Tom, Deichkater und Detektiv - Martin Dodenhoeft - E-Book

Tom, Deichkater und Detektiv E-Book

Martin Dodenhoeft

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Beschreibung

Der Kriminalroman mit gemischter menschlich-tierischer Besetzung spielt auf Föhr, vornehmlich im Dorf Utersum im Westen der Insel. Die Handlung wird erzählt von Deichkater Tom. Er ist, zugegebenermaßen, etwas geschwätzig. Dafür liefert er nicht nur die Auflösung einer Mordserie, sondern auch manches Wissenswerte über das Leben auf der liebens- und lebenswerten Nordseeinsel. Auf der Ebene der Menschen geht es um ein umstrittenes Großprojekt zur Errichtung eines neuen Dorfes am Westrand der Insel. Als Deichkater Tom und Bergrettungshund Franz, Pensionsgast bei Toms Frauchen, hinter dem Deich die Leiche eines der wichtigsten Befürworter des Projekts finden, beginnt sich eine Spirale der Gewalt zu drehen. Sie wird Mensch und Tier auf der Insel bis zum überraschenden Ende in Atem halten. Zwischendurch hat Tom viel zu tun. Schließlich hat er Dienst und muss mit Unterstützung der Deichschafe Heerscharen uneinsichtiger Nager daran hindern, den Deich zu unterwühlen. Mit einiger Mühe und weiterer tierischer Unterstützung gelingt es ihm, Deichkatzenpflicht und Mordaufklärung unter einen Hut zu bringen.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Der Insel Föhr und allen, die sie lieben und die auf ihr leben

Inhaltsverzeichnis

Prolog

„Franztag“, Vormittag

„Franztag“, Mittag

In der Kommenden Woche

Tag 1, Abend

Tag 2, Nachmittag

Tag 3, Nacht und Morgendämmerung

Tag 3, Vormittag

Tag 3, Nachmittag

Tag 3, Später Abend

Tag 4, Morgen

Tag 4, Mittag

Tag 4, Nachmittag

Tag 4, Abend

Tag 5, Morgen

Tag 5, Vormittag / Mittag

Tag 5, Später Abend

Tag 6, Morgen

Epilog

PROLOG

Tom wacht auf, weil die beiden Ziegen, der General und der Adju, wieder einmal die Kühe zu drillen versuchen. Er fühlt sich nicht gut, bekommt eine Spritze vom Tierarzt und dämmert wieder weg ...

Traum oder nicht Traum ... das ist hier die Frage!

„In Reihe antreten, marsch, marsch!“ Erste Stimme. Der General.

„Los, los! Das muss schneller gehen! Viel schneller! Und nicht so durcheinander! Wo sind wir denn hier? Seid Ihr Katzen oder was?“ Zweite Stimme, deutlich höher. Der Adju.

Dazwischen ein Gebrummel, ein vielstimmiges ... was? Der Wecker? Nein. Läuten. Vielstimmiges Läuten. Klingeln. Bimmeln. Alarm. Alarm? Und dazwischen immer wieder dieses dumpfe Grollen.

Ein leises Lüftchen zupft an den Schnurrhaaren. Nur an einer Seite. Hmm.

Krieg. Sind wir im Krieg? Was für ein Krieg? Hier doch nicht. Hier in Utersum auf der Insel Föhr ist kein Krieg. Das gibt es hier nicht. Flugzeuge und Hubschrauber, gelegentlich. Landmaschinen, Autoverkehr, alles ganz normal. Silvesterfeuerwerk, Biikebrennen, das kennt man. Also was? Befördert durch die irgendwie aber doch militärische Geräuschkulisse kämpft sich mein sonst stets so reaktionsschneller Geist an den Zustand heran, den die Menschen „wach“ nennen. Dieser Zustand, von dem sie glauben, dass er genau auf der anderen Seite von „bewusstlos“ oder „schlafend“ residierte. Menschen, na ja, wie sollten die das auch wissen, mit ihren höchst beschränkten Sinnen. Die kennen ja nur A oder B. Ein oder aus. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. Krieg oder Frieden. Sind halt Grobsensoriker, diese Menschen.

Mein Rücken schmerzt. Ungewohnt, sehr ungewohnt. Dazu das linke Hinterbein. Ein pochender, ein klopfender Schmerz. Das Bein strecken. Hmmm ... nee. Geht nicht. Ja, was? Linkes Auge auf, einen Spalt nur. Erst mal peilen. Rechtes Auge ... rechtes Auge ... rechtes Auge? Hey!? Geht auch nicht. Was für ein Alptraum. Und dann dieses Gezeter draußen. Was war noch mit dem Bein?

„Tom, mein lieber, lieber Tom“, höre ich da. Eine liebevolle, zärtliche Stimme. Tom. Das bin wohl ich. Eine sanfte Hand berührt meinen Kopf, meinen Rücken, dort, wo es nicht so schmerzt. „Mein Tom“, sagt die Stimme sanft, „mein armer tapferer Kater. Du wirst wieder gesund, ganz bestimmt. Jetzt piekt es gleich ein bisschen, keine Angst. Dann wird alles wieder gut.“

Kater. Ich? Ich bin offensichtlich Kater Tom. Ja, ist möglich. Was noch? Pieken!! Entsetzt reiße ich meine Augen ... nein, das linke Auge auf. Was Pieken ist, das weiß ich. Aufspringen, nur weg hier! Aber zu spät. Schon spüre ich den Stich in der Seite. Immer an der gleichen Stelle, verdammt noch mal!

Ein grobporiges Menschengesicht nähert sich mir. Mit grauem Bart. Ein Mann. Den kenne ich, nur zu gut. Gregor Börnsen aus Wyk. Der Tierarzt. Eigentlich nett, aber der Beruf! Und dann scharwenzelt er seit Monaten ständig um Frauke herum, obwohl er mit seinen 48 Jahren natürlich viel zu alt für sie ist. Er muss nach den Tieren sehen, ha! Ich habe genau erkannt, nach wem er hier sehen muss!

Frauke, ach ja, Frauke, meine liebe, unsere liebe Frauke. Frauke Johannsen. Was haben wir alles anstellen müssen, um sie aus dieser ganzen unseligen Mörderei zu retten, was ein Drama! Aber das ist ja nun vorbei.

Vorbei, vorbei ... Komisch. Meine Gedanken entfernen sich, werden leiser, undeutlicher. Dämliche Spritze. Als ob ich das nötig hätte. Diese Träume werden auch immer fieser ...

„FRANZTAG“, VORMITTAG

So geht das los

Begonnen hat das ja alles an dem Tag, an dem der Franz hier aufgetaucht ist. Ich weiß es noch genau: Ferienanfang in Bayern oder was weiß ich wo. Weit, weit weg von meiner, nein, von unserer Insel Föhr. Die Fähren spucken in endlosem Strom Touristen, Autos, Fahrräder ... und Hunde aus. Katzen nehmen die Menschen nur selten mit nach Föhr. Werde ich nie verstehen. Das ist hier doch das reinste Katzenparadies! Und etwas Hilfe auf dem Deich könnten wir verdammt gut brauchen, und sei es von ein paar verwöhnten Hausmiezen. Aber Katzen kommen einfach nicht mit.

Ich hab’ mal jemanden sagen hören, Katzen sollten nicht in die Ferienwohnungen, weil ja so viele Menschen Katzenallergie hätten. Dann kämen die nämlich in so eine Wohnung, wo vorher eine Katze gewesen ist, und es ginge ihnen sofort so schlecht, dass sie sofort wieder abreisen müssten. Und dann wollten sie natürlich für die Ferienwohnung kein Geld zahlen.

Wenn man mich fragt, dann würde ich das mal vor- und hinter- und seitbefragen. Früher gab es doch auch keine Katzenallergie, und auf einmal sind wir an allem Schuld. Ich denke eher, die Menschen haben sich das selbst verdorben, mit ihrer ungesunden Ernährung, mit ihrer ständigen Hektik und Jagd nach dem Glück und vor allem mit den vielen Medikamenten gegen alles Mögliche, was sie zu haben glauben. Na jedenfalls, diese Katzenallergie gibt’s wohl, von mir aus. Kommt eben keine Katze mit, obwohl das eigentlich gut gegen die Inzucht auf der Insel wäre.

Es ist später Nachmittag. Wie meistens um diese Zeit liege ich auf meinem Freizeit-Horchposten im alten Apfelbaum, also eigentlich dem großen, breiten Querast weit unten, wie geschaffen für unsereinen. Ein Sprung, hopp, einen Meter geradeaus, an dem Knubbel vorbei, einmal drehen, und schon bin ich auf Station. Augen geschlossen, das linke Ohr auf neun Uhr, das andere auf zwei Uhr, man weiß ja nicht.

Zwei Uhr heißt, das rechte Ohr zur Straße hin. Angela, das gute Schaf, wird mir die zeitweise Teilung meiner Aufmerksamkeit verzeihen. Nach dem gestrigen Tag sollten sowieso alle Karnickel und Wühlmäuse am Deich zwischen Utersum und Dunsum erst mal unter Schock stehen, so wie ich ... so wie wir da aufgeräumt haben!

Ahh, gestern, ein Tag des Ruhmes und des Stolzes, ein Tag wie geschrieben für die ewigen Annalen der Föhrer Deichkatzen ... Was für eine Strecke! Sechs Kaninchen, drei Wühlmäuse, und beinahe noch die fette Bisamratte. Die ist aber wieder mal entwischt. Warte nur, ich krieg’ dich noch! Die ganze Bande stand bewundernd um mich herum, selbst das freche kleine Schwarze. Aber ich schweife ab. Schließlich erwarten wir Gäste – unsere allerersten Gäste!

Frauke ist aufgeregt

Drinnen im Haus ist es um diese Zeit eigentlich viel schöner. Echt heiß, dieser Föhrer Sommer, jedenfalls seit einer Woche. Davor war das ja nicht so schön, dieser Wind! Aber egal. Drinnen ist es im Moment wenig angenehm, die reinste Hektik, nichts für mich. Frauke ist ganz aufgeregt. Den ganzen Tag ist sie durch die drei tiptop vorbereiteten Zimmer gerannt, hat hier zum fünften Mal an der Bettdecke gezupft, da zum siebten Mal den nicht vorhandenen Staub vom Schrank gewischt, dann noch zum neunten Mal die Handtücher in den Bädern gezählt, ob die auch reichen. Und dann hat sie gleich zweimal hektisch mit Jean-Marie telefoniert, damit er unbedingt vorher noch mal nach dem einen Wasserhahn schaut, der letzte Woche getropft hat. Vorher – bevor unsere Gäste kommen und gleich wieder abfahren, weil die Zimmer leider nicht ihren Vorstellungen entsprechen.

Also so was geht doch gar nicht! Die haben fest gebucht und müssen zahlen, das habe ich Frauke mitgeteilt. Aber die versteht mich ja nicht, nicht immer jedenfalls. Aber besser als viele andere. Wo bleibt nur das Übersetzungswörterbuch „Katze – Mensch / Mensch – Katze“? Wird echt Zeit.

Aber das halbe Haus ist trotzdem immer noch Baustelle. So ein Umbau kostet – und zwar Geld, Zeit, Nerven. Letzteres vor allem, wenn zwei wie Frauke und Jean-Marie zusammenkommen. Frauke: Nervös, aufgedreht, ungeduldig, ängstlich, dass es nicht rechtzeitig fertig wird, dass das Geld doch nicht reicht, dass die Handwerker nicht kommen, dass irgendwas fehlt und und und. Jean-Marie: Die Ruhe selbst. Morgen ist auch noch ein Tag. Wir schaffen das. Reg dich nicht auf. Dann eben übermorgen. Und so weiter. Er strahlt ja wirklich Ruhe aus, der passt gut zu den Friesen. Aber fertig sind wir trotzdem nicht mit dem Haus. Im Stall ist noch gar nichts gemacht. Ist klar, die Menschen mal wieder zuerst, an uns Tiere denken die zuletzt. Aber wir sehen das ja auch ein. Frauke braucht ja wirklich schnell Gäste, die bezahlen. Und jetzt geht das endlich los.

Die ganze Familie

Wir Tiere, das muss ich erklären. Also da bin ich natürlich, Deichkater Tom. Ich bin fünf Jahre alt, befinde mich also in der Blüte meiner Katzenjahre. Mein Fell ist silbergrau getigert und knistert manchmal, wenn man es streichelt. Bin halt so energiegeladen! Geboren bin ich hier auf dem Hof oben im Heu über dem Kuhstall, da war Frauke noch nicht wieder da. Meine Mutter lebt nicht mehr. Über meinen Vater hat sie leider nichts erzählt, aber was soll’s. Der alte Kater soll mir doch egal sein.

Im Stall sind die Kühe, wenn sie nicht auf der Weide sind. Acht Stück haben wir, also Frauke und ich: Anna, Berta, Clara, Dora, Erna, Frida, Gesa und Hanna. Die sind alle ziemlich gleich alt und alle ganz lieb und geduldig, na ja, bis auf die temperamentvolle Gesa. Sie haben alle noch ihre Hörner. Kühe müssen doch Hörner haben, das hat schon der alte Bauer immer gesagt. Heute glauben die Kinder wahrscheinlich, dass alle Kühe lila sind und keine Hörner haben. Was soll man nur davon halten! Ich habe sie alle acht hier auf die Welt kommen sehen. Ihre Mütter sind nun auch schon nicht mehr da, von den Vätern ganz zu schweigen. So eine normale Kuh wächst ja sowieso vaterlos auf. Gewissermaßen vertrete ich bei ihnen die Stelle des gütigen Vaters. Wenn man mich lässt. Das ist nämlich nicht immer so. Denn da sind noch die beiden Ziegen. Man weiß hier ja, im Stall sollen immer Ziegen bei den Kühen sein, dann bleiben die gesund, die, also die Kühe.

Unsere Ziegen sind, wie soll ich sagen, besonders. Und das nicht, weil sie Hörner haben. Komisch, bei den Ziegen kommt keiner auf die Idee, die Hörner abzusägen. Dabei stoßen die viel öfter zu als Kühe. Nun ja. Bekannt sind unsere beiden im Föhrer Tierreich nur als der General und sein Adju. Der General ist weiblich und heißt eigentlich Daniela. Sein Fell ist ganz weiß, nur auf der einen Brustseite hat er ein paar schwarze Sprenkel. Da hat ihn der alte Bauer, Fraukes Vater, einfach so genannt. Weil das so wie Orden aussieht. Und da ist auch was dran!

Der Adju, eigentlich Alberta, natürlich auch weiblich, ist kleiner, frecher und schwarz. Was mich zu der Überlegung bringt, wieso immer die Schwarzen die Frechen sind, also jedenfalls bei den Ziegen und den Schafen, die ich kenne. Das muss System haben. Im Stall sind die Ziegen ja ganz ruhig, ein Meckern hier, ein Meckern da, alles gut. Aber wehe, Frauke hat die zusammen mit den Kühen auf die Weide gelassen, dann geht das los! Dann müssen die Kühe, bevor sie mit dem Grasen anfangen dürfen, erstmal antreten, dann heißt das „In Reihe antreten, marsch, marsch!“ Der General will ihnen nämlich die Stellen bekanntgeben, die heute befehlsgemäß abzugrasen sind. Dann dürfen die Kühe fressen, aber erst auf Kommando. Das wieder sollen sie möglichst in Reih und Glied machen. Der General hasst das, wenn sie als Sauhaufen kreuz und quer über die Wiese rennen. So ein Quatsch. Kühe sind doch keine Schweine! Und „Auf Kommando: Fresst!“, so ein Quatsch! Aber der General redet meistens so. Ihm gefällt das auch nicht, wenn die auf einer Stelle zusammenstehen, weil sie dann natürlich auch ihre Fladen alle auf diese Stelle machen. Das geht nicht, meckert dann der General, wegen der Düngewirkungsverteilung sollen die ihre Fladen gefälligst gleichmäßig über die ganze Wiese verteilen. Wenn das man nur so einfach wäre! Fressen sollen sie nur an einer Stelle, düngen sollen sie aber überall, und dabei wollen die sich auf der Weide auch gern mal unterhalten, nicht nur im Stall. Aber dem General ist das egal. Sagt er. Er hat irgendwann auch eingesehen, dass das nicht zusammengeht. Die Kühe können ja nicht beamen, noch nicht mal fliegen. Also meckert er immer wieder mal herum, lässt die Kühe aber schließlich doch grasen, wo und wie sie wollen. Wenn nur die Fladen gleichmäßig verteilt sind, sagt er, will er mal ein Auge zudrücken. Aber wehe, wenn das nicht klappt, dann ...

Die Kühe sind ja nicht doof, ich denke, die sind sogar viel schlauer als die Ziegen. Es fehlt ihnen nur an Energie und Streitlust. Die wollen nur ihre Ruhe, ihr saftiges grünes Gras, auch gern mal eine gemütliche Pause. Und ab und zu möchten sie auch mal die behörnten Köpfe zusammenstecken, tratschen und lästern (meistens über die Ziegen). Also machen sie, was die Ziegen wollen. Weil sie keinen Bock (Ziegenbock, har har!) auf den ewigen Ziegenmeckerstress haben, haben sie ein System entwickelt, und mit diesem System auch überaus kräftige Stimmen.

Was das heißt? Ganz einfach: Sie teilen sich jede Wiese (so viele sind es ja nicht) in Planquadrate ein. Wenn nun eine Kuh merkt, dass sie mal muss, dann teilt sie das voraussichtliche Fladen-Zielquadrat den anderen Kühen mit. Die können dann ihre eigene Fladenplanung daran ausrichten. Mit der Zeit sind sie immer besser geworden, und so hört man den ganzen Tag das Muhen, so nach dem Motto „Anna an alle, Planquadrat A6!“ – „Berta, kannst Du auf D7, dann nehm’ ich die E2!“ – „Clara, Du hast F4 vergessen!“ und so weiter und so fort. Ein lustiges Gemuhe gibt das, den ganzen Tag lang. Wenn wir 32 Kühe hätten, könnten die echt gut Schach spielen, Kuhfladenschach! Aber es sind ja nur acht. Aber das mit dem Schach, hmm ... da formt sich doch eine Idee in meinem Katzenkopf, eine Idee, wie wir Frauke helfen können. Helfen müssen wir ihr, sie hat ja so wenig Geld. Irgendwie müssen wir ihr helfen, Geld zu verdienen. Mit Kuhfladenschach, das wär’ ja durchaus ... ja, warum nicht? Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Da komme ich später nochmal darauf zurück.

Wo war ich? Ach ja, beim General und dem Adju. Dem General ist dies egal, dem General ist das egal. Hauptsache, er kann sich im Glanze des Kommandos über die Kuhtruppe sonnen. Und etwas von dem Glanz, meint der Adju, hätte er ja nun wirklich selbst verdient. Wehe also, die Kuhfladen werden nicht ordnungsgemäß verteilt! Ordnungsgemäß heißt natürlich ordnungsgemäß nach Meinung des Adjus. Der Adju allerdings hat das ausgeklügelte Schachbrettsystem der Kühe nicht durchschaut. Das heißt, er meckert auch dann herum, wenn es gar nichts zu meckern gibt, weil die Kühe ihre Verdauung halt strategisch geplant haben. Man muss ja die Wege bedenken, auf der so großen Wiese. Wie auch immer, hundertmal am Tag heißt es „Dem General ist das egal!“

Das ist übrigens auch der Lieblingsspruch vom Adju, wenn sich mal eine Kuh beschwert. Der Adju ist sowieso schlimmer als der General. Denn der stößt manchmal die eine oder andere Kuh mit seinen mickrigen Hörnerchen, wenn er meint, dass dem General irgendwas nicht gefällt. Die Kühe sind ja ziemlich geduldig und lassen sich viel gefallen, wenn man sie sonst in Ruhe lässt.

Aber einmal, als denen das zu viel wurde, haben die sich bei mir beschwert. Ich bin hier schließlich der einzige Mann im Haus und auf dem Hof, die höchste Autorität also, ist ja wohl klar. Außer Frauke vielleicht, na gut. Aber die ist kein Mann und hat auch keinen. Ich sollte doch, so die Kühe, bitte mal meine guten Beziehungen zu Frauke nutzen. Schließlich dürfte ich ja in ihrem Bett schlafen. Hätte ich das nur nicht erzählt ... seit die Kühe das wissen, lästern die dadrüber. Im Bett schlafen, das finden sie schon überhaupt eigenartig. Aber meine bewiesene Nähe zu Frauke lässt mich in den Kuhaugen schon als eine besondere Autorität erscheinen.

Und eigentlich ist das nicht so ganz genau die Wahrheit. Denn Frauke mag das leider nicht, wenn Tiere in ihrem Bett sind. Verstehe ich zwar nicht, aber nun. Menschen sind halt so. Ich schlafe nur manchmal AUF ihrem Bett, wenn Frauke das nicht merkt. Oder dadrunter, auf dem alten Bettvorleger. Aber das müssen die anderen nicht so genau wissen. Auch nicht, dass Frauke nicht so oft auf meinen Rat hört wie ich es gern hätte. Die Kühe glauben leider seit einer Weile, dass Frauke alles macht, was ich sage. Hättest du nur geschwiegen, geschwätziger Kater!

Jedenfalls habe ich die Ziegen ordentlich ins Gebet genommen. Das half erst einmal, aber dann doch nicht so lange. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Ziegen mich einfach nicht ernst nehmen. Hatte der General doch die Frechheit, mir ins Gesicht zu sagen, Katzen wären dressuruntaugliches Material, eine Schande für jeden Kasernenhof! Ziegen hören nicht auf Leute, die keine Hörner und keine Bärte haben, oder nur, wenn’s was extra Leckeres zu fressen gibt. Der Adju sagt, das machen die nicht, weil sie nämlich von den Wikingern abstammen. Die hätten schließlich auch nicht auf andere gehört. Aha. Wikinger. Soso. Dann bin ich der König der Löwen.

Der König, das ist ein gutes Stichwort. Ich bin ja von Natur aus eher bescheiden, König muss ich gar nicht sein. Schließlich weiß ich: Ich bin nicht der Beste, aber es gibt nun mal keinen Besseren! Hat Angela, das weise Schaf, mal gesagt, da sprach sie ein wahres Wort gelassen aus. Nein, für einen König hält sich hier nur einer, und zwar der Egon. Egon ist der alte braune Wallach, der bei Frauke in Pension ist. Frauke kriegt Geld, wenn sie den Egon im Stall stehen lässt und ihn ordentlich füttert. Der Egon trägt die Nase so hoch, dass die bei Schietwetter mit tiefhängenden Wolken bald kaum noch zu sehen ist. Und das nur, weil er vor Urzeiten dreimal hintereinander beim Ringreiten gewonnen hat. Das lässt er jeden wissen, der ihm nicht schnell genug entkommen kann, die ganze Geschichte, jeden einzelnen Huftritt, und wie er den von Korn und Bier mittelschwer beduselten Reiter allein dank seiner, also Egons Begnadung zum Menschenkönig gemacht hat. Ohne mich hätte der nicht mal ein Fußballtor getroffen. Sagt der Egon. Na ja. Sage ich. Bei jedem Erzählen wer den die Heldentaten größer, bald folgt der Egon seiner Nase in die Wolken. Unsereiner muss ihn dann schnell am Bein packen und wieder auf den Stallboden der Tatsachen zurückzerren. Jedenfalls ist der begnadete Egon jetzt hier zur Begnadigung, also zum Gnadenbrot, sein Fell wird hier und da grau, und über seine Großtaten beim Ringreiten in der Steinzeit weht schon lange der Dünensand des Vergessens. Das Ringreiten machen die inzwischen auch mit Fahrrädern und Treckern, das ist alles nicht mehr so wie früher. Irgendwie ist das ja auch tragisch – aber nicht mein Problem, habe genug um die Schnurrhaare.

Also, das sind nun alle dreizehn, die ganze Familie: Frauke und ich, die acht Kühe, die beiden Ziegen, und, na gut, auch der Egon, obwohl er hier nur in Pension ist. Das Nagegetier auf dem Hof zählt natürlich nicht dazu. Weil ich da in meinen dienstfreien Zeiten immer ordentlich aufräume, schwanken die Zahlen natürlich stark. Wir hatten letztes Jahr noch einen Hofhund. Aber der treue alte Bello ist kurz nach dem Bauern gestorben. Vielleicht erzähle ich ein anderes Mal von ihm. Jedenfalls hat er mir, schon als ich noch klein war, alles beigebracht, was man über Hunde wissen muss. Und ganz früher soll es hier mal einen bunten Papageien gegeben haben, als Fraukes Mama noch am Leben war.

Gut, dass er da ist

Jean-Marie habe ich vergessen, der gehört ja auch noch dazu. Er ist natürlich nicht da, sondern mal wieder auf der Insel unterwegs, um einem der Inselbürgermeister irgendein neues, fördermittelfähiges Projekt zur Belebung des Inseltourismus aufzuschwatzen. Dazu vielleicht später.

Jean-Marie Dupont wohnt jedenfalls bei uns, genau genommen seit unserem dritten Tag, also Fraukes und meinem dritten Tag hier auf dem alten Bauernhof hinter dem Deich in Utersum. Angeblich ist er ein echter Pariser, aber ich weiß ja nicht. Fifi, die ich mal zufällig im Ual Skinne draußen unter einem schattigen Cafétisch getroffen habe, meinte, er hätte eher was Südfranzösisches an sich. Raum Marseille wohl. Muss sie eigentlich wissen, als echt französischer Pudel. Na ja, ist mir auch egal. Frankreich, Paris oder Marseille ist alles von Föhr so verdammt weit weg, dass uns das hier schietegal sein kann. Was ich weiß, dass er 56 ist und sich bisher mal hier, mal da, mal dort durchs Leben geschlagen hat. Außerdem hat er zwei Kinder, erwachsen, die aber nicht viel von ihm wissen wollen. Das merke ich, wenn er mal, selten genug, mit ihnen telefoniert. Was dahintersteckt, kriege ich auch noch raus. Genauso wie bei Mario, dem Freund von der anderen Frauke. Die andere Frauke ist übrigens die Chefin vom Ual Skinne und ganz lieb, die lässt mich gern im Restaurant unter den Tischen oder auf den Fensterbrettern sitzen. Nur ihr Freund Mario, der ist überhaupt nicht so lieb. Jedes Mal jagt er mich aus der Küche, obwohl ich doch nur mal so sehen will, was er Leckeres für die Gäste vorbereitet und ob vielleicht zufällig was übrig ist. Ich glaube ja, der mag keine Katzen. Oder doch, aber er hat gesagt, am liebsten gebraten. Pfui, was für ein schlechter Geschmack!

Der Mario passt gut zu dem Jean-Marie, die hocken auch häufig zusammen und brüten über irgendwelchen Projekten, wie sie die Insel aufpeppen wollen. Dabei ist unsere Insel doch peppig genug. Jedenfalls, was das Wetter betrifft. Im Moment ist es aber schön sonnig und warm, nur schrecklich windig, wie so oft. Und ein Wetterchen ist im Anzug, wenn auch nicht sofort. Das merke ich an der Schwanzspitze und viel früher als die Frösche, die in den Stuben der Wetter-App-Leute ihre Leiterchen rauf- und runterklettern.

Meine Frauke

Wo war ich jetzt? Frauke und ich, sollte ich vielleicht erst einmal erzählen. Frauke ist die einzige Tochter, also eher das einzige Kind von dem alten Johannsen. Frauke ist jetzt 38, das weiß ich, weil ja nicht zu überhören ist, wie schlimm das für eine Frau sein muss, schon 38 zu sein und bald 39 und dann, oh Gott oh Gott oh Gott! Katzen wären froh, wenn sie überhaupt 38 werden könnten. Für unsereinen ist ja schon mit 15 oder 18 Schluss, und manchmal noch viel früher. Ich bin aber erst fünf, in der Blüte meiner Jahre. Damit ist aber ein gutes Drittel auch schon um. Mehr Dankbarkeit, ihr Menschen, für euer langes Lebendürfen! Oder hängt eure Badezimmerspiegel ab und schmeißt Eure Waagen in den Müll, wenn ihr das Elend nicht mehr sehen könnt.

Frauke ist genau wie ich auf der Insel geboren, hier auf dem Johannsen-Hof. Sie im Bett, ich im Heu, aber das ist schon der einzige wichtige Unterschied. Im Heu ist besser, aber egal. Meine Mutter ist zwei Jahre, nachdem sie mich gekriegt hatte, einfach gestorben. Eines Morgens lag sie im Heu und rührte sich nicht mehr. Vergiftet, meinte der Bauer. Wo und von wem, das haben wir nie herausbekommen. Rattengift war früher oft im Einsatz.

Auch Fraukes Mama ist früh gestorben, dabei war sie noch gar nicht alt. Ganz Westerlandföhr hat sich damals gewundert, dass der grumpfige Johannsen die junge hübsche Frau abgekriegt hat. Aber das war nun mal so, da beißt die Ratte ins Schilf, so oft sie will.

Jedenfalls war sie bald schwanger und hat Frauke gekriegt. Die drei haben hier zusammengelebt, bis zu dem Tag, dem bewussten Tag, dem bösen Tag ... also dem Tag, als Fraukes Mutter mit dem Pferd aufs Watt geritten ist und nicht wiederkam. Wiedergekommen ist nur das Pferd, später. Das hat der Egon erzählt, der muss es ja wissen, die Pferde stecken ja ständig ihre großen Köpfe zusammen. Frauke war da schon 17. Ein großes Drama muss das gewesen sein, ich habe davon gehört. Frauke weint heute noch ab und zu, wenn sie im Bett liegt oder wenn sie nur aus dem Fenster sieht. Und ich muss dann meine ganze Katzenschmusepower und Schnurrenergie einsetzen, damit sie aufhört. Nicht einfach. Bin ich denn Menschenpsychologe? Ich bin Deichkater, verdammt, dieses Geweine und Getröste machen mich ganz schwach. Aber für Frauke tue ich alles. Auch das, natürlich.

Die Insulaner reden immer noch darüber, jedenfalls seit Frauke wieder auf der Insel ist. Seit einem Jahr ist sie wieder hier, 20 Jahre später! Aber sonst passiert ja meistens auch nicht so viel hier. Der alte Johannsen hat damals, so sagen die Leute, einen Knacks gekriegt. Überhaupt keinen hat er mehr an sich rangelassen, nur uns Tiere. Zu uns Tieren ist er immer gut gewesen. Das kann ich selber bezeugen.

Frauke ist damals gleich von ihm weggegangen. Seine Schwester Ingken aus Hamburg hat sie mitgenommen. In Hamburg könnte sie eine gute Ausbildung machen, und vor allem wäre sie weg aus dem Elend. Da hat er dann wohl Ja gesagt. Obwohl er sie auf dem Hof schon hätte brauchen können. Aber er hat wohl auch gesehen, dass das auf Dauer mit der Landwirtschaft nicht so weitergeht, dafür war der Hof schon immer zu klein.

Frauke ist also nach Hamburg gekommen und hat seitdem ihren Vater kaum noch gesehen. Die Leute sagen ja, er wäre damals nach dem großen Unglück versteinert. Fraukes neue Mutter aber hat mal zu Frauke gesagt, dass er sich wohl sehr gegrämt hat, dass er nicht mehr für sie da war. Und da hat er dann eben so getan, als ob er gar kein Kind hätte. Aber Geld und Geburtstagsgeschenke hat er trotzdem immer geschickt. Dann kann er sie ja auch nicht vergessen haben. Meinte Frauke. Aber verstanden hat sie das alles nicht.

Geredet hat er in all den Jahren nicht viel mit ihr und sie auch nicht mit ihm. Bockig waren sie alle beide, und unglücklich dazu. So eine Art Unglück kommt ja meist deswegen, weil die Menschen nicht miteinander reden. Im Fernsehen sieht man das laufend. Erst ganz kurz vor Ende so eines Films kommen die dann doch noch mit Ach und Krach zusammen. Hätten sie vorher geredet, dann müsste so ein Film jedenfalls nicht so lang sein und es wäre wesentlich mehr Zeit für Katzenfutterwerbung oder Tierfilme mit Mäusen. Gute Tierfilme gibt es ja auch nicht mehr so oft. Im Fernsehen von heute findet man eher so was wie „Die lustigsten Hunde, die sich völlig dämlich anstellen“ oder wo arme kleine Kätzchen so hinter das Licht geführt werden, dass sie irgendwas Ungeschicktes machen, was sie sonst nie machen würden.

Bei all dem Nichtreden und dem Unglücklichsein hat Fraukes Vater sie aber nicht vergessen. Denn als er vor einem Jahr gestorben ist, hat er ihr alles vererbt, was er hatte. Na gut, das war nicht so viel. Der Hof, nun ja, da ist an dem Haus und dem Stall schon lange nichts mehr gemacht worden. Gerade mal, dass die Löcher im Dach geflickt und die zerbrochenen Fensterscheiben ersetzt wurden, einige allerdings nur durch Bretter. Das ganze Vieh, das muss früher, also vor meiner Zeit, mal eine stattliche Herde gewesen sein. Viele Kühe und Schafe und Ziegen, das sieht man an dem riesigen Stall. Heute sind ja nur noch die acht Kühe und die zwei Ziegen da, und der Rentner Egon.

Was war da noch von dem Erbe? Der alte Eicher-Trecker. Nun ja, der müsste eigentlich ins Museum. Zum Glück ist Jean-Marie da, der kann eigentlich alles, auch Trecker reparieren.

Und dann ist da noch das Land. Da allerdings hat er etliches halten können, das meiste in der Nähe vom Hof auf Utersumer Gebiet, aber einiges auch weiter weg. Das hatte er zum Schluss fast verpachtet, fettes, fruchtbares Marschland. Geld hat er nur wenig vererbt, obwohl Frauke das jetzt wirklich gebrauchen könnte, wo sie doch jetzt Zimmer und Appartements für Kurgäste einrichten muss. Nur so kann man hier noch einigermaßen Geld verdienen. Mit der Landwirtschaft, das ist ja nichts für Frauke. Gerade mal, dass sie jetzt melken kann! Und ausmisten natürlich, aber das kann ja nun jeder. Unsere acht Schwarzbunten haben in der ersten Zeit einiges zu leiden gehabt, aber sich nie beklagt. Sind ja alles Gute. Jede von ihnen habe ich auf die Welt kommen sehen, also fast jede, die Gesa nämlich nicht. Die kommt ja von der Hallig Hooge.

Alle hat das überrascht: Frauke hat sich entschlossen, auf dem Hof zu bleiben! Ich finde das ja nicht so verwunderlich. Gibt es denn etwas Schöneres als unsere Insel? Sie hat zwar nicht richtig Bäuerin gelernt, sondern nur als sie Kind war, immer auf dem Hof geholfen. Und als sie dann in Hamburg war, da hat sie ja immer nur im Büro gesessen. Nun hat sie auch keinen mehr, der sie hält. Tante und Onkel in Hamburg sind beide gestorben, Geschwister und Cousins, Cousinen und so gibt es nicht. Leider waren die arm, da hat Frauke auch nicht viel geerbt, obwohl sie das gut gebrauchen könnte. Aber sagte ich ja schon.

Da gab es nur noch einen Freund, aus dem Büro, aber der war ein Idiot und ein Arsch. So nennt Frauke den immer, wenn sie halblaut mit sich redet und denkt, dass ihr keiner zuhört. Zu mir redet sie auch und glaubt, dass ich nichts verstehe. Ha! Ich verstehe ganz genau, was sie sagt: „Ein Idiot, lieber Tom, das sage ich dir. Drei Jahre lang hat er mich hingehalten und dann ist er doch bei seiner Frau geblieben. Scheidung, ach nee, teuer, und was sollen die Leute denken, er hat ja eine Position. Der Arsch! Der kann froh sein, dass ich seine bescheuerten E-Mails nicht aus Versehen ins Internet stelle!“

Und die Arbeit im Büro? So toll, dass man das ein Leben lang machen will, war das wohl nicht. Und schon gar nicht, wenn der „Idiot und der Arsch“ da immer rumhängt. Aber ganz gut bezahlt war die Arbeit. Ob Frauke das wohl vermisst? „Wenn ich nicht das ganze Geld immer gespart hätte, lieber Tom, dann müsstest du jetzt ausschließlich von Mäusen leben.“ Mäuse statt Mausen, hat sie mal mit mir gescherzt. Habe ich nicht ganz verstanden.

Ihr Geld war eine Hilfe, und außerdem sind da noch all die Leute, die sie von früher kennt. Hier auf Föhr hat sie gleich ganz viel Unterstützung gekriegt. Da sind vor allem noch die Freunde von früher, aus der Schulzeit, die hier wohnen geblieben sind. Ohne die hätte sie das erste Jahr bestimmt nicht überstanden. Kaum dass sie mit ihrem alten roten Volvo-Kombi da war, stand schon eine Nachbarin mit Kuchen vor der Tür. Ein Nachbar hat erst einmal für eine Weile die Kühe und die Ziegen versorgt. Einer hat den Trecker repariert. Der Bürgermeister und der Pastor waren da und haben sie persönlich in der Gemeinde begrüßt. Einer wollte, dass sie gleich sofort beim Ringreiten mitmacht. Aber sie hat ja kein eigenes Pferd, nur den alten Egon in Pension, wie das heißt. Den darf sie immerhin reiten, aber so gern reitet sie gar nicht. Seit der Sache mit ihrer Mutter.

Das ist schon toll, wie sich die Menschen hier gegenseitig helfen. Aber auf Dauer kann ihr die ganze Arbeit doch keiner abnehmen. Da muss sich schon jeder erst mal um seins kümmern. Einer von den alten Freunden hat dann Jean-Marie angeschleppt. Der brauchte unbedingt eine Wohnung, gegen Hilfe auf dem Hof. Erst hat er mich ja gestört. Aber das war doch eine gute Idee, ich geb’s ja zu. Denn ich kann weder Wasserhähne noch Trecker reparieren, und außerdem habe ich echt meine eigenen Pflichten.

Manchmal geht meine Frauke so über das Land, langsam und ziellos, und schaut umher. Dann sehe ich an ihrem Blick, wie sie versucht, das alles in sich aufzunehmen, als wäre es fremd und sie müsste sich daran gewöhnen. Ganz verstehe ich das nicht, weil sie ja hier geboren ist und das doch alles kennt. Es hat sich auf der Insel in 20 Jahren schon einiges verändert, aber hier am Westende hinter dem Deich eigentlich nicht, und auf unserem Hof schon gar nicht. Nur dass weniger Tiere da sind.

Ich bin ja auch hier geboren, aber nie weggewesen. Ich kenne hier jeden Quadratzentimeter mit Vornamen, kein Baum ist von mir unbeklettert geblieben. Und dann der Deich ... das Wichtigste!

Was man über Deiche und Deichkatzen wissen sollte

Ich muss da ein wenig ausholen. Ist auch noch Zeit, der Besuch ist ja immer noch nicht da. Schätze, die Leute haben die Fähre verpasst oder sind erst mal beim ersten Großeinkauf im Supermarkt am Wyker Hafen. Als ob hier schon einer verhungert wäre, wir haben hier doch einen eigenen Laden!

Deichkatzen, das ist das Thema, mein Thema. Wer das hier liest, wird nachher um einiges schlauer sein. Was Deichkatzen sind, das wissen die Menschen natürlich nicht. Die mögen sich wohl über so manches wundern, aber die richtigen Schlussfolgerungen hat noch keiner gezogen. Ist auch besser so, nicht dass die uns noch ins Handwerk pfuschen. Also bitte: Lesen – kapieren – bewundern, aber hinterher nichts verraten!

Uns Deichkatzen gibt es schon sehr, sehr lange. Keiner hat je gezählt, wie viele Generationen braver Katzen und Kater gemeinsam mit anderen Tieren die Deiche vor Schaden bewahrt haben. Es begann, so heißt es, schon nach der „ersten großen Mandränke“, der gewaltigen Sturmflut im Menschenjahr 1362. Unzählige Menschen und Tiere mussten sterben, als damals die nordfriesischen Uthlande untergingen und der sagenhafte Ort Rungholt vom Erdboden verschwand, als damals die Insel Strand und die Halligen entstanden. Seitdem gibt das ja auch die Insel Föhr. Früher hing die sogar noch mit England zusammen, kaum zu glauben! Damals schworen sich jedenfalls die Tiere, die die furchtbare Katastrophe überlebt hatten, den Menschen beim Schutz ihres gemeinsamen Lebensraumes zu helfen. Diese heilige Verpflichtung wird seitdem von Generation zu Generation zu Generation weitergegeben.

Nun hat es lange, lange gedauert, bis sich aus diesen urzeitlichen Anfängen die Organisation entwickelt hat, die heute besteht und zu der ich gehöre. Ich, Deichkater Tom, bin seit drei Jahren amtlich bestellte Erste Deichkatze für den Abschnitt Utersum – Dunsum 1. Dieser Abschnitt ist etwa 750 Menschenmeter lang, die erste Hälfte des Weges von Utersum bis zum Schöpfwerk West. Nicht gerade viel, wird einer da denken. Aber man muss dabei ja noch den Anmarschweg hin zum Deich bedenken. Außerdem bin ich eine Katze. Schon mal gehört, dass wir Katzen Lauftiere wären, die ewig irgendwo herumrennen und nicht müde werden? Nee, nee. Unsere Stärke liegt im Anschleichen, Lauern, Überraschen und Zuschnappen, nicht im Hinterherrennen, bis die Beute müde ist!

Mit meinem Teil des Deiches habe ich es ganz ausgezeichnet getroffen. Er ist zwar 250 Meter länger als fast alle anderen Abschnitte. Das ist viel. Aber die meisten Deichkatzen müssen immer erst mal kilometerweit laufen, bis sie an ihren 500-Meter-Standardabschnitten sind. Und dann müssen sie die ganze Zeit dableiben, weil sie ja sonst den Alarm nicht hören, geschweige denn rechtzeitig eintreffen würden, um Schäden am Deich zu verhindern. Ich hingegen kann eigentlich von zuhause aus arbeiten, die 200 Meter extra hin zum Deich mache ich mit links. Meistens bin ich aber in meiner Schicht am Stützpunkt, in dem kleinen Wäldchen unterhalb des Deichs. Da haben sich vor vielen Jahren mal Kinder eine kleine Hütte gebaut. Die Kinder sind nun groß, viele neue Kinder sind nicht da, die Erwachsenen interessiert das nicht. Also habe ich die kleine Hütte für mich ganz allein, vor allem bei Regen ist das sehr praktisch. Ab und zu bleibe ich auch zuhause, wenn nicht gerade Ostwind ist, jedenfalls. Der Weg ist länger, aber schließlich bin ich fit. Deichkatzen müssen fit sein! Dass ich nicht immer direkt am Deich bin, wird vom Vereinsvorstand ja nicht gern gesehen. Aber ich mach’s trotzdem – so wie heute – und kann nebenbei ein Auge auf unseren Hof halten.

Und um das hier mal klarzustellen: Ich habe noch nie einen Alarm überhört. Das wäre auch fatal. Man muss sich dabei Folgendes vorstellen: Scharen von dummen, unverantwortlichen und unbelehrbaren Kaninchen, Maulwürfen, Wühlmäusen und noch anderen Nagern bis hin zur Bisamratte graben nämlich immer wieder gefährliche Löcher in die Deiche. Irgendwann werden die Bauwerke, so breit und hoch sie auch sein mögen, instabil. Kommt da erst mal Wasser durch, dann wird es gefährlich, und zwar für uns alle auf der Insel. Nur die blöden Nager kapieren nicht, dass sie dann auch selber dran wären.

So ehrwürdig wie wichtig: „Föhr Nutz“!

Und genau deshalb hat der ehrwürdige „Verein der auf der Insel Föhr lebenden Nutztiere“ – kurz „Föhr Nutz“ – uns Katzen nach der Erhöhung der Föhrer Deiche vor nun schon mehr als 100 Jahren die Aufgabe übertragen, die Nager von den Deichen zu vertreiben. Wie wir das machen, ist uns überlassen, Totbiss, Verzehr oder anderweitige Verwertung nach Belieben inbegriffen. Im Laufe der Jahre hat sich da eine gewisse Arbeitsteilung mit den Möwen herausgebildet, obwohl die ja jegliche feste Verpflichtung ablehnen. Aber in meinem Abschnitt läuft es einigermaßen.

Das mit den Wildtieren ist ja nun so eine Sache. Überhaupt ist der Rat der auf der Insel Föhr lebenden Wildtiere – kurz, „Föhr Wild“ – seit jeher schon ein komischer Verein. Inselschutz, na klar, immer gerne. Aber sobald es um verpflichtende Aufgaben und Tätigkeiten, um Dienstpläne und Schichtzeiten geht, gibt es da auf einmal tausend Gründe, wieso dies nicht geht und das leider nicht möglich ist und was weiß ich. Ich glaube ja, dass dieser ganze Verein, der hauptsächlich aus Enten und Möwen besteht, nur ein großer Schwindel ist. Vor allem, seit ich mal von einer Möwe gehört habe, dass denen die Sturmfluten doch am Schwanzgefieder vorbei ...

Ähhemm. Ich hoffe, das lesen hier keine unverdorbenen Menschen- oder Katzenkinder? Na jedenfalls, diese Emma, Emma 18 281, hat mir mal ins Gesicht gekrächzt: „Sturmflut und Deichbruch? Mir völlig egal. Flieg ich halt nach Sylt!“ Die Austernfischer piepen ähnlich. Kurzum, Föhr ist den Wildtieren, den fliegenden jedenfalls, doch möwenschietegal. Oder war das Emma 28 182? Die Möwen heißen alle Emma, und damit die sich auseinanderhalten können, haben die Nummern. Aber das ist so eine Sache. Wer kann sich diese dämlichen Nummern schon merken?

Auch so ein Thema. Unter den Mitgliedern von „Föhr Wild“ gibt es nicht nur wenige Landtiere, eine Mitgliederregistrierung gibt es auch nicht – oder jedenfalls nicht mehr, seitdem die Sache mit den Mehr- und Vielfachregistrierungen betrügerischer Eiderenten auf verschiedenen Nordseeinseln aufgeflogen ist. Das ist lange her, aber seitdem hat da niemand mehr das Heft in die Hand genommen bei diesem komischen Verein.

Mir ist diese Sache jedenfalls nicht egal. Ich habe keine Lust aufs Absaufen, nicht mal aufs Schwimmen, und ich muss Frauke beschützen. Also nehme ich meine Pflichten sehr ernst.