Tödliches Spiel in Barcelona - Isabella Esteban - E-Book
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Tödliches Spiel in Barcelona E-Book

Isabella Esteban

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Beschreibung

Die Sonne geht auch über Leichen auf ...

Frühmorgens im berühmten Park Güell in Barcelona: Still sitzt ein Mann auf der Bank, ihm zur Seite sein treuer Hund. Doch die Idylle trügt, der Mann ist tot, gestorben an der Überdosis eines Betäubungsmittels. War es Selbstmord oder Mord? Comissari Jaume Soler übernimmt die Ermittlungen, und schon kurze Zeit später taucht in einem anderen Park eine zweite Leiche auf. Wieder war Betäubungsmittel im Spiel. Eine weitere Übereinstimmung scheint es nicht zu geben. Zufall, oder hat Comissari Soler es mit einer Mordserie zu tun? Eine Frage, die sich auch seine Schwester Montse stellt und ihm mit eigenen Nachforschungen dazwischenfunkt ...

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelWidmungDonnerstag, 28. September, 6:05 Uhr – Antonio Cruz –Donnerstag, 28. September, 6:55 Uhr – Niña –Donnerstag, 28. September, 8:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Donnerstag, 28. September, 13:30 Uhr – Montse Soler Martí –Donnerstag, 28. September, 14:45 Uhr – Jaume Soler Martí –Donnerstag, 28. September, 15:00 Uhr – Ignacia Martí Jiménez –Donnerstag, 28. September, 15:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 29. September, 15:50 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 29. September, 21:55 Uhr – Montse Soler Martí –Samstag, 30. September, 8:10 UhrJaume Soler Martí –Sonntag, 01. Oktober, 15:30 Uhr – Montse Soler Martí –Sonntag, 01. Oktober, 20:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 02. Oktober, 10:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 02. Oktober, 22:20 Uhr – Montse Soler Martí –Dienstag, 03. Oktober, 8:20 Uhr – Niña –Dienstag, 03. Oktober, 12:45 Uhr – Jaume Soler Martí –Mittwoch, 04. Oktober, 10:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Mittwoch, 04. Oktober, 15:30 Uhr – Ignacia Martí Jiménez –Mittwoch, 04. Oktober, 18:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Donnerstag, 05. Oktober, 8:45 Uhr – Jaume Soler Martí –Donnerstag, 05. Oktober, 18:45 Uhr – Montse Soler Martí –Freitag, 06. Oktober, 9:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 06. Oktober, 9:30 Uhr – Montse Soler Martí –Freitag, 06. Oktober, 14:00 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 06. Oktober, 14:30 Uhr – Montse Soler Martí –Samstag, 07. Oktober, 10:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Sonntag, 08. Oktober, 11:45 Uhr – Jaume Soler Martí –Sonntag, 08. Oktober, 21:45 Uhr – Montse Soler Martí –Sonntag, 08. Oktober, 23:55 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 09. Oktober, 9:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 09. Oktober, 10:30 Uhr – Rodrigo Díaz –Montag, 09. Oktober, 15:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 09. Oktober, 16:30 Uhr – Montse Soler Martí –Dienstag, 10. Oktober, 7:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Dienstag, 10. Oktober, 11:40 Uhr – Montse Soler Martí –Dienstag, 10. Oktober, 14:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Dienstag, 10. Oktober, 15:45 Uhr – Calderon –Dienstag, 10. Oktober, 17:35 Uhr – Jaume Soler Martí –Dienstag, 10. Oktober, 21:15 Uhr – Hermosa Bazo –Mittwoch 11. Oktober 8:25 Uhr – Jaume Soler Martí –Mittwoch, 11. Oktober, 16:30 Uhr – Montse Soler Martí –Mittwoch, 11. Oktober, 18:45 Uhr – Jaume Soler Martí –Mittwoch, 11. Oktober, 19:40 Uhr – Niña –Mittwoch, 11. Oktober, 20:30 Uhr – Montse Soler Martí –Mittwoch, 11. Oktober, 21:25 Uhr – Jaume Soler Martí –Donnerstag, 12. Oktober, 9:55 Uhr – Jaume Soler Martí –Donnerstag, 12. Oktober, 20:10 Uhr – Montse Soler Martí –Donnerstag, 12. Oktober, 21:00 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 6:05 Uhr – Ignacia Martí Jiménez –Freitag, 13. Oktober, 10:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 16:30 Uhr – Montse Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 16:35 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 17:30 Uhr – Montse Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 18:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 18:10 Uhr – Montse Soler Martí –Freitag, 13. Oktober, 18:20 Uhr – Calderon –Freitag, 13. Oktober, 18:25 Uhr – Jaume Soler Martí –Samstag, 14. Oktober, 14:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Samstag, 14. Oktober, 17:15 Uhr – Hermosa Bazo –Samstag, 14. Oktober, 22:30 Uhr – Ignacia Martí Jiménez –Sonntag, 15. Oktober, 6:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 7:15 Uhr – Calderon –Montag, 16. Oktober, 10:00 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 11:30 Uhr – Montse Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 14:30 Uhr – Hermosa Bazo –Montag, 16. Oktober, 15:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 19:20 Uhr – Montse Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 19:25 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 20:20 Uhr – Montse Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 20:30 Uhr – Jaume Soler Martí –Montag, 16. Oktober, 21:45 Uhr – Francisca Acosta –Montag 16. Oktober 22:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Dienstag, 17. Oktober, 6:05 Uhr – Montse Soler Martí –Dienstag, 17. Oktober, 9:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Dienstag, 17. Oktober, 10:15 Uhr – Calderon –Dienstag, 17. Oktober, 10:20 Uhr – Jaume Soler Martí –Dienstag, 17. Oktober, 15:25 Uhr – Francisca Acosta –Mittwoch, 18. Oktober, 11:05 Uhr – Jaume Soler Martí –Mittwoch, 18. Oktober, 21:30 Uhr – Montse Soler Martí –Donnerstag, 19. Oktober, 09:05 Uhr – Rodrigo Díaz –Donnerstag, 19. Oktober, 21:15 Uhr – Jaume Soler Martí –Nachwort der Autorin, Erläuterungen und DankImpressum

Über dieses Buch

Im berühmten Park Güell in Barcelona wird eine Leiche entdeckt, Todesursache: eine Überdosis eines Betäubungsmittels. Selbstmord oder Mord?, fragt sich Comissari Jaume Soler. Nach der Obduktion ist jedoch klar: Der Mann wurde umgebracht. Kurze Zeit später taucht eine zweite Leiche auf, wieder wurde ein Betäubungsmittel verabreicht. Zufall, oder hat Comissari Soler es mit einer Mordserie zu tun, die das sommerlich-heiße Barcelona erschüttert?

Über die Autorin

Isabella Esteban ist das Pseudonym der Autorin Brigitte Pons (Jahrgang 1967). Sie lebt in der Nähe von Frankfurt/Main, schreibt Romane und Kurzgeschichten und ist dabei immer auf der Suche nach dem perfekten Text. Neben dem Schreiben liebt sie das Reisen und ganz besonders Barcelona.

I S A B E L L A E S T E B A N

TÖDLICHES SPIEL IN

BARCELONA

Comissari Soler ermittelt

Dedicat a Barcelona i Nicol – gràcies per tot

Donnerstag, 28. September, 6:05 Uhr– Antonio Cruz –

Das Wasser versickerte. Nach und nach schrumpfte die Pfütze in der Mitte des Trichters zusammen, an dessen Rand sich dunkelbraune Halden absetzten. Wie Schutthügel. Antonio goss nach. Kochendes Wasser schwemmte das Pulver auf. Er schloss die Augen, zu müde für eine verächtliche Grimasse. Filterkaffee war etwas für Geduldige. Nichts für ihn. Und die Schutthügel türmten sich überall um ihn auf, Tag und Nacht, weil sein ganzes Leben aus einem verfluchten Trümmerhaufen bestand.

Er spürte einen leichten Stoß am Oberschenkel, dann drückte sich eine feuchte Hundeschnauze in seine Kniekehle.

»Verschwinde«, knurrte er. »Siehst du nicht, dass das noch dauert?«

Der Hund wedelte.

»Was denkst du eigentlich, warum ich um diese Zeit aufstehe, hä? Weil mir das Spaß macht?« Das Tier akzeptierte einfach nicht, dass er es nicht leiden konnte, himmelte ihn dümmlich und ergeben an. Antonio warf eine Handvoll Trockenfutter in den Napf. »Na los, friss.«

Er nahm die Thermosflasche aus dem Schrank, drehte den Deckel ab und biss die Zähne aufeinander. Ein regelmäßiger morgendlicher cortado außer Haus war nicht mehr drin. Aber Futter für den blöden Köter, den er nie gewollt hatte. Den hätte seine Frau mitnehmen sollen, als sie abgehauen war.

Langsam füllte er die Flasche. Im Zimmer der Mädchen war es noch still. Bis die beiden sich regten, verging noch mindestens eine halbe Stunde. Die brauchten ihn nicht, um sich für die Schule fertig zu machen. Geistesabwesend schaute er auf die Kanne, dann in die Flasche. Erst halb voll. Er zögerte, schenkte nach, ließ drei Finger breit Luft. Höchste Zeit, den Schutt loszuwerden.

Draußen war es noch finster. Feuchtigkeit hing in der Luft, ein Rest nächtlicher Abkühlung, eher klamm als erfrischend. Nach wenigen Metern kreuzte Antonio die Travessera de Dalt, die zur Plaça Lesseps führte. Eine Insel im Beton, die der Verkehr wie ein Fluss umspülte. Von dort war er mit der Metro zur Arbeit gefahren, genau um diese Zeit. Früher. Bevor ihn die Schuttlawine überrollt hatte. Seitdem schlug er morgens die entgegengesetzte Richtung ein. Hügelaufwärts.

Der Hund trottete mit der Leine im Maul neben Antonio her. Sie kannten den Weg beide im Schlaf. Das Einzige, was auf ihrer Runde variierte, waren das Wetter und die Temperatur. Und der Augenblick des Sonnenaufgangs. Dennoch schafften sie es fast immer, diesen an der gleichen Stelle zu erleben. Dann lag ihnen die Stadt zu Füßen.

Der Rollladen am Minimarkt war bereits bis auf Kniehöhe hochgezogen. Schon von Weitem zeichnete sich ein heller Streifen am Rand des schmalen Gehwegs ab. Im Innern brannte Licht. Vor der Tür, jetzt noch verborgen, hingen tagsüber Fächer und bunte Souvenirs von schlechter Qualität, die Touristen anlocken sollten. Im Laden selbst gab es alles, was man zum Leben brauchte. Antonio blieb stehen, ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen. Weiter hinten rumorte es. Schritte schlurften heran, braune Füße in Badelatschen schoben einen Karton mit aufblasbaren Schwimmtieren vor sich her, darüber erkannte er die schlabberige Stoffhose und den Kaftan des Inhabers. Ob der Inder überhaupt eine Wohnung hatte? Oder war er Pakistani? Da war Antonio nie sicher. Sie redeten nur das Nötigste, und das war nicht viel. Ihm war es ohnehin am liebsten, in Ruhe gelassen zu werden. Der Laden hatte jedenfalls beinahe rund um die Uhr geöffnet.

Er zögerte, dachte an den cortado, den er mit den Kollegen vor dem Dienst im Café getrunken hatte, an die Besuche in der Bar zum Feierabend. Auf ein Bier und ein paar tapas. Kleinigkeiten, die ihm heute als Luxus erschienen. Die er sich versagte, um Hefte und Schulausflüge bezahlen zu können. Von den Kreditraten für die Wohnung ganz zu schweigen.

Einige Meter voraus drehte der Hund sich um, machte kehrt und setzte sich wieder an die Seite seines Herrn. Von der Leine tropfte es. Sein Schwanz fegte den Gehweg.

Antonio packte die Stofftasche mit der Thermosflasche fester. Wieso guckte der so? Auffordernd, drängend.

»Ich weiß, die Sonne geht bald auf.« Was wusste ein Tier schon von den Sorgen eines Menschen? Unvermittelt überfiel ihn ein Lächeln und er tätschelte den Kopf des Hundes. Neuer Tag, neues Glück. Warum sollte das für ihn nicht gelten? Ein kleines bisschen Glück. Das konnte die Welt ihm doch gönnen. Und er sich auch. »Wir kommen schon rechtzeitig. Keine Sorge. Also entspann dich, ja?«

Er wummerte mit der Faust an die Lamellen, bis er glaubte, eine undeutliche Antwort zu hören, und tauchte darunter hindurch.

Donnerstag, 28. September, 6:55 Uhr– Niña –

Auf Zehenspitzen drehte sie sich um sich selbst. Wie lustig das knirschte unter den Sandalen! Jeden Morgen freute sie sich auf den Weg zur Vorschule. Vor allem, wenn ihre Mama früher zur Arbeit musste und sie vorher bei Señora Muñoz ablieferte. Zu Señora Muñoz zu laufen dauerte länger, aber es war viel schöner und sie kamen an fünf Baustellen vorbei. Fünf, das war doch ihre Lieblingszahl! Außerdem gab es dort so viel zu sehen. Und sie fand immer etwas, das sie gebrauchen konnte. Auch wenn ihre Mama meistens darüber schimpfte.

»Beeil dich, wir sind spät dran!«

Vor ihren Füßen stoben Staubwölkchen auf, als sie schlurfend durch den Kies pflügte. Ein kleines silbernes Ding flog dabei durch die Luft, das sie eilig aufsammelte. Es glitzerte, war glatt und rund auf der einen Seite und hatte auf der anderen ein Loch mit einer Windung wie ein Schneckenhaus. Ein Silberkugelschneckennupsi. Sie kicherte. Señora Muñoz würde das gefallen. Ihre Faust schloss sich darum und sie hopste weiter, ihrer Mama hinterher, die schon wieder auf ihr Smartphone guckte und wichtige Sachen eintippte.

»Mach nicht dauernd solchen Dreck!«

»Ja-ha!« Auf ihrem Rücken tanzte ein kleiner Rucksack auf und ab. Sie rannte voraus, kletterte auf die unterste Verstrebung des nächsten Bauzauns. Unter einem Schild hindurch konnte sie ein bisschen von der Sonne sehen, die hinter dem Hügel aufstieg. Wie gern wäre sie länger geblieben, um die mächtigen Maschinen bei der Arbeit zu beobachten, oder am Nachmittag wiedergekommen. Aber ihre Mama konnte den Lärm nicht leiden. Genauso wenig mochte sie die Leute, die wegen der Aussicht herkamen, und ihre Trödelei.

Sie sprang vom Zaun, als sie die Mutter erneut rufen hörte, und flitzte los. Eine Steinchenfontäne spritzte hoch, erzeugte beim Herabrieseln ein merkwürdig helles Prasseln auf dem Boden. Beinahe wäre sie auf etwas draufgetreten. Nachdem sie sich versicherte hatte, dass ihre Mutter einfach weiterging, sank sie in die Knie. Neugierig betrachtete sie den Gegenstand von allen Seiten, wischte ihn ab und verstaute ihn dann in ihrem Rucksack. Das war noch viel besser als der kleine Silber-Nupsi! Instinktiv wusste sie, dass sie diesen Fund ganz für sich behalten und nicht einmal Señora Muñoz zeigen würde.

Ein dumpfes Geräusch wie fernes wütendes Donnergrollen gepaart mit Drachenfauchen schreckte sie auf, und sie jagte davon, die Treppe hinunter, ohne sich noch mal umzusehen.

Donnerstag, 28. September, 8:05 Uhr– Jaume Soler Martí –

Das Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, trat ComissariJaume Soler Martí auf die Terrasse und schloss die Knöpfe seines Hemdes.

»Wir stehen in deinem Vorgarten«, brummte Calderon in den Hörer. »Kannst uns fast sehen.«

Den Park Güell als seinen Vorgarten zu bezeichnen, erschien Jaume in mehrerer Hinsicht eine Nummer zu groß. Dennoch kniff er automatisch die Augen zusammen und spähte über die Dächer des Viertels bis zu den grünen Wipfeln. »Wo genau?«

»Wo es am schönsten ist. Wo alle hinwollen. Und wenn du mich fragst, sind auch schon alle da.«

Alle, bis auf ihn. Das gehörte zu den kleinen Annehmlichkeiten, seit er sich Jefe nennen durfte: leitender Kommissar bei den Mossos d’Esquadra im Bereich Kapitalverbrechen und spezialisiert auf Mordermittlungen, mit zwei ihm ständig zugeteilten Mitarbeitern. Kein wirklich hohes Tier, aber im Rahmen seiner Tätigkeit anderen gegenüber weisungsbefugt. Nicht, dass er jemals eine Führungsposition angestrebt hätte. Irgendwie war es einfach passiert, und nun war er ein Vorgesetzter. Ergo musste er morgens nicht der Erste am Schreibtisch sein. Trotzdem kam es häufig vor. Weil er es mochte, den Tag in Ruhe zu beginnen. Doch danach sah es heute definitiv nicht aus.

»Wir können nichts machen. Verstehst du? Das ist der reinste Eiertanz, wegen diesem blöden Hund. Und alles voll mit Gaffern. Am liebsten würde ich von allen die Personalien aufnehmen und jeden hier einbestellen!«

Jaume schüttelte den Kopf. Calderons schlechte Laune gehörte ganztags zum Standardprogramm, aber vor seinem zweiten Frühstück war es besonders schlimm. »Durchatmen. Die gehen auch wieder.« Immerhin versuchte der Kollege, seinen Rat zu befolgen und schnaufte laut.

»Soll dich jemand abholen?«

»Nein. Nicht nötig.« Zehn Minuten, mehr brauchte er nicht zu Fuß, wenn er die Verbindungstreppen nutzte, die die kurvige Straße abkürzten. Er durchquerte die Wohnung, schlüpfte in seine Slipper und zog die Tür von außen ins Schloss. Stille blieb zurück, der er gerne entfloh. Mit wehmütigem Blick ließ er den Aufzug links liegen. Sein selbst auferlegtes Fitnessprogramm duldete keine Ausnahme für die drei Stockwerke. »Bin unterwegs.«

»Beeil dich, Jefe.« Calderon seufzte. »Bitte.«

Fluchend steckte Jaume das Mobiltelefon weg und legte einen Gang zu. Vor dem Haus bog er scharf rechts ab, erreichte nach kurzem Spurt die Hauptstraße und winkte mit gezücktem Dienstausweis einen Wagen heran. Eine Minute später saß er im Taxi. Fitness hin oder her – Calderon hatte ›bitte‹ gesagt –, also handelte es sich eindeutig um einen Notfall. Er musste sich sputen und Kraft sparen. Nach nur drei weiteren Minuten stieg Jaume am Parkeingang an der Carreta del Carmel wieder aus. Auf dem großzügig angelegten Vorplatz standen Souvenirverkäufer und Imbisswagen, und über die sandfarbenen Mauern reckten Palmen ihre gefiederten Blätter. Blaue Bänder zwangen die Touristenschlange an der Kasse in eine ordentliche Reihe. Wer heute ein Zeitfenster-Ticket für den Kernbereich der Anlage kaufen wollte, würde noch mehr Geduld aufbringen müssen als sonst. Denn genau dort, an einer der beiden meistbesuchten Stellen des Park Güell,wartete Calderon mit einer Leiche. Und das brachte üblicherweise jeden Zeitplan durcheinander.

Verstimmt gestand Jaume sich ein, dass seine Zeitschätzung zu optimistisch gewesen war. Dabei hatte er sich eingebildet, seinen ›Vorgarten‹ ziemlich gut zu kennen. Die versprochenen zehn Minuten schaffte er auch mit Taxiunterstützung gerade eben so.

Ein veritabler Menschenauflauf markierte sein Ziel. Überragt von zwei Mann der Reiterstaffel, die hoch zu Ross den Durchgang verwehrten. Auch ohne Ortskenntnis hätte er die Stelle somit kaum verfehlen können. Das Fell der Pferde glänzte in der Morgensonne unter wolkenlosem Himmel.

Trotz der laufenden Sanierungsarbeiten an der Plaça de la Natura riss der Touristenstrom nicht ab. Jeder wollte einmal auf dieser Terrasse gestanden haben. Jeder brauchte ein paar Schnappschüsse mit der schlangenförmig gewundenen Bank, die diese einfasste und deren Lehne zugleich die Balustrade bildete. Weltberühmt für ihr buntes Mosaikmuster und natürlich für den atemberaubenden Fernblick. Kaum einer ließ sich durch ein paar Bagger von seinem Vorhaben abbringen. Nun musste der Andrang der Gäste doppelt kanalisiert werden, zum Treppenabgang hin und um den Leichenfundort herum. Neben ein paar Unannehmlichkeiten brachte das auch unerwartete neue Fotomotive mit sich. Ein Meer aus Handys und Selfiesticks wogte über den Köpfen.

Im Vorbeigehen grüßte Jaume die Reiter, bewunderte die würdevolle Ausstrahlung und Gelassenheit von Mensch und Tier. Eine eingespielte Einheit, die es gewohnt war, angestarrt und abgelichtet zu werden.

Bei Calderon sah das anders aus. Der war weit entfernt von abgeklärter Ruhe. Mit Domenech, der auch ohne Pferd stets eine tadellose Haltung bewahrte, Kollegen der Guardia Urbana und einem Mann in Zivil bildete er einen unordentlichen Halbkreis. Ein improvisierter Sichtschutz schirmte einen Teil der Besucherblicke ab. Etwas abseits harrten die Sanitäter neben ihrem Fahrzeug aus, das ebenfalls ein wenig Deckung bot. Jaume gesellte sich zu ihnen.

»Comissari Soler«, stellte er sich vor und nickte in die Runde. »Bon dia. Worauf wartet ihr?«

»Einsatz oder Abbruch. Hängt von Doktor Mendez ab.« Ein großer Mann mit Vollbart kramte im Notfallkoffer.

»Ich dachte, wir haben einen Toten?«

»Stimmt. Aber den muss der Doktor noch untersuchen. Bisher kam er nicht ran.« In den Worten des Bärtigen lag eine gewisse Schadenfreude. »Und so lange bleiben wir. Falls doch noch einer gebissen wird.«

Die anderen lachten.

»Was wir natürlich niemandem wünschen«, ergänzte er rasch.

»Verstehe.« Jaume beschloss nicht nachzuhaken, wer mit wem aneinandergeraten war und ihrer Meinung nach einen Biss verdient hätte, und wechselte zu den Polizisten hinüber. Calderons Puls war augenscheinlich auf hundertachtzig.

»Wie lange soll das noch dauern? Dieser Hundefänger kommt doch nicht vom Mars! Wir machen uns zum Affen, weil wir an diesem Drecksvieh nicht vorbeikommen. Himmel, Arsch und …«

»Bon dia.« Jaume legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wo ist denn die Bestie?«

Domenech grinste verstohlen und wies zu der Parkbank, die sie mit ihrer geschlossenen Reihe verdeckt hatten. Dort kreiste ein Hund um den Toten. »Guten Morgen. Die Bestie macht einen prima Job.«

»Prima Job? Du hast sie doch nicht alle!« Calderon bedachte den jüngeren Kollegen mit einer wegwerfenden Geste.

Kommentarlos verstärkte Jaume den Druck seiner Hand. Das reichte. Der hatte genug Dampf abgelassen. Unstimmigkeiten so öffentlich auszubreiten empfand er als schlechten Stil. »Konnte der Tod sicher festgestellt werden, Doktor Mendez?«

»Ja«, bestätigte der Arzt. »Aber ich bin Notarzt und kein Dompteur. Mehr an Diagnose ist mir nicht geglückt.«

Dank des treuen Wächters.

»Comissari Soler«, schob Jaume nach, »Sie haben den Hundefänger angefordert?«

»Das war ich«, meldete sich einer der Guardias und schaute Jaume herausfordernd an. »Erschießen ist keine Option.«

»Gut.« Das sah er ganz genauso. Von wem dieser Vorschlag eingebracht worden war, konnte er sich ausmalen. Er musste sich Calderon wirklich dringend zur Brust nehmen, seine Entgleisungen häuften sich in den letzten Monaten. »Wenn der Hundefänger kommt, bitte zu mir schicken. Bis dahin, zieht euch zurück. Sie auch, Doktor Mendez, machen Sie Pause, bis der Weg frei ist. Das war gute Arbeit, Männer.« Reihum reichte er allen die Hand. »Domenech, Calderon – ihr bleibt mit einem Meter Abstand hinter der Bank.«

»Was hast du vor?«

Der Hund patrouillierte in höchster Alarmbereitschaft vor seinem Herrn. Zähnefletschend und knurrend, jederzeit zum Sprung bereit. Und mit eingekniffenem Schwanz.

»Nicht schießen jedenfalls.«

»Jaja. Dieser aufgeblasene Wicht musste mich natürlich verpetzen«, murrte Calderon. »Dabei habe ich nur ausgesprochen, was alle gedacht haben. Fünf Mann mit Dienstwaffe stehen hilflos herum. Was für ein Bild. Lächerlich!«

»Klar, vor Hunderten Zuschauern einen Hund abzuknallen, macht natürlich einen besseren Eindruck.« Domenech verzog einen Mundwinkel. Ohne zwingende Notwendigkeit löste man damit schnell einen kleinen Volksaufstand mit Protestkundgebungen gegen Polizeigewalt und Willkür aus. »Glückwunsch zu dieser Idee.«

»Auf deine warte ich immer noch. Nichtstun ist keine Lösung.«

Mit einer ausholenden Armbewegung dirigierte Jaume die Streithähne weiter auf Abstand. Er selbst beschritt einen kleinen Bogen weg von der Bank, um sich dann wieder anzunähern. Dabei unterzog er die Gesamtsituation und die direkte Umgebung einer raschen Prüfung. Er hätte es bevorzugt, eine Weile allein zu sein, um sich völlig ungestört einen Eindruck zu verschaffen. Aber das war nicht drin.

Die auf den ersten Blick profane Baustelle legte das geheimnisvolle Innenleben der Plaça de la Natura bloß. Offenbarte ein Herz aus Betonkuppeln, umgeben von einem ausgeklügelten Drainagesystem, das die Mauer und die darunterliegende Säulenhalle vor dem Eindringen von Regenwasser schützte. Der über hundert Jahre alte Park litt unter der Begeisterung, die alle Welt für ihn hegte, unter Millionen von Besuchern und der Witterung. An ihrem Standort wenige Stufen oberhalb der Plaça verlief der Hauptweg im weiten Bogen. Dort, wo üblicherweise die Tische des in die Flanke des Hügels eingebetteten Restaurants zur Rast einluden, lagerte jetzt Baumaterial. Es faszinierte Jaume, wie die Mauer natürliche Strukturen nachahmte und aus der Ferne betrachtet mit den Palmen davor zu einem Wald verschmolz. Die baubedingten Einschränkungen änderten nichts an der spektakulären Aussicht. Über die Terrasse hinaus blickte man auf Gaudís verspielte Häuser am Haupteingang mit ihren Kuppeldächern und dem darüber aufragenden Kreuz, die tiefer liegende Stadt und das Meer. Jaume atmete bewusst ein und aus. Wie selten man doch innehielt und diese Dinge in ihrer ganzen Schönheit wahrnahm. Er zog seinen Fokus enger.

Wieder an der Bank angekommen, sank er seitlich versetzt und sehr langsam in die Hocke. In sich zusammengesackt, aber fast aufrecht, saß der Tote da, als machte er nur ein kleines Nickerchen. Doch Mund und Augen standen halb offen. Auf seinem Hemd hatte er einen großen bräunlichen Fleck, ungleichmäßig ausgebreitet von der Brust bis zum Bauch. Rechtslastig, wie auch seine Schräglage. Links waren einige zusätzliche kleinere Spritzer. Kein Erbrochenes. Neben ihm lagen ein zylindrischer Gegenstand, den Jaume nicht genau erkennen konnte, und eine Stofftasche. Unter der Bank sah er zerknüllte schmutzige Papiertücher, eine feuchte Stelle im Sand und eine Hundeleine.

»Was wissen wir?« Er dämpfte seine Stimme, ließ die Hände locker zwischen den Knien baumeln, wandte sich dem Hund zu, ohne ihn direkt anzusehen. »Redet mit mir. Aber leise.«

»Eine Joggerin hat ihn gefunden«, sagte Domenech. »Sie kam auf ihrer Runde zweimal vorbei und hat sich über seine unveränderte Haltung gewundert. Auf ihre Ansprache hat er nicht reagiert. Ihn anzufassen hat sie sich nicht getraut.«

»Sein Begleiter hat ihn abgeschirmt?« Ein Wachhund mit ausgeprägtem Instinkt, was sich leider in diesem Falle kontraproduktiv für seinen Besitzer ausgewirkt hatte.

»Richtig. Und zwar sehr nachdrücklich.«

Aus dem Augenwinkel nahm Jaume nervöses Trippeln wahr. Dunkles Fell, hängende Ohren, längliche Schnauze, das ganze Tier insgesamt etwas mehr als kniehoch.

»Wir wissen also gar nichts über den Mann und die näheren Umstände?«

Ein diffuser Geräuschteppich breitete sich aus, vielstimmiges Hintergrundrauschen, unentwirrbar vermengt. Jaume glaubte, darunter das weiche Prusten der Pferde zu hören, die Vibration ihrer stampfenden Hufe zu spüren. Sohlen kratzten über feinen Kies.

»Nichts trifft es ziemlich genau«, sagte Calderon endlich und spähte wie ein Erdmännchen in alle Richtungen. »Ich glaub auch nicht, dass sich das bald ändert.«

»Es gibt Zeugen«, sagte Domenech. »Die haben zumindest bestätigt, dass er schon eine ganze Weile dasaß. Allein. Wie lange genau ist allerdings offen.«

Der Park öffnete um sechs Uhr morgens und war bis um acht für jeden uneingeschränkt kostenfrei zugänglich. Anwohner der umliegenden Viertel erhielten einen Berechtigungsschein und zahlten auch danach keinen Eintritt. Jaume besaß ebenfalls einen, seit er mit Frau und Kindern in den Stadtteil Carmel gezogen war. Ein Zugeständnis an die Einheimischen, ganz im Sinne von Eusebi Güell und seinem Architekten Antoni Gaudí, die ein Wohngebiet mit besonders hoher Lebensqualität hatten erschaffen wollen. Zurück zur Natur – am Rande einer Industriestadt. Letztlich war zwar nur ein Bruchteil der großen Pläne umgesetzt worden, doch vom Ergebnis profitierten viele.

Nichts deutete darauf hin, dass der Mann die ganze Nacht an dieser Stelle auf der Bank verbracht hatte. Somit lagen die frühestmögliche Ankunfts- und Todeszeit fest.

»Des Weiteren waren sich alle einig, dass der Hund aggressiv wirkte und frei herumlief. Darum sind die meisten überhaupt aufmerksam geworden. Weil der Besitzer sich nicht drum gekümmert hat. Letztlich ist aber unklar, ob sie wirklich zusammengehören.«

»Oh, das denke ich schon.« Jaume kniete sich hin, rutschte dann in den Schneidersitz. Der Hund trug ein Halsband und auch die Leine unter der Bank sprach dafür. Sie zeigte deutliche Zahnspuren, sah aber nicht mutwillig zerkaut aus. »Haben sie wirklich aggressiv gesagt?«

»Müsste ich nachlesen. Gebellt und geheult hat er.«

»Jefe, bist du sicher, dass es klug ist, was du da machst? Der hat vielleicht Tollwut. Wenn das Vieh dich anspringt …«

»Wird er nicht, Calderon.« Jaume nahm eine entspannte Haltung ein, schnalzte mit der Zunge, streckte eine Hand aus, mit der geöffneten Handfläche nach oben. Er fühlte sich unbehaglich, dabei unter Beobachtung zu stehen, doch dem Tier war noch viel weniger wohl zumute. Die Situation musste die Hölle für den armen Kerl sein. Aber es kam ihm nicht in den Sinn, seinen Herrn im Stich zu lassen. Nein, dieser Hund hatte es wahrlich nicht verdient, erschossen zu werden. In sanftem Ton sprach Jaume weiter, wählte einen warmen Singsang, als säße er bei einer romantischen Verabredung im Kerzenschein. »Warum sind wir hier, wenn es keine Anzeichen für ein Verbrechen oder einen unnatürlichen Todesfall gibt?«

»Selvanegra«, gab Domenech lapidar zur Antwort. »Weil er es letzte Woche angeordnet hat. Wir sollen eingeschaltet werden, sobald ein Vorfall im Entferntesten mit Tourismus …«

»Blödsinn«, raunzte Calderon.

»… zu tun haben könnte.«

»Der Tote war ganz sicher kein Tourist, sondern einer von hier. Darauf verwette ich mein Frühstück.«

»Leise, Calderon. Und friedlich.« Jaume warf dem Hund einen kurzen Blick und ein Nicken zu, wandte sein Gesicht dann kurz dem Toten zu und zog dabei die Hand zurück.

»Der Park ist ein Touristenmagnet«, fuhr Domenech fort. »Der Guardia Urbana hat das als Begründung genügt, um uns einzuschalten.«

»Die drücken sich nur.«

»Sie halten sich an eine Dienstanweisung.«

Domenechs diplomatischer Einwand entlockte Calderon ein abfälliges Lachen. »Ja, sicher. Weil sie ihnen in den Kram passt. Die Stadtpolizei schiebt lieber eine ruhige Kugel, als sich mit Toten oder bissigen Viechern abzuplagen. Wetten, dass der Kerl nur einen Herzinfarkt hatte? Der dürfte zwischen fünfzig und sechzig sein. Ist das klassische Alter. Am Morgen den Hügel hochgehetzt, vielleicht sogar gejoggt, vorher nichts gegessen, Kreislauf überlastet, gerade noch die Bank erreicht und Exitus. Natürlicher Tod.«

Still hörte Jaume zu und wiederholte mehrmals den gleichen Ablauf aus Schnalzen, Bewegung und Blickkontakt. Dann kehrte er ihn um.

Winselnd trottete der Hund ihm entgegen.

»Braver Kerl.« Er kraulte das dichte Nackenfell, klopfte ihm anerkennend die bebenden Flanken. Auf dem Anhänger am Halsband war der Name Lupo eingraviert. Das war ein Hund nach seinem Geschmack. Sowohl von der Größe als auch vom Charakter. Einer, der die Bezeichnung Hund verdiente. Wie jene, mit denen er damals im Dienst bei der Hundestaffel gearbeitet hatte. Er seufzte beim Gedanken an die beiden Chihuahuas, die Paloma angeschafft hatte.

»Bist ein guter Junge, Lupo«, flüsterte er dem Tier zu. »Guter Junge. Und nun: Bring mir deine Leine.«

Der Hund gehorchte ohne das geringste Zögern.

Kurz darauf zogen die Sanitäter ab, und der Arzt konnte sich endlich dem Toten widmen. Domenech ging ihm zur Hand, machte Notizen und erste Fotos.

Beim Eintreffen des Hundefängers saß der Labradormischling angeleint an Jaumes Seite, eng an sein Bein gelehnt und sichtlich erleichtert, keine Verantwortung mehr tragen zu müssen. Widerstandslos folgte er ihm, sprang in den Wagen, leckte seine Hand und wedelte zum Abschied. Jaume wandte sich ab, bevor der Käfig verriegelt wurde.

Als Domenech den Kopf hob und zu ihm herübersah, brauchte es keine weiteren Worte. Calderon schien seine Wette auf einen Herzinfarkt zu verlieren. Etwas war nicht in Ordnung. Er griff zum Telefon, um die Spurensicherung anzufordern.

Donnerstag, 28. September, 13:30 Uhr– Montse Soler Martí –

Der Gestank war atemberaubend. Doch wenn González glaubte, sie damit abschrecken zu können, hatte er sich geschnitten. Montse wollte den Job. Unbedingt. Auch wenn sie dafür kopfüber in den Auffangschacht des Müllwagens kriechen musste. Du kannst ihn nur fahren, wenn du sämtliche Störungen allein in den Griff kriegst, hatte er gesagt. Natürlich gehörte es dazu, Verstopfungen der Fracht zu beseitigen. Na und? Dann war das eben so. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass sie damit kein Problem hatte. Er kannte sie lange genug. Wahrscheinlich machte es ihm einfach Spaß, sie für ihre Ambitionen leiden zu lassen. Dreimal war sie bereits außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit angetreten, um ihm ihre Tauglichkeit zu beweisen, und für morgen hatte González ihr endlich eine Entscheidung versprochen.

Auch jetzt nach Dienstschluss konnte Montse nicht aufhören darüber nachzudenken und sich über ihren Vorgesetzten zu ärgern. Sie klappte die frisch belegten Weißbrothälften zusammen, leckte sich die Finger ab und wischte sie dann an einem Tuch sauber. Es war nicht so, dass es sie grundsätzlich störte, mit Besen und Schaufel die Straßen zu reinigen. Das war eine gute Arbeit, für die sich niemand schämen musste. Aber zumindest ab und zu eine Schicht hinter dem Steuer zu verbringen, das reizte sie. Davon abgesehen, dass sie langfristig mehr verdienen würde. Ignacia würde von dieser Idee wenig halten, so viel war gewiss. Darum würde sie einen Teufel tun, und es ihrer Mutter freiwillig auf die Nase binden. Egal wie oft die ihr in den Ohren lag, sie solle sich etwas anderes suchen. Etwas Besseres.

Montse hebelte eine Bierflascheauf, nahm einen Teller von der Theke und brachte beides zu dem Spieler am Automat neben dem Eingang. »Und, gewinnst du?«

Ein Schulterzucken, dann verschwand die nächste Münze im Schlitz. Bunte Lämpchen und Symbole leuchteten auf. Auch eine Antwort. Montse fragte nicht weiter.

Mit einem weiteren bocadillo und einem cafè solo setzte sie sich nach draußen zu ihrer Mutter an den Tisch. Ignacias Vorstellung von etwas Besserem deckte sich nicht mit ihrer eigenen. Hauptsache weg von der Straße. Am besten in ein Büro, wo es die Chance gab, einen anständigen Mann zu finden. Montse zog eine Grimasse. Die ermüdende Debatte war durch das Klingeln des Telefons unterbrochen worden, was ihnen beiden einen Streit erspart hatte. Vorläufig. Der Kommentar, zu dem Montse nicht mehr gekommen war, lag ihr gallebitter auf der Zunge.

»Oder willst du etwa ewig so weitermachen?«

Unglaublich, dass ihre Mutter die Ironie dieser Frage nicht erkannte! Ignacia war es doch, die seit Jahrzehnten jeden Tag hinterm Tresen und in der Küche stand. Die nie aus ihrem Barri herausgekommen war. Nie die Freiheit geschmeckt, den Wind, die Verlockung der Ferne. La Pausa war Ignacias ewiges Projekt. Die kleine Frühstücksbar lebte davon, dass sich nichts veränderte, und existierte nur deshalb noch, weil es Leute gab, die sich genauso wenig veränderten. Traditionell und nostalgisch oder heruntergekommen und schäbig, je nach Blickwinkel. Dass sie längst nicht mehr ohne Hilfe klarkam, wollte Ignacia genauso wenig wahrhaben.

Im Augenblick schien sie ziemlich aufgeregt. Das Telefonat brachte ihren Kreislauf auf Trab, ihre Wangen röteten sich.

Montse streckte die Beine aus und sah an sich herunter, während sie wartete. Niemals würde sie die schweren Schuhe und den Overall gegen einen Arbeitsplatz am Schreibtisch eintauschen. Womöglich noch mit Rock und Bluse. Pah! Auf der Straße war sie genau richtig. Immer unterwegs. Und immer mit der Möglichkeit zur Flucht, nur einen Schritt vom Davonlaufen entfernt. Sie kippte den starken Kaffee in einem Schluck hinunter und verbrannte sich die Kehle.

Ein Windstoß rüttelte an den Sonnenschirmen, die zusammengefaltet zwischen den Tischen standen. Seit Tagen waren sie nicht aufgespannt gewesen. In einem Monat, spätestens in sechs Wochen war es Zeit, sie für den Rest des Jahres wegzuräumen. Noch wurde es im Tagesverlauf ordentlich warm, doch der Hochsommer hatte sich verabschiedet. Statt der Sonne auszuweichen, suchten viele schon wieder nach ihr.

Ignacia drückte die Auflegetaste. Zweimal, um ganz sicherzugehen, und hielt das Telefon zur Kontrolle noch mal ans Ohr. »Hast du gehört, was Nicol mir eben erzählt hat?«

Montse riss mit den Zähnen einen Fetzen aus ihrem bocadillo und schüttelte den Kopf.

»Ich lausche nicht.« Pauschal betrachtet, war das eine Lüge, aber im konkreten Fall korrekt. Obwohl es bei der Lautstärke der Unterhaltung ein Leichtes gewesen wäre.

»Sie hat ihren Enkel gehütet und dabei unsere Kleinen getroffen, auf dem Weg zum Spielplatz. Groß und hübsch sind sie geworden, sagt sie. Na ja, da hat sie recht. Wobei ich ja nicht finde, dass sie aussehen wie Paloma. Gabriela hat Jaumes Locken und Rafael …«

»Das Übliche also.« Montse nagte an einem zähen Schinkenstück. Wenn das nur wieder ein Loblied auf die Kinder ihres Bruders werden sollte, verzichtete sie gern auf weitere Einzelheiten. Sie liebte die beiden innig, doch lag der Schwenk zurück zu ihrer eigenen Lebensplanung unangenehm nah. Mitte dreißig, Single, kinderlos. »Gab es auch etwas Besonderes?«

Eingeschnappt stemmte Ignacia sich hoch. Sie hasste es, unterbrochen zu werden und eine Geschichte nicht in ihrem eigenen Tempo erzählen zu dürfen.

»Eine Leiche«, sagte sie bereits im Gehen. »Genau dort.«

Montse vergaß den nächsten Bissen. »Auf dem Spielplatz – bei den Kindern?«

Ungerührt ging Ignacia weiter.

Wenn sie mehr erfahren wollte, war Montse gezwungen ihr zu folgen. Und keine zehn Minuten mehr, bis Jorge mit seinem Moped aufkreuzte, um sie mit zur Arbeit zu nehmen. Verärgert warf sie den Rest des bocadillos auf den Teller. Sieg nach Punkten für Ignacia Martí Jiménez.

Im Eiltempo räumte Montse die Tische ab und versenkte das Geschirr in heißem Wasser. Betteln kam nicht in Betracht, ohne Aufklärung zu gehen aber auch nicht. Es raschelte im Vorratsraum, etwas schleifte über den Boden. Montse legte die Spülbürste beiseite und packte bei der Kiste mit an, die ihre Mutter über die Schwelle zu wuchten versuchte.

»Nicht auf dem Spielplatz«, nahm Ignacia den Faden wieder auf, einen Anflug von Genugtuung in der Stimme, und überließ Montse die Kiste allein. »Ein Mord! Genau dort, wo sie die Kinder getroffen hat. Stell dir vor, sie hätten den Toten selbst gefunden!«

Langsam richtete Montse sich auf. »Moment – dann waren sie also nicht dabei, als die Leiche …«

»Meine Güte, nein! Wie kommst du denn darauf? Paloma ist doch schon seit letzter Woche mit ihnen in Madrid. Aber heute hat Nicol an der gleichen Stelle Jaume und seine Leute gesehen. Viele, viele, viele! Der ganze Park Güell war voll von ihnen. Und Pferde und Hunde.« Ignacias Arme flogen nur so durch die Luft, und Montse vermutete, dass Nicol mit jeder Nachfrage ein bisschen dicker aufgetragen und damit Ignacias Fantasie beflügelt hatte, was hätte passieren können. Viel Lärm um nichts. Im Stillen überlegte Montse, ob Ignacia am Morgen ihre Blutdruckmedikamente geschluckt hatte. Faktisch konnte hinter der ganzen Geschichte alles Mögliche stecken. Oder gar nichts. Jedenfalls ging es sie nichts an. Menschen starben andauernd. Einfach so oder durch Gewalt. Das war nicht ihre Sache.

»Der schöne Domenech war auch mit dabei. Unglaublich, dass der keine Frau findet.«

Der Satz erwischte Montse wie ein unliebsames Déjà-vu. Draußen hupte ein Moped. Sie rollte die Ärmel des Overalls herunter, schob ihre Mutter zur Seite und ging.

Donnerstag, 28. September, 14:45 Uhr– Jaume Soler Martí –

Tage wie dieser brannten sich ins Gedächtnis ein, unterlegt mit Geräuschen und Gerüchen, Momentaufnahmen in Zeitlupe. Unauslöschlich. Egal, wie gern man sie vergessen wollte.

Unter der Adresse des Toten, der glücklicherweise seinen Ausweis dabeigehabt hatte, hatten sie niemanden angetroffen. Glücklicherweise. Das Wort widerstrebte Jaume in diesem Zusammenhang. Natürlich war es für sie als Ermittler hilfreich, den Toten sofort identifizieren zu können. Und in gewisser Hinsicht war es auch Glück, dass ihr erstes Klingeln ins Leere lief und eine Nachbarin sie über Antonio Cruz’ private Lebensumstände aufklärte. Das verschaffte ihnen einen Wissensvorsprung und die theoretische Chance, sich vorzubereiten. Doch was nutzte alle Theorie, wenn man in einer Schule im Zimmer der Direktorin zwei halbwüchsigen Mädchen gegenüberstand? In Tränen aufgelöst die eine, verwirrend reglos die andere.

Domenech war beileibe kein Neuling, dennoch hatte die Situation ihn kalt erwischt. Es gab für alles ein erstes Mal. Und dieses war das erste Mal gewesen, dass er Kinder über den Tod eines Elternteils informieren musste. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich geblieben, wie meistens. Jaume wusste trotzdem, was in ihm vorging. Himbeersüßes Parfum, pinkfarbene Jacke, Klebetattoos und weiße Turnschuhe. Die Kombination würde für eine Weile einen Beigeschmack behalten und bei Domenech die spontane Assoziation von Leid hervorrufen.

An dem Tag, der Jaume am hartnäckigsten verfolgte, war das Kind ein Opfer gewesen. Feuchtes Laub, modrig geworden nach einem kalten Winter, daneben ein bunter Schal mit lustigen Tiermotiven. Ein sehr kleines Opfer. Auch das stand Domenech irgendwann noch bevor.

Mit geschlossenen Augen massierte Jaume sich die Schläfen und schob das Bild aus seinem Bewusstsein, um den Ausführungen des Rechtsmediziners folgen zu können. Die Obduktion stützte den Anfangsverdacht des nicht natürlichen Todes. So weit waren sie bereits gekommen. Über den Telefonlautsprecher hörten alle im Büro mit.

»Intoxikation mit Atemstillstand. Verantwortlich dafür mit hoher Wahrscheinlichkeit die Einnahme von Ketamin. Viel zu tun für die Leber, die damit schon in gutem Zustand überfordert gewesen wäre. Und das war sie beileibe nicht. Das wiederum korreliert mit dem Blutalkoholwert – nicht hoch – und doch allein schon in seinem Vorhandensein bemerkenswert in Anbetracht der Uhrzeit.«

»Er war also betrunken?«, brummte Calderon. »Oder nicht?«

Der Gegenstand neben der Leiche hatte sich als Thermoskanne mit Kaffee entpuppt. Cruz hatte sich einiges davon übergekippt, was sowohl die Flecken auf seinem Hemd als auch Schwellungen auf der darunterliegenden Haut erklärte. Jaume wertete den Kaffee an sich als Indiz für einen Ausnüchterungsversuch. »Nicht mehr betrunken, nehme ich an?«

»Einspruch, Comissari: Das war kein Restalkohol nach einer durchzechten Nacht. Der Herr hat anstelle eines Frühstücks Kaffee mit Wodka zu sich genommen. Und dazu eine Dosis Ketamin, die ein Pferd flachgelegt hätte.«

»Drogen?« Calderon schlug auf den Tisch. »Ha! Das nenne ich eine gute Nachricht. Dann sind wir den Fall gleich wieder los. Drogentote gehen uns nichts an.«

»Was genau hat es mit diesem Ketamin auf sich, Doktor?«

»Der Einwurf mit den Drogen ist im Prinzip korrekt. Grüße an den Kollegen Calderon. Allerdings ist es nur eine Seite der Medaille. Ursprünglich war Ketamin ein Betäubungsmittel und Schmerzmedikament. Aufgrund der teils heftigen Nebenwirkungen ist es aber weitgehend aus den Medizinschränken verschwunden. Es gibt Ausnahmen und Härtefälle für den Einsatz, bei denen es zumeist mit anderen Wirkstoffen kombiniert verabreicht wird. Die unerwünschten Eigenschaften haben das Präparat andererseits für eine bestimmte Klientel attraktiv gemacht.«

»Welche sind das genau?«

»Da gibt es eine Menge. Der angestrebte Kick – der allerdings nicht bei jedem eintritt – sind Halluzinationen und Nahtoderlebnisse, verbunden mit dem Gefühl, den Geist vom Körper trennen und diesen verlassen zu können. Nur leider ohne die Garantie, den Rückweg wiederzufinden.«

»Clubszene und Partydrogen?« Domenech beugte sich näher an den Lautsprecher heran. »Ich kann mich nicht an einen Stempel erinnern. Aber ich habe auch nur seine Hände gesehen, nicht die Arme. Haben Sie irgendwo auf der Haut einen gefunden? Manchmal wird eine Spezialfarbe benutzt, die nur unter Schwarzlicht zu sehen ist.«

Jaume zog die Augenbrauen hoch. »Wieso?«

»Spart das Abschrubben, wenn man morgens direkt nach der Party arbeiten geht. Und im Club fällt sofort auf, wenn einer nicht gezahlt hat.«

»Ein Insider, sieh mal an!« Der Rechtsmediziner lachte. »Nein, mit einem Stempel, egal welcher Art, kann ich nicht dienen. Auf Anhieb sehe ich keine Anzeichen für regelmäßigen Drogenkonsum, bis auf Alkohol, wie gesagt. Da scheint eine ungesunde Neigung vorzuliegen. Ansonsten weder auffällige Punktionen, bis auf die eine, noch eine Koksernase. Wenn ihr es ganz genau wissen wollt, mache ich weitere Tests. Mit einer Haaranalyse könnte ich in diesem Fall bis zu drei Monate in die Vergangenheit sehen. Das gehört aber nicht zum Standard einer Obduktion. Kostet und dauert. Passiert also nur auf ausdrückliche Anforderung. Eine chronische Organerkrankung, die eine reguläre Therapie indiziert, lag bei eurem Toten übrigens auch nicht vor.«

»Dann war es ein einmaliges oder erstmaliges Experiment?« Für Jaumes Empfinden passte Antonio Cruz nicht in einen Nachtclub. Doch da konnte er sich täuschen. Noch vor einer Minute hätte er in Bezug auf Domenech spontan das Gleiche behauptet.

»Wie eben angedeutet: Von mir gibt es keine Schlussfolgerung. Ich kann lediglich festhalten, dass ich Ketamin gefunden habe. Das ist nur wenige Stunden im Blut nachweisbar, wodurch sich der Zeitrahmen einigermaßen eingrenzen lässt. Die genauen Abläufe im Körper zu erklären, erspare ich uns. Grundsätzlich ist es unwahrscheinlich und auch nicht ratsam, dass man direkt nach der Einnahme herumläuft und weite Strecken zurücklegt. Es wirkt binnen Minuten und kann schlimmstenfalls nach Sekunden Lähmungen mit Atemstillstand auslösen. Bei der Menge tippe ich auf eine kurze Spanne, obwohl die Substanz nicht geschnupft oder in eine Ader gespritzt, sondern intramuskulär in den Oberarm zugeführt wurde.«

Jaume nickte gedankenverloren. Dieser Einstich, der sich auf der blassen Haut des Toten als erhabener roter Punkt zeigte, hatte letztlich den Ausschlag gegeben. Doktor Mendez war sofort sicher gewesen, dass es sich dabei nicht um einen einfachen Insektenstich handeln konnte. Selbst der Stachel einer Hornisse hinterließ kein wirklich sichtbares Loch.

Jaume zögerte. Neben einer unbeabsichtigten Überdosierung fiel ihm noch eine weitere Erklärung für Antonio Cruz’ Tod ein. Oder zwei.

»Es wäre gut, wenn Sie ein paar Haare sicherstellen, Doc. Damit die Untersuchung nachgeholt werden kann, wenn nötig.«

Sie standen bei null. Eigentlich unter null. Und vor einem Rätsel. Denn was ihnen auch nach intensiver Suche im weiten Umkreis um die Parkbank fehlte, war die verwendete Spritze.

Donnerstag, 28. September, 15:00 Uhr– Ignacia Martí Jiménez –

Im engen Durchgang zum Vorratsraum stand die Kiste im Weg. Bei jedem Gang hinter die Theke ärgerte Ignacia sich darüber und mehr noch über Montses Sturkopf. Alles bekam sie in den falschen Hals. Witterte hinter jeder Erwähnung eines alleinstehenden Mannes einen Verkupplungsversuch. Dabei hätte sie es durchaus schlechter treffen können, als mit dem schönen Domenech verkuppelt zu werden. Nur wollte der sicher keine Frau mit solchen Haaren auf den Zähnen, wie ihre Montse sie hatte, und die dazu auch noch um einiges älter war als er. Ignacia riss das eben beschriftete Blatt von ihrem Block. So ein hübscher Bursche. Auf den wäre sie selbst in früheren Jahren geflogen. Ob Montse sich erinnerte, dass ihr Vater ein ähnlich schöner Mann gewesen war? Domenech trug seinen Beinamen jedenfalls zu Recht. Das hatte auch Nicol festgestellt.

Ignacia steckte den Filzstift zurück in den Becher. Ihrer Freundin Nicol entging einfach gar nichts. Was manchmal gut war und manchmal schlecht. Statt nach dem Klebestreifen zu suchen, griff sie zum Telefon und wählte die Nummer ihres Sohnes. Wenn er schon so gut wie nie vorbeikam, musste er wenigstens mit ihr telefonieren. Es dauerte keine drei Minuten, bis sie sich auch über ihn ärgerte.

»Mama, was gibt es? Ich bin bei der Arbeit …«

»Das weiß ich. Und ich rufe ja auch nur an, weil ich mir Sorgen mache. Wegen deiner Kinder.«

»Was ist mit Gabriela und Rafael? Hast du mit Paloma gesprochen?«

»Nein, natürlich nicht. Deine Frau telefoniert noch seltener mit mir als du. Nicol hat mich angerufen, du weißt schon, meine Freundin, die in Carmel wohnt, gleich bei dir um die Ecke. Was ist los bei euch? Ein Mord mitten im Park! Dort, wo deine Kinder – meine Enkel – zum Spielen hingehen. Wie soll ich mir denn da keine Sorgen machen? Meine kleinen Augensterne! Und nun sind sie in Madrid, und ich kann gar nicht auf sie achtgeben.« Sie kam in Fahrt, wiederholte sich und spulte die gleichen Argumente ab wie schon Montse gegenüber. Das vage Empfinden eines Logikfehlers überging sie, genau wie Jaumes Schweigen, und legte einen wortreichen Schleier aus Empörung darüber. Dabei suchte sie nun doch nach Klebeband und Schere, rüttelte an Schubladen und knallte Schranktüren. »Mir gefällt das gar nicht, wenn sie so lange unter Fremden sind.«

»Du sollst nicht so reden, Mama. Das ist Unsinn. Es sind keine Fremden. Gabriela und Rafael besuchen ihre Großeltern, die das gleiche Recht haben ihre Enkel zu sehen wie du. Und ihnen passiert nichts. Weder im Park Güell noch in Madrid.«

Das Thema brachte Ignacia in Rage. Heute noch leichter als sonst. Diese Menschen mit ihrem Haus samt Pool in der Hauptstadt und ihrer studierten Tochter waren sehr wohl fremd! Es tat nicht gut, wenn die Kinder dieses Leben kosteten. Oder wenn eine Frau allein verreiste, deren Mann an nichts als seine Arbeit dachte.

»Wie lange bleiben sie denn noch fort?«

In Jaumes tiefen Atemzügen hörte sie Verärgerung und das Bemühen um Beherrschung. »Warum antwortest du nicht?« Seine Pause dauerte viel zu lange. »Heißt das, du weißt nicht, wann sie wiederkommen?«

»Ich bin im Büro und meine Kollegen warten. Wir haben wirklich viel zu tun. Der Tote im Park …«

»Jaume!« So kam er ihr nicht davon. »Sie kommen doch wieder?«

»Selbstverständlich«, sagte er knapp und legte auf.

»Selbstverständlich«, murmelte Ignacia und schüttelte den Kopf. Als ob irgendetwas im Leben selbstverständlich wäre!

Sie schnitt vier breite Streifen Klebeband ab, pappte den Zettel an die Wand über der Eistruhe und rieb mit der geballten Faust die Ecken fest. Am 28. September wurde Pedro Morales aus dem Lotterieclub entlassen. Seine Entscheidung, den Losanteil nicht behalten zu wollen. Dabei musste man dem Schicksal eine Chance geben, statt immer bloß abzuwarten, was es mit sich brachte, und manchmal musste man ihm aktiv auf die Sprünge helfen. Aber das schienen weder Pedro Morales noch Jaume oder Montse zu begreifen.

Donnerstag, 28. September, 15:05 Uhr– Jaume Soler Martí –

»Mein aufrichtiges Beileid.«

Ihr Schweigen kroch durch den Hörer. Jaume wartete geduldig, obwohl weitere Kollegen das Büro betraten. Er wandte sich zum Fenster, verließ sich auf Domenech, der hinter ihm für Ruhe sorgte. Antonio Cruz’ Noch-Ehefrau hatte ein Recht darauf, die Nachricht für sich einzuordnen, ohne mit leeren Phrasen überschüttet zu werden. Lidia Alvarez wirkte gefasst, soweit er das beurteilen konnte, und weit entfernt von einem Gefühlsausbruch.

»Wissen es die Mädchen schon?«

»Ja, Señora. Ihre Töchter sind bereits informiert. Im Augenblick sind sie noch in der Schule, in der Obhut einer Sozialarbeiterin.«

»Und was passiert jetzt?«

»Nun, ich denke, Sie sollten herkommen.«

»Sofort?«

Die Frage irritierte ihn. Was außer sofort kam denn infrage, wenn der Vater der gemeinsamen Kinder tot und die Mädchen alleine waren?

»Ich kann hier nicht einfach so weg.« Ein leichtes Schwanken mischte sich in ihre Worte. »Meine Arbeit und der Kleine … die Fahrt … Wie soll ich das anstellen? Womit fang ich denn an?«

Seit einem Dreivierteljahr lebte sie in Sagunt, hatte Jaume von der Nachbarin erfahren. Eine Kleinstadt in der Nähe von Valencia, über 300 Kilometer entfernt. Eine weite Strecke, aber nicht unzumutbar. Mit dem Auto dauerte das nur etwas mehr als drei Stunden. Halb so lange wie von Madrid zurück nach Barcelona. Er rieb sich das Kinn, dann die Nasenwurzel. Vielleicht musste sie den Zug nehmen und er tat ihr Unrecht.

»Nun, ich schlage vor, Sie rufen zuallererst Ihre Töchter an. Das ist jetzt sicher am wichtigsten.«

Wieder ließ Jaume die Stille zu, während er Blicke auf seinem Rücken spürte. Carolina, die Kriminaltechnikerin, saß gewohnheitsmäßig auf Calderons Schreibtisch und schaukelte mit den Beinen, wie er am rhythmischen Knarren erkannte. Ihr Kollege Jesus Martinez, der etwas später gekommen war, verriet sich durch zu viel Aftershave, über einem angeschwitzten Hemd. Calderon raschelte ungeduldig mit einer Papiertüte und Domenech hackte eilig auf die Tastatur seines Rechners ein, um gleich für alle den aktuellen Stand zusammenfassen zu können. Für 15 Uhr war eine Gruppenbesprechung mit Dezernatsleiter Selvanegra angesetzt.

»Rufen Sie die Mädchen an«, sagte Jaume sanft. »Jetzt gleich, Señora Alvarez.«

Auf dem Asphalt der Straße bildete sich ein Tupfenmuster, verdichtete sich zu einheitlichem Dunkelgrau.

»Das werde ich tun, Comissari«, antwortete sie schleppend. »Und ich versuche morgen da zu sein. So bald wie möglich.«

»Gut. Wenn Sie in Barcelona angekommen sind, möchte ich gern persönlich mit Ihnen sprechen. Adéu.«

Ein Platzregen fegte den Gehweg leer, Fußgänger flüchteten unter Vordächer, pressten sich an Hauswände.

Jaume drehte sich um. Zehn nach drei. »Wir haben noch fünf Minuten unter uns. Seid ihr vorbereitet?«

»Sicherlich.« Carolina hob beide Daumen. »Er wird mich hassen, aber damit kann ich umgehen.«

»Ist ja nicht so, als hätten wir im Labor nichts zu tun.« Martinez fläzte auf Domenechs Drehstuhl. »Will sagen: Wir haben Arbeit, die sich nicht von selbst erledigt. Können wir das mit den Besprechungen in Zukunft irgendwie anders regeln?«

»Drückeberger!« Calderon feuerte die Papiertüte in den Mülleimer. »Meinst du, wir werden gefragt, ob wir dabei sein wollen? Wobei eines schon stimmt: Dich braucht hier keiner.«

»War nicht meine Idee, Jesus.« Jaume ignorierte die unflätige Geste, mit der dieser Calderons Bemerkung bedachte. Ihre Gereiztheit sollten die beiden sich besser für Selvanegra aufsparen. Er grinste verstohlen. Ihr Vorgesetzter taugte hervorragend als gemeinsamer Gegner und trug so unwissentlich zum Zusammenhalt der Truppe bei.

Wie erwartet erschien Selvanegra exakt eine Viertelstunde zu spät, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und nickte dann unbestimmt in die Runde. »Meine Herren. Es kann losgehen.« Er rückte den Jackettärmel zurecht und nahm neben Jesus Martinez auf dem einzig freien Stuhl Platz. »Was haben wir?«

Jaume behielt seinen Standort am Fenster bei; ehe er den Mund öffnen konnte, sprach Selvanegra weiter.

»Dass wir schnelle Ergebnisse brauchen, muss ich sicher nicht extra betonen. Antoni Gaudí, Weltkulturerbe, Aushängeschild der Stadt. Das soll bitte schön eine positive Konnotation hervorrufen. Wir agieren in sensiblem Bereich. Angesichts der Ereignisse in den vergangenen Wochen herrscht im Rathaus eine gewisse Besorgnis, sobald Tourismusbelange betroffen sind.«

Einige Protestaktionen von Tourismuskritikern waren zuletzt über die üblichen Demonstrationen hinausgegangen. Die Reibereien häuften sich und Selvanegra fürchtete weitere Eskalationen und einen Anstieg der Gewaltbereitschaft. Jaume beurteilte die Lage anders, ohne Selvanegras Maßnahmen grundsätzlich infrage zu stellen. Ein offenes Ohr und wache Augen schadeten niemand. Ihm war es lieber, einmal zu viel anzurücken, als hinterher verlorenen Spuren nachzulaufen.

»Darf ich davon ausgehen, dass wir in Kürze Entwarnung geben können und es nicht mit einem Verbrechen, sondern lediglich mit einem bedauerlichen natürlichen Ableben im öffentlichen Raum zu tun haben?«

»Nein«, sagte Carolina. »Davon können Sie nicht ausgehen.«

Martinez hustete, um nicht zu lachen. Die schnippische Antwort verdankte Selvanegra unter anderem der Tatsache, dass er Carolinas Existenz als Frau mit seiner Standardanrede meine Herren beharrlich ausblendete.

»Unser bisheriger Ermittlungsstand schließt eine völlig natürliche Todesursache aus«, ergänzte Jaume und deutete zum Whiteboard. Die Stichworte in gestochen scharfer Schrift verdarben Selvanegras Laune.

»Der Name des Toten ist Antonio Cruz.« Domenech übernahm die Zusammenfassung. »Zweiundfünfzig, verheiratet, drei Kinder. Lebte von seiner Frau Lidia Alvarez getrennt im Stadtteil Gràcia. Zwei der Kinder wohnen mit in seinem Haushalt. Ebenso wie der Hund, den wir neben der Leiche vorgefunden haben. Cruz war seit Längerem arbeitslos. Als Todesursache wurde Atemstillstand nach einer Überdosis Ketamin festgestellt.«

»Überdosis?« Selvanegra rang die Hände. »Ein Drogentoter?«

»Das ist eine Lesart.« Eine schnelle und oberflächliche. Jaume sah den inneren Zwiespalt in Selvanegras Augen. Ein toter Junkie im Park schrie nach verstärkter Polizeipräsenz. Wobei … wohl eher danach, den vorhandenen Kräften Dampf zu machen und ihre Aufmerksamkeit zu schärfen. Denn mehr Leute gab es nicht, die er hätte einsetzen können. Im Umkehrschluss konnte er auf diese Weise nach außen hin punkten, Maßnahmen versprechen und politischen Druck ausüben. Außerdem verursachte ein Drogentoter aus der Nachbarschaft weniger Wirbel als ein toter Tourist, selbst wenn er an einer so prominenten Stelle gefunden wurde.

Jaume verschränkte die Finger ineinander. Ein Denkansatz, auf den er so manches zu entgegnen gehabt hätte. Doch er schwieg und überließ es Domenech, seinen Einwurf zu übersetzen.

»Cruz scheint nach dem vorläufigen Gutachten kein regelmäßiger Konsument gewesen zu sein. Eine sofortige korrekte Einordnung ohne weitere Prüfung seiner Lebensumstände ist jedoch unmöglich. Weiter bleibt zu klären, ob es ein Unfall oder Fremdverschulden war.«

»Was soll das nun wieder heißen?«

»Cruz kann beim Konsum selbst einen Fehler gemacht haben oder der, der ihm den Stoff verkauft hat. Oder einer der beiden hat absichtlich überdosiert. Wir haben demnach die Option Unfall, Totschlag, Suizid – oder Mord.«

Selvanegra stöhnte erstickt. »Nicht doch, Soler! Mord?«

Calderon brummte beipflichtend. »Mir wäre ein Herzinfarkt auch am liebsten gewesen.«

»Es ist nur eine der Möglichkeiten, die wir prüfen müssen. Sicher nicht die wahrscheinlichste.«

»Martinez, was sagen Sie?« Unvermittelt klopfte Selvanegra dem Kriminaltechniker auf die Schulter. Eine joviale Geste, kumpelhaft, die bei ihm immer gezwungen wirkte. Jeder wusste, wie fern es Selvanegra lag, sich mit seinen Untergebenen zu verbrüdern. Doch die Spurensicherung lieferte oftmals harte Fakten, und dafür hatte er ein Faible. Tatsachen statt Spekulationen, ohne Spielraum für Interpretationen.

»Was wollen Sie denn hören?« Martinez verzog die Mundwinkel. »Wir haben einen Haufen Zeug zu untersuchen. In seiner Thermoskanne waren Kaffee und Wodka. Davon hat er sich eine Menge übers Hemd geschüttet. Alle Fingerabdrücke auf der Kanne sind von ihm.« Hilfesuchend schaute er zu Carolina, die davon nichts bemerkte. Sie starrte auf ihr Handy.

Selvanegra räusperte sich ungehalten. »Würden auch Sie uns bitte Ihre Aufmerksamkeit schenken?«

»Was? Oh, Entschuldigung, aber das ist dienstlich.« Zum Beweis drehte sie Calderon das Display zu.

»Nachricht aus der Gerichtsmedizin«, las er vor. »Sie haben eine Gewebefaser geschickt, von der Einstichstelle.«

»Wir sollen sie mit der Kleidung abgleichen und uns sofort mit dem Resultat melden.«

Martinez sprang auf und war noch vor Carolina an der Tür. »Tut mir leid. Das kann nicht warten.«

Erste Gelegenheit zur Flucht genutzt, stellte Jaume nicht ohne Neid fest. Er musste bleiben. Es sei denn, es käme ein weiterer Anruf, der eine neue Leiche vermeldete. Doch so etwas durfte man sich nicht wünschen. Niemals.

Freitag, 29. September, 15:50 Uhr– Jaume Soler Martí –

Das Sofa war zur Mitte hin eingesunken. Vor fünfzehn Jahren mochte der grüne Bezug mit dem Spiralmuster hübsch und modern gewesen sein. Jaume balancierte an der Kante, um nicht in die Kuhle zu rutschen. Auf dem Tisch standen benutzte Gläser, kalkfleckig und angetrocknet, die ihm gestern schon ins Auge gefallen waren. Unter dem Fenster, neben der ausgefransten Hundedecke, türmte sich saubere Wäsche in einem Korb. Die über dem schmalen Balkon gespannten Leinen hingen immer noch voll. Antonio Cruz hatte für seine Töchter gesorgt, so gut er es vermochte. Doch jeder Winkel der Wohnung erzählte von seiner Überforderung.