Mondrausch - Kena Hüsers - E-Book

Mondrausch E-Book

Kena Hüsers

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Beschreibung

Seit dem Tod ihres Bruders lebt Hannah in einer Isolation, aus der sie sich nicht befreien kann. Nur einmal im Jahr fährt sie für einige Tage nach Fehmarn, um dort am Strand den Mond zu betrachten, in der Dunkelheit den Wellen zu lauschen und die Welt um sich herum zu vergessen. Das mysteriöse Erscheinen und Verschwinden von Derk lässt Hannah an ihrem Verstand zweifeln. Die rational denkende Frau vermutet, dass es sich bei dem nächtlichen Strandbesucher um einen imaginären Freund handelt, den sie sich selbst erschaffen hat. So versucht sie, den Strand zu meiden und sich mit anderen Urlaubsgästen zu treffen - was ihr nicht immer gelingt. Als die freien Tage ihrer neu gewonnenen Urlaubsfreunde David und Anke enden, ist es ausgerechnet der zynische Marc, der sich bereit erklärt, das Geheimnis um Derk gemeinsam mit Hannah herauszufinden. Dabei kommt es zu einer unerwarteten Wendung, die auch Marc immer tiefer in die Geschehnisse hineinzieht.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

08.09. - Ein Tag vor dem Supervollmond

09.09.2014 – Supervollmond

10.09.2014 - 1. Tag nach Vollmond

11.09.2014 - 2. Tag nach Vollmond

12.09.2014 - 3. Tag nach Vollmond

13.09.2014 - 4. Tag nach Vollmond

14.09.2014 - 5. Tag nach Vollmond

15.09.2014 - 6. Tag nach Vollmond

16.09.2014 - Letztes Viertel

17.09.2014 - 7 Tage bis Neumond

18.09.2014 - 6 Tage bis Neumond

19.09.2014 - 5 Tage bis Neumond

20.09.2014 - 4 Tage bis Neumond

21.09.2014 - 3 Tage bis Neumond

22.09-2014 - 2 Tage bis Neumond

23.09.2014 - 1 Tag bis Neumond

24.09.2014 – Neumond

Zunehmender Mond

Ein Tag in irgendeiner Mondphase

Prolog

Der alte Mann kicherte. Dann lachte er laut auf, bevor er zu wimmern begann.

Stefan stand vor dem Zimmer, aus dem die kläglichen Laute leise auf den Flur drangen. Er holte tief Luft, schloss kurz die Augen und öffnete die Tür. Der alte Herr schaute ihn hilflos an.

„Der Mond. Er scheint nicht mehr“, sprach er traurig, während die Tränen über seine Wangen flossen.

Schweigend setzte sich Stefan aufs Bett und streichelte den Arm seines Patienten.

„Es wird keinen Supervollmond mehr geben“, flüsterte der Alte und hielt dabei die Hand seines Krankenpflegers fest, als wolle er sich daran klammern.

„Es wird immer Supervollmonde geben“, entgegnete Stefan sanft.

„Nicht für mich.“

„Nein. Nicht für Sie.“

Stefan spürte den Kloß in seinem Hals. Sein Patient begann wieder zu kichern.

„Drei Supervollmonde in einem Jahr. Was für ein Glück. Der letzte muss der richtige gewesen sein, sonst war alles umsonst.“

„Im nächsten Jahr gibt´s auch drei ...“, begann Stefan wurde jedoch gleich von seinem Patienten wütend unterbrochen.

„Die sind anders. Nicht so nah an der Erde. Keiner davon Anfang September. Sie haben nicht aufgepasst, was ich Ihnen gesagt habe.“

„Doch, ich habe mir alles gemerkt. Sie ist jetzt auf der Insel. Somit war der letzte gewiss der richtige.“

„Ja“, seufzte der Alte, drückte Stefans Hand und schaute ihm fest in die Augen.

„Die Ungewissheit ist das Schlimmste am Sterben.“

Stefan versuchte den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken.

Er blieb bei seinem Patienten, bis dieser eingeschlafen war. Fühlte den schwachen Puls und verließ den Raum.

Auf dem Flur spürte er die Stille. Aus keinem Zimmer drang irgendein Geräusch nach draußen. Sonst hörte man Fernseher, Patienten, die mit ihren Angehörigen sprachen oder unruhig im Zimmer auf und ab gingen. Geschirrklappern, Lachen, Weinen, Schreien. Irgendetwas war immer zu hören. Nur wenn einer starb, war es beängstigend ruhig.

Einen Wunsch wird er dem alten Herrn noch erfüllen. Morgen, wenn sein Patient nicht mehr aufwacht, wird Stefan sein Versprechen einlösen. Sobald er diese letzte Handlung vollzogen hat, wird er zu Ela nach Hause fahren. Er wird sie umarmen, ihr sagen, wie sehr er sie liebt, und mit ihr schlafen, weil er ihre Nähe mehr als alles andere braucht.

Stefan ging zum Fenster und schaute in die Dunkelheit. Es wird Zeit etwas zu verändern. Zeit eine Familie zu gründen, den Job zu wechseln und die Stadt zu verlassen. Zeit für einen Neuanfang, bevor es zu spät dafür war. In vierunddreißig Jahren werden wieder drei Supervollmonde innerhalb eines Jahres am Himmel zu sehen sein. Stefan rechnete kurz nach. Dann wird er das Alter seines Patienten erreicht haben. Ob er später auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann? Mit Familie, einer Arbeit, die nicht ins Burn-out führt und einem Haus auf dem Lande? Spielte dies alles am Ende überhaupt eine Rolle? Vom Mond aus betrachtet, wohl kaum. Auch wenn der Supervollmond nur 356.000 Kilometer anstatt der sonstigen 406.000 Kilometer von der Erde entfernt ist, sind wir für ihn nicht mehr als Bakterien auf einer Petrischale. Er sieht uns nicht und nimmt unsere Sorgen und Ängste nicht wahr. Seit der alte Mann ständig seine Vorträge über den Supervollmond hielt, dachte Stefan über viele Dinge nach.

Stefan löste sich vom Fenster. Kurz stand er noch einmal vor der Tür seines Patienten und lauschte. Sollte er wieder hineingehen? Er schüttelte den Kopf und ging müde den Gang hinunter. Für ihn stand fest, morgen wird er kündigen.

08.09. - Ein Tag vor dem Supervollmond

Hannahs Blick lag reglos auf der Digitaluhr an der Wand. Seit zehn Minuten imitierte ihr Hirn ein Ticktack, das dieses leblose Ding selbst nicht erzeugen konnte. Mit jedem Ticktack fühlte Hannah, wie die Uhr sich immer mehr vor ihren Augen auflöste und sie selbst in einen Tagtraum entschwand. Die Ostsee lag klar vor ihr, als könnte sie darin baden. Der Computer auf ihrem Schreibtisch hatte seine Macht verloren. All die Antragsteller, die auf Hartz IV warteten, waren ihr egal. Sie glitt tiefer in den Traum hinein. Hörte die Möwen kreischen, spürte den Wind auf ihrer Haut und schmeckte die salzige Luft auf ihren Lippen. Ein kleiner Teil von ihr blieb im Büro und forderte sie zur Arbeit auf. Sie wollte ihn jedoch nicht über ihren Tagtraum siegen lassen.

Hannah hatte schon längst den Glauben an die Behörde, für die sie arbeitete, verloren und ihren Job nur noch als Einnahmequelle gesehen, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestritt. Mechanisch arbeitete sie sich täglich durch die immer größer werdende Lawine aus Anträgen, die sie ordnete, auf Vollständigkeit prüfte und in die Fachanwendung eingab. Für Hannah beruhte ihre eigene Arbeitsberechtigung nur auf dem Elend anderer Menschen, die täglich in ihrem Büro saßen und denen verzweifelt bewusst wurde, dass ihnen ab jetzt kein Cent mehr für Vergnügungen blieb. Es gab keinen fröhlichen Blumenstrauß mehr am Sonntagmorgen auf dem Frühstückstisch. Keine spontanen Einladungen, die bei Wein und Essen zu anregenden Gesprächen führten. Ab jetzt würden sich die meisten Gespräche nur noch ums Geld drehen, weil die finanzielle Lage allgegenwärtig war. Keine Ausflüge mit den Kindern, keine großen Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke für die Kleinen. Statt des Kinobesuchs gab es nun Fernsehen, der Urlaub wurde gegen Armutsstress getauscht. Hannah fühlte sich hilflos gegenüber der Macht des Geldes. Glück gab es angeblich nur für Menschen, die hart arbeiteten und ihren Lebensunterhalt selbst bestritten. Da sie diese Bedingungen erfüllte, fragte sie sich, warum sie kein Glück verspürte.

Ticktack sprach ihr Hirn, während sich die dunklen Wellen am Strand brachen und der helle Vollmond am Himmel immer wieder durch die Wolkendecke trat. Hannah schloss die Augen, gab sich dem Ostseewind und der salzigen Luft noch mehr hin. Das Büro löste sich auf. Hannah streckte sich aus und fühlte den kalten, großen Findling, auf dem sie jetzt gedanklich lag. Er war glatt und feucht. Sie strich mit ihren Händen darüber und nahm den feinen Salzstaub war, der sich auf ihren Fingern bildete. Die Blätter in dem kleinen Wald hinter ihr rauschten, als wollten sie eine Geschichte erzählen. Die Wolken zogen vorbei und bildeten Schatten auf ihrem Gesicht, die die Augen unter den Lidern noch mehr verdunkelten. Sie sah Farben, die sich zu kleinen Mustern vereinten, wie in einem Kaleidoskop. Gleichzeitig spürte sie, wie sich vom Wind die Haare auf ihren Oberarmen aufrichteten und sich eine Gänsehaut bildete. Sie nahm den Sand unter den Füßen war. Die obere Schicht war noch warm vom Tag, weiter unten wurde der Sand kühler und feuchter. Hannah fühlte sich geborgen. Als würde sie durch die Zeit reisen und alle Gefühle aufnehmen, die je ein Mensch wahrnahm, der irgendwann einmal in den Abend- oder Nachtstunden am Strand unter dem Mond lag. Sie fühlte sich eins mit der Natur, der Vergangenheit und der Zukunft. Als gäbe es keine Zeit, kein Ich und kein Du. Das Hier und Jetzt wurde von einem schwarzen Loch aufgesogen und vermischt, bis es nur noch ein Ewig und Immer gab. Hannah fühlte sich frei.

Die Tür wurde mit Schwung geöffnet. Clemens rauschte in Hannahs Büro und riss sie brutal aus ihrem Tagtraum.

„Hast du den Antrag Karlsberg fertig?“, fragte er, ohne darauf zu achten, dass sie erschrak und ihr Stuhl aus der Liegeposition nach vorne schnellte.

„Nein, hab ich nicht“, antworte Hannah wirsch, schaute dabei verstohlen auf die Uhr. Ihre Zeit war abgelaufen.

„Dann solltest du den noch erledigen, bevor du in deinen Urlaub startest“, entgegnete Clemens sauer, da er Hannahs Arbeit teilweise in den nächsten Wochen übernehmen musste.

„Sollte, sollte! Ich soll so vieles. Es ist vier, ich habe Feierabend und somit Urlaub.“ Hannah stand bei diesen Worten auf, schnappte sich ihre Tasche und schaltete den Rechner ab. Sie wollte das Büro verlassen, Clemens versperrte ihr jedoch den Weg.

„Hannah, warte mal.“

Hannah blieb genervt stehen.

„Was, Clemens? Willst du mir vorwerfen, ich sei unkollegial? Das weiß ich schon. Ihr mögt mich nicht, ich mag euch nicht. Also, was willst du?“

„Hannah, das muss doch so nicht bleiben. Wir sind doch alle nicht glücklich mit der Situation. Wir ärgern uns über dich, du dich über uns. Wobei ich nicht einmal weiß, was wir dir getan haben. Wir bitten dich kaum um etwas, lassen dich beim Sammeln für Geburtstage heraus und fragen dich nicht einmal mehr, ob du abends mit uns ins Kino oder etwas essen gehen willst. Was sollen wir denn tun, damit du nicht immer auf Krawall gebürstet bist? Denk doch in deinem Urlaub mal darüber nach, was du eigentlich willst. Wenn es dir hier nicht passt, dann lass dich halt versetzen. Es wird dir keine Träne nachgeweint, davon kannst du ausgehen.“

„War´s das? Lässt du mich jetzt bitte durch?“

Clemens ging beiseite. Er hatte mal wieder nichts erreicht. Hannah ging einige Schritte den Gang herunter. Dann blieb sie stehen. Wie gezogen drehte sie sich zu Clemens um. Betrachte ihn eine Weile, wie er frustriert vor ihrer Bürotür stand. Langsam ging sie zu ihm zurück.

„Du hast recht. Ich werde mir im Urlaub Gedanken machen, was ich eigentlich will. Eine Versetzung alleine wird mein Problem nicht lösen, aber es wird euer Problem lösen. Ihr könnt den Schampus kaltstellen. Ich stelle den Versetzungsantrag, sobald ich zurück bin.“ Hannah drehte sich um und ließ einen erstaunten Clemens stehen. So viele Worte aus dem Mund seiner Kollegin war er nicht gewohnt. Auch wenn alle anderen bei dieser Nachricht jubeln werden, ihm tat es leid, dass Hannah sich im Kollegenkreis nicht wohlfühlte.

Vom Büro nach Hause waren es mit dem Auto knapp zwanzig Minuten. Hannah hatte sich vor Jahren eine kleine Zweizimmerwohnung in Himmelpforten angemietet. Sie hatte keine Lust in Stade zu leben, da sie weder ihren Kunden noch ihren Kollegen über den Weg laufen wollte. Außerdem hasste sie enge Nachbarschaftsverhältnisse. Sie musste für sich sein. Obwohl Hannah zur Miete in einem Bauernhaus bei alten Leuten lebte, hatte sie ihre Ruhe und forderte diese auch immer wieder ein, falls das ältere Ehepaar ihr zu nahe auf die Pelle rückte. Im Laufe der Zeit entstand ein Verhältnis, mit dem Hannah leben konnte. Man grüßte sich, schnackte einige Worte im Hausflur. Ab und an half Hannah im Garten und erhielt dafür Obst und Gemüse, eingemachte Marmelade oder eine Flasche Likör, den der alte Augustin aus Langeweile aufsetzte, wegen seines Herzfehlers jedoch nie selbst trank.

Manchmal fühlte sich Hannah nach längerer Gartenarbeit sogar stark mit ihren Vermietern verbunden. Dann scherzten sie, sprachen Plattdeutsch miteinander, was Hannah sonst nie tat, tranken Kaffee und aßen dabei Pflaumenkuchen mit viel Sahne. Regelmäßig empfand Hannah dabei einen Stich in ihrer Brust. Ihr Kopf fühlte sich, als würde er sich weiten und schwerelos auf ihrem Hals schweben. Ein wohliges Gefühl strömte dann durch Hannahs Körper und löste ihre Verspannung. Sobald die wohlige Wärme einsetzte, begann in ihrem Inneren ein Strudel zu wirbeln. Sie spürte, wie er sie verschluckte und sie bekam Angst, dass er am Ende eine völlig neue Hannah wieder ausspucken würde. Und so endeten diese wundervollen Nachmittage mit den Augustins meist genauso schnell, wie sie angefangen hatten. Eine Zeit lang herrschte noch mehr Distanz zwischen dem alten Paar und ihr. Es dauerte Wochen, bis Hannah sich wieder von ihrer Angst erholte.

Hannah war mit ihrem Kleinwagen zu Hause angekommen und parkte das Auto auf der Straße. Sie wollte keinen Lärm verursachen, damit sie ohne Verabschiedung in den Urlaub starten konnte. Sie schloss die Seitentür auf und schlich die separate Treppe zu ihrer gemütlichen Dachwohnung hoch. Vielleicht doch zu laut, dachte Hannah, als sie die Stimme der alten Frau Augustin aus der Küche vernahm.

"Hannah, büst du dat?“

Na, wer sollte es denn sonst sein, dachte sie. „Jo, ik bün to Hus. Ik wull glieks wedder los. Mutt blots mien' Kuffer in´t Auto trecken, denn bün ik wech“, antwortete Hannah, in der Hoffnung, dass sie nun ihre Ruhe hatte.

„Wonehm geiht dat hen?“, schrie nun Gustav Augustin, der gerade Kartoffeln aus dem Keller holte.

„As jümmers, an de Ostsee. Ik mutt nu, ik will nich to laat sien. Gooden!“ Dann lief sie etwas schneller die Treppe hinauf. Die Koffer hatte sie bereits am Vortag gepackt. Nun schaute sie nur schnell, ob nichts fehlte. Zehn Minuten später saß sie bereits wieder im Auto und fuhr Richtung Fehmarn.

Die zweite Septemberwoche brach an. Ab und an regnete es. Es war wieder dieses Wetter, bei dem sie nicht wusste, wie sie den Scheibenwischer justieren sollte. Entweder war er zu langsam oder zu schnell. Hannah spürte Anspannung in sich aufkeimen und vergaß dabei, wie schön dieser Sommer war. Es war immer noch angenehm warm und der Wetterbericht sagte für die nächste Zeit keine starken Wettereinbrüche vorher. Die Schulferien waren vorbei, die Insel frei von schreienden Kindern und lärmenden Jugendlichen. Darüber wollte sie sich freuen, doch von Freude war Hannah weit entfernt. Der Nacken schmerzte, die Hände krallten sich ums Lenkrad. Ihre Laune verschlechterte sich von Minute zu Minute. Das befreite Gefühl, die Leichtigkeit, die sie sonst auf ihrer Fahrt nach Fehmarn hatte, stellte sich nicht ein. Stattdessen verspürte sie den Wunsch, umzukehren. Einfach so, den Urlaub aufgeben und weiterarbeiten, als gäbe es keine Freizeit. Vor wenigen Stunden sehnte sie sich nach Fehmarn und jetzt brach dieser Wunsch zusammen, als sei er aus Bierdeckeln errichtet.

Seit sie denken konnte, verbrachte Hannah die Ferien bei ihrer Tante Erika und ihrem Onkel Heinz auf Fehmarn. Hannahs Mutter Charlotte wuchs mit Erika in Vitzdorf auf. Später zog Charlotte zu ihrem Mann Reiner ins niedersächsische Agathenburg und Erika übernahm mit Heinz das Elternhaus, in dem sie heute noch lebten. Erika und Charlotte waren unzertrennlich. Die jährlichen Familienurlaube waren Pflichtprogramm, auch wenn Reiner gerne einmal in den Süden gefahren wäre. Für Hannah war es das schönste, den Urlaub auf Fehmarn mit der ganzen Familie zu verbringen. Nachdem ihr kleiner Bruder Sören ein Jahr alt wurde und Hannah schon zur Schule ging, durfte sie sogar in den Osterferien ganz alleine nach Fehmarn fahren. Ihr Onkel holte sie dann aus dem norddeutschen Dorf ab und Hannah plapperte ununterbrochen auf der Autofahrt auf Heinz ein. Als Hannah acht wurde, durfte sie das erste Mal mit dem Zug nach Puttgarden fahren. Dort wurde sie von ihrem Onkel und ihrer Tante in Empfang genommen. In den Sommerferien waren dann alle wieder zusammen auf der Insel und Hannah spielte mit ihrem Bruder am Wasser und baute Sandburgen.

Im Alter von vier Jahren, Hannah war mittlerweile neun Jahre alt, erkrankte ihr kleiner Bruder an Leukämie. Ihre Eltern verbrachten mit ihrem Sohn die meiste Zeit in Therapiezentren und Kliniken. Hannah schien dabei ständig im Weg zu sein. So wurde sie auch während der Schulzeit nach Fehmarn geschickt und verlor den Anschluss an die Klasse und an den Lehrstoff. Fremd kam sie sich vor, wenn sie nach ein bis zwei Wochen wieder im Unterricht auftauchte, um gleich darauf erneut zu verschwinden. Nachts starrte sie aus dem Fenster ihres Kinderzimmers, das mittlerweile liebevoll bei ihrem Onkel und ihrer Tante für sie eingerichtet war, und dachte an ihren Bruder. Sie schaute zum Mond hinauf und überlegte, ob er Sören sehen würde oder ob ihr Bruder zur gleichen Zeit am Fenster seines Krankenzimmers stehen und auch zum Mond hochschauen würde. Ob der Mond als Überbringer von Nachrichten dienen könnte, fragte sie sich. Sie flüsterte ihm leise Botschaften zu, die er bitte ihrem Bruder weitersagen sollte. Dann überlegte sie sich, ob der Mond Lebenskraft weiterleiten könnte. So schloss sie nachts ihre Augen und bat voller Inbrunst um Hilfe. In einer Vollmondnacht überkam sie der Gedanke, dass der Mond sie im Kinderzimmer gar nicht sah und hörte. Hannah schlich sich aus dem Haus, setzte sich auf den großen Rasen und bat den Mond stundenlang, ihrem Bruder ihre eigene Gesundheit zu schicken. In einer Neumondnacht saß sie dort bis zum Morgengrauen, sprach mit dem unsichtbaren Mond und bat ihn, Sören wieder gesund zu machen. Ihr Onkel holte sie völlig verfroren ins Haus zurück und ließ ihr ein heißes Bad ein, damit sie keine Erkältung bekam. Als sie in der großen Badewanne lag und die Kälte langsam aus ihren Knochen wich, klingelte das Telefon und Hannah wusste, ihr Bruder war gestorben. Hannahs fröhliche Welt verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sie spürte, wie ihre eigene Kraft aus ihr herausfloss, sich mit dem Badewasser vermischte und später durch den Abfluss weggeschwemmt wurde. Sie hasste den Mond, weil er in dieser Nacht nicht am Himmel erschien. Sie glaubte fest daran, dass er Sören hätte retten können, wenn er nur voll und rund am Himmel gestanden hätte. Sie fühlte sich von ihm verlassen, dennoch war er der Einzige, mit dem sie weiterhin offen redete. Der einzige Freund, der ihr blieb, so schien es ihr, obwohl sie ihn verfluchte.

Zuhause in Agathenburg wiederholte sie die vierte Klasse. Sie fand keinen Anschluss und wollte auch keine Freundschaften schließen. Hannah verfolgte den Unterricht und blieb in den Pausen alleine. In ihrem Elternhaus herrschte Krieg. Charlotte konnte den Tod ihres Jungen nicht überwinden und gab jedem die Schuld, einschließlich sich selbst. Täglich schimpfte sie auf die Umwelt, auf ihren Mann und auf die Ärzte. Irgendwann schrie sie nur noch und Reiner schrie zurück. Nach einer Weile hörte auch das Schreien auf, danach blieb eisige Kälte übrig, die bis heute bestand. Ihr Onkel und ihre Tante holten Hannah weiterhin in den Ferien zu sich.

Mit dreizehn begann sie, alleine die Insel zu entdecken. Dabei stieß sie auf einen Naturstrand, an dem sie den Felsen fand, der ihr Zufluchtsort wurde. Hannah war fasziniert von dem großen Findling, der wie schwarzer Marmor in der Sonne glänzte. Er war durchzogen von einer hellen Maserung. Hannah verspürte ein Kribbeln im Bauch, als sie ihn betrachtete. Langsam streckte sie ihre Hand aus und begann den Stein zu streicheln. Er war warm und glatt als habe Gott ihn höchstpersönlich mit einem Schwingschleifer bearbeitet. Wie eine erhobene Plattform lag er im Sand. Erst setzte sie sich andächtig auf seine Kante, dann ließ sie sich fallen und streckte sich aus. Der Felsen war fast so groß, wie sie selbst. Nur ihre geöffneten Arme schwebten einen halben Meter über dem Boden und ihre Füße steckten im Sand. So schlief sie ein und wachte erst nach Anbruch der Dunkelheit wieder auf. Ihr Gesicht glühte. Sie hatte einen Sonnenbrand. Der Wind strich vorsichtig über ihr Gesicht und linderte das Brennen. Hannah blieb reglos liegen. Sie hatte die Augen geöffnet und beobachtete den vollen Mond. Eine traurige, trostlose Geborgenheit machte sich in ihr breit. Eine neblige Wand schien sich in ihrem Inneren aufzulösen. Hannah hatte Angst vor dem, was sich dahinter befand. Sie wollte es nicht sehen, wurde jedoch davon angezogen. Sie hatte das Gefühl, es sei an der Zeit den Nebel ziehen zu lassen. Es war die erste innere Regung, die sie seit Sörens Tod spürte und diese wollte sie festhalten, ausschöpfen und bewahren. Dann folgte der Schmerz. Ein Schmerz, der Hannah fast zerriss. Sie glaubte, der Himmel würde in grellen Farben aufleuchten. Sie sah Blitze, die ins Meer fielen und die Wellen aufpeitschten. Nach einigen Sekunden war der Spuk vorbei und Hannah fühlte sich befreit. Ein großer Teil ihres Hasses und ihrer Wut verschwand. Gerade so viel, um wieder etwas mehr am Leben teilzunehmen, jedoch zu wenig, um es zu genießen. Hannah versöhnte sich mit ihrem Schmerz und begann, dem Mond alles zu erzählen, was in ihr vorging. Sie kam nun jeden Abend her und blieb bis Mitternacht. Ihre Tante und ihr Onkel machten sich Sorgen. Da Hannah aber aufzublühen schien, auch wenn es nur ein kleines, zartes Flackern war, ließen sie ihr die abendlichen Ausflüge und verloren kein weiteres Wort darüber. Insgeheim grübelten sie, ob ein Junge dahinter steckte. Heinz hielt es eines Abends nicht mehr aus und fuhr ihr heimlich mit dem Fahrrad nach. Da sah er sie, auf dem Findling sitzend den Mond anstarren. Es machte ihn traurig und er hätte Hannah gerne in die Arme geschlossen und getröstet. In dem Moment wäre ihm jeder Junge aus dem Feriencamp lieber gewesen, als das, was wirklich hinter Hannahs Ausflügen steckte.

Am vorletzten Tag der Sommerferien verabschiedete sie sich jedes Mal von ihrem Mond, bevor sie in ihr trostloses Zuhause zurückfuhr. Ihre Eltern sprachen kaum miteinander. Die Kälte und Einsamkeit bahnte sich neue Wege durch Hannahs Körper und schnürte ihre Brust zu. So waren ihre Urlaube auf Fehmarn wie Luftschnappen nach einer endlosen Strecke des Tauchens in eisigem Wasser. Nur dass sie nie genug Luft holen konnte, um sich ganz aus ihrer Erstarrung zu befreien. Zuflucht suchte sie in der Traumwelt amerikanischer Familienserien, in denen die Welt in Ordnung schien. Besonders angetan hatten es Hannah Filme aus den sechziger Jahren. Sie stellte sich vor, wie sie selbst eines Tages eine Familie haben und auf dem Land leben würde. Sie hatte unzählige Kinder um sich herum, die sie alle liebte und für die sie immer Zeit hatte. Sorgen, Ängste und Nöte gab es kaum. Kam es dennoch zu einem größeren Schicksalsschlag, dann hielt die gesamte Familie zusammen und meisterte das Problem. Hannah sah sich in einem kleinen Garten Kräuterbeete anlegen. Am Wochenende kamen Heinz und Erika, hüteten die Kinder, während sie mit ihrem Mann einen Ausflug machte. Hannah wusste dabei genau, dass sich dieses Glück nie erfüllen würde. Dafür hätte sie jemanden näher an sich heranlassen müssen und dazu war sie nicht bereit.

Die Jahre vergingen, Hannah machte Abitur, jobbte einige Zeit, bevor sie sich dazu durchringen konnte, Sozialwissenschaften zu studieren. Mit siebenundzwanzig fing sie beim Jobcenter Cuxhaven an. Eigentlich wollte sie nur ein bis zwei Jahre bleiben und sich dann weiter orientieren. Schnell merkte Hannah, dass sie immer noch diese Apathie in sich trug und dass es kaum eine Arbeit auf Erden gab, mit der sie wirklich glücklich wäre. Ihren Traum vom Leben auf dem Lande mit Kindern und einem lebenslustigen Mann hielt sie fest, konnte aber weiterhin keine Nähe zulassen und vergraulte jeden Verehrer schon nach dem ersten Date. Hartgesottene versuchten es ein zweites Mal, da sie hinter Hannahs Fassade blicken wollten. Ihre unnahbare Art wirkte auf viele anziehend. Doch auch die Hartnäckigsten kamen über das zweite Date nicht hinaus. Hannah tat es leid, dass sie sich auf niemanden einlassen konnte, dachte aber, der Richtige war eben nicht dabei. Mit zweiunddreißig ließ sie sich nach Stade versetzen. Warum wusste Hannah selbst nicht genau. Vielleicht wollte sie eine Veränderung in ihr Leben lassen und zu mehr als zu einer Versetzung war sie nicht fähig.

Im Sommer besuchte sie weiterhin Heinz und Erika auf Fehmarn. Dann setzte sie sich abends auf ihren Felsen am Wasser und starrte den Mond an. Sie erwischte sich bei dem Wunsch, dass noch einmal der Himmel hell erleuchtet Blitze ins Wasser schicken sollte, damit sich ein weiteres kleines Türchen in ihrem Inneren öffnen könnte. Es blieb still. Nur der Wind strich über das Wasser, die Wellen tosten und liefen mit einem sanften Rauschen am Strand aus. Hinter ihr lag die kleine Lichtung mit Laubbäumen. Die Blätter rauschten friedlich im Wind. Hannah ergründete die Wurzeln ihrer Sehnsüchte. Sie versuchte den Schmerz anzunehmen, der sich immer wieder in ihr sammelte und der sich nur leicht ausschöpfte, während sie das Meer und den Mond betrachtete. Immer nur so viel, dass er sich erneut in ihr füllen konnte. Und immer mit dem Bewusstsein, dass er nie ganz verschwand.

Manchmal lag die Einsamkeit so unerträglich auf ihrer Brust, dass sie übers Wochenende nach Fehmarn fuhr. Dann schlief sie nicht bei ihrem Onkel und ihrer Tante, sondern für einige Stunden im Auto am Straßenrand oberhalb des Naturstrandes. Am Montagmorgen fuhr sie in der Früh wieder nach Hause, zog sich schnell um und ging zur Arbeit. An solch einem Tag war sie noch verschlossener und fragte sich, ob ihr der kleine Ausflug überhaupt guttat. Gerne wäre sie mit ihren Arbeitskollegen um die Häuser gezogen und hätte ihren Schmerz im Suff ertränkt. Nur konnte Hannah diesen normalen Ritualen der Verdrängung nichts abgewinnen. Die Energie, die sie dafür aufbringen müsste, erschien ihr größer als das, was sie gewann.

Hannah war nun schon in Oldenburg, kurz vor Fehmarn, als sie aus ihren Gedanken erwachte. Ihr Nacken war immer noch steif. Ihre Fingerknochen taten weh und stachen weiß hervor, weil sie das Lenkrad weiterhin fest umklammerte. Sie konnte sich nicht erklären, warum ihr Körper nicht auf die Insel wollte. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Vielleicht sollte ich mit meinem albernen Ritual Schluss machen, dachte sie. Jedes Jahr sitze ich auf meinem Felsen und heule den Mond an, anstatt Reisen zu unternehmen, einen Mann kennenzulernen, eine Familie zu gründen und all das zu machen, was das Leben erfüllt. Ich bin siebenunddreißig. Ich habe den größten Teil des Lebens vor mir. Ich kann Kinder aufwachsen sehen, Kontinente entdecken, beruflich neue Wege gehen, ein Haus im Grünen kaufen und was weiß ich nicht noch. Es wird Zeit, die alten Pfade zu verlassen. Es wird Zeit, Träume in die Tat umzusetzen. Vielleicht brauche ich dafür eine Therapie, liege zwei bis drei Jahre auf einer Couch herum und quatsche all das heraus, was mich bewegt. Vielleicht geht es mir danach besser und ich fange an, das Leben zu genießen, auf Menschen zuzugehen und Freunde zu finden. Vielleicht lerne ich auf einer Party meinen Traummann kennen und bin nach einem Jahr verheiratet. Rechnen wir das alles zusammen, könnte ich mit einundvierzig mein erstes Kind bekommen. Dafür muss ich nur aufhören, den Mond anzubeten und mir einen guten Therapeuten suchen. Das klingt gar nicht so schwierig. Das sollte selbst ich hinbekommen. So ging es in Hannahs Kopf hin und her, bis sie den Entschluss fasste, es nach ihrem Urlaub zu probieren.

Hannah verließ die Bundesstraße an der Abfahrt Landkirchen. Jetzt waren es noch zehn Kilometer bis zu Erika und Heinz. Die beiden hatten keine Kinder, obwohl sie gerne Kinder gehabt hätten. Sie nahmen Hannah immer herzlich auf und gaben ihr all das, was sie brauchte, um nicht ganz im Grau des Nebels zu verschwinden. Die beiden schafften es, Hannah genügend Freiraum zu lassen, sie dennoch aus ihrem Schneckenhaus zu zerren, wenn sie sich zu sehr darin verschanzte.

Je älter Hannah wurde, desto mehr bemerkte sie, wie schwer es den beiden fiel, diese Waage zu halten. Es war eine Mischung aus Instinkt, Berechnung und Ausprobieren, mit denen Heinz und Erika arbeiteten. Oftmals war es auch ein Spießrutenlauf und Hannah spürte die Anspannung der beiden und begann die Gespräche ihres Onkels und ihrer Tante zu belauschen. Da erst merkte sie, wie sehr sie unter Hannahs Verschlossenheit litten. Hannah wollte nicht, dass irgendjemand ihretwegen litt. Sie bemühte sich, die Ordnung wieder herzustellen. Versuchte sich so zu benehmen, wie vor Sörens Tod. Nach einiger Zeit wurde ihr klar, dass sie damit gar nichts gewann. Ihre Tante und ihr Onkel waren viel zu feinfühlig, um ihr Spiel nicht zu durchschauen. Hilflos musste sie kapitulieren und ihre Verschlossenheit selbst akzeptieren. Dennoch gelang es ihr ab und an tatsächlich, sich über gemeinschaftliche Spieleabende und das Beisammensitzen am Frühstückstisch zu freuen. Und auch im Garten half sie wieder mehr mit, pflückte die Äpfel von den Bäumen, säte Gemüse aus, pflanzte Kräuter an und lachte dabei mit Heinz und Erika als gäbe es die Vergangenheit nicht. Für einige Stunden stand dann die Zeit still und das Universum schrumpfte auf Familiengröße zusammen. Dies waren wundervolle Momente, die alle beteiligten gerne in ihren Herzen bewahrten und davon zehrten, wenn die Zeiten besonders trübe wurden.

Hannah bog in eine kleine Seitenstraße in Vitzdorf ein und sah das Haus ihrer Tante und ihres Onkels vor sich. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer und ihr Körper entspannte sich. Sie fuhr auf die Einfahrt und hupte. Heinz und Erika standen am Fenster und winkten, bevor sie aus der Haustür traten und ihre Nichte herzlich begrüßten.

„Da ist ja unsere Urlaubstochter. Erika hockt seit Stunden am Fenster und blickt nervös raus. Wurde wirklich Zeit, dass du kommst“, begrüßte Heinz Hannah und umarmte sie. Auch Erika drückte ihre Nichte fest an sich. Hannah ließ dieses Begrüßungsritual über sich ergehen. Gerne hätte sie es weggelassen, wusste aber auch, wie wichtig es den beiden war. Hannah war immer wieder verblüfft über die Freude, die ihre Anwesenheit auslöste. Diese bedingungslose Liebe, die sie hier erfuhr, hätte sie sich von ihren Eltern gewünscht. Es machte sie traurig, dass es nur ihre Tante und ihr Onkel waren, die sie ihr gaben.

Heinz brachte Hannahs Koffer ins Haus, Erika ging in die Küche, um die Suppe aufzuwärmen und Hannah setzte sich aufs Sofa und betrachtete ihre Umgebung. Sie musste erst einmal ankommen. Heinz setzte sich dazu, drückte ihr ein Bier in die Hand und prostete ihr zu.

„Und? Irgendwelche Pläne für den Sommer?“, fragte er und nippte an seinem Bier.

„Nein, wie immer. Chillen und aufs Wasser starren.“

„Verstehe. Morgen Abend steht der Supervollmond am Himmel. Da willst du sicherlich zum Strand. Dafür hättest du allerdings lieber im August kommen sollen. Morgen soll er nicht so spektakulär zu sehen sein, wie im letzten Monat. In diesem Jahr haben wir insgesamt drei Supervollmonde. Absoluter Rekord. Hat die Weltuntergangsgurus auf den Plan gerufen. Am Strand haben einige Spinner eine Endzeitparty gefeiert und behauptet, der neue Messias werde in dieser Nacht geboren, um seine Anhänger in vierunddreißig Jahren zu Gott zu holen, wenn die Erde zerbricht.“

„Wieso denn genau in vierunddreißig Jahren?“

„Weil es in vierunddreißig Jahren wieder drei Supervollmonde in einem Jahr gibt. Jesus war doch auch Mitte dreißig, als er für unsere Sünden starb. Irgendein selbst ernannter Prophet sieht dies als Zeichen für den Untergang der Erde und der Wiedergeburt Gottes Sohns an. An deinem Lieblingsstrand haben sie gesungen, gebetet und den Predigten ihres Gurus gelauscht. Ich komm nicht auf seinen Namen. Ist auch egal, oder?“

„Supervollmond, welch blödes Wort. Als ob er Superkräfte hätte und sich auch nur irgendetwas auf der Welt durch ihn verändern würde. Die einen glauben, wir würden durch seine Kraft weiser, die anderen sehen uns dem Untergang geweiht, sobald der Mond der Erde zu nahe kommt. Dabei passiert das seit Millionen von Jahren immer wieder und nichts hat sich dabei verändert, weil sich nie etwas ändern wird auf diesem dämlichen Planeten.“

„Du wirkst unzufrieden. Was ist los?“

„Ich denke über meine Zukunft nach. Jetzt bin ich siebenunddreißig und immer noch alleine. Ich weiß, es sieht so aus, als sei ich damit zufrieden. Ich frag mich nur, ob ich es wirklich bin. Wie seid ihr damit klargekommen, dass ihr keine Kinder bekommen konntet?“, fragte Hannah gerade heraus und Heinz verschluckte sich an seinem Bier.

„Ach herrje, das ist ja ein Thema. Wollen wir das beim Abendessen mit Erika zusammen besprechen? Ich glaube, die weibliche Seite ist hier mehr gefragt als meine. Lass uns schnell aufdecken, dann ist Erika nicht so alleine in der Küche.“

Beide standen auf, verließen das Wohnzimmer und begannen schweigend den Tisch in der großen Küche zu decken.

„Was ist denn los? Habt ihr euch schon nach fünf Minuten nichts mehr zu erzählen?“, fragte Erika.

„Hannah hat gefragt, wie wir mit unserer Kinderlosigkeit umgegangen sind“, presste Heinz hervor.

„Hannah denkst du über Kinder nach? Ich dachte, du machst dir nichts aus Kindern. Willst du denn auch einen Mann dazu?“, fragte Erika und merkte, wie eigenartig diese Frage klang.

„Ja, ich will schon einen Mann dazu. Ich meine eine richtige Familie. Ob ich mir etwas aus Kindern mache, kann ich selbst nicht ganz beurteilen. Da sind so viele Wünsche und Träume in mir und dann stelle ich immer wieder fest, dass ich die falsche Person dafür bin. Es scheitert schon daran, einen Mann kennenzulernen. Wie soll ich einen vor den Traualtar bekommen, wenn die ersten Dates bereits ein einziges Desaster sind?“

Hannah schluckte den Kloß herunter, der sich in ihrem Hals zu bilden begann. Hatte sie schon zu viel gesagt? Wollte sie wirklich mit Heinz und Erika über die gesamte Problematik reden? In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie fasste neuen Mut und setzte erneut an.

„Ich denke, ich sollte eine Therapie machen. So kann es nicht weitergehen. Ich will nicht alleine bleiben. Ich möchte eine Familie gründen und glücklich werden. Endlich einmal glücklich sein!“ Bei diesen Worten kullerten die ersten Tränen und Hannah spürte die Verzweiflung in sich aufkeimen. Was war bloß los mit ihr? Sie setzte sich hin. Ihr Körper flatterte. Eine große schlammige Brühe löste sich in ihr und bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche. Nun flossen die Tränen über ihre Wangen, die immer mehr zu glühen begannen. Ihre Schultern bebten. Metallgeschmack machte sich im Mund breit und ihre Nase lief. Hannah fühlte sich hilflos. Gleichzeitig schämte sie sich für ihren Gefühlsausbruch. Sie konnte ihn nicht stoppen. So ließ sie ihn einfach geschehen und merkte, wie gut das tat. Die Scham blieb, doch das Gefühl von Befreiung herrschte vor.

Heinz und Erika setzten sich ebenfalls an den Küchentisch. Beide hätten Hannah gerne getröstet und umarmt, wussten aber, dass es besser sei, sie nicht anzufassen und ihr einfach nur zuzuhören. Sie versuchten aus den Wortfetzen schlau zu werden, die immer wieder von Tränenergüssen unterbrochen wurden. Hannahs Trauer schien endlos und Erika und Heinz tauschten immer wieder Blicke. Heinz fühlte sich unwohl. War dies jetzt nicht eher so ein Frauending? Sollte er lieber gehen? Erika ging zum Küchenschrank und holte nur zwei Gläser und eine Flasche Schnaps heraus. Das Zeichen dafür, dass Heinz entlassen war. Dann setzte sie sich wieder hin, wartete, bis ihr Mann den Raum verlassen hatte, schenkte die Gläser voll und reichte Hannah eins davon.

„Nun kippen wir uns erst einmal ´nen Lütten hinter die Binde und dann erzähl ich dir mal etwas über deine Mutter“, dabei prostete sie Hannah zu, schluckte den Schnaps herunter und schenkte nach.

„Du bist deiner Mutter sehr ähnlich. Ähnlicher als du denkst. Sie war ebenfalls eine sehr verschlossene junge Frau. Ließ keinen Mann an sich heran. Verehrer hatte sie genug, weil ihre Unnahbarkeit die Männer reizte. Wie oft hab ich auf Charlotte eingeredet, sie solle sich verabreden. Ausgehen, Spaß haben, flirten. Es war nichts zu machen. Charlotte wollte nichts von all dem hören. Als ich sie einmal fragte, ob sie denn keine Familie haben wolle, sagte sie mir, dass es ihr größter Wunsch sei, eine Familie zu gründen. Sie wollte mindestens drei Kinder haben. Sie war aber der festen Überzeugung, dass der Richtige nicht unter den jungen Männern hier zu finden sei. Sie sagte, sie wartet ab. Der Richtige wird eines Tages kommen und sie wird ihn erkennen. Ehrlich, ich hab sie für verrückt erklärt. Nachdem Heinz und ich schon verheiratet waren, hatte Charlotte immer noch keine einzige Verabredung angenommen. Und damals war sie schon dreißig Jahre alt. Charlotte war immer sehr ruhig und in sich gekehrt. Sie hatte viele Hobbys, wanderte gerne am Strand entlang und beobachtete die Natur. Sie malte und las viel. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und war überzeugt, dass sie als einsame Frau enden würde.“

Erika machte eine Atempause, lächelte warmherzig und sprach weiter.

„Eines Tages stand sie vor unserer Tür mit deinem Vater. Sie lernte Reiner bei einem ihrer Spaziergänge kennen. Deine Mutter war locker und fröhlich in seiner Gegenwart und die beiden gingen so vertraut miteinander um, dass man glauben konnte, sie kannten sich schon ein ganzes Leben. Als Reiners Urlaub vorbei war, packte deine Mutter ihre Sachen und zog mit ihm nach Agathenburg. Einfach so. Da wusste ich, Charlotte hatte von Anfang an recht gehabt. Sie hatte auf Reiner gewartet.“

Erika trank ihren Schnaps aus und schenkte nach. Hannah zog gleich.

„Und wieso sind die beiden so kalt zueinander? Sie hätten den Tod von Sören gemeinsam bewältigen können. Warum haben sie mich all die Jahre nicht beachtet? Ich war schließlich auch noch da“, entgegnete Hannah, goss den nächsten Schnaps in sich hinein und hielt Erika das Glas hin. Erika wollte gerade nachschenken, doch Hannahs Körper schüttelte sich schon wieder vom Weinen. Ich war auch noch da, diese Worte klangen immer wieder in Hannahs Kopf und je öfter sie die Worte wiederholte, desto verzweifelter und wütender wurde sie.

„Warum haben sie es nicht gemeinsam geschafft? Jedenfalls mir zuliebe.“

„Weißt du, das habe ich auch nie verstanden. Ich hätte schwören können, die beiden meistern jede Situation zusammen. Ich kann dir darauf keine befriedigende Antwort geben. Nach Sörens Tod konnte ich mit Charlotte ebenfalls nicht mehr umgehen. Sie zog sich zurück, ließ niemanden an sich heran. Sie steckt seitdem voller Schuldzuweisungen. Reiner erzählte mir einmal, dass sie ihn für den Tod von Sören verantwortlich machte. Es seien seine Gene, die die Krankheit ausgelöst hätten, warf sie ihm vor. Dann wiederum gab sie sich selbst die Schuld, weil sie während der Schwangerschaft eine Schmerztablette eingenommen hatte. Einige Zeit später waren es die Ärzte. Zu guter Letzt schob sie alles auf die Umweltverschmutzung und da hatte sie in Stade eine Menge Gründe vorzubringen. Sie recherchierte über das Ölkraftwerk Schilling, das zu Sörens Geburt noch aktiv war. Dann waren es die Auswirkungen von Tschernobyl, die deinen Bruder angeblich krank machten. Sie informierte sich über Kernkraftwerke, war wie besessen von der Idee. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch den Kernkraftwerken Stadersand und Brokdorf die Schuld zuwies. Und zum Schluss bekam alles dein Vater ab, weil er sie in das verseuchte Agathenburg geholt hatte, anstatt mit ihr auf Fehmarn eine Familie zu gründen. Weißt du Hannah, es ist nicht abwegig, dass die Leukämie durch das Kernkraftwerk Stadersand begünstigt wurde. In den achtziger Jahren war das Thema auch schon brisant, es gab aber noch keine gründlichen Untersuchungen. Jedenfalls keine, die öffentlich zugänglich waren. Wir waren uns somit nicht sicher, ob diese Theorie Hand und Fuß hatte. Wir wollten sie nicht zu sehr darin bestärken. Wir dachten, sie verrennt sich. Charlotte war voller Schmerz und ihre Argumentation wechselte ständig die Richtung. Sie war auf der Suche nach einer Erklärung, die ihr keiner geben konnte.“

Erika hielt inne und spielte mit ihrem Glas. Ihre Stimme klang rau, als sie weitersprach.

„Deine Mutter hätte eine Therapie gebraucht. Vielleicht hättet ihr alle eine Familientherapie nötig gehabt. Deine Mutter ließ es aber nicht zu, meinte, wir wollten sie nur gerade rücken, die Gefahr der Atomkraftwerke unter den Tisch kehren. Manchmal war sie wie von Sinnen.“

Erika räusperte sich, um das Kratzen im Hals zu lösen. Ihr Blick schweifte kurz zum Wasserhahn hinüber. Sie blieb jedoch sitzen und trank ihren Schnaps aus.

„Als Familie haben versagt, darüber haben Reiner, Heinz und ich oft geredet. Wir hätten handeln müssen. Vielleicht hätten wir deine Mutter in eine Klinik einweisen lassen müssen.“

Erika wischte mit der Hand die kleinen Ränder weg, die sich auf dem Tisch von den Schnapsgläsern gebildet hatten.

„In den letzten Jahren dachte ich oft darüber nach, ob deine Mutter nicht sogar recht hatte. Seit immer mehr über die Gefahren der Atomkraftwerke ans Licht kommt, sehe ich die Verzweiflung deiner Mutter mit anderen Augen. Wie muss man sich fühlen, wenn man eventuell recht hat, einem aber nicht geglaubt wird. Würde ich dann nicht auch wahnsinnig werden und toben? Wir haben lange überlegt, wie wir euch am besten helfen könnten. Da du bei der ganzen Sache zu kurz kamst, versuchten wir jedenfalls dir Halt und Sicherheit zu geben. Soweit es uns möglich war. Seit dem Tod deines Bruders fühlen wir uns auch machtlos. Es ging an uns nicht spurlos vorbei, schließlich sind wir eine Familie. Deinen Eltern können wir nicht mehr helfen, wir können aber dir zur Seite stehen.“

Erika holte kurz Luft, füllte ihr Glas und trank es in einem Zug aus. Dann ergriff sie Hannahs Hand und schaute ihrer Nichte fest in die Augen.

„Hannah, ich finde es gut, dass du den Tod deines Bruders und die daraus resultierende Familienproblematik aufarbeiten willst. Da bist du deinen Eltern einen großen Schritt voraus. Du solltest dir einen guten Therapeuten suchen. Gehe aber nicht davon aus, dass du hinterher ein anderer Mensch sein wirst. Du bist ein verschlossener Typ und vielleicht wirst du es auch immer bleiben. Es gibt aber sicherlich einen Mann, der zu dir passt und mit dem du glücklich werden kannst. Und er wird eines Tages vor dir stehen.“

„Und dann? Dann endet es so wie zwischen Charlotte und Reiner? Was nützt mir die große Liebe, wenn sie keine schlechten Zeiten übersteht? Schau dir an, wie die beiden zusammenleben. Es ist grausam, dies miterleben zu müssen. Sie schweigen sich an und sind sich egal.“