Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Henry Fieldings Buch 'Tom Jones' besteht aus sechs Bänden und erzählt die Geschichte des Findelkindes Tom Jones, das in die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts hineingeworfen wird. Der Roman ist bekannt für seinen humorvollen Ton, seine lebendigen Charaktere und die scharfsichtige Satire auf die damalige Gesellschaft. Fielding verwendet eine Vielzahl von literarischen Techniken, darunter die Erzählung eines Ich-Erzählers, um die Leser in die Welt von Tom Jones zu ziehen. Der Roman gilt als eines der Meisterwerke des englischen Romans und hat einen bleibenden Einfluss auf die Literaturgeschichte gehabt. Fielding, selbst ein Schriftsteller und Richter, verarbeitet in 'Tom Jones' seine eigenen Erfahrungen und Ansichten über Moral, Gesellschaft und Menschlichkeit. Sein Werk wird immer noch wegen seiner Tiefe und seiner universellen Themen geschätzt. Dieses Buch ist ein Muss für alle Liebhaber von Klassikern und historischen Romanen. Es bietet nicht nur eine unterhaltsame Lektüre, sondern regt auch zum Nachdenken über die menschliche Natur und die Gesellschaft an. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 1663
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Zwischen Herkommen und Selbstbestimmung tastet sich ein junger Findling durch eine Welt aus Chancen, Täuschungen und Prüfungen – das ist der Pulsschlag von Tom Jones. Henry Fieldings Roman erzählt von der Möglichkeit, inmitten sozialer Schranken und moralischer Maskenspiele eine eigene, belastbare Tugend zu formen. Mit komischer Energie, erzählerischer Großzügigkeit und scharfem Blick für gesellschaftliche Rollenspiele führt das Werk durch Landhäuser, Wirtshäuser und Gerichtsstuben, immer auf der Suche danach, was einen Menschen wahrhaft gut macht. Die Geschichte entfaltet sich als lebendiges Panorama, das das Private mit dem Öffentlichen verschränkt und die Frage stellt, wie Charakter unter den Blicken der Welt reift.
Dieses Buch gilt als Klassiker, weil es den englischen Roman auf eine neue Stufe hob: Weit gespannt wie ein Epos, geistreich wie eine Komödie und genau beobachtend wie sozialer Realismus, vereint es scheinbar disparate Gattungen zu einer eigenen Form. Die Vielstimmigkeit des Erzählens, der souveräne Überblick eines allwissenden, reflektierenden Erzählers und die Lust an moralischer Prüfung machen das Werk zu einem Maßstab für spätere Erzählexperimente. Sein nachhaltiger Einfluss zeigt sich in der Kunst, das Komische und das Ernsthafte zusammenzuhalten – ohne die Wirklichkeit zu beschönigen und ohne die Menschen ihrer Fehlbarkeit wegen zu verdammen.
Henry Fielding (1707–1754) war Dramatiker, Romancier und Londoner Magistrat. Nach Einschnitten im Theaterbetrieb wandte er sich stärker der Prosa zu und entwickelte eine Erzählweise, die Witz, juristische Erfahrung und Menschenkenntnis vereint. Tom Jones entstand auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Reife und verdankt seine Spannkraft nicht zuletzt Fieldings genauer Kenntnis des englischen Alltagslebens. Das Werk verbindet urbane Sensibilität mit dem Blick aufs Land, rechtliche Fragen mit moralischen, und individuelle Lebenswege mit gesellschaftlichen Strukturen. In dieser Verbindung liegt eine besondere Autorpoetik, die das Konkrete ernst nimmt und zugleich übergeordnete Maßstäbe prüft.
Erstveröffentlicht wurde The History of Tom Jones, a Foundling im Jahr 1749 in London. Die Erstausgabe erschien in sechs Bänden; innerlich gliedert sich der Roman in achtzehn Bücher. Diese formale Anlage erlaubt es, breite Handlungsbögen mit reflektierenden Vorreden und Kommentaren zu verschränken. Die hier vorliegende Gesamtheit aller sechs Bände macht nachvollziehbar, wie Fielding das Tempo variiert, wie er Figuren einführt, Motive vorbereitet und Fäden wiederaufnimmt. Zugleich zeigt sich, dass die Großform keine bloße Kulisse ist, sondern das Denk- und Erlebnishafte der Geschichte trägt und ihr eine unverwechselbare Dramaturgie verleiht.
Die Ausgangssituation ist schlicht und wirkungsvoll: Ein Findelkind wächst im Haus eines wohlhabenden Landjunker heran und muss seinen Platz in der Welt finden. Aus dieser Konstellation entfaltet sich ein Weg, der von Zuneigung, Missverständnissen, Versuchungen und Prüfungen gekennzeichnet ist. Freundschaft und Liebe spielen eine treibende Rolle, ebenso das Ringen um Vertrauen, Ehre und Beständigkeit. Unterwegs begegnen wir Figuren, die kurzsichtig, großherzig, selbstsüchtig oder überraschend gerecht sein können. Die Handlung bleibt dabei stets in Bewegung, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren: die Reifung eines Charakters unter realen Bedingungen.
Das Werk verhandelt große, bis heute aktuelle Themen: das Verhältnis von Natur und Erziehung, die Spannung zwischen sozialem Rang und persönlicher Würde, die Macht des Zufalls und die Frage, wie wir Verantwortung annehmen. Es zeigt die Reibung von Schein und Sein, von moralischer Rhetorik und gelebter Praxis. Wer sich in dieser Welt behaupten will, muss lernen, Klugheit, Herz und Urteilskraft zu verbinden. Fielding interessiert sich nicht für abstrakte Ideale, sondern für Tugend, die in Konflikten erprobt wird – dort, wo Loyalität, Begehren und Pflicht einander kreuzen und Charakter sich im Umgang mit anderen bewährt.
Erzählerisch ist Tom Jones ein Meisterstück. Die allwissende Stimme führt, kommentiert, strukturiert und lädt zu kritischer Anteilnahme ein. Prägnante Kapitelvorspänne rahmen die Abschnitte, lenken die Perspektive und geben dem Publikum Mittel an die Hand, das Gesehene zu deuten. Der Ton schwankt mit Absicht zwischen Ironie und Ernst, Beobachtung und Reflexion. Zufälle dienen nicht bloß als Effekte, sondern als Prüfungspunkte einer Welt, in der Menschen Pläne machen und dennoch dem Unvorhergesehenen begegnen. So entsteht ein komisches Epos in Prosa: weltzugewandt, geduldig, eigenwillig und in seiner Erzählarchitektur bemerkenswert durchsichtig.
Der Einfluss des Romans reicht weit über seine Entstehungszeit hinaus. Tom Jones half, die Möglichkeiten des englischen Romans zu definieren: Figurenzeichnung mit moralischer Dimension, gesellschaftliches Panorama, kunstvolle Konstruktion und eine Autorstimme, die zugleich führt und mit dem Lesenden ins Gespräch tritt. Spätere Erzähler der realistischen Tradition haben an diese Mittel angeknüpft, ob in der satirischen Behandlung der Gesellschaft, in der Weite der Handlungsräume oder im Spiel mit Erzählerkommentar. Auch der Bildungsroman verdankt dem Werk Impulse: Reifung wird als praktischer, sozial verankerter Prozess gezeigt, nicht als reine Innerlichkeit.
Zeitgenössisch wurde Tom Jones breit gelesen und kontrovers diskutiert. Manche lobten die Lebendigkeit und moralische Klarheit, andere bemängelten vermeintliche Freizügigkeit. Gerade diese Spannung erklärt die anhaltende Faszination: Das Buch verweigert vorschnelle Urteile und setzt auf Urteilskraft. Der Erfolg zeigte sich früh in der raschen Verbreitung und in Debatten über Anstand, Sitte und literarische Formen. Bis heute regen die Figuren – mit all ihrer Widersprüchlichkeit – zur Stellungnahme an. Die Rezeption hat das Werk als freiheitsliebend und menschenkundig beschrieben, ohne dass die Ernsthaftigkeit seiner ethischen Fragen verloren ginge.
Für heutige Leserinnen und Leser ist Tom Jones überraschend unmittelbar. Die Prosa ist lebendig, der Witz pointiert, die Szenen sind anschaulich und dialogreich. Die Vielfalt der Schauplätze sorgt für ein Tempo, das die Länge der Erzählung trägt. Übersetzungen erschließen die stilistische Spannweite, und die Gliederung in Bände erlaubt eine Lektüre, die Atem holt und dennoch den großen Bogen spürbar macht. Wer das Buch zum ersten Mal aufschlägt, findet kein museales Stück, sondern eine Bewegung: Figuren handeln, irren, lernen und halten uns einen Spiegel vor – behutsam, aber unnachgiebig.
Die anhaltende Relevanz des Romans speist sich aus seinem Blick auf soziale Rollen und moralische Selbstprüfung. In einer Zeit, die von Status, Meinung und öffentlicher Sichtbarkeit geprägt ist, wirkt Fieldings Interesse an konsequentem Handeln unter Beobachtung besonders gegenwärtig. Er zeigt, wie leicht Selbsttäuschung mit Prinzipien verwechselt wird, und wie nötig es ist, Maßstäbe am lebendigen Leben zu prüfen. Dabei feiert das Buch nicht den Zynismus, sondern eine belastbare Form von Güte, die Konflikte aushält. Diese Widerständigkeit gegen einfache Antworten macht die Lektüre heute ebenso nötig wie anregend.
Schließlich überzeugt Tom Jones durch zeitlose Qualitäten: einen weiten Atem, der Welt und Menschen gelten lässt; Humor, der entlarvt, ohne zu verbittern; eine Erzählintelligenz, die ordnet, ohne zu bevormunden. In den sechs Bänden entfaltet sich eine Schule des Lesens und Urteilens, die unterhält und bildet. Wer sich darauf einlässt, gewinnt ein Bild von Gesellschaft, das Komplexität nicht scheut und dennoch nach Gerechtigkeit fragt. So bleibt Fieldings Roman ein lebendiger Begleiter: Er weckt Neugier, schärft den Blick für das Echte und erinnert daran, dass Tugend nur im Handeln Gestalt annimmt.
Henry Fieldings Tom Jones, 1749 erschienen und oft in sechs Bänden publiziert, gilt als komisches Epos in Prosa und als Meilenstein des englischen Romans. Im Mittelpunkt steht ein Findelkind, das im ländlichen Somerset bei dem wohlwollenden Gutsherrn Squire Allworthy aufwächst. Die Erzählung verbindet Gesellschaftssatire mit einer moralischen Untersuchung von Tugend, Neigung und Urteil. Früh setzt Fielding seinen charakteristischen, kommentierenden Erzähler ein, der Handlung und Darstellung reflektiert. Der junge Tom zeigt sich warmherzig, großzügig und ungestüm; ihm gegenüber steht Allworthys pflichtbewusster Neffe Blifil, dessen Zurückhaltung und Frömmelei früh als potenziell zweischneidig erscheint.
Der Roman entwickelt zunächst die Konstellationen auf dem Landgut und in der Nachbarschaft. Tom begeht jugendliche Unbesonnenheiten, erweist aber wiederholt Hilfsbereitschaft, etwa gegenüber dem geächteten Wildhüter Black George. Zugleich rückt Sophia Western in den Blick, die kluge und empfindsame Tochter des Temperamentsmenschen Squire Western. Zwischen Sophia und Tom entsteht Zuneigung, die jedoch Klassenunterschiede und gesellschaftliche Erwartungen belasten. Allworthys Erkrankung und familiäre Erwägungen schärfen die Fragen nach Besitz, Pflicht und Anstand. Im Hintergrund wirken Intrigen und moralische Urteile, die weniger von Wahrhaftigkeit als von Fassade und Eigeninteresse geprägt sind.
Romantische Verwicklungen und Dorfgeläster steigern die Spannungen. Ein lärmender Skandal um Tom und die impulsive Molly Seagrim belastet seinen Ruf und bietet Gegnern Angriffsfläche. Sophia ringt mit der Kollision von persönlicher Neigung, väterlichem Druck und dem Ideal der weiblichen Tugend. Die Option einer standesgemäßen Verbindung, nicht zuletzt mit Blifil, wird als vernünftige, aber gefühlskalte Lösung vorgezeichnet. Missdeutungen und gezielte Verdrehungen trüben Allworthys Urteil über Tom. Ein markanter Wendepunkt ist die Verbannung des jungen Mannes aus dem Haus, die ihn aus der geschützten Welt des Landguts in das unsichere Feld der Erfahrung treibt.
Mit dem Aufbruch beginnt ein picaresker Reiseabschnitt, der Tom in Gasthöfe, auf Landstraßen und in die Gesellschaft zufälliger Weggefährten führt. An seine Seite tritt der redselige Partridge, dessen Mischung aus Loyalität und Komik den Ton aufhellt. Eine berüchtigte Verwechslung in einem Wirtshaus, Begegnungen mit Soldaten und mehrdeutige Bekanntschaften prüfen Toms Urteilskraft, seine Treue und sein Temperament. Parallel dazu flieht Sophia vor einer drohenden, für sie ungewollten Eheschließung, begleitet von ihrer Zofe. Ihre Fährten kreuzen sich wiederholt knapp, während Verfolger aus dem Westen – Verwandte und Dienerschaft – die Unruhe und den sozialen Druck erhöhen.
Auf der Straße zerlegt Fielding die Gesellschaft in Episoden: das Gespräch mit einem weltmüden Einsiedler, Streit unter Offizieren, ein Puppenspiel als Spiegel der öffentlichen Moral. In diesen Szenen schwanken Menschenbilder zwischen Skepsis und Menschenfreundlichkeit. Tom beweist Mut, Freigebigkeit und die Neigung zu spontanen Entscheidungen, die nicht immer klug sind. Partridge liefert volksnahe Kommentare und Missdeutungen, die die Distanz des Lesers zur Handlung produktiv machen. Der Erzähler diskutiert zugleich Kunstregeln und Ethik, sodass die Reise als Erprobung der Maxime erscheint, ob natürliche Güte ohne Umsicht bestehen kann.
Schließlich erreicht das Geschehen London, ein Raum gesteigerter Möglichkeiten und Gefahren. Salons, Theater und Hinterzimmergeschäfte formen ein Netz aus Protektion und Abhängigkeit. Eine einflussreiche Dame nimmt Tom unter ihre Fittiche und verstrickt Unterstützungen mit Forderungen. Der Glanz der Hauptstadt konfrontiert ihn mit Versuchungen, die Loyalität und Selbstachtung herausfordern. Sophia muss in einem Umfeld aus Beobachtung, Werbung und Verwandteninteressen ihre Autonomie behaupten. Briefe, Boten und Zufälle vermehren Missverständnisse. Ehre, Ruf und juristische Risiken werden zu harten Währungen, während der Ton zwischen Komödie der Sitten und latenter Gefahr oszilliert.
Die Handlung verdichtet sich, als Personen aus dem Westen in London eintreffen und ältere Verfehlungen mit neuen Konflikten kollidieren. Eine nächtliche Auseinandersetzung bringt Tom in ernsthafte rechtliche Schwierigkeiten und führt zu Haft, womit das Thema Gerechtigkeit gegenüber bloßer Gesetzlichkeit zugespitzt wird. Allworthy sucht, der Vernunft und dem Gewissen folgend, die Wahrheit hinter widersprüchlichen Aussagen. Blifils tadellose Maske zeigt Risse, ohne dass bereits abschließende Urteile gesprochen werden. Hinweise auf alte Geheimnisse mehren sich, und die Frage, ob Charakter, Geburt oder Zufall das Schicksal lenken, wird in einen größeren moralischen Rahmen gestellt.
Im Schlussbogen arbeiten Zeugnisse, Dokumente und Augenzeugen an der Klärung von Missverständnissen, die die frühere Härte gegenüber Tom befeuert hatten. Gesten der Wohltätigkeit erweisen sich als langfristig wirksam, während Hochmut und Heuchelei an Wirkung verlieren. Sophia behauptet ihren Anspruch, über ihr Leben zu entscheiden, und zwingt die Umwelt zu einer Neubewertung von Vernunft, Neigung und Respekt. Autoritätspersonen revidieren Positionen, Besitzfragen werden neu geordnet, und Beziehungen ordnen sich weniger nach Stand als nach Verdienst. Der Erzähler fügt lose Fäden zusammen, kommentiert sein Verfahren und wägt Komik und Moral ohne endgültige Enthüllungen abzuschließen.
Tom Jones bleibt über den Plot hinaus bedeutend als Panorama einer Gesellschaft im Übergang und als Programm einer Ethik des guten Herzens, die Klugheit benötigt. Fielding verbindet erzählerische Innovation – darunter kommentierende Kapitelanfänge und selbstreflexiver Ton – mit der Prüfung von Tugend, Absicht und Wirkung. Der Roman kritisiert religiöse und soziale Heuchelei, erhebt aber keine asketischen Ideale, sondern plädiert für Maß, Barmherzigkeit und urteilsfähige Empathie. In der Balance von Zufall und Charakter liegt seine nachhaltige Aktualität: Menschen werden an Taten, nicht an Fassaden gemessen, und Reife entsteht aus der Erfahrung, Irrtum einzusehen und besser zu handeln.
Der Roman Tom Jones, in sechs Bänden 1749 veröffentlicht, ist im England der Regierungszeit Georgs II. verankert, einer Phase des georgianischen Jahrhunderts. Dominant sind die anglikanische Kirche, die Landadelsherrschaft mit ihren Pfarreien und Friedensrichtern, sowie ein expandierender, aber ungleich verteilter Wohlstand. London bildet das kulturelle und kommerzielle Zentrum, doch die Handlung durchmisst zugleich Provinz, Landstraßen und Gasthäuser. Diese Bühne erlaubt Henry Fielding, die Spannungen zwischen höfischer Kultur, provinzieller Sitte und städtischer Geschäftigkeit sichtbar zu machen. Institutionen wie die Pfarrei, das Schuldgefängnis und das Herrenhaus strukturieren den Alltag, gegen deren Zwänge Figuren ihre Handlungsspielräume austesten.
Politisch prägt das 18. Jahrhundert die Dominanz der Whigs, die Patronage und die Loyalität zur hannoverschen Dynastie. Nachwirkungen der Jakobitenaufstände von 1715 und vor allem 1745 erzeugen ein Klima erhöhter Sensibilität gegenüber Loyalität, Reisebewegungen von Soldaten und Gerüchten. Diese Konstellation liefert dem Roman einen Hintergrund aus Loyalitätsprüfungen und ideologischen Markierungen, ohne sich in militärischen Details zu verlieren. Die Stabilität der neuen Dynastie beruht auf Verwaltung, Kreditwirtschaft und landadeligem Konsens; Fielding spiegelt diese Ordnung in Konflikten um Autorität, Recht und Pflicht wider, die seine Figuren in Wirtshäusern, Amtsstuben und Salons austragen.
Die soziale Hierarchie des georgianischen Englands strukturiert das Geschehen: Landadel und Pächter, Geistliche, Dienerschaft, städtische Kaufleute und fahrendes Volk. Erbrecht, Entail und Besitz sichern Status und bestimmen Heiratspolitik. Der Roman greift Fragen der Legitimität und Herkunft auf, indem er das Schicksal eines Findlings mit der starren Logik des Besitzrechts konfrontiert. Die Armenverwaltung der Pfarreien, Bastardieverordnungen und die öffentliche Schamkultur erzeugen Druck auf Unverheiratete und ihre Kinder. Tom Jones nutzt diese Konstellationen, um den Abstand zwischen normativer Moral und gelebter Praxis sichtbar zu machen und die Grenzen sozialer Mobilität auszuloten.
Das Rechtssystem mit lokalen Friedensrichtern, schwankender Professionalität und oft willkürlicher Durchsetzung bildet einen Kern des historischen Hintergrunds. Fielding kannte diese Welt aus eigener Anschauung: Er studierte Jura und wurde 1748 Magistrat am Bow Street Court in London. Dort förderte er praktische Reformen der Verbrechensbekämpfung, die sich zu den Bow Street Runners entwickelten. Diese Erfahrung färbt seine Darstellung von Anzeigen, Verhören, Kautionen und Haftbedingungen. Der Roman zeigt, wie persönliche Beziehungen, Bestechlichkeit und Standesunterschiede die Rechtspraxis strukturieren, und wie schwer es ist, zwischen Gesetzestreue und Gerechtigkeit zu unterscheiden.
Ein entscheidender Impuls für Fieldings Wechsel zur Prosa war die Theatrical Licensing Act von 1737. Seine satirischen Bühnenstücke gegen die Regierungspraxis, insbesondere unter Robert Walpole, gerieten ins Visier der Zensur. Die neue Lizenzpflicht dämpfte das politische Theater und lenkte Fielding in Richtung Roman und juristische Laufbahn. Dieser Kontext erklärt den scharfen satirischen Ton in Tom Jones und das anhaltende Interesse an Machtmissbrauch, Heuchelei und öffentlicher Moral. Die Romankunst wird zum Forum, politische und soziale Kritik in einer Form zu artikulieren, die der Bühne partiell verwehrt wurde.
Tom Jones steht in einer Phase, in der sich der englische Roman als Leitgattung etabliert. Nach Defoe und im Wettstreit mit Samuel Richardson, dessen Pamela und Clarissa die Empfindsamkeit und Tugend verteidigen, bietet Fielding eine alternative Poetik: die komische, realistische Sittenmalerei. In Joseph Andrews und Shamela hatte er bereits Richardsons Tugendschema parodiert. Tom Jones verfeinert diese Linie durch einen gelehrten Erzähler, der Vorreden und Reflexionen liefert und das Werk als komisches Epos in Prosa rahmt. Diese Selbstkommentierung entspricht dem aufgeklärten Anspruch, Literatur als moralische und ästhetische Debatte zu betreiben.
Die Buchhandelswelt der 1740er Jahre ist von großen Londoner Verlegern und weitreichenden Provinznetzen geprägt. Fieldings Roman erschien bei Andrew Millar, einem einflussreichen Buchhändler, und profitierte von der wachsenden Leserschaft der städtischen Mittelschichten. Zunehmende Verfügbarkeit durch Leihbibliotheken und Zeitungskritiken erleichterte die Verbreitung. Zugleich wirkten scharfe Verleumdungsgesetze und moralische Vorbehalte dämpfend. Der Erfolg von Tom Jones zeigt, wie der Roman zur Ware in einem kommerzialisierten Kulturmarkt wird und wie Autorschaft, Patronage und Marktinteressen neue Allianzen eingehen, um umfangreiche, mehrbändige Werke zu tragen.
Technische und infrastrukturelle Neuerungen prägen das Alltagsgefühl, das Fielding einfängt. Das Turnpike-System verbessert Straßen; Postkutschen, Frachtwagen und Reitkuriere beschleunigen Reisen. Gasthäuser und Poststationen dienen als Knoten sozialer Interaktion, voll von Dienern, Offizieren, Handelsleuten und Schauspieltruppen. Diese mobile Welt liefert den Rahmen für Begegnungen, Missverständnisse und soziale Experimente. London expandiert mit neuen Stadtteilen, Kaffeehäusern und Vergnügungsorten; Provinz und Metropole sind enger als zuvor verknüpft. Der Roman nutzt diese Beschleunigung, um Charaktere durchs Reich zu bewegen und soziale Grenzen im Transit zu testen.
Ökonomisch erlebt England eine Ausweitung des Handels, der Kreditwirtschaft und der Konsumkultur. Mode, Möbel, Bücher und Vergnügungen werden Statusmarker. Gleichzeitig wachsen Verschuldung, Glücksspiel und Spekulation, während die Armen von Preis- und Lohnschwankungen getroffen werden. Debatten über den Gin-Konsum und städtische Kriminalität durchziehen die 1730er und 1740er Jahre. Fielding, der später Schriften zur Verbrechensbekämpfung vorlegte, bringt in Tom Jones bereits Sensibilität für Ursachen sozialer Devianz ein. Er zeigt, wie wirtschaftliches Begehren und moralische Rhetorik kollidieren, und wie Kredit und Reputation das Verhalten in Wirtshäusern, Salons und Gerichtsstuben bestimmen.
Religiös ist das England der Zeit von der anglikanischen Staatskirche dominiert, doch Nonkonformisten und die evangelikale Erweckung um Wesley und Whitefield gewinnen Einfluss. Parallel diskutieren Deisten und Rationalisten die Grundlagen der Moral unabhängig von kirchlicher Autorität. Tom Jones reflektiert diese Spannungen über Figuren, die religiöse Strenge, philosophische Moralsysteme oder opportunistische Frömmigkeit verkörpern. Der Roman kritisiert Heuchelei, ohne einfache Glaubenssätze zu bestätigen oder zu verwerfen. Damit spiegelt er eine Öffentlichkeit, in der Predigt, Pamphlet und philosophischer Essay um Deutungshoheit über Tugend und Gemeinsinn ringen.
Intellektuell steht das Werk im Umkreis aufgeklärter Moraltheorie, die Tugend als Ausdruck von Wohlwollen und sozialer Sympathie fasst. Autoren wie Shaftesbury und Hutcheson prägten Debatten über den moralischen Sinn, Höflichkeit und die Kunst der Geselligkeit. Fieldings Erzähler kommentiert Verhalten als Prüfstein von Charakter, weniger als Befolgung starrer Regeln. Diese Perspektive verbindet ästhetischen Genuss, Humor und Sittenkritik. Tom Jones wird so zu einem Laboratorium der Höflichkeit, in dem gutes Benehmen, Empfindung und Urteilsfähigkeit gegenüber starren Dogmen aufgewertet werden, ohne die Gefahren modischer Oberflächlichkeit zu verschweigen.
Geschlechterordnung und Ehepraxis bilden einen weiteren zentralen Kontext. Unter dem Regime der Coverture verlieren verheiratete Frauen rechtliche Selbstständigkeit; Heiratsverträge und Mitgiftregelungen sichern Vermögen. Vor dem Marriage Act von 1753 waren heimliche Eheschließungen leichter möglich, was Debatten über Einwilligung und Missbrauch anheizte. Tom Jones stellt Konflikte um arrangierte Verbindungen, elterliche Autorität und weibliche Wahlfreiheit aus. Die Figur der jungen Erbin, die gegen eine ungewollte Partie aufbegehrt, spiegelt eine verbreitete Spannung zwischen Gefühlen, Eigentumslogik und öffentlicher Reputation im England der 1740er Jahre.
Auch in der Darstellung von Delikten und Strafen bewegt sich der Roman nah an zeitgenössischen Erfahrungen. Wilderei und Jagdrecht gelten als empfindliche Eingriffe in adlige Privilegien; Duelle sind illegal, jedoch verbreitet. Straßenraub bedroht Reisende, während Haftanstalten brutale Verhältnisse aufweisen. Reformideen zirkulieren, doch Praxis und Interessen bremsen Veränderungen. Fielding lässt Figuren diese Grauzonen durchqueren und zeigt, wie Rechtsbruch und Rechtspflege sozial codiert sind. Die flexible Moral der Eliten, das harte Vorgehen gegen Arme und die Rolle von Informanten und Kopfgeldjägern werden im Roman als Systemprobleme sichtbar.
Im Spannungsfeld von Land und Stadt agiert Tom Jones als Sittenbild beider Sphären. Das Gutshaus steht für paternalistische Fürsorge, aber auch für Willkür, Heuchelei und lokale Intrigen. London verheißt Vergnügen, Theater, Kaffeehäuser und neue Karrieren, doch birgt Glücksspiel, Betrug und sexuelle Ausbeutung. Der Roman orchestriert diese Räume, um Tugendproben zu inszenieren: Nicht Herkunft entscheidet, sondern die Fähigkeit, sich in wechselnden Öffentlichkeiten zu behaupten. Die Bewegung zwischen Provinz und Metropole macht sichtbar, wie Reputationsökonomien funktionieren und wie leicht moralische Etiketten zu sozialen Waffen werden.
Militärische Präsenz ist als Hintergrundrauschen spürbar. Der Österreichische Erbfolgekrieg belastete bis 1748 Finanzen und Gesellschaft; die Jakobitenkrise 1745 mobilisierte Truppen und Milizen und hinterließ Misstrauen. Rekrutierungstrupps, entlassene Soldaten und Offiziere auf Reisen gehören zum allgemeinen Straßenbild. Solche Begegnungen in Herbergen und unterwegs strukturieren Episoden sozialer Prüfung. Sie verweisen auf eine Gesellschaft, in der staatliche Gewalt und private Ehre oft ineinandergreifen, und in der Loyalitätsbekundungen pragmatischen Nutzen haben. Der Roman nutzt diese Konstellation, ohne zum Kriegsroman zu werden.
Die Publikumsreaktion fiel gemischt, aber lebhaft aus. Bewunderer priesen die Kunst der Konstruktion, den Witz und die umfassende Darstellung von Sitten. Kritiker sahen Anstößiges, fürchteten um die öffentliche Moral oder misstrauten der Ironie des Erzählers. Der Erfolg verhalf dem Werk rasch zu internationaler Verbreitung; Übersetzungen machten Fieldings Verfahren auf dem Kontinent bekannt und rückten den englischen Roman in eine führende Position europäischer Prosa. Diese Resonanz zeigt, dass Tom Jones nicht bloß Unterhaltung, sondern ein Beitrag zur Debatte über Tugend, Ordnung und moderne Öffentlichkeit war.
Als Schriftsteller, Jurist und später auch Journalist setzte Fielding auf die Wechselwirkung von Literatur und Sozialreform. In Essays und als Magistrat diskutierte er Ursachen von Kriminalität, Armut und Laster, wobei er auf Verwaltung, Erziehung und vernünftige Gesetzesanwendung setzte. Tom Jones, zwei Jahre vor wichtigen kriminalpolitischen Schriften entstanden, trägt diesen Reformimpuls literarisch aus: Er entlarvt symbolische Ungerechtigkeiten, plädiert für Mäßigung und Humanität und warnt vor moralischem Dogmatismus. Die erzählerische Form ermöglicht es, Fallbeispiele zu verketten, an denen Leser ihr eigenes Urteil schärfen können, statt nur Lehrsätze zu übernehmen. Schließlich kommentiert Tom Jones seine Epoche, indem er den Anspruch der Aufklärung, moralische Urteilsbildung an Erfahrung zu koppeln, gegen zeitgenössische Heuchelei verteidigt. Der Roman demaskiert Standesdünkel, rechtliche Verzerrungen und ökonomische Versuchungen, ohne einfache Helden zu liefern. Er setzt auf geselligen Austausch, Witz und Mitgefühl als Gegenmittel gegen ideologische Starrheit. Damit kritisiert er die Macht der Reputation und schlägt ein Modell öffentlicher Vernunft vor, das Fehler zulässt und Besserung ermöglicht. In dieser Balance aus Satire und Menschenfreundlichkeit liegt seine zeitgenössische Sprengkraft.
Henry Fielding (1707–1754) war ein englischer Romancier, Dramatiker, Journalist und Magistrat des 18. Jahrhunderts. Er zählt zu den prägenden Gestalten der frühen englischen Romankunst, berühmt für eine souverän gelenkte Erzählerstimme, komische Energie und scharfe Gesellschaftsbeobachtung. Seine Prosa verbindet klassische Formen mit zeitgenössischer Satire und einem ausgeprägten Sinn für moralische Prüfung. Neben dem literarischen Werk wirkte Fielding als Gerichtsmagistrat in London und wurde mit Initiativen zur öffentlichen Ordnung verbunden. Zu seinen bekanntesten Romanen gehören Joseph Andrews, Tom Jones und Amelia. Seine Arbeiten prägen die Entwicklung des realistischen, weit ausgreifenden Gesellschaftsromans und bleiben für das Verständnis der Epoche zentral.
Fielding erhielt seine Ausbildung am Eton College, dessen humanistischer Lehrplan ihn früh mit antiker Dichtung, Rhetorik und Komödie vertraut machte. Später studierte er am Middle Temple Rechtswissenschaften und verband juristische Praxis mit literarischem Schreiben. Zu den klar erkennbaren Einflüssen zählen die klassische Komödie und Satire sowie Miguel de Cervantes, dessen Don Quijote ihm ein Modell für episodisches, picareskes Erzählen bot. Ebenso prägten ihn die englische Essaytradition um Joseph Addison und Richard Steele und die moralisch-didaktische Zeitschriftenkultur. Aus dieser Mischung entwickelte er eine Technik der ironischen Distanz, die seine Erzählerfigur als souveräne, kommentierende Autorität auftreten lässt.
Seine Laufbahn begann im Theater der frühen 1730er-Jahre mit scharfzüngigen Burlesken und politischen Satiren. Erfolgreich waren unter anderem Tom Thumb beziehungsweise The Tragedy of Tragedies sowie Pasquin und The Historical Register for the Year 1736, die zeitgenössische Kultur und Ministerpolitik attackierten. Fieldings Bühnenproduktion trug zu den Debatten bei, die im Licensing Act von 1737 mündeten, der das Londoner Theater stärker regulierte und politische Satire erschwerte. In der Folge verlagerte er seinen Schwerpunkt auf juristische Ausbildung, Journalismus und Prosa. Er schrieb für Blätter wie The Champion und schärfte dort sein Profil als polemischer, doch argumentationsstarker Publizist.
Den Übergang zur Prosa markierte 1741 die Parodie Shamela, die Samuel Richardsons Pamela kritisch spiegelte. 1742 folgte Joseph Andrews, dessen Vorwort das Programm eines komischen epischen Gedichts in Prosa formulierte: ein weites Panorama von Figuren, Szenen und Sitten, getragen von einer kontrollierten, kommentierenden Erzählerinstanz. In den Miscellanies von 1743 erschien The History of the Life of the Late Mr. Jonathan Wild the Great, eine bittere Satire auf Ruhm und Macht, sowie A Journey from This World to the Next. Zeitgenössische Reaktionen reichten von kontrovers bis anerkennend; nachhaltig gewürdigt wurden Humor, Strukturkunst und moralische Intelligenz.
Mit The History of Tom Jones, a Foundling (1749) erreichte Fielding einen Höhepunkt seines Schaffens. Der Roman, in achtzehn Büchern mit einleitenden Kapiteln gegliedert, verbindet sorgfältige Architektur, erzählerische Beweglichkeit und eine breite soziale Reichweite. Seine Mischform aus Reise-, Bildungs- und Gesellschaftsroman wurde vielfach diskutiert und prägte das Verständnis des realistischen Erzählens. Amelia (1751) schließt daran mit stärkerem Fokus auf städtische Lebenslagen, Recht und Alltagsmoral an. Beide Werke lösten Debatten über Tugend, Heuchelei und Verantwortung aus, fanden jedoch zugleich wegen Witz, Tempo und kompositorischer Raffinesse hohe Wertschätzung bei Lesern und in der wachsenden kritischen Öffentlichkeit.
In den späten 1740er-Jahren übernahm Fielding Ämter als Justice of the Peace in Westminster und Middlesex und arbeitete am Gericht in Bow Street. In Zusammenarbeit mit seinem Halbbruder John Fielding war er an der Professionalisierung der Verbrechensbekämpfung beteiligt, die später mit den Bow Street Runners verbunden wurde. Seine Schriften An Enquiry into the Causes of the Late Increase of Robbers (1751) und Proposals for Making an Effectual Provision for the Poor (1753) artikulieren Reformideen zwischen Strafrecht, Armenfürsorge und Prävention. Als Herausgeber des Covent-Garden Journal (1752) verband er juristische Erfahrung und publizistischen Einfluss zu einem Programm bürgerlicher Ordnungsvorstellungen.
Seine Gesundheit verschlechterte sich in den frühen 1750er-Jahren spürbar. 1754 reiste er nach Lissabon, um Heilung zu suchen; das während der Überfahrt verfasste Journal of a Voyage to Lisbon erschien 1755 postum. Fielding starb 1754 in Lissabon. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung aus narrativer Souveränität, komischer Energie und ethischer Reflexion, die den englischen Roman nachhaltig formte. Forschung und Editionen halten sein Werk präsent; es bleibt ein Referenzpunkt für Fragen nach Erzählerrollen, Gattungshybridität und gesellschaftlicher Satire. In der heutigen Rezeption gilt er als Schlüsselfigur der Literatur der Aufklärung im 18. Jahrhundert und als dauerhafte Maßstäbe setzender Erzähler.
Die Einleitung zu dem Werke, oder der Speisezettel zu dem Mahle.
Ein Schriftsteller darf sich nicht für einen Mann halten, der seinen Freunden oder den Armen ein Gastmahl giebt; er muß sich vielmehr dem Inhaber eines Speisehauses gleich stellen, in welchem Jedermann willkommen ist, der Geld mitbringt. Im erstern Falle setzt bekanntlich der Gastgeber Speisen nach seinem Gefallen vor, und wenn dieselben dem Gaumen der Gesellschaft auch nicht zusagen, ja wenn sie ihm sogar zuwider sind, so darf man sie doch nicht tadeln; im Gegentheil, die gute Lebensart nöthigt die Gäste, Alles, was ihnen vorgesetzt wird, gut zu finden und zu rühmen. Anders bei dem Inhaber eines öffentlichen Speisehauses. Leute, die das bezahlen, was sie essen, wollen durchaus etwas haben, das ihrem Gaumen gefällt, wie verwöhnt er auch sein mag; ist nicht Alles nach ihrem Geschmacke, so maßen sie sich das Recht an, die Gerichte zu tadeln, zu schmähen und zu verwünschen, und sie lassen sich davon durch keine Rücksicht abhalten.
Um nun ihre Kunden durch eine solche Täuschung nicht zu beleidigen, pflegen die ehrlichen Speisewirthe einen Speisezettel vorzulegen, den Jedermann, wenn er in das Haus tritt, lesen kann, um, nachdem er erfahren, welche Gerichte er zu erwarten hat, entweder zu bleiben und das zu genießen, was ihm geboten wird, oder weiter zu gehen und in einem andern Speisehause etwas zu suchen, das seinem Geschmacke mehr zusagt.
Da wir es keineswegs verschmähen, guten Rath und Klugheit von irgend Jemandem zu borgen, der uns damit dienen kann, so sind wir auch geneigt, jene ehrlichen Speisewirthe nachzuahmen, und wir werden demnach nicht bloß einen allgemeinen Speisezettel für das ganze Mahl vorlegen, sondern auch bei jedem einzelnen Gerichte, das in dem vorliegenden Werke servirt werden wird, besondere Angaben vorausschicken.
Man hat hier weiter nichts zu erwarten, als menschliche Natur; ich fürchte aber nicht, daß einer meiner Leser, wie verwöhnt auch sein Gaumen sein möge, sich verwundert, oder gar unwillig wird, weil ich nur einen Artikel nenne. Die Schildkröte enthält, wie alle erfahrenen Gutschmecker wissen, außer dem köstlichen Fleische an ihrem Rücken- und Bauchschilde noch mancherlei verschiedene Dinge, die essenswerth sind; eben so findet sich, wie der Leser recht wohl weiß, in der menschlichen Natur, wenn sie hier auch unter einem allgemeinen Namen zusammengefaßt wird, eine so unabsehbare Mannichfaltigkeit, daß ein Koch eher mit allen verschiedenen Arten thierischer und vegetabilischer Nahrung in der Welt zu Ende kommt, als ein Schriftsteller im Stande ist, einen so umfassenden Gegenstand zu erschöpfen.
Feinere Leser machen vielleicht den Einwurf, dieses Gericht sei zu gewöhnlich und zu gemein, denn was Anderes finde man in allen den Romanen, Novellen, Schauspielen und Gedichten, welche den Markt überschwemmen? Der Gutschmecker müßte manche vortreffliche Speise verwerfen, wenn es ein hinreichender Grund wäre, sie für gewöhnlich und gemein zu erklären, daß es etwas an den armseligsten Oertern giebt, das denselben Namen führt. Die wahre Natur findet man in den Büchern eben so selten, als bei den Kaufleuten ächten Schinken von Bayonne und ächte Würste von Bologna.
Die Hauptsache kommt, um bei derselben Metapher zu bleiben, auf die Zurichtung durch den Schriftsteller an. Dasselbe Thier, welches die Ehre hatte, zum Theil an der Tafel eines Herzogs gespeiset zu werden, wird vielleicht an einem andern seiner Theile tief herabgewürdigt und in der gemeinsten Garküche der Stadt gleichsam an den Galgen gehenkt. Worin liegt also der Unterschied zwischen der Speise des Edelmannes und jener des Aufläders, wenn beide von einem und demselben Ochsen oder Kalbe essen, außer in den Zuthaten, in der Zurichtung, in dem Aufputze? Aus diesem Grunde reizt und weckt sie hier den schlaffsten Appetit, während sie dort den gierigsten Hunger stillt und zum Schweigen bringt.
Eben so liegt die Trefflichkeit der Geistesnahrung weniger in dem Gegenstande, als in der Geschicklichkeit des Schriftstellers, denselben gut zu behandeln und gleichsam zuzurichten. Mit welchem Vergnügen wird deshalb der Leser finden, daß wir uns in dem vorliegenden Werke fortwährend an einen der höchsten Grundsätze des besten Koches gehalten haben, den die jetzige oder vielleicht die Zeit Heliogabal's hervorgebracht hat! Dieser große Mann pflegt seinen hungrigen Gästen zuerst einfache Dinge vorzusetzen und allmälig, wie die Magen aller Wahrscheinlichkeit nach schwächer werden, bis zu der eigentlichen Quintessenz der Saucen und Gewürze emporzusteigen. Eben so werden wir dem Hunger unserer Leser die menschliche Natur zuerst einfach und natürlich vorstellen, wie sie sich auf dem Lande findet, und sie später mit allem pikanten französischen und italienischen Gewürz von Affectation und Laster, wie sie Höfe und Städte bieten, versehen.
Nachdem wir so viel vorausgeschickt haben, wollen wir diejenigen nicht länger von ihrem Mahle abhalten, denen unser Speisezettel behagt, vielmehr ihnen sogleich den ersten Gang unserer Geschichte vorsetzen.
Eine kurze Schilderung des Squire Allworthy und eine ausführlichere der Miß Brigitte Allworthy, seiner Schwester.
In jenem Theile des Westens dieses Königreichs, welcher gewöhnlich Somersetshire genannt wird, lebte vor Kurzem, und lebt vielleicht noch, ein Mann mit Namen Allworthy, den man den Günstling der Natur und des Glückes hätte nennen können, denn beide schienen mit einander gewetteifert zu haben, ihn mit ihren besten Gaben zu überschütten. Einige werden wohl der Meinung sein, die Natur habe bei diesem Wettkampfe den Sieg errungen, weil sie ihm viele Gaben verlieh, während das Glück nur eine einzige Gabe zu reichen vermochte; sie ging aber dabei so verschwenderisch zu Werke, daß Andere vielleicht glauben, diese einzige Gabe komme allen den verschiedenen Segnungen, die ihm die Natur verliehen, mehr als gleich. Von der letztern erhielt er nämlich eine angenehme Persönlichkeit, eine dauerhafte Gesundheit, einen guten Verstand und ein wohlwollendes Herz; durch das erstere dagegen gelangte er in den Besitz eines der größten Güter in der Grafschaft.
Dieser Mann hatte sich in seiner Jugend mit einem schönen und höchst achtbaren Mädchen verheirathet, dasselbe als seine Frau zärtlich geliebt und von ihr drei Kinder erhalten, die sämmtlich frühzeitig starben. Auch das Unglück hatte er gehabt, sein geliebtes Weib selbst etwa fünf Jahre vor der Zeit begraben zu müssen, in welcher unsere Geschichte beginnt. Diesen Verlust trug er, ob er wohl groß war, wie ein verständiger, fester Mann, ob er gleich bisweilen etwas seltsam darüber sprach, denn er äußerte nicht selten, er sehe sich noch immer für verheirathet an, als habe seine Frau nur eine kurze Zeit vor ihm eine Reise angetreten, die er gewißlich, früher oder später, ebenfalls werde machen müssen, und er zweifle nicht im mindesten, daß er sie an einem Orte wiederfinden werde, wo er nie wieder von ihr getrennt werden würde, – Ansichten, um deretwillen ein Theil seiner Nachbarn seinen Verstand, ein zweiter seine Religion und ein dritter seine Aufrichtigkeit bezweifelte.
Er lebte nun meist zurückgezogen auf dem Lande mit einer Schwester, die er zärtlich liebte. Diese Dame war etwas über die Dreißig hinaus, in welcher Zeit, nach der Meinung der Boshaften, ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht mit Unrecht bereits »alte Jungfer« genannt werden kann. Sie gehörte zu den Frauen, die man mehr wegen ihrer guten Eigenschaften, als wegen ihrer Schönheit rühmt und die von ihrem eignen Geschlechte gewöhnlich gutmüthige Frauen genannt werden. Sie war wirklich so weit davon entfernt, den Mangel der Schönheit zu bejammern, daß sie diesen Vorzug (wenn es einer ist) stets mit einer gewissen verächtlichen Miene erwähnte, ja Gott oft dankte, daß sie nicht so hübsch sei, wie die oder die, welche vielleicht eben durch ihre Schönheit auf Abwege verlockt worden sei, die sie außerdem vermieden haben würde. Miß Brigitte Allworthy (so hieß die Dame) hielt mit vollem Rechte die körperlichen Reize an einem Weibe für nichts weiter, als Schlingen für sie selbst oder für Andere; trotz dem aber war sie in ihrem Wandel so vorsichtig und hielt so klug Wache, als hätte sie alle Schlingen zu fürchten, die jemals für ihr ganzes Geschlecht gelegt worden sind. Ich habe indeß die Bemerkung gemacht (wenn sie auch dem Leser unerklärlich zu sein scheinen mag), daß diese Klugheitswache, wie die disciplinirten Soldaten, am bereitwilligsten da aufzieht, wo am wenigsten Gefahr zu befürchten ist. Sie verläßt oft feig jene Posten, nach denen die Männer alle seufzen und schmachten und jedes Netz auswerfen, und begleitet meist unablässig jene höhere Klasse von Frauen, gegen welche die Männer eine scheuere Ehrfurcht hegen und die sie (wie ich vermuthe, weil sie am Gelingen des Versuches zweifeln) niemals anzugreifen wagen.
Ehe wir weiter fortfahren, lieber Leser, halte ich es für gerathen, Dich darauf aufmerksam zu machen, daß ich im ganzen Verlaufe dieser Geschichte so oft abzuschweifen gedenke, als ich eine Gelegenheit dazu sehe, was ich besser zu beurtheilen weiß, als irgend ein Kritiker.
Ein sonderbares Ereigniß, das dem Herrn Allworthy bei seiner Rückkehr nach Hause zustößt. Das anständige Benehmen der Jungfer Deborah Wilkins, nebst einigen passenden Bemerkungen über Bastarde.
Ich habe dem Leser in dem vorhergehenden Kapitel erzählt, daß Herr Allworthy ein großes Vermögen besaß, das er geerbt, daß er ferner ein gutes Herz, aber keine Familie hatte. Daraus werden nun Manche schließen, er habe als redlicher Mann gelebt, sei Niemandem etwas schuldig gewesen, habe nur das genommen, was ihm gehörte, ein gutes Haus gemacht, seine Nachbarn an seinem Tische herzlich willkommen geheißen, den Armen reichlich gegeben, d. h. denen, welche lieber betteln, als arbeiten, sei als unermeßlich reicher Mann gestorben und habe ein Hospital bauen lassen.
Es ist wahr, Manches davon that er; hätte er aber nicht mehr gethan, so würde ich es ihm überlassen haben, seine Verdienste selbst auf einem Steine über dem Eingange seines Hospitals der Welt zu verkündigen. Weit außerordentlichere Dinge sind der Gegenstand dieser Geschichte, ich würde sonst meine Zeit auf unverzeihliche Weise durch das Schreiben eines so dicken Buches verschwenden, und Sie, mein kluger Freund, könnten mit eben dem Nutzen und Vergnügen einige Seiten von dem lesen, was gewisse närrische Schriftsteller spaßhafter Weise »die Geschichte Englands« genannt haben.
Herr Allworthy hatte sich ein ganzes Vierteljahr lang eines besondern Geschäftes wegen, das ich weiter nicht kenne, in London aufgehalten; es muß aber wohl von Wichtigkeit gewesen sein, weil es ihn so lange von der Heimath fern hielt, die er seit vielen Jahren keinen Monat lang verlassen hatte. Spät am Abende kam er in sein Haus zurück und nach einem kurzen Abendessen in Gesellschaft seiner Schwester begab er sich sehr ermüdet in sein Zimmer. Nachdem er hier einige Minuten auf seinen Knien gelegen hatte, eine Gewohnheit, von welcher er aus keiner Veranlassung jemals abwich, wollte er eben in sein Bett steigen, als er bei dem Aufdecken desselben zu seiner großen Verwunderung ein Kind, das in grobe Linnen geschlagen war, darin in süßem und tiefem Schlafe liegen sah. Eine Zeit lang stand er bei diesem Anblick unbeweglich vor Staunen da, bald aber, da seine Gutmüthigkeit stets schnell die Oberhand gewann, fühlte er Mitleid mit dem kleinen armen Dinge vor ihm. Er zog die Klingel und befahl einer ältlichen Magd, sogleich aufzustehen und zu ihm zu kommen. Bis dahin betrachtete er so eifrig die Schönheit der Unschuld, die in jenen lebendigen Farben erschien, in welchen sich die Kindheit und der Schlafzimmer zeigt, daß es ihm nicht einfiel, er sei im Hemd, als die alte Magd hereintrat. Sie hatte indeß ihrem Herrn hinreichend Zeit zum Bekleiden gelassen, weil sie, aus Ehrfurcht vor ihm und im Gefühl der Schicklichkeit, viele Minuten mit der Anordnung ihres Haares vor dem Spiegel verbracht, trotz der Eile, mit welcher sie von dem Diener beschieden worden war, und obgleich ihr Herr, was sie nicht wissen konnte, vielleicht im Sterben lag.
Man wird sich nicht verwundern, daß eine Person, die an sich selbst so viel auf Schicklichkeit und Anstand hielt, sich schwer verletzt fühlte, wenn eine andere im geringsten davon abwich. Sie hatte also kaum die Thüre geöffnet und ihren Herrn mit einem Lichte in der Hand im Hemde an dem Bette stehen sehen, als sie höchst entsetzt zurückprallte; sie wäre vielleicht gar in Ohnmacht gefallen, hätte er sich nicht noch schnell besonnen, daß er unangekleidet war und ihrem Entsetzen ein Ende gemacht, indem er sie aufforderte, so lange vor der Thüre zu bleiben, bis er sich etwas angekleidet habe und die züchtigen Augen der Jungfer Deborah Wilkins nicht mehr beleidige, die, obgleich zwei und funfzig Jahre alt, betheuerte, sie habe niemals einen Mann ohne Rock gesehen. Spötter und Witzler mögen vielleicht über den ersten Schreck der guten Jungfer lachen, die ernstern Leser aber werden, wenn sie die nächtliche Zeit, das Herbescheiden aus dem Bette und die Stellung berücksichtigen, in welcher sie ihren Herrn fand, ihr Benehmen vollkommen billigen und rühmen, wenn nicht die Bewunderung ein wenig durch die Klugheit gemindert wird, welche man bei Mädchen in dem Alter der Jungfer Deborah voraussetzen muß.
Als Jungfer Deborah wieder in das Zimmer trat und von ihrem Herrn erfuhr, daß derselbe ein Kind in seinem Bette gefunden habe, erreichte ihre Bestürzung einen noch höhern Grad als vorher, und sie konnte sich nicht enthalten, mit Entsetzen im Tone der Stimme und in ihren Mienen auszurufen: »Ach, guter Herr, was soll da geschehen?« Herr Allworthy entgegnete, sie müsse diese Nacht das Kind warten und pflegen; am andern Morgen würde er für eine Amme sorgen. »Ja, Herr,« sagte sie, »und ich hoffe, Ew. Gnaden werden einen Befehl erlassen, den Nickel, seine Mutter, die in der Nähe wohnen muß, festzunehmen. Es sollte mich freuen, wenn sie in das Zuchthaus[1] gesteckt und tüchtig ausgepeitscht würde. Solche schlechte Mädchen können nie streng genug bestraft werden. Ich wette, es ist nicht ihr erstes Kind, weil sie so unverschämt war, dasselbe Ew. Gnaden zu bringen, als wenn . . .« – »Das Kind mir zu bringen, Deborah!« antwortete Allworthy, »die Absicht hatte sie wohl nicht. Wahrscheinlich glaubte sie auf diese Weise für ihr Kind zu sorgen und ich bin wirklich erfreut, daß sie nichts Schlimmeres gethan hat.«
»Ich wüßte nicht, was noch schlimmer wäre,« sagte Deborah, »als daß solche Nickel ihre Sünde vor ehrlicher Leute Thüre legen, und wenn auch Ew. Gnaden Ihre eigne Unschuld kennen, so ist doch die Welt böse und gar mancher redliche Mann hat für den Vater von Kindern gelten müssen, die er nicht erzeugte. Nehmen sich Ew. Gnaden des Kindes an, so werden die Leute noch bereitwilliger glauben, was sie wollen, und warum wollen denn auch Ew. Gnaden für das Kind sorgen, das ja das Kirchspiel erhalten muß? Meinetwegen noch, wenn es eines ehrlichen Mannes Kind wäre; solche in Unzucht erzeugte Geschöpfe aber rühre ich nicht gern an und kann sie nicht für meine Mitmenschen halten. Pfui! wie es stinkt! Es riecht gar nicht wie ein Christenkind. Wenn ich mich unterstehen darf, einen Rath zu geben, so wäre ich dafür, wir legten es in einen Korb und ließen es vor die Thüre des Kirchenvorstehers setzen. Es ist eine schöne Nacht, blos etwas regnerig und windig, und wenn man es gut einwickelte und in einen warmen Korb legte, so ist zwei gegen eins zu wetten, daß es leben würde, bis es früh gefunden wird. Sollte es aber auch sterben, so haben wir doch unsere Schuldigkeit gethan, da wir für sein Unterkommen sorgten, und es ist vielleicht besser für solche Geschöpfe, sie sterben unschuldig, als daß sie aufwachsen und ihren Müttern nachahmen, denn etwas Besseres kann man von ihnen nicht erwarten.«
Es waren einige Stellen in dieser Rede, welche vielleicht den Herrn Allworthy beleidigt hätten, wenn er aufmerksamer darauf gewesen wäre; aber er hatte eben einen Finger in das Händchen des Kindes gebracht, das durch leisen Druck ihn um Beistand zu bitten schien und sicherlich die Beredtsamkeit der Jungfer Deborah zu Schanden gemacht hätte, wäre sie auch noch größer gewesen, als sie wirklich war. Er befahl der Jungfer Deborah, das Kind ohne Umstände mit in ihr Bett zu nehmen und eine Magd zu rufen, die einen Brei und andere Dinge für das Kind bereit mache. Er befahl ferner, gleich früh am Morgen für reine Wäsche für dasselbe zu sorgen und es ihm zu bringen, sobald er auf sei.
Jungfer Wilkins hatte so viel Einsehen und so große Achtung vor ihrem Herrn, bei dem sie eine vortreffliche Stelle hatte, daß ihre Bedenken vor seinen bündigen Befehlen sogleich schwanden. Sie nahm das Kind auf den Arm, ohne Widerwillen vor der unehelichen Geburt desselben zu verrathen, meinte, es sei ein liebes kleines Ding und ging mit ihm in ihre Schlafkammer.
Allworthy dagegen versank in den süßen Schlummer, den ein Herz genießt, das etwas Gutes gethan hat und mit sich zufrieden ist, und der wohl süßer ist, als jener, welcher durch irgend einen andern Genuß herbeigeführt wird.
Der Hals des Lesers kommt durch eine Beschreibung in Gefahr; sein Entrinnen und die große Herablassung der Miß Brigitte Allworthy.
Der gothische Baustyl[2] kann nichts edleres hervorbringen, als das Haus des Herrn Allworthy. Es lag etwas Großartiges in demselben, das die Seele mit ehrfurchtsvollem Schauer erfüllte, und glich den Schönheiten der besten griechischen Bauwerke. Auch war es innen so bequem als außen ehrwürdig.
Es stand an der Südostseite eines Hügels, näher am Fuße als am Gipfel desselben und war vor dem Nordostwinde durch einen Hain alter Eichen geschützt, die fast eine halbe englische Meile weit am Hügel hinauf wuchsen, doch hoch genug, daß es eine reizende Aussicht auf das Thal unten gewährte.
In der Mitte des Haines führte ein schöner Gang sanft abschüssig nach dem Hause hinunter und oben am Ende sprudelte ein wasserreicher Quell aus einem von Fichten bewachsenen Felsen hervor und bildete einen etwa dreißig Fuß hohen Fall, der nicht auf regelmäßigen Stufen herabgeleitet wurde, sondern natürlich über zerbrochene, moosbewachsene Steine bis an den Fuß des Felsens stürzte; dann floß er in einem Kieselbette mit vielen kleinern Fällen fort, bis er in einen Teich am Fuße des Hügels, unfern dem Hause an der Südseite, gelangte, den man aus jedem Zimmer von der Vorderseite sah. Aus diesem kleinen See, der in der Mitte einer schönen, mit Buchen und Erlen geschmückten und von Schafen belebten Ebene lag, kam ein Fluß heraus, der sich mehrere (engl.) Meilen weit durch eine unendliche Menge von Wiesen und Waldungen schlängelte, bis er in das Meer sich ergoß. Ein Arm desselben und eine Insel darüber hinaus begrenzten die Aussicht.
Rechts von diesem Thale öffnete sich ein kleineres, das mit mehrern Dörfern geschmückt war und in einem epheuumrankten Thurme einer alten verfallenen Abtei, so wie einem Theile der Frontseite derselben endigte.
Links zeigte sich ein sehr schöner Park mit Thal und Hügel, Durchsichten und Wasser, der äußerst geschmackvoll angelegt war, aber mehr noch der Natur als der Kunst verdankte. Jenseits erhob sich das Land allmälig in eine Kette rauher wildschöner Berge, deren Gipfel über die Wolken ragten.
Es war eben die Mitte des Mai und der Morgen wunderschön, als Herr Allworthy auf die Terrasse trat, wo das beginnende Tageslicht jene reizende Aussicht, die wir eben beschrieben haben, seinem Auge mit jeder Minute mehr und mehr enthüllte. Und jetzt ging die Sonne, nachdem sie Ströme von Licht entsendet, die an dem blauen Firmamente vor ihr emporstiegen als Boten ihrer Herrlichkeit, in der ganzen Strahlenpracht ihrer Majestät auf. Nur ein Wesen in dieser niedern Schöpfung konnte herrlicher sein als sie und dies war Herr Allworthy, ein Mann mit dem wohlwollendsten Herzen, der sich eben mit dem Gedanken beschäftigte, in welcher Weise er sich seinem Schöpfer angenehmer mache, indem er den Geschöpfen desselben des meiste Gute erzeige. Leser sieh Dich vor. Ich habe Dich unvorsichtig auf eine Höhe geführt, gleich dem Gipfel des Hügels Allworthy's, und ich weiß nun nicht, wie ich Dich wieder herunterbringe, ohne daß Du den Hals brichst. Wir wollen versuchen, neben einander hinabzugleiten, denn die Klingel der Miß Brigitte ertönt und Herr Allworthy wird zum Frühstück gerufen, bei dem ich zugegen sein muß und zu welchem Du mich begleiten magst, wenn es Dir gefällig ist.
Nachdem die gewöhnlichen Complimente zwischen Herrn Allworthy und Brigitten vorüber waren und sie den Thee eingeschenkt hatte, rief er die Jungfer Wilkins und sagte seiner Schwester, er habe ein Geschenk für sie. Sie dankte ihm dafür, denn sie meinte wohl, es sei ein Kleid oder irgend ein Schmuck. Er machte ihr öfters solche Geschenke und sie verwendete, ihm zu Gefallen, ziemlich viel Zeit auf ihren Putz. Ich sage, »ihm zu Gefallen«, weil sie selbst sich immer sehr verächtlich über den Putz und die Frauenzimmer äußerte, welche sich viel damit beschäftigten.
Wie sehr wurde ihre Erwartung getäuscht, wenn sie wirklich einen Schmuck zu erhalten hoffte, als die Jungfer Wilkins in Folge des Befehls, den sie von ihrem Herrn erhalten hatte, das kleine Kind brachte! Bei großen Ueberraschungen pflegt der Mensch zu schweigen; so schwieg auch Brigitte, bis ihr Bruder das Wort nahm und ihr den ganzen Hergang erzählte, den wir nicht wiederholen wollen, da er dem Leser bereits bekannt ist.
Miß Brigitte hatte immer so große Stücke auf das gehalten, was die Frauen Tugend zu nennen belieben und dieselbe stets so streng geübt, daß man, namentlich Jungfer Wilkins, erwartete, sie würde sich bei dieser Gelegenheit sehr bitter aussprechen und dafür stimmen, das Kind, als sei dasselbe ein schädliches Geschöpf, aus dem Hause fortzuschaffen; indeß sie faßte die gute Seite der Sache auf, äußerte Theilnahme und Mitleid mit dem hilflosen kleinen Wesen und rühmte ihres Bruders Gutmüthigkeit in dem, was er gethan.
Der Leser kann sich dies Benehmen vielleicht aus ihrem Gehorsam gegen den Herrn Allworthy erklären, wenn wir hinzugesetzt haben, daß der gute Mann seine Erzählung mit dem Ausspruch beschloß, er sei entschlossen, sich des Kindes anzunehmen und dasselbe zu erziehen, als sei es sein eigenes. Wir müssen die Wahrheit gestehen und sagen, daß sie immer bereitwillig war, ihrem Bruder gefällig zu sein und ihm selten, wenn jemals, entgegentrat. Sie machte zwar bisweilen einige Bemerkungen und Einwendungen, z. B. die Männer wären nun einmal eigensinnig und wollten immer ihren eigenen Weg gehen, oder sie wünsche, sie sei unabhängig, aber sie äußerte dies immer ganz leise und brachte es dabei höchstens bis zum Murmeln.
Was sie indeß dem Kinde nicht entgelten ließ, mußte die arme unbekannte Mutter desselben im reichlichen Maße leiden, denn sie nannte dieselbe einen unverschämten Nickel, ein schlechtes Mensch, eine gemeine Hure und mit ähnlichen Namen, welche die Zunge der Tugend stets gegen die schleudert, welche dem Geschlechte Schande gemacht haben.
Zuletzt wurde eine Berathung gehalten, wie man es anfange, um die Mutter ausfindig zu machen. Zuerst ging man die Dienerinnen im Hause durch, welche sämmtlich von der Jungfer Wilkins freigesprochen wurden und zwar etwas selbstgefällig, denn sie hatte dieselben ins Haus gebracht und es dürfte schwer sein, eine zweite ähnliche Sammlung von Vogelscheuchen zusammenzubringen. Darauf sah man sich unter den Mädchen in dem Kirchspiele um; die nähere Untersuchung dieses Punktes wurde indeß der Jungfer Wilkins überlassen, die versprach, am Nachmittage Bericht abzustatten.
Nachdem die Sache so geordnet war, begab sich Herr Allworthy in sein Studirzimmer, wie gewöhnlich, und überließ das Kind seiner Schwester, welche die Pflege desselben auf seinen Wunsch über sich genommen hatte.
Enthält einige gewöhnliche Dinge und eine sehr ungewöhnliche Bemerkung über dieselben.
Als der Herr sich entfernt hatte, blieb Jungfer Deborah stehen und schien etwas von Miß Brigitte zu erwarten, denn die kluge Haushälterin verließ sich nicht auf das, was im Beisein des Herrn geschehen war, da sie sich gar oft überzeugt hatte, daß die Ansichten der Dame in der Abwesenheit ihres Bruders himmelweit von denen verschieden waren, welche sie in dessen Gegenwart geäußert hatte. Miß Brigitte ließ sie nicht lange in dieser ungewissen Lage, denn nachdem sie das Kind, das schlafend in Deborah's Schooße lag, eine Zeit lang ernst betrachtet hatte, gab sie demselben einen herzlichen Kuß und erklärte zu gleicher Zeit, daß ihr das hübsche unschuldige Kind ungemein gefalle. Jungfer Deborah hatte dies kaum bemerkt, so fing auch sie an, das Kind zu drücken und zu küssen, in so großem Entzücken, wie eine fünfundvierzigjährige Braut über ihren jungen und kräftigen Bräutigam, und rief dabei in kreischendem Tone aus: »Das kleine liebe Wesen! Das kleine, hübsche liebe Kind! Das Knäbchen ist so hübsch, als ich irgend eines gesehen habe.«
Diese Ausrufungen hörten nicht auf, bis sie von dem Fräulein unterbrochen wurden, die den von ihrem Bruder erhaltenen Auftrag auszuführen anfing, und Befehle gab und Anstalten traf, das Kind mit allem Nöthigen zu versehen, und ein sehr hübsches Zimmer im Hause zur Kinderstube anwies. Sie hätte nicht anders handeln können, wäre das Kind ihr eigenes gewesen; damit aber der tugendhafte Leser sie nicht verdamme, weil sie zu viel Rücksicht auf ein in Sünden geborenes Kind nahm, müssen wir hinzufügen, daß sie die Anordnungen mit den Worten beschloß: »da es ihrem Bruder einmal in den Sinn gekommen sei, das kleine Kind anzunehmen, so müsse dasselbe auch mit großer Zärtlichkeit behandelt werden; sie für ihren Theil halte dies zwar für eine Unterstützung und Ermuthigung des Lasters, kenne aber auch den Eigensinn der Männer zu gut, als daß es ihr einfallen könnte, sich deren lächerlichen Launen widersetzen zu wollen.«
Mit solchen oder ähnlichen Reflexionen pflegte sie, wie bereits angedeutet, das jedesmalige Nachgeben gegen ihren Bruder zu begleiten, und es konnte gewiß das Verdienstliche dieses Nachgebens durch nichts mehr erhöhet werden, als durch die Erklärung, daß sie recht wohl wisse, wie thöricht und unverständig die Menschen wären, in die sie sich fügte. Schweigender Gehorsam legt dem Willen keinen Zwang an und kann folglich leicht und ohne viele Mühe geleistet werden; wenn aber eine Frau, ein Kind, ein Verwandter oder ein Freund mit Widerstreben und unwillig, mit Worten des Mißbehagens und der Unzufriedenheit thut, was wir wünschen, so muß die offenbare Schwierigkeit, die sie zu überwinden haben, den Werth des Gehorsams um vieles steigern.
Da dies eine der tiefsinnigen Bemerkungen ist, die wenige Leser selbst zu machen fähig sein dürften, so hielt ich es für schicklich, ihnen beizustehen; dies ist indeß eine Begünstigung, die sie im Verlaufe meines Werkes nur selten erwarten dürfen. Ich werde selten oder nie ihnen einen solchen Gefallen erzeigen, außer in Fällen, wie der vorliegende, wo die Entdeckung nur durch die Inspiration gemacht werden kann, mit der wir Schriftsteller begabt sind.
Jungfer Deborah wird mit einem Gleichnisse in das Kirchspiel begleitet. Eine kurze Schilderung von Jenny Jones, so wie von den Schwierigkeiten und Entmuthigungen, welche jungen Mädchen im Verlaufe ihrer Bildung begegnen können.
Jungfer Deborah schickte sich an, nachdem sie nach dem Willen ihres Herrn für das Kind gesorgt hatte, die Häuser zu besuchen, die der Vermuthung nach eine Mutter enthalten konnten.
Wenn der Geier, der schreckliche Vogel! von dem gefiederten Geschlechte hoch oben in den Lüften schwebend erblickt wird, so macht die verliebte Taube und jeder unschuldige kleine Vogel weit und breit im Umkreise herum Lärm und sie fliegen zitternd nach ihrem Verstecke. Er aber schießt stolz, seiner Würde sich bewußt, durch die Luft und sinnt nach, wie er Böses thue.
So liefen, als die Annäherung der Jungfer Deborah durch die Straße hinab verkündigt wurde, alle Bewohner zitternd in ihre Häuser und jede Frau fürchtete, der Besuch könne sie betreffen. Sie aber schritt stolz und stattlich einher und trug hoch den Kopf, der mit dem Wahne von ihrer Vortrefflichkeit erfüllt war und mit Plänen, wie sie ihre beabsichtigte Entdeckung bewirke.
Der scharfsinnige Leser darf nach diesem Gleichnisse nicht etwa meinen, die armen Leute hätten die Absicht geahnt, mit welcher Jungfer Deborah zu ihnen kam; da aber die große Schönheit dieses Vergleichs möglicher Weise hundert Jahre verborgen bleiben könnte, bis ein Erklärer einmal das Werk zur Hand nimmt, so halte ich es für zweckmäßig, hier dem Leser zu Hilfe zu kommen.
Ich will nämlich sagen, daß, wie es in der Natur des Geiers liegt, kleine Vögel zu verzehren, die Natur solcher Personen, wie der Jungfer Deborah, gleichsam darauf hingewiesen ist, kleine Leute zu kränken und zu tyrannisiren; indem sie auf diese Weise sich für die außerordentliche Unterthänigkeit gegen ihre Vorgesetzten zu entschädigen pflegen. Nichts kann vernünftiger sein, als daß Sclaven und Schmeichler dasselbe von allen unter ihnen verlangen, was sie selbst den über ihnen Stehenden leisten müssen.
So oft Jungfer Deborah sich in ungewöhnlicher Weise dem Willen der Miß Brigitte fügen mußte und ihr Gemüth dadurch ein wenig verstimmt worden war, pflegte sie unter jene Leute zu gehen, um die Harmonie in ihren Gefühlen dadurch wieder herzustellen, daß sie jede übele Laune ausließ. Deshalb war sie keineswegs ein gern gesehener Gast und vielmehr von allen gefürchtet und gehaßt.
Als sie bei dieser Gelegenheit in dem Orte ankam, begab sie sich sogleich in das Haus einer ältlichen Frau, der sie im Allgemeinen günstiger war als den übrigen, weil sie ihr glücklicher Weise in den Reizen der Person, so wie im Alter glich. Dieser Frau erzählte sie, was geschehen war, theilte ihr auch die Absicht mit, welche sie schon am Vormittage herführe. Beide begannen darauf mehrere junge Mädchen durchzunehmen, welche da wohnten, und ihr stärkster Verdacht fiel endlich auf eine gewisse Jenny Jones, der, und darin stimmten beide überein, am Wahrscheinlichsten das Geschehene zugetraut werden konnte.
Diese Jenny Jones war kein eben hübsches Mädchen, weder von Gesicht noch von Gestalt; die Natur hatte aber den Mangel an Schönheit einigermaßen durch das ersetzt, was meist höher geschätzt wird von den Frauen, deren Urtheil mit den Jahren zu vollkommener Reife gekommen ist, denn sie hatte ihr einen ungewöhnlichen Theil Verstand gegeben. Diese Gabe der Natur hatte Jenny durch Studium noch bedeutend verbessert. Sie war mehrere Jahre bei einem Schulmeister in Dienst gewesen, der die schnelle Fassungskraft des Mädchens und deren außerordentliches Verlangen nach Bildung bemerkte (denn sobald sie Zeit hatte, las sie in den Büchern der Schüler) und gutmüthig oder thöricht genug war (wie es der Leser zu nennen beliebt), ihr Unterricht zu geben und sie so weit zu bringen, daß sie das Lateinische vollkommen verstehen lernte und vielleicht im Ganzen eben so gelehrt war, als es die meisten jungen Herrn von Stande sind. Dieser Vorzug verband sich indeß, wie es mit den meisten andern ungewöhnlichen der Fall ist, mit einigen kleinen Unannehmlichkeiten; denn da es nicht zu verwundern ist, wenn ein junges so gebildetes Mädchen keinen großen Geschmack an dem Umgange derer findet, die dem Stande nach ihres Gleichen sind, der Bildung und den Kenntnissen nach aber so weit unter ihr stehen, so darf man auch nicht erstaunen, daß diese Ueberlegenheit Jenny's, so wie das Benehmen, welches die sichere Folge davon zu sein pflegt, bei den übrigen Neid und Uebelwollen gegen sie erregte, die vielleicht in den Herzen ihrer Nachbarn im Stillen gebrannt hatten, seit Jenny aus ihrem Dienste zurückgekommen war.
Ihr Neid zeigte sich indeß nicht öffentlich, bis die arme Jenny zur Verwunderung Aller und zum Aerger aller jungen Mädchen des Ortes eines Sonntags öffentlich in einem neuen seidenen Kleide, einem Spitzenhäubchen u. s. w. erschien.
Das Feuer, das vorher in der Asche geschlummert hatte, loderte jetzt mit einem Male auf. Jenny hatte durch ihre Gelehrsamkeit ihren Stolz gesteigert, den keiner ihrer Nachbarn freundlich mit der Ehrenbezeugung nährte, die sie zu verlangen schien, und jetzt erhielt sie statt Achtung und Verehrung wegen ihres Putzes nichts als Haß und Schmähung. Die ganze Gemeinde erklärte, sie könne zu diesen Dingen unmöglich auf rechtliche Weise gekommen sein und die Aeltern, statt ihren Töchtern dasselbe zu wünschen, priesen sich glücklich, daß ihre Kinder dergleichen nicht hätten.
Daher kam es vielleicht auch, daß die gute Frau der Jungfer Wilkins zuerst den Namen dieses armen Mädchens nannte; ein anderer Umstand aber bestärkte Deborah in ihrem Verdachte: Jenny war in der letzten Zeit häufig in dem Hause des Herrn Allworthy gewesen. Sie hatte Miß Brigitte in deren gefährlicher Krankheit gewartet und viele Nächte bei derselben gewacht; überdies war sie drei Tage vor der Rückkehr des Herrn Allworthy von der Jungfer Wilkins selbst da gesehen worden, obgleich die kluge Person anfänglich keinen Verdacht deshalb auf sie gehabt hatte, da sie, wie sie sich selbst ausdrückte, Jenny immer für ein sehr ordentliches Mädchen gehalten (ob sie gleich wenig von ihr wußte) und ihr Verdacht mehr auf jene leichtfertigen Dinger gefallen war, die die Nase hoch trugen, weil sie sich für hübsch hielten.
Jenny wurde nun aufgefordert, in Person vor der Jungfer Deborah zu erscheinen, was sie denn auch sogleich that. Jungfer Deborah nahm den Ernst eines Richters und etwas mehr als die Strenge desselben an und begann eine Rede mit den Worten: »Du freche Hure!« in welcher sie eigentlich schon das Urtheil sprach, nicht aber das Mädchen erst beschuldigte.
Obgleich Deborah aus den oben angeführten Gründen von der Schuld Jenny's vollkommen überzeugt war, so hätte Herr Allworthy doch vielleicht stärkere Beweise dafür verlangt; sie ersparte indeß ihren Anklägern manche Verlegenheit dadurch, daß sie Alles, was man ihr zur Last legte, freiwillig gestand.
