Spannung anzukurbeln. »Wahrscheinlich wurde der Mann mit Cyanid vergiftet.«
»Aha.«
»Ja. Aha! So, kann ich den armen Kerl nu mitnehmen?«
»Nicht so schnell.« Susanne Mayer trat einige Schritte auf den leblosen Körper zu. Auf den ersten Blick wirkte es fast, als würde er schlafen, die schwarzen Locken fielen ihm ins Gesicht, eine Hand ruhte auf seinem üppigen Bauch. »Ist die Haut der Leiche rosa verfärbt, oder täusche ich mich?«
»Das kommt vom Gift.«
»Oh. Und was hat er denn da überhaupt an? Ist das eine Uniform?«
»Ach so ja, genau. Das wird dann wohl deine Aufgabe sein zu klären, warum er so aussieht und diese olle Kluft trägt. Die Kollegen von der Spurensicherung haben in der Tragetasche des Mannes außer seinem Ausweis auch noch eine Mappe mit Unterlagen über die Völkerschlacht von 1813 gefunden. Du weißt schon: zeitliche Daten, spezielle Geschehnisse und so weiter. Außerdem eine Rechnung aus diesem Restaurant hier in der Nähe. Ich komme gerade nicht auf den Namen. Irgendwas mit einem Tier.«
»Zum ollen Gaul?«
»Stimmt, so heißt’s. Jedenfalls, die Rechnung war auf den gestrigen Tag ausgestellt, jemand hat zwölfmal Sülze bestellt. Echt was Feines. Naja, die Details gehören zu deinem Job.«
Susanne musste tief einatmen, auch wenn er damit recht hatte, aber seine überhebliche Art brachte ihre Unterkiefer zum Knirschen. »Außerdem befand sich in der Tasche eine zerknitterte Quittung von einem Laden hier in Leipzig. Der Name deutet auf einen Kostümverleih hin, klingt ganz komisch: Verkleiden und mehr. Vielleicht nutzt es euch ja. So, war’s das? Ich pack ihn jetzt mal ein.«
Wie konnte der Tote mitten in der Nacht in das Denkmal gelangen? War er aus freien Stücken in die Krypta gegangen oder wurde er von seinem Mörder dorthin gebracht? Unaufhörlich kreisten die Gedanken in Susannes Kopf, die mit ihrer Anwesenheit beinahe den nagenden Kopfschmerz verdrängten, der sie seit dem unsanften Weckruf begleitete. Aber eben nur beinahe. Mit den Zeigefingern massierte sie in kreisenden Bewegungen die pochenden Schläfen, während sie nach dem Mann Ausschau hielt, der den Leichnam gefunden hatte. Ein Wachmann mittleren Alters, der gegen 4 Uhr morgens zur Ablöse im Büro des Wachschutzes eingetroffen war.
Nachdem von seinem Kollegen, der die Nachtschicht hatte, jegliche Spur fehlte, machte er sich auf die Suche nach ihm. Doch statt ihm fand er die sterblichen Überreste von FranÇois Claude und informierte umgehend die Polizei. Der Schock stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben, zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand drehte er eine Zigarette in zackigen Kreisen, offenbar gierig darauf wartend, endlich den ersten Zug des Glimmstängels in seinen Lungen zu spüren.
»Hallo, mein Name ist Susanne Mayer, Kriminalhauptkommissarin.«
»Gutn Morgn. Uwe Steinig.« Der Mann schien noch nervöser zu werden.
»Sie haben die Leiche gefunden?«
»Ja. So was sieht man nicht alle Tage.« Uwe Steinig versuchte sich in einem lockeren Lächeln, aber sein Blick zeugte eher von Abscheu als von Gleichmut.
»Geht es Ihnen gut?«
»Wird schon.« Er richtete sich auf, die Zigarette wechselte die Hand, und während Uwe Steinig tief einatmete, blähten sich seine Nüstern unnatürlich weit auf.
»Erzählen Sie mir, was passiert ist. Wie haben Sie die Situation wahrgenommen?«
»Das habe ich vorhin schon Ihren Kollegen erzählt.«
»Erzählen Sie es noch einmal.« Susanne Mayer kannte das Spiel. Niemand redete gerne über solch schreckliche Ereignisse.
»Ich bin gegen 4 Uhr im Büro des Wachpersonals eingetroffen, wie immer 30 Minuten vor Dienstbeginn, damit ich noch in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken und mein Marmeladenbrötchen essen kann. Als ich eintraf, war das Büro leer. Sehr außergewöhnlich. Die letzte Runde der Nachtschicht sollte laut Protokoll gegen 3.30 Uhr beendet werden. Normalerweise sitzt der Kollegen dann um 4 Uhr schon im Büro, und wir unterhalten uns noch etwas, bis mein Dienst beginnt. Sie wissen schon: War irgendetwas auffällig? Funktioniert das Equipment? Solche Sachen eben. Als vom Kollegen nichts zu sehen war, habe ich mich gleich auf die Suche gemacht. Wir hatten letztes Jahr einen Unfall zu beklagen. Einer der Mitarbeiter war von der Steintreppe gestürzt und lag die halbe Nacht mit zwei gebrochenen Beinen am Fuß der Stufen, bis die Ablöse kam. Sie können sich vorstellen, was das für Schmerzen waren. Ich wollte sichergehen, dass sich so etwas nicht wiederholt hatte. Doch anstelle meines Kollegen fand ich den Körper in der Krypta in diesem komischen Aufzug.«
»Wie konnte er hereingelangen?«
»Ich habe keine Ahnung. Besuchern ist nach den offiziellen Öffnungszeiten der Zutritt nicht mehr gestattet.«
»Wie hieß der diensthabende Kollege der Nachtschicht?«
»Das ist der Sammler, Raik Sammler. Wir, also unser Chef und ich, haben schon mehrfach versucht, ihn zu erreichen, aber der Typ geht einfach nicht ans Telefon. Ich versteh das nicht. Was für ein kranker Scheiß geht hier vor sich?« Unsanft rieb er sich mit der linken Hand das verschwitzte Gesicht.
»Bitte geben Sie mir die Kontaktdaten von Herrn Sammler.«
»Ja, natürlich.« Uwe Steinert lief in seiner verwaschenen Kluft der Sicherheitsfirma in das Büro des Wachpersonals und tippte grob und ungelenk auf der Tastatur des Computers herum. Der Drucker hinter ihm begann langsam, sich in Bewegung zu setzen und spuckte letzten Endes ratternd ein Blatt Papier aus. Uwe Steinert nahm es aus der monströsen Maschine, die wie ein Relikt vergangener Tage wirkte, kam auf die Ermittlerin zu und reichte es ihr.
»Bitteschön. Kann ich jetzt meine Kippe rauchen gehen?«
»Ja.« Susanne schaute dem Mann hinterher, der ausgesprochen flink in Richtung des Ausgangs lief. Sie war froh, dieses Laster vor einige Jahren endgültig aufgegeben zu haben, auch wenn die eine oder andere berufliche Situation die Lust auf einen tiefen Zug ab und zu aufblitzen ließ.
Susanne hatte kaum Gelegenheit gehabt, sich die Daten auf dem Ausdruck durchzulesen, als sie durch ein Poltern aus Richtung des Ausgangs abgelenkt wurde. Der Wachmann kam ihr mit dem Telefon in der einen und glimmender Zigarette in der anderen Hand hektisch entgegengerannt, sichtlich bemüht, nicht über seine eigenen Füße zu stolpern.
»Er ist am Handy«, hechelte er und streckte ihr das Telefon entgegen.
Die Kommissarin legte den altmodischen schwarzen Plastikklumpen mit Klappmechanismus an das linke Ohr und hielt sich das rechte zu, um besser verstehen zu können. Zuerst hörte sie nichts, dann ein leises Wimmern, das sich langsam zu einem Schluchzen aufbaute.
»Hier spricht Susanne Mayer, Kriminalhauptkommissarin. Herr Sammler?«
