Tödliches Insulin - Kena Hüsers - E-Book

Tödliches Insulin E-Book

Kena Hüsers

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Beschreibung

Anna Goldberg hat sich ein altes Haus in Altkünkendorf gekauft. Um ihren Traum zu verwirklichen, schmiss sie ihren stressigen Job als Marketing-Managerin hin und arbeitet nun als ökologische Haushaltshilfe. Zu ihren Kunden, die einen bewussten Lebensstil pflegen, zählt der Diabetiker Ronald Heidkamp. Sie mögen einander, auch wenn sie sich gelegentlich in die Haare kriegen. Eines Tages wird die ländliche Idylle durch einen Todesfall erschüttert. Die Polizei glaubt an einen Unfall, Tod durch Insulin-Doping. Als Ronald Heidkamp ebenfalls stirbt, kommt Anna jedoch ein schrecklicher Verdacht, und sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Schon bald stößt sie auf merkwürdige Vorfälle in Ronalds Vergangenheit. War er doch nicht so liebenswürdig, wie er schien?

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Personen und die Handlung in diesem Buch sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inhalt

Anna

Annegret

Anna

Annegret

Anna

Annegret

Michaela

Anna

Annegret

Michaela

Anna

Michaela

Anna

Annegret

Anna

Annegret

Michaela

Anna

Annegret

Michaela

Anna

Annegret

Anna

Michaela

Anna

Annegret

Anna

Drei Freunde

1

Anna

„Wieso, Anna? Es funktioniert doch. Die Amerikaner essen den Grünkohl jetzt in allen Variationen, sogar als Chips. Den Trend haben wir vor vier Jahren in Amerika gesetzt, der deutsche Grünkohl ist der Renner unter den Superfood-Produkten, und jetzt schwappt die Welle nach Europa zurück. Da kann ich nur sagen: Wir haben alles richtig gemacht.“

Anna stand auf. Sie musste unbedingt etwas saubermachen. Das Thema nervte sie. Ronald nervte sie. Anna ging ins Badezimmer, füllte den Putzeimer mit Wasser, nahm die Essigessenz und fügte dem Wasser einen Schuss hinzu. Sie begann mit den Fliesen der Dusche.

„Du hast den Abzieher nicht benutzt. Und ich hab dir gesagt, du sollst die Armatur mit dem Handtuch abtrocknen, dann verkalkt sie nicht so schnell!“, rief sie, damit Ronald sie im Wohnzimmer hören konnte.

Ronald erschien in der Badezimmertür. „Nun lass mal die blöde Armatur. Ich versteh dich nicht. Du selbst hast vor zehn Jahren wesentlich zur Entwicklung der ‚Esst rot‘-Kampagne beigetragen. Das war doch auch nichts anderes.“

„Und das war eine dumme Idee. Erst redet man den Konsumenten ein, dass rote Früchte und Gemüsesorten das Nonplusultra sind, und sobald alle darauf abfahren, füllt man rot gefärbte, überzuckerte Powerdrinks mit künstlichen Aromen in Plastikflaschen mit Trinkstrohhalmen und verkauft den Dreck teuer.“

„Anna, das hast du alles schon im Studium gewusst. Wenn du dich als Marketing-Managerin in der Lebensmittelbranche etablieren willst, musst du deine Kreativität für Trends nutzen, die keiner braucht. Das Spiel hast du selbst lange mitgespielt. Und jetzt willst du mich verurteilen?“

Ronald nahm sich einen Putzlappen, tauchte ihn ins Essigwasser und bearbeitete das Waschbecken. Anna hielt ihm eine Sprühflasche mit ihrem selbst gemixten Reinigungsmittel hin. „Hier, nimm Sodawasser. Und trag Handschuhe beim Putzen, sonst bekommst du wieder Rötungen.“

„Was?“

„Du bekommst den Seifenstein so nicht weg. Essig für Kalk, Soda – oder auch Natron – für Schmutz- und Fettränder und Handschuhe für deine empfindliche Haut.“

Ronald warf einen Blick auf die Flasche, und Anna musste lachen. „Du willst es nicht lernen, stimmt´s? Du bist echt ein Härtefall.“

Anna hatte eine Mission. Jedenfalls fühlte es sich für sie so an. Sie putzte auf die gute alte Art. Umweltfreundlich, materialschonend und allergikergeeignet, denn sie war davon überzeugt, dass die meisten Allergien aus zu viel Chemie im Haushalt resultierten und man durch das Weglassen von Industrieprodukten nicht nur der Umwelt half, sondern auch der eigenen Gesundheit. Anna wollte ihren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten, und dafür tat sie eine Menge.

Als sie in die Uckermark zog, hatte sie sich darauf eingestellt, dass die Dorfbewohner über sie tuscheln würden. Sie glaubte, die Blicke der Nachbarn zu spüren, wenn sie mit ihrem Lastenfahrrad durch die Straßen fuhr und das Obst von den Bäumen am Straßenrand pflückte. Als sie jedoch zunehmend nett gegrüßt und in Gespräche über den Nachbarszaun verwickelt wurde, stellte sie erleichtert fest, wie locker und interessiert die Menschen hier waren. Seitdem war sie zu vielen Grillfesten eingeladen und weiteren Dorfbewohnern vorgestellt worden. Sie war über sich selbst erstaunt, wie leicht sie mit Menschen in Kontakt treten konnte, seit sie ihre geschäftliche, berechnende Freundlichkeit mit der Kündigung in einem renommierten Lebensmittelkonzern mit Tochtergesellschaft in Berlin abgelegt hatte.

Umso mehr lag es ihr am Herzen, Ronald davon zu überzeugen, dass er beruflich auf dem Holzweg war.

Verdammt, dachte sie, er ist ein kluger Mann, und privat hat er sich schon längst dem Konsumdenken entzogen. Beruflich scheint seine Kreativität keine Grenzen zu finden. Warum setzt er diese nicht sinnvoll ein?

Anna brach das Schweigen, das bereits einige Minuten anhielt. „Ich hab es vom Ökobauern Jan Köhler gehört, Ronald. Das ist doch wirklich der Gipfel! Er sagt, du hättest ihn in Grund und Boden gequatscht, Palmkohl anzubauen. Du hättest ihm Zahlenkolonnen vorgelegt, bei denen Jan schwindelig wurde. Weißt du eigentlich, was du ihm damit antust? Er ist frisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und hat sich mit Unterstützung seiner Mutter einen kleinen Bauernhof gekauft. Wenn das nicht funktioniert, könnte er auf deine Scheißidee sogar aufspringen. Auf der einen Seite isst du sein Gemüse aus nachhaltigem Anbau, denn genau damit koche ich das Essen für dich vor, das sich in deiner Kühltruhe befindet, auf der anderen Seite willst du, dass er sämtliche Felder mit deiner blöden Monokultur zerstört?“

Ronald schien über seine Antwort nachzudenken, während er konzentriert das Waschbecken putzte. „Ich plane nicht die Zerstörung seiner Felder durch Monokultur. Er kann die Dreifelderwirtschaft betreiben. Die Idee ist großartig. Es ist alles drin: Die Pflanze ist ursprünglich, die Großmutter unseres heutigen Grünkohls sozusagen. Sie wurde in Brandenburg schon immer traditionell angebaut und ist wesentlich milder als Grünkohl. Dennoch hat sie alle Mineralstoffe und Spurenelemente, die der Mensch braucht. Wenn wir das als Konzept richtig ausbauen, können alle Landwirte in der Uckermark davon profitieren. Und nicht nur die, ich sehe eine Marketingstrategie, wie wir auch den Tourismus ankurbeln können. Wir bringen traditionelle Gerichte auf den Markt, die in den Supermärkten mit Schlagworten wie ‚ursprünglich‘, ‚traditionell‘, ,mineralstoffreich‘ beworben werden. Ein neues Free-from-Produkt, das auch hier in den Restaurants und auf Berliner Street-Food-Märkten eingeführt werden kann. Des Weiteren: Palmkohl-Events, Palmkohl-Kosmetik und Palmkohl-SPA-Resorts, Detox-Tees aus Palmkohlblättern, dann noch ...“

„Du musst mir den ganzen Quatsch nicht erklären, Ron. Ich hab das schon begriffen, als mir Jan erzählt hatte, womit du ihn ködern wolltest. Ich bin schließlich nicht blöd.“

„Doch, Anna, bist du! Ich will dir gerade ein gutes Geschäft vorschlagen, das dich auf andere Gedanken bringt. Du denkst nur noch ans Putzen und Kochen und dass du ja keine Umweltsünde begehst. Du schränkst dich nach allen Seiten ein. Du kannst aber etwas Gutes für die Region tun, die du so liebst, und mithelfen, Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft anzukurbeln. Ich habe mit meinen Chefs gesprochen, sie sind von der Idee begeistert. Wenn das funktioniert, muss ich nicht mehr nach New York, dann kann ich zwischen Berlin und Angermünde pendeln, und du würdest einen Arbeitsvertrag bekommen und richtig viel Geld verdienen ... Wo willst du denn jetzt wieder hin?“

Anna war mit dem Putzeimer in der Hand verschwunden. Sie lief durch die Küche, öffnete die Terrassentür und trat hinaus in den Garten, wo sie das Essigwasser unter den Tomatenpflanzen verteilte.

„Was machst du da?“, fragte Ronald, der hinter ihr herlief.

„Ist zurzeit sehr trocken. Essigwasser macht Nutzpflanzen widerstandsfähiger.“

Ronald schaute sie fragend an.

„Wenn ich dir weiterhin meine Tricks verrate, brauchst du mich eines Tages nicht mehr. Das wäre sehr schade, Ronny, ich mag dich nämlich sehr gerne.“ Anna lächelte. Sie wollte die Situation retten.

„Sag nicht Ronny zu mir.“ Ronald verzog das Gesicht, als hätte er ein obszönes Wort in den Mund genommen. Dann fing er sich wieder: „Ich werde dich immer brauchen, Anna, und das weißt du. Ich hatte gehofft, wir könnten unsere Beziehung vertiefen. Ihr eine Wende geben und endlich eine richtige Partnerschaft daraus machen.“ Er zwinkerte ihr zu. Eine Geste, die ihm oft half, eine Kundin von einem Projekt zu überzeugen. Doch Anna war immun gegen Ronalds Verkaufsstrategien und Psychospielchen. Sie wusste, er wollte sie ins Boot holen, weil sie sich mit den Menschen in der Region gut verstand. Er brauchte jemanden, den er vorschicken konnte.

„Du meinst eine Geschäftspartnerschaft, von der nur du profitierst. Ich bin glücklich mit meinem Leben und dem Geld, das ich verdiene.“

„Anna, du kannst nicht ewig so weitermachen. Eine kluge Frau wie du, die will doch mehr im Leben. Du versteckst dich hinter einer alternativen Fassade. Das kann nur eine Phase sein. Auch du musst längst kapiert haben, dass du diese Welt nicht retten kannst. Also, come back to reality.“

Anna ging ins Haus zurück. Stellte den Putzeimer in den Schrank, legte die Putzlappen zum Trocknen über den Eimerrand und schloss die Schranktür.

„Für heute habe ich genug von dir. Drei Stunden macht neunzig Euro. Wann bist du wieder auf Geschäftsreise? Wenn du nicht hier bist, komme ich schneller voran.“

Ronald griff in seine Gesäßtasche, zog sein Portemonnaie heraus und gab Anna zwei Fünfziger.

„Ich fliege nächsten Montag nach New York und bleibe eine Woche weg. Kümmerst du dich um den Garten?“ Ronald wirkte verletzt.

Anna nickte.

„Kann ich morgen noch eine Rasierseife und zwei Flaschen Johannisbeersaft bei dir abholen?“

„Der Saft lief dieses Jahr recht gut. Ich muss schauen, ob ich bei der Reimann Johannisbeeren aus dem Garten abstauben kann, dann mach ich frischen. Rasierseife habe ich nur noch mit Teebaumöl. Willst du die?“

Er nickte, und Anna steckte das Geld ein.

„Ron? Alles okay bei dir? Bist du sauer auf mich, weil ich nicht deine Geschäftspartnerin werden will? Du musst mich verstehen. Ich mag die Menschen hier, ich will sie nicht über den Tisch ziehen, ich will mit ihnen leben. Du machst dir in der Region keine Freunde, weil du immer nur ans Geldverdienen denkst und mit niemandem richtig in Kontakt trittst. Du musst dich mehr blicken lassen, auf die Menschen zugehen, mit ihnen plaudern und mitfeiern, wenn es was zu feiern gibt. Sieh dich an. Du läufst nur mit langärmligen Hemden und Stoffhosen herum. Mach dich mal locker.“

Da Ronald nichts sagte, verabschiedete sich Anna und ging zur Tür.

„Sag mal, Anna, meintest du eben Rosemarie Reimann?“

„Ja, kennst du sie?“

„Nur flüchtig. Hat sie etwas über mich gesagt? Kennst du ihre Tochter?“ Ronald spielte mit dem Druckknopf an seinem Portemonnaie, als ließe er sich nicht richtig schließen.

„Woher kennst du Annegret?“

„Ich bin ihr zufällig auf dem Markt begegnet, als sie mit ihrer Mutter einkaufen war. Da kamen wir ins Gespräch.“ Ronald hörte auf, mit dem Portemonnaie zu spielen, und schaute Anna endlich an.

„Und dabei hast du erfahren, dass Annegret und ihr Mann auf eine Biogasanlage gesetzt haben und die Förderungen dafür 2020 auslaufen und sie danach in echte Existenznöte geraten? Und dir ist ganz plötzlich eine Idee gekommen, mit der du sie belästigt hast, und Annegret hat dich stehen lassen, stimmt´s? Mann, Mann, Ronald, ich mag dich echt gerne, aber du treibst es auf die Spitze.“

„Nein, so war es nicht. Es ist ... es ist komplizierter.“

Anna hörte nicht richtig hin. Sie war wütend. „Annegret und Thomas wissen nicht, wie sie das alles wuppen sollen, und du kommst ihr mit deinen blöden Ideen? Fingerspitzengefühl, Ron, dir fehlt Fingerspitzengefühl!“

Sie riss die Tür auf, ging zu ihrem kleinen Elektroauto, einem Renault Zoe – den sie sich von den Rücklagen aus ihrer Zeit als Marketing-Managerin geleistet hatte –, öffnete ihn mit der Keycard, gab Strom und fuhr leise von Angermünde nach Altkünkendorf.

Die Hitze im Auto war unerträglich. Anna öffnete die hinteren Fenster, weil sie Klimaanlagen hasste. Sie war immer noch wütend und konzentrierte sich auf die Wälder, die hinter den Mais- und Getreidefeldern lagen. Sie beobachtete einen Raubvogel, der über einer Wiese kreiste, und versuchte herauszufinden, ob es sich um einen Rotmilan handelte. Die Vogelbestimmung lag ihr nicht besonders, lenkte sie aber von ihrem Ärger ab. Leider auch vom Fahren. Erst im letzten Moment merkte sie, dass sie sich zu weit auf der anderen Straßenseite befand, als ein Auto mit hoher Geschwindigkeit von vorne kam. „Oh Gott!“ Anna spürte, wie ihr Herz vor Schreck hüpfte. Sie brauchte eine Sekunde, um sich zu fangen und den kleinen Zoe zurück auf seine Fahrbahnseite zu lenken. Das entgegenkommende Auto blendete zweimal das Licht auf, dann fuhr es mit lautem Hupen an ihr vorbei, was den Schreck nur noch vergrößerte. Annas Halsschlagader pochte, und sie fuhr langsamer, bis sie sich gefangen hatte.

Das schattige Waldstück mit seinen Ahornbäumen, Eichen, Kiefern und Birken beruhigte sie. Sie liebte die Lichteinfälle, die durch die Sonne in die Wälder fielen und das Laub des letzten Jahres beleuchteten, sich in den Bächen spiegelten oder die Sicht auf Giersch, Farn und Wildblumen freigaben. Der kleine See, der schnell wieder verschwand und an dessen Stelle Mais- und Getreidefelder traten.

Das Gespräch mit Ronald ließ sie dennoch nicht los. Anna stellte Antenne Brandenburg an.

„In Angermünde beschäftigt ein Toter die Kriminalpolizei Prenzlau. Mutmaßlich hat er sich mit Insulin gedopt, um ein schnelleres Muskelwachstum zu erreichen. Wir verzeichnen das erste Todesopfer dieser Art in der Uckermark. Deutschlandweit werden jährlich bis zu zehn Todesopfer dem Insulindoping zugeordnet. Die Polizei sucht nach einem möglichen Dealer aus dem Sport- und Fitnessbereich, geht aber auch dem Verdacht nach, dass es sich um einen illegalen Internetkauf handeln könnte. Warum sich immer mehr Menschen mit Insulin dopen, darüber sprechen wir mit Frau Dr. Monika Anker, Leiterin des Endokrinologischen Instituts in Potsdam. Guten Tag, Frau Dr. Anker.“

„Guten Tag, Herr Meyer.“

„Frau Dr. Anker, was bewirkt das Insulindoping?“

„Nun, das Thema beschäftigt uns seit den Nullerjahren, weil hier der Anfang des Insulindopings in Deutschland liegt. Insulin unterstützt Testosteron und diverse Wachstumshormone und beeinflusst den Masseaufbau der Muskulatur. Das Hormon ist nicht nur bei Bodybuildern sehr beliebt. Durch die vermehrte Einlagerung von Glykogen in den Muskelzellen fördert es die Ausdauer. Daher wurde diese Art des Dopings auch von Läufern entdeckt.“

„Wo genau liegt denn die Gefahr?“

„Die Gefahr liegt in der Handhabung. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, muss ein genaues Mischungsverhältnis von Insulin und Glucose gespritzt werden. Das heißt, dem Körper wird Zucker zugeführt, und gleichzeitig werden durch das Insulin die Körperzellen angeregt, den Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Stimmt das Mischungsverhältnis nicht, kann der Sportler in ein hypoglykämisches Koma fallen.“

„Das heißt, Sportler müssen vor dem Training berechnen, wie lange und wie hart sie trainieren wollen, damit es nicht zur starken Unterzuckerung kommt?“

„Ja, so könnte man es ausdrücken. Viele Sportler spritzen auch nur Insulin und regulieren die Glucose über zuckerhaltige Drinks während des Trainings, weil sie glauben, ihren Zuckerhaushalt so besser kontrollieren zu können. So funktioniert das aber nicht. Ob Glucose gespritzt oder durch sogenannte Powerdrinks aufgenommen wird, spielt am Ende keine Rolle, wenn zu viel Insulin gespritzt wurde.“

Anna stellte das Radio ab. Das Thema drückte ihre Stimmung eher, als das es sie ablenkte. Wie verrückt muss man sein, sein Leben für ein paar Muskeln aufs Spiel zu setzen? Ron kann ohne Insulin nicht leben, und andere bringen sich damit um.

Erst als sie die alte Feldsteinkirche von Altkünkendorf mit ihrem rötlichen Backsteinturm und der neugotischen Vorhalle erblickte, konnte sie durchatmen und lächeln. Sie war in ihrem friedlichen Dorf angekommen. Nur noch die Pflasterstraße hinauf, dann würde sie ihr kleines, fast schon krummes, aber gemütliches Feldsteinhaus sehen können.

***

Anna stand im Garten und braute Bier. Die Würze köchelte vor sich hin, während sie den Hopfen abwog. Sie liebte den Geruch, der ihr aus dem Einmachtopf direkt in die Nase stieg und den andere als unangenehm empfanden. Im Winter braute sie in ihrer Küche, im Sommer stellte sie alles in den Garten. Eigentlich hatte sie geplant, das Bier im Kessel über dem Feuer zu brauen. Da sie sich aber schon beim ersten Versuch ganz fürchterlich die Finger verbrannt hatte, hatte sie aufgegeben und sich eine Grundausstattung zum Bierbrauen gekauft, worauf sie auf Foren im Internet gestoßen war. Zu viel back to the roots tat auch nicht gut, das hatte sie im Laufe der letzten vier Jahre immer wieder festgestellt.

Anna gab den Hopfen zur Würze hinzu. Nun musste alles siebzig Minuten kochen, und sie hatte Zeit, das Treberbrot aus den ausgelaugten Resten des Malzes mit dem Sauerteig anzusetzen. In achtzehn Stunden würde sie Laib für Laib in den Holzofen im Garten schieben und mit den Broten ihre Tauschgeschäfte begleichen, die für die letzten Gemüse- und Obstlieferungen der Nachbarschaft noch offenstanden. Bei Anna kam nichts um. Da sie so viel Treber, wie beim Brauen abfiel, nicht brauchte, rief sie Maik an, ihren Handwerker, der sie beim Ausbau des kleinen Siebzig-Quadratmeter-Häuschens unterstützt hatte und auch jetzt noch half, wenn Not an der Frau war.

Es klingelte lange, bis Maik sich meldete. „Ja, was gibt´s?“, hörte sie seine Stimme, die immer etwas nervös klang.

„Hi, Maik. Ich habe mal wieder Treber übrig. Möchtest du ihn für deine Hühner haben?“

„Klar, gerne. Ich komm in einer Stunde vorbei und hole ihn ab. Brauchst du Eier?“

„Auf alle Fälle. Bring gleich zwanzig Stück mit, meine Kunden und Kundinnen sind immer ganz happy, wenn ich ihnen frische Landeier von glücklichen Hühnern mitbringe, die alle einen Namen haben.“

„Die haben nicht nur Namen, die sind alle persönlich von Emma getauft.“ Maik kicherte, sodass Anna seinen nächsten Satz nicht ganz verstand. Sie fragte nicht nach, weil sie Maiks Humor oftmals unterirdisch fand. Wahrscheinlich ging es darum, dass er seine Tochter zu irgendwelchen blöden Namen für die Hühner überredet hatte. Der Hahn hieß Captain Dödel und eines der Hühner A.B.G. Murks, weil es bald geschlachtet werden sollte, was die fünfjährige Tochter Emma nicht verstand, da sie die Anfangsbuchstaben noch nicht zusammenziehen konnte.

Als Maik sich gefangen hatte, fragte Anna ihn, was er zum Tausch gegen die Eier haben wolle.

„Na, du gibst mir doch schon den Treber. Ich würde dir noch vier Flaschen Bier abkaufen wollen.“

„Geht in Ordnung.“

„Okay, wir sehen uns in einer Stunde. Hab noch eine kleine Überraschung für dich. Setz mal Kaffee auf.“

Anna freute sich. Sie mochte Maik, weil er, der Fachmann für Sanierung, nicht müde wurde, zu erklären, warum einige Dinge nicht so gingen, wie Anna sie gerne hätte. Er hatte aber immer gute Ideen, die Anna als Kompromisslösungen annehmen konnte. Maik hätte gerne viel mehr aus dem alten Kasten herausgeholt, doch Anna musste jetzt erst einmal sparen.

In einer Stunde war das Bier so weit, dass es in den großen Gärbottich umgefüllt werden musste. Da konnte Anna helfende Hände gebrauchen.

Sie schöpfte das ausgeflockte Eiweiß ab und ging in die Küche, um das Kaffeewasser aufzusetzen. Es war mittlerweile neunzehn Uhr, was Maik jedoch nicht davon abhielt, Kaffee zu trinken. Er schüttete täglich zwei Kannen in sich hinein und war deshalb ein unruhiger Geist.

***

„Das riecht man schon auf der Straße, dass du im Garten braust. Kaffee fertig?“, fragte Maik, als er mit den zwei Eierkartons um die Ecke schlenderte.

„Ja, holst du ihn? Nimm die Eier gleich mit rein und vergiss nicht die alten Eierkartons mitzunehmen, bevor du fährst. Sie stehen auf dem Esstisch.“

Maik ging ins Haus, nahm zwei Tassen vom Küchenregal, schenkte Kaffee ein, tat sich drei Löffel Zucker hinein und gab bei Anna einen ordentlichen Schuss Milch dazu, weil er wusste, dass sie den Kaffee nur aus Höflichkeit mit ihm so spät noch trank. Er hatte ihr schon mehrmals gesagt, dass sie diesen Akt der Gastlichkeit sein lassen könne, Anna bestand aber darauf, weil sie sich wohl einbildete, dass ein Kaffee nur dann schmeckte, wenn der Gastgeber mittrank. Maik trat wieder aus dem Haus und grinste.

„Ich hab dir zehn Euro für das Bier auf den Küchentisch gelegt. Aber jetzt zu meinen Neuigkeiten. Stell dir vor, ich fliese gerade das Bad einer Familie, die sich ein altes Haus in Kerkow gekauft hat. Sie ist hier geboren und aufgewachsen. Wir sind zusammen in die Grundschule gegangen. Sandra ist dann aufs Gymnasium, da haben wir uns aus den Augen verloren. Von ihren Eltern wusste ich, dass sie nach Berlin zum Studieren gegangen war. Ihre Eltern haben Sandra auch erzählt, dass ich mich hier als Handwerker selbstständig gemacht habe und gute Arbeit leiste.“ Maik schaute Anna stolz an, als erhoffte er sich einen Kommentar, den Anna auch bereitwillig gab.

„Da haben Sandras Eltern recht. Du bist ein absolutes Allroundtalent.“

Maik genoss das Kompliment einen Moment, dann erzählte er weiter. „Jedenfalls begrüßte sie mich gleich mit einer Umarmung. Die hat sich wirklich gemausert, sieht auch jünger aus als achtunddreißig, muss ich gestehen. Sandra war früher so eine ganz Schüchterne. Jetzt ist sie das Gegenteil. Echt ne taffe Frau, so wie du. Senst den Garten, restauriert alte Möbel und schmeißt alle chemischen Baustoffe raus, soweit es geht. Redet gerade von Lehmputz und Raumklima.“ Maik verdrehte die Augen. „Na ja, das Thema hatten wir ja auch schon. Jedenfalls habe ich ihr von dir erzählt und dass du eine Art ökologische Haushaltshilfe seist, die im Haushalt und Garten hilft und ihr jahrelanges Wissen teilt, damit man es irgendwann selbst schafft, so autark wie möglich zu leben. Sie ist ganz wild darauf, dich kennenzulernen. Deinen Preis habe ich nicht genannt, aber die Richtung. Sie hat kurz geschluckt, und ich hab ihr gesagt, dass sie dank deiner Hilfe eine Menge Geld sparen wird.“ Er blinzelte Anna zu. „Sie würde dich gerne zum Kaffee einladen.“

„Klingt gut. Bist du morgen bei ihr?“

„Ja.“

„Dann sag ihr, ich komme Donnerstag gegen sechzehn Uhr. Wenn es nicht passt, soll sie sich melden. Adresse?“

Maik gab ihr die Adresse und Telefonnummer. Dann half er ihr bei der Würzeabfüllung.

„Hast du von dem Insulintoten gehört?“, fragte er.

„Ja, im Radio. Wie kann man bloß so blöd sein!“

„Ich kenne den. Der wohnte in der Nachbarschaft von Sonjas Eltern. Lothar Übel hieß der. Hab ihm mal den Flur gefliest. Hat mir all seine Nahrungsergänzungsmittel gezeigt, die er zum Muskelaufbau in sich hineingeschüttet hat. War dennoch so ‘n Hemd wie ich.“

„Wann war das?“

„Letztes Jahr, irgendwann im Frühjahr.“

„Ich hatte mir einen muskulösen Typen drunter vorgestellt, weil Insulin doch den Muskelaufbau fördern soll.“

„Mag sein. Vielleicht hat er es damals noch nicht genommen. Wie gesagt, hatte ihm nur den Flur gefliest.“ Maik nahm sich den Eimer mit dem Treber. „Ich muss los zu Emma. Sonja hat heute Nachtschicht.“

Anna griff sich die Bierflaschen und die Eierkartons und begleitete Maik zu seinem Transporter.

***

Rosemarie Reimann, die von allen Marie genannt wurde, stand gebückt im Garten und jätete den Giersch, der sich immer wieder ausbreitete und ihr zu schaffen machte. Die Sechsundsechzigjährige hatte Anna ins Herz geschlossen. Ihre lebensbejahende Art, ihren Hang zu Tauschgeschäften, ihr Talent, sich mit wenig zu begnügen und sich mit dem wohlzufühlen, was sie hatte, beeindruckten Marie. Sie wusste, dass Anna einen sehr hohen Stundenlohn nahm, sie wusste aber auch, dass sie nur fünfzehn Stunden pro Woche im Haushalt von Besserverdienern half, die sich dem alternativen Lebensstil annähern wollten. Oft sprang eine dieser Familien wieder ab, weil sie sich die Sache leichter vorgestellt hatte. Denn Anna putzte und kochte nicht einfach nur, sie brachte ihren Kunden bei, wie sie weitgehend unabhängig von Industrieprodukten leben konnten. Marie hatte erwartet, dass sie sich so die eigene Kundschaft zerstörte, aber da hatte sie sich in Annas Konzept getäuscht. Den Absprung zum alternativen Leben als Selbstversorger hatte noch keiner ihrer Kunden gewagt. Und genau das hatte Anna von Anfang an einkalkuliert, weil sie wusste, wie schwer es war, einen guten Job an den Nagel zu hängen und in den kalten Ozean zu springen, ohne zu wissen, ob man das Durchhaltevermögen eines Langstreckenschwimmers besaß. Marie hatte Annas Anfänge begleitet und war beeindruckt, wie sich diese Frau von den Trockenübungen zur Weltklasseschwimmerin in Sachen Selbstversorger hochgearbeitet hat – und das ganz alleine. Genau diese Willensstärke, gepaart mit der Lebensfreude, mochte Marie an Anna.

„Wolltest du mir das Jäten nicht überlassen, Marie?“, klang nun Annas fröhliche Stimme durch den Garten.

„Das fehlte noch. Ich muss mich bewegen, sonst tut mir die Hüfte weh. Du hast genug mit den Johannisbeeren zu tun“, antwortete Marie und kam auf Anna zu, um sie zu begrüßen.

„Das kommt mir entgegen. Allzu lange kann ich heute nicht bleiben. Ich schiebe nachher noch einige Brote in den Ofen. Möchtest du eins haben?“

„Sehr gerne. Annegret kommt heute Abend zum Essen. Ich sage ihr, sie soll kurz bei dir vorbeischauen und das Brot abholen.“

Beide machten sich ans Werk. Anna pflückte die Johannisbeeren in einen Eimer und krabbelte dabei in den Beeten herum. Diese Arbeit machte sie glücklich. Sie liebte es, bei Sonnenschein im Garten die Düfte und Geräusche wahrzunehmen und sich dabei zu freuen, wie der Eimer immer voller und voller wurde. Die Sträucher gaben in diesem Jahr besonders viele Johannisbeeren, und die Trauben saßen dicht an dicht.

„Sag mal, Marie, hat sich ein gewisser Ronald Heidkamp bei dir und Annegret schlecht benommen?“

„Ronald Heidkamp? Der Name sagt mir nichts. Ist das ein Bekannter von Annegret?“

„Nein, er ist ein Kunde und mittlerweile auch guter Freund von mir. Er arbeitet in der Marketing-Branche und hat ständig Flausen im Kopf, was man in der Uckermark für tolle Free-from- und Superfood-Produkte anbauen könnte. Gerade hat er die Idee, Palmkohl anzubauen.“

„Frie was?“

„Free-from-Produkte, also frei von Zusatzstoffen und Pestiziden.“

„Aha, wieder so ein neumodischer Begriff. Aber, was haben wir damit zu tun?“

„Er sagte, er hätte dich und Annegret zufällig auf dem Markt getroffen und kurz mit euch geredet.“

„Kann mich nicht erinnern. Wann soll das gewesen sein?“

„Keine Ahnung. Er ist oft auf Geschäftsreise und erst seit einer Woche wieder hier.“

Marie hielt in ihrer Arbeit inne und schaute zum Nachbarhaus hinüber.

„Alles gut bei dir, Marie?“

„Ja, ich musste nur an die Begegnung letzte Woche mit Annegrets Jugendfreund denken, das hatte sie aus der Bahn geworfen. Den haben wir auf dem Markt getroffen, aber nicht deinen Ronald Heidkamp.“

„Du wirkst, als sei das keine erfreuliche Begegnung gewesen.“

„Ach, ich hatte ihn gar nicht erkannt. Wir wurden gegrüßt, und ich grüßte zurück, wie man das so macht in einer Kleinstadt. Annegret dagegen wurde blass und schrie los. Was er hier wolle, ob er wieder nur Unruhe stiften wolle, er solle verschwinden und so weiter. Mir war das schrecklich unangenehm. Schreit da auf dem Marktplatz rum, und alle gucken.“

„Marie, du kennst Annegret, sie braucht manchmal ein Ventil, um ihren Frust loszuwerden.“

„Ja, das weiß ich. So war sie schon immer. Deshalb muss sie aber nicht in der Öffentlichkeit wie ein Marktweib herumzetern. Ich hab mich bei dem Mann entschuldigt und Annegret weggezogen. Ich dachte, damit sei es erledigt.“

„War es nicht?“

„Nein, der Mann ist hinter mir hergekommen und hat mich dann sogar mit Namen angesprochen.“

„Woher kannte der dich?“

„Von früher. Es war Ronny Gramzow. Ein Jugendfreund von Annegret. Hab ihn erst erkannt, als er mir so fest und bittend in die Augen geschaut hat. Früher war er ein schmales Hemd mit krausen Haaren. Davon sind nicht mehr viel übrig. Durchtrainiert ist er heute. Sieht gut aus, muss ich zugeben. Ehe ich aber etwas zu ihm sagen konnte, schimpfte Annegret wieder los. Ich hab mich dann nur schnell verabschiedet und Annegret zum Auto bugsiert. Da hat sie aber auch nicht aufgehört. Im Gegenteil, jetzt machte sie mir noch Vorwürfe, dass ich alles herunterspielen würde, so wie damals, als ich ihr angeblich auch nicht zugehört habe.“

„Was wollte der denn von Annegret?“

„Ach, Anna, das ist alles ein Vierteljahrhundert her. Das ist Schnee von gestern. Er war damals ein grüner Junge und in Annegret verliebt: Lief ihr eine Weile hinterher. Hatte sich sogar im leicht alkoholisierten Zustand von einem Freund ein Tattoo stechen lassen. Fix und Fax, die zwei Comic-Mäuse, mit denen die beiden aufgewachsen sind.“ Marie lachte. „Das war kurz vor dem Abitur. Ein junger Mann mit Fix und Fax auf dem Oberarm, das sah vielleicht bescheuert aus. Der Freund war ein schlechter Tätowierer. Er hatte sich nach einer Anleitung, die er von irgendeinem Lehrling erhalten hatte, eine Tätowiermaschine gebaut und Ronny sein erstes Meisterwerk auf dem rechten Oberarm verpasst. Die ganze Schule hat über ihn gelacht. So eine Schnapsidee.“ Marie schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, er konnte sich diese Jugendsünde im Laufe der Zeit wegmachen lassen. Der Arzt, zu dem ihn seine Mutter schleppte, hatte nur mit dem Kopf geschüttelt, ihm eine Heilsalbe gegeben und gesagt, dass er da nichts machen könne.“ Marie hielt einen Moment inne, dann zeigte sie auf das Haus, zu dem sie vorhin schon hinübergeschaut hatte.

„Dort drüber haben die Gramzows gewohnt. Annegret und Ronny waren zusammen im Kindergarten, dann in der Schule. Sie verbrachten jede freie Minute zusammen und nannten sich gegenseitig Fix und Fax, weil das ihre Lieblings-Comicbrüder waren. Ron war Fix und Annegret Fax. Dass es sich um eine männliche Maus handelte, störte Annegret nicht. Mit der Tätowierung ist er allerdings zu weit gegangen. Beide waren längst aus dem Alter raus, dass sie sich noch Fix und Fax nannten. Annegret war es peinlich. Sie hat ihn damit dann ziemlich aufgezogen. Dabei glaube ich schon, dass ihr Ronnys Verliebtheit geschmeichelt hat.“

„Das ist doch kein Grund, jemanden nach fünfundzwanzig Jahren auf der Straße anzuschreien.“

„Nein, das ist nicht der Grund. Anna, wir lassen das Thema aber jetzt.“ Marie nahm wieder ihre Arbeit auf.

„Ist alles gut, Marie. Du wirkst traurig“, versuchte Anna das Gespräch im Gang zu halten.

„Es war eine schwere Zeit damals, und ich hatte wenig Zeit für Annegret. Vielleicht ist sie deshalb so, wie sie ist. Aufbrausend und oftmals ungerecht.“

„Du meinst die Wendezeit?“

„Nicht nur. Es veränderte sich viel, und es war eine aufregende Zeit. Wir mussten uns neu orientieren. Viel schlimmer war aber der Gehirntumor von Heinz.“

„Ach stimmt, du hast sehr früh deinen Mann verloren. Das tut mir leid, Marie.“

„Annegret war damals oft auf sich allein gestellt. Erst ist ihr großer Bruder weggegangen, weil er die Welt sehen wollte, dann starb ihr Vater. Sie hätte damals Aufmerksamkeit und Nähe gebraucht. Ich war sehr mit Heinz und seiner Krankheit beschäftigt und später dann viel zu sehr mit mir.“ Marie schwieg einen Moment. Dann wechselte sie das Thema.

„Erzähl mir von deinem Kunden. Wie heißt er noch mal?“

„Ronald Heidkamp.“

„Der möchte meiner Tochter ein Geschäft vorschlagen? Mit der Biogasanlage haben Annegret und Thomas im Moment nur Probleme. Eine kleine Finanzspritze könnten sie vertragen. Ich rede mit ihr.“

„Das ist keine gute Idee. Ron will hier alles umkrempeln. Er denkt immer in großen Dimensionen. Seine Flausen passen nicht in unsere Region. Wenn er sich verkalkuliert, geht es Thomas, Annegret und den anderen Landbesitzern hinterher schlechter als vorher.“

„Lass das Annegret selbst entscheiden, Anna. Diese Region braucht einen Aufschwung, und vielleicht sind Ronald Heidkamps Ideen gar nicht schlecht. Ich rede mit meiner Tochter. Hier, dein Giersch, und nimm die Bohnen mit, die ich dir in die Zeitung gewickelt habe. Sie liegen da vorne auf dem Tisch. Nun musst du sicherlich los, damit du die Beeren noch entsaften kannst. Ich geh rein, wird mir zu heiß hier draußen.“ Marie verabschiedete sich mit einem Nicken und ging durch die Terrassentür ins Haus. Anna nahm ihren Eimer, die Bohnen und Gierschblätter und fuhr gedankenverloren nach Hause, ohne die schöne Landschaft zu beachten, was untypisch für sie war.

***

Als Ronald um zwei Uhr vor der Tür stand, schüttelte Anna den Kopf. „Du bist zu früh. Der Saft muss noch abkühlen.“

„Kein Problem, ich kann warten. Blöderweise habe ich die leeren Flaschen vergessen.“ Ronald wirkte fahrig und unkonzentriert.

„Schon wieder? Stell sie mir in die Küche, ich nehme sie Montag beim nächsten Putzgang mit. Willst du Tee?“

„Sehr gerne.“

„Vielleicht einen selbst gebackenen Müsliriegel dazu?“

„Nein, lass mal, ich habe keinen Hunger.“

„Ich dachte eher an deinen Blutzuckerspiegel. Du wirkst leicht neben der Spur. Hast du gemessen? Scheinst etwas unterzuckert zu sein.“

„Mir geht es gut.“

Anna schaute Ron skeptisch an.

„Ja, im Moment hab ich es nicht so richtig im Griff, gebe ich zu. New York, die Palmkohlidee und ...“ Ron schien nachzudenken. „Lassen wir das.“

„Was?“

„Nichts, ich will im Moment nicht drüber reden. Respektierst du das bitte?“

„Ja. Ich sag nur, du siehst nicht gut aus. Du hast einen stressigen Job, dann das viele Training und die Hitze. Du solltest kürzertreten.“

Anna stellte eine Tasse mit frisch gebrühtem Kräutertee auf den Tisch und legte selbst gemachte Müsliriegel dazu. Sie ließ Wasser in den Entsafter ein und wischte mit einem Lappen darin herum.

„Ich muss kurz raus. Einige Blumen mit dem Abwaschwasser versorgen. Bin gleich wieder da.“

„Du lässt auch nichts umkommen, oder? Mir wäre das zu anstrengend.“

Anna verschwand kurz in den Garten, goss eine Tabakpflanze und kam zurück.

„Das ist auch anstrengend. Aber wenn wir es uns zu leicht machen, haben es die nächsten Generationen umso schwerer. Dir ist es lieber, dass ich alles für dich mache. Du willst nichts dazulernen, oder?“

„Anna, ich möchte eine ökologische Haushaltführung, wenn ich in Angermünde bin. Ich selbst habe nicht die Zeit dafür, und unterwegs in den Hotels muss ich mich ohnehin damit abfinden, dass ich nicht weiß, was im Essen ist, welche Putzmittel mein Zimmer verseuchen und mit welchen Chemikalien meine Bettwäsche gewaschen wurde. Ich denke, die Regelung: du machst, ich bezahle, ist okay. Für dich nicht? Du willst meinen Job nicht, und ich möchte deinen nicht, so einfach ist das. Eine Win-Win-Situation.“

„Doch, doch, alles gut.“ Anna setzte sich zu Ronald an den Küchentisch. „Das ist komisch.“

„Was?“

„Ich sehe dich heute das erste Mal mit einem T-Shirt. Selbst deine Trainingsklamotten sind langärmlig.“

„Ich mag kurze Oberbekleidung nicht. Fühle mich darin nicht wohl. Irgendwie nackig. Aber schau mal, habe ich mir in den USA stechen lassen.“ Ronald schob den rechten T-Shirt-Ärmel hoch und wies auf Oberarm und Schulter.

„Was ist das denn? Das sieht gruselig aus. Wie die Schulter eines Roboters!“

„Ja, ist das nicht klasse? Ein Kunstwerk! Ein 3D-Tattoo. Als könne man durch Drähte und Kabel ins Innere schauen. Es ist genial.“

„Es ist vor allem befremdlich, ehrlich gesagt.“

„Das Tolle daran ist, es ist ein Dermal-Abyss-Ink-Tattoo. Das heißt, es verfärbt sich, wenn sich mein Blutzucker verändert. Steigt mein Blutzucker, verfärben sich die Schatten, die den 3D-Effekt erzeugen, braun. Sinkt der Blutzucker, verfärben sie sich pink. Unverkennbar sozusagen!“

„Ich bin beeindruckt. Wenn ich das richtig sehe, verfärben sich da oben die Schatten pink. Iss einen Riegel, Ron“, sagte Anna, die Tattoos zwar nicht mochte, die Idee aber gar nicht schlecht fand, weil Ron an einer Hypowahrnehmungsstörung litt und oftmals zu spät spürte, wann sein Blutzuckerspiegel im Keller war. Gerade in stressigen Zeiten neigte er dazu, die Messung zu vergessen. Wahrscheinlich hatte er sich deshalb das Monstrum auf den Arm stechen lassen.

„Muss das Tattoo so groß sein? Der Oberarm ist ja nun auch nicht gerade eine Stelle, an dem man schnell mal den Blutzuckerspiegel abgleichen kann. Wäre ein kleines Tattoo am Handgelenk nicht geschickter gewesen, vor allem, wenn du keine kurzen Ärmel magst?“

„Du bist eine richtige Spießerin!“ Ronald lachte auf und schob den Stuhl zurück. „Ich muss los. Gib mir die Saftflaschen einfach heiß mit, ich habe einen Jutebeutel dabei. Und die Rasierseife bitte noch.“ Er legte zehn Euro auf den Tisch. Anna nahm das Geld und gab es zurück.

„Hast du gestern schon bezahlt, als du mir das Geld fürs Putzen gegeben hast. Lass stecken, Ronald.“

Sie nahm ihm den Jutebeutel ab, stellte die warme Flasche Johannisbeersaft hinein und drückte ihm die Rasierseife in die Hand. „Entspann dich mal, sonst hättest du auch in Berlin bleiben können. Die Psyche ist wichtig für das Wohlergehen. Du kannst dich noch so anstrengen, wenn die Psyche nicht im Einklang ist, wird dein Körper trotzdem leiden. Wenn du mir erzählst, dass du ein Tattoo hast, das deinen Blutzuckerspiegel angibt, dieser dir dennoch ständig entgleist, dann stimmt etwas nicht, Ron.“

„Ich weiß. Und ich bin dir dankbar, dass du das alles registrierst. Ich will aber nicht darüber reden, was mich zurzeit so stresst.“ Er verabschiedete sich mit einem gehauchten Kuss auf Annas Wange und verschwand.

Dann eben nicht, dachte Anna und ging in den Garten, um den Holzofen anzuheizen, der noch eineinhalb Stunden brauchte, um auf Temperatur zu kommen. Sie knetete die Treberlaibe durch, gab Salz und Kräuter hinzu und stellte sie zum Gären in den Schatten, bis der Ofen bereit war. Dann klappte sie die Kellerluke auf und verstaute die restlichen Saftflaschen und Bohnen, die sie während des Entsaftens in Gläser eingemacht hatte, in den schmalen Raum unterhalb ihrer Küche. Sie hatte noch Zeit, bis sie die ersten Brote in den Ofen schieben konnte, darum mischte sie Essig, Soda und ätherische Öle mit Wasser für die Reinigung der Häuser ihrer Kunden.

2

Annegret

Annegret war sauer. Der Motor des Fermenters der Biogasanlage spielte schon den ganzen Tag verrückt, und Thomas hatte nichts Besseres zu tun, als ins Fitness-Studio zu gehen, anstatt mit anzupacken. Überhaupt musste sie in letzter Zeit alles alleine erledigen. Er kümmerte sich um nichts.

„Wenn der mal ordentlich mithelfen würde, bräuchte er diese alberne Muckibude nicht. Anstatt das Holz zu hacken, kauft er eine laute Motorsäge. Die Sense wurde gegen einen dröhnenden Benzinrasenmäher eingetauscht, für die Hecke gibt es neuerdings eine elektrische Heckenschere, und im Herbst wird der Laubbläser angeschmissen, dass man denkt, die Ohren fallen einem ab. Der Bauchansatz aber wird im Fitness-Studio wegtrainiert. So ein Schwachsinn. Alles Geldverschwendung. Geld, das wir nicht haben!“, schimpfte sie. Sie fühlte sich allein gelassen und konnte das Gefühl nur mit Wut zum Schweigen bringen. Seit ihr Sohn Felix zum Studieren nach Köln gegangen war, lief die Ehe nicht mehr rund. Das hatte schon begonnen, als Felix noch zu Hause lebte, da rissen sich beide aber noch mehr zusammen. Jetzt wurden die Streits auch mal lauter, aber das war doch normal für eine Ehe, dachte Annegret. Was sie misstrauisch machte, war die Tatsache, dass Thomas ihr zunehmend aus dem Weg zu gehen schien und sie auch nicht mehr liebevoll Grit nannte. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass eine Geliebte dahinterstecken könnte. Nur wer sollte das sein? Thomas machte nicht den Eindruck, verliebt zu sein. Er schien ihr gegenüber auch kein schlechtes Gewissen zu haben, deshalb verwarf sie den Gedanken in regelmäßigen Abständen wieder.

„Und nun meine Mutter. Kann die nicht selbst fahren? Jetzt muss ich für das olle Brot von der Naturbedröhnten von Sternfelde nach Altkünkendorf hetzen und dann nach Angermünde fahren.“ Sie hoffte, dass Anna sie nicht allzu lange aufhielt. Sie hatte keine Lust auf höfliche Konversation. „Du, das ist ein total frisches Holzofenbrot. Den Roggen habe ich selbst verdroschen, und den Sauerteig habe ich vierundzwanzig Stunden unter meinen Achselhöhlen gären lassen, weil er meine Wärme und das Milieu so liebt. Ich habe dem Teig noch einen Kuss gegeben, bevor ich ihn in meinen nach mittelalterlichen Vorlagen gebauten Holzofen geschoben habe“, äffte sie Anna fröhliche Stimme nach. Sie steigerte sich hinein.

„Die hat doch nicht alle Bienen im Stock.“ Sie wollte nur das Brot und die Telefonnummer dieses Roland Heidmann – oder wie immer er auch hieß –, und dann schnell wieder weg. Sollte der Heidmann ihr ein gutes Geschäft vorschlagen, war sie dabei. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, dass Anna gegen die Geschäftsidee sei, was bedeutete: Anna würde ihr gleich etwas von der heilen Landwirtschaft und ihrer Pflicht als Landwirtin vorbeten. Was wusste diese Großstadtpflanze schon von ihren Existenzängsten, dem ewigen Kampf um Erträge und Einkommen. Natürlich hielt Annegret die Tiere, die sie noch hatte, artgerecht. Jedenfalls in den Sommermonaten, wenn die Gäste mit ihren Kindern kamen und die Idylle des letzten Jahrhunderts vorfinden wollten. Die zusätzliche Arbeit sah und interessierte keinen – und schon gar nicht Anna, die sich auf die Fahne geschrieben hat, die Welt zu retten. Manchmal würde sie Anna gerne mal vier Wochen auf den Hof einladen, um ihr klarzumachen, in welchem Dilemma die Familie steckte und was Landwirtschaft überhaupt bedeutete.

„Diese Großstadtmotte, die von nichts ne Ahnung hat, die könnte ich im Mündesee ersäufen“, schimpfte Annegret vor sich hin und trat das Gaspedal durch, bis sie in Annas Straße einbog. Die Pflastersteine und Schlaglöcher sorgten dafür, dass Annegret ihre Geschwindigkeit drosseln musste. Sie wollte sich nicht auch noch das Auto für das blöde Nostalgiebrot ruinieren. Die Karre hatte schon genug Macken. Als sie vor dem Haus parkte, atmete sie durch. Allzu aufgeregt konnte sie bei Anna nicht aufkreuzen, dann würde sie ihr noch einen Blümchentee und einen Shabby-Look-Stuhl anbieten, der kurz vorm Zusammenbrechen war. Sie musste gestresst, aber aufgeräumt wirken, um dieser Weltverbesserin schnell wieder zu entkommen.

Annegret sprang aus dem Auto und lief ums Haus. Anna würde bei dem Wetter nicht in ihrer Bude hocken, das war sicher. Sie würde wohl eher ihren Pflänzchen was vorsingen, dachte Annegret, und der nächste Wutanfall bahnte sich seinen Weg, obwohl Anna für Annegrets inneres Dilemma gar nichts konnte. Sie war nur Stellvertreterin des eigentlichen Ärgers, und Annegret wusste das.

„Hallo, Anna, das ist typisch meine Mutter. Jagt mich von Sternfelde nach Altkünkendorf, um das Brot bei dir abzuholen“, stöhnte Annegret, als sie bei Anna im Garten auftauchte.

„Annegret! Schön dich zu sehen. Es sind doch nur zehn Minuten zu mir. Keine Weltreise.“ Anna lachte, und Annegret spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie hätte jetzt gerne „blöde Kuh“ gedacht, aber aus Erfahrung wusste sie, dass Anna die Begabung hatte, Menschen anzusehen, was wirklich in ihnen vorging, was Annegret unheimlich war.

„Ich habe genug Arbeit, da muss ich nicht noch Botengänge für meine Mutter übernehmen. Wir hatten Schaumbildung im Fermenter. Ich könnte platzen. Die unteren Rührflügel scheinen ab und an stillzustehen. Mittenmang ruft meine Mutter an und plaudert mit mir fröhlich über einen Roland Heidmann, der sich mit mir über eine Geschäftsidee unterhalten will. Was ist das für ein Vogel und für ein Geschäft?“

„Vergiss es, Annegret, das ist eine dumme Idee. Ron will in der Region Palmkohl anbauen, und als er hörte, dass du finanzielle Schwierigkeiten hast, wollte er dich für das Projekt begeistern. Ich halte von Rons Plänen nichts. Das kann nicht funktionieren.“

„Das überlass mal mir. Gib mir seine Telefonnummer und Adresse, dann fahr ich hin und höre es mir an. Vielleicht ist die Idee gar nicht blöd. Wir könnten eine zusätzliche Einnahmequelle gebrauchen. Ich hatte schon gegoogelt und ins Telefonbuch geguckt, kann diesen Roland Heidmann aber nicht finden.“

„Ronald Heidkamp heißt er. Ich kann dir nicht einfach seine Adresse und Telefonnummer geben, ich muss ihn erst fragen.“

Diese Überkorrektheit ging Annegret auf die Nerven. Ihr war aber bewusst, wenn sie jetzt drängeln würde, müsste sie sich etwas über Datenschutz und Wahrung der Privatsphäre anhören. Sie schluckte ihren Ärger herunter.

„Ja, tu das. Ich werde es eh nicht so schnell schaffen, mit ihm zu reden. Erst muss ich mich um die Anlage kümmern. Wenn die Elektronik der Rührflügel defekt ist, habe ich eine Menge Ärger mit der Finanzierung am Hals. So, gib mir bitte das Brot, ich muss weiter.“

Anna lief in die Küche, wickelte das Brot in ein Leintuch und ging zurück in den Garten. Annegret nahm das Brot entgegen, drehte sich um und verabschiedete sich mit einem kurzen Winken, als sie um die Häuserecke verschwand. Das war jetzt vielleicht etwas unhöflich, dachte Annegret und machte einen Schritt zurück, hob das Brot hoch, ließ es in der Luft hin und her wackeln und rief so freundlich es ihr möglich war: „Danke! Das Leintuch gibt dir Marie zurück.“ Dann verschwand sie endgültig hinter dem Haus.

3

Anna